Sonntag, 5. November 2023
Risse im Brockhaus

Kritische Bemerkungen in Folgen

Die Folgen, jeweils ungefähr 20 Druckseiten lang, sind lediglich nummeriert. Es könnten ziemlich viele werden, falls mir noch Jahre der Altersarmut beschert sein sollten. Das Werk wird zumindest teilweise Aufgaben meiner Rubrik Miese Zellen erfüllen, diese somit deutlich schmälern.


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1



Über das A und O des Lebens oder auch nur der Literatur gehen die Meinungen auseinander. Irgendwie läuft es freilich stets auf Ordnung hinaus. Eine Menge, etwa von Dingen oder Personen, läßt sich zum Beispiel nach Themen, Gestalten, Größen ordnen. Aber was auch immer, das Ordnen tut der Menge Gewalt an. Hier wirken Num-merierung oder Alphabetisierung oft geradezu verheerend. Der Alphabetisierung habe ich in den vergangenen 15 Jahren immerhin einige hilfreiche Geschenke abringen können, indem ich in meiner 24bändigen Brockhaus Enzyklopädie der 19. Auflage nachschlug, erschienen 1986–94. Andererseits plumpste mir aus dem Werk auch viel Kot und Urin in den Schoß. An diesen Ausscheidungen will ich mich im folgenden forthangeln, von A bis Z. Allerdings werde ich manche wichtigen Personen oder Themen übergehen oder lediglich streifen, weil ich sie bereits in anderen Arbeiten behandelt habe.



Neben den Lebkuchen, die sie dort »Printen« nennen, scheint die Großstadt Aachen an der Wurm vornehmlich durch den Umstand herauszuragen, Sitz eines Bischofs zu sein. Das täuscht aber den nicht, der dank Brockhaus viele andere Städte kennt, die keineswegs mit dem Buchstaben A anfangen. Auch von denen unterschlägt das Universallexikon den Umstand, Bischofssitz zu sein, nie. Ich nenne nur die Hafenstädte Limerick, Irland, und Uruguaiana, Brasilien, wegen der hübschen Namen. Gott sei Dank kam ich nie auf den Gedanken, sämtliche Bischofssitze dieses Planeten zu zählen – gegen diese Kette wäre ein Rosenkranz bloß ein Stecknadelkopf. Somit ist klar, Brockhaus nimmt die Kirche ungemein wichtig. Das mag sogar dem gewaltigen schädlichen Einfluß entsprechen, den sie über viel zu viele Jahrhunderte hinweg ohne Zweifel besessen hat – nur, wie sieht es heute aus? Die paar Schäfchen zu zählen, die heute noch in die sogenannten Gottesdienste trotten, wäre wirklich eine leichte Übung. Aber gerade diesem Absinken in die Bedeutungslosigkeit möchte Brockhaus vielleicht entgegenwirken, indem er die Bischofssitze als genauso allgegenwärtig hinstellt wie die denkmalgeschützten Kirchtürme, die wir überall sehen und fotografieren müssen. Ich wäre allerdings auch nicht verblüfft, wenn schnöde Sammlungen mit dem Hut auf verschiedenen Bischofskonferenzen und Kirchentagen der entscheidende Beweggrund für die Mannheimer Lexikonredaktion gewesen wären, den Klerus tüchtig zu hätscheln. In diesem Fall wären die Kollekten aus dem Hut geradewegs in den Brockhaus-Schoß gepurzelt. Hier schmiert der erwähnte Urin besonders gut. Den naheliegenden Einwand, da habe doch wahrscheinlich nur die übliche »Macht der Gewohnheit« gewirkt, lasse ich aber gerne gelten. Sie ist für alle Redaktionen, die sich als »unabhängig« und gar »kritisch« ausgeben, eine Seuche, die unsere kleinen Corona-Viren mindestens im Ausmaß des Aachener Doms in den Schatten stellt. Höhe Westturm um 75 Meter.



Uns werden noch viele, dabei auch vielgestaltige Ungenauigkeiten begegnen. Im schlimmsten Fall führen sie zu Kriegserklärungen oder toxischen Todesfällen, die sonst vermeidbar gewesen wären. Das Aalgift, ein Bestandteil aus dem Blut der schlüpfrigen Burschen, ruft mal Brechdurchfälle, mal Lähmungen hervor. »Durch Kochen und Räuchern wird es zerstört.« Muß man die Aale also erst kochen, dann räuchern, wenn man sicher gehen will? Oder war nicht eher gemeint: durch Kochen oder Räuchern? Denn laut einigen Anglern, die sich aus dem Internet fischen lassen, wird die Zerstörung in beiden Fällen vom Erhitzen bewirkt, und zwar ungefähr ab 75 Grad Celsius. Fisch wird meist bei ca. 90 Grad geräuchert. Mein Lieblingsaal ist übrigens Frank-Walter Steinmeier, den wir noch bis 2027 auszuhalten haben, als sogenannten Bundespräsidenten.



Der Scholastiker Petrus Abaelardus (1079–1142) soll bedeutende Beiträge zur Philosophie und zur Geschichte des Liebeskummers geliefert haben. Sein Schwarm hieß Héloise, Nichte eines einflußreichen Klerikers. Nach der angeblichen Entmannung auf dessen Befehl trieb er sich als Lehrer um. Sein kritisches Denken und sein unverträglicher Charakter hätten jedoch zu einer »mehrfachen kirchlichen Verurteilung« seiner Lehren geführt. Dazu werden sogar zwei deutlich unterschiedene Jahreszahlen angeführt, 1121 und 1141. Er wurde also nicht etwa in drei- oder siebenfacher Ausfertigung zum selben Zeitpunkt schriftlich abgemahnt, vielmehr mehrmals oder wiederholt in gewissen, zeitlichen Abständen. Doch das falsche Mehrfachen zieht sich so sicher durch die 24 Brockhaus-Bände wie das Amen durch die noch nicht ausgerotteten Gottesdienste. Heute begegnet es einem auch in jedem zweiten Blatt oder Online-Magazin. Mehrmaliges findet nie gleichzeitig statt. Dagegen kann ich mir bei einem bestimmten Unfall durchaus mehrfach das Bein oder jenes Organ brechen, das Fulbert, der Strafwütige, dem Abaelardus geraubt haben soll. Ein Volk ist oft mehrfach gespalten, wogegen es sich, im Laufe der Jahrzehnte, nicht nur wiederholt, sondern geradezu unglaublich oft verarschen läßt.



Da doppelt besser hält, erfahren wir von Brockhaus zum archäologischen Fundort Abaj Takalik, Guatemala, »eine der 1976 ausgegrabenen Stelen« trage »eines der frühsten Daten« in Mayaschrift. Hier werden Einzahl und Mehrzahl aneinander gekettet. Korrekt müßte es ja heißen, eine Stele von den 1976 ausgegrabenen Stelen. Für mein Empfinden ist diese Verkettung mindestens unschön; sie wird jedoch von aller Welt vorgenommen. Vielleicht, um die Wiederholung des Hauptworts zu vermeiden oder um kostbaren Lexikonplatz zu sparen. Was grammatische Kapazitäten dazu sagen, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Sowohl bei Heringer, Grammatik und Stil (1989), wie auch bei den Suchmaschinen kann ich das Problem nicht finden. Lege ich dem Roboter beispielsweise »einzahl und mehrzahl in derselben phrase (grammatik)« vor, versteht er nur Bahnhof. Bei den Suchmaschinen haben viele nachforschende Laien allerdings oft das Problem, leider nicht genau zu wissen, wonach sie suchen sollen. Die Erfolg versprechende richtige Bezeichnung des Problems fehlt ihnen. Da können sie suchen, bis sie schwarz werden.



Die Welt ist von Hüllwörtern überschwemmt, weil überall Leute herrschen, die etwas zu verbergen haben. Über den sogenannten, in Köln sitzenden »Beitragsservice« unserer Rundfunkanstalten habe ich neulich einen ganzen Blog-Beitrag verfaßt. In verharmlosender, verniedlichender, ablenkender Absicht hätte ich auch schreiben können, der dicke oder fette Blog-Beitrag sei mir, statt ganz, recht »korpulent«, vielleicht auch nur »vollschlank« geraten. Wer darauf achtet, wird selbst diesseits von Politik und Religion Tag für Tag ein Dutzend Hüllwörter erspähen. Lese ich im Brockhaus, der französische Geograf Antoine d‘ Abbadie (1810–97) sei vor allem »Forschungs-reisender« (in Afrika) gewesen, höre ich schon gleich wieder auf zu lesen. All diese Kreaturen waren zumindest auch Spione, also astreine Kriminelle. Wir hatten zum Beispiel den Bayern Adolf Schlagintweit (1829–57); der sogenannte belgische König Leopold II. hatte die englische Bulldogge Henry Morton Stanley (1841–1904), das Schwein. Da sollte man wirklich nur noch ausrufen: à bas!, zu deutsch: Nieder! Weg! Hinlegen!



Der italienische Maler Giuseppe Abbati (1836–68) könnte durchaus ein Arschloch gewesen sein. Darauf deuten seine Liebe zu Hunden, zum Vaterland und zu Feldzügen für dasselbe. Dies alles erfährt man freilich nicht von Brockhaus. Für ihn ist, in drei Zeilen, lediglich wichtig, daß Abbati mit seinen Landschaften und Genrebildern in die Schublade Macchiaioli gehört. 1860 büßte der vollbärtige Künstler unter Garibaldi in der Schlacht bei Capua ein Auge ein. Das konnte ihn aber nicht darin hindern, sechs Jahre darauf in der Schlacht bei Custozza (dritter italienischer Unabhängigkeitskrieg) auch noch sein anderes Auge aufs Spiel zu setzen. Er behielt es und malte weiter.

Allerdings malte er nur noch für zwei Jahre, zog sich Abbati doch als 32jähriger durch einen Hundebiß die Tollwut zu, was zu seinem Tod führte. Witzigerweise soll der Übeltäter sein eigener Hund gewesen sein, Cennino mit Namen. Ob das der schwarze Köter war, der auf einem 1865 entstandenen Gemälde seines Kollegen Giovanni Boldini zu bewundern ist, kann ich nicht sagen. Dafür weiß ich, Boldini brachte es noch auf 88. Der gefragte Porträtist starb 1931 in Paris.

Möglicherweise schimpfen Sie jetzt, dies alles sei zuviel. Ein herkömmliches, gedrucktes Universallexikon könne es sich nicht leisten, Platz für Anekdoten zu verschwenden. Aber sämtliche paartausend Bischofssitze des Planeten aufzählen und etliche mehrseitige, für mich überwiegend belanglose Aufsätze zu sogenannten »Schlüsselbegriffen« ausbreiten, dafür hat es genug Platz. Übrigens könnte es auch die vielen Feuilletons über Mal- oder Musizierweisen getrost ersatzlos streichen. Das Kunstschaffen wird seit vielen Jahrhunderten maßlos überschätzt. Fiele das weg, könnte man schon wieder mehr Nützliches und Lehrreiches über das Anlegen von palisadenfreien Gemeinschaftsdörfern, die Kunst des Ingweranbaus oder die wirksamste Methode, RechthaberInnen zu entthronen, auf die Lexikonseiten bringen. Der Aufruf zur Entthronung zielt jedoch nicht auf Lexikon-KritikerInnen.



Wie Brockhaus wahrscheinlich nicht ohne Hintergedanken betont, war der Thüringer Ernst Abbe (1840–1905) nicht nur Physiker, sondern auch »Sozialreformer«. Er bescherte den Proletariern der Jenaer Linsenschleiferei Zeiss beispielsweise Urlaubsgeld, Gewinnbeteiligung, Pensionsberechtigung und Arbeitszeitverkürzung auf acht Stunden. Allerdings deutet Brockhaus den Hinterge-danken erst in Band 18 an. Dort heißt es unter dem Stichwort Reform, es stelle den »Gegenbegriff zu Revolution« dar. Staatliche Reformpolitik verfolge in der Regel das Ziel, ein bestehendes politisches System an veränderte politische oder gesellschaftliche Bedingungen »anzupassen«. Ja, bei »Anpassung« klingelt es in meinem Kopf immer, das ist antrainiert. Da sich die gesellschaft-lichen Bedingungen insbesondere in der Moderne häufig, dazu beschleunigt wandeln, wimmelt der Planet seit rund 250 Jahren geradezu von Sozialreformern, jedenfalls in Europa und Nordamerika. Das Ergebnis sehen wir heute: der Kapitalismus und die Herrschaft von sogenannten Eliten sind einfach nicht totzukriegen, da helfen alle Hungersnöte, Krisen und Kriege nichts. Ganz im Gegenteil.

Blicke ich aus dem Fenster auf meine verwilderten Obstbäume, dämmert mir, daß ich selber nie das Zeug zum Sozialreformer hätte. Man muß diese Bäume lieben. Man muß ihnen Licht und Luft verschaffen. Man muß sie gießen, düngen und geschickt beschneiden, am besten mit Scheren, die in jeder Saison anders lackiert sind, denn das Rotgrün wird auf die Dauer langweilig. Nur eins dürfen Sie nicht: ihre Wurzeln im Privateigentum an Produktions-mitteln antasten, sonst gehen sie ein. Schon das Besprühen oft nützlicher Parasiten, wie zum Beispiel Großhändler-Innen, Mietskasernenbetreiber und Millionenerben, wäre zu gefährlich.

Ein interessanter Reformer war übrigens schon der persische Schah Abbas I., der Große (1571–1629), wie Brockhaus nicht verschweigt. »Reformen des Heeres und des Steuerwesens ermöglichten es ihm, eine Zusammen-fassung der Macht auf Kosten der regionalen Kräfte durchzusetzen.« Schon dieser Wüstenscheich war sich demnach darüber im Klaren, »Reform« klingt immer sehr gut. Es klingt nach Befreiung von Lasten und nach allgemeiner Volksbeglückung. Deshalb findet man in der Postmoderne kaum ein breiter gestreutes Hüllwort, wenn wir schon davon sprachen.



Vom Abblasen des kriminellsten Wirtschaftssystems der Weltgeschichte können wir also nur träumen. Musikwis-senschaftlerInnen kennen aber auch das mittelalterliche Abblasen, oft von Türmen herab. Die BläserInnen verkündeten dadurch die Tageszeit oder belegten so ihre Wachsamkeit, wie Brockhaus erläutert. Später kamen repräsentative und erbauliche Zwecke hinzu. Man brachte eben diesem oder jenem ein Ständchen, meist einem Fürsten oder dessen Mätresse.

Auf dem Waltershäuser Stadtfest von 2007 bewies ein gewisser Peter Mario Weisheit im Schatten der hiesigen riesigen Barockkirche, das Mittelalter ist noch nicht unbedingt vorbei. Der 46jährige war damals das As der seit Jahrzehnten in Gotha ansässigen, weltberühmten Hochseilartistengruppe Geschwister Weisheit. In leuchtend rotem Trikot, ansonsten bescheiden und liebenswürdig auftretend, stellt er den Höhepunkt und Abschluß von allerei eindrucksvollen seiltänzerischen Darbietungen seiner Truppe dar. Zunächst läßt er sich von einem Auto, das sich vom Marktplatz entfernt, per Seilwinde an einem 42 Meter hohen Gittermasten emporziehen. Nachdem er das Stahlseil ausgeklinkt hat, erklimmt er die folgende, sichtbar schwankende 20 Meter hohe »Stahlpeitsche« zu Fuß. Sie endet in einer winzigen Plattform, auf der nun der Seilkünstler in 62 Meter Höhe zügig all die hübschen Nummern vollführt, die unsereins noch nicht einmal auf dem Zimmerteppich hinbekommt: zwei- und einarmigen Handstand, Spagat, Kopfstand, Schrauben und dergleichen mehr. Dies alles, möge man bedenken, macht dieser Tropf freiwillig, in Kirchturm-spitzenhöhe, ohne jede Sicherung. Angst scheint er nicht zu kennen, während mir, in den Eingang der Markt-Apotheke gedrückt, schon vom bloßen Hingucken das Herze stehen zu bleiben droht.

Im Großprogramm, lese ich später, fährt der Clan mehrstöckig auf etlichen Motorrädern durch die Luft. So bedient er Sensationslust und verpulvert Energie jeder Art, die Reise nach Tokio eingeschlossen. Musikalisch ist Peter Mario Weisheit auch, wenn schon nicht weise. Zur Krönung bläst er auf seiner Peitschenplattform ein makelloses Trompetensolo, das ich nicht kenne. Ich hätte Brüder zur Sonne oder Glück auf der Steiger kommt geschmettert. Wer sich 620 Meter unter der Erdoberfläche durch Kohleflöze wühlt, spinnt ja wohl auch, selbst wenn er von George Orwell bewundert oder von Walter Ulbricht mit Staatslametta ausgezeichnet wird.



Die Spaltung der literarischen Welt in Dichter und Schriftsteller ist fast so übel wie die in Geimpfte und Ungeimpfte. Dabei sind die vergleichsweise seltenen »Dichter« selbstverständlich die Erlauchteren, da nur sie von den Musen eine musikalische Bluttransfusion empfingen. Der Mönch Abbo von Saint-Germain (um 900) war, laut Brockhaus, auch so einer. Er »dichtete« auf mittellateinisch, und zwar hauptsächlich ein überaus wichtiges »Epos«, das eine Belagerung von Paris durch die Normannen behandelt, und 37 hinterlassene Predigten. Da »Episches« stets erzählt, einerlei, ob in Gedicht-, Dramen- oder Romanform, deutet sich schon dadurch die Willkür und Aberwitzigkeit jener äußerst beliebten Spaltung an. Wer sich schließlich durch sämtliche 24 Bände des Brockhaus gekämpft hat, wird sich verzweifelt und vergeblich fragen, wie nun Fehler beim Verlesen nach »DichterInnen« und »SchriftstellerInnen« zu vermeiden wären. Es bleibt lediglich das dumpfe Gefühl, wer »dichte«, sei eben viel musikalischer als alle anderen Leute, die einfach nur schreiben. Während die Abbos und Klopstocks mit Zeilen malen, liefern Leute wie Thoreau oder Orwell lediglich Jägerzäune ab, bei denen auch das Anstreichen nicht verfängt. Ihre Sätze bleiben hölzern.

Das ist selbstverständlich grober Unfug. Brockhaus macht uns auf derselben Lexikonseite mit dem Herren- und Wohnsitz Abbotsford »des Dichters« Walter Scott (um 1800) bekannt – da lacht man sich wirklich tot. Wenn der schottische gelernte Rechtsanwalt, meist zu den Gipfeln romantischer Weltliteratur gezählt, musikalisch war, gehört der Mops der Waltershäuser Witwe Ursula Z. dem Kader der Mailänder Scala an. Lesen Sie einmal Scotts bekannten Ritteroman Ivenhoe, Sie werden in keiner Folterkammer eine wirkungsvollere Streckbank finden. Er ist langatmig und blutleer. Für viele Gemüter, ob Laie oder Kapazität, »korreliert« die Spaltung zwischen Dichtern und Schriftstellern mit der nicht minder hirnrissigen Spaltung zwischen Texten, die angeblich mehr vom Gefühl, und Texten, die angeblich mehr von Gedanken geprägt sind. Das habe ich neulich im Anhang meines Werkes Nasen der Weltgeschichte im Aufsatz »Weiße Rappen oder Den freien Versfüßen auf den Fersen« zurückgewiesen, Nummer A-21.

Aber die »Lyrik« scheint als Anhaltspunkt selbst für Brockhaus nicht viel zu taugen, stellt er doch zum Beispiel Karl Krolow (Band 12) und Manfred Peter Hein (Band 9), die beide vor allem durch (postmoderne) Gedichte berühmt wurden, als »Schriftsteller« vor. Fast salomo-nisch, wenn nicht tautologisch, behandelt er übrigens, schon im ersten Band, den Fall des Libanesen Ibrahim Ahdab (1826–91), der »Dichter und Schriftsteller« zugleich war. Dann wieder, im zweiten Band, hören wir vom Griechen Archilochos (um 650 v.Chr.), er sei ein „lyrischer Dichter“ gewesen. Demnach gibt es auch unlyrische VertreterInnen seines Fachs. Vielleicht hilft Band 5, wo uns Brockhaus, unter dem Stichwort »Dich-tung«, die verwaschene und fruchtlose Unterscheidung zwischen irgendwie »gesteigerten« und die Wirklichkeit »überhöhenden« Texten einerseits und sämtlicher restlichen Literatur andererseits empfiehlt. Ich nehme an, Telefonbücher und die meisten Bundestagsreden hält er nicht für gesteigert und überhöht. Doch wie mißt man das, und wo läge die Grenze?

Für mich gibt es gar keine. Für mich haben sich, übrigens just mit Orwell, alle SchriftstellerInnen um Texte möglichst anschaulicher, möglichst treffender und möglichst persönlicher Kragenweite zu bemühen. Gelingt ihnen das beträchtlich, sind sie gute, gelingt ihnen das kaum oder nie, sind sie schlechte SchriftstellerInnen. Ich gehe noch weiter, indem ich feststelle: nach dieser Bestimmung sind so gut wie alle Menschen Schriftsteller-Innen. Das geht von Ursula Z.s Einkaufszetteln und (bei ihren Verflossenen) sorgfältig abgehefteten Liebesbriefen über Artikel oder Parlamentsreden von Sahra Wagen-knecht bis zu meinem jüngst verfaßten RUD-Manifest. Das Schreiben gehört zum Leben. Es verhilft vor allem dazu, mehr Klarheit zu gewinnen. Jeder sollte sich darin zu vervollkommen suchen, soweit es seine Begabung und seine Alltagsbedingungen zulassen. Professionelle SchriftstellerInnen lehne ich genauso ab wie BerufspolitikerInnen. Das heißt genauer, ich bekämpfe Spezialisierung, Vertretung, Entfremdung.



Obwohl sie nahe beeinander stehen, fällt der Brockhaus-Redaktion keine verstörende Gemeinsamkeit zwischen dem deutschen Schriftsteller Thomas Abbt (1738–66) und dem norwegischen Mathematiker Niels Abel (1802–29) auf. Sie liegt im frühen Tod. Entsprechend wird noch nicht einmal angedeutet, warum oder woran die beiden so früh starben. Nach verschiedenen Internet-quellen erlag Abbt mit knapp 28 einer Darmerkrankung, während Abel mit 26 Opfer der damals beinahe üblichen Lungentuberkulose wurde. Wie drei oder vier Eingeweihte wissen, versuche ich seit vielen Jahren eine Lanze für Frühverstorbene zu brechen. Jüngster Beweis dafür: mein obiges Eintreten für einen sowohl einfältigen wie einäugigen patriotischen Maler. Abbati wurde mit 32 vom Hund gebissen.

Grundsätzlich siedelte ich die Grenze recht behelfsmäßig bei »nicht älter als 39« an. Nun könnte man einwenden, zu Abbts Zeiten seien die Menschen sowieso im Schnitt nicht sonderlich alt geworden; 40 oder gar 60 war schon viel. Das rüttelt freilich nicht an der unnachvollziehbaren Willkür oder Beliebigkeit in der Vergabe von Lebenszeit. Darin liegt der Hauptskandal des Phänomens Frühsterben. Andererseits ist das pure Überleben auch nicht immer das reinste Deckchensticken. Dieser Gesichtspunkt wird oft vernachlässigt. Bei einem Bergarbeiterstreik 1889 sorgten preußische Truppen in Bochum und Bottrop für sechs Tote und 10 Schwerverwundete auf Seiten der Arbeiter. Jede Wette: die 10 Schwerverwundeten waren schon nach drei, die sechs Toten dagegen erst nach 30 Tagen vergessen. Dabei fehlte jenen Zehnen vielleicht für den Rest ihres Lebens Abbatis rechtes Auge oder das linke Bein, oder der halbe Magen und der ganze Lebensmut.

Schwein hatte Kanzler und Fürst Otto von Bismarck, der durchtriebenste Fuchs, der je durch germanische Wälder streifte, war ihm doch die Tollwut selten anzusehen. Er mußte kurz nach dem Streik im Ruhrgebiet abdanken – durfte es freilich mit prall gefüllten Taschen tun. Er brachte es noch auf 83.



Brockhaus kennt musikalische und sprachwissenschaft-liche Abkürzungen – nur das grundsätzliche Phänomen ist ihm unbekannt. Er hat nie beobachtet, welche gewaltige Rolle das Abkürzen in allen anderen Lebens- und Denkbereichen spielt. Er hat niemals Grünanlagen oder Wiesen mit Trampelpfaden übereck gestreift. Er ist niemals, um Zeit und Mühe zu sparen, ohne Mantel zum Brennholzschuppen geeilt. Das Brennholz steckt der Betreffende dann zusätzlich in seinen Ofen, um eine drohende Lungenentzündung abzuwenden. Also viel gespart. In seinen Einträgen macht Brockhaus nie Absätze; Verhandlungen mit Frau oder Sprößling kürzt er durch Schimpfkanonaden oder Ohrfeigen ab; die ärztliche Behandlung einer eiternden Hundebißwunde schiebt er hinaus, weil er denkt: Ich habe zu tun; im Jenseits gibt es sowieso keine Hunde. Hoffen wir es.

Das allgegenwärtige Abkürzen erfolgt also mal aus guten, mal aus fadenscheinigen, mal aus geradewegs kontraproduktiven Gründen. Selbst Bequemlichkeit rächt sich oft. Ob einer mehr das Abgekürzte oder mehr das Ausufernde schätzt, dürfte eine Frage des nie gewählten Naturells sein. Am Gesellschaftssystem kann es kaum liegen, da uns zum Beispiel der postmoderne IT-Kapitalismus genauso oft mit verkürzender Oberflächlich-keit abspeist, wie er uns mit Scheiße überschwemmt. Die dringt uns dann gern bis ins Mark. Wobei sich die genannte Abspeisung auch gern der Lüge bedient, die bekanntlich kurze Beine hat. Allerdings gibt es kaum ein Sprichwort, das nicht ebenfalls eine Verkürzung wäre. Die Lügen unserer Staatsoberhäupter, die sie »Reden« nennen, werden uns schließlich mindestens 30 Minuten lang, nicht selten sogar über zwei oder vier Stunden hinweg serviert.

Den Weltrekord könnte Grigori Jewsejewitsch Sinowjew halten. Laut einer Willi-Münzenberg-Biografie wurde der hohe Sowjetrusse 1920 auf dem KPD-Parteitag in Halle sieben Stunden lang nicht müde, den Delegierten die Unterwerfung unter die Komintern schmackhaft zu machen.



Der Ablaufberg wird auch sehr schön Eselsrücken genannt. Ich hoffe, um 1920 hatte man auch in Kopenhagen einen. Dieser künstliche »Berg« ist vor allem in Rangier- und Güterbahnhöfen zu finden. Eine Rangierlok drückt eine Kette aus Güterwaggons auf das eher gering angehobene Ablaufgleis. Oben steht ein Bahnarbeiter, der die einzelnen Wagen dann, zwecks Verteilung nach unterschiedlichen Bestimmungsorten, entkoppelt und aufgrund entsprechender Weichenstel-lungen allein durch selbsttätigen Ablauf sortiert. Dabei kann er die Hände in seine Hosentaschen stecken und dem jeweiligen Wagen wie dem Schlitten seines eigenen Töchterchens hinterherblicken. Ein Traumberuf, wenn auch nicht gänzlich ohne Risiko.

Vielleicht darf ich im Windschatten des Esels auf einen lesenswerten, erstmals um 1920 in mehreren Teilen erschienenen, umfangreichen Roman hinweisen. Dessen Heldin, Tochter des dänischen Lumpenproletariats, ist gar keine. Vom »Dienen« auf einem schäbigen Landbauernhof kommt sie vom Regen in die Traufe, nämlich zum »Dienen« in der Riesenstadt Kopenhagen mit ihren Elendsvierteln. Ditte Menschenkind läßt sich nie unter-kriegen, wird freilich nicht alt. Völlig verbraucht, stirbt sie kurz nach dem furchtbaren Ende ihres Söhnchens Peter, dem allerdings ein machtvoller »roter« Trauerzug bereitet wird, mit nur 25 Jahren. Also auch eine Frühverstorbene. Ich habe bis zur Stunde nicht herausbekommen, wie Autor Martin Andersen-Nexö es anstellte, diese Figur und sogar noch etliche andere so ergreifend zu gestalten. Man hat beim Lesen immer wieder die gleichen zu Herzen gehenden Gefühle des Mitleids und der Freude, die er an dieser tapferen, rotblonden, meistens mageren jungen Frau beschreibt.

Wahrscheinlich ist Nexös Herkunft schon die halbe Miete. Der Sohn eines Bornholmer Steinhauers wurde erst Schuhmacher, dann durch Volkshochschulkurse Lehrer. Er kannte die Rattenlöcher und ihre menschlichen BewohnerInnen wie seine Westentasche. Und offenbar paarte sich bei ihm ein starkes Mitgefühl mit scharfer Beobachtungsgabe. So war er imstande, in seine Figuren wie in eigenhändig zugeschnittene Schuhe zu schlüpfen. An deren Psychologie ist nichts falsch und nichts lückenhaft. Im Falle der Hauptfigur ist das natürlich umso erstaunlicher, als sie eine Frau ist. Zwar erzählt Nexö gradlinig und schlicht, doch keineswegs einschläfernd. Mit anderen Worten, ich habe nie »Dramatik« oder »Stolper-steine« vermißt. Dafür verfaßten in den Jahrzehnten nach Pontoppidan und Andersen-Nexö wahre Legionen von postmodernen Schriftstellern Tonnen an krampfhaft ausgetüftelten »vielfach gebrochenen« Romanen, deren Lektüre sich kein normaler Mensch aus freien Stücken zugemutet hätte, wenn sie ihm nicht von den selbster-nannten Literaturpäpsten, der alles beherrschenden Fortschrittsreligion gemäß, als Muß hingestellt worden wären. Dieses Muß war ein unsortierter, unanschaulicher, holpriger Misthaufen. Sollten wir das nahe Ende des Kapitalismus überleben, werden wir einige Museen der Verirrungen der Menschheit einzurichten haben, in denen auch Leute wie Samuel Beckett, Julio Cortázar oder Wolfgang Hildesheimer zum Gespött von Abordnungen aus Kindergärten werden dürfen.

Andersen-Nexö erzählt stets ganz anschaulich und konkret. Allgemeinbegriffe meidet er weitgehend. Als Preis dafür muß man vielleicht auf gelegentliche »gedanken-tiefe« Stellen verzichten, wie ich sie etwa in Henrik Pontoppidans Hans im Glück zu schätzen weiß, der sich freilich nur am Rande mit wirklich armen und kleinen Leuten zu befassen pflegt. Im Gegenteil, für etliche Jahre wird sein Landpfarrerssohn Peer Sidenius vor allem von dem Verlangen getrieben, in höhere Kreise aufzusteigen; eine Zeitlang ist er mit einer Tochter des steinreichen Kopenhagener Handelshausbesitzers Salomon verlobt. Freilich hat auch Ditte Pech mit ihren Liebhabern. Der eine ertrinkt (Georg), der andere weiß nicht, was er will (Karl). Beide sind mehr oder weniger erwerbslose Arbeiter. Ihre einzige wirklich brennende und beflügelnde Liebschaft hat Ditte sowieso nur für ein paar Wochen mit Herrn Vang, der leider verheiratet und ein »Dichter« ist. Vang zieht dann wieder Pegasus vor.

Dittes Peter ist mit Einjar befreundet. Bei Dunkelheit ziehen die beiden Knaben öfter mit ihrem alten Kinder-wagengestell und einigen leeren Säcken los, um das Pflaster und die Gleise des Güterbahnhofs nach herab-gefallenen Kohlen abzusuchen. Denn die Geschwisterchen zu Hause frieren. Doch an diesem Tag ist es verdammt neblig. Das hat einerseits den Vorteil, daß die Polizisten nicht viel sehen; andererseits kann es bedeuten, man erkennt einen nahenden Zug zu spät. An diesem Tag werden Peter beide Beine abgefahren; im Krankenhaus stirbt er.



Für das umgangssprachliche Abnicken war es (1986) für Brockhaus vielleicht noch zu früh. Er kennt es nicht. Wir Heutigen wissen jedoch: Indem die betreffenden EntscheidungsträgerInnen, ob im Parlament, auf einer Aktionärsversammlung oder bei irgendeinem Parteitag den Vorschlag ihrer jeweiligen Führung einwand- und überhaupt diskussionslos passieren und damit wirksam werden lassen, bewähren sie sich als Marionetten jener nie gewählten MachthaberInnen, die in kapitalistisch verfaßten Demokratien alles Wesentliche a) vorher und b) hinter den Kulissen auszuhandeln pflegen. Dieses Abnicken könnte somit auch als Tod aller Selbst- und Mitbestimmung bezeichnet werden.

Brockhaus kennt den fraglichen Begriff nur aus der sogenannten Jägersprache. Wer ein angeschossenes Reh abnickt, tötet es mit Hilfe eines geeigneten scharfen Messers durch Genickstich. In Band 11 nennt Brockhaus das haarsträubende Kauderwelsch der Jäger eine »aus alter Zeit überlieferte Fachsprache mit etwa 6.000 Begriffen. Kulturgeschichtlich geht sie auf alte Meidungsvorschriften zurück, durch die das Gelingen des Unternehmens gefördert werden sollte.« Das mag ja sogar sein. Schließlich sollte man möglichst nicht töten, auch keine Tiere, und deshalb sucht man das Wort »töten« bis zur Stunde im Jägerlatein vergeblich. Der Jäger hat das Reh lediglich »zur Strecke gebracht« oder »aus dem Bestand genommen«. Faktisch ist das Jägerlatein aber nicht nur eine Verbrämungs-, sondern auch eine Geheimsprache. Jäger sind Elite, und nicht etwa gemeine Leute wie du und ich. Die sprechen nicht mit jedem – und wenn doch, dann eben in einem Kauderwelsch, für das dein Smartphone hoffentlich schon ein Lexikon bereithält. Auf Fremdsprachen allgemein werde ich noch zurückkommen.



Der Berliner Karl Abraham (1877–1925) ist so unersetzlich wie jeder andere der schätzungsweise 100.000 deutschen Psychoanalytiker. Jetzt passen Sie auf! »Seine Theorie der Psychosen gründet auf die Annahme, daß psychotische Erkrankungen durch das Stehenbleiben auf einer der kindlichen libidinösen Phasen bewirkt seien.« Ich werfe gleich noch eine Variante von Achill und die Schildkröte dazu: »Mathematisch liegt diesem Trugschluß die irrige Annahme zugrunde, daß eine unendliche Reihe keinen endlichen Grenzwert haben könne.« Immerhin gibt es zwischen beiden Einträgen auch noch ein löbliches Gegenbeispiel, nämlich unter Absolute Musik: »In diesem Sinne schrieb E. Hanslick, nur die Instrumentalmusik sei ‚reine, absolute Tonkunst‘.«

Haben Sie es gemerkt? Die schlechten, mit daß zu Werke gehenden Beispiele gehören für mein Empfinden eindeutig in den Bereich der Tautologien oder Pleonasmen verbannt. In der Sprachkunde sind das überflüssige Dopplungen. Berühmt ist der »Weiße Schimmel«. Aber ich persönlich bin in dieser Hinsicht recht streng. Für mich sind auch »um es nochmals zu wiederholen«, »ein vierbeiniger Hund«, »das Sicherheitsschloß« zu ächten. In den daß-verseuchten Sätzen wiederholen »seien« und »könne« eine Leistung, die bereits die Konjunktion erbracht hat. Da sie die Leistung freilich viel eleganter erbringen, würde ich daß unbedingt unter den Tisch fallen lassen: »… die Annahme, psychotische Erkrankungen seien durch das Stehenbleiben auf einer der kindlichen libidinösen Phasen bewirkt.« Nebenbei könnte man vielleicht auch noch die schon weiter oben bemängelte »Einzahl-Mehrzahl-Phrase« tilgen.

Irre ich mich nicht, arbeiten meine Verbesserungsvor-schläge mit sogenannter Indirekter Rede, vielleicht auch allgemeiner mit dem Konjunktiv. Der schlechte Stilist arbeitet allerdings gern direkt, nämlich mit Holzhämmern wie daß, dabei möglichst auf jeder Druckseite mehrmals. Darüber habe ich 2022 in meinen »Miesen Zellen« unter Grammatischer Gram nachgedacht.



Der berühmte Bankier Hermann Josef Abs weilte 1986, im Erscheinungsjahr des ersten Bandes, noch unter uns. Vielleicht hat ihn Brockhaus deshalb so erstaunlich behutsam behandelt. Sein nachhaltiges Wirken im deutschen Faschismus wird lediglich durch den Hinweis angedeutet, 1938 sei er Vorstandsmitglied der Deutschen Bank AG geworden. Schon wendet sich sein Wirken ins Segensreiche, nämlich in der Nachkriegszeit. Wiederholt Delegationsleiter bei internationalen Verhandlungen, habe er »eine wichtige Grundlage für die Wiedergewinnung des ausländischen Vertrauens als Voraussetzung für den Aufbau der deutschen Wirtschaft« geschaffen. Das ist schon ein starkes Stück. Erst hilft Abs federführend dabei, die deutsche Wirtschaft und das ausländische Vertrauen in den Abgrund zu stampfen, dann baut er beides wieder auf. Der verweisende Pfeil auf den Eintrag über die Deutsche Bank ist Augenwischerei, geht dieser Eintrag doch ähnlich schonend zu Werke.

Nebenbei hätten wir mit »der Wirtschaft« und der »Deutschen Bank« schon wieder zwei Hüllworte gefangen. Im ersten Fall ist das Kapital, im zweiten eine Privatbank gemeint, die sich geschickterweise einen amtlich-patriotischen Anstrich gab und gibt. Heute dürfte kaum ein Winkel des Planeten zu finden sein, an dem sie nicht mit an vorderster Stelle Geld verdient – für ihre Großaktionäre, voran BlackRock.

Wie es aussieht, ist Abs nach wie vor, seit 1991, Ehrenbürger der Stadt Frankfurt am Main. Dazu erlaube ich mir, einen Absatz aus meinem Nasen-Aufsatz A-22 anzuführen: Im Dezember 2013 wurde im Frankfurter Römer eine Gedenktafel zum Auschwitzprozeß eingeweiht. Nach diesem Akt schritt die Stadtverordnete Jutta Ditfurth von der ÖkoLinX-Antirassistischen Liste im Römer zu einer im selben Saal angebrachten Tafel mit den Namen Frankfurter EhrenbürgerInnen und überklebte den Namen des früheren Chefs der Deutschen Bank Hermann Josef Abs, gestorben 1994 mit 92 Jahren, mit einem Papier-streifen, auf dem zu lesen war: »Abs war Chefbankier der Nazis und mitverantwortlich für Krieg, KZ, Massenmord, Raub und Versklavung. Max Horkheimer und Fritz Bauer sollen durch die Nähe zu seinem Namen nicht beleidigt werden.« Wie sich versteht, erntete sie seitens aller anwesenden staatstreuen PolitikerInnen wütende Proteste. Ein Hausmeister entfernte den Klebestreifen. Ditfurth kündigte die Wiederholung ihres offiziellen Antrages im Stadtparlament an, Abs die Ehrenbürgerwürde wieder abzuerkennen. Vermutlich wird er scheitern wie der erste.

Soweit der Rückblick nach Frankfurt am Main. Man sollte Abs endlich auch in die Ehrenbürgerriege der Stadt Mannheim aufnehmen, 1986 Sitz der F.A. Brockhaus GmbH.



Unter Ackerbau (und Viehzucht) findet Brockhaus nur Löbliches. Plötzlich förderten gewisse gewitzte Steinzeitleute das »Pflanzenwachstum«, weil sie »hohe Erträge« an Nahrung und Rohstoffen »aus gesunden Pflanzen« anstrebten, außerdem mit Glas überdachte Gurkenbeete und blitzende Edelstahl-Doppelspülen für ihre endlich sturmfesten Küchen. Andernorts, in Band 20 unter »Seßhaftigkeit«, stellt Brockhaus ortsgebundenes Wohnen und Arbeiten sogar dreist als bedeutenden »Gegensatz« des »Zustands der Obdachlosigkeit« hin. Nur der seßhafte Zweibeiner kann in den Genuß »sozialer Integration« kommen. Nur in ihm haben wir ein Bollwerk gegen »gruppenspezifische Ausgeschlossenheit« und Krisen oder Katastrophen aller Art.

Vor jener historischen Wende lebten die SteinzeitlerInnen von der Hand in den Mund. Schließlich war alles da, sogar überreichlich, ohne Förderung. Ja, damals gab es auch noch viel Platz in der Welt, während diverse Förderungen bekanntlich für »Bevölkerungsexplosionen« und 20stöckige Mietskasernen sorgten. Die umherschwei-fenden SteinzeitlerInnen sammelten oder jagten im Schnitt nur zwei bis vier Stunden am Tag. Dann vergnügten sie sich bei allerlei Spielen oder schnarchten auf ihren Matten beziehungsweise Bärenfellen. Sie liebten die Abwechslung. Selbstverständlich stritten sie sich auch oft. Aber nie, weil es zu eng war, glauben Spätgeborene wie ich. Sie führten gelegentlich sogar Kriege, wenn auch nie wegen Grenzstreitigkeiten oder bestimmten üppigen Gebieten, die sie einzuzäunen und mit einem Häuptlingspalast und fünf Tempeln zu krönen gedachten.

Vor 15 Jahren las ich einmal eine Junge-Welt-Besprechung des anscheinend kritischen Buches Warum die Menschen sesshaft wurden von Josef H. Reichholf. Danach bieten gerade gute einjährige Gräser bestes Weideland für Wild. Es gab Fleisch im Überfluß. Siedlungen hätten nur die Jagd erschwert. Für die Jagd bedarf es keiner Möbel; leichtes Gepäck und Regenzeug genügen. Ackerbau macht abhängig vom Wetter. Die australischen Ureinwohner-Innen haben sich denn auch nie auf landwirtschaftliche Experimente eingelassen, obwohl sie knapp an Ressourcen waren und das erforderliche Wissen gehabt hätten. Reichholf vermutet vielmehr, die ersten Getreideernten seien dem Bierbrauen zuliebe erfolgt. Rezensent Frank Ufen (20. November 2008): »Sumerer vor einem großen Topf, woraus sie mit Rohrholmen Bier schlürfen – das ist die älteste Darstellung, die wir überhaupt von der Nutzung des Getreides haben.« Die SteinzeitlerInnen schätzten kollektive Rauschzustände. Entsprechend dürften die ersten dauerhaften Siedlungen aus Kultstätten hervorgegangen sein – sicherlich schon weit vor 10.000. Reichholfs Theorie hätte freilich die Schwäche, nur für Nahost, nicht dagegen für Zentralamerika und Nordostasien einleuchtend zu sein, wo die Landwirtschaft ebenfalls erfunden worden ist, jedoch mit Mais- und Reisanbau. Der US-Archäologe Brian Hayden führe viele zivilisatorische Errungenschaften auf Statuswettkämpfe der Reichen zurück. Danach waren Flaschenkürbisse, Kichererbsen, Chili und dergleichen Attraktionen bei Festgelagen. Heute sind es nuklear betriebene Armbanduhren und Smartphones, die Gewinnspannen beim Handel mit Getreide oder Mastvieh in 0,003 Sekunden ausrechnen können.

Für mich ist an jenen frühen historischen Wenden die immerselbe verhängnisvolle Spirale in Gang gesetzt worden: Ein Mangel, der möglicherweise gar keiner ist, ruft Erfindungen hervor, die garantiert für neue, noch üblere Mängel sorgen. Die schreien dann alle wieder nach Abhilfe durch noch genialere Erfindungen …



Der Bibliothekar Erwin Ackerknecht (1880–1960) soll sich um das deutsche Volksbüchereiwesen verdient gemacht haben. Ferner serviert uns Brockhaus die magere Anspielung, 19o7–45 sei er Leiter der Stadtbücherei Stettin gewesen. Das schloß also anscheinend die Zeit des deutschen Faschismus ein. Im Nachkriegsdeutschland trug man ihm dann einen ehrenvollen Posten in Marbach an: er wurde Leiter des dortigen Schiller-Nationalmuseums. Weitere Ehrungen folgten. 1954 ging er offenbar in Ruhestand.

Da auch die Stadt- und Volksbüchereien des »Dritten Reiches« eifrig gleichgeschaltet wurden, kann ich mir eigentlich nur schwer vorstellen, Ackerknecht sei im braunen Stettin um die übliche Anpassung herum-gekommen. Einen ständig aneckenden Ackerknecht hätten die Nazis niemals geduldet. Eben als solcher wird er freilich in Wikipedia hingestellt. Ich zitiere einen ganzen Absatz:

>1934 wurden die Stettiner Volkshochschule und die Staatliche Büchereischule wieder geschlossen, er blieb jedoch Direktor der wissenschaftlichen Stadtbibliothek. Unter der NS-Zeit litt seine Familie sehr. Sein Sohn musste Deutschland verlassen, seine Tochter ihr Studium abbrechen. 1939 wurde er wieder Direktor der Volksbüchereien, nachdem sein Nachfolger zum Kriegseinsatz musste. Bei seiner Arbeit wurde er ständig von einem Kommissar überwacht, da er als »politisch unzuverlässig« galt. Seine Manuskripte verlor Ackerknecht im Jahre 1944 bei der Ausbombung seiner Wohnung. Am 10. März 1945 musste er Stettin verlassen.<

Was halten Sie davon? Für mich selber klingt das nach den typischen, von befangenen Leuten eingebrachten Beschönigungen, die in der Mammut-Mitmach-Internet-Enzyklopädie leider nicht selten sind. Zwar steht am Schluß des zitierten Absatzes eine Fußnotenzahl; man weiß jedoch nicht, ob der angeführte Beleg, ein Lexikon über NS-Opfer, für mehr als das Verlassen des Stettiner Stadtgebietes gilt. Man kann allenfalls mutmaßen, Anlaß der Ackerknechtischen Ausreise sei das Nahen der Roten Armee gewesen.

Schon anders sieht die Sache aus, wenn wir uns auf derselben Brockhaus-Seite dem hohen KPD- und SED-Funktionär Anton Ackermann (1905–73) zuwenden. Dessen Untaten im bekannten Unrechtsstaat DDR werden vergleichsweise ausführlich dargelegt. Zuletzt Staatssekretär im Außenministerium, sei er zwar »im Zusammenhang mit dem Juniaufstand von 1953 in Ungnade« gefallen, doch schon 1956 wieder »rehabilitiert« worden. Ja, ja, das rote Unkraut vergeht nicht.



Gebildete Menschen, voran AkademikerInnen, benutzen Fremdworte ad dies vitae, nämlich: auf Lebenszeit. Brockhaus-Autoren greifen ebenfalls gern zu ihnen. Ein »entsprechender« Vorgang wäre ihnen zu simpel (!); der Vorgang muß analog sein. Weist ein Musikstück ungewöhnliche Rythmik auf, ersparen sie sich die Mühe uns zu erklären, die Rythmik sei, je nach dem, »feinglied-rig, unterschwellig, ausgeklügelt« – nein, sie ist einfach subtil. In Band 7, unter dem Stichwort »Fremdwort«, bringt Brockhaus es fertig, die wesentlichen Einwände gegen häufigen Fremdwortgebrauch unter den Tisch fallen zu lassen. Stattdessen betont er die Vorliebe schrulliger, nämlich sogenannter puristischer Gärtner, Fremdworte aufgrund eines »Willens zur nationalen Selbstbehaup-tung« auszujäten – wobei ich nicht verblüfft wäre, wenn mir mit »ausjäten« eine Tautologie unterlaufen wäre. Aber mir können die Puristen gestohlen bleiben. Für mich liegt das Ärgerliche von Fremdworten nicht in ihrer Fremdheit, sondern a) in ihrer Unanschaulichkeit, b) ihrer Autoritätshörigkeit.

Der A-Fall liegt auf der Hand: Bei subtil sieht zumindest ein ABC-Schütze so gut wie nichts. Er muß erst nachfragen: »Is‘n das ..?« Schon hier wird er also gedemütigt, vielleicht sogar ausgegrenzt. Im B-Fall schlägt die autoritäre Keule ganz gnadenlos zu. »Was, du hast keine Ahnung, was Affinität sei? Ja, stammst du denn von Affen ab? Wenn sich ein Akademiker und die Affinität auf der Straße treffen und sofort umarmen, dann ist das Anziehung, Zuneigung, Verwandschaft aufgrund beträchtlicher Ähnlichkeit. Hast du‘s jetzt gefressen?« Anders ausgedrückt, hat der Gebrauch von Fremdworten stets eine mehr oder weniger einschüchternde Wirkung. Ich erinnere auch an das Jägerlatein. Den Unverständigen erniedrigt das Fremdwort; den Eingeweihten erhöht es.

Mit dem Siegeszug der Angelsachsen und deren befremdlicher Sprache scheint das Problem allerdings gegenstandslos zu werden. Den englischen Einheitsbrei frißt, versteht und serviert ja inzwischen so gut wie jeder. Ich selber halte (mit Erwin Chargaff) das Englische beziehungsweise Nordamerikanische für eine vergleichweise arme Sprache. Man könnte das achselzuckend mit dem Hinweis abtun, damit sei diese Sprache nur der angelsächsichen Charaktermasse adäquat. Die Stärke dieser von Weltherrschaft besessenen ZweibeinerInnen läge eher im Keulenschwingen und Betrügen.

Diese Woche, am zurückliegenden Dienstag den 31. Oktober, wartet Voltairenet mit einem Artikel von Thierry Meyssan auf, der meine Stimmung wieder einmal auf einen Tiefpunkt sinken läßt: Die Aufrechterhaltung der westlichen Vorherrschaft ist nun wichtiger als das Leben der Palästinenser. Es geht »natürlich« um die jüngsten Schlachten um Gaza. Diese kunstgerecht inszenierte Posse ist seit 76 Jahren ein Renner, und man hätte wirklich Mühe, nicht zu lachen, wenn sie nicht mit kaum noch ermeßlichen Zerstörungen verbunden wäre, tote, verkrüppelte, verjagte palästinensische Kinder eingeschlossen. Meyssan hält die angelsächsisch-germanisch-französische Achse bereits für den Verlierer des Krieges um die Ukraine – und auch in Nahost trete die militärische Schwäche des Westens und der Israelis inzwischen deutlich zu Tage. Mit anderen Worten – und wie schon in meinen MZ-Artikeln zur Ukraine befürchtet: Die bisherige Weltpolizei ist schwer angeschlagen und wird sich somit umso erbitterter gegen ihren drohenden Untergang wehren. Von einem blutüberströmten Wolf, der bereits ein Dutzend Pfeile im Pelz stecken hat, ist keine Haaresbreite an Einsicht zu erwarten. Lieber wird er alle fünf Erdteile vollständig mit ins Verderben reißen. Laut Meyssan hat ihm, verblüffenderweise, sogar Recep Tayyip Erdoğan, der bekanntlich ungewöhnlich hartgesottene türkische Staatschef, solche Einsichten voraus. Daneben erwähnt der meistens sehr gut informierte französische Publizist, Rußland bereite sich inzwischen allen Ernstes auf einen möglichen Atomkrieg vor. Na denn Gute Nacht.

Vor einigen Monaten überraschte mich ein Brieffreund mit der eher beiläufigen Mitteilung, er sei kürzlich Vater geworden. Das unterstreicht er in seiner jüngsten Botschaft. Seinem Sprößling gelte unbedingt seine wichtigste Aufmerksamkeit; erst dann kämen die beruflichen und künstlerischen Belange. Jetzt kostet es mich wieder Mühe, ihn nicht zu verspotten oder gar zu beschimpfen, weil auch er noch, eigentlich ein recht kritischer Kopf, unbedingt ein Kind in diese furchtbare Welt setzen mußte. Einige Kommunisten / Humanisten / Feministen dürften mich wegen meiner Auffassung in der Kinder- und Bevölkerungsfrage sowieso schon hassen. Möchten Sie sich denen anschließen, gehen Sie in mein Register.



Ein Foto im Eintrag über Afrikanische Musik zeigt eine zum Halbkreis gebogene Marimba mit 18 Klangstäben und 18 unter diesen angebrachten Flaschenkürbissen. Sie dürfte also »nur« zwei Oktaven umfassen. Das Schlag- und Stabinstrument wird zu den Xylophonen gezählt. Die Klangstäbe sind aus Holz. Die Kürbisse dienen als Resonanzkörper. Postmoderne Marimbas haben meist die Form fahrbarer schmaler Tische oder auch langgestreckter Klaviaturen. Sie umfassen gern bis 5 ½ Oktaven, mitunter beginnend mit dem großen C. Meine Spanische Konzertgitarre fängt erst beim großen E an.

Mit Hilfe meiner eigenen, längst verkauften Marimba konnte ich 2012 auf meinen Solo-Platten hier und dort recht hübsche Glanzlichter setzen. Schlug ich hauptsächlich die Tiefen an, ergaben sich durch das Rumoren dieser Baßtöne mitunter Wirkungen von beinahe unheimlichem Anstrich. So zum Beispiel im Nachspiel meines Zwergliedes Im Schloßpark, das von einer Rollstuhlfahrerin erzählt, auf deren Schoßdecke vereinzelte fette Schneeflocken landen. Die Pointe des Liedtextes ist nicht ohne Sarkasmus. Dann fängt eben jenes Rumoren an. Mir persönlich gefällt dieser Schluß sogar besser als die Lösung, die Christian Nagel kürzlich auf der Platte Leon wählte. Aber das ist sicherlich Geschmacksache. Dafür dürfte Johannes Büttners eindringlicher Gesang kaum zu übertreffen sein.

Gewiß mußte sich meine Marimba mit einem Stümper begnügen. Vom ungleich besseren Anschlag einmal abgesehen, legen postmoderne SpitzenspielerInnen mit je zwei Schlägeln in jeder Hand an ihren teuren Instrumenten Wirbeltänze hin, die schon fast für die Gothaer Hochseiltruppe Geschwister Weisheit reichen. Den Posten zu teilen, etwa an einer Baß- und einer Sopran-Marimba, kommt um Himmels willen nicht in Frage. Der Herr Künstler, entsprechend die Frau, ist ins Einzigartige vernarrt. Ich dagegen, bekannter Feind der Spezialisierung und der Professionalität, ächte selbstverständlich auch die musikalischen Virtuosen aller Art. SpitzengeigerInnen zum Beispiel finde ich in der Regel reif für den Erfurter Zoo. Die angeblichen Nuancen, die sie ihren Instrumenten und Partituren abringen, sind keinen Pfifferling wert, sofern sie überhaupt vernehmbar sind. Warum stecken sie die Mühen und die Kröten ihrer Fachausbildung nicht in eine Erfindung, die den Gazakonflikt löst oder die wenigstens verhindert, daß von einem schnöden Brot nicht schon beim Ein- und Auspacken 80 Prozent aller aufgepappten Körner abfallen?

Gaza erinnert allerdings an Perserteppiche. Für einen echten, handgeknüpften Afschar-Teppich aus der Türkei dürfen sie 2.000 bis 50.000 Euro auf den Tisch des Händlers oder des Auktionators legen. Die teuren Teppiche weisen pro Quadratmeter mindestens 500.000, oft sogar mehr als doppelt so viele Knoten auf. Wie sich versteht, ist das Teppichknüpfen mit Wollfädchen außer Tierquälerei auch eine Kunst. Für diese eignen sich besonders asiatische Kinderhände. Dazu schrieb ich neulich dieses Lied. Wäre ein Leben ohne solche Teppiche im Haushalt eine gar zu armselige Angelegenheit? Legen Sie das üppig und bunt gemusterte Stück auf die Dielen ihres Zimmers, haben Sie für eine Beißerei zwischen sämtlichen Gestalten ihres Zimmers gesorgt, die Ihnen die Seelenruhe rauben wird. Hängen Sie das Stück an die Wand, müssen Sie BesucherInnen, die es bewundern sollen, erst auf die Terrasse schicken, damit sie von dort aus durch die geöffnete Tür blicken können. Kurz und schlecht, in der Menschenwelt tummeln sich nach wenigen tausend Jahren der Kultivierung unglaublich viele überflüssige Virtuositäten. Da schaffen es nur noch wenige besonders disziplinierte Geister, sich ein Auge für das Wesentliche planetarischen Lebens zu bewahren.



Neben vielen Bischöfen oder zumindest Bischofssitzen kennt Brockhaus auch eine Menge Heilige. Oft handelte es sich um Damen aus Klöstern oder Orden, die eines Tages jäh erleuchtet wurden und daraufhin von just einem Erzbischof oder gar vom Papst höchstpersönlich den Heiligenschein überreicht bekamen. Ich nenne nur die Spanierin Maria de Jesus de Agreda (1602–65) und die beiden Französinnen Marguerite-Marie Alacoque (1647–90) und Bernadette Soubirous (1844–79). Bernadette ist die aus Lourdes, siehe Band 13. Brockhaus umschreibt die Gesellenprüfungen meist mit der Formulierung, die betreffende Fromme hätte Visionen »gehabt« oder »erlebt«. Er verkauft sie uns somit stets als bare Münze, statt vielleicht von »angeblichen« Visionen oder Visionen in Gänsefüßchen oder Visionen von fragwürdigen, schwer zu ermittelnden Absendern zu sprechen. Das hätte die Bischöfe oder den Papst beleidigt. Heute werden wahrscheinlich nur noch Leute heiliggesprochen, die von ihren Visionen astreine Handy-Videos mit Datum und Fingerabdrücken vorlegen können. Diese Belege gehen dann an die sogenannten Kunstpäpste.



Hier hätten wir noch schnell eine »uruguaische Dichterin«. Nach Brockhaus glänzte Delmira Agustini (1886–1914) nur mit Lyrik – und einer Ermordung, nämlich ihrer eigenen. Aber gerade davon erfährt man rein gar nichts. Andere Quellen hinzugenommen, vermute ich stark, Agustini sei, mit 27 Jahren, sowohl ein Opfer der üblichen männlichen Anmaßung als auch ihrer bevorzugten Themen »Eros« und »Tod« geworden. Sie soll in ihrem Heimatland mindestens den Ruhm genießen, den beispiels- und merkwürdigerweise bei uns Else Lasker-Schüler hat. Ihr bekanntester Förderer war der umtriebige lateinamerikanische »Dichter« und Diplomat Rubén Darío. Rebellin war sie nie. Während ihrer jahrelangen Brautzeit unterwirft sie sich im Gegenteil der strengen Fuchtel sowohl ihrer gut betuchten Mutter wie ihres auf Sittsamkeit pochenden Bräutigams. Es handelt sich um Enrique Job Reyes (1885–1914), einen dandyhaften Pferdehändler mit herrlichem gewichstem Schnurrbart, über den ansonsten wenig zu erfahren ist. Kaum hat ihn die möglicherweise strahlend blauäugige »Dichterin« jedoch im August 1913 geheiratet, verläßt sie ihn auch schon wieder. Das war für damalige Zeiten in Gaucho-Breiten sicherlich radikal. Vermutlich hatte sie der Gatte in den knapp zwei Monaten trauter Zweisamkeit nicht gerade mit Samthandschuhen angefaßt. Die amtliche Scheidung fand am 5. Juni 1914 statt, während der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand in seiner Beschränktheit noch nicht ahnte, daß er drei Wochen später in Sarajevo die Quittung für seine jägerische Großmannssucht bekommen würde. Aber geschossen wurde eben auch in Montevideo. Genau einen Monat nach der Scheidung tötete Reyes, wohl 29, Agustini in seiner gemieteten Junggesellenhöhle mit zwei Gewehrschüssen in den Kopf und brachte sich anschließend auch selber um. Laut spanischer Wikipedia war die Höhle mit Reliquien vollgestopft, die Reyes Tag für Tag an seine Ex-Gattin erinnert hatten.



Wer sich ein Bild von dem unrühmlichen Ende des berühmten Gestalters Otl Aicher (1922–91) machen möchte, guckt bei Brockhaus naturgemäß in die Röhre. Gehen Sie in meinem Nasen-Lexikon zu Aicher, Pia. Diese Tochter wurde nur 20 Jahre alt.
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