Donnerstag, 28. März 2024
Risse im Brockhaus 14

Auf das braune Wirken des Amerikanisten Hans Galinsky (1909–91) geht Brockhaus mit keinem Komma ein. Laut Klee und Internet war Galinsky bereits 1933 in die NSDAP eingetreten – und noch 1945 Professor an der sogenannten Reichsuniversität Straßburg. Dann dürfte er den Ärger mit der »Entnazifizierung« als Lehrbeauftragter in Tübingen vermieden haben. 1953 war die Luft scheints wieder rein: Die Uni Mainz hievte ihn auf einen Lehrstuhl. Auf diesem konnte er sich bis zur Emeritierung 1977 sonnen. Von Anfechtungen ist nirgends die Rede. Im Gegenteil verleihen die Mainzer seit 1992 den Hans Galinsky Memorial Prize. 2001 wird der Gelehrte in einem leidlich kritischen Aufsatz* von Frank-Rutger Hausmann immerhin gestreift. Danach war er im Reich zum Beispiel für seine erklärte Judenfeindlichkeit bekannt (S. 15). Grundsätzlich hätte es unter den braunen Anglisten bei Kriegsende »nur wenige Unbelastete« gegeben, »die einen Neuanfang hätten bewirken können«, schreibt Hausmann auf Seite 30. Also griff man auf die Altbewährten zurück.

* Frank-Rutger Hausmann, »Die deutschsprachige Anglistik und Romanistik im Dritten Reich«, 2001, hier als Pdf: https://ul.qucosa.de/api/qucosa%3A33457/attachment/ATT-0/



Den weltberühmten Apostel der Gewaltlosigkeit Mahatma Gandhi habe ich in meinem Nasen-Lexikon unter »Shrimad« behandelt, falls es jemanden interessiert. Hier werfe ich nur einen Blick auf einen Sohn der langjährigen bambusharten Premierministerin Indiens Indira Gandhi. Laut Brockhaus brachte es Sanjay Gandhi (1946–80) schon zu Lebzeiten zu einigem Rummel um seine Person. Alt wurde er nicht. Von Beruf war er Politiker wie seine Mutter. Zudem muß er ein echter gewissenloser Maharadscha gewesen sein, wie man im Internet liest. Um 1976 trat er ein Programm zur (notfalls erzwungenen) Sterilisation zwecks Verlangsamung des Bevölkerungs-wachstums los. Er hatte noch viele andere große Pläne, gab jedoch sein Lebenslicht bereits vier Jahre vor seiner Mutter ab, die einem Anschlag zum Opfer fiel. Er war nämlich auch Sportler und Flugzeugnarr. Im Sommer 1980 stürzte der 33jährige bei Neu Delhi mit einem eigenhändig gesteuerten Flugzeug ab, als seine von Augenzeugen verfolgten akrobatischen Versuche* die physikalischen Kräfte der Natur oder seines eigenen Gehirns überstiegen. Seinen einzigen Begleiter, Captain Subhash Saxena vom gemeinsamen Fliegerclub, riß er mit in den Tod. All diese bedenklichen Mängel konnten aber die Entschlossenheit breiter Massen nicht brechen, ihn zum Engel zu erheben. 1996 wurde sogar ein wertvoller, geschützter Nationalpark im Norden der Megastadt Mumbai, der jährlich von geschätzt zwei Millionen Leuten besucht wird, just nach ihm benannt. Dieser Park, immerhin 87 Quadratkilometer groß, soll zum Beispiel 254 Vogelarten beherbergen – und nun auch den Engel.

* Ranjan Gupta and Reuters, »Sanjay Gandhi dies in plane crash«, The Sydney Morning Herald, 24. Juni 1980, S. 1



Zum Todesdatum des berühmten spanischen, republika-nisch gesinnten Schriftstellers Federico García Lorca (1898–1936) merkt Brockhaus in Klammern an: kurz nach Beginn des Bürgerkrieges von Falangisten erschossen. Das ist mir zu verwaschen. Mancher könnte glauben, Lorca sei im Gefecht gefallen – dabei wurde er, nach zahlreichen anderen Quellen, eindeutig ermordet. Nur die Gründe für diesen Mord sind weniger klar.

In der Tat hatte im Sommer 1936 soeben der Spanische Bürgerkrieg zwischen den Anhängern der jungen Republik und den Franco-Putschisten begonnen. Der 38jährige Lorca, Akademiker aus wohlhabender Familie, vor allem als Dramatiker und Lyriker gefeiert, auch begabter Musiker, hatte sich leichtfertigerweise vom republika-nischen Madrid aus in seine Heimatstadt Granada, Südspanien, begeben, die gerade von den Falangisten besetzt worden war. Er suchte nun Schutz bei Freunden aus dem rechten Lager, der Familie Rosales, wurde aber verraten, wahrscheinlich durch den »stadtbekannten Spitzel« (Berger) Ramón Ruiz Alonso. Lorcas Sympathie für LandarbeiterInnen, seine republikanische Gesinnung, sein »Zigeunerblut« in den Adern waren Francos Falange nicht weniger ein Dorn im Auge als seine Homosexualität. Zudem sannen die »mariquitas« (Marienkäfer) auf Rache – jene »Clique der Parasiten« (Spiegel 1956), über die Lorca wiederholt seine Verachtung ausgegossen hatte. Möglicherweise war auch Eifersucht im Spiel. Mord war es so oder so. Zum außerhalb der Stadt gelegenen Behelfsgefängnis »La Colonia« verschleppt, wurde Lorca ebendort im Morgengrauen des 19. Augusts des Jahres in einem nahen Olivenhain durch Soldaten der Guardia Civil erschossen. Michael Berger* nennt als Verantwortliche den Major José Valdés Guzmán und dessen Vorgesetzten General Queipo de Llano, damals militärischer Machthaber in Sevilla und Granada. 1940 vermerkte das Standesamt von Granada, Lorca sei »im August des Jahres 1936 infolge kriegsbedingter Verletzungen« verstorben. So kann man es ausdrücken, wenn man den Bürgerkrieg gewonnen hat.

Makaberer letzter Trost für Lorca: mit ihm glitten an jenem Morgen, laut Berger, noch drei andere durchlöchert an den Stämmen der Olivenbäume hinab: »Der Lehrer Dióscoro Galindo González, zum Tode verurteilt, weil er 'linken Ideen anhing', sowie die Stierkämpfer Joaquín Arcollas Cabezas und Francisco Galadí Mergal, Vertreter der anarchistischen Bewegung aus Granada – sie hatten gegen die Übernahme der Stadt durch die Putschisten bewaffneten Widerstand geleistet.« Über diese drei Los »paseados« con Lorca soll 2007 ein Buch von Francisco Vigueras Roldán erschienen sein. Ihre Alter sind mir nicht bekannt.

* Michael Berger, »In Granada geschah der Mord – in seinem Granada!«, Neues Deutschland, 20. August 2011: http://www.neues-deutschland.de/artikel/204843.in-granada-geschah-der-mord-in-seinem-granada.html



Ob Zufall oder nicht, Brockhaus hat seinen Eintrag zum russischen Schriftsteller Wsewolod Michailowitsch Garschin (1855–88) fast auf gleicher Höhe neben ein Farbfoto der knallrot blühenden Gartenanemone gestellt. Eine wacklige Gemütsverfassung erwähnt das Lexikon ebenfalls. Im Broterwerb Sekretär der Sankt Petersburger Eisenbahnverwaltung, stürzte sich Garschin eines schlechten Märztages, 33 Jahre alt, in den Treppenschacht des Hauses, in dem er zusammen mit seiner Frau wohnte, einer Ärztin. Aber in diesem Fall lag wohl kaum ein Ehedrama vor. Wie unter anderem Garschins nur geringfügig jüngerer Übersetzer Friedrich Fiedler in seinem berühmten Tagebuch* bezeugt, hatte der Erzähler bereits als Jugendlicher unter Anfällen von Wahnsinn gelitten. Davon zehrte insbesondere Garschins bekannte Novelle Die rote Blume von 1883. Hinzu kamen freilich die Brutalitäten des Krieges und der zaristischen Behörden, die Garschin, auch wenn sie »nur« Gesinnungsgenossen trafen, so sehr zusetzten, daß er oft in Weinkrämpfe verfiel und kaum noch Schlaf fand. Um 1877 war der Offizierssohn selber Soldat und im Felde gewesen, doch er hatte sich offensichtlich zum Antimilitaristen gewandelt, denn er legte entsprechende Erzählungen vor. Sein Ruf unter Literaten war ausgezeichnet. Auch Tschechow verehrte ihn.

* Friedrich Fiedler, Aus der Literatenwelt: Charakterzüge und Urteile: Tagebuch, Hrsg. Konstantin Asadowski, Göttingen 1996, S. 48–52



Wie Brockhaus betont, ist die Gartenkreuzspinne zwar häufig, aber (für unsereins) ungefährlich. Gleichwohl fürchten sich viele Menschen vor ihr. Um 2007 hatte ich einen Kurzschluß in der Gartenhütte, die ich damals bewohnte. Da ich den Fehler nicht fand, bat ich meinen Nachbarn Gregor, ein Elektrofuchs, einmal in meiner Verteilerdose auf der Veranda nachzusehen. Ich rückte sogar eigens für ihn einen Hocker vor meine Anrichte, die unter der Verteilerdose an der Hüttenwand stand. Er beschritt den Hocker, wie andere Altarstufen nehmen, dabei ein nachsichtiges Lächeln zeigend ob meiner Laienhaftigkeit. Dann zückte er den Stromprüfer, stieß aber unvermutet einen spitzen Schrei aus und wich sturzgefährlich zurück. Statt den Stromprüfer mutig in die geöffnete Verteilerdose zu stecken, richtete er ihn auf den Winkel zwischen Hüttenwand und Verandadach, als gelte es, ein dort lauerndes Gespenst zu bannen. »Die muß hier weg!« kreischte er und sprang vom Hocker, um die Arme zu verschränken. »Vorher rühre ich keinen Finger.«

Nun dämmerte mir: vor Stromschlägen hat er keine Angst, dafür jedoch vor meiner Kreuzspinne. Sie hing im Winkel zwischen Hüttenwand und Verandadach in ihrem feingewirkten vieleckigen Netz. Besuchern konnte ich schon damals versichern, sie sei ein wirklich unproblematisches Haustier. Wenn auch prall wie eine fahle Knallerbse, tue sie keiner Seele etwas zuleide, nur der gefangenen Beute. Das unterscheidet sie beispielsweise vom Gemeinen Kreuzfahrer. Von ihrer kreuzförmigen, mattgelben Rückenzeichnung ist ohnehin in der Regel hauptsächlich die Vertikale zu sehen. Im Verein mit ihren vielen Beinen oder Greifern, die an abwechselnd braune und grünliche Perlenketten erinnern, dürfte sie jedenfalls die graue Katze mit ihren albernen weißen Socken, die sich damals von Gregor verhätscheln ließ, an Schönheit weit übertreffen. So eine Spinne fängt aufmerksam die Flöhe und Schmeißfliegen weg, die den Hauswirt belästigen, ohne diesem als Gegenleistung Zufütterung aus Konservendosen, Putzen des Katzenklos und Bau einer Hundehütte zuzumuten.

Diese Parallele ließ Gregor allerdings nicht gelten. Spinnen seien nie und nimmer Haustiere; vielmehr ekelhaft. Ich winkte ab, erklomm den Hocker und ließ mir ein leeres Schraubglas reichen. Während ich 20 oder 30 ekelhafte Hundesorten aufzählte, gelang es mir, die Kreuzspinne ins Glas zu bugsieren, ohne ihr Netz zu zerstören. So konnte mich Gregor auf dem Hocker ablösen, um endlich den Fehler zu beheben. Später tat ich die Kreuzspinne wieder zurück. Ich hoffte nur, sie hätte während ihrerer Gefangenschaft in dem Schraubglas kein nachhaltiges Trauma erlitten. Das war schließlich für die Flöhe und Schmeißfliegen reserviert, die sie immer so sorgsam und geduldig mit ihren klebrigen Fäden einwickelte, um sie für Notzeiten auf den nächsten Dachsparren zu schieben.



Was den bekannten und beliebten Gartenzwerg angeht, will Brockhaus mir mit der Eröffnung schmeicheln, er sei um 18oo in Thüringen aufgekommen. Das könnte sogar stimmen. Keine 20 Kilometer südlich meines Wohnorts Waltershausen, also mitten im Thüringer Wald, liegt Trusetal, das mit Deutschlands einzigem Zwergenpark glänzen kann. Neben rund 2.500 Gartenzwergen und einer Bimmelbahn bietet diese »Erlebnisanlage« in der Zwergenschänke Bier und im Thüringer Gartenzwerg-museum Bildung an. Alles dreht sich um die niedlichen Wichte mit den roten Zipfelmützen, die einst ihre Vorbilder in fürstlichen Barockgärten hatten. Selbst in Goethes Werk sollen sie eingedrungen sein.

So witzig ist die Sache allerdings nicht. Zumal der positiv gestimmte Teilnehmer am Marktgeschehen unterschätzt oft, wie sehr einem Menschen allein eine ungünstige leibliche Mitgift das vom Positivisten verherrlichte Leben zur Hölle machen kann. Dazu zählt selbstverständlich auch die Kleinwüchsigkeit. Um die Paradebeispiele Lichtenberg, Leopardi und Napoleon zu meiden, führe ich dessen Zeitgenossen Johann Gottfried Seume an, einen später vor allem wegen seiner Reiseschilderungen weithin geschätzten Schriftsteller aus Kursachsen, der Napoleon im Juli 1802 sogar leibhaftig in Paris erblickte. Jene Reiseschilderungen kann ich nicht beurteilen. Dafür beging ich neulich den Fehler, Seumes »autobiografischen Bericht« Mein Leben zu lesen. Obwohl der Sohn eines verarmten, früh verstorbenen Land- und Gastwirtes lediglich 1,55 oder noch weniger maß, wurde er in mehrere Armeen gepreßt, was ihn sogar nach Nordamerika führte. Die Zwangsaushebung hinderte ihn freilich nicht daran, sich nach dem Offiziersrang und einem Adelstitel zu verzehren und zeitlebens sein Vergnügen am Schmieden militärischer Pläne zu finden. Seume ist leicht kränkbar, sucht stets Ersatzväter, darunter den russischen General Otto Heinrich von Igelström, dem er 1794, als Leutnant, in Polen bei der Aufstandsniederschlagung unter die Arme greifen darf. Auch das literarische Lob aus dem Munde des »großen Wielands« aus Weimar erhebt Seume, wie übrigens schon Kleist. Dafür brachte er in Liebesdingen kein Bein auf den Boden; als vergeblich Verehrte werden Wilhelmine Röder und Johanna Loth genannt.

Seume stirbt 1810, anderthalb Jahre vor dem berühmten Selbstmordpaar Kleist/Vogel, mit 47 an einem schweren Blasen- und Nierenleiden. Zudem hatte ihn die Gicht ereilt. Es heißt, als junger Mann sei er nie krank gewesen, aber ich habe den Verdacht, mit der »stoischen« Prosa seines Lebensberichtes suchte er seine große Verletztlichkeit zu verbrämen. Für mein Empfinden zeigt der Text einen seltsamen, krampfhaften, aufgesetzt wirkenden »trockenen« Humor. Besser gefällt mir Seumes langer Brief an Wieland vom Januar 1810, der schon fast nach Thoreau klingt. Darin gestattet sich Seume auch eine für jene Zeit erstaunliche Sprunghaftigkeit. Thoreaus Tiefgang erreicht er allerdings nicht.



Der avantgardistische französischer Bildhauer Henri Gaudier-Brzeska (1891–1915) war seit 1910 in London ansässig. Ich betone das (im Gegensatz zu Brockhaus), damit ihn jeder als Tölpel erkennt. Mit »Ausbruch« des Ersten Weltkrieges meldete er sich nämlich pflichtbewußt zur französischen Armee. Prompt »fällt« er, jenseits des Kanals, im Sommer 1915 in der Gegend von Calais. Dabei hätte er eigentlich auch in Gestalt seiner polnischen Geliebten oder Ersatzmutter Sophie Brzeska ein kosmopolitisches Mahnmal gehabt. Aber vielleicht darf man nicht zu streng urteilen. Brzeska war erheblich älter als der Bildhauer und vom Anspruch her Schriftstellerin. Laut englischer Wikipedia war sie allerdings ähnlich wie Gaudier (und Garschin) für Wahnsinn anfällig gewesen. 1925 vermerkte die Presse, sie sei, wohl mit 52 Jahren, in einer Irrenanstalt in Barnwood, Gloucestershire, gestorben. Beide KünstlerInnen hatten zudem mit der Armut zu kämpfen. Als sich Gaudier (1909) in einer Pariser Bibliothek in die hübsche Frau verliebte, soll sie eine von einem Liebhaber sitzengelassene Erzieherin gewesen sein. In sexueller Hinsicht hielt sie ihren blutjungen Verehrer offenbar sehr kurz. So wanderte er, mit 23, in den Schoß der Erde.



Im Brockhaus fehlt dieser selten vorbildliche Mann, dafür stellt ihn Klee heraus. Im August 1934 führte der damals knapp 30jährige Jurist und Pazifist Martin Gauger (1905–41) bei der Staatsanwaltschaft Mönchengladbach vor, was eine Gewissensentscheidung ist. Aufgefordert, den »Treueeid auf den Führer« abzulegen, schüttelte Assessor Gauger als einziger Mitarbeiter der Behörde, Klaus Schmidt zufolge* sogar als einziger namentlich bekannter deutscher Jurist überhaupt, seinen Kopf. Er wurde sofort entlassen. Damit blieben dem hochgewachsenen und sportlichen, nun ehemaligen Staatsanwalt auf Probe noch sieben Jahre Galgenfrist. Anstellungen als Rechtsberater bei der »Bekennenden Kirche« und dem »Evangelischen Rat« Deutschlands in Berlin waren, offenbar wegen seiner mangelhaften Anpassungsfähigkeit, nur vorübergehend. Der »Rat« hielt den Rasse- und Wehrgedanken hoch. Als sich Gauger im Frühjahr 1940 seiner Musterung beim Militär nicht mehr länger entziehen konnte, durchschwamm er den Rhein Richtung Holland. Prompt besetzten die Faschisten die Niederlande und verhafteten nebenbei auch Gauger. Nach einjährigem Gastspiel in der Düsseldorfer Strafanstalt wurde Gauger am 12. Juni 1941 ins KZ Buchenwald verlegt. Nach Schmidt baten seine Angehörigen die Bischöfe Hans Meiser und Theophil Wurm, beide evangelisch, vergeblich, sich für den Sohn eines Wuppertaler evangelischen Pfarrers zu verwenden. Mitte Juli wird der knapp 36jährige Gauger mit anderen in die Vergasungsanstalt Schloß Sonnenstein in Pirna, Sachsen, geschafft – aus.

* Klaus Schmidt, »Martin Gauger«, Portal Rheinische Geschichte, 2017: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/martin-gauger/DE-2086/lido/57c6c68c975877.68385323



Für Brockhaus sind GeheimdiensteNachrichten-dienste. Das halte ich aber für ein mieses Hüllwort, sodaß ich gar nicht erst nachschlage. Jeder halbwegs kritische Kopf auf Erden weiß sowieso, daß unser Planet kaum ein übleres Krebsgeschwür als eben die Geheimdienste zu ertragen hat. Eine freie Presseagentur – ja, sie wäre vielleicht ein Nachrichtendienst. Solche Agenturen sind jedoch in den jüngsten Jahrzehnten seltener geworden als die Botenstoffe für Sozialverträglichkeit im Gehirn der gegenwärtigen bundesdeutschen Innenministerin. Sie plant zur Stunde schon wieder neue Knebelgesetze – die selbstverständlich auch wieder Hüllwörter bekommen werden.

Blicken wir schnell nach Dänemark. Leider steht es da auch nicht wesentlich besser. Ich greife den Fall des früheren Geheimdienstlers Anders Koustrup Kærgaard heraus, der sich zum Boten aller friedliebenden Menschen mauserte und dafür eine Menge Haß und Unbill auf den Hals zog. Er ist am 5. Februar, mit erst 51, an alten Kriegsverletzungen und den folgenden Belastungen gestorben. Er war einst als Geheimdienstoffizier im Irak eingesetzt. Vor inzwischen 10 Jahren ging er mit einem ihm zugespielten Video, das quälende und entwürdigende Behandlung von irakischen, wohl sogar zivilen, vermutlich unschuldigen irakischen Gefangenen unter Beteiligung von dänischen Soldaten zeigte, nebst Berichten an die Öffentlichkeit. Das dokumentierte Geschehen hatte 2004 im Rahmen der »Operation Green Desert« stattgefunden, die Kærgaard vor Ort miterlebt hatte. Seine Enthüllungen führten einerseits zu einer breiten Erörterung der dänischen Kriegsteilnahme, andererseits zu einer Welle von Anfeindungen und Bedrohungen gegen den Boten, der die schlechte Nachricht überbracht hatte. Kærgaard stammte aus einem militärischen Umfeld, das ihn nun mit Verachtung strafte. Er sah sich zielstrebig isoliert. Da er sich überdies weigerte, den Beschaffer des Videos zu verraten, hatte er schließlich »eine Geldstrafe zu entrichten, womit er der einzige war, der im Fall Green Desert verurteilt wurde«, wie eine dänische Dozentin für Journalismus schreibt.* Außer dem Boten gab es im Staate Dänemark keine Schurken.

Immerhin hatte Kærgaard auch vergleichsweise viel Zuspruch und Trost aus antimilitaristischen Kreisen erfahren. Zudem raffte sich Kopenhagen 2021 zu einem »Gesetz zum Schutz von Hinweisgebern« auf. Mir persön-lich wäre die offizielle Abschaffung aller Geheimdienste lieber gewesen.

* Freja Wedenborg, »Andenken an einen Gerechten«, https://www.jungewelt.de/artikel/469096.whistleblower-andenken-an-einen-gerechten.html, 12. Februar 2024



Für Brockhaus war der Geldautomat noch eine Neuheit: Band 7 von 1989. Am liebsten hätte er sich vor ihm niedergekniet und ihm die Füße geküßt. Dieser Roboter machte ihn nämlich »unabhängig von den Banköffnungs-zeiten«. Von den Banken, wäre vielleicht zuviel verlangt gewesen. Diesen wiederum bringen die Geldautomaten »Kosteneinsparungen, sofern sie in ausreichendem Umfang genutzt werden«. Ja, die Banken waren so klug. Selbst die einzige Waltershäuser Filiale der regional tätigen BAW (Bank für auszunehmende Weihnachtsgänse) muß sich seit Jahren weder mit Kaufleuten noch mit einem Pförtner belasten. Streikt der Roboter namens Bankauto-mat ungefähr alle zwei Wochen, nähern sich aber im Laufe des Tages zwei Spezialisten des Subunternehmens Panzerknacker AG, die ihm mit Karateschlägen vielleicht wieder auf die Sprünge verhelfen. Ich stehe unterdessen draußen, klettere wieder aufs Fahrrad und überschlage bei der Rückfahrt die Stunden meiner Fahr- und meiner Wartezeit. Ich würde sie ja der Bank gerne in Rechnung stellen, doch die beiden Panzerknacker behaupten, sowas dürften sie nicht annehmen. Ja, wer denn sonst? Die Zentrale sitzt in Mühlhausen, das sind Luftlinie 35 Kilometer. Luftlinie mit dem Fahrrad, wunderbar!

Wie sich versteht, kann Brockhaus die »Kosteneinspa-rung« der Bank nicht einfach »Profit« nennen, obwohl es viel kürzer wäre. Es müssen unglaubliche Gewinne sein, die die Banken durch die »Digitalisierung« genannte »Entpersonalisierung« erzielen. Das ganze »Online-Banking« kommt ja hinzu. Tausende von einstigen durch automatisch lächelnde Personen erbrachte »Service-Leistungen« werden von den Bankmanagern eiskalt auf die Kunden abgewälzt, ohne diese jemals schüchtern zu fragen, ob sie womöglich andere Wunschvorstellungen hätten. Hauen Querköpfe auf den Bildschirm-Tisch, etwa per Email, zuckt der Oberroboter in Mühlhausen hörbar die Achseln: »Sie können uns gerne den Rücken kehren, Herr R., falls Ihnen dies alles nicht paßt.« Ja, prima: wohin denn? Zur nächsten Bank? Die sowieso schon demselben Bankenverbund angehört? Oder doch in die letzte Wüstung des Hörselgaus, wo man keinen Zahlungsverkehr mehr benötigt, weil man da das einzige Arschloch ist?

Kürzlich streikte mein veralteter »Tan-Generator«, also das Bankkartenlesegerät fürs Online-Banking. Nachdem ich in der Telefon-Warteschleife nicht verdurstet war, empfahl mir die Mühlhausener Bankfachfrau oder Praktikantin, mir ein flottes neues Kartenlesegerät zuzulegen. Sie könne mir umgehend eins ins Haus schicken. Wie ich dann sah, prunkt sogar das Logo der BAW auf dem Gerät. Das Logo, eine entkernte Gans, erinnert entfernt an die Lufthansa. Das Gerät hat Tasten, eine Kamera, einen Display und alles, was man sonst von zeitgemäßer Hardware erwarten kann. Und das alles für nur knapp 20 Euro! Die buchte mir die Praktikantin gleich ab. Angenommen, meine Bank hat zwei Millionen Kunden, die im Laufe der Jahre ebenfalls so ein flottes Kartenlesegerät benötigen. Der Hersteller beliefert die Bank über nacht, wenn er nicht ohnehin schon der Bank gehört. An jedem an Kunden verschicktem Kartenlesegerät verdient die Bank, Porto und so weiter abgezogen, einen Euro, schätze ich einmal. Somit bringen ihr allein diese zwei Millionen Geräte zwei Millionen Euro ein. Dazu pflegen thüringische Landwirte zu sagen, auch Kleinvieh mache Mist.



Von drei malenden Gensler-Brüdern sei Jacob Gensler (1808–45) der bedeutenste gewesen, stellt Brockhaus fest. Glauben wir es also. Der Mann trat vorwiegend mit Volksszenen und Landschaften hervor. Aus einer Hamburger Künstlerfamilie stammend, studierte Gensler unter anderem an den Akademien in München und Wien. Er war Gründungsmitglied des Hamburger Künstler-vereins von 1832, von dem ein Gemälde seines Bruders Günther Eindruck gibt.* Jacob Gensler ist der mitten am Tisch sitzende Herr mit dem sandfarbenen Zylinderhut. Man sieht daran, Gensler war kein Gammler.** Mehr noch, hatte der Club einem bekannten Kunstförderer, der sogar von Adel war, wichtige Anregungen und wiederholte Gastfreundschaft zu verdanken: dem »Freiherrn« Carl Friedrich Ludwig Felix von Ruhmor, der aus der Lübecker Gegend stammte und dort ein Landgut besaß. Wie ich Auskünften der Hamburger Kunsthistorikerin Silke Reuther entnehme, empfahl er den norddeutschen Nachwuchskünstlern beispielsweise, sich der Ostsee und der Elbe zu widmen. Damit habe er ihnen »eine gewinnbringende Alternative zu Italien« eröffnet, »denn viele konnten sich eine Reise in das Land der künstlerischen Sehnsucht nicht leisten.«

Laut Reuther war Gensler zwar kein Eigenbrötler, hatte sich jedoch schon in der Jugend entschieden, nie zu heiraten. Er scheute die Verpflichtung, bei zumeist »magerer Auftragslage« auch noch eine ganze Familie ernähren zu müssen, wie er jedenfalls im Briefwechsel mit seinen Brüdern versichert. In seinem Nachlaß fand sich immerhin ein Liebesbrief der auswärtigen Hausange-stellten Susanna S. an Gensler – darüber hat er jedoch mit seinen Brüdern lieber nicht korrespondiert. Man nimmt meistens an, S. sei sogar vor Gensler gestorben. So oder so kann niemand ermessen, welche libidinösen Wonnen der junge Künstler erfuhr, bevor ihn mit 37 Krankheit aufs Sterbelager warf.

Leider läßt das Internet Genslers Ende im Hamburger Nebel. Dabei sei es in der Familienkorrespondenz durchaus gut dokumentiert, teilt mir Reuther mit. Einer seiner Brüder weilte nämlich gerade in Rom und empfing dort entsprechende briefliche Berichte. Danach habe sich Gensler im Winter 1844 eine schwere Erkältung zugezogen. »Daraus wurde erst eine Bronchitis und dann eine Lungenentzündung, die im Januar 1945 zum Tod führte. In Zeiten ohne Antibiotika geschah so etwas häufig.«

* https://commons.wikimedia.org/wiki/File:G%C3%BCnther_Gensler_Die_Mitglieder_des_Hamburger_Kunstvereins_1840.jpg
** https://www.kunstkopie.de/a/gensler-jacob/head-of-a-man-5.html




Für Brockhaus war und ist der Jurist und Philologe Felix Genzmer (1878–1959) vor allem für seine »prägnante« Übersetzung der altnordischen Edda bekannt. Also nicht etwa für sein öffentliches Bekenntnis zu Adolf Hitler 1933 und seinen Parteieintritt 1937, so laut Klee. Im Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps brachte er es bis zum Obertruppführer. Ab 1934 hatte Genzmer Nordische Germanenkunde und Rechtswissenschaft in Tübingen gelehrt. Das durfte er 1949, bereits emeritiert, als Lehrbeauftragter (bis 1953) noch einmal aufgreifen. Kritische Bemerkungen zu seinem mutmaßlichen Mit- oder Sturmläufertum kann ich im Internet nicht erblicken. Mit Albert Einstein soll der Germanenfan lange Zeit im Briefwechsel gestanden haben. Ob ihm der vielleicht gelegentlich etwas unter die Nase rieb?



Man lernt nie aus. Georg, von Beruf Offizier, Märtyrer und Heiliger, soll um 300 für seinen christlichen Glauben sein Leben gelassen haben. Die späteren Kreuzfahrer schätzten ihn aber vorwiegend als Drachentöter. Als solcher wurde er auch Patron verschiedener Königshäuser, obwohl ja diese eigentlich die Drachenställe waren. Brockhaus bringt ein eindrucksvolles Gemälde Paolo Uccellos von ungefähr 1460, auf dem ein blutjunger Gerüsteter dem zähnefletschenden Drachen gerade seine fahnenstangenlange Lanze ins linke Auge rammt. Der Drache hat windschnittige Flügel mit bunten Pfauenaugen. Der Ritter reitet einen herrlichen muskulösen Schimmel. Sowohl der Gaul wie der Drache haben ihre Hälse und Häupter wie zwei um die Ziege Tusnelda kämpfende Böcke gesenkt. Auf dem linkerseits beschnittenen Gemälde, das der Brockhaus-Grafiker zu verantworten hat, ist freilich nichts Weibliches zu entdecken. Woanders wird auch noch eine enorm dürre und flachbrüstige Dame gezeigt, die den Drachen wie ein Schoßhündchen an der Leine hält. Hier jedoch geht die Schlacht ausschließlich um den Glauben – ans jeweilige Vaterland oder den Goldkurs an der Londoner Börse. Schließlich war der Heilige Georg bereits der Schutzpatron von Richard Löwenherz. In Gestalt des bekannten roten Georgskreuzes heiligt er noch heute die englische Flagge. Die Schandtaten der Angelsachsen, Tony Blairs Irakkrieg eingeschlossen, mögen auf keine Hunderttausend Ziegenhäute gehen; ich fürchte gleichwohl, niemand wird sie je dafür zur Rechenschaft ziehen. Warum nicht? Weil jeder insgeheim die Macht anbetet. Genzmer sogar öffentlich.



Das Schicksal, wegen rasch schwindender Trinkwasser- und Nahrungsmittelvorräte von einem mit Schiffbrüchigen überfüllten Floß in den Atlantischen Ozean gestoßen zu werden, blieb ihm erspart. Über dieses historisch verbürgte Ereignis von 1816, das mindestens 130 Todes-opfer forderte und zu eifrigen Vertuschungsversuchen der Verantwortlichen führte, malte Théodore Géricault (1791–1824) drei Jahre später sein vermutlich berühmtestes Bild Das Floß der Medusa. War die Erinnerung an die nationale »Tragödie« einerseits peinlich, wurde doch andererseits auf diesem gemalten Floß derart theaterreif gelitten und gestorben, daß jedem Besucher des Pariser Salons von 1819 nur das Wasser im Munde nach einem vergleichbar schönen Tod zusammenlaufen konnte. Aber Géricaults eigentliches Metier war nicht die See. Aus wohlhabendem und reitbesessenem Hause stammend, stellten Pferde und Wettkämpfe oder militärische Maßnahmen mit Hilfe von Pferden das Lieblingssujet des malenden Dandys dar.* Dieser Leidenschaft – und nicht etwa der Syphilis – wird meist auch sein betrübliches Ende zugeschrieben. 1821/22 seien dem Künstler mehrere Stürze vom Pferd unterlaufen, an deren Folgen er, trotz oder wegen verschiedener Operationen, im Januar 1824 gestorben sei. Das deutet sogar Brockhaus an. Der Künstler war nur 32 geworden. Ironischerweise ging seinem letzten Atemzug ungefähr das qualvolle Siechtum voraus, das er einst auf jenes Floß** verlegt hatte. Berufskollege und Tagebuchschreiber Eugène Delacroix, der ihn am Krankenlager öfter besuchte, soll entsetzt gewesen sein.

* Ekkehard Tanner, »Eine Leidenschaft für Pferde«, Schirn-Magazin, 26. Dezember 2013: https://www.schirn.de/magazin/kontext/eine_leidenschaft_fuer_pferde/
** https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Flo%C3%9F_der_Medusa#/media/File:JEAN_LOUIS_TH%C3%89ODORE_G%C3%89RICAULT_-_La_Balsa_de_la_Medusa_%28Museo_del_Louvre,_1818-19%29.jpg




Der Wiener Maler Richard Gerstl (1883–1908) wird, aufgrund seiner zum Teil geretteten Hinterlassenschaft, meist zum »pointillistischen Expressionisten« erklärt. Brockhaus widmet ihm ein paar Zeilen, die allerdings mit keinem Komma auf seine persönlichen Verhältnisse eingehen, Tod eingeschlossen. Gerstl starb bereits mit 25. Das klingt kurz, doch dafür hatte sein Erdendasein theatralische Kragenweite. Vom Vater über Kunsterzieher bis zu seinen Malerkollegen – Gerstl eckte an. Wahrscheinlich war der Sohn gut betuchter Eltern etwas eingebildet. Da er sich auch für Philosophie und Musik interessierte, knüpfte er um 1906 Beziehungen zu verschiedenen prominten Wiener Komponisten an, darunter Arnold Schönberg. Dabei beließ es der 23jährige freilich nicht, trat er doch auch mit Schönbergs Frau Mathilde in nähere Verbindung. Im Sommer 1908 mit Mathilde von Arnold in flagranti erwischt, drohte Gerstl für den Fall seiner Ausbootung mit Selbstmord. Dennoch entschlossen sich die Schönbergs ihre Ehe zu retten, offenbar, wie üblich, dem angeblichen Wohle der gemeinsamen Kinder zuliebe. Prompt hielt Gerstl Wort: nachdem er seine im Atelier greifbaren Gemälde und Aufzeichnungen verbrannt hatte, erhängte er sich. Man fand ihn ebendort von einem Messer durchbohrt vor einem Spiegel baumelnd.* Was sein Motiv für den Selbstmord angeht, argwöhnen einige BeobachterInnen, er habe sich auch als verkanntes Genie gefühlt. Völlig zurecht! entnehme ich der FAZ, die ihn zum »radikalen Stilverweigerer der Moderne« ausruft. Selbst Georg Baselitz bewundere ihn.** Entsprechend zahlt man heute für Gerstl-Werke, soweit noch vorhanden, Phantasiepreise – für Abwesenheit von Stil. Ein Gemälde mit dem Titel »Obstgarten« kam beispielsweise 2016 im Wiener Auktionshaus Kinsky auf 530.000 Euro. Da freuten sich alle Wiener KleingärtnerInnen und Pfandflaschen-sammlerInnen.

* Olga Kronsteiner, »Von und für Richard«, Wiener Standard, 26. April 2013: http://derstandard.at/1363709320989/Von-und-fuer-Richard
** Stefan Trinks, »Der österreichische van Gogh?«, 6. Oktober 2019: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/was-den-maler-richard-gerstl-einzigartig-macht-16417165.html




Mustert ein vernünftiger, kunstliebender Mensch das Foto zum Eintrag Gesichtsurne, wird er, im Gegensatz zu Brockhaus, unschwer erkennen: sie ist die Alternative zum Gartenzwerg. In der Vielfalt der Varianten übertreffen sie ihn sogar deutlich, wie weitere Abbildungen bezeugen, die das Internet liefert. Hier nimmt die Komik bei der Recherche kein Ende. Übrigens handelt es sich bei diesen gesichts- und menschenähnlich, meist aus Ton gestalteten Gefäßen wirklich um Urnen, also um Aschebehälter. Man bediente sich ihrer hier und dort bereits in der Jungsteinzeit, dann schwerpunktmäßig um 600 v.Chr. im heutigen Polen, weshalb die Archäologen von der Pommerellischen Gesichtsurnenkultur sprechen. Wie es aussieht, waren diese aufwendig gestalteten Dickbäucher Häuptlingen und deren Weibern vorbehalten. Waffen einerseits, Schmuck andererseits deuteten das ehemalige Geschlecht der in der Urne ruhenden Asche an. Diese beachtliche Form der Personalisierung wird mit dem drohenden Sieg der Gen- und IT-Mafia Geschichte gewesen sein. Selbst die Asche wollen sie digitalisieren.



Zur Gewerbefreiheit macht uns Brockhaus nichts vor. Er hat den Pferdefuß bereits im ersten Satz seines Eintrages eingebaut. Es handle sich um das Recht des einzelnen, ein Gewerbe »im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen« zu betreiben. Und schon hagelt es, über mehrere Einträge verteilt, Einschränkungen. Sie finden sich in turmhohen Stapeln von Verordnungen und Gerichtsurteilen. Sie niederzulegen und dabei wiederum mit Ponyfüßen zu versehen, war dem Gedeihen des Gesamtgewerbes Ihres Landes ohne Zweifel sehr förderlich. Mißachten Sie die eine oder andere Bestimmung, weil Ihr Studium der Stapel lückenhaft war, wird Sie die Gewerbeaufsicht notfalls des Landes verweisen, damit Ihnen vielleicht die deutsche Botschaft in Colombo, Sri Lanka, einen behelfsmäßigen Gewerbeschein ausstellen kann.

In meinen Zwergrepubliken ist die Gewerbefreiheit so unbekannt wie das Privateigentum an Produktionsmitteln und das Geld. Ihr Fundament sind die Grundorgani-sationen (GO‘s), meist um 100 Köpfe, Kinder und Greise eingeschlossen. Nur diese Grundorganisationen nehmen neue RepublikanerInnen auf oder schicken gelegentlich welche in die Wüste. Wer da was produziert, Schuhe oder Apfelstrudel zum Beispiel, verdankt sich den Absprachen auf der Vollversammlung oder in Untergruppen. Oft versteht es sich sogar von selbst. Möchte da einer befremdlicherweise Handgranaten, Erdbeermarmelade mit gehackten Hasenködeln oder Gedichte produzieren, die die Landesschiedsrätin verherrlichen, fällt es sofort auf. Der Fall wird erörtert. In der Regel kommt es zu einer einvernehmlichen Lösung (Konsensprinzip). Wenn nicht, empfiehlt das Ortsschiedsgericht, den störrischen Esel mit seinen gepanschten Marmeladentöpfen zum »Weltwirtschaftsforum« in Davos zu jagen. Tatsache aber ist, der befremdliche Ausnahmefall kommt hier so gut wie nie vor, weil ihm der geeignete Nährboden fehlt. Schließlich sind solche Republiken weder auf Eigennutz noch auf Rechthaberei gebaut.

In einigen Republik-Varianten auf fernöstlichen Inseln hat man noch nicht einmal ein Wort für »Kriminalität« in der betreffenden Landessprache. Dadurch erübrigen sich Fluten an Ärger und Haß sowie wahre Berge an Gesetzbüchern. Auch die Worte »Meinungsfreiheit« und »Freiheit« überhaupt können dort oft nur Stirnrunzeln erzeugen. Was brauche ich Worte für solche Grundzüge menschlichen Lebens und Wirkens, die selbstverständlich sind? Der deutsche Staatsanwalt benötigt sie, damit er weiß, was er einzuschränken hat.



Von den knapp 4.000 irdischen Schlangenarten sind möglicherweise ein Fünftel Giftschlangen. Uns Menschen bringen aber die wenigsten davon Lebensgefahr. Mit Schmerzen, mitunter auch einem Krankenlager, muß man natürlich rechnen, wenn sie einem den Giftzahn ins unbestiefelte Bein schlagen. Merkwürdigerweise scheint ihnen selber das Gift nichts auszumachen, obwohl sie es keineswegs aus Apotheken, vielmehr aus ihren in der Oberlippe versteckten Giftdrüsen beziehen. Brockhaus verdeutlicht das durch eine Kopfschnittzeichnung, erklärt es freilich nicht. Ich nehme an, der meist längliche Giftbehälter der Schlangen wurde von einer durchtriebenen »Schöpfung« aus einem widerstandsfähigen Material geschmiedet, das noch den Neid von zahlreichen Chemikern oder Rüstungsfabri-kanten erregen sollte. Hier und dort soll es auch UnternehmerInnen geben, die speziell Schlangengift gewinnen und verkaufen, etwa für medizinische Zwecke. Sie halten die Viecher in ihrer »Schlangenfarm« und lassen sie durch angelernte, nicht zu teure Fachkräfte regelmäßig »melken«. Damit ist gemeint: die Schlange soll in eine Attrappe (Gummi-Membrane) beißen, unter der ein Auffangbehälter versteckt ist. Man sieht, die »Schöpfung« arbeitet mit allen erdenklichen Haken und Ösen.

In unseren Breiten ist man vor Giftschlangen vergleichs-weise sicher, sofern man die neuen, meist rotgrüngelb gestreiften Politikerinnen nicht mitzählt. Man hat also selten Gelegenheit, beim Wandern oder Schwimmen von einer giftigen Schlange gebissen zu werden. Aus diesem Grunde entschloß sich der Deutsche Dieter Zorn um 1980 zu einer Laufbahn als Schlangenbändiger, weil er die Tiere auf diese Weise immer um sich haben würde. Er zog mit einer Reptilien-Show, die auch Pythons, Skorpione, Vogelspinnen und Echsen umfaßte, durch Europa und überstand rund drei Jahrzehnte unbeschadet. Im Juni 2013, als ihn endlich die eigene Aspisviper nicht mehr verschmähte, war er schon 53 Jahre alt, trug einen fuchsroten Rauschebart zur Glatze und gastierte gerade im südfranzösischen Dorf Faugères. Die Viper biß ihn mehrmals, ehe es ihm gelang, sie wieder in ihr Vivarium zu verfrachten. Zwar nahmen sich sofort Sanitäter seiner an, aber auch deren Blutgerinnungsmittel richtete hier nichts aus: Zorn erlitt noch am Unglücksort einen Herzstillstand. Die Presse* wies anderntags genüßlich auf Zorns erklärtes Firmenleitmotiv hin, dem Publikum die Angst vor Schlangen zu nehmen.

Von Zorns Herkunft, Werdegang und Fachausbildung ist im Internet nichts zu erfahren. Er scheint noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag zu haben. Hoffen wir, er hatte wenigstens einen Gewerbeschein. In diesem Fall würde es nämlich keine Rolle spielen, ob bei seiner Entscheidung für ein solches Erwerbsleben außer Tierliebe und Reiselust noch andere, nebensächliche Motive mitschwangen. Hauptsache, er starb legal.

Meine Großmutter Helene weilte hin und wieder zur Kur im berühmten Taunusort Schlangenbad (bei Wiesbaden). Gebissen wurde sie aber nie. Wappentier der Einheimischen ist die Äskulapnatter, die sich derzeit noch in geschätzt 10.000 Exemplaren in der 100 Quadratkilo-meter großen Gegend aufhalten soll.** Sie ziert auch das bekannte rote Apotheker-A. Oft in Komposthaufen wohnend, Mäuse und Ratten vertilgend, soll sie in den fraglichen Taunusdörfern beliebter als die öde Hauskatze sein. Zwar ist die um 1,50 Meter lange bräunliche oder graue Natter nicht augenschmeichelnd bunt, dafür jedoch garantiert ungiftig.

* »Schlangen-Experte stirbt während Show durch Biss«, https://www.welt.de/vermischtes/kurioses/article117268527/Schlangen-Experte-stirbt-waehrend-Show-durch-Biss.html, 19. Juni 2013
** https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-352016/schlange-der-apotheker/, 29. August 2016




Möglicherweise faßte es nicht jeder als Unglück auf, als der preußische Baumeister und Bauakademieprofessor Friedrich Gilly (1772–1800) schon mit 28 der Tuberkulose erlag. Sogar Brockhaus spricht mit wenig Begeisterung von Gillys »Neigung zur Monumentalität«. Dessen frühen Tod übergeht er natürlich wie meist. Gilly hatte die sogenannte »Revolutionsarchitektur« geschätzt. Er liebte also Großes und Pompöses, somit liebte er auch Könige. Für den 1786 verblichenen Untertanenschinder und Obermilitaristen, den sie Friedrich den Großen nannten, entwarf er 10 Jahre später ein von einem dorischen Tempel gekröntes vielstöckiges Denkmal*, das ein respektloser Karikaturist mit einer aufgebockten Reithalle verwechselt haben soll. Angeblich war es für den achteckigen hauptstädtischen Leipziger Platz am Potsdamer Tor gedacht. Seine Umrundung durch die VorstädterInnen hätte wahrscheinlich länger gedauert als deren Anfahrt mit der Postkutsche oder Pferdebahn. Dafür paßte der Kopf des Künstlers 1972 auf eine Briefmarke der Deutschen Bundespost Berlin.

Das Gelungenste an Gillys Entwurf ist der aquarellierte blaue Himmel. Er war ein begabter Zeichner und Tuscher. Als der 17jährige Karl Friedrich Schinkel in einer Ausstellung diesen Himmel sah, war er beeindruckt genug, um sich stehenden Fußes bei den Gillys (zunächst bei Vater David) als Schüler zu bewerben. Sie nahmen ihn. Auch viele andere KennerInnen lobten den Entwurf als »genial«, aber zum Glück zogen sich die Diskussionen über die Finanzierung des Bauwerkes hin, bis Friedrich Gilly, nach vier Jahren, gestorben war.

Seine letzte ausgeführte Arbeit war ein 1799/1800 in Königsberg errichtetes Theater. In dieser Zeit brachte er von einer Studienreise durch Großbritannien, Frankreich und Österreich einen Besorgnis erregenden Husten mit. Man bewilligte ihm eine Kur in Sachsen und Karlsbad, obwohl er gerade erst zum »Oberhofbauinspektor« ernannt worden war. In Karlsbad »entschlief er nach einem kurzen Kampfe«, wie sich Konrad Levezow 1801 in einer Gedenkschrift ausdrückte. Für die Witwe Marie Ulrique bot sein neuer Titel, neben dem Geld, wahrscheinlich wenig Trost: ihr erstes Kind, Sohn Eduard (oder Edouard?), starb als Säugling einen Monat vor ihrem Ehemann. Dabei hatte Gilly sogar eigens ein Kinderbett für den Sprößling entworfen, wohl eine aquarellierte Federzeichnung. Da ich keine Abbildung finde, muß offen bleiben, ob in dieses Bett, späteren Reiterstandbildern vorgreifend, auch bequem ein Fohlen gepaßt hätte.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Gilly#/media/Datei:Gilly_Denkmal.jpg



Mit der Einfalt, die wir vom globalen Fernsehpublikum kennen, behauptet Brockhaus, bei einer Gipfelkonfe-renz handle es sich um ein »Treffen leitender Politiker, um internationale Streitfragen zu besprechen und gegebenenfalls zu lösen«. Andere, meist viel wichtigere Zwecke kennt er nicht. Immerhin meldet er maulwurfs-hügelhohe Bedenken mit seinem abschließenden Satz an: In neuerer Zeit habe die Praxis, Gipelkonferenzen einzuberufen, »in einem sehr starken Maße« zugenommen.

Gewiß hat es solche Schauveranstaltungen auch schon in der Antike und im Mittelalter durchaus häufig gegeben, sofern man die Relationen beachtet. Nur haben wir keine Erzbischöfe und Könige mehr, vielmehr Führungspersonal der demokratisch-kapitalistischen Sorte. Eben! Geld spielt keine Rolle, wenn es die Wählermassen zu blenden gilt. Vielleicht gibt es ja schon Diplomarbeiten, die die Kosten der Aussrichtung aller postmodernen Gipfel-, Sicherheits- und Weltwirtschaftskonferenzen auf Heller und Pfennig errechnet und dem friedenstiftenden Nutzen gegenüber gestellt haben, der in der Regel Null beträgt. Dafür verdienen die PR-Leute, die Medien, die Leibwächter-Innen, die Transportindustrie und die ortsansässigen KrämerInnen jede Menge Geld.

Somit sind Gipfelkonferenzen ganz vorwiegend heraus-ragende Förderveranstaltungen der marktwirtschaftlichen Art, geradeso wie Erfindermessen, Olympiaden und sogenannte Weltausstellungen. Das Erschreckendste liegt aber darin, daß sich die Wahlschafe dieses bunte Futter, das letztlich sie zu finanzieren haben, seit Jahrzehnten bereitwillig vorwerfen lassen.

Gerade durften wir wieder die Münchener Sicherheits-konferenz genießen (16./18 Februar). Dafür, daß die halbe Stadt lahmgelegt und mit Polizisten vollgestopft wurde, steuerte Berlin, wie ich aus etwas älteren Angaben schließe, mindestens drei Millionen Euro bei. Ja, ist das denn erlaubt? Die fehlen doch Scholz und Baerbock, wenn die nächste Rate der Finanzhilfe für Kiew fällig wird!



Ich glaube, in den ersten Folgen habe ich den britischen Maler Richard P. Bonington vergessen. Er hat im Brockhaus (Band 3) sechs Zeilen. Das Versäumnis läßt sich aber noch hinbiegen, weil das Lexikon nun auch Boningtons wichtigen Vorläufer* und Landsmann Thomas Girtin (1775–1802) mit sechs Zeilen vorstellt. Dieser habe vor allem als Neuerer im Aquarellieren geglänzt. Er war mit William Turner befreundet. Leider fegte ihn schon bald sein chronisches Asthma, wahlweise auch der übliche Schwarm von Tuberkulose-Bakterien von den Stränden, die er, unter anderem, gern gemalt hatte. Er schätzte auch Ruinen. Tja – der stets kränkelnde 27jährige hatte in London gewohnt, wo nun Frau und Kind zurückblieben.

Den ohne Zweifel sehr begabten Landschafter in Öl und Wasserfarben Richard Parkes Bonington (1802–28) erwischten die Tuberkulose-Bakterien bereits mit knapp 26. Er hatte teils in Frankreich, teils in seinem Heimatland England gearbeitet. Sein Freund Eugène Delacroix hielt große Stücke auf ihn. Als Motive liebte Bonington Küstenstriche, und er malte sie so offen, wie es damals nicht die Regel war. Sie wirken weder seitlich noch über dem Meer und dem ausgesprochen hohen Himmel begrenzt. Damit scheinen sie das zu verspotten, was Gemälde und Kunstwerke überhaupt gerade ausmacht: ihre Begrenztheit. Ein Gemälde ist eine geschlossene und deshalb gut überschaubare und angenehm beruhigende Welt für sich – ganz im Gegensatz sowohl zur Natur wie zur Gesellschaft. Auf dem Gemälde, meist eingerahmt, ist die Welt in Ordnung. Wer das Gleiche von der Natur oder der Gesellschaft behaupten wollte, müßte schon eine Uferschnepfe sein, die ihren Kopf mit dem langen Schnabel meist im Sand, Schlick oder Schlamm hat.

Brockhaus bescheinigt Bonington »große Meisterschaft« und stellt eine Abbildung des um 1824 entstandenen Ölgemäldes Blick auf die Küste der Normandie neben den Eintrag. Im Lexikon, auf Papier, wirkt das Werk allerdings mehr gelblich als bräunlich. Das Original soll im Louvre hängen. Alternativ bietet Wikipedia ein Werkbeispiel mit Pferden an.

* https://loomings-jay.blogspot.com/2010/10/richard-parkes-bonington.html, 25. Oktober 2010



Mir war es immer etwas peinlich, auf entsprechende Fragen zu gestehen, ich spielte Gitarre - denn wer spielt sie in der Postmoderne nicht? Sind Ziegen die Kühe des Kleinen Mannes, dann Gitarren desssen Wellensittiche. Das Bild trifft nicht schlecht, da die Saiten einer Gitarre in gewissser Weise durchaus Wellen schlagen: sie schwingen. Letztlich gehen die Darm- oder Nylonsaiten meiner (angeblichen) Spanischen Gitarre auf die Flitzebogen-sehnen der JungsteinzeitlerInnen zurück. Um 1700 kam man wohl auf die Idee, die Darmsaiten für den Baßbereich mit Draht zu umwickeln. Daneben bestand die Möglichkeit, die hohen Saiten für ein Klavier oder eine Westerngitarre gleich aus Stahl anzufertigen. Dafür gab und gibt es tatsächlich gelernte DrahtzieherInnen. Die bekannte Redewendung dürfte sich allerdings dem Marionettenspiel verdanken.

Die ersten Schritte auf meinem Instrument unternahm ich um 1960 vermittels einer aus Sperrholz zusammen-geleimten Wanderklampfe, auf der sich alle Songs der Mundorgel und der Beatles herunterschrubben ließen. Später konnte ich vor Besuchern oder Fans auf meine jeweilige Konzert- oder Westerngitarre klopfen und murmeln »Zeder. Palisander. Mahagony« und so weiter. Zu den Hackbrettern, die in der Rockmusik E-Gitarren genannt werden, ließ ich mich nie herab.

Sehe ich richtig, bieten die Elektrogitarren freilich einen gewaltigen Vorteil: Ich kann Oktavunreinheiten beseitigen, weil mindestens der Steg, über den die Stahlsaiten laufen, verstellbar ist. Dagegen ist die »Grundstimmung« bei Akustikgitarren sozusagen festgenagelt. Und leider lag es bei meinen Exemplaren mit der Oktavreinheit immer mehr oder weniger im Argen. Ich mußte beim Stimmen stets Kompromisse schließen, damit zum Beispiel der Griff für C-Dur in den ersten drei Bünden ähnlich sauber wie der Barrégriff für C-Dur im achten Bund klang. Vielleicht hing das aber auch noch zusätzlich mit Bundunreinheit, also Schlamperei des Gitarrenbauers beim Setzen der Bundstäbchen zusammen. Gitarren für mehr als 1.000 Mark oder gar Euro konnte ich mir natürlich nie leisten.

Höre ich Joaquín Rodrigos 1939 geschriebenes Concierto de Aranjuez für Gitarre und Orchester mit dem Solisten John Williams, aufgenommen 1983 in London, kann ich trotz meines möglicherweise überfeinerten Gehörs keinen einzigen Mißklang in Williams‘ Vortrag feststellen. Ich vermute jedoch, er spielte auf einer maßangefertigten Gitarre, für die er mindestens Zehntausend, eher Dreißigtausend Mark auf den Tisch legen mußte. Es sei denn, das Tonstudio hatte einen Meisterfriseur, der die eine oder andere Unsauberkeit in Williams‘ Spiel beim Abmischen bereits mit digitalen Mitteln auszubügeln verstand. Mit meinen eigenen Aufnahmen (um 2012) war ich jedenfalls nie zufrieden. Mit meinem Spiel schon gar nicht.



Vom Redaktionsschluß her hätte Brockhaus unter Gladbeck wahrscheinlich noch das damals Aufsehen erregende »Gladbecker Geiseldrama« des Sommers 1988 berücksichtigen können. Denn so viel anderes hat die Ruhrgebietsstadt scheints nicht zu bieten. Allerdings kehrten die Gangster der Stadt bald den Rücken. Ihr erstes Todesopfer wurde der blutjunge Emanuele De Giorgi, ein italienischstämmiger Schüler in Bremen. Dort wurde er aus nächster Nähe kaltblütig durch Kopfschuß getötet. 20 Jahre darauf gibt ein bekanntes Wochenblatt* eine ausführliche Rückschau auf das Ereignis, weist dabei auch auf beträchtliche Versäumnisse der Polizei und grobe Verfehlungen ganzer Meuten sensationslüsterner Journalisten hin. Zwei Männer Anfang 30 hatten eine Gladbecker Bank überfallen, später in Bremen einen gut besetzten Linienbus gekapert. Die vier Rückschau-Autoren liefern auch einen ganzen Abschnitt über »Die Opfer« – widmen ihn jedoch befremdlicherweise ganz überwiegend Tatiana, der achtjährigen Schwester Emanueles, sowie den Eltern der Geschwister. Sie sorgen sich also um das harte Schicksal der Überlebenden. Dem 14jährigen Bruder konnte schließlich nichts mehr geschehen, weil er bereits tot war. Er gehörte mit Tatiana zu den zufälligen, ursprünglich rund 30 Fahrgästen des Busses. Die Räuber hatten den Jungen ausgelöscht, um die Rückkehr einer Komplizin zu erzwingen, die beim Austreten verhaftet worden war. Nach einigen Darstellungen erwischte es den eher schmächtigen Dunkelhaarigen an Stelle seiner kleinen Schwester, die er hatte schützen wollen. Möglicherweise war er dem betreffenden Geiselnehmer auch »zu wenig unterwürfig« gewesen, wie Richter Rudolf Esders glaubt.** Das ist alles, was ich dem Internet zu dem erschossenen »Schüler« abpressen kann. Die beiden Haupttäter bekamen übrigens Lebenslänglich.

Leider gab es bei dem ganzen »Drama« sogar noch zwei weitere Tote, und auch sie werden in der Rückschau des Wochenblatts lediglich gestreift. Zunächst war der 31jährige Polizist Ingo Hagen bei der hektischen Fahndungsarbeit in einen Straßenverkehrsunfall verwickelt worden, der für ihn tödlich ausging. Und zuletzt, beim abschließenden Befreiungsschlag der Polizei auf der A 3 bei Bonn, wurde die 18jährige, im Bus gefangene Geisel Silke Bischoff erschossen – angeblich ebenfalls von den Räubern, also nicht etwa durch eine von draußen kommende Polizeikugel. Von dieser jungen Frau, nach Fotos eine hübsche blonde, ist aus einigen anderen Quellen lediglich zu erfahren, sie sei in Bremen bei ihren Großeltern aufgewachsen und habe beim dortigen Amtsgericht eine Lehre zur Staatsanwaltsgehilfin gemacht. Eindringlicher konnte sich die Lehre kaum gestalten.

Prallt eine Prinzessin von Wales in Paris gegen einen Betonpfeiler der Stadtautobahn (1997), werden umgehend 2.000 Anekdoten aus ihrer Kindheit ausgegraben und 200 Bücher über sie auf den Markt geworfen. Was dagegen die drei Opfer des »Gladbecker Geiseldramas« angeht, sind keinerlei Schilderungen aufzutreiben, die auch nur anflugweise einem Porträt ähneln. Das nenne ich eine Tragödie.

* Altrogge / Dahlkamp / Kölling / Schrep, »Mach es weg, mach es weg«, Spiegel, 10. August 2008: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-58852947.html
** Westfälische Nachrichten, 11. August 2018: https://www.wn.de/Muensterland/3427879-30-Jahre-Gladbecker-Geiseldrama-Drei-Tage-im-August




Meine Verachtung für die beliebten fetten und schreiend bunten Gladiolen habe ich bereits in zwei Erzählungen eingestreut. Wer mir beide Stellen nennt, bekommt die CD Leon geschenkt, die erfreulicherweise schon durch ihr unaufdringliches Cover gefällt. Brockhaus weist immerhin darauf hin, Gladiolen seien Kunstprodukte, die vor allem aus afrikanischen Siegwurz-Arten gezüchtet worden sind. In Band 20 bildet er sogar den betörenden, purpur blühenden Sumpf-Siegwurz ab. Er kommt in Mitteleuropa noch hier und dort vor, gilt somit als selten und stark gefährdet. Färbt sich ein junges chinesisches Snooker-As, einerlei welchen Geschlechts, die Haare rot oder silbrig, macht es immer noch eine ähnlich gute Figur wie der Sumpf-Siegwurz. Dagegen wäre bei einem Erzbischof alles vergeblich: er ist und bleibt eine Gladiole.
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