Freitag, 22. Juni 2012
Kurz-Referat
Vorgetragen im Herbst 2000 in Wismar, Mecklenburg


Meine radikale Ablehnung des Kapitalismus bringt mir immer wieder Kopfschütteln ein – selbst in sogenannten linken Kreisen. Deshalb danke ich Ihnen für die Gelegen-heit, sie im Rahmen dieser Vortragsreihe einmal in den Grundzügen zu erläutern. Als Leitfaden wird mir das Schwarzbuch Kapitalismus von Robert Kurz dienen, das vor rund einem Jahr (Ende 1999) erschienen ist. Für das Zentralorgan deutscher Banker und Denker – ich spreche von der FAZ – handelt es sich um eine Hetzschrift gegen Marktwirtschaft und Kapitalismus. Immerhin ist sie 800 Seiten dick. Kurzens polemischer Tonfall mag hin und wieder etwas gebetsmühlenartig klingen; gleichwohl kann ich ihm weder Langatmigkeit noch Unklarheit vorwerfen. Deshalb läßt sich der Wälzer – falls einer heutzutage noch Zeit dafür hat – durchaus genießbar lesen. Für mich schon zum zweiten Mal.

Kurz geht nicht essayistisch sondern historisch vor. So zeichnet er zunächst die äußerst verlustreiche Etablierung des Kapitalismus nach. Alle Liberalen verdrängen oder vertuschen diese Etablierungsgeschichte nach Kräften – verständlicherweise, denn sie allein wäre bereits dreimal Grund genug für die radikale Ablehnung des Kapitalismus. Ungefähr zwischen 1700 und 1900 ging es in Mitteleuropa um die Eröffnung eines großangelegten Zuchthauses, in welchem Bauern und Handwerker, Frauen, Kinder und Arbeitsscheue gleichermaßen umzuerziehen waren. Jetzt wurde ihnen durchaus brutal das fabrikmäßige, uhrenhafte, funktionale Naturell eingetrimmt. Sie wurden der Möglichkeit der Selbstversorgung beraubt und dafür aufs Geldverdienen geeicht, wobei die Arbeitszeiten systematisch ausgedehnt wurden. Nie zuvor hatten Bauern und Handwerker so viel gearbeitet. „Die Mühlen des Teufels“ (William Blake) mußten eben laufen – und zu Anhängseln der Maschinen gemacht, rannten die ArbeiterInnen mit.

Betriebswirtschaftlich betrachtet Goldgruben, stellten die Bergwerke, Fabriken und Transportunternehmen in volkswirtschaftlicher Hinsicht eine einzige Katastrophe dar. Ihre „Rentabilität“ wurde mit derart vielen Toten, Kranken, Hungersnöten, Verschwendungen, natürlich auch ökologischen Schäden erkauft, daß man sich im Nachhinein nur an den Kopf fassen kann, wie so etwas jemals gutgeheißen werden konnte. Zwar pflegte der fortschrittliche Brite um 1850 schon im 100-Kilometer-Tempo zur nächsten Tagung zu eilen, doch er kam nicht unbedingt an, wie Desmond/Moores Darwin-Biografie zu entnehmen ist.* „Vermögen wurden über Nacht gemacht und verloren – und ein Menschenleben galt nicht viel dabei.“ Die Fahrlässigkeiten, die dem erbarmungslosen Konkurrenzkampf privater Eisenbahnunternehmen entsprangen, sorgten für zahlreiche Zugunglücke, wobei die Zeitungen bald dazu übergegangen seien, nur noch „über die größten Katastrophen“ zu berichteten. Und dieser „gewaltige Blutzoll“ zog sich durch die Branchen.

Es ist also ein erster Verdienst der Kurzschen Darlegung, uns die grauenvolle Kinderstube des Kapitalismus – unser aller Vergangenheit nämlich vor Augen zu halten. Denn dadurch, daß diese Geschehnisse 150 oder 300 Jahre zurückliegen, werden sie nicht ungeschehen gemacht. Dieses Leid war real. Millionen von Lohnarbeitern, jeder für sich eine einmalige Persönlichkeit, wurde die Möglichkeit genommen, ein glückliches Leben zu führen. Hier drängen sich unweigerlich jene Millionen von (weiblichen oder männlichen) Zwangsarbeitern des „Dritten Reiches“ auf, denen – vor gerade einmal 60 Jahren – nichts anderes widerfuhr. Was Wunder, denn die Firma war dieselbe. Die maßgeblichen Kräfte konnten nach dem System und der Methode der Ausbeutungs- und Wertvernichtungsfirma Kapitalismus verfahren. Hitler wurde von deutschen Banken, Rüstungsschmieden, Giftmischereien finanziert, die dafür dankbar billigste Vernutzungskraft entgegennahmen. Sind diese Unternehmen etwa verschwunden? Sie ahnen also, die Vergangenheit ist nicht nur nicht ungeschehen – sie hat noch gar nicht aufgehört.

Wie Kurz durch viele Beispiele belegen kann, sind Kapitalismus und Massenelend bis auf den heutigen Tag siamesische Zwillinge geblieben. Hat es der kleine Mann in Europa streckenweise zu einem gewissen Wohlstand gebracht, hat er es der gnadenlosen Ausplünderung der „Dritten Welt“ zu verdanken. Auch dies begann zur Stunde Null. In einem Aufsatz zur ursprünglichen Akkumulation des Kapitals zählte Ernest Mandel (1923–95) einmal verschiedene belegbare Beuten an Gold, Silber, Sklaven, Sklavenarbeit zusammen, die zwischen 1500 und 1800 in Amerika oder Asien gemacht wurden. Schon dadurch kam er auf über eine Milliarde Goldpfund – „das heißt mehr als den Wert des gesamten Anlagekapitals in allen europäischen Industrieunternehmen um das Jahr 1800.“ Die berüchtigte „Verelendung“ der Dritten Welt geht also nicht aufs Konto einer Naturkatastrophe, vielmehr eines gigantischen Raubzuges. Doch selbst in unseren Hoch-burgen des Wohlstands ist Massenelend in erstaunlich kurzen Abständen immer wieder aufgetreten. Im Zuge der „Wende“ sorgt nun die „rotgrün“ eingekleidete erste Riege vom TSV Lokomotive 1968 für sogenannte Reformen, die kräftig auf Löhne und Sozialleistungen drücken.

Tasten wir uns an den Kern des Kapitalismus heran. Dazu müssen seine zentralen Kategorien zerpflückt werden, die heutzutage die Hirne der Menschheit ziemlich unange-fochten beherrschen. Robert Kurz tut es. Der Kapitalismus ist eine hemmungslose Warenproduktion, in der es nicht im geringsten auf die Güter und Leistungen selber, vielmehr allein auf ihren Tauschwert und den daraus erpreßten Profit ankommt. In ihr können redliche Familienväter ihr Brot verdienen, indem sie Panzer oder Elektrische Stühle produzieren. Wenn andere Bilderbücher für Kinder machen, dann keineswegs um der lieben Kleinen willen; diese repräsentieren lediglich einen „Bedarf“, ohne den sich leider kein Tauschwert realisieren läßt. In der Warenproduktion ist es möglich, das 77. Waschmittel auf den erweiterten deutschen Markt zwischen Rhein und Oder zu werfen, obwohl es sich nur in der Verpackung von den anderen Pulvern unterscheidet. Sticht diese Marke 40 andere Verpackungen aus, geht es noch immer um das gleiche Pulver – wissenschaftlich „Massenkaufkraft“ genannt. Auch spricht nichts dagegen, irgendwo in Europa Berge an Butter oder Salatgurken anzuhäufen – mit dem alleinigen Ziel, für ihre Einlagerung oder Vernichtung Subventionen in Millionenhöhe zu kassieren.

Die Hirnrissigkeit eines solchen Wirtschaftssystems liegt also schlicht in der stillschweigenden Übereinkunft, nicht für Bedürfnisse sondern für Geld zu produzieren. Deshalb wird entweder an den Bedürfnissen vorbeiproduziert oder sie werden gemacht. 98 von 100 Produkten der Freien Marktwirtschaft würden in einer vernünftigen Wirtschafts-ordnung ohne Zweifel niemals hergestellt, weil sie überflüssig sind und lediglich wie Parasiten volkswirt-schaftliche Potenzen fressen. Dem Betriebswirtschaftler ist dies allerdings gleichgültig. Hauptsache, er bringt sein eigenes Schäfchen ins Trockene. Sollte wirklich einmal eine Sintflut hereinbrechen, wird sie sicherlich nur der Konkurrenz schaden – wie er ja auch in der Zeitung noch nie gelesen hat, er selber sei tödlich auf der Autobahn verunglückt oder mit dem Airbus abgestürzt. Manager verdrängen feindliche Waren und feindliche Wahrheiten.

Damit haben wir – mit Marx – bereits den „fetischi-stischen“ Charakter des Kapitalismus und seiner Grund-kategorien angesprochen. Er wurzelt in jener haarsträu-benden Verkehrtheit. Es ist ein nächster Verdienst der Kurzschen Darlegung, diese Verkehrtheit nie aus den Augen zu lassen. Nach gesundem Menschenverstand wäre nichts einfacher, als in einer gegebenen Gemeinschaft oder Gesellschaft all die Güter und Leistungen, die dort benötigt werden, in direkter Absprache und Vereinbarung zu produzieren. Es bedürfte dazu weder des Tausches noch der angebeteten Konkurrenz auf dem Heiligen Markt. Damit entfiele auch der parasitäre Handel. Faktisch jedoch mutet uns der Kapitalismus eine groteske Gesellschaftlich-keit zu, die allein von seinen abstrakten Grundkategorien Arbeit–Ware–Geld vermittelt wird. Die Menschen treten nur miteinander in Beziehung um des Hirngespinstes Tauschwert willen. Sie sprechen nicht darüber, wer sie sind und was sie wünschen; sie unterwerfen sich einem absurden Marktgesetz, das ihnen abverlangt, sich in Form der Hülse „Arbeitskraft“ zu verkaufen, um dafür „Kaufkraft“ zu erlangen – also Geld, mit dessen Hilfe sie sich dann wieder die Erzeugnisse anderer „Arbeitskräfte“ beschaffen. Die Veranstaltung ist so unsinnig wie brutal. Denn alles Inhaltliche, Sinnliche, Lebendige – an den Tätigkeiten genauso wie an den Produkten – fällt den abstrakten, völlig gleichgültigen Systemzwängen zum Opfer. Natürlich oder gottgewollt ist daran nichts. Hier liegt vielmehr eine Diktatur vor, die von der Menschheit über viele tausend Jahre hinweg um keinen Deut vermißt worden ist – und die sie morgen verabschieden und durch eine vernünftige Wirtschaftsordnung ersetzen könnte, wenn sie nur wollte.

Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Denn offenbar will sie nicht. Auch dieses Problem spricht Kurz wiederholt an. Warum kann sich ein derart grausames und groteskes Wirtschaftssystem halten, das ja immerhin Menschen wie Rosa Luxemburg, Bertolt Brecht, Arthur Koestler zur Verzweiflung gebracht hat? Warum wird es sogar weitgehend verherrlicht? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil sich die fetischistischen Strukturen des Kapitalismus längst eingefleischt haben. Er hat sich die Menschen im Laufe von 250 Jahren so zurechtgestanzt, wie er sie braucht. Er hat sie systematisch ihrer Lebensgrundlagen beraubt und entfremdet, um ihnen dafür Surrogate andrehen zu können; sie lechzen nach immer neuen Surrogaten, die sich aus der Aufsichtsratsperspektive als wunderbare Profitquellen darstellen. Er hat sie süchtig nach Lohnarbeit und Geld gemacht. Sie kennen nichts anderes mehr und können sich nichts anderes mehr vorstellen. Die Fernsehsender und die Bild-Zeitung – die täglich rund 12 Millionen Leser hat – tun das Ihre hinzu. In den Anfängen des Kapitalismus ließen sich die Leute möglicherweise allem offensichtlichen Elend zum Trotz von den technischen Errungenschaften des Kapitalismus, von Luxusgütern und der Aussicht auf schnellen Reichtum blenden. Dieser Schein hat sich leider eingebrannt. Inzwischen sind die Menschen so weit, ein Atomkraftwerk zu bestaunen, obwohl es einem Pulverfaß gleicht. Sie bestaunen das Auto, ohne sich von den Verheerungen erschüttern zu lassen, die es Tag für Tag anrichtet. Sie bestaunen Damen wie Claudia Schiffer, die ihr Jahreseinkommen von mindestens 10 Millionen Mark durch die gewaltige Leistung erzielen, ihren Busen oder ihr Becken vor die Kameras zu halten. Sie sind ziemlich hoffnungslos krank.

Damit komme ich zum Thema Arbeit. Unter den Bedingungen kapitalistischer Warenproduktion ist sie vom Notwendigen (Lebensunterhalt) und Schöpferischen (Sinngebung) gleichermaßen meilenweit entfernt. Ich erinnere an die 77 Waschpulver. Sie herzustellen ist so entseelt wie überflüssig. Für ihren Lohn könnten die ArbeiterInnen genauso gut Sprudel oder Kokain abfüllen. Nach dem gleichen Schema funktioniert das beliebte Minister-Karussell, bei dem ein bestimmter Berufs-politiker ja nach akuter Erfordernis Arbeit & Soziales, Außenpolitik oder Landwirtschaft abfüllt. Daß die EigentümerInnen der Produktionsmittel und die Schalt-hebelführerInnen des Staatsapparates bei der ganzen Veranstaltung entschieden das meiste Geld einstreichen, ist bekannt, stellt aber nicht den wesentlichen Skandal dar. Dieser liegt in der Entfremdung, die uns von der Warenform der Arbeit als der angeblich einzig wahren Form von Arbeit zugemutet wird. Allerdings scheint diese entsinnlichte Lohnarbeit neuerdings rapide zu schrumpfen. Unsere automatisierten Fabriken laufen schon fast von allein. Diese Entwicklung bestätigt zunächst den Verdacht, die neuzeitliche Maschinerie zur Erzeugung von Waren zwecks Geldverdienens sei auf den Menschen gar nicht zugeschnitten. Sie käme liebend gern ohne ihn aus. Alles Menschliche, Unvollkommene, Unwägbare ist ihr nur ein lästiger Stolperstein; mit Vergnügen würde sie nur aus sich selbst heraus funktionieren, um nichts als Geld auszuwerfen wie jener bekannte Esel, der Dukaten scheißt.

Das aber ist ihr nicht vergönnt. Jemand muß sie füttern. Kurz betont wiederholt, das Kapital sei auf die Lohnarbeit angewiesen. Schließlich verdankt es seinen befremdlichen, zerstörerischen „Wertschöpfungsprozeß“ gerade dieser von ihm selbst erfunden Lohnarbeit, die nur auf die Schaffung meßbaren Erfolges in Gestalt von Geld aus ist. Das wertschaffende Medium sind ja die zugesetzten Quanten von Arbeitszeit. Doch wie ich auf dem Markt ohne Kapital verloren bin, ist dort auch für das Kapital ohne die vielbeschworene Kaufkraft der Massen nicht viel zu holen. Wer sollte den ganzen Schund, den unsere Automaten ausstoßen, dann noch kaufen? Gleichwohl ist die unablässige „Rationalisierung“ (Abschaffung kostspieliger Lohnarbeit) aus Rentabilitätsgründen unvermeidlich. Die Konkurrenz schläft ja nicht. In diesem Widerspruch liegt vermutlich die entscheidende Potenz, die dem Kapita-lismus im Lauf der kommenden Jahrzehnte aus sich heraus das Bein stellen wird. Wenn ja, wird es sein letzter Triumph gewesen sein, daß er sich nur selber beseitigen konnte.

Kapital und Lohnarbeit sind also zwei Seiten derselben Mark. Dies herausgestellt zu haben, halte ich für einen weiteren Verdienst der Kurzschen Darlegung. Beiläufig werden dadurch die meisten Manifeste der im 20. Jahrhundert geführten Klassenkämpfe zu Makulatur. In diesen Kämpfen ging es nie um mehr als die Verteilung des Kuchens und die Dekoration der vergitterten Fenster; die höllische Backstube selber blieb stets unangetastet. Dabei kann der inzwischen untergegangene kommunistische Block nicht ausgenommen werden. Denn auch in diesen staatssozialistischen Ländern wurde niemals an den Grundkategorien der kapitalistischen Warenproduktion gerüttelt. Sie produzierten um des Geldes willen und preßten dieses Geld aus ihren sogenannten Helden der Arbeit, die im besten Fall entfremdet wie ihre westlichen Kollegen schafften, im schlimmsten Fall nackte Zwangsarbeit zu leisten hatten. Gewaltige ökologische Schäden nahmen sie ebenfalls in Kauf. Alles Menschliche und Natürliche geriet unter die Dampfwalze der „nachholenden Modernisierung“ – so Kurzens treffende Auffassung des Phänomens. F. G. Jünger hat diese Verwandtschaft zwischen Ost und West schon vor über 50 Jahren in seiner Perfektion der Technik deutlich gemacht, indem er von Maschinenkapitalismus hier und Maschinensozialismus dort spricht. Allerdings glaube ich, Jünger unterschätzt die Entfremdung, die in der Wertform liegt. Er lastet sie hauptsächlich der Technik und der technischen Verfaßtheit der Gesellschaft an. Immerhin läßt er am unmenschlichen Charakter der Lohnarbeit keinen Zweifel. Kurz wiederum könnte sich eine Scheibe an Jüngers Kritik der Technik abschneiden – kommt sie doch bei ihm zu kurz. Insofern ergänzen sich die beiden.

Das Grundrauschen im deutschen Blätterwald ist das Gewinsel um Arbeitsplätze. Für einen Arbeitsplatz – welchen auch immer, Hauptsache es gibt Geld – fährt der kleine Mann täglich 70 oder 100 Kilometer. Für einen Arbeitsplatz würde er seine Großmutter verkaufen. Ein vernünftiger Mensch dagegen würde das Schwinden der Arbeit als günstige Gelegenheit begreifen, sich endlich von ihr zu trennen. Was läge näher, als in dezentralisierten Einheiten jene Nichttauschwirtschaft wieder einzuüben, die in den Sippen der Jungsteinzeit, indianischen Häuptlingstümern, Klöstern des frühen Mittelalters praktiziert worden ist? Aber Pustekuchen. Denn das hieße ja, mit dem System der Lohnarbeit die Konkurrenz und den Eigennutz und vermutlich auch das Geld abzuschaffen. Wie aber wäre das auch nur vorstellbar?

Damit sind wir im Grunde wieder auf die Einfleischung der kapitalistischen Kategorien und Strukturen zurück-gekommen. Sie hat viel mit Demokratie zu tun. In dieser Einsicht liegt ein weiterer Vorzug der Kurzschen Analyse. Sie werden das unschwer nachvollziehen. Für ein gege-benes Herrschaftssystem ist es beträchtlich angenehmer, vorteilhafter, preiswerter, wenn die Beherrschten nicht beaufsichtigt oder gar ausgepeitscht werden müssen, sondern wenn sie sich selber in die Zucht nehmen. Ihre Fesselung besteht ausschließlich aus jener Prägung. Dabei achten sie auch untereinander streng darauf, daß niemand aus der Norm fällt. Ihre Prägung oder auch Impfung verwandelt die ungeheuerlichsten Zumutungen in Selbstverständlichkeiten. Der Mensch braucht Geld. Der Mensch muß in einem Aufzug Sport treiben, der um 1200 für einen Kreuzzug ausgereicht hätte. Der Mensch benötigt verschieden angestrichene demokratische PolitikerInnen, die sich Jahr für Jahr und Jahrzehnt für Jahrzehnt die Türklinke des Staatsapparates in die Hand geben, um den Anschein von Abwechslung oder Alternativen aufrecht zu erhalten. Mag dieses Bäumchen-wechsle-dich-Spiel auch noch so sündhaft teuer sein, sie bezahlen es freiwillig. Versucht man aber die lieben Soldaten, SteuerzahlerInnen, Rentner daran zu erinnern, daß sie in ihrer kostbaren Demokratie seit vielen Jahrzehnten von vorne bis hinten die Beschissenen sind, empfehlen sie einem vor 1990 „Geh doch nach drüben!“, während sie einem seit 1990 „Sozialneid“ vorwerfen. Sie schlucken jede gängige Münze.

Allgemeiner ausgedrückt, führt Kurz den Kapitalismus als eine zwitterhafte Veranstaltung vor, die genauso liberale wie totalitäre Züge trägt. In der Zauberformel vom Freien Markt finden wir bereits ihren Keim. Gewiß hält der Kapitalist den freien Zugang zu den Märkten hoch – mit dem Ziel, alle anderen Kapitalisten von diesen zu verdrängen. Auf dem Tageszeitungsmarkt Thüringens hat die WAZ schon fast das Monopol. Natürlich heißen ihre dortigen Blätter nicht WAZ. Die auf dem Balkan auch nicht. Seiner Krisenanfälligkeit und seiner Unberechen-barkeit gemäß, zieht ja der Kapitalismus mal das Zuckerhütchen, mal die Peitsche vor. Kann ich mir heute ein Land durch Milliardenkredite gefügig machen, werde ich es morgen bombardieren und besetzen müssen. Beim jüngsten Krieg der Nato gegen Jugoslawien kamen beide Methoden fast gleichzeitig zum Zug. Doch wohlgemerkt: sowohl die Bestechung opportunistischer PolitikerInnen und Rebellenführer wie der Bombenhagel wurden unter dem Banner der Demokratie vollzogen. Sehen wir aber von Kriegen und Schwarzen Freitagen ab, bleibt unser Alltag gleichwohl von den kapitalistischen Grundkategorien Arbeit–Ware–Geld beherrscht; alles dreht sich um dieses Dreigestirn. Mit etwas Distanz betrachtet, springt einem der Totalitarismus des täglichen Sichabhetzens und Sichausstechens geradezu ins Gesicht. Wer könnte sich heute noch dem Diktat des Autofahrens entziehen – des Zwanges zur „Flexibilität“? Übrigens wurde die allgemeine Automobilisierung in Europa nicht von Sozialdemokraten wie Lionel Jospin oder Gerhard Schröder eingeleitet. Deren Vorkämpfer – Stichwort Volkswagen/Autobahnbau – hießen Adolf Hitler und Ferdinand Porsche.

Um den Drang zum totalen Markt als sonntägliche Kahnpartie auszugeben, wurden wir im vergangenen Jahrzehnt mit dem Wort Globalisierung überschwemmt. Lenin und Rosa Luxemburg hatten sich noch auf die Feststellung geeinigt, es handle sich um Imperialismus. An dessen Wesen hat sich selbstverständlich nicht das geringste geändert. Er wird auch noch manche Vietnams erleben. Neu ist allerdings der Umstand, daß es durchweg alte 68er sind, die diesem jüngsten Stadium des Imperialismus Bahn gebrochen haben – allen voran Humanbombenwerfer Bill Clinton, Kühlergrillstations-vorsteher Gerhard Schröder und Rinderwahnsinnszüchter Tony Blair. Das heißt, die lückenlose Unterwerfung dieses Planeten unter die Profitinteressen weniger Großkonzerne wird von ehemaligen Gegnern des kapitalistischen Systems betrieben. Spricht das nicht Bände für die Integrations-kraft des Kapitalismus? Unterstreicht es nicht gerade sein totalitäres Begehren? Ehemalige Straßenkämpfer wie Joschka Fischer oder Schwarzefahnenschwinger wie Daniel Cohn-Bendit stehen an der Spitze eines Staates, der von DaimlerChrysler, Deutscher Bank, Siemens und noch ein paar Konzernen beherrscht wird! Wunderbar. Dieses Phänomen unterstreicht aber auch die Flexibilität des Kapitalismus. Nur keinen Stillstand! In ihrem supermodernen, elektronisch beschleunigtem Stadium kann die kapitalistische Warenproduktion nur Räder, Durchgänge, Wechselbälge gebrauchen. Geschmiert wird mit Optionen auf Erdöllagerstätten und mit leicht erlernbarem Englisch. Der Mensch hat in jeder Hinsicht flüssig zu sein. Wird er überflüssig, wird er es bei dieser Beschaffenheit noch nicht einmal merken.

Da ich die unverschämten Lang-Referate Altbundes-kanzlern wie Helmut Schmidt oder Revolutionsführern wie Fidel Castro überlassen möchte, komme ich zum Schluß. Ich betone noch einmal, sowohl die Einführung wie die Ausgestaltung der kapitalistischen Warenproduktion sind – seit immerhin rund 250 Jahren – mit ungeheuerlichen Verlusten und Schäden verbunden. Kurz macht sich die Mühe, diese ganzen Dinge aus der Tagesvergeßlichkeit zu hieven. Nebenbei weist er auf den Zusammenhang des Triumphes des Kurzzeitgedächtnisses mit der berüchtigten Umschlaggeschwindigkeit des Kapitals hin, die ständig zunimmt. Von dieser Flüssigkeit sprachen wir ja bereits. Doch Kurz macht noch mehr. Für meinen Verstand zeigt er so einleuchtend wie unwiderleglich: bei alledem handelt es sich keineswegs um Bagatellen, Betriebsunfälle, Schönheitsfehler oder häßliche Auswüchse des Kapita-lismus; vielmehr wurzelt es in dessen haarsträubendem Unwesen. Und hier haben Sie die Quelle meiner Radikalität und meiner Kompromißlosigkeit. Denn jedes Zugeständnis kommt einer Verharmlosung und damit einer Verewigung dieses Unwesens gleich. Daran habe ich kein Interesse. Auch spräche es meinem Gewissen Hohn.

Bei alten 68ern wie Klaus Kreimeier sieht die Sache etwas anders aus. In der Jahreswende-Ausgabe 1999/2000 des Leib- und Magenwochenblatts unsrer harmlosen linken LehrerInnen wurden dem Publizisten und Hochschul-lehrer, der eine Zeitlang Kolumnist der Frankfurter Rundschau war, zwei geschlagene Seiten zur Verfügung gestellt, damit er das Gespann Adorno/Horkheimer – Stichwort „Kritik der Kulturindustrie“ – in tausend Ja-Abers der Schwarzmalerei zeihen könne. Robert Kurz stützt sich selbstverständlich auf des Gespannes Dialektik der Aufklärung. Kreimeier jedoch, schon immer Medienfachmann, lehnt sich in seinen professoral abgestützten Fernsehsessel zurück, um süffisant den behaglichen Spielraum des „frei zappenden Endver-brauchers“ zu verkünden – im Freitag. Kreimeier freut sich, ebenfalls aus den Satellitenschüsseln schlürfen und im Internet zappeln zu dürfen. So feiern sich gelungene Produkte der Kulturindustrie.

Seiner eingangs angedeuteten missionarischen Neigung zum Trotz bewahrt sich Kurz auch und gerade im Epilog seines Buches eine erfreuliche Nüchternheit. So hütet er sich beispielsweise, mit Durchhalteparolen und jenem Zweckoptimismus hausieren zu gehen, den wir von den Helmut Schmidts und Walter Ulbrichts kennen. Die Chance der Befreiung oder Umkehr im großen Maßstab ist denkbar gering. Kurz hält es für wahrscheinlich, daß den rebellischen Minderheiten oder Außenseitern nur noch eine „Kultur der Verweigerung“ bleibt. Immerhin darin – füge ich hinzu – könnten wir uns dann noch so etwas wie Würde und Selbstachtung bewahren. Das Recht, sich für dumm verkaufen zu lassen, treten wir getrost an die zappenden Kreimeiers ab. Das Missionieren überlassen wir Jesco von Puttkamers Mars-Expeditionen. Ohnehin war der Anspruch, die Welt zu retten, wahrscheinlich schon immer ein paar Nummern zu groß.

* Ausgabe Hamburg 1994, S. 449



Zum Kapitalismus siehe auch
>Arbeit
>Wert(schöpfung)
Guter Kleinkapitalist: Kapitel Brot
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