Montag, 9. Juli 2012
Hunde wollt ihr ...
Ein Theaterstück

Geschrieben 2011. Umfang rund 25 Druckseiten.


Personen:

# Der alte Eigenbrötler Paul Lodenbrink
# Dessen Freundin Ute, eine verhältnismäßig junge Frau
# Lodenbrinks Nachbar Thomas Schuch, ein moderner Spießbürger um 40
# Zwei Kriminalbeamte (können unter Umständen von den Darstellern des Lodenbrink und des Schuch gegeben werden)

Haustiere:

# Lodenbrinks Käfigvogel Fridolin, genannt Frido, ein Hänfling o.ä.
# Schuchs Kater, der wiederzuerkennen sein muß

Lodenbrink spielt Akkordeon. Notfalls tut es auch ein anderes Instrument, das der jeweilige Schauspieler leidlich beherrscht. Die Bühne bleibt während des gesamten Stückes unverändert. Die rechte Hälfte wird von Lodenbrinks Häuschen eingenommen, wobei wir im Wesentlichen nur in das Hauptzimmer blicken. Rechtsaußen führt eine Hintertür zum Garten, den wir nicht mehr sehen. Vor der Haustür zur Linken ein Vorplatz mit Bank, Sägebock und Hackklotz, der die andere Bühnenhälfte einnimmt. Unter einem Baum im Hintergrund ist der Staketenzaun zum Nachbarn Schuch zu sehen. / Mit gewissen Abwandlungen dürfte sich das Stück auch als Hörspiel eignen.



Szene 1

Der Vorplatz liegt in der Dämmerung eines Maiabends. Im Häuschen herrscht Dunkel. In den Gesang einer Nachtigall mischt sich Knirschen. Lodenbrink, ein Greis um 70, taucht mit einem Fahrrad auf, an den ein beladener einachsiger Anhänger gekuppelt ist. Er bremst und steigt ab. Er ist bemüht, keinen Lärm zu machen, wirft auch einen spähenden Blick zum Staketenzaun, ehe er in seine Brennholzfuhre greift, um ein rund ein Meter langes Futteral daraus hervorzuziehen. Damit wendet er sich zur Haustür. Er schließt sie auf, ohne die Außenlampe zu bemühen, und verschließt sie von innen auch wieder sorgfältig.

Nachdem er die Fenstervorhänge neben der Hintertür zugezogen hat, macht Lodenbrink Licht. Prompt gibt Lodenbrinks Hänfling Laut, der in einem Vogelbauer zu sehen ist. Das mischt sich in den Nachtigallenschlag, der gedämpft von draußen erschallt. Lodenbrink macht eine grüßende Handbewegung zu seinem Vogel, ehe er das Futteral an sein Bett lehnt und seufzend in seinem einzigen Sessel Platz nimmt. Das Zimmer ist ohne Fernsehgerät. Nach kurzem Verschnaufen oder Nachdenken greift Lodenbrink nach einer Thermoskanne, die auf seinem Tisch steht, um sich Tee in seinen Becher zu schenken. Er deutet dem Hänfling ein Prosit an und erklärt ihm plötzlich recht aufgeräumt:

„Glück gehabt, Frido! Schon der erste Schuß saß. Der Köter ist hinüber.“

Er nickt und trinkt und setzt den Becher wieder ab. „Eigentlich müßte ich auch dem Tee einen Schuß geben, immerhin ist es mein erster Hund gewesen. Aber ich habe keinen Rum mehr im Haus ...“ (Lacht leise auf.) „Keinen Rum mehr im Hause, dafür kommt jetzt der Ruhm.“

Lodenbrink angelt nach dem Futteral, zieht ein Gewehr nebst Zubehör daraus hervor. Es handelt sich um ein Scharfschützengewehr mit Zielfernrohr, Schalldämpfer und Dreibein. Das Dreibein ist ein kleiner stützender Bock, der in der Regel von einem liegenden Schützen benutzt wird. Während sich Lodenbrink dem Reinigen seiner Waffe widmet, weiht er seinen Hänfling in Einzelheiten ein.

„Ich guckte mir den Rottweiler von dem kleinen Glatzkopf aus. Sie nehmen ja immer dieselben Feldwege. Ich verschanzte mich in dem Buchenhain auf Melchers Kuppe, und als sie bis auf 700 Meter heran waren, drückte ich ab. Die häßliche bissige Töle bäumte sich auf, brach zusammen und streckte alle Viere von sich. Man hätte glauben können, der Glatzkopf sei vor eine Kartoffelmiete gerannt, die der liebe Gott unangekündigt aus dem Feldweg stampfte. Sie zwang mich oft genug zu Umwegen, Frido, du weißt es. Jetzt hätte ich einfach über die plumpe Töle steigen können. Der Glatzkopf sah sie entgeistert an, dann äugte er wild in die Gegend. Dummerweise hatte er keinen Schuß gehört; der Schalldämpfer funktioniert. Nach einigen Schrecksekunden nahm er seine kurzen Beine in die Hand. Er rannte wie ein skalpiertes Kaninchen auf die Stadt zu – als sei ihm ein freilaufender Köter auf den Fersen ...“

Lodenbrink ist mit seiner Putzarbeit zufrieden, setzt das Gewehr wieder zusammen, verstaut es im Futteral und stellt es ans Bett zurück. Beim Nachschenken von Tee lacht er auf.

„Stell dir vor, eine Kollegin von dir, die Wachtel, hätte mich beinahe aus dem Konzept gebracht! Du weißt nicht, wie sie ruft? Pick-wick-wick ruft sie ungefähr, stets im Daktylus. Also im Walzer-Takt, falls dir das mehr sagt, Frido. Nun aber, wo ich den Rottweiler bereits im Zielfernrohr habe, ruft sie mir doch aus dem jungen Roggen Irr dich nicht! zu, Irr dich nicht! Ich habe tatsächlich für einige Sekunden gezögert und dabei probeweise auch den Glatzkopf aufs Korn genommen. Von rechtswegen gehörten ja gar nicht die Hunde erschossen, Frido, sondern ihre HalterInnen. Aber selbst die sind nicht frei, fürchte ich, sondern auch wieder von finsteren Mächten getrieben. Es wäre eine Kette ohne Ende. Einer könnte die Schuld auf den anderen schieben. Man stünde zuletzt in seiner Ohnmacht so tatenlos, so ungerächt da wie zuvor. Doch irgendwo muß man hin mit der Wut, sonst zerreißt sie einen. Also trifft es das schwächste Glied der Kette.“

Lodenbrink leert seinen Becher und starrt auf das am Bett lehnende Futteral. Wahrscheinlich ordnet er seine Gedanken. Das Publikum vernimmt die Nachtigall, die nach wie vor in den umliegenden Büschen schlägt. Schließlich gibt sich Lodenbrink einen Ruck, vertauscht den Becher mit seinem Brieföffner und steht auf, um das Futteral zu ergreifen.

„Es war gut so. Ich mache weiter. Man muß die HundehalterInnen, ach was sage ich – man muß alle MachthaberInnen in die Angst und in den Schrecken versetzen, die sie hier selber, wie nach Naturrecht, seit Urgedenken zu verbreiten pflegen.“

Lodenbrink bekräftigt es durch ein Nicken, während er sich nach einer Ecke seines Teppichs bückt. Er schlägt ihn zurück und lüftet mit Hilfe des Brieföffners ein rund ein Meter langes Stück eines Dielenbretts. Angehoben, zeigt sich ein Versteck. Er legt das Futteral hinein und verschließt die Stelle wieder. Anschließend fischt er aus einer Schublade ein Stück farbiger Kreide und macht damit auf dem Holzpfosten neben seiner Klotür einen markanten Strich. Nachdem er ihn befriedigt gemustert hat, zwinkert er seinem Vogel zu und verhängt dessen Käfig mit einem Tuch. Dann verschwindet er im Klo.


Szene 2

Morgens. Lodenbrink kommt im Bademantel von seinem Klo. Der Vogelbauer ist schon aufgedeckt, das Bett dagegen noch ungemacht. Lodenbrink geht zu Hintertür, wobei er bereits gymnastische Bewegungen mit den Armen vollführt. Kaum hat er die Hintertür geöffnet, erhebt sich Gänsegeschrei. Lodenbrink wringt die Augen zur Zimmerdecke und knurrt zu seinem Hänfling:

„Vielleicht sollten sie die nächsten sein! Die Hälse umgedreht und dann den Schuch umgelegt, der so gerne darüber disputiert, wann sie den Osama Bin Laden endlich fangen. Dabei ist er mit seinen Viechern hier der Oberterrorist!“

Lodenbrink absolviert mit Schnaufen und Ingrimm seine morgendlichen Gymnastikübungen. Die Gänse feuern ihn an. Kaum hat er die Hintertür wieder geschlossen, geben sie Ruhe. Er bindet sich den Bademantel neu und macht sein Bett. Dann geht er in seine Küchennische, um Kaffee aufzubrühen und sein Frühstücksbrot zu schmieren. Dabei trägt er dem Hänfling, über mehrere Meter hinweg, die Gedanken vor, die ihn gerade bewegen.

„Eigentlich müßten sie mich doch allmählich kennen, oder findest du nicht? Aber der Schöpfer hat sie noch dümmer als die Schweine und die Hunde gemacht. Sie sind gansdumm, Fridolin, gansdumm, sage ich dir. Sie würden sogar schreien, wenn Reinhard Mey hier aufkreuzte, um Schuch mit Inbrunst Wildgänse rauschen durch die Nacht vorzutragen ... Weißt du, was Ute behauptet hat, als ich neulich mit ihr im Marktcafe saß? Da sprachen wir nämlich ebenfalls über Schuchs Gänse. Sie behauptet, was ich vor allem an ihnen haßte, sei nicht der nervige Lärm, den sie aus nahezu jedem Anlaß veranstalten, vielmehr ihr Mißtrauen. Sie nehmen dich nicht als Schuchs Nachbarn, sagte sie. Sie wittern den Fremden, den Außenseiter, den Feind in dir. Und das wurmt dich am meisten. Dabei stimmt es sogar! hat sie gesagt. Du lebst ja nicht nur am Stadtrand, sondern seit Jahrzehnten am äußersten Rande der Gesellschaft, und wenn du nicht aufpaßt, Paul, kippst du ganz von allein ins Verderben. So hat sie sich ausgedrückt, Fridolin ...“

Bevor sich Lodenbrink mit Kaffeekanne und Frühstücksteller an seinen Tisch setzt, sieht er auf die Uhr – und schaltet sein Radio ein. Er beginnt sein Frühstück. Leider ist er in einen zeitgemäßen Popsong geraten, der ihm schon wieder ein Augenwringen abzwingt. Wie sich versteht, geht es um Liebe. Doch nach dem Ende des Stückes spitzt Lodenbrink mit erneutem Brauenheben die Ohren. Es gibt Lokalnachrichten. Der Vorfall an Melchers Kuppe kommt an dritter Stelle. Da Lodenbrink sein einziges Frühstücksbrot inzwischen verzehrt hat, verfolgt er die Meldung mit leicht verkniffener, unbeweglicher Miene.

Einen blutigen Zwischenfall, der einem Hund der Rasse Rottweiler das Leben kostete, gab es gestern gegen Abend am Stadtrand von Deusenburg. Der Hund wurde aus dem Hinterhalt heraus erschossen, ohne daß der 53jährige Angestellte des städtischen Bauamtes, der ihn wie immer spazieren führte, den Täter oder die Täterin entdecken konnte. Er wußte auch keine Erklärung für den Anschlag, der kurz nach 19 Uhr unweit der zum Teil bewaldeten Melchers Kuppe stattfand. Geschossen wurde vermutlich mit einem schallgedämpften Scharfschützengewehr. Die Polizei bittet um sachdienliche Hinweise. Der Hundehalter hat eine Belohnung ausgesetzt.

Mit dem Ende der Meldung stellt Lodenbrink das Radio aus. Während er im Stehen seinen Rest Kaffee trinkt, starrt er nachdenklich aus dem großen Zimmerfenster, das auf Schuchs Gänsegehege geht. Er faßt den Vogelbauer ins Auge, nickt bekräftigend, stellt die leere Tasse auf den Tisch und wendet sich unter unternehmungslustigem Händereiben seinen Kleidern zu, die über einem Stuhl hängen.

„Ich muß mir erst einmal Bewegung verschaffen. Mal sehen, was sie morgen mittag sagen. Ich habe nämlich die nächste Pirsch für morgen vormittag angesetzt, damit sie nicht glauben, ich sei ein Gewohnheitstier. Das gute Wetter soll sich ja halten.“

Lodenbrink zieht sich an, nimmt in seinem winzigen Vorraum eine Bügelsäge vom Haken und schließt die Haustür auf. Der Fahrradanhänger steht nach wie vor auf dem Platz. Lodenbrink nimmt das oberste dicke Aststück, legt es in die Gabel des Sägebocks und beginnt mit dem Zerkleinern. Er sägt Stücke von der Länge einer Handspanne ab. Nach jeder Kürzung wechselt er das Sägebockende und entsprechend die sägende Hand. Schon nach dem dritten Stück zieht er seine Leinenjacke aus, weil ihm zu warm geworden ist. Bald darauf spitzt er die Ohren und äugt zum Staketenzaun, ohne sich freilich im Sägen zu unterbrechen. Er knurrt ins Publikum:

„Ich hätte darauf gewettet! Für meine Vordertür ist er das Gegenstück seiner Gänse.“

Während Lodenbrink weiter sägt, stützt sich im Hintergrund ein Mann um 40 mit verschränkten Armen auf den Staketenzaun. Um seine Füße streicht ein Kater. Im Gegensatz zum hageren Lodenbrink ist der Mann untersetzt und stämmig. Jetzt schüttelt er seinen Kopf und sagt mit einer Entrüstung, die zum Teil gespielt sein könnte:

„Daß sich ein alter Mann so quälen muß! Ich werde es nie begreifen. Ein Wink von dir, und ich werde dir neben der Haustür eine Starkstromsteckdose anbringen, Paul. Ich habe dir schon gesagt, in meiner Scheune steht eine unbenutzte Kreissäge, die ich dir für einen Apfel und ein Ei sofort überlassen würde. Du sparst jede Menge Zeit, in der du auf deinem Akkordeon spielen kannst; dafür lebst du 20 Jahre länger!“

Während Lodenbrink das nächste Aststück auf den Bock legt, erwidert er mit erzwungenem Gleichmut:

„Es müßte dir doch bekannt sein, daß vor allem die sogenannten Energieriesen und die Fabriken, die den von dir gefahrenen Rasenmähtraktor herstellen, länger leben. Ich habe dir auch schon versichert, das Sägen mit der Hand bekommt mir in gesundheitlicher Hinsicht ausgesprochen gut.“

Schuchs verkniffene Augen zeigen Zweifel. „Das glaubst du doch selber nicht! Du ähnelst ja schon einem Glockenstrick, Paul!“

Lodenbrink unterbricht sich nun doch im Sägen und stemmt seine Fäuste in seine angeblich zu mageren Hüften, während er den Quälgeist, der auf seinem Zaun liegt, ins Auge faßt.

„Das kommt von den vielen Anwürfen, die ich mir von gewissen hilfsbereiten Nachbarn gefallen lassen muß, mein lieber Thomas!“

Damit fährt Lodenbrink im Sägen fort. Schuch dagegen richtet sich auf. Seine mildes Lächeln könnte im besten Fall als Nachsicht einem verschrobenen Sonderling gegenüber gedeutet werden. Er verschwindet zwischen den Gebüschen.


Szene 3

An Lodenbrinks Tisch sitzt eine Frau, die deutlich jünger ist als er. Außerdem thront ein weicher Hut mit ausladender Krempe, der vorher nicht da war, auf dem Vogelbauer. Lodenbrink kommt mit der Kaffeekanne aus seiner Küchennische und schenkt ein. Nachdem er ebenfalls am Tisch Platz genommen hat, deutet er mit auffordernder Handbewegung auf einen runden Kuchen:

„Selbst gebacken, Ute! Schneide ihn an!“

Ute lächelt und folgt der Aufforderung. Sie probiert und nickt: „Vorzüglich! Hattest du nie mit dem Gedanken gespielt, Konditor oder Koch statt Zimmermann zu werden?“

Lodenbrink schüttelt den Kopf. „Habe ich nie. In unserer Familie waren alle Männer seit Generationen Zimmermänner.“

„Und die Frauen?“

Lodenbrink lacht auf und winkt ab: „Gebärmaschinen.“

Ute nickt. Nachdem sie einen Schluck Kaffee genommen hat, greift sie in ihren kleinen Rucksack, der neben ihrem Stuhl am Tischbein lehnt. Sie zieht die Lokalzeitung hervor. Sie entfaltet sie und findet dadurch auf Anhieb die Meldung, die sie sich angekreuzt hat. Sie liest sie Lodenbrink vor.

Nach jüngster Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes ist der Niedriglohnsektor in der BRD so stark angewachsen wie in kaum einem anderen Land. 13 Millionen Arbeitnehmer seien atypisch, 7 Millionen billig beschäftigt. Dabei seien 1,4 Millionen gezwungen, ihr Einkommen durch das neue, im Volksmund „Hartz IV“ genannte Arbeitslosengeld II aufzustocken. Diese Subventionierung habe den Staat bis heute 50 Milliarden Euro gekostet.*

Ute läßt die Zeitung sinken und ergänzt: „Wobei sie die Tatsache übergehen, daß es sich hier um eine Subventionierung der Kapitalisten handelt. Außerdem vernachlässigen sie die Unmengen an Erwerbslosen, die sich unsere Soziale Marktwirtschaft leistet – mindestens acht Millionen, würde ich sagen.“

Lodenbrink nickt, kippt sich erbost einen Schluck Kaffee in den Hals und schnaubt: „Und wo kommt es denn her, dieses neue Hartz IV, diese ganze sogenannte Sozialreform? Von einer rotgrünen Bande, die just vom lieben Deutschen Gewerkschaftsbund mit den Händen in die Regierung getragen worden ist! Könnte es denn auch nur einen Menschen, der die Regierungszeit Schröder/Fischer miterlebt hat, ernsthaft wundern, wenn die Massen morgen die Gewerkschaftshäuser anzündeten? Aber keine Bange, sie tun es nicht ...“

Lodenbrink sieht aus dem Fenster, grinst und nickt zum Gänsegehege: „Sie sind gansdumm ... Allenfalls schreien sie wieder nach einem Erlöser, der den Stall mit eisernem Besen ausfegt, und ginge die ganze Welt dabei drauf.“

Wie um ihn zu besänftigen, legt Ute ihre Hand auf Lodenbrinks rechten Arm, mit dem er nach dem Kuchenmesser gegriffen hat. Er vermerkt die Berührung mit Wohlgefallen. Doch dabei fällt sein Blick auf die Zeitung. Er nickt auf sie und erkundigt sich fast lauernd:

„Steht auch die Sache mit dem Rottweiler drin?“

Ute sieht ihn überrascht an. „Ja, richtig. Ich hätte es dir noch erzählt. Du weißt schon Bescheid?“

Lodenbrink nickt, ohne seinen lauernden Gesichtsausdruck abzulegen. „Ich hörte es in den Rundfunknachrichten.“

Ute mustert ihn eindringlich. „Ich sagte mir natürlich gleich: das ist etwas für Paul. Endlich mal wieder eine gute Zeitungsnachricht. Aber ich weiß nicht ... Ich habe das Gefühl, du kennst die Geschichte brühwärmer als ich ...“

Lodenbrink reibt sich sein Kinn und eröffnet seiner Besucherin: „Sie stammt von mir, Ute. Der Schütze war ich. Und es wird nur der Auftakt gewesen sein.“

Auf Utes Gesicht steht eine Mischung aus Belustigung und Erschrecken. Ihren Blick an Lodenbrink geheftet, lehnt sie sich langsam im Stuhl zurück, wobei sie beide Hände in ihren Schoß legt.

„Ich habe mir fast so etwas gedacht. Aber seit wann willst du denn Schütze sein? Hast du mir nicht vor längerer Zeit erzählt, du seist um 1960 mehrmals als Kriegsdienstverweigerer durchgefallen und deshalb nach Westberlin gegangen?“

Lodenbrink lächelt. „Das war nicht falsch, wenn auch nur die halbe Wahrheit. Von dort aus habe ich mich bald darauf in ein palästinensisches Ausbildungscamp begeben. Um ein Haar wäre ich sogar bei der RAF gelandet. Glücklicherweise bin ich auf Anraten meiner damaligen Geliebten noch rechtzeitig ausgestiegen. Aber es erhielten sich gewisse Kontakte, und so kam ich kürzlich auch an mein erstklassiges Scharfschützengewehr, das mich übrigens eine schön Stange Geld gekostet hat. Willst du es einmal sehen? Dann müßten wir allerdings zuerst die Gardinen vorziehen ...“

Das letzte hat Lodenbrink wieder mit einem lauernden Gesichtsausdruck vorgebracht. Aber Ute geht nicht darauf ein. Lodenbrinks Eröffnung scheint sie doch ziemlich zu beunruhigen.

„Du sagtest, es sei erst der Auftakt gewesen. Und wie soll das alles enden? Willst du die Revolution als das Gegenteil eines Tierschützers bewerkstelligen? Und dann noch im Alleingang?“

Lodenbrink sieht eine Weile aus dem Fenster. Schließlich erklärt er mit unterdrückter, gleichwohl scharfer Stimme: „Es geht nicht um die Revolution. Und du weißt das sehr wohl. Es geht darum zu verhindern, daß ich platze. Und wo es endet, ist mir gleichgültig. Was habe ich schon zu verlieren? Ein 71jähriges Leben in Ohnmacht. Eine Rente, von der andere noch nicht einmal ihren anspruchsvollen Hund füttern könnten. Die Chance, mit Verblödung, genannt Altersdemenz, im Rollstuhl zu sitzen. Das habe ich zu verlieren.“

„Und wenn sie dich fangen und bei bester Gesundheit ins Gefängnis stecken?“

Lodenbrink macht eine wegwerfende Handbewegung. „Sollen sie doch! Ich werde sie bei meinem Prozeß bis auf die Knochen beschämen. Und im Knast dürfte ich die Muße haben, über alles ein Buch zu schreiben.“ (Er lächelt ironisch) „Vielleicht werde ich für ein paar Leute sogar zum Helden? Zum Beispiel für dich? Daß du dich von mir erobern läßt?“

Ute errötet leicht und schüttelt ihren Kopf wie über einen Frechdachs. Schließlich steht sie auf, um sich auf Lodenbrinks Schoß zu setzen. Sie umfaßt Lodenbrinks scharfe Wangenknochen und sagt:

„Aber das wolltest du doch nie, mein Bester! Deine Freiheit, deine Nichtverstrickung war dir immer lieber.“

Er zieht sie an sich und sagt über ihre Schulter: „Ja, das stimmt. Das wollte ich nie. Und jetzt ist es zu spät.“

* April 2011


Szene 4

Abends. Auf einem Schemel unweit des Vogelbauers spielt Lodenbrink Akkordeon. Der Bauer ist noch nicht verhangen. Auch der Hut fehlt. Lodenbrinks Klimpern klingt zunächst suchend, oder verstört. Man hat nicht den Eindruck, er schwelge in Musik, oder in seiner Einsamkeit. Da er aber immer wieder auf ähnliche Instrumentenläufe zurückkommt, die ihm nicht so recht von der Hand gehen wollen, könnte man sich auch an Lodenbrinks Halsstarrigkeit erinnert fühlen.

Lodenbrink unterbricht sich, schüttelt ungehalten den Kopf, sieht zum Vogelbauer – und nickt erleichtert: „Weißt du was, Frido, ich spiele lieber mal das Lied vom Pferd, das können wir wenigstens beide.“

(Folgt das Lied das pferd (mp3, 2,782 KB) , eventuell nur auszugsweise. Liedtext siehe CD Schneeschippen, gegen Ende des Beitrags.)

Lodenbrink hängt dem Lied eine Weile nach. Dann nickt er: „Ich wollte immer ein Pferd, nie einen Hund, wie doch die meisten Kinder ... Ein Pferd, das ist die Kraft und die Sanftmut in Person, für mein Empfinden ... Schuch will auch keinen Hund, Gott sei Dank, aber dafür hält er diese elenden Schreihälse. Zum Dank für ihren Wachdienst kommen sie an Weihnachten in Schuchs Bratröhre ...“ (Reibt sich die Hände) „Morgen wird der Schäferhund von dieser Tusnelda aus dem Geschäft für Anglerbedarf aufs Korn genommen, Frido! Dann wird sie das geliebte Training auf dem Hundeplatz erst einmal verschmerzen müssen.“

Lodenbrink blickt zu dem Holzpfosten mit den Kreidestrichen. Dadurch wird klar, daß der Schäferhund schon das vierte Todesopfer sein wird. Dann wendet er sich wieder an Frido.

„Ute erzählte mir von einem Bekannten, der bei der Ex-PDS ist, du weißt schon, ich meine diesen neuen Koalitionspartner der alten Arbeiterverräter, der sich diesen geradezu unausprechlichen Namen angemaßt hat. Der Bekannte habe dem Hundekiller zugute gehalten, immerhin vor Menschen Halt zu machen. Ich gestehe, dieses Lob beschämt mich eher. Paul Lodenbrink macht vor dieser angenehmen Bevölkerung Halt, die ihr eigenes Auto mehr als ein fremdes Kind liebt ... Vor diesem Volk, das nichts dagegen hat, wenn ab und zu ein Neger erschlagen wird ... Oder wenn seine Bankdirektoren ganze Volkswirtschaften zertrümmern ... Aber von der Politik einmal abgesehen, Frido – kannst du mir verraten, wieso der Mensch wertvoller als der Hund sein soll? Oder als ein Vogel, mein Schätzchen? Niemand kennt doch die Pläne, die eine sogenannte Schöpfung mit ihren sogenannten Geschöpfen verfolgt hat. Man weiß nicht, wozu ein Mensch, ein Hund, ein Vogel gut ist. Entweder achtet man sie alle, oder keinen. Oder vielleicht sagt man sich auch, es komme ganz auf den Einzelfall an, ob ein Geschöpf liebenswert sei oder nicht. Ute behauptet, ihr Bruder Ralf hätte einen Neufundländer, der ganz unaufdringlich sei, nicht so eine Sklavennatur, die rund um die Uhr um Koseworte, Befehle, Küsse und Fußtritte winselt. Sie haben ein schwarzes Fell, glaube ich, diese Neufundländer. Was sollst du dagegen von einer Kreatur wie Barack Obama halten, die Präsidentenwahlen mit dem Schwur gewinnt, die Truppen aus Afghanistan abzuziehen – um diese Truppen nach der Wahl flugs zu verdoppeln? Die ihre vielen humanitären Einsätze in den Schurkenländern dieser Welt mit Bomben und Drohnen aus sicherer Entfernung bestreitet? Aber mir vorwerfen, ich agierte aus dem Hinterhalt! Du sollst Obama also für den Friedensnobelpreis vorschlagen, mein Schätzchen. Und was sollst du erst von Wolf Biermann halten, diesem bedauerlichen Opfer der Mauer, das sich bei Nacht und Nebel und Blitzlichtgewitter in die Arme westlicher Schallenplattenkonzerne und der revolutionären Hamburger Tageszeitung Die Welt flüchten mußte? Großes Bundesverdienstkreuz am Bande, Frido. Hätte er Ehre im Leibe, würde er sich daran aufhängen.“

Lodenbrink schüttelt angewidert den Kopf. Um seine trübsinnig stimmenden Gedanken an Verrat und Tod zu verscheuchen, greift er wieder ins Akkordeon, das er die ganze Zeit über auf dem Schoß hatte. Er gerät in das Lied vom Pferd, seine Miene hellt sich auf. Er wiederholt daraus den folgenden Teil.

Wenns ihm gefällt ... Ohne Handschellen und Fußketten. In dieser Welt / wärs sogar in Freiheit rettend, man hätt ein dickes Fell.


Szene 5

Am Tage. Lodenbrink betritt sein Häuschen. Er macht die Tür hinter sich zu, verriegelt sie aber nicht. Während er seine Schiebermütze an den Haken hängt, äugt er stirnrunzelnd durch das schmale Fenster seines Vorraums in den Hof. Gleich darauf schüttelt er allerdings unwirsch den Kopf und geht mit beinahe feierlichem Schritt zum Holzpfosten neben der Klotür. Er setzt den vierten Kreidestrich. Nachdem er ihn gebührend bewundert hat, wendet er sich zum Vogelbauer.

„Wieder ein erfolgreicher humanitärer Einsatz! Ich habe das deutsche Volk von einem deutschen Schäferhund befreit ... Dummerweise kams mir eben im Hof so vor, als hätten sich hinterm Staketenzaun die Büsche bewegt. Hoffen wir, es war nur Schuchs Kater. Schuch selber wird ja wohl nicht die Dreistigkeit besitzen, über den Zaun zu steigen, um sich meine Brennholzfuhre näher anzusehen? Aber was will ich machen? Ich kann das Futteral erst hereinholen, wenn es draußen dunkel ist. Was sagt überhaupt die Uhr?“ (Blickt zur Wand) „Aha, kurz vor Zwei. Vor ungefähr anderthalb Stunden habe ich den Schuß abgegeben.“

Lodenbrink geht zum Radio und schaltet es ein. Diesmal gerät er in einen bekannten Schlager aus den 1930er Jahren, wie er verdutzt zur Kenntnis nimmt. Die Comedian Harmonists singen Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt ... Da hellt sich Lodenbrinks Miene rasch auf. Er ruft seinem Hänfling zu:

„Glück gehabt – das ist die Oldie-Sendung! Und was für ein Glück!“

Lodenbrinks Schmunzeln geht in Gelächter über, ja in einen regelrechten Lachanfall, der möglicherweise den Spannungen von der Pirsch geschuldet ist, die sich jetzt auf diese Weise entladen. Während sich Lodenbrink vor Lachen krümmt und schüttelt, sucht er an dem langen Fuß des Vogelbauers Halt, der dabei natürlich ins Schwanken gerät. Er hat Mühe, einen Unfall zu vermeiden, und hält sich anschließend an seinem Tisch fest. Dadurch ebbt der Anfall ab. Das Ende des Liedes tut das seine hinzu, folgen doch sofort die Lokalnachrichten, die dieses Mal mit dem Hundemord beginnen. Nur Lodenbrinks Brust bebt noch, während er mit verkniffenen Augen auf den Teppich starrt und zuhört.

Die Entschlossenheit des sogenannten Hundemörders von Deusenburg hat heute mittag ein viertes Todesopfer gefordert. Unweit des Biberteichs wurde der Schäferhund der Inhaberin eines Angelsportgeschäftes erschossen, die in ihrer Mittagspause dort mit ihm spazierenging. Offenbar erfolgte der Anschlag erneut aus dem Hinterhalt. Die Frau konnte noch nicht vernommen werden, weil sie mit einem Schock ins Kreiskrankenhaus eingeliefert worden ist. Die Kriminalpolizei hat das Gelände weitläufig abgesperrt. Mit Unterstützung durch Beamte des Bundesgrenzschutzes wird es zur Zeit durchkämmt. Man werde zumindest Spuren finden, versicherte ein Sprecher. Er betonte, die Ordnungskräfte seien ihrerseits entschlossen, dem Serientäter schnellstmöglich das Handwerk zu legen. Die Bevölkerung werde deshalb umso dringlicher um sachdienliche Hinweise gebeten. Er kündigte auch eine deutliche Verstärkung der Streifen im mutmaßlichen Tatgebiet an.

Lodenbrink geht zum Radio und stellt es aus. Sein Atem hat sich wieder beruhigt. Sein Kommentar beläuft sich zunächst auf ein spöttisches Lächeln und die Worte „So so ...“ Damit taucht er in seine Kochnische. Dem Hänfling ruft er erklärend zu, er müsse sich erst einmal etwas in die Pfanne hauen, das habe er ja wohl verdient. Man hört ihn hantieren und hört es Bruzzeln. Nun stellt Lodenbrink weiter fest:

„Den Vogel schießt natürlich wieder die Bild-Zeitung ab ... Ach so – entschuldige bitte, ich wollte dich nicht ängstigen. Dir wird niemand ein Haar krümmen, schließlich habe ich ein erstklassiges Gewehr, wie sich inzwischen erwiesen hat ... Ich sah die Bild heute morgen beim Bäcker, das wird einem ja nicht erspart. Wer Brot frißt, soll gefälligst auch Bild fressen. Ist der Hundekiller Koranschüler gewesen? stand auf der Titelseite. Die Lettern wie üblich hoch wie Minarette. Es hätte mich natürlich interessiert zu erfahren, welchen Anhaltspunkten sich die Vermutung des Sudelblattes verdankt, aber ich konnte den Artikel nicht mehr lesen, weil sich ja seit 1989/90 vor den Tresen unserer Läden keine Schlangen mehr bilden. Ich kam sofort dran. Dafür Bilden sich die Ostdeutschen jetzt.“

Nach einem lauten Zischen (aus der Pfanne) fährt Lodenbrink aufgeräumt fort: „Ich sage dir, seitdem ich an diesen Kreidestrichen arbeite, fühle ich mich wie ein Herwarth Walden, der gerade den Expressionismus erfunden hat. Oder wie Joseph Beuys bei der Entdeckung, eigentlich handele es sich bei den Hundekothaufen vor seiner Düsseldorfer Wohnung um eindrucksvolle Kunstwerke.“

Nach einem Scheppern fährt Lodenbrink fort: „Verdammt, jetzt ist mir der Pfannendeckel genau auf den Fuß gefallen, mit dem ich vorhin am Biberteich in einem Stacheldrahtzaun hängen geblieben bin! Vielleicht finden sie ja ein Fädchen von meinen Socken, daß die Polizeiköter was zum Schnüffeln haben. Und ein paar Acker weiter mußte ich an einem Hochsitz erst einmal Wasser lassen. Da können sie mich auf Vogelgrippe, Rinderwahnsinn oder EHEC testen, wie sie das Virusgespenst dieses Jahres tauften. Es ist schon wieder abgezogen. Wahrscheinlich hat es sich in die Stallwärme des Labors der Gentechnikfirma Monsanto zurückgezogen, von wo es kam. Es habe leider nur 40 Tote hinterlassen, wird kleinlaut vermerkt. Weißt du, für wieviele Tote allein eine herkömmliche Wintergrippe sorgt? Oder der „normale“ Straßenverkehr? Jeden Tag 10. Tag für Tag 10 Verkehrstote, das ist in Deutschland die Norm. Und weitere 100 Todesfälle täglich bescheren uns die Krankenhausinfektionen, wie ich neulich gelesen habe.* Das ist doch prima! Man begibt sich zwecks Heilung eines Beinbruchs in eine mit allen Raffinessen ausgestattete Klinik und kommt mit Aids wieder heraus. Klagst du dagegen, falls du die Möpse und die Nerven dazu hast, hauen dich der Staranwalt des Klinikkonzerns oder ein bestochener Staatsanwalt oder beide so tüchtig in die Pfanne, daß du auf deinen Eiern nach Hause gehen kannst.“

Lodenbrink erscheint mit der dampfenden Pfanne in der Hand und nickt seinem Hänfling ingrimmig zu, bevor er die Pfanne auf einem Stück Wellpappe absetzt, das bereits auf dem Tisch liegt. Statt Platz zu nehmen, bleibt er jedoch zwischen Vogelbauer und Tisch stehen und macht ein mißmutiges Gesicht.

„Verdammt, jetzt muß ich schon wieder Wasser lassen!“

Er wendet sich zur Klotür, hält aber am Bauer inne: „Was eigentlich die große Erleichterung an meinem Feldzug ist, mein lieber Fridolin, wird mir jetzt erst klar. Ich wehre mich! Ich lasse mich nicht mehr zur Ohnmacht verurteilen! Man muß meine Einwände endlich zur Kenntnis nehmen! Die tägliche Zumutung beläuft sich ja nicht auf die paar Viren der Saison. Vor bald 50 Jahren habe ich, wie viele tausend andere, gegen den Vietnamkrieg demonstriert. Kaum war er beendet, kamen die Golfkriege. Dann Afghanistan. Dann 1999 der Überfall auf Jugoslawien, 2003 der Irakkrieg. Immer haben wir demonstriert. Im letzten Fall waren es sogar viele Millionen. Und was hat es genützt? Richtig. Und im Moment bieten sie all ihre Propagandatüten auf, um den libyschen Staatschef Gaddafi als Ausgeburt eines Milliarden Lichtjahre entfernten Schwarzen Lochs zu brandmarken, mit dem sie naturgemäß nie etwas zu tun hatten. Oder um die Kernschmelze in Fukushima als angebrannten Reibekuchen auszugeben. Oder um uns einzuschärfen, das Renteneintrittsalter müsse der Drohung Noahs angepaßt werden, der laut Bibel 950 Jahre alt geworden ist.“ (Verkneift im Gehen die Kniee und greift nach der Klotürklinke) „Ich glaube, ich spute mich mal, sonst ereilt uns noch die Sintflut ...!“

Lodenbrink verschwindet im Klo.

* „Bis zu 30.000 Tote pro Jahr durch Krankenhausinfektionen“: aerzteblatt.de, 9. Mai 2011


Szene 6

Abends. Lodenbrink sitzt an seinem Tisch und liest in einem Buch, auf das Licht einer Stehlampe fällt. Die Gardinen sind geschlossen. Der Vogelbauer ist verhangen. Lodenbrink pfeift durch die Zähne, schreibt etwas auf einen Zettel, der neben dem Buch liegt, und liest weiter. Als es an die Haustür klopft, hebt er verwundert die Brauen. Schließlich fragt er laut:

„Ute?“

„Nein, ich bin's – Thomas. Ich hoffe, ich störe nicht.“

Schuchs Stimme ist nicht gerade dazu angetan, Lodenbrinks Miene zu glätten. Er erhebt sich jedoch und sagt: „Schon gut, ich mache auf.“

Er läßt seinen Nachbarn ein und sieht ihn fragend an. Schuch erklärt in gesuchter Fröhlichkeit:

„Ich sagte mir, du bist schon viel zu lange nicht mehr bei Paul gewesen. Wertvolle Freundschaften muß man sich erhalten.“

Lodenbrink macht „Hm hm“ und deutet einladend zum Tisch. Schuch geht dort hin. Lodenbrink folgt ihm. Lodenbrinks Gesicht ist nun die Ahnung zu entnehmen, sein Nachbar führe etwas im Schilde. Die Tatsache, daß sich Schuch „unauffällig“ im Häuschen umsieht, bestärkt ihn in dieser Ahnung.

Nachdem sie beide am Tisch Platz genommen haben, wird rasch klar, Schuch hat nicht vor, lange Versteck zu spielen. Er klopft wie ein Specht mit gekrümmten Zeigefinger auf das geöffnete Buch und zwinkert verschmitzt:

„Etwas Erbauliches zum Abendausklang? Wie angle ich mir einen Deutschen Schäferhund? oder dergleichen ..?“

Lodenbrink schluckt, hat sich aber gleich wieder in der Gewalt. Er sieht seinen Besucher unverwandt an. Schließlich lächelt er spöttisch:

„Sprich nur weiter, Thomas.“

Schuch verstülpt seine Lippen und nickt bedächtig. „Ja ... Man kann natürlich auch in einem schlauen Mathematikbuch studieren, wieviele Raummeter Holz auf einen Fahrradanhänger passen, wenn man auch noch eine Kanone zu befördern hat ... Um es klar und deutlich zu sagen, Paul: Ich weine den Kötern keine Tränen nach. Du weißt, warum ich Gänse habe. Andererseits brauchen diese Viecher viel Auslauf. Ich meine: meine Gänse. Und mein Interesse an deiner Unkrautwildnis da hinten“ (er winkt mit dem Daumen auf die geschlossenen Fenstervorhänge) „ist dir ja auch schon seit einiger Zeit bekannt. Du wolltest nichts mehr davon hören, hast du mir wiederholt versichert, aber nun überlegst du es dir vielleicht noch einmal. Du kannst dir ruhig ein paar Tage Zeit lassen – so schnell schießen die Preußen ja nicht, wie es so schön in einem Sprichwort heißt.“

Lodenbrink sieht ihn verächtlich an. „Ja, und du bist ein schöner Erpresser – wie es im Buche steht.“

Schuch schlägt in gespieltem Ärger mit der flachen Hand auf den Tisch und erhebt sich dabei schon. „Aber nicht doch, Paul! Unser gutes Verhältnis wird durch diesen kleinen Tauschhandel um keinen Deut getrübt! Du überläßt mir die Wiese, die du ja sowieso nie nutzen kannst, und damit hat es sich. Ich werde schweigen wie ein Grab. Darauf kannst du mein Ehrenwort haben.“

Schuch ist für einen Moment versucht, dem reglos am Tisch sitzenden Lodenbrink die Hand zu bieten, sieht aber noch rechtzeitig ein, Lodenbrink würde womöglich in sie spucken. Er will Lodenbrink nicht über Gebühr reizen oder gar demütigen – schließlich braucht er den alten Querkopf. So klopft er stattdessen mit seinen Fingerknöcheln auf den Tisch, nickt Lodenbrink kumpelhaft zu und zieht sich zurück.

Lodenbrink sieht ihm nicht nach. Er hat inzwischen die Lippen verstülpt und starrt auf eine Zimmerwand. Er hört vielleicht, wie sein Besucher die Tür hinter sich schließt und sich über den Hof entfernt. Nach einer Weile läßt sich auch die Nachtigall wieder vernehmen, die wir bereits kennen. Sie kann die Stille, in der Lodenbrink die jüngste Bestätigung seiner wenig vorteilhaften Meinung von der Menschheit zu verdauen sucht, nur unterstreichen. Nach geraumer Zeit rührt sich Lodenbrink, den Blick zu seinem Telefon geschwenkt – aber er läßt sich wieder auf seinem Stuhl zurücksinken. Er sagt:

„Nein, ich werde sie da nicht hereinziehen. Daß wir von Lumpen umzingelt sind, weiß sie auch so. Und was könnte sie mir schon raten? Sie wird mir wohl kaum vorschlagen, als nächsten meinen netten Nachbarn zu erschießen.“

Lodenbrink verfällt in die vorangegangene Starre. Die Nachtigall schlägt. Langsam verlischt das Licht. Es ist nicht mit Sicherheit festzustellen, ob dabei Tränen in Lodenbrinks Augenwinkeln schimmern.


Szene 7

Lodenbrink hackt das Holz, das er am Vortag gesägt hat. Die Brennholzfuhre auf seinem Fahrradanhänger rührt er nicht an. Da sich aus den Büschen und Bäumen etliche Vögel vernehmen lassen, dürfte es noch am Vormittag sein. Man hört auch die Nachtigall wieder, singt sie doch durchaus gern auch am Tage. Man könnte glauben, beide hätten sozusagen „durchgemacht“: die Nachtigall und Lodenbrink in seinem Gram, den man ihm ansieht. Vielleicht läßt sich auch Schuchs Kater blicken, aber der Herr Nachbar selber hält sich wohlweislich bedeckt.

Bei einem widerbostigem Stück mit Astspunden angelangt, wird Lodenbrink so zornig, daß er sich um ein Haar ins Knie hackt. Er flucht, will die Axt schon von sich schleudern, besinnt sich jedoch, umkrampft sie nur fest und stapft ins Haus.

Er stapft geradewegs auf den Vogelbauer zu. Gedenkt er etwa, seinen Hänfling umzubringen?

Lodenbrink macht vor dem Bauer halt und schüttelt drohend die Axt. „Jetzt erst recht, Fridolin, das kannst du mir glauben! Ich habe diese Sache begonnen und werde sie auch zu Ende bringen. Ich kann dir noch mindestens 15 Köter nennen, die mir, seit ich hier wohne und durch die Fluren streife, in die Quere gekommen sind. 15 aggressive Herrchen oder Dämchen, genauer gesagt! Heute kommt der Dobermann von diesem Zuhältertypen aus der Bahnhofsstraße dran. Wenn du ihn sähest, würdest du es gar nicht glauben. Seine tätowierten Muskelpakete stecken stets in piekfeinen schwarzen Klamotten, trotzdem erinnert er an einen mit Schmuck behangenen Weihnachtsbaum. Wie sich versteht, chauffiert er seinen Köter in einem Porsche, der ebenfalls schwarz lackiert ist, in die Fluren hinaus. Da hat er heute gleich einen Leichenwagen.“

Die klärende Ansprache hat zu Lodenbrinks Besänftigung beigetragen. Nach einem Blick zur Wanduhr legt er das Beil auf den Tisch und geht zu seinem Telefon.

„Ich werde allerdings Ute fragen, ob sie nicht am Nachmittag herkommen kann, um mich zu erwarten. Dann kann sie dir auch Gesellschaft leisten, Fridolin, ich traue dem Schuch inzwischen alles zu. Du weißt, daß er für Notfälle einen Hausschlüssel von mir hat? Ja, das ist natürlich saublöd, läßt sich aber im Moment nicht ändern.“

Während seiner Erklärung hat er bereits gewählt. Jetzt legt er den Hörer wieder auf.

„Mist, sie ist nicht da. Na, ich probiere es in einer halben Stunde noch einmal. Weißt du, wenn ich wüßte, sie sitzt hier, während ich auf der Pirsch bin, wäre das sozusagen eine erfreuliche moralische Unterstützung. Du kannst auch Solidarität dazu sagen, falls deine Vorfahren aus der DDR stammen sollten.“ (Er steht jetzt am Bauer) „Ich hoffe, sie haben dir wenigstens den bekannten Song von Brecht/Eisler beigebracht?“ (Er pfeift ein paar Takte des Refrains) „Na prima, du kennst ihn also. Dann laß uns mal loslegen!“

Während Lodenbrink mit der Linken nach der Fußstange des Vogelbauers und der Rechten nach seinem auf dem Tisch liegenden Beil greift, bewegt er sich bereits im Takt des Refrains, den er laut singt. So marschiert er in seinem Zimmer im Kreis. Bauer und Beil, beide heftig schwankend, nimmt er dabei als „Tambourstäbe“, mit denen er den Takt schlägt. Möglicherweise wiederholt er den Refrain. Die Szene wird bei diesem „Tanz“ ausgeblendet.

(Refrain des Solidaritätsliedes: Vorwärts und nie vergessen, worin unsere Stärke besteht. Beim Hungern und beim Essen, vorwärts und nie vergessen: die Solidarität!)


Szene 8

Ute geht unruhig in Lodenbrinks Zimmer umher. Ihr Hut thront wie schon früher auf dem Vogelbauer. Sie nimmt einen Schluck Saft aus einem Glas, das auf dem Tisch steht, ohne dadurch ruhiger zu werden. Ihre Bewegung im Zimmer könnte als Aktion gedeutet werden, die Lodenbrinks „Solidaritäts-Tanz“ vom Vormittag auf karikierende, eher unheilvolle Weise aufgenommen hat. Als ihr Blick auf den schwarzen Koffer fällt, der Lodenbrinks Akkordeon enthält, seufzt sie:

„Wenn ich wenigstens Akkordeon spielen könnte! Es wäre ein Zeitvertreib. Stricken tun ja heute nur noch Frauen in anarchistischen Kommunen. Aber sie warten dabei nicht auf ihre jagenden Helden.“

Sie wendet sich zum Vogelbauer. „Du hast es gut, Fridolin! ... Wie oft haben schon Menschen Vögel beneidet – mal um ihre grenzenlose Freiheit, mal um ihren goldenen Käfig. Sicherlich Milliarden Male.“

Sie faßt sich an den Hals und blickt gequält schnüffelnd im Zimmer umher. „Es ist stickig hier. Ich muß einmal lüften.“

Sie geht zur Hintertür und öffnet sie. Prompt prallt sie zurück, weil Schuchs Gänse schreien. Sie geht kopfschüttelnd durchs Zimmer. Nach kaum einer Minute schließt sie die Tür wieder, wodurch sie die Gänse zum Verstummen bringt. Plötzlich lacht sie auf und wendet sich erneut zum Vogelbauer.

„Als ich einmal hier übernachtet habe – es war vor deiner Zeit, Fridolin – erging es mir auch schon so: ich machte die Tür auf, um frische Luft zu schnappen, und wurde mit diesen widerlichen Schreien überschüttet. Mein Gott, dachte ich, Paul hat ein Dutzend Tugendwächterinnen. Er meinte aber dann beim Frühstück, es seien die Tugendwächter seines Nachbarn, also die von Schuch. Er hat keine Frau, falls du's nicht weißt. Vielleicht hat er deshalb den Kater. Einmal lief ich ihm vorn an der Straße über den Weg, ich meine: dem Schuch. Na, Sie haben ja einen flotten Hut, sagte er zu mir. Ich nickte nur fröhlich. Vermutlich hatte er seine Bemerkung nicht als Kompliment gemeint.“

Sie nimmt den Hut vom Vogelbauer, um ihn sich selbst aufzusetzen. Sie ist versucht, sich nach einem Spiegel umzusehen, damit sie den Sitz des Hutes überprüfen könne. Doch sie hält inne:

„Er hat ja keinen. Es fiel mir schon damals gleich auf. Aber wir sprachen nie darüber, daß er keinen Spiegel im Hause hat. Ich wollte nicht als eitel gelten.“

Sie setzt den Hut auf den Vogelbauer zurück und mustert ihn eine Weile. „Früher haben sie Blumengebinde auf dem Hut gehabt. Die betuchtesten Damen, heißt es, führten sogar ganze Vogelnester auf ihrem Kopf spazieren. Die müssen wirklich eine Meise gehabt haben, Fridolin. Aber wer weiß, ob du das nicht auch von mir denkst, obwohl mein Hut ja eher schlicht gehalten ist. Es ist nicht Gefallsucht oder Prahlerei bei mir, mein Lieber, oh nein! Ich bin von Kind auf sehr sonnenempfindlich, deshalb trage ich ihn. Aber es war ein harter Kampf mit meiner Mutter, damals. Sie wollte, daß ich Sonnenbrille trage, nicht diese albernen Hüte. Aber ich hasse Sonnenbrillen, Fridolin. Sie verbergen den Blick. Sie machen es den Menschen noch leichter, sich zu verstellen. Die Frauen lieben Sonnenbrillen besonders, weil sie sich keine Bärte wachsen lassen können. Zum Glück hatte Paul nie einen Bart. Und trotzdem weiß man nie, was in dem anderen vorgeht, Fridolin – und sobald er den Mund aufmacht, lügt er. Es muß keine Absicht sein. Er belügt sich ja auch selber in einem fort. Weil er sich selber nicht versteht!“

Ihre Unruhe ist im Laufe des Monologs zurückgekehrt. Jetzt nimmt sie den Hut und dreht ihn in Händen, während sie verzweifelt zur Haustür blickt. „Ja wenn er doch endlich käme ... Und wenn schon? Wie soll es dann weitergehen?“


Szene 9

Trotz ihrer Unruhe ist Ute im Sessel eingenickt. Der Hut liegt vor ihr auf dem Teppich. Als vom Hof her Schritte erklingen, schlägt sie ihre Augen auf. Sie macht ein erfreutes Gesicht.

„Na Gott sei Dank!“

Sie steht rasch auf und geht zur Haustür. Plötzlich erstarrt sie, weil sie eine ihr unbekannte Männerstimme vernimmt.

„Siehst du hier irgendwo eine Klingel, Walter? ... Ich auch nicht ... Also ich sage dir, eine nagelneue Dragunow für drei- oder viertausend Euro kann sich der arme Rentner leisten, aber für eine Klingel hat's nicht mehr gereicht.“

Darauf kräftiges Pochen an die Tür. Ute wird bleich. Sie macht zögernd die letzten Schritte bis zur Tür und öffnet diese um einen Spalt. Gleich darauf erscheint in dem Spalt ein grüngefärbter Ausweis. Sie murmelt:

„Kriminalkommissar Jochen Pegel ...“

Die Männerstimme: „So ist es, junge Frau. Eigentlich suchen wir aber Herrn Lodenbrink. Ist er zu Hause?“

„Nein.“

„Aha ... Dürfen wir trotzdem für einen Augenblick herein kommen? Im Stehen unterhält es sich schlecht.“

„Nein!“

Damit will Ute die Tür ins Schloß drücken, scheitert jedoch am Fuß des Mannes, der ihr den Ausweis vor die Nase gehalten hat. Sie weicht verärgert zurück.

Pegel benutzt seinen erwähnten Fuß, um die Haustür aufzustoßen und sich erst einmal davon zu überzeugen, daß ihn die junge Frau nicht attackieren wird. Beide Hände Pegels stecken in den Seitentaschen seiner Lederjacke. Der Kommissar ist kaum 40 und damit möglicherweise jünger als Ute. Im Gegensatz zu seinem am Sägebock wartenden Kollegen hat er noch volles Kopfhaar. Jetzt nickt er und sagt über seine Schulter:

„In Ordnung, Walter. Schauen wir mal.“

Ute geht halb rückwärts gewandt ins Zimmer und lehnt sich, als sie ihn ertastet, an den Tisch. Man sieht ihr an, sie erwartet nichts Gutes. Aber sie behält ihre Fassung.

Pegel deutet auf den stämmigen Glatzkopf mit Schnauzbärtchen, der die Haustür hinter sich zugemacht hat:

„Mein Kollege Walter Nußbacher. Ein As im Schmetterlingsschwimmen, wenn Sie das kennen. Und Sie, wenn ich bitten darf?“

Nußbacher quittiert das Lob seines Kollegen mit einem leisen Lächeln. Auch der Preisschwimmer hat seine Hände in den Außentaschen seines geräumigen Jacketts versenkt, das ihm fast bis zu den Knien geht. Er ist um 50. Ute sagt:

„Ute Borchardt.“

Pegel zieht einen Notizblock aus seiner Jackeninnentasche. „Borchardt mit dt?“

„Ja.“

„Sie wohnen in Deusenburg, Frau Borchardt?“

„Ja. Im Ascher 17.“

„Dort sind Sie gemeldet?“

„Ja.“

Pegel steckt den Notizblock wieder ein, dankt Ute mit einem Nicken für die Auskunft und steckt dann auch seine Hände wieder in die Außentaschen seiner Jacke. Im folgenden sieht er sich, wie schon sein Kollege, im Häuschen um, ohne sich sonderlich zu bewegen. Nußbacher wirft auch Blicke in Kochnische, Klo und unter Lodenbrinks breites Bett. Schließlich blicken sich die beiden Beamten an – und nehmen wie auf ein Kommando die Hände aus ihren Jackentaschen. Nußbacher setzt sich rittlings auf einen Stuhl. Pegel klaubt Utes Hut vom Teppich und legt ihn nach einem kleinen mißbilligenden Kopfschütteln aufs Bett. Dann tritt er zu dem Holzpfosten am Klo. Nachdem er die Kreidestriche eine Weile gemustert hat, nimmt er das Kreidestückchen, das er auf einem nahen Bilderrahmen entdeckt, und setzt einen fünften Strich. Er legt die Kreide ordentlich zurück, wendet sich an Ute und sagt:

„Es war ein hübscher, gesunder Dobermann, Frau Borchardt ... Vielleicht können wir uns ein langwieriges Geplänkel ersparen: Was wissen Sie von der Sache?“

Ute starrt ihn mit halb geöffnetem Mund an. „Und was ist mit Paul?“

Pegel sieht fragend zu seinem Kollegen. Nußbacher scheint der Ansicht zu sein, man könne der Zeugin reinen Wein einschenken. Er macht es, auf süffisante Weise, gleich selbst:

„Sie meinen Herrn Lodenbrink? Ihn ereilte das Schicksal der Hunde.“

Während Ute noch blasser wird, wobei sich allerding auch Wut in ihren Gesichtsausdruck mischt, wirft Pegel seinem humorvollen Kollegen einen mißbilligenden Blick zu. Der hebt entschuldigend die Hand und erläutert:

„Als ihn eine Streife verfolgte, die den Anschlag auf den Dobermann beobachtet hatte, verschanzte sich Herr Lodenbrink hinter seinem mit Holz beladenen Fahrradanhänger, den er seinerseits hinter einem Felsen geparkt hatte, und schoß auf alles, was sich ihm zu nähern drohte. Dabei erwischte es einen von unseren Kollegen am Oberschenkel. Aber unterdessen erklomm ein anderer Kollege den Felsen und machte den Täter, der zuletzt auch auf ihn schoß, von oben aus unschädlich. Es ließ sich nicht vermeiden. Sie können uns glauben, Frau Borchardt, wir hätten Herrn Lodenbrink lieber vernommen.“

Ute flüstert: „Er war gleich tot?“

Nußbacher nickt. „Er war gleich tot.“

Nachdem Pegel pietätvoll eine halbe Minute gewartet hat, stellt er fest: „Wen wir jetzt, wie schon angedeutet, stattdessen gern vernehmen würden, das wären Sie, Frau Borchardt. Sind Sie jetzt so nett, uns ein paar Fragen zu beantworten?“

Ute, wie aus der Pistole geschossen: „Nein!“

Pegel hebt die Brauen. „Aber ...“

Ute unterbricht ihn sofort. Sie erwidert scharf: „Ich sagte Nein! Erstens möchte ich eine offizielle Vorladung sehen, falls Sie mich vernehmen möchten. Ich werde dann in Begleitung meines Rechtsanwaltes erscheinen. Und zweitens möchte ich, daß Sie mich jetzt allein lassen. Die Sache nimmt mich doch arg mit.“

Blickwechsel zwischen Pegel und Nußbacher. Dieser kratzt sich auf seinem kahlen Kopf. „Wenn ich mich nicht täusche, Frau Borchardt, waren Sie mit Herrn Lodenbrink weder verheiratet noch verwandt. Das hieße aber, Sie hätten hier mitnichten Hausrecht.“

Ute sucht in ihrer Empörung entweder nach einer Waffe oder nach einem Halt; jedenfalls greift sie nach ihrem auf dem Bett liegenden Hut, und während sie diesen umkrampft, schreit sie:

„Hauen Sie jetzt endlich ab!“

Erneuter Blickwechsel. Nußbacher zuckt die Achseln. „Die Tatwaffe haben wir ja, Jochen. Ich glaube, wir brauchen die Bude noch nicht einmal zu versiegeln.“

Pegel nickt und wendet sich zur Haustür, ohne Ute noch einmal anzusehen. Nußbacher folgt ihm sofort. Sie machen die Haustür hinter sich zu und gehen Seite an Seite über den Hof. Unterdessen lehnt Ute wieder am Tisch, mit der einen Hand abgestützt, in der anderen den zerdrückten Hut.


Szene 10

Vormittags. Schuch am Zaun. Nachdem er glaubt, die Luft sei rein, klettert er über den Zaun und überquert den Hof. In seinem Fahrwasser der Kater. Schuch sieht sich auch vorm Haus noch einmal sichernd um. Dann schließt er auf, tritt ein, bedeutet seinem Kater, ihm zu folgen, und macht die Tür wieder zu.

Sie stehen im Zimmer. Schuch sieht sich nur flüchtig um. Dabei scheint er vor allem die Fenster zu mustern. Sie sind geschlossen. Dann faßt er den Vogelbauer ins Auge. Schuch erklärt:

„So ist es auch gut, mein Goldspatz. Dein Lodenbrink ist mausetot, und diese Mieze mit dem idiotischen Hut, vermutlich seine Erbin, werde ich jede Wette über den Tisch ziehen ... Aber weißt du auch, wie sehr er mein Gänse gehaßt hat? Als ob sie ihm etwas zuleide getan hätten! Nein, mein Goldschatz, jetzt geht es dir an den Kragen!“

Schuch geht zum Bauer, sperrt dessen Tür auf, greift hinein – und nimmt lediglich den Wasser- und den Futternapf heraus. Den ersten schüttet er über dem Teppich aus und wirft ihn achtlos beiseite. Den zweiten steckt er in seine Jackentasche. Dann packt er die Fußstange des Käfigs und schüttelt auch den Hänfling mit ein paar kräftigen Bewegungen heraus. Schließlich wirft er das ganze Ding in Lodenbrinks Sessel; vielleicht ist es umgekippt. Der Vogel hat sich inzwischen auf Lodenbrinks Radio geflüchtet, von wo aus er kläglich ruft. Schuch nickt befriedigt und wendet sich wieder zur Haustür. Nachdem er sich durch das Seitenfenster vergewissert hat, daß die Luft rein ist, macht er die Tür auf. Als ihm jedoch der Kater nach draußen folgen will, scheucht er ihn mit einer Fußbewegung zurück und knurrt:

Du bleibst schön hier!“

Schuch verschließt die Haustür wieder, geht zum Zaun und verschwindet in seinen Gebüschen.


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