Samstag, 18. Januar 2014
Zu mir, H. R.
Geboren 1950 in Nordhessen, legte mir der Direktor eines Kasseler Gymnasiums 17 Jahre später nahe, sein Institut freiwillig zu verlassen, weil ich andernfalls flöge. In der Folge sah ich mich in zahlreichen Branchen der Erwerbstätigkeit um, etwa als Aktmodell, Altenpfleger, Fabrikarbeiter, Friedhofsgärtner, maoistischer Kaderschmied, Kneipensänger, Lastwagenfahrer, Publizist, Zeitungszusteller, nur in Universitäten nie. Um 1980 gehörte ich der Westberliner Musikgruppe Trotz & Träume an. 1994 machte ich, etwas verspätet, den Gesellenbrief als Raumausstatter und schmorte anschließend für einige Jahre in einem Handwerksbetrieb. Ab 2000 lebte ich vorwiegend in anarchistisch orientierten Kommunen, was ich 2006 wieder aufgab. Dagegen hielt ich stets an meiner Kinderstube namens 1968 fest, weshalb ich in weiten Teilen meiner Generation, sofern sie mich einmal zu Gesicht bekommen, als Kindskopf gelte. Ich blieb in dem Städtchen Waltershausen am Thüringer Wald. 2010 in Frührente gegangen, ernähre ich mich nun von einem Monatseinkommen, das alte Kumpels wie Joschka Fischer oder Daniel Cohn-Bendit an einem Abend im Restaurant lassen.

Für rund 10 Jahre (seit 1997) konnte ich spärlich Betrachtungen oder Erzählungen in folgenden Blättern oder Anthologien unterbringen: Contraste, Der Rabe, Die Brücke, Die Zeit, Frankfurter Rundschau, Freitag, Graswurzelrevolution, Junge Welt, Kursbuch, Muschelhaufen, Myosotis, Ossietzky, Scheidewege, small talk im holozän, Zeichen & Wunder. Das ist vorbei. Sowohl bei etablierten wie bei alternativen Medien sind meine Erzeugnisse ungefähr so gefragt wie Schlittenhunde auf Südseeinseln. Ab 2008 kamen ein paar „kleinverlegte“ Bücher hinzu, die kein Mensch liest, ab 2011 ein paar selbstproduzierte Platten, die niemand hört. Die vorliegende Webseite betreibe und gestalte ich seit Sommer 2012. Dabei hatte ich sowohl in technischen wie in publizistischen Belangen einiges Lehrgeld zu zahlen. Nun präsentiert sie meine Ausgewählten Zwerge.

Ob ich damit am Ende der erste Mensch der Welt bin, der sein literarisches Werk vollständig und kostenlos ins Internet wirft, könnte ich nicht sagen. Wie wollte ich das feststellen? In jedem Fall befürchte ich, das Echo wird angemessen zwergenhaft bleiben. Die Leserbriefe, die ich in vier Jahren erhielt, lassen sich bequem an zwei Händen abzählen. Sie loben mehrheitlich die fesselnde Klarheit meiner Prosa. Ein Hamburger zog zudem den Hut vor meiner „unerschrockenen Konsequenz“, fügte freilich klug hinzu: „Je radikaler, desto einsamer“. Damit traf er den Nagel auf den Kopf. Wer gesellschaftliche, vielleicht auch nur familiäre Anerkennung wie Wasser und Brot braucht, sollte sich meine Auffassungen lieber nicht zu eigen machen.
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