Donnerstag, 28. Juni 2012
Der Katastrophat
In der Charakterkunde firmiert er als Antipode sowohl des Wonnepropfens wie des Draufgängers. Er neigt mal zur Panik, mal zum Zaudern. Dagegen überlegen und fackeln seine Antipoden nicht lang; sie greifen die Sache oder den Menschen an – und sei es ein Katastrophat.

In der Regel sind sie dabei auch erfolgreich, denn die Un-erschrockenheit ist bereits die halbe Miete. Die Zuversicht bahnt den Weg – während ihn die Befürchtung mit Stolpersteinen und Fallen pflastert. Gewiß lassen sich weder ein Orkan noch eine Astgabel von meiner Gemüts-verfassung beeinflussen. Aber ein Katastrophat starrt hinauf – und prompt stürzt er in einen Gullyschacht, den Schrotträuber um seinen Rost erleichterten. Er zieht Unheil wie ein Magnet an, weil er es erwartet. Sind andere Menschen unmittelbar beteiligt – wie fast immer – kom-men sie nicht umhin, seine Unsicherheit und seinen Pessi-mismus zu wittern. Die einen lassen sich davon anstecken, die anderen verstärken seine Neigung händereibend. Da hat er im Konkurrenzkampf schlechte Karten. Bei Freunden macht er sich unbeliebt. Sich selber quält er.

Leider beißt der Katastrophat – wie ich ihn in Anlehnung an Alains Rede von der „prophetischen Gemütsverfassung“ zu nennen pflege – schon auf Kleinigkeiten an, das ist das Entwürdigende an seiner Gestimmtheit. Er braucht kein Erdbeben. Schon ein Schlüsselbund, das nicht an der gewohnten Stelle in seiner Jacke steckt, kann ihn in hellen Aufruhr versetzen. Ist das Schlüsselbund noch da, öffnet er seinen Briefkasten mit bangem Sinn, obwohl er gar keine bestimmte Post erwartet. Er rechnet aber grundsätzlich eher mit schlechten als mit guten Nachrichten. Ist der Briefkasten leer, atmet er auf: besser keine als möglicher-weise unangenehme Post. Angesichts eines Behörden-briefes dagegen sieht er sich bereits in Handschellen.

Vielleicht hat er sich tagsüber als Raumausstatter zu ernähren und dabei mitunter tonnenschwere Markisen auf Terrassen anzubringen, indem er die U-förmigen drei Halterungen mit je zwei dicken Imbusschrauben versperrt, die er mehrmals überprüft. Doch schon beim Abendbrot ist er sich nicht mehr sicher, die Schrauben wirklich sicher angezogen zu haben – o gute Nacht! In seinen Tagträumen (Zeitungslektüre!) stürzen dafür Eissporthallendecken auf 100 Kinder und Jugendliche. Und so weiter. Viele Menschen kennen das Phänomen von der Herdplatte her. Man verreist vom Odenwald an die See und wird noch auf Bornholm von der Herdplatte beunruhigt, obwohl man sogar die Sicherung ausgeschaltet hat – bildet man sich ein. Wie oft hat man den Schalter umgelegt? Steht er jetzt unten oder oben? Wo wäre „ein“, wo „aus“? Immerhin weiß man dann, was es heißt, in der Unsicherheit nicht mehr ein und aus zu wissen.

Zwar sind die Bedrohungen, die sich der Katastrophat qua Einbildungskraft beschert, nur vorgestellt; gleichwohl fahren sie wie Stichflammen durch seine Brustmuskeln oder sein verschlungenes Gedärm, das bekanntlich, bei einer Länge von rund fünf Metern, eine innere Gesamt-oberfläche von Zimmergröße aufweist und täglich einen Zwergorkan von ungefähr einem Liter Darmwind produziert. Es wäre also sicherlich seiner Gesundheit und dem Luftschutz dienlich, wenn er kein Katastrophat wäre. Man könnte ihm deshalb vorschlagen, sich die sogenannte Amygdala aus dem Gehirn entfernen zu lassen, ist es doch laut den Erkenntnissen der Hirnforschung just diese Region, die für Ängste und böse Vorahnungen zuständig ist. Aber dummerweise sind die zahlreichen Regionen unseres Gehirns nicht nur miteinander verflochten; es soll auch Fälle geben, wo eine Befürchtung, die uns warnt, ihre positiven Seiten hat. So kann sie uns raten: meide Katastrophaten!



Zur Angst siehe auch
Das Lampenfieber vorm Sterben
Angstmache: Kapitel Schweinegrippe, im Beitrag Mitte
Bott über Höhenangst in Kapitel II, Mitte; ferner zur Platzangst in Kapitel VI, Beginn Abschnitt 11, und erneut zur Höhenangst in Abschnitt 13, Mitte; zu Geburtstrauma und Todesangst in Kapitel VIII, Abschnitt 2
Verfolgungswahn, Außenseitertum: ABC-Kapitel Querfeldein
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