Mittwoch, 27. Juni 2012
Das Lampenfieber vorm Sterben
Umfang 16 Druckseiten. Einige Stücke sind in meinem Stockraus von 2009 enthalten


Alles Streß + Partisanenkampf + Spitzbergen + Töpfers-turm + Leichentourismus + Delos + Jungs Vater + Ravic (Remarque) + Friedhöfe + Hundebegräbnis + Gebraucht-grabstein + Tante Paula + Nah- und Paartode



Alles Streß

Vor allem angehende SchauspielerInnen oder Musiker-Innen kennen die Symptome zur Genüge: zitternde Finger, weiche Knie, Herzklopfen, Schweißausbruch, fliegender Atem ... Doch wer ihnen „Angst“ bescheinigte, zöge sich ihr empörtes Fauchen zu.

Auch die „Nervosität“ und der wahrlich inflationär gehandelte „Streß“ verharmlosen die Angst, denn darum handelt es sich. Einen Menschen, der sich bewähren soll, plagt zumindest die Angst vorm Versagen. Da auch Nieren oder das Herz versagen können, liegt die Vermutung nahe, Kern jeder Angst sei Todesangst. Seelenärzte wie Freud und sein abtrünniger Zögling Jung, wie Schmidbauer oder H. E. Richter stimmen darin tatsächlich überein. Angst bewirkt das Gefühl, in die Enge getrieben zu werden, und an deren Ende winkt das Nichts.

Um 30 als Liedermacher auf Kneipenbühnen tätig, erlitt ich zum Lampenfieber auch über mehrere Wochen hinweg wuchtige Anfälle unverhohlener Todesangst, die mich buchstäblich auf die häuslichen Dielenbretter meiner Kreuzberger Hinterhofwohnung warfen. Dort wand ich mich dann verzweifelt unter der Unvorstellbarkeit, plötzlich nicht mehr da zu sein. Als mir erheblich später – wie auch sonst! – mein nachzüglerisches Naturell aufging, fielen mir die vielen Werthers oder (in Heinrich Manns Unrat) Lohmanns ein, die solche Anfälle bereits mit 16 oder 21 zu absolvieren pflegen. Eine bedrohliche Krankheit war in meinem Fall nicht im Spiel. Allerdings stieß mich nach Jahren ein Psychotherapeut auf die damals schon brüchige Liebschaft mit D., einer mich stark prägenden Bildhauerin. Todesangst ist immer Trennungsangst. Ob die Nabelschnur zu zerreißen oder der Erdboden wegzukippen droht, macht wenig Unterschied. Die Panik, die einen schüttelt, ist die gleiche. Wie schmeichelhaft dagegen die Vorstellung, bei seinen letzten Atemzügen wohlaufgebettet nach „mehr Licht!“ zu verlangen, wie angeblich Werthers Schöpfer Goethe ...

Eindrucksvoll auch der Abgang von Frau Dupin de Francueil, der Großmutter der Schriftstellerin George Sand. Merkwürdigerweise soll die Greisin 1821 bereits ohne Gedächtnis und ohne festen Schlaf gewesen sein; sie dämmerte also vor sich hin. Das hinderte sie aber nicht daran, in ihrer Todesminute an Weihnachten noch ein schönes letztes Wort zu sprechen, indem sie Aurora (nämlich George) versicherte: „Du verlierst deine beste Freundin.“ Biograf André Maurois läßt diese Überlieferung unkommentiert. Vorher hat er uns allerdings klargemacht, daß Frau Dupin die Tochter ihrer mißratenen Tochter eher haßte. So nutzt sie noch den letzten Atemzug zu einer unvergeßlichen Schmähung im Gewande einer Liebes-erklärung aus.

Um die alte Beißzange nicht im Himmel oder in ihrem nächsten Leben schon wieder am Halse zu haben, hätte ich sie an Stelle der durchaus gläubigen Enkelin auf steinzeit-lich-vorderasiatische Art bestatten lassen. „Anscheinend um sie an der Rückkehr zu hindern“, ist aus Jost Herbigs Nahrung für die Götter von 1988 zu erfahren, „hatte man den Toten die Köpfe zwischen Steinblöcken eingeklemmt und die Gliedmaßen mit Steinen beschwert.“


Partisanenkampf

Die Groteske namens „mein Leben“ fängt an, wie sie endet: grausam. Jeder Fötus brüllt sich die Seele aus dem Leib, wenn ihm zugemutet wird, sich durch ein Nadelöhr zu pressen – nur, um sich wie ein Kamel in der eigenen Scheiße zu wälzen.

Kaum taucht eine Brustknospe auf, läßt sich der Säugling um den Preis bestechen, zeitlebens nach irgendetwas süchtig zu sein. Seine frühen Traumata bewähren sich dann glänzend in dem langwierigen Wechselbad des Erwachsenwerdens, das Kamelkälbern oder Hundewelpen erspart bleibt. Wie die Wonnen, so die Schrecken. Die Kindheit ist die Schule der Leidensfähigkeit. Sie macht uns auch nach sogenannten Bewährungsproben süchtig, bei denen jedesmal unser ganzes Bißchen seelischen Gleichgewichts auf dem Spiel steht. Den Vater lieben – und ihm nicht genügen. Eine Gemeinschaft finden – um aus ihr verstoßen zu werden. Einem Menschen gehören – der plötzlich stirbt. Hier drängt sich der Seufzer des Partisanendichters Djura aus Manés Sperbers Roman Wie eine Träne im Ozean auf, Sterben sei eine halbe, weil verspätete Maßnahme. „Nicht geboren zu werden, das hätte einem gelingen müssen.“

So aber geht jenes Wechselbad im Führerscheinalter in den Partisanenkampf über. Wir liegen auf der Lauer, um uns bei den nächsten Schuldgefühlen, Schurkenstreichen, Verdrängungen, Süchten, Minderwertigkeitskomplexen, Allmachtsphantasien zu ertappen. Den Gipfelsturm dieses Partisanenkampfes stellt die „Selbstüberwindung“ dar. Ihr besonders niederträchtiger Zug liegt natürlich darin, daß ich dabei nicht nur der Überwinder, sondern immer auch der Überwundene bin. Wir befinden uns also in der Tat in einem von Ambivalenz und Konkurrenz geforderten Kriegszustand. Ich bin der Sieger und der Verlierer, der Stolze und der Gedemütigte zugleich. Um dies zu verbrämen, wurde die Mär vom Fortschritt erfunden. Die Therapeuten beten sie gerne nach, indem sie uns mit Engelszungen einzureden versuchen, wir müßten den Anteil des Peches bei unserer Selbstüberwindung im Reich unseres Glückes verbuchen. Unsere Schwäche auf eine höhere Ebene gehievt, werde wieder Stärke daraus. Jesus und Hegel lassen grüßen. Nach dieser Methode wird aus einem gekreuzigten ein erlöster Mann.

Nicht weniger oft bringt uns die Beobachtung ins Schleudern, offenbar könne man sich zu denselben Phänomenen ganz unterschiedlich verhalten, je nach Situation oder Naturell. Dasselbe Ding wird hier begrüßt, dort abgelehnt; Dritte konvertieren. Haut uns Litauen ein Ding ins Tor, quellen uns die Tränen der Verzweiflung aus den Augen. Treten wir selber den Litauern eins rein, jubeln wir. Hat sich unsere Tochter soeben in einen blonden litauischen Austauschschüler verguckt, sind wir vielleicht hin- und hergerissen. Da es sich stets um den gleichen Vorgang des Toreschießens handelt, können wir diesen wohl kaum für unsere so verschiedenen Bewertungen und Gefühlsaufwallungen verantwortlich machen. Unsere Sympathie entscheidet. Freilich beschleicht uns allmählich die Ahnung, im Gegensatz zu unseren Torschreien seien unsere Vorlieben und Abneigungen so gut wie nie spontan. Sie folgen vielmehr kulturellen Mustern, die von uns nur wenig oder gar nicht begutachtet worden sind. Den Befehl, Mutter Natur, Vater Staat, Deutschland – ja den Befehl an sich zu lieben, hat bereits unsere Großmutter mit der ersten Milch eingesogen. Und gar das Leben zu lieben – mein Gott, das kommt aus der Steinzeit, wo der Wald voll Keulen hing. Aber das Leben mag uns quälen wie es will, wir lieben es.

Zu den seelischen Nöten gesellt sich „natürlich“ das ungeheuerliche soziale Elend dieser Welt, das für den durchschnittlichen Kleinstädter nur in einigen abgeris-senen Pfandflaschenanglern und den dunkelhäutigen Menschen augenfällig wird, die vom Marktplatz aus zu ihrem „Heim“ auf irgendeinem abgewracktem Kasernen-gelände pilgern. Aus all diesen Gründen habe ich schon vor vielen Jahren beschlossen, sozusagen nur noch unter Protest zu leben. Von fragwürdigen Genossen – als Hohn auf den ausbleibenden Generalstreik haben sie längst ihren Generalfrieden mit Gott und dem Kapital und der ganzen Welt gemacht – kommt natürlich der übliche Einwand. Indem ich die Absurdität der menschlichen Situation und die verheerte, niederschmetternde Weltlage ablehnte, änderte ich doch keinen Deut daran. Durch alle „revolu-tionären“ Änderungsversuche wiederum sei man ja lediglich vom Regen in die Traufe gekommen. Da wäre es doch vernünftiger und gesünder, sich nicht zu grämen.

Doch ich komme von 1968 her. Des Pudels Kern ist bei mir der Rebell. Meine Protest-Haltung aufzugeben, wäre gleichbedeutend mit Verrat. Ich würde meine Herkunft und meinen Werdegang verraten. Ich war immer ein armer Hund. Ich würde meine Erfahrungen und Einsichten verraten. Danach ist es absolut unzulässig den Eindruck zu erwecken, die Welt sei grundsätzlich in Ordnung, das Leben sei überwiegend ein Genuß, Alternativen seien undenkbar. Alle Paradiesvorstellungen denken solche durchaus. Es wäre mehr als nur gelogen. Es hieße, all die Frühgestorbenen, Verkrüppelten, Durchängstigten, Ermordeten, Dahinsiechenden noch einmal zu schänden. Die Gesamtzahl aller Menschen, die bis heute auf Erden lebten, wird auf 100 Milliarden geschätzt. Welchen Bruchteil machen darin die geglückten Leben aus? Es wäre unsolidarisch, den Berg der Mißglückten in der Tiefe meines „Unterbewußtseins“ zu versenken.

Allerdings räume ich ein, mir keine gerechte Gesellschaft vorstellen zu können, in der die Absurdität der mensch-lichen Situation aufgehoben wäre. Ich glaube jedoch daran, sie wäre dort gemildert. In einer gerechten Gesellschaft – ohne gute Volksbildung undenkbar – wäre sich ein jeder Mensch seiner Verletztlichkeit bewußt. Sie wäre keine Kampfmaschine gegen den Tod, vielmehr eine Schutz-gemeinschaft des Lebens. Alle säßen mit jeweils zwei Rudern im selben vom Sturm geschüttelten Boot. Gäbe ich meine Protest-Haltung auf, würde ich meine Schwäche verraten. Achten Sie bitte auf den Doppelsinn des letzten Verbs. Alles ist eben ambivalent.


Spitzbergen

Nördlich Norwegens und des Polarkreises gelegen, herrscht auf dieser Inselgruppe bereits arktisches Klima. 60 Prozent der Landfläche sind von Gletschern bedeckt. Mittlere Jahrestemperatur minus 4,5 Grad. Sonst Geröll, keine Bäume, nur fleckenweise Gras, hin und wieder ein Horst aus gelb oder rot blühendem Steinbrech, kahle schroffe Berge.

Am Fuß eines solchen Berges steht ein dunkles Holzhaus mit weißgestrichenen Fenstern, von dem es in Alfred Anderschs schönem Buch Hohe Breitengrade aus dem Jahr 1969 sogar ein Farbfoto gibt. Unter diesem heißt es, es handle sich um das Haus des Jägers Hilmar Nöis am Ufer des Sassen-Tals, Innerer Eisfjord. Es ist das einzige weit und breit. Als Andersch dort auftaucht, sieht er im benachbarten Vorratsschuppen des Jägers frisch gerupfte Schneehühner und Brandgänse sowie geräucherte Fische hängen. „An einem Gestell am Strand sind Robbenhäute ausgespannt, liegt auch Robbenfleisch. Es gibt ferner einen Stapel Rentierfelle sowie einen alten Hundestall (doch keine Hunde) ...“

Vielleicht hatte Nöis seine Hunde vor drei Jahren abge-schafft, bevor er sich nach Harstad auf den Vesteralen-Inseln aufmachte, wo er bei Verwandten seinen Lebens-abend zu verbringen gedachte. Damals war er 80. „Ich habe es nicht ausgehalten dort“, erklärt der große hagere und weißhaarige Jäger seinem Besucher. Auf dem Küchentisch steht eine Petroleumlampe. In einem Wandbord ein paar Bücher. Nöis trage ein blaues Hemd und eine lederne Weste. Demnach hat er gut eingeheizt, falls er nicht schon längst die Widerstandskraft eines Walrosses besitzt.

Andersch vermutet: „Ein so alter Mann wie er braucht sicher nur wenig Schlaf.“ Schon möglich – was macht er aber, wenn er sich auf der Pirsch ein Bein bricht oder zu Hause von der Leiter fällt? Womit heizt er überhaupt? Was träumt er? Mit wem führt er erbauliche Gespräche über Das einfache Leben (Wiechert)? Falls ich der Alters-demenz entgehe und mich nicht vorher schon umgebracht habe, werde ich es herausfinden.


Töpfersturm

Aufgrund eines überzeugenden Sanierungskonzeptes konnte der Buchhändler vor einigen Jahren den denkmal-geschützten Töpfersturm, der vom Friedhof her die Waltershäuser Altstadt überragt, vergleichsweise billig erwerben. Ein über 500 Jahre alter doppelgeschossiger Ring aus Sand- und Kalksteinen (Innendurchmesser sieben Meter) trägt ein spitzbedachtes Achteck aus Fachwerk, das nochmals zwei Geschosse bietet. Auf einem hübschen Ölgemälde des jungen Friedrich Holbein von 1884 ist die Wetterseite mit roten Biberschwänzen verkleidet; heute sind es ringsum graue Schieferschindeln. Wasseranschluß und Kamin waren vorhanden, denn der Töpfersturm wird seit Jahrzehnten zum Wohnen benutzt. Nachdem er noch ein Mehrfaches des Kaufpreises und viel Arbeit in den Innenausbau steckte, wohnt der Buchhändler – ein gelernter Schlosser – nun selber mietfrei dort.

Als erwerbsloser Hüttenbewohner kann ich ihn nur beneiden. An solchem Gemäuer würden sich die Gothaer Fallbeilmanager die Birnen einrennen oder zumindest anbrennen, ließe ich doch sofort eine Pechnase über der Vortreppe ein. Nach Südwesten genösse ich den Aufblick zum Schloß. Da es angestrahlt wird, könnte ich es die ganze Nacht hindurch kostenlos betrachten. Den Strom zahlt ja „die Stadt“ – eine der tröstlichen kostenlosen Abstraktionen. Ins kupferfarbene Licht getaucht, wirkt das Schloß seltsam unbegreiflich: mal auf die Altstadt drük-kend, dann wieder unnahbar, wie entrückt. Als Buch-händler würde ich meiner Kundschaft weismachen, Kafkas Roman Das Schloß sei in der Waltershäuser Töpfersturm-schreiberstube entstanden. Daher die Unzugänglichkeit, ja Ungenießbarkeit sowohl der darin geschilderten Residenz wie des ganzen Textes.

Gen Osten böte mir die Turmuhr der Stadtkirche kostenlos die Zeit. Schlüge sie jäh die letzte Stunde, wäre es kein Grund zur Panik. Die Flügeltür der Friedhofskapelle, wo sich öfter silbern lackierte Kastenlimousinen beim Be- und Entladen beobachten lassen, liegt keine 20 Meter entfernt auf der anderen Straßenseite. Rechtzeitig ein Drahtseil gespannt, könnte ich von meiner Dachluke aus an einer Laufkatze in einer Kiste schaukelnd friedlicheren Zeiten entgegengleiten, ohne meine bestattungspflichtigen Anverwandten mit Taxe zu belasten.


Leichentourismus

Leichentourismus bedeutet nicht, beispielsweise den winzigen verwunschenen Waldfriedhof über Schnepfenthal zu besuchen. Ob Sophie Salzmann – an den Eich-Vers Was wären wir ohne den Trost der Bäume! gelehnt – Trost von ihrer Buche erfährt, werden wir ohnehin nicht erfahren. Der schlanke Baum, um 15 Meter hoch, erwuchs genau dem Kopfteil ihres Grabes.

Im übrigen wird der ansehnliche aber verblichene Lehr-körper der berühmten Salzmannschule bei Waltershausen von trutzigen Eichen und Linden beschattet. Mit Förde-rung des Herzogs Ernst II. 1784 gegründet, genehmigte dieser der Schule später auch den eigenen Friedhof. Der Landrat in Gotha täte dies gegenwärtig nicht. Doch wie lange noch haben deutsche Friedhöfe, derzeit rund 32.000, Staat oder Kirche zu gehören? Für Urnenbeisetzungen auf privatem Gelände lassen sich hier und dort schon Ausnahmegenehmigungen erwirken. Der gesetzliche „Friedhofszwang“ war Hygiene und Gesundheitsvorsorge geschuldet, so dem Trinkwasserschutz. Dürfte ein jeder nach Belieben oder Platzvorteil „wild“ bestatten, gliche Deutschland binnen weniger Jahre den verpesteten Vorstädten, die es lieber in Djakarta oder Kalkutta weiß. Der Erwanderer des Thüringer Waldes würde dann nicht nur über Fernsehgeräte, Autowracks und Müllsäcke mit nicht mehr ganz frischen Windeln stolpern.

Aber genau so wird es eintreffen, wenn dem um sich greifenden Privatisierungswahn keine Kollision der Milchstraße mit dem Andromedanebel zuvorkommt. Unsere BestatterInnen hauen sich bereits mit Dumping-preisen. Um wenigstens ab und zu eine „Polizeileiche“ zu ergattern, heißt es künftig Schwarze Sheriffs schmieren. Gemeint sind nicht etwa gefallene Kräfte, vielmehr paß- oder heimatlose tote Kunden der Polizei, die ins Kühlhaus müssen.

Ikea brütet über der Idee, verstorbene Kunden gleich in Folie einzuschweißen und in die Tiefgarage rutschen zu lassen. Kostendämpfend wirkt dann vor allem der sogenannte Leichentourismus, bei dem des Bestatters Sattelschlepper preisgünstige Privatkrematorien auf dem Balkan anläuft. Wenn Kasseler Sepulkralkulturwächter-Innen in unfreiwilliger Komik beklagen, solche „unnützen“ Rüttelfahrten widersprächen dem Grundsatz der Totenruhe, übersehen sie, wie quicklebendig dadurch das Kapital wird.


Delos

Der Antike galt die Ägäis-Insel als heilige Stätte, vom Lichtgott Apollo beherrscht. Was Wunder, wenn das Orakel eines lichterfüllten Tages befahl, die Gräber von Delos auf die Nachbarinsel Rinia zu verbannen. Sie störten. Logisch, daß dann auf Delos auch keine neuen Gräber mehr angelegt werden durften. Und zur Krönung durfte fortan auf Delos weder gestorben noch geboren werden. Also wurden bereits die Gebrechlichen und die Schwangeren auf die Nachbarinsel abgeschoben – in Häuser, die wir heute Kliniken, Pflegeheime, Seniorensitze nennen würden. Erhart Kästner, der Delos ausgiebig besuchte, merkt dazu in seiner Lerchenschule von 1964 an: „Klinikgeburt und Krankenhaustod, weil in Gebären und Sterben der Ernst wohnt, den keiner mehr aushält.“

Leider besuchte Kästner die Insel um 1943 als Angehöriger der Deutschen Wehrmacht, was er in seinem Buch lieber ausspart. Tod und Schrecken passen erst recht nicht in die postmoderne Spaßgesellschaft, die Kriege führt bis zum Erbrechen – nur nicht in Memphis und Mainz. Die Freud-sche Verdrängung und die postmoderne Abschiebehaft haben sich gefunden. Wir lösen unsere Probleme auswärts. Da die Reichen Sylt nicht hergeben, müssen unsere städtischen Friedhöfe wenigstens hochummauert sein.

Das weitläufige versteppte Gelände der Puppenfabrik-kommune böte sich für einen hauseigenen Friedhof gera-dezu an. Die über die Gräber purzelnden verschmierten Kommunekinder und die durchwurmten Leichname der Altkommunarden brauchten sich nie voreinander zu schämen. Aber es ist verboten. Das behördliche Argument der Hygiene ist vorgeschoben und zieht erst, seit sich die Menschheit bis zur Verblödung zusammengeballt hat. Alle Rittergüter, Schlösser, Klöster, Pueblos hatten ihre eigenen Friedhöfe. Sogar den Ranchern in den Indianer-Reservationen der USA ist es unbenommen, ihre Toten beim Haus zu begraben, wie aus Welskopf-Henrichs Romanen hervorgeht. Bei solchem Brauch wäre uns der Tod vertraut und heiligte das Leben. Ob er dadurch auch leichter würde, ist noch nicht empirisch nachgewiesen.

Ich gestatte mir einen Vorgriff auf mein F. G. Jünger-Porträt (Band 15). Für dessen 60jährigen Heinrich March muß es sich beim Tod schon deshalb um eine leichte Angelegenheit handeln, weil jeder ihn leiste. Auf den ersten Blick besticht diese Aussage. Auf den zweiten ist sie Unfug. Der Tod wird erlitten, uns zugefügt, von undurch-sichtigen höheren Mächten willkürlich angeordnet. Warum, bleibt schleierhaft. Leiste ich dagegen etwas, weiß ich gewöhnlich, was ich tue – daß sie ihre befremdlichen Ausgeburten erlitten, beteuern lediglich die Modernen LyrikerInnen. Beim Sterben weiß ich nichts. Der Tod liegt völlig im Dunkeln, wenn auch die Scheintoten hartnäckig von ihren Helle-Erlebnissen berichten, siehe weiter unten.

Er läßt sich auch nicht denken, wie Alain im Dezember 1907 im Propos Calinos Laterne betont. Wer ihn zu denken wähne, denke in Wirklichkeit (wo auch sonst?) nur an ein anderes Leben. Jetzt wissen wir endlich, warum der scheidende Geheimrat Goethe mit den letzten Atemzügen nach „Mehr Licht!“ verlangte. Ihm schwebte vor, wie Calino eine Laterne anzuzünden um zu sehen, wie dunkel es in der Höhle sei. Weiter als Metaphysik tragen Pointen.


Jungs Vater

Er seufzt erleichtert, schließt die Augen, lächelt. Sein Sprößling Carl Gustav, Student in Basel, hat ihm vorgelo-gen, bereits das Staatsexamen bestanden zu haben. Bald darauf liegt der Vater röchelnd in der Agonie. Der Sohn steht gebannt am Bett. Plötzlich der letzte Atemzug – und keine Regung mehr. Nur noch ein Leichnam. „Die näch-sten Tage waren dumpf und schmerzhaft und wenig ist mir davon im Gedächtnis geblieben“, lesen wir in den 1961 erschienenen Erinnerungen des weltberühmten Psycho-analytikers. Vermutlich hilft es nur, selber einmal zu sterben – in der Hoffnung, daß einem mehr im Gedächtnis bleibt.

Was Jung betrifft, hält er ein Leben nach dem Tod für möglich oder sogar wahrscheinlich. Er mißt es dabei der sogenannten Seele zu – und dies, obwohl er einmal ausdrücklich auf unsere Befangenheit verweist, die keine anderen Existenzformen zu denken gestatte. Es ficht ihn somit nicht an, „Seele“ absolut zu setzen. Der verfaulende Leichnam seines Vaters ist so beschränkt wie vergänglich; dessen Seele dagegen – was immer das sein mag – nicht. Er baut auf den Glauben. Er nimmt sich auch unerschrok-ken heraus, von des Menschen „unerläßlicher Stellung im großen Seinsprozeß“ zu faseln – als stünde Jung über demselben. Dann wieder nimmt er mit Anflügen von Humor für sich ein, die sogar nach Selbstironie klingen. Es gebe allerdings Menschen, die für Unsterblichkeit keinen Bedarf hätten. Die Vorstellung, sie müßten 10.000 Jahre auf einer Wolke sitzen und Harfe spielen, verursache ihnen eine Gänsehaut.

Leider schließt unsere Befangenheit in den spezifisch menschlichen Kategorien Raum, Zeit, Sein auch das Nichts ein. Es sind ja sowohl Formen der Anwesenheit wie der Abwesenheit im Universum oder wo auch immer „denk-bar“, die eben nicht denkbar sind. Sie überfordern unser auf Sein oder Nichtsein geeichtes Vorstellungsvermögen. Dabei stellt das Nichtsein nur einen faden Abklatsch des Seins dar, weil es im Gegensatz zu diesem noch nicht einmal empirisch überprüfbar ist. Angenommen, wir stehen vor einem leeren Sarg. Der Beweis, statt Beton befinde sich gar nichts in ihm, ist unmöglich. Weder kennen wir die Beschaffenheit des sogenannten Nichts noch kennen wir eine Unbeschaffenheit. Aber mit echter Jungscher Unerschrockenheit behaupten Autoren wie Jean Amery (1968) und Wolfgang Schmidbauer (2001) in ihren Büchern über das Altern das genaue Gegenteil wie Jung, nämlich: mit dem Tod sei „Schluß“, es folge nichts auf ihn. Woher sie das wissen, verraten sie uns nicht. Hier sind Telefonate mit dem Hegelschen Weltgeist oder telepa-thische Versuche denkbar, auf irgendeiner Wolke den Harfe spielenden C. G. Jung oder zumindest den Zither spielenden Rudolf Steiner auszumachen. Schlagen diese Kontaktversuche fehl, ist die Sache bewiesen.

Allerdings wird immer mal wieder von Grenzerfahrungen berichtet, die zum Schluß, nach dem Tod sei Schluß, durchaus verleiten. Der Schriftsteller Wolfgang Hildes-heimer erwähnte einmal im Interview einen kurzzeitigen Herzstillstand im Krankenhaus. Es sei eigentlich sehr schön gewesen; ein allmähliches Versacken in geologische Schichten. Jung selber äußert sich ähnlich. Ein Herzinfarkt läßt ihn 1944 Delirien und Visionen in Todesnähe erleben, die Jung als sehr angenehm empfindet.

Ihre Summe kann mit drei Begriffen gezogen werden: Eindeutigkeit, Gewißheit, Unbeschwertheit. Danach verzehren sich bekanntlich schon so manche unversehrte TagträumerInnen. Woher wir die Sehnsucht nach diesen Werten nehmen, ist mir allerdings ziemlich schleierhaft. Möglicherweise aus unserem Leben vor der Geburt.


Ravic

Immer mal wieder staune ich, auf welche Vielfalt an unterschiedlichsten Dingen oder Tätigkeiten sich die menschliche Leidenschaft richten kann. Die Fasson eines in Leinen eingeschlagenen und bereits „durchgenähten“ Polsters aus Palmgras oder Roßhaar mit Hilfe einer gekrümmten Nadel und eines kräftigen Bindfadens zu „garnieren“ (nämlich an den Kanten zu versteifen) ist sicherlich etwas anderes als goldgelbe, knusprige Kartof-felpuffer in der Pfanne auszubacken, doch Lust und Genugtuung ihrer SchöpferInnen nehmen sich keinen Deut. Den Schlosser entzückt eine Schweißnaht, den Schreiner ein Schwalbenschwanz. Man mag hier wahlweise an verzahnte Schubladenecken oder große gelbschwarz gescheckte Schmetterlinge denken. Trotz dieses Gleich-klangs im Gefühl fällt es vielen Menschen schwer, die jeweils fremde Besessenheit nachzuvollziehen oder auch nur zu dulden. Für Leute, die ihr Glück auf Pferderücken finden, strahlt ein Billardqueue die Aura einer Zaunlatte aus. Die Leidenschaft Ravics könnte ihnen sogar den Magen umdrehen. Ihn fesseln die Präzision und die Klarheit chirurgischer Eingriffe. „Ravic machte rasch den ersten Schnitt. Die Haut öffnete sich wie ein Buch. Er klammerte sie fest und sah auf das gelbliche Fett, das ihm entgegenquoll.“

Der Vergleich mit dem Buch ist nicht unbedingt aus der Luft gegriffen. Wie sich seinen 1967 erschienenen Erinnerungen entnehmen läßt, war auch der Verleger Gottfried Bermann-Fischer mit Leidenschaft Chirurg, bevor er sich in Brigitte Fischer verliebte und ein berühmtes Verlagshaus übernahm. Ich nehme an, die Wahl der Objekte unsrer Begierde verdankt sich teils persönlicher Verfaßtheit, teils recht zufälligen Gelegen-heiten, die eben beispielsweise Brigitte heißen. Bermann betrieb ja dann auch das Büchermachen mit ärztlicher Leidenschaft; es rettet uns vor der Dummheit. Ich selber habe mich noch im vorgerückten Alter für die fräsenden Schnitte der Kettensäge und das fauchende Aufklatschen gefällter Bäume erwärmt, weil meine Kommune gebirgig lag und Brennholz brauchte. Im Texas des George W. Bush würde ich mich womöglich dem Braten von Geierspiegel-eiern auf Motorhauben hingeben. Die Leidenschaft ist dem Augenblick zugeordnet. Man geht in ihr auf, weil man nicht ständig über den Pfannenrand zu blicken hat.

Alle Gedanken, von denen der Emigrant Ravic im Paris des Jahres 1938 bis zur Verzweiflung bewegt wird, macht er sich selbstverständlich nicht während er in Durants Klinik operiert. Wäre es der Fall, wäre dem Romancier Erich Maria Remarque ein Kunstfehler unterlaufen. Sein Roman Arc de Triumphe ist ein überragendes Werk. Zu dessen Stärken zählt gerade die Hartnäckigkeit, mit der Remarque die Verschlingungen subjektiver Besessenheiten und zeitgeschichtlicher Abläufe bloßzulegen und zu verfolgen sucht. In Haakes Berliner Folterkammer, der Ravic entrann, schaukelt der Vogelbauer des Emigranten Wiesenhoff aus dem Pariser Hotel International. Die Gleichzeitigkeit von Vorfällen, Zumutungen, Phänomenen, die dem unverdorbenen oder einfältigen Menschenver-stand als unvereinbar vorkommen, wäre sicherlich auch ein Grund für Ravics enormen Alkoholkonsum. In dieser Hinsicht stellt der Roman einen hilfreichen Katalog erlesener Schnäpse und Weinbrände dar.

Ansonsten ist in ihm der Tod allgegenwärtig. Das liegt nicht nur an Ravics Broterwerb als ein Arzt, der vorwie-gend heikle Operationen durchführt. Ravics Kameraden starben im vergangenen Weltkrieg; der künftige donnert bereits an die Tür. Ravics Geliebte Sybil wurde von den Nazis umgebracht. Seine Geliebte Kate trägt einen Krebs in sich. Joan wurde Ravics Geliebte, indem er sie vorm Selbstmord bewahrte. Am Schluß des Romanes landet sie, tödlich angeschossen, auf seinem Operationstisch. Mit ihrem unruhigen wirren Lebenshunger hat sie mich an Gloria aus Wiecherts Roman Das einfache Leben erinnert. Auch diese Großstädterin (aus Berlin) stirbt zuletzt zu jung. Aus einigen historischen Bänden, die er in seinem Hotelzimmer aufbewahrt, hat Ravic die trübsinnig stimmende Genugtuung gezogen, nichts von dem, was heute geschehe, sei neu. „Alles war dutzendmal dagewesen. Die Lügen, die Treuebrüche, die Morde, die Bartholo-mäusnächte, die Korruption durch den Willen zur Macht, die unablässige Kette der Kriege – die Geschichte der Menschheit war mit Blut und Tränen geschrieben, und unter tausend blutbefleckten Statuen der Vergangenheit glänzte nur selten eine, über der das Silber der Güte lag.“

Vielleicht ist es ja von einem sterblichen Wesen zuviel verlangt gütig zu sein. Das hieße, jene Schreckensge-schichte verdanke sich weniger Religionen oder politöko-nomischen Verhältnissen, eher dem „lebenslänglichen Erpreßtwerden zum Tode“ (Ernst Kreuder), das uns alle furchtsam oder haßerfüllt oder verzweifelt, jedenfalls ziemlich unberechenbar macht. Allerdings könnte einer auch genau umgekehrt den Schluß daraus ziehen, eben deshalb empfehle sich die Güte. Jaques, der treue Diener des Bezirkshauptmanns Von Trotta, ist sowohl aus beruflichen wie charakterlichen Gründen kein Tyrann, und im hohen Alter ereilt ihn ein ungewöhnlich angenehmer, streckenweise sogar erheiternder Tod, der schon allein die Lektüre von Joseph Roths Roman Radetzkymarsch lohnt. Aber das ist natürlich ein anderes Buch.


Friedhöfe

Der zarte Mensch sollte sie meiden. Die gellenden, sich beißenden Meuten einschlägiger Schnitt-, Topf- und Rabattenblumen brächten ihn sicherlich um. Keine paßt zur anderen. Dafür stecken die Leidensmienen bei jedem Begräbnis in dem gleichen öden schwarzen Tuch. Umge-kehrt fände ich es besser.

Zwar liegt auch meine Großmutter Helene auf einem solchen Schreckensort. Sie hatte viel zu leiden, ehe sie mit Hautkrebs ihrem im Krieg gefallenen Ältesten unter die Erde folgte. Trotzdem weigere ich mich, besonders um sie zu trauern. Kürzlich bat mich Kommunardin M. bedrückt um Nachsicht, weil sie soeben erfahren habe, ihre Freundin E. liege für immer gelähmt im Krankenhaus. Jemand hatte E. ein Messer in den Rücken gestochen. Nach dieser Eröffnung wurde M. von Weinkrämpfen erschüttert. Ich hütete mich, sie darauf hinzuweisen, solche erschütternden Fälle stünden Tag für Tag in der Zeitung. Nur gehen sie uns dann nichts an.

Dagegen pochen Humanisten wie Alain oder auch dessen Sprach- und Zeitgenosse Victor Serge als Anarchist darauf, der Mensch werde in erster Linie durch die Menschheit ausgemacht, nicht durch Familie, Sippe oder linke Landkommune. Von daher wäre Gerechtigkeit, entweder um alle oder um keinen zu trauern. Zwar läßt sich nicht bestreiten, daß solche männlichen Ideen wie Staat, Gesetz und leider auch Gerechtigkeit mit einer gewissen Hart-herzigkeit einhergehen, doch das Allgemeingültige ist nun einmal hart. Eben das hat es mit dem Tod gemein.

Die Vielfalt der Namen und der Daten allein auf den Grabsteinen des Bettenhäuser Friedhofs ist schon ungeheuerlich. In der Tat, sie ist zu viel. Aber sie gibt mir immerhin die Idee ein, in dem schlichten Gedenkstein meines eigenen Grabes an Stelle der Namenstafel ein Viereck oder Loch aussparen zu lassen. Der Blick ins Nichts. Oder, falls man Pech hat, auf gelblila gestreifte Petunien.


Hundebegräbnis

In der nordfranzösischen Stadt Arras muß Sperbers alter Historiker Von Stetten die Demütigungen des Sterbens über sich ergehen lassen. „Dann kam wieder dieses furchtbare Gefühl, eine Angst, die wie ein fortgesetztes Erschrecken war vor einer namenlosen, immer mächti-geren Drohung.“ Viele Stunden ohne die Hand seines geliebten Schülers Dojno, bis die letzte der „ungeheuren Zangen“ die Brust des Bettlägrigen erfaßt, um die Erniedrigung zu vollenden.

Erging es dem 26jährigen Benno Ohnesorg womöglich besser, als er am 2. Juni 1967 vom Polizisten Kurras aus dem Gewühl der Demonstration heraus erschossen wurde? Einige Folter blieb ihm jedenfalls erspart. Darüber zu spekulieren, ob er jetzt die Kürze seines Erdenlebens zu beklagen hat, wäre Unfug. Wir wissen zu ungenau, wo er sich in welcher Beschaffenheit gerade aufhält. Dagegen weiß Uwe Soukup in einem 2007 erschienenen Buch, daß Sebastian Haffner in seinem berüchtigten stern-Artikel völlig richtig lag: „Es war ein systematischer, kaltblütig geplanter Pogrom“ – so Haffner 1967 – „begangen von der Berliner Polizei an Berliner Studenten.“ Doch der Regierende Bürgermeister Albertz und sein Polizeipräsi-dent Duensing hatten die „Chaoten“ erst einmal vorsorg-lich verleumdet. Später „entschuldigten“ sie sich. Bild und B.Z. taten noch nicht einmal das. Und was taten Lichtgestalten wie der deutsche Außenminister Willy Brandt oder später der Kanzler Gerhard Schröder? Bereuten sie und ließen dem Hingerichteten nachträglich ein Staatsbegräbnis Erster Klasse ausrichten? Nein. Wolf Biermann bekam das Große Bundesverdienstkreuz am Band. Dabei hatte er zu diesem Zeitpunkt (2006) noch nicht einmal allen Ernstes vorgeschlagen, Marianne Birthler zur nächsten Bundespräsidentin zu machen. Ich schlage Biermann seinerseits für ein sepultura canina vor.

Somit kommen wir an der Demütigung kaum vorbei, sofern wir nicht unseren Kurras finden oder Selbstmord begehen. Im letzten Fall droht sie uns allerdings von Mitmenschen. Zu Zeiten der Gothaer Herzöge ging man in unserem Städtchen mit Leichen von Selbstmördern recht ungnädig um: sepultura canina, das heißt „Hundebegräb-nis“. Sie wurden zum Galgen gekarrt und unter diesem eingescharrt. Seufzen wir heute, eben da liege der Hund begraben, ist der „heikle Punkt“ einer bestimmten Angelegenheit gemeint. Beim Sterben nicht selten die Erniedrigung.

Bietet unter Umständen die Art der Bestattung etwas Entgelt für sie? Gregor empfindet eine Feuerbestattung als Trostpreis, allerdings hat er am eigenen Leibe noch keine erlebt. Rocksänger Rio Reiser ging nicht in Rauch auf, obwohl er gern qualmte: interessierte Kreise erwirkten bei der damaligen Kieler Ministerpräsidentin Simonis eine Ausnahmegenehmigung für ein Begräbnis seines Leichnams auf Reisers Grundstück in Fresenhagen. Ich selber neige dazu, in „Feuer oder Würmer?“ eine Scheinalternative zu sehen – mehr sehe ich nicht. Denn genauso wie die Beschaffenheit des „Jenseits“ trotz aller Weltraumteleskope und Laserstrahlen im Dunkeln bleibt, können wir auch nicht wissen, ob und was eine Leiche bei ihrer Bestattung empfindet. Jesus hätte es uns verraten können, aber er machte sich davon.


Gebrauchtgrabstein

Die Witwe, die mich auf dem Friedhof ums Trennen zweier ineinander gesteckter Plastikblumenvasen gebeten hat, ist peinlich genau frisiert und schimpft wie ein Rohrspatz – auf einen Ohrdrufer Steinmetz. Die Urne ihres Bruders Albert sollte ins Waltershäuser Familiengrab umgebettet werden. Damit war Alberts Grabstein überflüssig gewor-den. Er habe sie damals fast 1.000 Euro gekostet. Der Steinmetz ließ die Höhe der Erstattung in der Schwebe. „So ein Halsabschneider! Zertrampelt die Hecken, schafft den Stein weg und rückt keine müde Mark heraus, weil ihm ja die Bergung teuer genug gekommen sei. Und jetzt macht er seinen Schnitt damit!“ – „Was für einen Schnitt?“ – „Na, der putzt den Albert und das Datum weg, haut da was andres rein – und siehste nich hat er 2.000 Euro für den Stein kassiert, wollen wir wetten!?“ – „Aber heutzu-tage will doch alle Welt Neuwagen, Neufernseher, Neu-grabsteine haben!“ – „Papperlapapp!“ winkt sie ab. „Die kleinen Leute werden doch immer ärmer. Die müssen sparen, wo sie können.“

Das sah ich ein. Koestler beklagt die Armut unserer Jenseits-Phantasien. Über blühende Almwiesen oder Musik- und Einkaufstempel kommen wir in der Tat nie hinaus, wenn wir uns das Jenseits ausmalen. Mumford und Herbig erkannten die kulturgeschichtliche Bedeutung der von uns erfundenen Behälter, ob Urne, Korb, Pferch, Schiff, Kanal. Paradies oder Nichts scheinen ebenfalls unserem Behälterdenken zu unterliegen. Kirchhoff nennt die Gestirne den Leib der Götter. Vermutlich kommt kaum ein Denker ohne die Barke des Göttlichen oder des Weltgeistes aus (Koestler!), weil er sonst uferlos im Bedingten versackte. Wird das Licht von einem noch unerkannten Medium getragen – wovon dann dieses wiederum? Also lieber Gott mit seinen unendlich breiten Schultern.

Ich dagegen poche auf die Möglichkeit des „ganz anderen“, weil ich sie denken kann. Dieser Gedanke muß ja Gründe haben. Er wäre überflüssig wie Alberts Grabstein, ja geradezu unerklärlich und absurd, wenn ihm nicht irgendwo ein ihn veranlassendes Phänomen entspräche.


Tante Paula

Sie war keine 60, als eine tückische Krankheit sie auf die Intensivstation verbannte. Ich besuchte sie zwei- oder dreimal dort, was mir ziemlich unter die Haut ging. Soweit sie bei Sinnen war, beliefen sich Tante Paulas Äußerungen auf die gewimmerte Feststellung: „Ich will noch nicht sterben! Ich will noch nicht sterben!“

Selbstverständlich wäre ihr Protest mit 100 nicht unbe-rechtigter gewesen. Trotzdem verließ ich das Krankenhaus mit einem doppelt unbehaglichen Gefühl. Nicht nur, daß ich ohnmächtiger Zeuge von Tante Paulas Demütigung durch ihr Schicksal sein mußte; auch ihr schmachvolles, jedenfalls ziemlich würdeloses Wimmern blieb mir nicht erspart. Ein kesser Abgang ähnlich dem von George Sands bösartiger Großmutter Frau Dupin hätte Tante Paula sicherlich besser zu Gesicht gestanden. Allerdings vermute ich stark, nur der hat beim Sterben die Werkzeuge Schlagfertigkeit oder Gelassenheit zur Hand, der sie bereits zu Lebzeiten geschmiedet hat.

Dagegen dürfte der Situation des Überlebens – der andere ist gestorben, nicht ich – kaum mit Scherzen beizukom-men sein. Sie ist immer heikel. Wir können Genugtuung bis hin zum triumphalen, perversen Stolz aus ihr schöpfen, was von allen Machthabern bevorzugt wird, Lee Van Cleef, den Boß eines Gefangenenlagers in Leones Streifen Zwei glorreiche Halunken (1966), und den kleinen GI im Irak eingeschlossen. Dieses Gesicht hat Canetti in Masse und Macht breit ausgemalt. Das andere Gesicht beschämt uns. Davon haben nicht nur Tausende von Überlebenden des KZs gesprochen. So gesehen, war Tante Paulas angebliche Schmach wohl eher die meine gewesen. Ihr uneinsehbarer sinnloser Tod beschämt den Zurückbleibenden, weil er sich fragt, mit welchem Recht denn er noch lebt.

Victor Serge, von Armut, Verbannung, Verfolgung reichlich geprüft, könnte eine hilfreiche Antwort gegeben haben. Auf seine Knabenzeit in Brüssel bezogen schreibt er in seinen Erinnerungen: „Daß Kummer vorübergehen kann und daß man danach weiterlebt, wunderte mich sehr. Überleben ist das Verwirrendste von allem, das glaube ich auch aus vielen anderen Gründen. Wozu überleben, wenn nicht um jener willen, die nicht überleben? Dieser unklare Gedanke rechtfertigte für mich das Glück, das ich hatte, und meine Ausdauer, indem er ihnen einen Sinn gab.“

Demnach hätten wir als Überlebende die Pflicht der Zeugenschaft und des Widerstands, wenn ich den Revolu-tionär richtig verstehe. Das Andenken der Toten wachhal-ten, die Willkür des Todes anprangern – und der Produk-tion von Todesfällen in den Arm fallen, wie sie zum Bei-spiel durch Kinderarmut, Rentnerelend, Rüstungsexport gegeben ist.


Nah- und Paartode

In seinen auf Rügen angesiedelten Aufzeichnungen Swantow, veröffentlicht 1982, flicht Hanns Cibulka den Bericht eines Mannes ein, der bei einem Herzstillstand auf dem Operationstisch Erscheinungen hat, die Neurologen als Nahtoderfahrungen kennen. Fast immer sind glän-zende Helle am Tunnelende, Vogelschau des Betroffenen auf sich selber, helfende Engel und Glückseligkeit im Spiel. Cibulka erweckt den Eindruck, jener Operierte (DDR-Bürger) habe einen verheißungsvollen Blick ins Jenseits getan. Hirnforscher Detlef Linke, zuletzt an der Uni Bonn lehrend, führt jedoch (1999) rationale Erklärungen für diese Erscheinungen an und betont, Beweise für irgendein Leben nach dem Tode lägen damit nicht vor.

Interessanterweise lassen die Erklärungen vermuten, selbst Sterbende verstünden sich darauf, aus der Not eine Tugend zu machen. Sie verklären ihre Bedrohtheit und deuten ihre Hilflosigkeit in Geborgenheit um. Das ist die Schule der Wiege; schließlich verfuhren wir als Säuglinge und Kinder auch schon so. Sperber und Koestler erinnern wiederholt an die verhängnisvolle Rolle der ausgedehnten spezifisch menschlichen Kindheit, die etwa mit viel Verwöhnung verbunden ist. Entsprechend langwierig haben wir uns dann im ständig hinaus geschobenen Alter wieder zu entwöhnen. Diese für jeden Wahnsinn gute Folterbank verklärte Hölderin im Gedicht Lebenslauf zum sinnvollen Bogen.

Kleist kürzte ihn am 21. November 1811 ab, indem er am Wannsee, erst 34 Jahre jung, zunächst Henriette Vogel, dann sich selber erschoß. Auch Paul & Laura Lafargue (sie eine Tochter von Karl Marx), Hatano Akkiko und der japanische Schriftsteller Arishima Takeo, Charlotte Altmann und Stefan Zweig, oder Arthur & Cynthia Koestler (sie erst 56) brachten sich 1911/1923/1942/1983 gemein-sam um. 2007 wird das Gleiche von Dorine & André Gorz berichtet, der just 1983 Wege ins Paradies beschrieb. Offenbar fallen diese leichter, wenn sich zwei enge Freunde darin sicher sind, geteiltes Leid sei halbes Leid.



Siehe auch
>Alter
>Melancholie
>Metaphysik
>Selbstmord
Zwerglied kopf hoch (mp3, 876 KB)
Kapitel Todesstrafe, in der 2. Hälfte des Beitrags
Sepulkralkultur-Museum: Kapitel Villa Henschel, in der 1. Hälfte des Beitrags
Koestlers Formel tot=ungeboren, am Schluß des Beitrags
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