Sonntag, 22. September 2019
Monatsschlößchen September 2019

Umfang knapp 20 Druckseiten. Dieser Band ist noch unvollständig. Eine Fortsetzung der Monatsschlößchen, wenn auch in unregelmä-ßigen Abständen, wird angestrebt. Möglicherweise widmen sie sich, wie schon hier, hauptsächlich den Hemmschuhen meiner künstle-rischen Belange und meines Alterns – beides wohl für die wenigsten von Interesse.

Kein Grünes Licht für O‘Casey + Freuden des Alters + Der Autor als Gutachter + Gruß ans Elektroauto + Urinprobe + Vom Kartoffelacker bergab + Kinderlos + Käse-Kippe + Im Kampf gegen Mammute + Donnerwetter! + Blaue Sterne nähen



Kein Grünes Licht für O‘Casey

Gestern habe ich den Entwurf eines neuen Kurzromans abgeschlossen, rund 80 Seiten. Er soll jetzt einen Monat ruhen, bevor ich ihn überarbeite – oder verwerfe.

Es ist mein altes Thema: Kommune, Räterepublik, Utopie. Zeit der Luchse spielt freilich im Jahr 1904. Die Sache ist nicht völlig unglaubwürdig. Von ewigen Reibereien zwischen Bulgarien, der Türkei und Rußland begünstigt, haben „die Luchse“ drei Jahre früher die Türken aus einem kleineren Landstrich vertrieben, der im Osten ans Schwarze Meer stößt, sonst von Gebirgen eingefaßt ist. Zu ihren ersten Maßnahmen nach dem Umsturz und der Ausrufung der „Freien Republik Mollowina“ zählen die Bewaffnung der Bevölkerung (der Meidunen, rund 40.000 Köpfe) und die Abschaffung des Geldes. Jetzt bereisen zwei Männer aus Zürich das Land, der Mitteleuropa-Korres-pondent der New York Daily Tribune, Norbert Anger-schmied, und sein Freund, der Zeichner Sean O‘Brien, ein Ire. Da Angerschmied von einem Gutshof stammt, nahm er den brieflichen Vorschlag der Rätin für Auswärtiges Fila Peptan an, mit einem Planwagen-Gespann der Republik durchs Land zu reisen. Er und sein Begleiter könnten dann „an beliebiger Stelle (sowohl des Landes wie des Wagens) auch übernachten“. Im übrigen könnten sie sich „in der gesamten Republik frei bewegen, also ohne die üblichen AufpasserInnen, meist ‚Fremdenführer‘ oder ‚Dolmetscher‘ genannt. Sie werden hier in jedem Dorf mindestens zwei oder drei Leute finden, die halbwegs gut Englisch sprechen.“ Diese Übermacht des Englischen wird, neben vielen anderen interessanten Fragen, später noch kritisch beleuchtet.

Heute nacht fiel mir günstigerweise eine zweimal im Entwurf auftauchende unangemessene Metapher ein: grünes Licht geben. Laut verschiedenen Nachschlage-werken kamen die elektrisch betriebenen Rot-Grün-Verkehrsampeln nämlich erst 10 Jahre nach meiner Romanzeit auf, 1914. Die Erforschung dieses Phänomens verführte mich dazu, in meinem Brockhaus vorsichts-halber noch einmal bei O‘Casey, Sean nachzuschlagen, dem irisch-englischen, zumindest zeitweise vielgespielten Dramatiker. Tatsächlich, da steht es noch (im Band 16 von 1991): „Seine sechsbändige Autobiographie (1939–56) schildert eindrucksvoll seinen Werdegang und gilt als Meisterwerk der Gattung.“

Eben diese Bemerkung hatte mich vor längerer Zeit dazu bewogen, mir ein antiquarisches Exemplar der deutsch-sprachigen Diogenes-Ausgabe* des „Meisterwerkes“ auf Vorrat anzuschaffen. Nun las ich es, weil ich mir sagte, es spielt ja ungefähr in deiner Romanzeit, vielleicht gibt es dir ein paar Anregungen. Das war der Fall. Ferner läßt die Ausgabe auch in typografischer Hinsicht nichts zu wünschen übrig, von der Fadenheftung bis zum grünen Leinenumschlag, und alles für 18 Euro. Was nun den Inhalt angeht, bietet er „Grünes Licht“ nicht – gut so. Aber ansonsten wartet O‘Casey mit einer farbenprächtigen Bilderflut auf, die jeden halbwegs empfindlichen Leser an die Wand drücken muß. Er liebt überhaupt das Ausufernde ungemein. Er schwafelt und verurteilt und wiederholt sich wie ein roter Priester (der er ja wohl auch war). Striche man allein seine ewig gleichen Ausfälle gegen Kirche und Klerus, hätte man von den sechs Bänden des Werkes schon drei eingespart. Er wirft bedenkenlos mit Blumigkeit und nichtssagenden Phrasen um sich, bis man kaum noch ein Körnchen jener „Wahrheit“ sieht, die er so gern beschwört. Sein Humor beläuft sich überwiegend auf Ironie; seine selbstkritischen Bemerkungen sind eher dünn gesät. Ich will nicht gerade behaupten, er sei so ein selbstgerechter und engstirniger Kotzbrocken wie der (von Minetti gespielte) Zirkusdirektor aus Thomas Bernhards Stück Die Macht der Gewohnheit (1974) gewesen, aber viel dürfte da nicht fehlen. Immerhin bricht er eine Lanze für die durchweg versklavten Kinder und Frauen Europas, wenn er sich auch stets eine Hausgehilfin oder ein Kinder-mädchen hält, vielleicht auch beides. Seine Gattin Eileen war Schauspielerin. Natürlich hält er auch den Fortschritt hoch, voran die Elektrizität, das Wunderland USA und das gelobte Land SU. In meiner Republik Mollowina kann es schon deshalb keine Verkehrsampeln geben, weil es keinen Strom gibt. Die Leute wünschen es so.

Für was der Dramatiker, der sich endlos über den fehlgeschlagenen oder halbherzigen Befreiungskampf der Iren ausläßt, bei seiner Nordamerikareise bestenfalls ein Hühnerauge hat, das ist die IndianerInnenfrage. Als gälischer Patriot scheint er sie gar nicht zu kennen. Vielleicht glaubte er, die beeindruckenden Wolkenkratzer seien lediglich mit Hilfe einiger Gastarbeiter hochgezogen worden, die dann wieder nach Hawaii oder Feuerland heimkehrten, etwa Sitting Bull, von dem man zuweilen liest. Im letzten Band seines Meisterwerkes – Eileen liegt gerade schwanger in einer schäbigen Londoner Privat-klinik – kommt er doch noch auf die IndianerInnen zurück. Er stellt fest: „Die fürsorglichen Überlegungen, die man der geistigen und körperlichen Entwicklung des englischen Kindes widmet, sind nicht die eines zivilisierten Volkes, sondern stehen auf der Stufe eines primitiven Palavers, das in einer Wigwamberatung unter einem Dach aus Kuhhäuten abgehalten wird.“ (S. 27)

Wenn diese Prosaarbeit des Dramatikers als Meisterwerk gelten sollte, würde man doch gern wissen, wer es warum dazu erklärt hat. Aber Brockhaus verrät es nicht. Das Urteil wird so anonym abgegeben, wie es im sogenannten Kanon dann auch bleibt. Der Kanon ist allmächtig, unwiderruflich, unsichtbar und unbelangbar – gerade so wie Gott.

* o.J., Lizenzausgabe nach: Paul List Verlag, Leipzig, 1957–63



Freuden des Alters

Es erhebt sich die Frage, was nun. Was wäre die nächste Arbeit? Ich meine selbstverständlich eine Schreibarbeit. Mein Brennholz für den Winter ist gesägt oder gespalten; Musik mache ich nicht mehr; Lesen verärgert oder langweilt mich zusehends, und für die Gänge oder Radfahrten durch „die Natur“ gilt schon fast dasselbe. Aber beschäftigen muß ich mich schließlich. Obwohl es sicherlich das Beste wäre, ich brächte mich endlich um. Auch die Altersgebrechen (knapp 70) häufen sich ja leider. Plötzlich stolpert man und verschüttet die Tasse mit Leitungswasser, womöglich gerade über dem aufge-klappten Laptop. Das hat es früher nie gegeben. Auch mein sogenanntes Kurzzeitgedächtnis scheint im Galopp nachzulassen – Besorgnis erregende Vergeßlichkeit. Beim Ofenhüten oder im Straßenverkehr kann sie leicht auf die Intensivstation führen, wenn schon nicht in den Sarg. Aber zum Selbstmord fehlt mir der Mut. Vielleicht stellen Feigheit und Duckmäusertum sogar das übelste Altersgebrechen dar. Auch eine Art von Kurztreterei.

Zwar schwebt mir eine längere Erzählung von einer im Gebirge veranstalteten Musikfreizeit etlicher Jugendlicher und ihrer BetreuerInnen vor, die vom Kriegsausbruch erschüttert, aber auch befruchtet wird. Doch ich traue mich noch nicht heran. Ferner besitze ich eine übrigens äußerst mühsam errungene Liste von rund 6.500 mehr oder weniger prominenten Frühverstorbenen*, von denen ich erst einen Bruchteil behandelt habe. Mit dieser Liste könnte ich mich also eigentlich, bei Langweile, jederzeit beschäftigen. Doch diese Aufmerksamkeit für andere lockt mich inzwischen nur noch wenig. Denn wer kümmert sich denn zur Abwechslung einmal um mich? Wer hätte mir, dem Schriftsteller und Liedermacher, in den vergangenen 10 Jahren, wo ich mein Werk ausreifte, nennenswerte Aufmerksamkeit geschenkt? So gut wie niemand. Vermutlich habe ich in diesem Zeitraum mindestens 200 mehr oder weniger fachkundige Leute angeschrieben, von denen ich mir, im Glücksfall, etwas Interesse oder gar Hilfestellung versprechen konnte. Davon antworteten 160 überhaupt nicht, und der Rest wiegelte ab.

Allmählich beschleicht mich der Verdacht, sofern die Leute selber künstlerisch ambitioniert sind (fast alle Welt!), blocken sie nicht nur aus Überlastung oder Unhöflichkeit, schlechter Laune oder Blindheit ab. Sondern so mancher dürfte erschreckt sehen: verdammt, dieser R. macht ja ausgezeichnete Sachen – dem greifen wir lieber nicht unter die Arme. Das Riesengespenst der Konkurrenz ist nämlich keine Schimäre, an die lediglich Sich-verkannt-wähnende und Verfolgungswahnsinnige glaubten. In diesem Frühjahr war ein junger Münchener Musikwissenschaftler so nett – vielleicht fühlte er sich auch geschmeichelt – sich meine fünf Platten kommen zu lassen. Leider fiel sein Urteil wenig günstig aus. Wobei es nicht um meine selbstge-schneiderten Aufnahmen, sondern um die Substanz der Stücke ging, für die ich neuerdings BearbeiterInnen suchte. In seiner Verlegenheit über sein eigenes ungünstiges Urteil schrieb mir Z. jedoch, er könne die Platten auch gerne einem mit ihm befreundeten älteren Musiklehrer vorlegen, der selber öfter Lieder verfasse. Der fände voraussichtlich mehr Gefallen an meinen Sachen. Meine Zweifel an dessen Unvoreingenommenheit zerstreute Z. mit der Versicherung, Konkurrenzgedanken seien U. (vielleicht ein alter 68er wie ich?) völlig fremd. Also willigte ich ein. Prompt kam es, wie befürchtet: U. machte meine Arbeiten schlecht, und zwar mit Worten, die bereits die Gehässigkeit streiften, wie ich fand. Das war Z. wiederum peinlich – man muß ihm umso höher anrechnen, daß er mir U.s (schriftliches) Urteil nicht vorenthielt, vielmehr zitierte. Ich glaube von daher, Z. ist ein anständiger Kerl, nur etwas blauäugig und kurzsichtig. Aber ich war auch einmal jung.

Anders sieht es vielleicht aus, wenn der Angesprochene bereits ein gemachter Mann ist – wenn er es also nicht unbedingt nötig hat, sich selber in ein besseres Licht zu rücken, indem er den anderen als trübe Funzel hinstellt. So schrieb mir ein älterer Komponist aus der ehemaligen DDR, jetzt Lehrer am Dresdener Konservatorium, in diesem April: „… haben Sie vielen Dank für Ihre E-Mail und Ihre Anfrage. Ich finde Ihr Tätigkeitsfeld interessant und die Lieder sehr bemerkenswert, zumal sie mit ihrem bissigen, humorvollen Charakter und ihrer guten Umsetzung für ein breites, begeistertes Publikum geeignet sind. Fachkundig bearbeitet könnten sie aber tatsächlich noch wirkungsvoll ‚aufgewertet‘ werden ...“ Nur sei er selber leider durch Auftragsarbeiten ausgebucht. Dann schlug er mir vor, mich an den Vorsitzenden seines Landeskomponistenverbandes zu wenden, zwecks Bitte um „rundmailing“ meines Anliegens. Ich könne mich gern auf ihn berufen. Das tat ich.

* Nicht älter als 39. Diese Grenze, von mir selbst gezogen, ist natürlich recht willkürlich, starr, fragwürdig.



Der Autor als Gutachter

Was mich bislang vom Selbstmord zurückschrecken läßt, ist allerdings nicht nur Angst, sondern auch Hoffnung. Ich meine die Hoffnung, vielleicht doch noch zu Lebzeiten eine gewisse Anerkennung für mein Werk zu finden und die entsprechende Genugtuung zu ernten. Hätte ich sie aber überhaupt verdient, diese Anerkennung? Dazu kann ich, im folgenden, leider nur ein eigenhändig verfaßtes Gutachten anführen. Es stammt vom November 2018, ist also knapp ein Jahr alt. Ich lasse es unverändert. Damit verkneife ich mir auch die „distanzierende“ Er-Form, die ich im Falle von O‘Caseys Autobiografie höchst albern und fruchtlos fand. Er sagt nie „Ich ging“, vielmehr „Sean ging“. Durch meine Selbsteinschätzung wird man besser nachvollziehen können, warum mich ungefähr zweimal wöchentlich für Minuten Gram über mein kränkendes Schattendasein anfällt. Wenn so etwas nicht in Verbitte-rung und leibliche Zerrüttung führt, ist schon wieder ein Wunder auf Gottes Erdboden geschehen. Selbstver-ständlich ist die Freigabe einer solchen insgeheim verfaßten Selbsteinschätzung gewagt. Also doch wieder Mut? Schließlich riskiert man, falls man mit ihr gewaltig daneben liegt, mehr Kübel von Hohn, als ich über O‘Casey, Jean Grenier, Mihail Sebastian oder sonst einem Kanoniker ausgießen könnte.

Gutachten zur Vorlage am Thüringischen Obersten KanonikerInnenhof

Zu den wesentlichsten Zügen meiner Arbeiten dürfte die Klarheit in der Darstellung zählen. Ein Nebenzweig davon ist meine Aufrichtigkeit, auch in eigener Sache. Ich verabscheue Verschleierung.

Ich nehme stark an, der genannte Zug hängt eng mit dem Hauptgrund meines Schreibens zusammen. Darüber habe ich bei meinem jüngsten AZ-Korrekturlesen in „Klavier-handschuhe / D. H. Lawrence“ (Band 17) Bemerkungen gefunden, die mich beinahe noch selber überraschten. Es sei nie meine Absicht gewesen, wie Lawrence und viele andere vom Schreiben zu leben oder gar steinreich wie Stephen King, Martin Walser oder Ilse Aichinger zu werden. „Der Hauptgrund lag immer darin, mich möglichst verbindlich und möglichst vollständig zu erklären. Das betrifft sowohl Politisches wie Psycholo-gisches. Ich leide von Kind auf unter dem Schwarzes-Schaf-Syndrom. Man belächelte, schnitt oder beschimpfte mich, weil ich diese radikalen Ansichten, unnormalen Vorlieben, krankhaften Abneigungen und so weiter besaß. Ihre Rechtfertigung liegt nun in meinen gesammelten Texten vor. Das soll nicht unbedingt heißen, ich hätte immer oder auch nur meistens recht. Es heißt vielmehr, für diese Auffassungen und dieses Verhalten gute Gründe zu haben. Es heißt weiter, daß sie nichts kurzerhand und leichtfertig Angenommenes sind. Selbst das Geschäft, meine Erklärung möglichst klar und dann auch noch unterhaltsam vorzubringen, ist nicht einfach. Für Geld hätte ich mir diese ganze Mühe nicht gemacht.“

Sicherlich könnten die so entstandenen Arbeiten auch Dritten dabei behilflich sein, die Welt und sich selbst besser zu verstehen – falls sie von ihnen erführen oder sie an sich herankommen ließen. Eine Freundin meinte einmal halb im Spott zu mir, ich sei der letzte deutsch-sprachige Aufklärer & Enzyklopädist. Sie ist Theaterfrau. Prompt machte ich den Scherz voll und ergänzte: Gut möglich – aber nicht unbedingt auch der schlechteste, wenn ich das einmal behaupten darf …

Ich halte mich im Gegenteil für einen ausgezeichneten Stilisten. Wobei ich tatsächlich, anders wie Kreuder etwa, auch einen eigenen Stil entwickelt habe. Er ist unverkenn-bar, obwohl er sich vor jeglichem avantgardistischen Firlefanz hütet. Das wurde mir wiederholt von Zander versichert; ein paar LeserbriefschreiberInnen äußerten sich ähnlich. Dieser Stil wird durch Knappheit, treffenden Ausdruck, Bissigkeit, Anschaulichkeit, Sarkasmus und noch 20 weitere Züge ausgemacht. Eine andere Freundin, Bildende Künstlerin, teilte mir 2017 mit, meine „unaufgeregte Art zu schreiben“ gefalle ihr immer wieder sehr gut; „diese Balance zwischen distanzierter Betrachtung und großer innerer Anteilnahme“ treffe man sonst selten bis gar nicht mehr an. Ein Feuilleton-Redakteur bescheinigte mir bereits vor 2000 einmal am Telefon mit Erstaunen eine „eigenständige Lektüre“ sowie die Gabe „verblüffender Verknüpfungen“. Er lobte sogar meine poetische Begabung. Für Miniaturen wie „Das Haus der Wasseramsel“ (Band 6) ließe er jedes Gedicht stehen, versicherte er mir.

Meiner originellen Warte entspringen zwei gegensätzliche Effekte. Einerseits ermöglicht sie mir zahlreiche Beobachtungen / Entdeckungen, die von anderen kaum oder nie zu erwarten sind. Andererseits stoße ich eben deshalb, wegen des Ungewöhnlichen, Abseitigen oder Ketzerischen, die meisten Leute, die meinen Arbeiten begegnen, vor den Kopf. Sie wünschen ihren Blickwinkel nicht zu ändern. Das gilt auch und gerade für sogenannte Linke. Im Ergebnis sitze ich hoffnungslos zwischen allen Stühlen.

Es hilft hier gar nichts, auf Objektivität zu hoffen. Man sagt sich ja manchmal, sollen die Leute doch bleiben, wie sie sind, wenn sie wenigstens meine Sorgfalt, meine Herkules-arbeit, meinen Witz, meine glänzende Argumentation und meinen Mut mich unbeliebt zu machen anerkennen würden – aber sie husten mir was. In der Regel liebt man eben nur, was einem ähnlich ist und was zur Vereins-bildung taugt. Die Zanders sind seltener als Hummeln auf Grönland.

Übrigens schätzte er – der Herr Professor aus dem „Ruhrpott“ – gerade auch meinen „unakademischen“ Horizont, meine Erdnähe, wie ich der Einfachheit halber oft sage. Ich komme von unten. Ich bin Fabrikarbeiter, geprüfter Handwerker, eigenhändiger Hosenflicker. Lese ich etwas, verknüpfe ich es mit der angesprochenen, mal blühenden, mal verdorrten Erde – und nicht etwa vordringlich mit der Grauen Theorie, in der die germanistischen Giraffen äsen. Zander war eine chemische Giraffe, aber das schmerzte ihn. Dieser Erdnähe zuliebe nahm er auch den „plakativen“ Zug in Kauf, den er einmal manchen meiner Erzählungen bescheinigte. Ja, ich glaube, er fand ihn sogar anregend, weil ich mich dadurch nicht im Detail, im Nebel, in der Unverbindlichkeit verlor.

Hier bietet sich ein Schlenker in den Bezirk des Tadels an. Sicherlich eignet meinem „bissigen Aufklärertum“ eine Schärfe, die nicht allen Literaturfreunden liegt. Ich schreibe bestimmt, respektlos, nicht selten fordernd. Meinem Bott bescheinigte die erwähnte Theaterfrau einmal in einem Brief eine ihr unangenehme Nähe zur Selbstgerechtigkeit. Für zarte Gemüter, für alle Behut-samen ist das nichts. Aber sie erkannte das überzeugende „Klima“ auch dieser Gudensberger Geschichten an. Im „Atmosphärischen“ liege meine größte Stärke. Nebenbei: Bott residiert in seinem Provinzstädtchen am Fuße des Schloßbergs. Das „Zwergenhafte“ prägt sowohl meine Botschaften wie deren Formen, und zwar durchgehend. Also noch ein Grundzug meines Werks.

Ich binde den Sack zu. Obwohl von Hause aus eher wirrköpfig, begriffsstutzig und schwankend, ist es mir in den letzten Jahren gelungen, für meine Ausgewählten Zwerge, Musik eingeschlossen, eine sinnvolle Ordnung zu finden, die sowohl den zahlreichen Einzelstücken wie den großen Zusammenhängen meines Weltbildes gerecht wird. Die Verwebung durch mein Register trägt dazu nicht unerheblich bei. Jedes Einzelstück läßt sich separat mit Gewinn lesen; wer jedoch auf rote Fäden aus ist, wird gleichfalls auf seine Kosten kommen. Er muß nur ein gerütteltes Maß an Zeit, Geduld, Konzentration mitbringen.

Meine Musik ist mein größtes Sorgenkind. Nicht etwa, weil ich sie schlecht fände, sondern weil man sich noch weniger um sie schert als um meine Prosa. Wäre der Jazzmusiker und Nachwuchspfleger Joan Chamorro, geboren 1962, kein Katalane, hätte er meine Musik schon längst entdeckt und ihr aus den Kinderschuhen verholfen. Allerdings ist auch das Katalanische eine reizvolle Sprache, wenn mich gewisse Höreindrücke per YouTube nicht täuschen.

Ich halte meine Kompositionen für bemerkenswert. Die Zwerglieder könnten sogar einmalig sein, echte Erfindung. Im ganzen fällt mein Melodienreichtum auf (mir). Obwohl er selten aus unbedarfter Harmonik quillt, verrät er doch niemals Angestrengtheit. Platte 4 mit den „langen“ Liedern ist wohl am schwächsten. Aber ein paar Stücke, voran „Kleiner Bahnhof“, hätten, anders besetzt und besser vorgetragen, glatt das Zeug zum Evergreen. Platte 5, die textlose, ist überwiegend ganz betörend. Die Stücke strahlen eine beglückende, oft überraschende Heiterkeit aus. Gelungene Naive Malerei.

Vielleicht noch ein Wort zu meinem Charakter. Von Hause aus eigentlich mit „Labilität“ geschlagen, erstaunt mich allmählich die Hartnäckigkeit sowohl meines Schaffens wie bei dem Versuch, ihm Gehör und Geltung zu verschaffen. Ich erntete bereits einen Berg von Körben, aber bislang ist es ihm mißlungen, mich zu ersticken. Nur muß man sehen, viel Zeit habe ich wahrscheinlich nicht mehr. Etliche Kollegen, von den Frühverstorbenen zu schweigen, erreichten noch nicht einmal mein gegenwärtiges Alter von 68, ich nenne nur die Musiker Willem Breuker, Volker Kriegel, Werner Lämmerhirt. Ihnen allen einen Gruß.



Gruß ans Elektroauto

Das Dorf Langenhain hat eine aus hellem Sandstein errichtete und gemeißelte schöne, schlichte Barockkirche, bei der ich öfter mein Rad anhalte. Sie ist von hohen Bäumen und einem Friedhof umgeben. Auf diesem liegt seit einigen Jahren eine junge Frau, die mit 16 bei einem Verkehrsunfall starb. Soweit ich gehört habe, frönte die Waltershäuser Schülerin dem Eishockey-Sport. Auf der Rückfahrt von einem Spiel in Erfurt kam eine 18jährige Kameradin, die den Wagen der beiden jungen Frauen lenkte, bei Dunkelheit an einer Baustelle wegen angeblich unzulänglicher Straßenführung oder -markierung von der Fahrbahn ab, worauf der Wagen gegen einen Baum prallte. Die Kameradin erlitt Verletzungen, blieb aber am Leben. Die Tote hat jetzt ein paar mordsdicke, laut Sigmar Löffler im Jahr 1769 gepflanzte Linden vor ihren erstarrten Augen. Sitze ich da auf einer Bank, weiß ich nie, wem mein tieferes Mitleid gilt, der Begrabenen oder ihrer Fahrerin.

Nun ja, wird man vielleicht nörgeln, das ist nichts Besonderes. Solche Verkehrsunfälle und -opfer gebe es wie Sand am Meer. Und genau das ist das Schlimme. Man hat sich in Jahrzehnten daran gewöhnt; es fällt schon gar nicht mehr auf. Jedesmal, wenn ich in meiner erwähnten Liste von 6.500 Frühverstorbenen stöbere, stehen mir die Haare zu Berge, weil von den Frühverstorbenen des Automobil-zeitalters alle naselang einer das Schicksal der 16jährigen aus Langenhain teilt. Laut WHO, der Weltgesundheits-organisation, sterben gegenwärtig jährlich weltweit über 1,35 Millionen Menschen im Straßenverkehr. Das wären täglich rund 3.700 Menschen – eine ansehnliche Kleinstadt, restlos entvölkert. Tag für Tag! „Verkehrs-unfälle sind mittlerweile die häufigste Todesursache für Kinder und junge Erwachsene im Alter zwischen fünf und 29 Jahren“, schreibt Martin Randelhoff.* „Über alle Altersgruppen waren Verkehrsunfälle im Jahr 2016 die achthäufigste Todesursache. Es sterben mehr Menschen im Straßenverkehr als durch Durchfallerkrankungen, Tuberkulose oder HIV.“ Hinzu kommen Abermillionen von Verletzten, Verkrüppelten, Traumatisierten. Was unternehmen jedoch die führenden, rhetorisch geschulten Vollidioten der Welt? Sie jubeln uns das Elektroauto unter, weil das „umweltfreundlicher“ sei. Die Menschen zählen inzwischen schon nicht mehr zur Umwelt; sie gehören zum Maschinenpark. Mobilität und Brutalität sollen unbedingt gerettet werden, denn mit ihnen steht und fällt „das System“ der Vollidioten und Demagogen schon nahezu.

Alle Linken oder Rotgrünen, von Ostermarschierern über Klimaschützern bis zu anarchistischen Kommunarden, machen in der Regel ergeben mit. Zeit- und Sachzwänge, zucken sie die Achseln, kommt man einstweilen nicht gegen an. In Hessen gibt es eine Kommune, die außerhalb ihres Dorfes auf einem hübschen, nur zum Teil bewaldeten Berg wohnt. Daß dieser Berg seit Jahrzehnten als Segelflugplatz dient, konnte die Kommunarden nicht am Erwerb ihres zukünftigen Anwesens hindern. Ich habe das nicht nur im deutschen Faschismus befremdliche Segelfluggeschehen 2018 in meinem Artikel „Segelflug-schülerin Quakenbrück“ im Beitrag Flotte Leute des AZ-Bandes 2 umrissen. Auf dem Kommuneberg kreisen die potentiellen AbstürzlerInnen unmittelbar über den Köpfen der Kommunarden – und ihrer lieben, laut Webseite der Kommune auf so viel „Nachhaltigkeit“ wie möglich versessenen Gäste. Sie selber, die Kommunarden, segelfliegen möglicherweise nie – nur wie kommen sie denn Tag für Tag auf ihren Berg? Auf vier oder zwei Rädern, nehme ich doch an. Reitziegen oder Pferde halten sie meines Wissens nicht. Ich habe die Kommunarden schon einmal auf ihre elegante Umschiffung des Segelfluggeschehens angesprochen und machte mich dadurch nicht gerade beliebt. Wenn ich jetzt noch auf ihre Autos oder Motorräder einhacke, bin ich unten durch. Ich höre das geradezu wörtlich: Dieser Kerl verunsichert uns. Er drückt auf unser Gewissen und damit auf unseren Angst-Knopf. Er will uns jeden Segelflug und jede Autofahrt ins Dorf, in die Kreisstadt oder zum nächsten Kommunetreffen, vielleicht in Mecklenburg, verleiden. Wie soll man unter diesen Anfechtungen noch vernünftig lenken, rechtzeitig bremsen und hin und wieder unseren im Kindersitz verzurrten Kleinen zulächeln? Kurz und gut, wenn jetzt etwas Schlimmes passiert, dann ist dieser Kerl schuld.

* Zukunft Mobilität 27. Januar 2019



Urinprobe

In der Nähe des hiesigen Altenheims fällt mir ein schlurfender Greis auf, der anscheinend hartnäckig über seine eigenen Füße zu stolpern droht. Als ich ihm Hilfe anbieten will, erkenne ich, das Hindernis sind nicht seine Füße; es ist sein Urinbeutel, der sich offenbar selbstständig machte, im Hosenbein absank und nun auf seinen Schnürsenkeln schleift. Das überstieg vielleicht doch mein Fachwissen. So eilte ich zum Altenheim und alarmierte eine Pflegerin. Sie kam gleich mit und dankte mir: zwar herzlich, aber vom Tatbestand ungerührt.

Vor ungefähr zwei Jahren traten bei mir selber erstmals Schwierigkeiten beim Wasserlassen auf, nämlich nächtliche Staus oder Stockungen. Au weia, dachte ich, wohl das bekannte Prostata-Problem. Als sich die Stockungen öfter wiederholten, durchfuhr es mich als geborenen Angsthasen nicht weniger oft: Himmel, wenn du jetzt nicht mehr pinkeln kannst, dann gute Nacht! Dann platzt deine Blase, und morgen mittag, wenn dein Grundstücksnachbar verabredungsgemäß nach deiner klemmenden Computermaus sehen will, findet er dich in einer Urinlache liegend auf den Dielen vor. Solche Befürchtungen sind natürlich bestens geeignet, Versuche des Wiedereinschlafens und ganz allgemein die Lebensfreude zu fördern. In diesem Fall hatte ich aber, bislang, Glück. Ein Kommunarde empfahl mir den regelmäßigen Verzehr von Kürbiskernen, und möglicherweise schlugen sie an. Genaueres weiß man ja in Fragen der Krankheits- und Heilungsursachen selten.

Ich glaube, allein im zurückliegenden Sommer habe ich Besprechungen von mindestens zwei neuerschienenen kritischen Büchern über unser Gesundheitssystem gelesen. Resümee: Wer sich in die hilfreichen Fänge dieses Systems begibt, kommt in der Regel kränker wieder heraus, wenn überhaupt. Meine Rückenschmerzen habe ich durch gezielte gymnastische Übungen gelindert, und zwar deutlich. Gegen Hautjucken trage ich erfolgreich ein bestimmtes Mandelöl auf. Knieschmerzen, für die mich ein hiesiger Chirurg zunächst einmal in die MRT-Folter-kammer eines auswärtigen sogenannten Instituts schicken wollte (Kernspintomographie), verflüchtigten sich (vielleicht) durch tapferen Verzehr von Gelatine. Und so weiter. Aber wie lange noch? Wenn in meinem Gehirn, obwohl handyfrei, ein netter kleiner Tumor klingelt? Wenn mich ein schicker Geländewagen zermalmt, weil meine Fahrradklingel zu dünn war, um durchs Panzerglas und die im Wageninneren stampfende Techno-Musik zu dringen? Wenn der liebe Krebs mit seinen tausend Scheren in die Nieren oder sonstwohin zwackt?

Mögen mir Götter einen Mörder schicken, falls ich es selber nicht mehr kann.



Vom Kartoffelacker bergab

Im April dieses Jahres hatte ich eine Radfahrt, auf der leider gar nichts Ernsthaftes passierte. Sie stürzte mich gleichwohl in eine Art Endzeitstimmung, die Tage anhielt. Ich hatte H. in Fröttstädt auf dem Kartoffelacker geholfen, wohl beim Setzen der Kartoffeln. Die Ernte winkt in wenigen Tagen. Damals am späten Nachmittag nach Hause gondelnd, kommt mir am Hörselgauer Friedhof eine aschblond gelockte, ungefähr 30 Jahre alte Frau auf ihrem Mountainbike entgegen, vermutlich aus Waltershausen. Sie hat jedoch angehalten, wahrscheinlich um sich zu orientieren. Da sie mich hilfesuchend anblickt, halte ich mein Fahrrad ebenfalls an. Ob ich vielleicht einen Weg überland nach Friedrichswerth wüßte; einen Weg, der möglichst wenig die Landstraßen berührt. Sie fragt mit ernsthaftem Gesichtsausdruck, keine Spur Koketterie. Trotzdem klingt ihre eher dunkle Stimme beinahe einschmeichelnd. Ich merke zudem, sie kann keine dumme Sportmieze sein, da sie sich mit Bedacht und fast gewählt ausdrückt. Nein, eine Landkarte hätte sie nicht, aber ein Handy. Also doch. Ich schlage ihr vor, erst einmal nach Fröttstädt zu fahren und dort den Weg durch die Felder nach Aspach zu erfragen, dort dann nach Sonneborn, „und so weiter“. Im Grunde könne sie ja nichts falsch machen: immer nach Norden, die Sonne schräg im Rücken. Sie nickt und bedankt sich. Da ich mich daraufhin schon wieder in Bewegung setze, tut sie das gleiche, nur in der entgegengesetzten Richtung. Hat sie nicht gezögert? Ich bilde es mir jedenfalls ein. Ja, jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, an der Friedhofsecke entschwindet eine Riesenchance. Ich bemerke es, als ich jenseits der Bahngleise zum Sportplatz einbiege. Ja, fahre nur unbeirrt zurück zu deiner Waltershäuser Einsiedlerhöhle!

Zunächst bin ich nur zerknirscht. Dazu gesellt sich Argwohn. Warum fährt sie zu später Stunde ohne Begleitung durch eine Gegend, die sie offensichtlich kaum kennt? In zwei oder drei Stunden wird es dunkel; bis Friedrichswerth muß sie mindestens 10 mit Anhöhen und Schlaglöchern gespickte Kilometer bewältigen. Und was will sie in Friedrichswerth – ausgerechnet das durch ein herzögliches Sommerschloß aufgewertete Dorf, in dem ein Roman von mir spielt, Konräteslust? Großes Gepäck hatte sie nicht dabei. Vielleicht hat sie neuerdings eine Freundin oder eine Geliebte in Friedrichswerth, bei der sie fürs Wochenende übernachten will. Morgen ist ja Sonntag. Aber warum hat sie dann nicht mit dieser Bekannten über die Anfahrt diskutiert? Vielleicht wollte sie ursprünglich die Landstraße (über Teutleben) nehmen, besann sich dann jedoch angesichts des Samstagsverkehrs um. Oder roch sie plötzlich meinen Kartoffelackerschweiß?

In meiner Höhle eingetroffen, bin ich auch schon von einer Traurigkeit angefallen, die sich geradezu mit Erschrecken mischt. Es ist vorbei! Dein Leben ist gelaufen. Vergiß die Neugier. Vergiß die durchaus romanhaften prickelnden Abenteuer deiner Jugend, zumal der Trotz&Träume-Zeit. Vergiß dein unausrottbares Verlangen nach Vertrautheit. „Du bleibst allein“, so in einem Maurenbrecher-Song. Spätestens von der heutigen Radfahrt an, noch immer ohne graues Haar, gleichwohl schon 69 Jahre alt, geht es nur noch bergab, mein lieber Freund. Es wird unerbittlich bergab gehen, bis du in deiner Höhle bei lebendigem Leibe verfault sein wirst.



Kinderlos

Ich habe dem Schicksal schon oft dafür gedankt, keine Kinder zu haben. Welche Last und Sorge bedeuten sie schließlich, welche Freude, welche Verantwortung – und was für üble Aussichten für den lieben Nachwuchs! O‘Casey hatte drei Kinder. Von ihnen weiß man immerhin das Gröbste. Niall, der jüngere Sohn (1935), zog die schwarze Karte: er starb mit 21 an Leukämie. Der ältere Sohn, Breon (1928), wurde 83. Es heißt, er habe Schmuck gemacht und gemalt. Tochter Shivaun (ursprünglich Shivawn, 1939) lebt offenbar noch. Schauspielerin und Theaterfrau, scheint sie inzwischen das Werk ihres Vaters zu betreuen. Ob die Kinder, neben Geld und Urheber-rechten, auch ein paar schlechte Züge O‘Caseys erbten, ist mir nicht bekannt. Für ihn selber waren sie natürlich prächtige Burschen und Mädchen. Andererseits, um es zu wiederholen, er sprach sich heftig für die Rechte oder gar die Selbstbestimmung der Kinder (im allgemeinen) aus, wenn auch wieder girlandenhaft und seitenlang. In der Regel und zu meinem Ärgernis pflegen ja Autoren biografischer Bücher oder Artikel den Sprößlingen ihres Gegenstandes genau das Schattendasein zu verordnen, in dem sich diese sowieso schon befinden. Man erfährt einfach nichts von ihnen. Ich beklagte das beispielsweise neulich schon (Band 16) im Fall des schweizer Bürstenbinders Andreas Dietsch, der 1844 mit Anhängern in die USA auswanderte, um eine genossenschaftliche Kolonie zu gründen, aber schon bald darauf starb. Das Projekt zerfiel. Sein Verantwortungsgefühl hatte ihm befohlen, das Wagnis der Auswanderung ins Blaue hinein auch seinen beiden Töchterchen zuzumuten. Jetzt guckten sie vielleicht in die Röhre des Fallrohrs, das noch immer nicht an die Hüttenwand geschraubt war. Dasselbe, äußerst heikle Phänomen liegt übrigens vor, wenn die erwähnten OstermarschiererInnen ihre Sprößlinge unter mehr oder weniger roter Flagge in den Kampf für Frieden oder wenn zwei schwedische Elternteile ihre Tochter Greta T., ein Schulmädchen, in einen ausgefuchsten, gigantischen PR-Feldzug „fürs Klima“ schicken.

Aus meiner Liste Frühverstorbener will ich ein paar weitere Beispiele vernachlässigter Kinderschicksale picken. 1972 erregte eine 27 Jahre alte frankokanadische Lyrikerin mit einem Selbstmord Aufsehen, den Lexika gern auf ihre ökologische Besorgnis zurückführen. Nach einem jüngeren Gedenkartikel* aus der Montrealer Tageszeitung Le Devoir war Huguette Gaulin (1944–72) erst vor wenigen Monaten einem einschnürenden Dasein als Ehe- und Hausfrau entflohen. Ihren kleinen Sohn nahm sie mit. Jobbend, wirft sie sich aufs Schreiben, neben Gedichten eine Menge verschiedener Aufzeichnungen. „Ich wollte mit dem Feuer schlafen, da ich keinen stärkeren, zäheren Gefährten finden konnte. Ich wollte mich im Feuer verkehren, mich in der Asche waschen“, soll es in einem Text von ihr heißen. Mit Hilfe von Freunden kommt sie zu einigen Veröffentlichungen in Zeitschriften, die ihr sogar Lob einbringen. Warum sie sich gleichwohl an einem Sonntag im Juni mit einer blauen „Dose“ (die Benzin enthält) in die Montrealer Altstadt begibt, scheint bis heute niemand genau zu wissen. Im allgemeinen, von den Zeitumständen her, lag eine solche Tat natürlich in der Luft, wie auch Autorin David anmerkt. Auf einem Parkplatz am Château Ramezay tränkt Gaulin ihre Kleidung und zündet sich an. Dabei soll sie, vor etlichen Augenzeugen, gerufen haben: Du hast (oder: Ihr habt?) die Schönheit der Welt zerstört! Rettungsversuche mißlingen; sie stirbt nach zwei Tagen im Krankenhaus. Die Tat zeigt eine gewisse „Werther-Wirkung“; laut David zieht sie einige andere Selbstmorde nach sich. Schon im Herbst erscheint, wie zu erwarten war, ein Sammelband mit Gedichten von Gaulin. Wo ihr Söhnchen blieb, wird nirgends verraten. Vielleicht bei der lieben Oma? Oder war es dummerweise eine böse?

Ende 2004 hatte die schwedische Schauspielerin Johanna Sällström (1974–2007) noch Glück. Gemeinsam mit ihrer dreijährigen Tochter und ihrem jüngeren Bruder überlebte sie nämlich auf Ko Lanta in Thailand jene Tsunami-Katastrophe, an die sich manche LeserInnen noch erinnern werden. Sie war noch nicht berühmt, aber Thailand mußte schon sein. In dieser Zeit begab sie sich wohl auch in die Obhut eines Psychotherapeuten. 2005 trat sie in der schwedisch-deutschen Fernsehserie Mankells Wallander ihren großen Wurf an, nämlich als Tochter Linda des populären dicken Kommissars Kurt Wallander aus Istad, der sich stets von schaurigen Fällen angezogen fühlt, die ihm den Magen umdrehen. Im Februar 2007 war alles Spiel aus: die alleinstehende 32jährige „Linda“ wurde tot in ihrer Malmöer Wohnung aufgefunden. Während die Polizei (die echte) rasch ein Verbrechen ausschloß, sprachen Freunde von Depressionen seit Jahren, jüngeren Aufenthalten in Nervenkliniken, Überarbeitung, Streß, Problemen mit dem Schönheitsideal – kurz, die hübsche Dunkelblondine hatte sich, warum auch immer, mit Hilfe von Schlaftabletten, soweit ich weiß, umgebracht. Es blieb dem Schriftsteller Mankell vorbehalten, dem Blatt Expressen zu versichern, es sei „unfaßbar und tragisch“. Andernorts ist nebenbei zu lesen, Sällström sei, wie ihr Landsmann Stig Dagerman, unfähig gewesen, mit Geld umzugehen. Aber jahrelang hatte sie sich danach verzehrt. Erst mit Mankell rollte der Rubel. Das ist schon seltsam. Wäre es bei diesem Naturell, dem „das Geld durch die Finger rinnt“**, nicht sinnvoller, gleich auf ein verschwenderisches Leben inclusive Fernreisen in bedauerlich arme Länder zu verzichten? Was sich die Film-Tochter von Mankells Kommissar für ihre eigene, leibhaftige Tochter ausgedacht hatte, ist meinen Quellen nicht zu entnehmen. Wenn nicht die Großmutter, wird es vielleicht Vater Staat richten.

Der ungarisch-deutsche Reichsbahnarbeiter in Dresden Emerich Ambros (1896–1933) war Sozialdemokrat und Antifaschist. Er kam mit 37 im KZ um. Wenige Wochen darauf folgte ihm seine Frau mit ihren zwei Kindern, indem sie, wohl in Dresden, Selbst- beziehungsweise Kindesmord beging. Näheres ist mir nicht bekannt, jedenfalls von diesem Fall. Dafür lese ich im Internet, am 6. Juli 2019 seien am Emerich-Ambros-Ufer in Dresden-Cotta ein Mercedes CLA und ein VW Golf aufeinander gekracht. Zwei Schwerverletzte. Kinder waren diesmal nicht beteiligt. Was die Schwerverletzten angeht, wurden sie vermutlich nicht in ein KZ, sondern in eine Klinik gesteckt.

Hier bietet sich auch noch Schriftstellersohn Stefan Kruse (1952–68) an, den ich früher nur in einer Fußnote streifte. Allerdings kann ich keineswegs mit Sicherheit behaupten, er zähle ebenfalls zu den Opfern des Straßenverkehrs. Das ist es ja gerade: die Unsicherheit. Stefans Vater Max Kruse, gestorben 2015 mit 93, dürften viele von bekannten Kinderbüchern her kennen, etwa Der Löwe ist los oder Urmel aus dem Eis. In den 60er Jahren hatte sich Kruse mit Stefan „im Isartal“ niedergelassen, wie er im Epilog seiner Autobiografie Im Wandel der Zeit (Neuausgabe Stuttgart 2011) erwähnt. Dort geschah der Unfall, der ihm den 15jährigen Sohn raubte. „Mein größter Schmerz.“ Im April 1968 sei Stefan unweit der väterlichen Wohnung „bei der abendlichen Heimkehr mit dem Fahrrad tödlich“ verunglückt (S. 589). Warum, erfahren wir nicht, obwohl die letzte Druckseite, 590, durchaus noch reichlich Platz geboten hätte. Im Internet ebenfalls Fehlanzeige, und meiner brieflichen, in diesem Frühjahr gestellten Anfrage bei Stefans Schwester Sylvia (geb. 1954), vermutlich Kruses Nachlaßverwalterin, war aus mir unbekannten Gründen kein Echo beschieden. Gewiß kann der Junge versehentlich oder aus Übermut gestürzt oder vor eine Mauer geprallt sein. Eine solche Mitteilung wäre dem Vater möglicherweise peinlich gewesen. Ist er aber unter ein Auto gekommen, wäre es dem Vater möglicherweise ebenfalls peinlich gewesen. Der Umstand, daß Kruse, ganz wie seine berühmte Mutter Käthe, Hunde- und Autofreund war, leuchtet nämlich klar aus seiner Autobiografie hervor.

* Carole David, „Huguette Gaulin, soeur de feu“, 13. Februar 2016
** Tagesspiegel 22. Februar 2007




Käse-Kippe

Der Abzweig, wo die schmale Straße zu meinem Häuschen und dann ins Feld abgeht, ist gelegentlicher abendlicher Treffpunkt von besoffenen, gröhlenden Jugendlichen, die kein Moped haben, um nach Gotha oder Eisennach in die Techno-Diskothek zu fahren. Da liegen dann öfter Glasscherben auf dem Asphalt. Jetzt halte ich mein Fahrrad an, weil mir zwei Männer freundlicherweise die jüngste Gefahr für meine Reifen bedeuten. „Au weia“, sage ich, dankbar nickend, und steige ab. Der Bärtige von den beiden, ein Dicker um 50, hält in der Gegend ein paar Ponys, auf denen meist Kinder reiten. Während ich die Glasscherben umschiffe, schimpft er: „Diese Schweine-bande! Wer so etwas macht, dem sollte man gleich den Hals umdrehen!“ Diese Bemerkung, vom Kumpel nickend begrüßt, nimmt mir so sehr den Atem, daß ich gar nichts mehr sage, wieder aufsteige und mich zum verwilderten Grundstück meines Häuschens verdrücke. Wie ich von Dritten weiß, stammt der Dicke aus der antifaschistischen DDR. Bestens erzogen.

Hier bietet sich freilich das Sprichwort an, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Wut und Brutalität sind ein äußerst weites Feld. Abends, als ich mir ein Käsebrötchen bereite, ärgert mich schon wieder ein Phänomen, das ich inzwischen „Käse-Kippe“ nenne. Ich habe die Angewohnheit, die beiden dick mit Käse belegten Brötchenhälften in mundgerechte Häppchen zu zerschneiden, bevor ich mit dem Teller, auf dem sie liegen, zu meinem Sessel gehe. Ich kann sie dann mit der Gabel bequemer aufpicken, während ich lese oder etwas Musik höre. Aber vorher machen sich oft die Gesetze der Physik geltend, um mich eben zu ärgern, wie gesagt. Da die Käsestückchen meist schwerer als die mit Butter bestrichenen, mehr oder weniger abgerundeten Brötchenhäppchen sind, kippen diese leicht um, beschmutzen mir den Teller mit Butter und bringen mich zuweilen derart in Weißglut, daß ich beim Versuch, die aufsässigen Häppchen wieder ordentlich ins Lot zu bringen, zuweilen mit der Gabel auf sie einprügele. Das kann den Effekt haben, das gezüchtigte Häppchen in die Spüle oder an die Scheibe meines Küchenfensters zu katapultieren, wo es dann wie eine helle Nachtschnecke klebt. Ein Grund mehr wütend zu sein.

Ich habe dieses Thema schon einmal (Band 2) am Beispiel einer großen Schraubzwinge gestreift, die einem hartnäckig vom Werkstück abspringt. In allen genannten Fällen handelt es sich ohne Zweifel um Geringfügigkeiten. Aber die dabei hervorgerufenen Emotionen – Wut, Jähzorn, Haß – sind stets groß, und wahrscheinlich sind sie auch stets demselben finsteren Quell entsprungen. Das Ich ist angreifbar; es ist beschädigt; es steht überhaupt auf verflucht tönernen Füßen. Da ist es dankbar, wenn sich öfter Sündenböcke einstellen, die man für diese mißliche Verfassung verantwortlich machen, ja strafen kann, etwa Käsestückchen, Kinder, Hunde, Ponys, Neger, Vaterlandsverräter und so weiter. Manchmal habe ich den Verdacht, die meisten Kinder werden geradeso wie die meisten Feinde hauptsächlich aus dem Grund angeschafft, solche Blitzableiter und Prügelknaben zu haben. Die ewig gegängelten, „disziplinierten“, eingeschüchterten Kinder lassen es dann wieder am eigenen Nachwuchs aus – eine Kette ohne Ende. Schlage ich aber den Frauen vor, endlich in den allgemeinen Gebärstreik zu treten, damit es einmal ein Ende mit der qualvollen Kette habe, kratzen sie mir die Augen aus.



Im Kampf gegen Mammute

Könnte man sicher sein, nach dem Tod in einen rundum angstlosen Zustand zu geraten, müßte man sich eigentlich sofort hineinstürzen. Aber man weiß es eben nicht. Niemand kann behaupten, die christliche Predigt von dem Höllenfeuer, das einen im Jenseits erwarte, sei völlig aus der Luft gegriffen. Vielleicht ist das Leben nicht mehr als ein kleiner Vorgeschmack. Dann wird es lustig.

Die Angst ist von Kind auf mein treuster Begleiter. Ein Löwenanteil von ihr dürfte meine Angst vor „Fehlern“ sein – und die sind selbstverständlich mit Strafe bedroht. In meinem neuen Kurzroman begegnen die Journalisten aus der Schweiz in einem Gebirgsdorf einem kleinen Mädchen, das unter anderem durch einen unbeholfenen Gang und ein etwas verquollen wirkendes Gesicht auffällt. Constantina heißt es. Ich hatte Constantina zunächst „mongoloid“ genannt, doch dann belehrte mich das Internet darüber, sie leide am „Down-Syndrom“ – mongoloid dürfe man schon seit Jahrzehnten nicht mehr sagen. Also gut, gestrichen. Aber dann fiel mir, wieder einmal nachts, heiß mein Bott ein, der (um 2000) in Korbach ein paar Leuten mit „mongoloiden“ Gesichtern auf einem Spielplatz begegnet. Es war am nächsten Morgen meine erste Schreibtischtat, diesen „Fehler“ auszumerzen. Kaum aufgeatmet, durchzuckte mich allerdings der Gedanke: Und wenn einer schon einen screenshot von deinem Fehler gemacht hat? Wenn er dadurch nachweist, bis gestern habest du das Volk der Mongolen verunglimpft, seist du also ein Rassist gewesen; seit heute jedoch habest du dich lediglich getarnt – natürlich aus Angst ..?!

Noch lächerlicher: Neulich schrieb ich in einer Mail an einen Verlag, der in Innsbruck residiert, „Insbruck“. Ich unterschlug also dummerweise ein n des bekannten Städtenamens. Darüber schämte ich mich noch drei Tage später. Wenn mich „Versagensangst“, „Schuldbewußtsein“ und „Strafangst“ bereits bei solchen Geringfügigkeiten in den Würgegriff nehmen – wie tief müssen sie dann wohl in mir verwurzelt sein? Nun ja, in der Kindheit eben, möchte ich fast wetten. Deren sehr reale Gespenster heißen Eltern, Lehrer, Pfarrer, Schalterbeamter, Doktor, Professor und dergleichen „Autoritäten“=MachthaberInnen mehr. Meist sind es freilich männliche. Der eigene Vater ist oft der schlimmste, aber Vater Staat verzärtelt uns dann später auch nicht gerade. Man muß sich gleichwohl auch in dieser Frage davor hüten, alle Welt über einen Kamm zu scheren. Ein alter Freund von mir hatte einen Vater, der ihn mindestens so stark gängelte und bedrohte wie mein Vater mich, doch ich konnte über Jahre hinweg beobachten, so ein Angsthase wie ich ist der Freund ganz und gar nicht. Er ist aber auch kein Tyrann. Also scheinen die Dinge zuweilen recht vielschichtig zu liegen.

Korbach, eine Kreisstadt in Waldeck, Nordhessen, war auch für eine andere Posse gut. 2002 befaßte ich mich mit dem Schicksal eines kommunistischen Heizers der Continental-Gummiwerke, Fritz Schulz mit Namen, und im November suchte ich, zwecks Recherche, nach offizieller Einladung durch den damaligen Werksleiter Ernst Völkening sogar die Höhle des Löwen auf. Vielleicht stammen die Knieschmerzen, die ich oben erwähnte, von dort, denn als ich das altehrwürdige, mit Säulen bewehrte Verwaltungsgebäude der Conti betrat, in dem sich 1934 eine SS-„Sportschule“ einquartiert hatte, zitterten mir die Knie wie Espenlaub. Etwas später mit Völkening und seinen Betriebsräten Knorr und Köhler an einem gedeckten Tisch sitzend, war ich froh, meinen Kaffee nicht zu verschütten, so aufgeregt war ich. Zu allem Unglück hatte ich damals keinen Namen, so gut wie noch keine Veröffentlichung und erst recht keinen Presseausweis vorzuweisen, sodaß ich annehmen mußte, die hohen Herren hielten den recherchierenden Altenpfleger R. für eine taube oder verrückte Nuß. Ich muß aber sagen, sie kamen mir nicht hochnäsig und stritten selbst die um 1942 auch bei der Korbacher Conti geleistete Zwangsarbeit nicht ab. Ich erkannte trotz meiner Einfalt: du hast es hier, drei gegen einen, mit ausgekochten Unterhändlern des Großkapitals zu tun, die mit allen Wassern gewaschen sind. In meine kleine Kellerwohnung an der Kilianskirche zurückgekehrt, ging ich erst einmal unter die Dusche. Aber erst nach Monaten des Unbehelligtseins trotz eines Junge-Welt-Artikels aus meiner Feder*, war mir wirklich wieder wohler zumute. Gewiß wäre der Arm der Korbacher Conti lang genug gewesen, um einen unbequemen Altenpfleger namens R. von der kreisstädtischen Gehaltsliste streichen zu können. Ich bin mir allerdings inzwischen ähnlich sicher darin, daß ich mich und meine Gefährlichkeit in meinem Verfolgungswahn erheblich überschätzte. Das könnte sogar noch heute der Fall sein. Man hält nicht nur sein Werk, sondern sogar die darin enthaltenen Fehler, Irrtümer, Schwächen für besonders wichtig.

* 23. November 2002, später überarbeitet in AZ-Band 6 unter „Grüße aus Nordhessen“



Donnerwetter!

Wer jemals Dreikäsehoch war und als solcher ein kräftiges Gewitter erlebte, wird keine Mühe haben, das Entsetzen nachzuvollziehen, das den Neandertaler bei Blitzschlägen und Donnergrollen gepackt haben muß. Obwohl der Blitz, gerade so wie die Erde, sicherlich auf manche Gemüter große Anziehungskraft ausübt. Der schweizer Bergbauer und Bergführer Samuel Brawand junior zum Beispiel stieg am 20. August 1902 eigens aufs ungefähr 3.700 Meter hohe Wetterhorn, um eindrucksvollen Naturerschei-nungen besonders nahe zu sein. Diesmal war es ein Gewetter. Brawand starb mit 34, wie ich früher schon einmal erwähnte. John White (1937–64) ersparte sich solchen Aufwand. Der schottische Fußballprofi in Diensten des renommierten Londoner Clubs Tottenham Hotspur begab sich am 21. Juli 1964 nach dem Training auf den nahegelegenen Golfplatz in Crews Hill, um sich beim Spiel mit jener winzigen Kugel zu entspannen, die seit jeher von allen Prominenten und Geldsäcken geschätzt wird. Auf den sich rasch bewölkenden Himmel gab White nichts. Als es zu krachen und zu gießen anfing, suchte er unter einem vermutlich freistehenden Baum Schutz.* Das war der entscheidende Fehler seines bis dahin 27jährigen Lebens.

Die Art des verhängnisvollen Baumes geht nicht aus meinen Quellen hervor. In diesem Fall läßt sich die Lücke jedoch verschmerzen, weil man bei Gewitter jede Art von freistehenden Baum oder Masten meiden sollte, wie zahlreiche Internet-Experten betonen. Anderslautende „Volksweisheiten“ sind, wie so oft, Käse. Der torgefährliche und trickreiche Mittelfeldspieler aus Schottland hinterließ Gattin Sandra und drei Kinder. Fans oder Journalisten hatten ihm aufgrund seiner Fähigkeit, jäh wie aus der Erde gewachsen im gegnerischen Strafraum aufzutauchen, den Spitznamen „The Ghost“ verpaßt, Geist oder Gespenst also. Nach dem Golfplatzbesuch konnte er diesem Namen sicherlich besonders gut gerecht werden. Übrigens erging es zwei kolumbianischen Fußballprofis, Hernán Gaviria (32) und Giovanni Córdoba (?) vom Proficlub Deportivo Cali 2002 sehr ähnlich, diesmal sogar im Training. Dieser Vorfall wurde später von einem Chicagoer Kolumnisten mit Hilfe von Augenzeugen nahezu genüßlich ausgebreitet.**

Was Deutschland angeht, werden heutzutage jährlich im Schnitt drei bis sieben Menschen durch Blitzeinschlag getötet. Das ist sicherlich vergleichsweise glimpflich. Offenbar hat die neuzeitliche Blitzableitung inzwischen gut gegriffen, was man bezüglich der Ableitung von Automobilen leider gar nicht behaupten kann. Am 19. Juli 1835 scheint es in Straßburg „wie durch ein Wunder“ nicht zu Toten gekommen zu sein. In einem Brief Georg Büchners an seine Familie*** ist dazu zu lesen: „Habt ihr von dem gewaltigen Blitzstrahl gehört, der vor einigen Tagen das Münster getroffen hat? Nie habe ich einen solchen Feuerglanz gesehen und einen solchen Schlag gehört, ich war einige Augenblicke wie betäubt. Der Schade ist der größte seit Wächtersgedenken. Die Steine wurden mit ungeheurer Gewalt zerschmettert und weit weg geschleudert; auf hundert Schritte im Umkreis wurden die Dächer der benachbarten Häuser von den herabfallenden Steinen durchgeschlagen.“

Vielleicht war die Erfindung des Blitzableiters damals für das Elsaß noch zu unerprobt, obwohl der erste deutsche Blitzableiter schon 1769 angebracht worden war, nämlich auf einem Hamburger Kirchturm. Heute sind hohe Gebäude ohne Blitzableiter undenkbar. Man stelle sich nur einmal vor, was am 11. September 2001 mit dem 186 Meter hohen WTC 7 in New York City geschehen wäre, hätte es keinen Blitzableiter gehabt! Denn im Gegensatz zu den benachbarten Türmen WTC 1 und WTC 2 war es ja keineswegs von Flugzeugen getroffen worden, was freilich gern unterschlagen wird. Also konnte es nur durch überspringendes Feuer und dadurch bewirkte Bürobrände zum Einsturz gebracht werden, so die offizielle Version, die selbstverständlich auch in Wikipedia steht. Allerdings haben soeben Fachleute der Universität Alaska Fairbanks (UAF) in einer dicken Studie**** nachgewiesen, diese Version – Einsturz durch Feuer – sei unhaltbar. Die „Hulsey-Studie“ läßt vielmehr nur den Schluß zu: WTC 7 wurde gesprengt.***** Bezeichnenderweise wurde die Vermeldung der Veröffentlichung dieser für Ganser „sensationellen“ Forschungsarbeit von den hiesigen Mainstream-Medien, soweit ich sehe, „flächendeckend“ unter den Tisch gefegt.

* Marcel Grün 2017
** Burt Constable im Daily Herald 2007
*** vom 28. Juli 1835, in der dtv-Ausgabe Werke und Briefe von 1988 auf S. 305/6
**** veröffentlicht am 3. September 2019
***** So auch Daniele Ganser am 11. September in der NRhZ




Blaue Sterne nähen

Ich erwähnte den Kampf ums Klima. Die „Querfront“ unter den Saboteuren des Klimaschutzes sollte man nicht unterschätzen. Sie reicht von ganz rechts bis ganz links und schließt sogar mich ein, den bislang noch keiner eingeordnet hat. Sie schließt auch pragmatische oder mystische Mittelstandsapostel wie das Jenaer EIKE-Institut oder „Freeman“ vom Blog Alles Schall und Rauch ein. Sogar ein Jerusalemer Physik-Professor gehört dazu, Nir Shaviv, wie jedenfalls die Lieblings-Internet-Enzyklopädie von mir, möglicherweise auch von Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt und CIA, befindet: Wikipedia. Die hat sogar einen eigenständigen Artikel über den Tatbestand der „Leugnung der menschengemachten globalen Erwärmung“ im Riesenprogramm. Die vielbenutzte Abkürzung für die entsprechenden TäterInnen lautet „Klimaleugner“. Israel, ich hör dir trapsen! Dabei macht sogar „die kritische Website“, nämlich das Portal NachDenkSeiten des früheren hauptberuflichen Politikers Albrecht Müller mit. Titel am 7. Januar 2019: in Brasilien regieren jetzt „Generäle, Klimaleugner und Evangelikale“.*

Wenn es so ist, sollte Müller vielleicht der Merkel-Steinmeier-Bande empfehlen, nach gelungener nächster Wiederwahl den aufnähbaren Blauen Stern einzuführen, damit die KlimaleugnerInnen schon aus größerer Entfernung gut auszumachen sind. Scherz beiseite: „Klimaleugner“ ist die gleiche Abstempelung, die sich (nicht nur in der Wikipedia und ihren biografischen Listen) „Verbrecher, Gewalttäter, Staatsfeinde, Mörder, Skeptiker, Verschwörungstheoretiker, Populisten, Baader-Meinhof-Banditen“ und so weiter gefallen lassen müssen. Sie ist kriminell.

In Wahrheit stellt genau umgekehrt das irrwitzige Bündnis aller KämpferInnen gegen den „Klimawandel“ die größte Querfront dar, die der Planet je gesehen hat. Es ist ein gewaltiges Ablenkungsmanöver. Es gestattet wunderbar, von allen bekannten alten Übeln des Planeten abzulenken, die mit dem Klima rein gar nichts oder bestenfalls am Rande zu tun haben. Ich nenne nur Krieg, Kapitalismus, Ausrottung zahlreicher Pflanzen- und Tierarten, Kernkraft, Automobilisierung, Digitalisierung. Wie sich versteht, handelt es sich nicht um ein geplantes, von langer Hand eiskalt durch ein erlauchtes Schurkenschattenkabinett eingefädeltes Ablenkungsmanöver; daran glaubt nur Freeman. Vielmehr bot es sich in der gegebenen Konstellation der Umstände einfach an. Vielleicht sollte ich unter den so verbrämten Übeln noch eigens die Verelendung anführen, denn laut André Vltchek hat sie inzwischen die USA, die ja auswärts überall kräftig für sie sorgten, selber im Würgegriff.** Von dem allem sind eure Kinder bedroht, nicht von zuviel Wärme. Aber die Kinder in Bangok, Lahore oder Khartum „natürlich“ auch – die dortigen Zustände sind schon beinahe unglaublich. Das läßt der durchschnittliche mitteleuropäische Alltagsbe-wältiger in der Regel gern außer acht. Bald wird es ihm selber an den Kragen oder an die Eingeweide gehen. Zuerst wird sein Bankguthaben gesperrt beziehungsweise geraubt, dann gibt es einen Riesenstromausfall, schließlich Bürgerkrieg. Und wann bitteschön, fragen Sie?

In dieser Hinsicht bin ich inzwischen etwas verunsichert. Zwar warnen viele halbwegs kluge Köpfe seit mindestens 2000, Jahr für Jahr, vor der großen finanziellen / ökologischen / digitalen Katastrophe, aber sie läßt auf sich warten. Hoffentlich treibt sie dieses Hinhalten nicht mehr so lange, sonst müßte man ja am Verstand jener WarnerInnen zweifeln. Offenbar besitzen die Jongleure des internationalen Kapitalgeschehens ein bewunderns-wert hohes Geschick im Verschieben der Krise, und die Schafsgeduld des von diesem Geschehen betroffenen und verarschten „Kleinen Mannes“ scheint grenzenlos zu sein. Freeman nimmt neuerdings an***, der große Knall werde uns in rund einem Jahr beschert, nämlich im Zusammenhang mit der US-Präsidentschaftswahl 2020 am 3. November. Wir werden sehen, ob er richtig lag.

* NDS
** „The West Oppressed the Third World for so Long that It Became Third World Itself“, GlobalResearch, 4. September 2019, Übersetzung Einar Schlereth
*** ASR 26. August 2019

°
°