Dienstag, 26. Juni 2012
Heimlichkeiten
Hygiene und andere Wahne

Umfang 17 Druckseiten. Eine Vorfassung des Stücks über die „Schweinegrippe“ erschien 2010 in Nr. 153 der Zeitschrift Die Brücke.


Kot- und Angstlöcher + Kannibalen + Kompostklo + Kassengestelle + Depressionen + Krankenhausmorde + Schweinegrippe + Sucht + Rauchen + Fliegenpilz + Zähne + Brunnen + Weißheit



Kot- und Angstlöcher

Der Obertitel dieser Betrachtung bezieht sich auf einen in Deutschland dereinst gebräuchlichen Namen für Aborte: nicht selten klebten die „Heimlichkeiten“ in einem Hauserker über dem städtischen Mühlbach, von dem das Heimliche dann unter den Augen der Enten und Ratten zum lieben Nachbarn geschwemmt worden ist.

In Waltershausen stellte der Turm auf dem Schloßberg den Gipfel der Öffentlichkeit und Hygiene dar. Der lichtlose Schacht in seinem Fuß diente als Verlies. War der Böse-wicht mittels Seilwinde durchs „Angstloch“ hinabgelassen worden, saß er buchstäblich in der Scheiße. In Jahrzehnten nicht gereinigt, muß dem Schacht laut Löffler ein „unleid-licher, tödlicher“ Gestank entstiegen sein. Der Wächter, der ab und zu einen Brotkanten durchs Angstloch warf, dürfte entweder ein 1-Euro-Jobber oder aber ein Nekro-philer gewesen sein, der immer gern eine Prise nahm. Im prächtigen ausgemalten Rittersaal tafelten unterdessen die Herren und Damen des Landes und besprachen nicht etwa das Los des Gefangenen, vielmehr die Frage des Essens, verbunden mit den Aspekten der Jagd, Steuerpolitik und Wegelagerei.

Hier hat sich in Deutschland wenig geändert. Das polierende Wort „lecker“ erreicht bereits den Abnutzungs-grad von Zugklobrillen. Selbst in manchen 20köpfigen anarchistischen Kommunen kreisen die Tischgespräche nur um den Kochtopf. Während die Kasseler Documenta endlich die Kochkunst einbezieht, soll der Fernsehkoch mit der höchsten Einschaltquote nächster Bundespräsident werden. Dagegen wird die Frage, wo all das leckere Essen landet, 1. stiefmütterlich und 2. falsch behandelt. Ob real oder im Roman, gespeist wird in Unmengen, aber nie scheitern Verabredungen zum Tangokurs oder zur Revolution daran, daß einer dringend scheißen muß oder kein Klo auftreibt oder wenigstens Papier.

Zu den rühmlichen Ausnahmen zählt Haushofers Roman Die Wand. Allerdings wären dort Verabredungen der Jagdhüttenbewohnerin am Menschenmangel gescheitert. So stellte es auch kein Sakrileg dar, wenn ihre Senkgrube „ein wenig stank“, wie sie bekennt. Hier hätte ein echtes Kompostklo Wunder gewirkt – siehe unten.


Kannibalen

Als halbe Kannibalin faßte ich bereits Landkommunardin B. auf, die die Angewohnheit besaß, nach dem Essen ihren Teller abzuschlecken. Ich sah immer weg, weil mich ihre Angewohnheit anwiderte. Gegen den blinkenden Teller war allerdings nichts einzuwenden. Deshalb mache ich es inzwischen genauso. Mein Teller ist blitzschnell sauber und die HerstellerInnen von biodynamischen Spülmitteln oder aerodynamischen Spülautomaten sind sauer.

Der Unterschied liegt lediglich darin, daß ich in meiner Hütte keine ZuschauerInnen habe – weder beim Essen noch beim Schlecken. Der Anblick eines rötlichen und pelzigen Fleischlappens, den einer gleichsam zum Nachtisch auf seinen leeren Teller klatscht, bleibt meinen Mitmenschen erspart. Zunge herausstrecken ist Schimpf. Schon wer gähnt, sollte sich gefälligst die Flosse vor die Fresse halten. Mustern Sie in einer Gemäldegalerie alle Porträts vor Picasso: Mundloch geschlossen. Hinter dem aufgerissenen Mund lauert der Rachen. Er könnte Feuer speien oder uns verschlingen. Küssende deuten dies in ihrer Einfalt in Hingabe um. Man öffnet sich. Die Frau tut es auch unten. In zivilisierten Kreisen gilt es deshalb als gefahrbringend und somit unhöflich, sein Innerstes nach außen zu kehren.

Wie dünn die Decke der Zivilisation schon um 1500 war, zeigt Luthers Empfehlung, nach dem Essen zu rülpsen und zu furzen. Das hatte er bei der Niederschlagung der Bauernaufstände gelernt. Gibt es etwas Aggressiveres als Rülpser und Fürze? Aber in Landkommune X. werden sie geduldet, wenn nicht gar gehätschelt. Von 10 bis 13 Uhr hat man im Forum „Gewaltfreie Kommunikation“ trainiert, und dann werden beim Mittagsmahl die donnernden, stinkenden Stöße des Gedärms ausgeteilt. Verabschiedet sich jedoch ein Gast, wird er stürmisch umarmt, auf daß er aller Knoblauchfahnen in die Welt hinaustrage.

Ich bekenne, schon das Essen und Trinken auf Straßen, an Ständen, in Eisenbahnen für eine strafwürdige Störung des öffentlichen Friedens zu halten. Als langjähriger West-berliner bin ich wahrscheinlich ein gebranntes Kind der U-Bahn, in der es links nach gerösteten Mandeln, rechts nach Currywurst, hinten nach Tabak und vorn nach Wod-ka stinkt. Drei Stationen ohne Senfflecken zu überstehen, ist bereits eine artistische Leistung.

Dagegen besteht nicht die geringste Hoffnung, den Schlagzeilen von Bild oder B.Z. zu entkommen. Wird da etwa getitelt Kannibale in Königslutter verhaftet, trifft es allerdings den Kern des Problems. Der Kapitalismus wird zum Kannibalismus. Der Kunde soll sich nach Waren, Liebe, Rabatt geradezu verzehren. Die Jagd nach dem Glück höhlt ihn aus, sodaß er wie eine Weihnachtsgans gestopft werden kann; das Folterstündchen im Sonnen-studio macht ihn knusprig. Verweigerer sterben aus. Frei nach S. J. Lec, stand noch um 1980 auf einer Brandmauer in Berlin-Kreuzberg zu lesen: Sie wollen nur unser Bestes, aber sie kriegen es nicht.


Kompostklo

Vom herkömmlichen Plumpsklo ist es um tiefste Schützen-gräben getrennt. Das Plumpsklo wurde völlig zurecht, wenn auch unabsichtlich, auf den Misthaufen der Geschichte geworfen. Da von der Luft abgeschlossen, finden in Sickergruben lediglich furchtbar stinkende Gärungsprozesse statt. Was dann nach ihrer Entleerung in Form von Schlamm oder Jauche auf die Felder kommt, macht die Bayer-Leverkusen-Kartoffeln scharf wie Eierhandgranaten.

Die moderne Wasserspülung verlagert das Problem lediglich unter höchstem Aufwand in unsere Sammel-kläranlagen. Kanal-, Straßen-, Inter-net – durchweg luxuriöse Fesselung. Ein Drittel unseres „Trinkwassers“ jagen wir durch die blendend weiße Porzellanschüssel; den Rest verjubeln Waschmaschinentrommel und Brausekopf. In Krisenzeiten kann die Abhängigkeit vom WC geradezu peinlich sein, wie Sebstian Haffner in seinem erstaunlich klugen Jugendwerk Geschichte eines Deutschen erwähnt: der Generalstreik nach dem Kapp-Putsch 1920 setzte in Berlin auch die Wasserspülungen matt.

Das selbstgefertigte Kompostklo für schlichte Gemüter diesseits des allgemeinen Hygienewahns benötigt neben Luft nur ein wenig Einstreu, etwa Strohhäcksel oder Hobelspäne. Die unkomplizierte Belüftung des mobilen Behälters erfolgt analog Zimmerofen: In Fußhöhe ansaugen, den Kot verbrennen, über Kopf ausstoßen. Werden Ansaugschlitz und Abluftrohr mit Drahtgeflecht und feinmaschigem Gardinenstoff gesichert, machen vom Siebenschläfer bis zur Schmeißfliege alle Scheißräuber-Innen ein langes Gesicht. Der Klodeckel sollte in jedem Fall schließen. Üblen Geruch werden dann höchstens steuereintreibende Paragraphenreiter, etwa von Herzögen, erschnüffeln. Die ersten deutschen Wasserklosetts rauschten um 1840 in den Schlössern von Bad Homburg (Taunus) und Coburg. Erst damit nahm auch die Verklemmtheit reißend zu; distanzierte Entsorgung schafft Entfremdung. Der komprimierte Kompostklokot dagegen, durchs „Verbrennen“ mit Hilfe vieler Kleinstlebewesen in Humus verwandelt, wandert in Abständen lediglich auf den Komposthaufen.

Bei Kompostklos in Gebäuden könnten Überschüsse an Urin oder Fliegen problematisch sein. Die Hamburger Ökologische Siedlung Braamwisch erwähnt eine „vorüber-gehende Fruchtfliegenplage“, die durch „learning bei doing“ gebändigt worden sei. Von 40 Häusern sind dort immerhin 33 mit behördlich genehmigten sogenannten Trocken-Trenn-Toiletten ausgestattet. In der Gestalt ähneln die verschiedenen Fabrikate zumeist den herkömmlichen WC-Becken. Sie sind lediglich bauchiger, um den Kotbehälter bergen zu können. Der „abgetrennte“ Urin wird häufig einem externen Sammelbehälter zugeleitet. Ein bei Benutzung wegklappender „Sichtschutz“ unterhalb der Klobrille dürfte auch für eine Abdichtung des entnehmbaren Kotbehälters sorgen. Das ins Freie führende Entlüftungsrohr wird in der Regel mit einem Ventilator betrieben, der den Kamineffekt verstärkt. Ob sich hier flugfähiges oder gar anderes Ungeziefer einschleusen kann, entzieht sich meiner Kenntnis. Industriell gefertigte Trocken-Trenn-Toiletten sind je nach Ansprüchen für 300 bis 1.000 Euro zu haben. Das Luxusmodell Naturum der finnischen Firma Biolan kostet (2009) ohne Frachtgebühren 2.200 Euro.

Unwillig, solche Ausgaben seinen 3.000 Mitrepublikanern (beiderlei Geschlechts) in Konräteslust aufzubürden, findet der Schriftsteller Heinz Jäckel eine Lösung für männliche Eigenbrötler, die wie alle genialen Lösungen einfach ist. Sein Wasser schlägt er in der Heckenwildnis bei seinem Häuschen oder des nachts in einem Plastik-kanister ab, den er dann morgens mit Regenwasser ausspült. Den Rest erledigt er drinnen auf dem üblichen selbstgebauten Sitzkasten mit ovaler Aussparung. Er wird durch ein Rohr entlüftet, das auf Jäckels Kriechdachboden führt. Die Aussparung hat einen Klappdeckel. Unter diesem, auf einen festen Karton und eine alte Zeitung gebockt, ein hochformatiger Milchtopf mit Henkel, den Jäckel nebst gut schließendem Deckel für 50 Cent in Gotha bei einem Trödler erstand. Diesen Tages- und Nachttopf pflegt Jäckel lediglich mit einem Stück Zeitung auszu-schlagen, in das er ein paar Hobelspäne wirft. Ist der Topf nach zwei oder drei Tagen voll, stülpt er ihn über seinem Kothaufen in den Gebüschen aus, den er hin und wieder umsetzt. Gelegentliche weibliche Gäste schickt er aufs 30 Meter entfernte Bahnhofsklo.

Jäckel mußte seinen Henkeltopf noch nie ausputzen. Gestank kennt er nicht. So sitzt er beim Drücken ohne nennenswerten Einrichtungsaufwand bequem und beheizt in nächster Nähe seines Schreibtisches, ohne sich in seinem Ringen um guten Ausdruck überhaupt unter-brechen zu müssen. Fruchtfliegenplagen und Frostbeulen am Hintern gehören nicht zu Jäckels Schreckgespenstern. Er hat nur Angst vor Spinnen und vor Aids – Gefahren, die das blitzendste WC nicht bannt.


Kassengestelle

In meiner Jugend gab es kaum schwerere Makel. Es waren dicke, billige, unkleidsame Brillenfassungen aus Horn oder Kunststoff. Da sie vollständig von der Krankenkasse „übernommen“ wurden, wußte jeder schon auf 20 Meter: der da kommt, ist ein armes Schwein.

Gut – man konnte es sich vielleicht noch leisten, 10 oder 30 Mark „zuzuzahlen“, um ein Brillengestell zu besitzen, das nicht Schneewittchen und Aschenputtel in die Flucht schlug und dem nicht nach dreimal Auf- und Absetzen ein Bügel abbrach. Heute geht auch das nicht mehr. Man kann nichts zuzahlen, weil es keine Kassengestelle mehr gibt.

Ich verberge meinen Schock und frage die AOK-Dame, wieviel sie denn noch von den Gläsern übernähme. Sie bringt das Kunststück fertig, mich durch ihre nagelneue grelle Brille sehr betrübt anzublicken: „Leider gar nichts mehr.“ Auf der Straße versuche ich mich mit dem Gedanken zu trösten, sie habe ihrem Töchterchen erst im August die Schulbücher kaufen müssen, während ihr Sohn bereits die „Studiengebühren“ für das Wintersemester anmahnt. Als Poet ersehne ich Schnee, als Peter-Hartz-Opfer kann ich ihn leider nur fürchten. Meine schafwoll-gefütterten Winterstiefel haben mich vor drei Jahren 80 Euro gekostet – das war längst nicht genug. Ein Stündchen Holzarbeit im verschneiten Wald, und man hat feuchte und kalte Füße. Gregor veranschlagt für wirklich gute Winterstiefel, die bei sorgsamer Pflege mindestens fünf Jahre halten, um 200 Euro.

Gefragt, wo ich das Schuhgeld nebst 174 Euro für neue Brillengläser in alter Brillenfassung hernehmen solle, hebt er entwaffnend die Hände: „Von den Literaturpreisen!“ Zwar gehen sie – der Teufel scheißt stets auf den größten Haufen – vorwiegend an längst Gemachte wie Aichinger, Handke, Kronauer, doch Gregor schwebt vor, die Schreibzunft kommunitär zu organisieren. Jeder wirft seine Einkünfte in den gemeinsamen Topf; jeder entnimmt ihm, was er für verantwortbar hält. Man brauchte lediglich jedem Beteiligten Bankvollmacht und Einblick in den Kontostand und die Mitgliederentwicklung zu geben. Als ich nachhakte, ob hier „man“ der Geist des Allgemeinwohls wäre, nuschelte Gregor: „Na irgendein Sekretariat.“ Der Posten könnte ihm gefallen!


Depressionen

Zu seufzen, der düstere, verregnete Novembertag mache einen depressiv, ist so beliebt wie leichtfertig. Die meisten MedizinerInnen und Psychologen fassen die Depression als eine ernste Krankheit auf, die schon so manchen in den Selbstmord trieb. Wohl jeder kennt solche tödlichen Ausgänge aus seinem Bekanntenkreis.

Wie so oft, kann die Krankheit die unterschiedlichsten Ursachen, Symptome und Heilungsaussichten haben. Einen empfindlichen Mangel an Freude, Hoffnung, Selbstvertrauen und Tatkraft dürften die meisten depressiv veranlagten oder gestimmten Menschen kennen. Spre-chend ist hier die Unfähigkeit, aus dem Bett zu kommen – obwohl man sich in diesem zu Tode langweilt oder auch ängstigt. Die Alternative zum Bett wäre der Mutterleib, aber den erreicht man nur über die Zwischenstation des Sarges oder der Urne. Da der durchaus beachtliche Mut der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer nicht für den Selbstmord reichte, starb sie mit 49 an Knochenkrebs. Wie zum Hohn auf ihre ebenfalls beacht-liche, mit Angst gepaarte Schwermut, hinterließ sie zwei Söhne. So wandert die Trauerfahne von verwandter Hand zu verwandter Hand.

Obwohl auch ich mit Melancholie und Ängsten reich gesegnet bin, habe ich mich nie zu den depressiven Menschen gezählt. Meiner mich oft ereilenden Verzweif-lung fehlt der lethargische Zug. Ich werde eher zornig. Und sei es auf mich selber. Also reiße ich mich am Riemen, wie man so sagt, und unternehme irgendetwas, das mir vielleicht wieder einen Lichtblick bietet. Das ist der wichtige Einfluß meines Lehrers Alain: von nichts kommt nichts. Sobald man etwas in Gang setzt, fallen die Würfel neu. Bleibt man dagegen im Bett, fällt einem die Decke auf den Kopf. Im Gegensatz zu Alain würde ich an dieser Stelle allerdings einräumen, daß auch wir nicht von nichts kommen. Vielmehr wurden wir gemacht – beispielsweise aus drei Prozent Willensstärke und 97 Prozent Semmel-mehl, oder eben umgekehrt. Daraus folgt, es ist kein Verdienst von mir, wenn ich es immer wieder schaffe, mich am erwähnten Riemen zu reißen.

Gleichwohl kenne ich wie Marlen Haushofer einige Nagetiere, die mir garantiert ans Leder wollen, nur zu gut. Neben den Ängsten – die von Alain so genannte kata-strophische Gemütsverfassung eingeschlossen – sind das der Gram über alle je erlittenen vermeintlichen oder tatsächlichen Kränkungen und die Scham für die zahl-reichen Fehltritte und Unzulänglichkeiten meines Lebenswandels. Die Schwachstellen, wo die Nagetiere ansetzen, sind bei jedem andere; ihre Leckerbissen können Knochen, Mägen, Herzkranzgefäße, Hirne, Hoden oder sonst was sein. Wer seine Schwachstellen kennt und nur Hartz IV bezieht, wäre nicht schlecht beraten, wenn er Wetten darauf abschlösse, ob und wann es ihn erwischen wird. Warentermingeschäfte beleben schon seit einiger Zeit die Weltwirtschaft.

Er kann sich allerdings auch mit dem Gedanken ermu-tigen, bei jedem Ganzen, das mehr als die Summe seiner Teile sei, spielten zu viele unbekannte oder unwägbare Faktoren mit, die Prognosen gern zu Milchmädchenrech-nungen machten. Dazu könnte auch die eigene Unbestech-lichkeit zählen. Marlen Haushofer neigte dazu, sich und anderen – glücklicherweise nicht in ihren Büchern – etwas vorzumachen. Aber um es zu wiederholen: wie Neigung zum Selbstbetrug kein Versagen, stellt schonungslose Wahrheitsliebe kein Verdienst des betreffenden Menschen dar. Diese Neigungen werden ausgeteilt wie Haken- oder Himmelfahrtsnasen.


Krankenhausmorde

Zunächst das Erfreuliche: die Wiederherstellung meines zertrümmerten Handgelenks im neuerbauten Kranken-haus Friedrichroda verdanke ich dem Chirurgen Friedrich Lange. Seine Praxis als Unfallarzt liegt im Kellergeschoß des ehemaligen Waltershäuser Krankenhauses am Geizenberg, das heute Pflegeheim ist. 1939 in bekannter monumentaler Weise aus Kalksteinquadern errichtet, verblüfft es wenig, wenn am vorgebauten Portal die gemeißelte Inschrift grüßt: Für des deutschen Volkes Kraft und Gesundheit.

Lange kann sich aufgrund seiner Jugend glücklich schätzen, nicht schon vor 50 Jahren in diesem Kranken-haus tätig gewesen zu sein. Binnen weniger Wochen, dabei teils unter den Argusaugen der Genossen Major Wittig und Leutnant Kant von der sozialistischen Kriminalpolizei, mußten damals fünf frischoperierte Menschen ins Gras beißen. Sie waren durchweg vom selben Chirurgen operiert worden. Dachte man nach zwei Leichen noch an Kunst-fehler, drängte sich im folgenden ein Mordverdacht auf. Des Chirurgen Gemüt erfuhr, was Folter ist. Die Krimi-nalen waren allerdings nicht viel besser daran. „Noch eine Leiche“, knurrte Wittig zu Kant, „und wir können uns begraben lassen. Hast du das kapiert?“

Nebenbei pflegt zwar Wittig seinen Untergebenen Kant zu duzen, doch umgekehrt wäre das ein Frevel gewesen. Die Kommissare Bärlach (Schweiz) und Maigret (Frankreich) halten es nicht anders. Als schließlich in sämtlichen Leichen Arsen nachgewiesen werden konnte, war offen-sichtlich: jemand legte es darauf an, des Chirurgen Ruf zu zerstören und damit ihn selbst zu zerschmettern. Doch warum?

Das Motiv fand sich schließlich auf dem vielbegangenen Feld der Liebe. Mehr verrate ich nicht. Der Fall wurde von Hans Pfeiffer – gestorben 1998 in Leipzig – um 1980 recherchiert und im Tatsachenroman Die eine Seite des Dreiecks dargestellt. Pfeiffer änderte nur die Namen und verlegte die Handlung in ein Städtchen im Erzgebirge. Da das flüssig geschriebene Buch sowohl Abscheulichkeiten wie Gedankenschwere meidet, kann es guten Gewissens als Eß- oder Bettlektüre empfohlen werden.


Schweinegrippe

Versagen die Lockungen und Überredungskünste eines Menschen, der etwas durchsetzen will, greift er gern zur Drohung. Hitlers Auftritte zeugten von beiden Taktiken überreichlich. Aber die Reden unserer Väter und Mütter täten es auch, wenn sie aufgezeichnet wären. Selbst in anarchistischen Kommunen habe ich die Drohung als landläufiges Einschüchterungs- und Erpressungsmittel erfahren. Ich nehme mich selber keineswegs aus. „Tut ihr nicht das und das oder laßt das und das nicht bleiben, werde ich ...“, höre ich mich grollen. Man droht mit Liebesentzug (Ausstieg), öffentlicher Anprangerung oder sonst einer Bestrafung. Mit anderen Worten, man macht angst.

Die Erzeugung von Angst hat sich seit Urgedenken als eines der hervorragendsten Mittel der Herrschaft und der Durchsetzung von Interessen bewährt. Haben die Leute Angst vor einfallenden Barbaren / Türken / Juden / Muslimen, läuft die herrschende Elite nicht nur weniger Gefahr, Volkes Empörung könnte sich einmal gegen sie selber richten; sie kann sich zudem als Beschützerin, Fürsorger, Heilsbringerin aufspielen. Und nicht nur nebenbei wirft das Geschäft mit der Angst Riesengewinne ab, beispielsweise durch die Zucht von Kreuzfahrer-kleppern oder den Bau von mit Raketen bestückten Drohnen, die hinterrücks „Terroristen“ vernichten.

Viren sind ebenfalls einträglich. Die Spanische Grippe forderte zwischen 1918 und 1920 weltweit 25 bis 50 Millionen Todesopfer, die Asiatische (1957) eine Million, die Hongkong-Grippe (1968) 700.000, desgleichen (1977/78) die Russische Grippe. Und die liebe Schweine-grippe, die 2009/2010, wenigstens für einige Wochen, für helle Aufregung sorgte? Am 10. August 2010 verkündete die WHO das Ende dieser „Pandemie“, die es nur zu diesem Rang gebracht hatte, weil just dieselbe Organi-sation kurz zuvor die Kriterien aufgeweicht hatte, die es zu einer Einstufung als Pandemie bis dahin bedurfte. Und mindestens seit Jahresanfang war die aufgepumpte „Pandemie“ bereits aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit geschwunden. Laut jüngstem Bericht von Welt Online (4. Oktober 2010) raffte sie weltweit 18.000 Menschen dahin.

Schon ein ganz normaler saisonbedingter Grippeverlauf kostet jährlich etwa 10.000 Menschen das Leben. Wie groß jedoch war das Schweinegrippenschreckgespenst an die Wand gemalt worden! Wie sorgsam wurde es in allen Medien durchgekaut! Gleichwohl ließen sich weniger als 10 Prozent aller Deutschen impfen, sodaß die Bundesregie-rung auf dem Löwenanteil der 50 Millionen Dosen, die sie geordert hatte, sitzen blieb. Nach Schätzung des Münchener Epedemiologen Ulrich Keil flogen für den hehren Kampf gegen die Schweinegrippe rund eine Milliarde Euro aus den Fenstern des Bundeskanzleramts. Es war ein kleines Rettungspaket für die bekanntlich ständig kränkelnde Pharmaindustrie.

Eine Milliarde – das ist übrigens mehr, als das bündige Zahlwort vorgaukelt. Setzt man für einen neuen Kinder-garten 200.000 Euro an, hätte Staatsmutti Merkel 5.000 Kindergärten vernichtet. Wie sich versteht, sind sowohl die Bundesministerien wie die WHO mit unmittelbaren oder mittelbaren Gesandten der Pharmaindustrie durchsetzt. Im selben Welt-Bericht ist zu erfahren, 2004 habe die WHO Richtlinien veröffentlicht, wie Länder einer Pan-demie vorbeugen könnten. Diese Richtlinien hätten unter anderem zu den riesigen Kontigenten an von Steuer-geldern bezahlten Impfstoffen gegen die „Schweinegrippe“ geführt. „Eine Untersuchung des British Medical Journal und der englischen Journalisten-Initiative Bureau of Investigative Journalism (BIJ) kommt zu dem Schluß, die Autoren der WHO-Richtlinie seien von der Pharma-industrie bezahlt worden. Mindestens drei der beteiligten Wissenschaftler standen gleichzeitig auf der Gehaltsliste von GlaxoSmithKline (GSK) und Roche. Beide Hersteller profitierten mit Relenza und Tamiflu maßgeblich von der Angst vor der Schweinegrippe.“

Doch wie sich versteht, werden sich die Verbrechen der zahlreichen PanikmacherInnen, BegünstigerInnen und Bestochenen – von der Kanzlerin bis zum Sportredakteur des Lokalblatts – ähnlich rasch verflüchtigen wie der Schweinegrippenvirus. Mehr noch, so gut wie kein Mensch und schon gar kein Staatsanwalt werden diese Worte und Taten wider die schreckliche Schweinegrippe und ihre VerharmloserInnen überhaupt als Verbrechen anerken-nen. Es sind vielleicht Fehltritte gewesen. Oder Versehen. Oder besser noch, es waren Irrtümer – und irren soll ja sehr menschlich sein, seitdem man in Palästina faustgroße Hagelkörner für Manabrötchen und in Troja ein ungewöhnlich bauchiges Pferd für leer hielt.

Die Vogelgrippe-Hysterie ist kaum fünf Jahre her – sie ist vergessen wie der damalige Vogel des Jahres. Der mo-derne Mensch scheint erheblich kürzer zu sehen als der Uhu. In löblicher Ausnahme grub die Webseite Alles Schall & Rauch (ASR) am 11. Juli 2009 sogar die jüngste vergessene Schweinegrippe-Hysterie aus. Sie befiel 1976 die USA. Von staatlicher Propaganda genötigt, ließen sich 46 Millionen US-BürgerInnen impfen. Prompt hagelte es Impfschäden und Schadenersatzklagen (im Gesamtwert von 3,5 Milliarden Dollar). Unter den Impfschäden waren Lähmungen bis hin zur Paralyse und mindestens 300 Todesopfer. Der Impfstoff war nie getestet worden. Die US-Gesundheitsbehörde bot in ihren Propaganda-materialien etliche Prominente auf, die mit gutem Beispiel vorangegangen seien – wie sich herausstellte, waren sie weder gefragt noch geimpft worden. Aber mittlerweile wüßten wir ja – so ASR – „der Staat lügt über alles, ob Kriegsgründe, Terrorgefahr, Klimawandel oder Killerviren, das ist völlig normal.“

Auch eine andere Ausgrabung dieser extrem Bilderberg-feindlichen und etwas holprig geschriebenen Webseite aus den Alpen ist hübsch. Am 31. August 2009 bot sie einen Zusammenschnitt eines genau 30 Jahre alten ZDF-Beitrages. In dem Fernsehfeature von 1979 geht es um systematisch betriebene Angstmacherei. Der Sprecher sitzt vor einem Prospekt, auf dem eine riesige Hand hinterrücks nach einem winzigen Menschen greift. Über der Hand ist zu lesen Gefährlich, heimtückisch – DIE GRIPPE. Sie war nur der aktuelle Anlaß des Features. Ob Krieg, Wahlkampf, Arbeitslosigkeit, Inflation, das Muster der Angstmacher-Innen sei immer gleich – und gleich erfolgreich. Wir alle wüßten die Beispiele. „Das Merkwürdige ist nur, daß man aus der Geschichte offenbar kaum lernt. Man manipuliert fleißig mit der Angst weiter“ – und läßt sich beflissen weiter manipulieren.

150 Jahre vor diesen kritischen Fernsehjournalisten war sich der regimetreue preußische Philosoph Hegel auch schon über diese Merkwürdigkeit im klaren. Die einzige Lehre der Geschichte, spottete er, bestehe darin, die Menschen lernten nichts aus ihr. Die Erpressung durch die Gegenwart, durch „das Aktuelle“ ist zu groß – eben durch die Angst.


Sucht

Für Seeliger ist sie kein Problem; er kennt sie nicht. Dafür nennt er den Rausch (in seinem Handbuch des Schwin-dels) nicht unzutreffend Gedankengrundsperre. Bei Abgeordneten oder Ministern dauert diese Sperre zunächst eine Legislaturperiode; dann muß sie verlängert werden, damit die Rente stimmt.

Durch die Umschiffung der Suchtklippe entzog sich Seeliger nicht nur einem Entziehungs-, sondern auch dem nächsten Grenzziehungsproblem. Zum deutschen Fernsehkonsum versichern Forscher, je weniger einer zu verzehren habe, desto höher sei jener. Bei unter 1.000 Euro Monatseinkommen lag der Fernsehkonsum bereits bei über fünf Stunden täglich. Trotzdem sind Fernseh-süchtige noch von Nahrungszufuhr abhängig, wie Pizza-taxiunternehmen erfreut festgestellt haben. Säuglinge berauschen sich ausschließlich durch Milch.

SuchtfahnderInnen argumentieren, nur Abhängigkeiten von Surrogaten seien verdammenswert. Der Kröterich – in Kenneth Grahams Kinderbuch Der Wind in den Weiden von 1908 der Prahlhans – ersetzt Wiesel durch Pferde, Pferde durch Rennboote, diese durch Automobile. Er ist geschwindigkeitssüchtig. Da er wie alle Süchtigen weder vor Rausch noch Raub zurückschreckt, bringt ihn ein dreister Autodiebstahl in den Knast. Dramen der Reue und des Selbstmitleids lassen die Tochter des Schließers zur Fluchthelferin werden. Am Bahnhof liest ihn ein gutmütiger Lokführer auf. Prompt müssen sie wie die Wilden Kohlen in den Kessel schaufeln, weil ihnen die Häscher folgen – in einer anderen, noch schnelleren Lok.

Die SuchtfahnderInnen triumphieren: er flüchtet vor der Realität! Sie haben Eigentlichkeitskunde studiert und den Sinn des Lebens mit der Konfirmandenuhr empfangen. Im Zeichen der „Realitätstüchtigkeit“ stechen auch ihre folgenden zwei Trümpfe. Zum einen liege nur dann Sucht vor, wenn wir von deren Gegenstand nicht mehr lassen könnten. Laufbegierige lassen sich deshalb morgens ans Bett fesseln; Schlafsüchtige herauspeitschen. Zum anderen müsse die echte Sucht die Gesundheit schädigen. Holla, ich sage euch: was ich mir schon durch meine Atemsucht an Bazillen und Unbill eingefangen habe, geht auf keine Kuhhaut! Dabei auch Katzenjammer nach durchhechelten Liebesnächten. Sogar Lachen ist nicht immer gesund. Im Prozeß gegen die sogenannte (linke) militante gruppe (mg) zitierte Richter Josef Hoch im Oktober 2008 zwei Zuschauerinnen nach vorn, um ihnen 1.000 Euro Ordnungsgeld, ersatzweise eine Woche Haft anzudrohen. „Ich werfe Ihnen vor, gelacht zu haben, und das ist verboten.“

Hoch soll er leben! Autoren wie Barlach, Cibulka, Hölderlin, Nietzsche, Schiller, Georg Simmel, Steiner, Wiechert haben sich das Laster des Spotts aus freien Stücken verkniffen. Guntram Vesper hat etwas Humor. Immerhin bekennt er sich klar zu unserem Grundlaster, wenn er 1998 ein Buch mit dem Titel Die Krankheit zu schreiben versieht. Peinlich nur, daß so vielen Schreib-süchtigen so wenige Drucksüchtige gegenüberstehen. Immer wieder kriege ich den Stoff zurückgeschickt.


Rauchen

Während ich 2007 täglich damit rechnete, der Staat verbiete mir das ß, ächtete er den öffentlichen Gebrauch der Zigarette. Wären sie nicht so lächerlich wie jeder von Volksfeinden ausgeheckte Schutz des Volkes, könnte man bei solchen staatlichen Verboten just wie das HB-Männ-chen an die Decke gehn. Sie sind Augenwischerei, Heu-chelei, Terror in einem – also in Deutschland nichts Neues.

Reemtsma zu schließen geht ja nicht, weil dann der Auf-schrei über die Verluste an Steuergeldern und Arbeits-plätzen käme. Pferchen wir dagegen die von Reemtsmas Giftmischern süchtig gemachten RaucherInnen auf umzäunten Inseln der Bahnhofsvorplätze und auf ihren häuslichen Balkonen ein, bleiben Steuergelder und Arbeitsplätze nicht nur ungefährdet; durch die unerläß-lichen Kontrollen und Strafgebühren vermehren sie sich sogar.

Ich führe gerade Reemtsma an, weil das Unternehmen 1910 von einem Gastwirt und Zigarrenmacher in meiner Landeshauptstadt Erfurt gegründet worden ist. Karl Heinz Roth zufolge (s. Ossietzky 12/2007) entwickelte die aufblühende Firma in den Goldenen 20ern geradezu mafiose Strukturen - mit Hehlerei, Betrug, Bestechung, Meineid und dergleichen mehr. In Nazi-Organisationen investierte Philipp F. Reemtsma mindestens 35 Millionen; sein Bruder Alwin brachte es bis zum SS-Standartenführer. Schließlich stand Krieg ins Haus, da rauchen die Soldaten und Fabrikschornsteine naturgemäß wie verrückt. Der öffentliche Vorschlag, über alle Türspalte von VW-Jeeps, Panzern und Gotha-Jagdflugzeugen Banderolen mit der Aufschrift Kriegsteilnahme kann tödlich sein zu kleben, wäre lebensgefährlich gewesen.

Dieses Verfahren ließe sich mit einigem Recht auch auf Krankenhauseingangstüren ausweiten. Die Franzosen, voran Montaigne, haben das Unheil schon verhältnismäßig früh gewittert. Alain-René Lesages Schelm Gil Blas fühlt sich nur sicher, wenn er in Orten liegen bleibt, wo es keinen Arzt gibt. Und Claude Tilliers Onkel Benjamin verkündet 1842, bringe ein Arzt seinen Patienten nicht um, habe er schon viel getan. Im zeitgenössischen Deutschland sind die Erfolge sogenannter Krankenhausinfektionen ein offenes Geheimnis. Jährlich erkranken auf diese Weise rund 600.000 Patienten; 15.000 von ihnen sterben. Monique Klinkenberg versichert in Das Patent (2007), trotz milliardenschwerer Forschungsetats sei die Rate der Krebserkrankungen seit Jahrzehnten nicht gesunken – im Gegenteil. Strahlen- und Chemotherapie florieren, obwohl sie nur selten helfen und furchtbare Nebenwirkungen haben. Ein Machtkartell aus Forschern, Medizinern, Industriellen boykottiere jedes Patent, das auf erfolgreich getestete Naturheilverfahren setzt.

Mafiöse Strukturen sind also gut, um sowohl am Tabakkonsum wie am Lungenkrebs zu verdienen. Ein Bekannter von mir ist Taxiunternehmer. Er bekennt freimütig oder zynisch, er lebe von Todeskandidaten. Er fährt Krebspatienten regelmäßig über 70 Kilometer in die Klinik nach Jena. Er selber raucht weiter, weil er an seinen Sohn denkt, der den Laden schließlich erben wird. Am liebsten raucht er spätabends mit Freunden beim Grillen an seinem Gartenteich. Gehe ich am Hoftor vorbei, sehe ich unten die Kohlen glimmen und oben die Kippen. Ganz unten fliegen die Krebstoten, etwa der im Oktober 2007 gestorbene Berliner Drucker und Künstler Michael Stein, mit dem ich um 1980 vorübergehend bei Trotz & Träume zusammenarbeiten durfte. Michael zog sich gern diverse Drogen rein.

Ich selber rauche übrigens seit 2003 nicht mehr. Wie erhaben es doch war, zur Erholung, Belohnung, Versöh-nung gemeinsam eine zu qualmen! Sich im Schützen- oder Orchestergraben den letzten Glimmstengel zu teilen. Einen „Verteidigungsminister“ wegen Völkerrechtsbruch mit Friedenspfeifen zu bombardieren. Tabak als Waffe und Währung – schon ein Geschichtsbuch für sich. Gregor fürchtet allerdings, demnächst würden Bücher über Verbotenes ebenfalls verboten.


Fliegenpilz

Wer nach Ruhm süchtig ist, sollte mehr Fliegenpilze essen. Der Berner Clown und Akrobat Marco Morelli versichert im „Morelliblög“ seiner Webseite, wenn der Verzehr von Fliegenpilz tödlich wäre, würde er selber nicht mehr leben; auch wäre Alice im Wunderland nie geschrieben worden, sei doch dessen Autor Lewis Carroll der wohl berümteste europäische Fliegenpilz-Konsument gewesen. Mit anderen Worten: Essen wir Fliegenpilz, wird uns die drogistische Wirkung zu mitreißenden Büchern und dem entspre-chenden berauschenden Erfolg beflügeln.

Angeblich sind Pilze weder Pflanzen noch Tiere. Gleichwohl sind sie in vielen Fällen eßbar. KennerInnen ziehen den gebratenen Hut eines Parasols jedem Steak vor. Was freilich den Fliegenpilz betrifft, wird er in der Regel schlecht gemacht. Sein Ruf ist unter aller Sau. In der Tat enthält der so farbenfroh anmutende Geselle, der viele BeobachterInnen an bestreuselte Clownspappnasen erinnert, einige giftige Substanzen, die im guten Fall anregend oder entführend, im schlechten Fall tödlich wirken. Wikipedia gibt als Faustregel die Mindestmenge von 10 Pilzen für SelbstmörderInnen oder geblendete Kinder an, die im Walde eigentlich Himbeeren pflücken sollten. Wie sich jedoch versteht, ist diese Faustregel umstritten. Die Brockhaus Enzyklopädie (Band 7, 1988) spricht von einem „häufigen, sehr giftigen“ Lamellenpilz. Für den Laien leuchtet mit jedem Fliegenpilz die rote Lampe Achtung! Lebensgefahr! auf. Es ist wie mit den Hornissen. Vera Sprosses Großmutter schärfte ihrer kleinen Enkelin ein, schon sieben Stiche könnten ein Pferd, nur drei dagegen Vera selber ins Jenseits befördern. Für Wikipedia müßten es mindestens 500 sein, was die Anzahl stechbereiter Hornissen in einem üblichen Hornissennest bei weitem übertreffe. Die verleumdeten Hornissen seien in Wahrheit friedfertig und nicht „gefährlicher“ als Bienen oder Wespen. Das kann ich aufgrund meiner Schrebergartenerfahrung bestätigen, wenn auch nicht anständig belegen.

Morelli lastet das „tödliche Image“ des hübschen Fliegenpilzes vor allem der mittelalterlichen „Kirchen-obrigkeit“ an, die ihn verteufelt habe wie alles, was „exotische Bilderfluten“ auslösen und „den Gehorsam unterwandern“ könnte. Dazu zählt er übrigens auch die Epilepsie, um die es in dem betreffenden Artikel vorwie-gend geht. Er zog sie sich selber für einige Jahre nach einem von ihm nicht verschuldeten Absturz vom Seil zu.

Der hätte ihm allerdings um ein Haar das Genick gebrochen. Trotzdem nennt Morelli seine Erfahrungen mit epileptischen Anfällen wertvoll und möchte sie nicht missen. Seinen Texten läßt sich unschwer eine grund-sätzliche Neigung zum Spiritualismus entnehmen. Vielleicht findet er noch einen Weg von Bern nach Tamera. Dann werde ich ihn allerdings nicht mehr protegieren. In meinem Roman Konräteslust habe ich eine Nummer von Morelli in die monatliche Vollversammlung der gleich-namigen Thüringer Zwergrepublik einbezogen. In dieser Nummer bewährt sich der Clown als Friseur. Übrigens ist Morelli auch musikalisch begabt. Vielleicht gefiele ihm dieses Stückchen mit dem Titel lieber fliegenpilz (mp3, 1.190 KB) .

Ich komme zum Schluß auf die Gefährlichkeit giftiger Pilze – und Schulmädchen zurück. Kürzlich ist der britische Zeichner Ronald Searle gestorben, der vor allem durch seine 1954 veröffentlichten Cartoons um die Internats-schülerinnen von Saint Trinian's berühmt wurde, die vor keinem bösartigen Streich gegen ihrer ErzieherInnen zurückschreckten. Zwei von ihnen sieht man beispiels-weise beim Pilzsammeln. Während die eine allerlei bizarr gestaltete Ausbeute in einen Sack stopft, präsentiert ihr die andere in ihrer Schürze einige eher blasse Exemplare. Prompt winkt die Kennerin mit dem Sack ab. „Schmeiß sie weg, die sind alle harmlos.“


Zähne

Auch im dentalen Bereich wird man wieder zum Kind. Die ZahnarzthelferInnen haken ihren Zwergstaubsauger nur in den Mundhöhlen ein, um ungebührlich abenteuerlustige Herzen zu schröpfen und die noch viel zu hoch fliegenden Pläne des Patienten in Fadenwürmer zu verwandeln. Mög-licherweise fühlt man sich ab 60 allein in der Goldgrube ihres Chefs / ihrer Chefin geborgen.

Stellen Sie sich einmal vor, Tarzan fiele mitten im Lianenflug eine Plombe heraus oder die neuen heftigen Orkane trügen Ihr Gebiß davon, während Sie durch die schwelende baum- und menschenleere Kyritzer Heide straucheln! Bei Marlen Haushofer geschieht es im Gebirge. Der dortige Abenteuerurlaub ihrer erst 40jährigen Ich-Erzählerin war allerdings etwas unsanft von der Wand erzwungen worden, die zu den eindrucksvollsten Verhängnissen der deutschen Literaturgeschichte zählen dürfte. Diese unsichtbare, gleichwohl ertastbare „Wand“ schneidet die 40jährige jäh von aller Welt ab – in der freilich sowieso alles Leben ausgelöscht erscheint, wie ihr Blicke durchs Fernglas und ein Drehen am Knopf des Autoradios zeigen. Doch nach einigen Wochen setzen ihr weder Wand noch Schneesturm, vielmehr heftige Zahn-schmerzen zu. Zum Glück findet sich Hugos Rasiermesser in der Hütte; damit sorgt sie nach vier Tagen Folter eigenhändig für den Abfluß des Eiters. Die Wunde verheilt. Manchmal erwache sie um drei Uhr morgens und werde vom Gedanken an ihre 26 Zähne „in kalte Hoffnungs-losigkeit“ gehüllt. Sie säßen „wie Zeitbomben“ in ihrem Kiefer.

Nach dem Zen-orientierten Kosmologen Jochen Kirchhoff ist hier die Terminologie des Krieges gar nicht so abwegig. Im Grunde empfänden wir auch unser eigenes Leibes-innere als Außenwelt. Es sei fremd, unzugänglich, gefahr-voll. Wir rücken diesen Gefahren mal mit Laserkanonen, mal mit feinsten Pülverchen oder Zwergbestecken zu Leibe und bekommen sie trotzdem nie in den Griff.

Als Ausführer zahlreicher Handnähte an schwer erreichbaren Stellen von Polstermöbeln bin ich ja einiges gewöhnt, doch die gekrümmten Nadeln fürs Zahnfleisch hätte ich nicht für möglich gehalten. Der Arzt führt sie kunstvoll mit einer spitzen Zange in der Mundhöhle umher, weil sie lediglich die Spannweite meines kleinen Fingernagels haben. Auch die Kosten für solche winzigen Wunderwaffen werden mir als Arsch-Ohne-Knete-Patienten (AOK) vermutlich bald aufgebrummt.


Brunnen

In Deutschland werden sie als Zierrat seiner zugkräftigen Fachwerkstädte geduldet. Eine andere Wertschätzung werden sie erst wieder genießen, wenn unsere Wasser-hähne einrosten. Dann raufen wir um den Zugang zu Brunnen wie die Leute an Jordan, Euphrat, Niger. Nach Zeitungsberichten vom Sommer 2010 müssen weltweit drei Milliarden Menschen für Trinkwasser weiter als einen Kilometer laufen. Das ist fast die halbe Weltbevölkerung.

In betuchten Kreisen der Goethezeit hatte man es komfortabler. Die Salzmannschule in Waltershausen-Schnepfenthal – bis heute zum Teil Internat – verfügte zwischen Auffahrt und dem von einem spitzen Turm markierten Hauptgebäude über einen Brunnen, der noch 1873 für alle beteiligten Lehrkräfte und Zöglinge die einzige Zapf- und Waschstelle bildete. Damals setzten die vorgeschriebenen roten Schuluniformjacken Farbtupfer; heute dümpeln da liebliche Seerosen in einem Tümpel. Kein Brunnen mehr zu sehen.

In der Vorstadt am Waldtor gibt es noch einen spru-delnden Brunnen, der statt eines Fotomotivs Quellwasser abgibt. Wasche ich mir in dem sandsteingefaßten Becken, das einen Abfluß unterm Pflaster hat, den Hals und das Hemd gleich mit, rümpfen regelmäßig selbst ehemalige DDR-BürgerInnen ihre Nasen, die sie 1989/90 offenbar kaum zu wenden hatten. Überall wird Armut verachtet und Reinlichkeit angebetet, jedenfalls im Abendland. Ich schwiege ja, besäße unser Reinheitswahn, der zumeist unter „Hygiene“ firmiert, lediglich Selbstzweck oder auch den Geschäftszweck, immer neue Waschmittel und Polierpasten oder die Klarsichtfolie für das jüngste Sahra-Wagenknecht-Buch verscheuern zu können. Doch leider stellt er vor allem das Gegenstück zu den Schweinereien dar, die sich der Mensch so leistet. Oft ist er auch deren Kleid, Deckmantel, Beschwichtigungspolitik. Kommt Kanzlerin Merkel mit bübischem Lächeln und adrett gekleidet daher – wer wollte ihr da Schweinereien zutrauen? Sie hat doch nicht in entlegenen Wüsten mit Totenschädeln, die ihr gar nicht gehören, Fußball gespielt! Sie ist für die Unterzeichnung wehrpolitischer Richtlinien da. Die Abgesandten der Rüstungsbranche, die sie vorher rechtzeitig aufzusuchen wissen, sind nie als Bestecher- oder ErpresserInnen kenntlich, da als Modelle für Anzüge & Kostüme getarnt.

Eine Kanzlerin Wagenknecht – ohnehin von Natur aus herrlich fotogen – sähe freilich noch besser aus. Vermut-lich würde sie auch der grausamen Vernichtung von Arbeitsplätzen in Bahnhofsklos, Kläranlagen und bei Heckler & Koch im schwäbischen Sauberland Einhalt gebieten. Ganz oben auf ihrer „Agenda“ wird die Produktion von Wasserwerfern stehen, damit auch in Berlin und Wattenscheid die Straßen sauber bleiben.


Weißheit

Während Cal ein Vermögen verbrennt (5.000 Dollar), weil er seinem Bruder Aron Unrecht tat, trägt dieser in einem fort „Siege über Sünden davon, die er nie begangen“ hat. Der kalifornische Collegestudent aus Steinbecks Jenseits von Eden (1952) verkörpert jenes „Reinheitswollen“, das Lesern meines Ernst-Wiechert-Porträts bereits in Wiecherts Jugenderinnerungen begegnet ist. Aron könnte es etwa aus dem Kapitel „Höhere Gesetze“ von Thoreaus Walden bezogen haben, der wiederum in sämtlichen wichtigen abend- und morgendländischen Bibeln bewandert war. Seine Freundin Abra versucht der junge Kalifornier zu lebenslänglicher Keuschheit zu bekehren, womit sie gleichsam noch als Greisin im weißen Brautkleid dasäße. Vermutlich wäre sie auch dann in Cals Hände übergegangen, wenn dieser seinen Bruder Aron nicht in den Ersten-Weltkriegs-Heldentod getrieben hätte. Sie hißte sozusagen vor ihrer Sinnenfreude die weiße Fahne der Kapitulation.

Eine befriedigende Theorie über diese Fahne fällt schwer. Zwar ist das Weiße makellos, unschuldig, neu beschreibbar – doch wehrlos wohl kaum. Das Segel unterjocht den Wind; meine weißlackierte Hüttensüdwand wirft die Sonne zurück. Schneelawinen begraben ganze Dörfer. Der Weißdorn sticht mich und stärkt sogar das Herz, während Weißkohl nur für den erwähnten Wind sorgt. Auch dem Weißen Haus in Washington läßt sich schwerlich Pazifis-mus nachsagen. Dagegen tritt Hanska – wie schon vor ihm sein ermordeter Wahlvater Inya-he-yukan, genannt Stonehorne – fast lückenlos schwarzgekleidet zum Rodeo in New City an. Für den Prärieindianer habe die Farbe Schwarz den Menschen von den anderen Geschöpfen abgegrenzt, teilt uns Welskopf-Henrich mit. Wer Anar-chisten für hochmütige DynamitstangenträgerInnen hält, könnte nun über ihre schwarzen Fahnen frohlocken – aber ich verweise auf den hohen Kurs schwarzer Kleider und Limousinen auch in betuchten Kreisen. Der Weiße kann durchaus im dunklen Anzug töten oder herrschen, nur nicht nackt.

Wie sich Jean Chalons George-Sand-Biografie entnehmen läßt, haben Damen vor ungefähr 150 Jahren „vor Gott rein und den Menschen weiß“ zu erscheinen – heutige Herren werfen sich lieber auf Damen von knusprig gebräunter Hautfarbe. Die ehemals überwiegend blütenweißen oder zartblauen Baumwolltaschentücher meines Großvaters mit dem eingestickten H.V. in einer Ecke wären notfalls – etwa bei Notfallstufe Hartz VII – groß genug, um meine Blöße zu bedecken, doch sie trügen mir jede Menge Naserümpfen ein. Da ich sie nie als Kochwäsche behandelt habe, wirken sie nach rund 20jähriger Erbschaft irgendwie bräunlich gemasert oder marmoriert. Wahrscheinlich könnte ich mit ihnen sogar meinen Fallbeilmanager von der sogenannten Arbeitsagentur oder die Häscher von der GEZ in die Flucht schlagen.

Ich plane zunächst ein Attentat: zusammengefaltet eins im weißen Briefumschlag an die stets wie aus dem Ei gepellte Außenministerin Condoleezza Rice nach Washington geschickt! Dummerweise eine Schwarze.



Zur Gesundheit siehe auch
>Alter
Lodenbrink zu Krankenhausinfektionen in Szene 5
„Kunstfehler“-Opfer: Irren ist menschlich
Erzählung Absturz eines Orthopäden, bes. Kapitel 4 (Kunstfehler)
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