Mittwoch, 27. Mai 2026
Mordopferlexikon (MOL) Folge 6 [Lo—O]

Inhalt ~ Fritz Löhner-Beda + Federico García Lorca und Genossen + Elijah Parish Lovejoy + Patrice Lumumba + Adam Lux + Rosa Luxemburg + Ottmar Maag + John Pombe Magufuli + Sabeen Mahmud + Giacomo Mateotti + Samora Machel + Sergei L. Magnitski + Elly Maldaque + Bernhard Matter + Silvio Meier + Sanja Milenkovic + Philipp Müller + Jens Mungard + Willi Münzenberg + Johann W. L. Mellmann + James Miller + Frederike von Möhlmann + Guy Môquet + Erich Mühsam + Thomas Müntzer + F. W. Murnau in Vertretung seines Butlers + Mariya Nakovska + Nebenbuhler (= Neil Hubbs) + Martin Neškovski + Irene N. + Andrés Nin + Rosemarie Nitribitt + Emil Nobel + Hamza Hakimzoda Niyoziy + Irina Nosdrowskaja, mit Swetlana Sapatinskaja + Felix Nussbaum und Felka Platek + Harry Oakes + Morsal Obeidi + Héctor Germán Oesterheld + Alika Ogorchukwu + Frank Olson + Oktoberfestkinder + Dana Ottmann + Hans Otto + Emeka Okoronkwo + Jiří Orten + Pierre Overney


Löhner-Beda, Fritz ~ Jeder kennt Schlager wie Dein ist mein ganzes Herz oder Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren oder Operetten wie Franz Lehárs Land des Lächelns (1929), nicht dagegen den 1883 geborenen Textlieferanten dieser Werke. Schon der Name ist zu unschön, um ihn sich zu merken, und wie erst das Ende des österreichischen jüdischen Schriftstellers! Einen Tag nach dem »Anschluß« seines Landes (1938) verhaftet, landet Fritz Löhner-Beda über die Stationen Dachau und Buchenwald in Auschwitz-Monowitz, wo er mit letzten Kräften, schon reichlich unterernährt und verzweifelt, für das Unternehmen IG Farben arbeiten darf. Am 4. Dezem-ber 1942 bei einer Inspektion von fünf Fabrikdirektoren angepfiffen, wird der 59jährige Häftling noch am selben Abend erschlagen, sehr wahrscheinlich federführend vom berüchtigten »Capo« Josef Windeck, der später, in dieser Sache, straffrei ausgeht. Dasselbe gilt für die Direktoren. Der Totenschein zu Löhner-Beda gibt unübertrefflich zynisch »Altersschwäche« als Todesursache an.
~~~ Die Wiener Familie des sehr erfolgreichen Texters war in jenen KZ-Jahren endlos schikaniert und bis aufs Hemd ausgeplündert worden. Wie Biograf Günther Schwarberg* wiederholt einräumt, hatte Löhner-Beda, im Gegensatz zu vielen seiner begeisterten HörerInnen, großen Reichtum angehäuft. Damit wäre es ihm zweifelsohne möglich gewesen, Wien noch rechtzeitig zu verlassen. Schwarberg sagt, der Schriftsteller habe auf seine Popularität gebaut; sogar Hitler liebe ja seine Lieder, ihm werde schon nichts passieren. Hier scheint das Problem der Sippenhaft auf, das Porträtisten entkommener KünstlerInnen zu oft übergehen: deren Verwandten oder Freunden, die man ja selten alle mitnehmen kann, ist nämlich durchaus häufig etwas passiert, nachdem der betreffende Prominente in Sicherheit war. Auch der italienische Journalist Francesco Fausto Nitti, auf Mussolinis »Teufelsinsel« Lipari gefangen**, litt unter dieser Klemme, die ich schon früher streifte. Es dient dem Entkommenen wohl kaum zum Wohlbefinden, nach erfolgreicher Flucht die Liebsten bedroht oder ermordet zu wissen.
~~~ Täusche ich mich nicht, geht es auch in Günter Eichs Hörspiel Festianus, Märtyrer (1958) um dieses Problem, nur grundlegender. Es stellt die Frage nach Gerechtigkeit, Verantwortung, Solidarität. Im römischen Zirkus von Löwen zerrissen, bekommt Christ Festianus selbstverständlich einen Platz im Himmel. Im Gespräch mit seinem Bekannten Laurentius, den sie auf dem Rost verbrannten, bekennt er jedoch, etliche andere Bekannte zu vermissen, die nicht im Himmel zu finden seien, seine Eltern etwa, oder der Wirt seiner Stammkneipe. Es stellt sich heraus, sie sind nebenan, in der Hölle gelandet. Nun ersucht Festianus um eine Besuchserlaubnis für die Hölle, und am Ende entschließt er sich sogar, drüben zu bleiben: bei all den anderen, die ihre Schlechtigkeit mit höllischen Qualen zu büßen haben. Vielleicht stand das Reclam-Heftchen mit diesem Hörspiel bei Elisabeth → Käsemanns Vater, dem Theologen, im Bücherschrank. Sie ging nach Südamerika, in die Slums, weil sie nicht wie die Made im Speck leben wollte. Sie bezahlte ihre Entscheidung mit Folter und Hinrichtung. Dem Besucher Festianus gegenüber hatte Teufel Belial gewisse Zaungäste verhöhnt, die nur mal ein bißchen zuschauen, eine »Messerspitze Mitleid« genießen und dann wieder schön verschwinden wollten.
~~~ Damit möchte ich keineswegs Märtyertum gepredigt haben. Jeder wird seine jeweiligen Umstände anders nutzen, um sich seine Selbstachtung zu bewahren und einen Anflug von Solidarität zu beweisen. Meine auswärtige Freundin T., übrigens eine Blondgelockte, traf vor Jahren im Schachcafe eine zerzauste Dunkelhaarige, mit der sie sich am Schachbrett glänzend amüsierte. Als sie sich aber vom Tisch erhoben, merkte T. siedendheiß, ihre Schachpartnerin hatte einen sogenannten Klumpfuß und hinkte. Jetzt sind sie seit Jahrzehnten Freundinnen. Zum Glück hat die gehbehinderte Freundin ein unverdunkeltes Gemüt und ersparte T. von daher so manche Fallen, die auch das Helfen mitunter zur Hölle machen.

* Günther Schwarberg, Dein ist mein ganzes Herz, Göttingen 2000
** Francesco Fausto Nitti, Flucht, Potsdam 1930, S. 252



Lorca, Federico García ~ Zum Todesdatum des berühmten spanischen, republikanisch gesinnten Schriftstellers merkt Brockhaus in Klammern an: kurz nach Beginn des Bürgerkrieges von Falangisten erschossen. Das ist mir zu verwaschen. Mancher könnte glauben, Lorca sei im Gefecht gefallen – dabei wurde er, nach zahlreichen anderen Quellen, ohne Zweifel als Gefangener ermordet. Nur die Gründe für diesen Mord sind weniger klar.
~~~ In der Tat hatte im Sommer 1936 soeben der Spanische Bürgerkrieg zwischen den Anhängern der jungen Republik und den Franco-Putschisten begonnen. Der 38jährige Lorca, Akademiker aus wohlhabender Familie, vor allem als Dramatiker und Lyriker gefeiert, auch begabter Musiker, hatte sich leichtfertigerweise vom republikanischen Madrid aus in seine Heimatstadt Granada, Südspanien, begeben, die gerade von den Falangisten besetzt worden war. Er suchte nun Schutz bei Freunden aus dem rechten Lager, der Familie Rosales, wurde aber verraten, wahrscheinlich durch den »stadtbekannten Spitzel« (Berger) Ramón Ruiz Alonso. Lorcas Sympathie für LandarbeiterInnen, seine republikanische Gesinnung, sein »Zigeunerblut« in den Adern waren Francos Falange nicht weniger ein Dorn im Auge als seine Homosexualität. Zudem sannen die »mariquitas« (Marienkäfer) auf Rache – jene »Clique der Parasiten« (Spiegel 1956), über die Lorca wiederholt seine Verachtung ausgegossen hatte. Möglicherweise war auch Eifersucht im Spiel. Mord war es so oder so. Zum außerhalb der Stadt gelegenen Behelfsgefängnis »La Colonia« verschleppt, wurde Lorca ebendort im Morgengrauen des 19. Augusts des Jahres in einem nahen Olivenhain durch Soldaten der Aufständischen erschossen. Michael Berger* nennt als Verantwortliche den Major José Valdés Guzmán und dessen Vorgesetzten General Queipo de Llano, damals militärischer Machthaber in Sevilla und Granada. 1940 vermerkte das Standesamt von Granada, Lorca sei »im August des Jahres 1936 infolge kriegsbedingter Verletzungen« verstorben. So kann man es ausdrücken, wenn man den Bürgerkrieg gewonnen hat.
~~~ Makaberer letzter Trost für Lorca: mit ihm glitten an jenem Morgen, laut Berger, noch drei andere durchlöchert an den Stämmen der Olivenbäume hinab: »Der Lehrer Dióscoro Galindo González, zum Tode verurteilt, weil er 'linken Ideen anhing', sowie die Stierkämpfer Joaquín Arcollas Cabezas und Francisco Galadí Mergal, Vertreter der anarchistischen Bewegung aus Granada – sie hatten gegen die Übernahme der Stadt durch die Putschisten bewaffneten Widerstand geleistet.« Über diese drei Los »paseados« con Lorca soll 2007 ein Buch von Francisco Vigueras Roldán erschienen sein, wie andere Quellen erwähnen. Ihre Alter sind mir nicht bekannt.

* Michael Berger, https://jungle.world/artikel/2010/01/vom-himmel-ermordet, 7. Januar 2010


Lovejoy, Elijah Parish ~ Der 34jährige US-Bürger war nie Sklave gewesen. Er wurde 1837 in Alton, Illinois, ermordet, weil er sich als Journalist, Lehrer und Prediger für die Abschaffung der Sklaverei stark gemacht hatte. Schon als Herausgeber einer Zeitung in Saint Louis, Missouri, hatte er heftig Federn lassen müssen, zerstörten ihm doch Befürworter der Sklaverei dreimal hintereinander seine Druckerpressen. Das wiederholte sich nun am 7. November auf der Ostseite des Mississippi, wohin er sich geflüchtet hatte, um den Alton Observer herauszugeben. Ein Lynchmob zündete ein mehrstöckiges Gebäude an, in dem Lovejoy mit seinen Freunden eine inzwischen vierte, frisch angelieferte Presse versteckt und bewacht hatte. Das Aufeinandertreffen gipfelte in einer Schießerei, bei dem der unerschrockene Journalist getötet wurde. Sein Mitstreiter Royal Weller kam mit einer Verwundung davon. Lovejoy ließ seine Ehefrau Celia Ann, die ihn stets bestärkt haben soll, und zwei Kinder zurück. Später wurde die Bibliothek der Universität in Edwardsville, Illinois, nach ihm benannt.
~~~ Für John Simkins* war der getötete Zeitungsverleger der »erste Märtyrer« im Kampf für die Pressefreiheit in den USA. Simkins führt einen Bericht des Alton Observers aus dem Todesmonat an, dem sich manche Einzelheiten entnehmen lassen. Demnach konnte die betreffende Ausgabe gedruckt werden, obwohl die von Lovejoy und Weller vergeblich verteidigte neue Presse in der Tatnacht zerlegt und in den nahen Mississippi geworfen worden war. Zu den strafrechtlichen Folgen des Überfalls sagt Simkins nichts – eine betrübliche Lücke. Laut englischer Wikipedia gab es zwar im Januar des neuen Jahres einen Prozeß gegen die AngreiferInnen, doch sie heimsten einen Freispruch ein. Einzelne Verantwortlichkeiten ließen sich wegen des Tumultes sowieso nicht klären, meinte das Hohe Gericht. Allein Lovejoy war von fünf Kugeln getroffen worden. Das Lexikon behauptet, der vorsitzende Richter sei in der Tatnacht mitten im Mob am Tatort gewesen, Gilmans Lagerhaus, und habe sich dabei sogar eine Verwundung zugezogen. Im Prozeß selber sei er dann auch noch als Zeuge aufgetreten ...

* https://spartacus-educational.com/USASlovejoy.htm 1997/2021


Lumumba, Patrice (1925–61), kurzzeitig Ministerpräsident des Kongo. Von ihm räumt mein Brockhaus ein, er sei ermordet worden. Er sagt nur nicht deutlich, von wem. Vielleicht wäre das aber, für das Erscheinungsjahr 1990, auch zuviel verlangt gewesen. Denn im ganzen mußten vier Jahrzehnte vergehen, bis Licht in diesen Akt des Staatsterrorismus kam, dem der 35jährige schwarze Afrikaner 1961 zum Opfer gefallen war. Im Jahr zuvor hatten ihn seine Landsleute zum ersten Ministerpräsidenten des rohstoffreichen, nun »freien« Kongo gewählt. Schon bei den Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit hatte es der hochgewachsene, hagere Mann gewagt, sich nicht nur jede zukünftige ausländische Bevormundung zu verbitten, sondern auch dem anwesenden belgischen König Baudouin alle Schandtaten der Kolonialmacht vorzuhalten, die dieser befohlen oder gedeckt hatte. Das gefiel weder dem König noch dem belgischen und nordamerikanischen Kapital, das den Kongo auch weiterhin auszuschlachten gedachte. Nach dem üblichen Rezept säten sie Zwietracht, worauf sich die Provinz Katanga abspaltete und Lumumba von ehemaligen Mitstreitern für abgesetzt erklärt wurde. Er kam in Haft, konnte aber mindestens einmal entkommen. Im Januar 1961 erneut ergriffen, wurde er mit seinen Gefolgsleuten Maurice Mpolo und Joseph Okito per Flugzeug nach Elisabethville (Lubumbashi), der Hauptstadt Katangas, gebracht und außerhalb der Stadt, vielleicht nach Folterungen und Demütigungen, von katangischen Soldaten unter belgischem Kommando am Rande einer Grube aufgestellt, die man wohl eigens in der Savanne ausgehoben hatte. Sie wurden erschossen und verscharrt.*
~~~ Bahnbrechend bei der Aufdeckung dieses Verbrechens wirkten um 2000 Bücher von Heribert Blondiau und Ludo de Witte. 2007 steuerte Tim Weiner in seiner umfangreichen CIA-Geschichte – wie er glaubt – Belege dafür bei, daß US-Präsident Eisenhower und dessen Geheimdienstchef Allen Dulles Lumumba unbedingt »beseitigen« lassen wollten. Es gab auch einen Vergiftungsplan; dann jedoch hätten sich die Yankees lieber Lumumbas Gegenspieler »Oberst« Joseph Mobutu ausgeguckt, der ihn kurzerhand verhaften und nach Katanga ausliefern ließ. In der Tat setzte sich Mobutu nach einigen Wirren durch und »führte« den Kongo für drei Jahrzehnte mit brutaler Hand. Laut Weiner stellte er in jener Zeit das wichtigste »antikommunistische« US-Werkzeug in Afrika überhaupt dar.**
~~~ Wie es aussieht, ist die Verwicklung der belgischen Regierung in die Ermordung Lumumbas inzwischen unwiderlegbar erwiesen. Was Wunder, wenn sich Brüssel bereits nach Ludo de Wittes Enthüllungen genötigt sah, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß einzusetzen. Als dieser 2001 seinen Abschlußbericht vorgelegt hatte, räumte die Regierung eine »moralische Verantwortung« für das Verbrechen ein, ergriff jedoch keine juristischen Maßnahmen, wobei es anscheinend bis heute blieb. Vermutlich will sie vor allem Entschädigungs-zahlungen an den Kongo vermeiden. Das wäre nur zu verständlich, weil es sich im Grunde um ein Faß ohne Boden handelt. Bezogen auf die Anfänge um 1890, stellt Gert von Paczensky in seiner schon wiederholt erwähnten Geschichte des Kolonialismus fest, »unter Führung ihres geldgierigen Königs Leopold II.« hätten auch die Belgier »große Fähigkeiten kolonialer Plünderei« entfaltet. Danach nahmen hier ebenfalls Konzessionsgesellschaften eine gigantische Enteignung vor, bemächtigten sich Dutzender von Millionen Hektar, zündeten die Dörfer an, jagten und verschleppten die Bevölkerung, zwangen sie mit vorgehaltenem Gewehr zur Plackerei auf den Plantagen oder in den Kupfergruben. Hier wurzelt unter anderem der Konzernriese Union Minière du Haut Katanga, der sich um 2000 in Umicore umtaufte – mit dem höhnischen Untertitel materials for a better life. Firmensitz ist Brüssel.
~~~ 2010 reichte Lumumbas Sohn Guy in Brüssel Klage gegen ein Dutzend noch lebende Tatverdächtige ein, wohl alles belgische Regierungsbeamte. Das Schicksal dieser Klage scheint den häufigen Weg der Versandung gegangen zu sein. Inzwischen soll überhaupt nur noch einer von den Verdächtigten leben, als 93jähriger Greis. Aber die DrahtzieherInnen werden ja sowieso nie belangt. Im übrigen ist zu hören, auch die Familie Lumumba sei, wie schon eine staatliche belgische Lumumba-Stiftung, zerstritten und weitgehend handlungsunfähig. Hier ist der Hinweis angebracht, es wäre wohl auch verfehlt, den gequälten und getöteten Patrice Lumumba für einen Heiligen zu halten. Er wird bekanntlich gern verklärt. Als die Truppen des frischgebackenen kongolesischen Ministerpräsidenten die drohende Sezession zu unterbinden suchten, gingen sie in Wahrheit nicht eben zimperlich mit der Zivilbevölkerung um – vor allem mit Leuten aus der Volksgruppe der Luba. Sie selber, die Truppen, gehörten nämlich mehrheitlich der Volksgruppe der Tetela an – wie auch Lumumba, der Ministerpräsident. Schon bei den Wahlen ist es, laut Zeit-Bericht***, seitens seiner AnhängerInnen zu »regelrechten Pogromen« gegen die Minderheit gekommen. In dieser Hinsicht – der Eigensüchtigkeit und des entsprechenden unerbittlichen Clandenkens – hat sich die Welt in sechs Jahrzehnten um keinen Deut geläutert. Israel hat gerade wieder die Todes-strafe eingeführt – für arabische MitbürgerInnen.****

* Samuel Misteli / Fabian Urech, https://www.nzz.ch/international/mord-an-patrice-lumumba-vor-60-jahren-afrikanischer-maertyrer-ld.1596085, 16. Januar 2021
** Weiner CIA, deutsch 2008, S. 225–27 + 739–40
*** Andrea Böhm, https://www.zeit.de/2011/03/Kongo-Lumumba, 13. Januar 2011
**** Marcel Kunzmann, https://www.telepolis.de/article/Todesstrafe-fuer-Palaestinenser-Israel-ebnet-den-Weg-fuer-Rachejustiz-11241241.html, 31. März 2026



Lux, Adam ~ Er bezahlte seine Sympathie für die Französische Revolution – und wohl auch für eine hübsche Tyrannenmörderin mit dem Leben. Obwohl Bäckersohn, hatte Lux studieren können. Seinen »Doktor« der Philosophie soll er bereits mit knapp 19 gemacht haben, 1784 an der Universität in Mainz. Eine Hauslehrerstelle ermöglicht ihm Einheirat und den Erwerb der Donnermühle im nahegelegenen Kostheim, wo er sich im Geiste Rousseaus als Landwirt versucht. Er zeugt mit seiner Frau Sabine drei Kinder. Das beschauliche Landleben endet im Oktober 1792, als Lux und die ganze Gegend durch den Einmarsch von Truppen der jungen französischen Republik aufgerüttelt werden. Lux begrüßt diese Entwicklung. Viele Einheimische neigen dazu, sich Frankreich anzuschließen. Im folgenden Frühjahr, nachdem Lux auch Abgeordneter im Nationalkonvent der kleinen neuen Mainzer Republik geworden ist, begibt er sich gemeinsam mit dem Naturforscher und Schriftsteller Georg Forster und dem Kaufmann André Patocki nach Paris, um jenem erwünschten Anschluß den Weg zu bahnen. Damit stand Lux ein böses Erwachen bevor.
~~~ Zwar erlangten die Mainzer Abgesandten die Einwilligung umgehend, doch ihr Rückkehr wurde vereitelt, weil Mainz gerade von preußisch-habsburgischen Truppen eingekesselt worden war. Die Donnermühle hatte die Familie Lux bereits vorher verloren. So blieben die Mainzer lieber in Paris. Allerdings hatte sich die Revolution inzwischen radikalisiert und die Form jakobinischer Gewaltherrschaft angenommen – für Lux und etliche andere BeobachterInnen aus Deutschland, etwa Konrad Oelsner und Johann Georg Kerner, sehr enttäuschend. Der Gipfel für Lux: Am 17. Juli 1793 erlebte er die Hinrichtung der 24jährigen Charlotte Corday mit, die den Jakobinerchef Marat getötet hatte. Er war tief erschüttert. Möglicherweise banden Lux nicht nur politische Fäden an die attraktive Tyrannenmörderin. Einige Autoren behaupten, Lux habe sich beim Prozeß gegen Corday rettungslos in sie verliebt. Laut deutscher Wikipedia wurde dieses Motiv – wahrscheinlich in der wohlmeinenden Absicht, Lux zu entlasten – damals auch in einem Pariser Journal angeführt; der Deutsche habe dies jedoch »unwillig« zurückgewiesen. Leider trauen sich die Quellen, soweit ich sehe, durchweg nicht, die Erwägung einzubeziehen, Lux könnte jäh die Chance gewittert haben, lästige Unstimmigkeiten mit seiner Gattin oder die Sorge um seine Kinder vom Halse zu bekommen. Jetzt brandmarkte der Strohwitwer die Jakobiner und die Hinrichtung Charlottes in zwei Flugschriften und legte es offensichtlich darauf an, durch seinen Protest, der ihm nur Unbill einbringen konnte, ein Fanal gegen die Entartung der Revolution zu setzen. Prompt wurde er verhaftet und ebenfalls zum Tode verurteilt. Möglicherweise hatte er genau das erstrebt. Forster berichtet, sein Reisegefährte, inzwischen 27 Jahre alt, sei am Hinrichtungstag geradezu »auf das Schafott gesprungen«.*
~~~ Die Kunde vom Märtyrertum des Deutschen beeindruckte in der Tat viele Landsleute, darunter Jean Paul. Später setzte ihm Stefan Zweig durch ein Bühnenstück, das unvollendet blieb und zu Zweigs Lebzeiten nie aufgeführt wurde, ein kleines Denkmal. Ein Jahr nach Lux starb übrigens auch Forster, mit 39 Jahren, ebenfalls in Paris. Allerdings »nur« an Armut, Krankheit und Einsamkeit.

* Eric Erfurth, https://www.hvv-obernburg.de/html/adam_lux.html o. J., wohl um 2017. Das mutmaßliche »Liebesmotiv« klammert der Autor kaltblütig aus. Dafür glänzt er mit einer Perle reformierter Rechtschreibung: Braut Sabine Reuter sei »die wohl situierte Schwester» seiner Dienstherrin gewesen.


Luxemburg, Rosa, geb. 1871. Ende Oktober 1917 wurde der 33jährige, aus Schwaben stammende Arzt Hans Diefenbach in Ausübung seines Berufes, wenn auch unter den verschärften Bedingungen der »Westfront«, tödlich von einer Granate getroffen. Sein Testament hatte er wohlweislich schon früher verfaßt, im August 1914. Darin* vermachte er 50.000 Mark, die er seinerseits von seinem Vater geerbt hatte, Frau Rosa Luxemburg in Berlin – unter der Bedingung, daß ihr lediglich die jährlichen Zinsen regelmäßig zum Lebensunterhalt ausgezahlt würden, sei sie doch »in der Privatökonomie vielleicht keine ganz so geniale Meisterin wie in der National-Ökonomie.« Der deutlich jüngere Arzt betonte dabei, die kleine, etwas verwachsene und hinkende »ausgezeichnete« Freundin, Rednerin, Briefautorin und Theoretikerin Luxemburg habe diese Rente »nicht bloß, wie dies ihrem großartigen Natürel entspräche, für andere bedürftige Leute sondern in erster Linie für sich selbst« zu verwenden. Die Bedingung, sie müßte noch länger leben, vergaß er zu stellen. Soweit ich weiß, ist der erschütterten Luxemburg die großzügige Verfügung Hänschens gar nicht mehr zu Ohren gekommen. Bekanntlich wurde die inzwischen 47jährige Kommunistin im Januar 1919, ein gutes Jahr nach Diefenbachs Tod, auf höchste Anweisungen als Festgenommene kurzerhand erschossen und wie ein räudiger Hundekadaver in den Berliner Landwehrkanal geschmissen. Die durchaus bekannten Ausführer und Drahtzieher dieses Mordes (unter anderem Hauptmann Waldemar Pabst und Reichswehrminister Gustav Noske, SPD) wurden nie belangt. Brockhaus meldet verschwommen: ermordet von »Freikorpsoffizieren«.
~~~ Zu den tragenden Geschichtslügen der Bundesrepublik Deutschland zählt die Versicherung, die Berliner »Januaraufstände« breiter streikender Arbeitermassen seien »von den Spartakisten« angezettelt worden, somit hätten sich die Oberspartakisten Liebknecht und Luxemburg die Kugeln, die sie trafen, eigenhändig auf den Hals gezogen. Was in Wahrheit bereits Anfang Dezember 1918 angezettelt worden war, las sich auf Berliner Litfaßsäulen so: Das Vaterland sei vom inneren Feind bedroht, eben der Spartakusgruppe. »Schlagt ihre Führer tot! Tötet Liebknecht! Dann werdet ihr Frieden, Arbeit und Brot haben!« Der Umstand, daß sich die Spartakisten ab Januar 1919 KPD nannten, rüttelt nicht an dem sehr geringen Einfluß dieser eben erst gegründeten »Partei«. Wie Bernt Engelmann schreibt**, hatte sie die Streiks weder geplant noch auch nur vorausgesehen. Diese Proteste durch Gewaltakte einiger Entschlossener in eine »Revolution« verwandeln zu wollen, hätte auch den programmatischen Erklärungen der neuen Partei widersprochen, die »Terror als politisches Mittel«, in Abgrenzung zu leninistischen Praktiken, ausdrücklich verworfen hatte. Luxemburg – die dem 53köpfigen gewählten »Revolutionsausschuß« noch nicht einmal angehörte – warnte vor diesem Abenteuer, während sich ihr Genosse Karl Liebknecht nur mitziehen ließ, weil er befürchtete, sich andernfalls von den Massen zu isolieren. Aber genau er war dann das einzige Mitglied dieses vom betagten USPD-Politiker Georg Ledebour geleiteten Gremiums, das den Aufstandsversuch zu büßen hatte: indem er als Gefangener bei Nacht und Nebel im Tiergarten ermordet wurde. Er wurde wie seine Genossin Rosa lediglich 47 Jahre alt.
~~~ In literarischer Hinsicht kann mich Luxemburg nur durch ihre gesammelten Briefe überzeugen. Bei anderen Texten – soweit ich sie kenne – kommt auch bei ihr der Dogmatismus durch, was leider immer auch dem Stil schadet. Sich ernsthaft Fragen zu stellen und auf mögliche Überraschungen gefaßt zu machen, ist kein kommunistisches Geschäft. In vielen Briefen läßt es Luxemburg jedoch zu, und deshalb sind sie eine Wohltat, auch wenn sie oft aus dem Kerker kommen. Ich gäbe viel darum zu wissen, was der verhafteten Frau auf ihrer kurzen Autofahrt in den Tod durch den Kopf ging. Ich nehme an, sie war eine selbst für Kommunisten ungewöhnlich tapfere Frau. Schließlich hatte sie ja auch immer gegen ihre körperlichen Benachteiligungen und ihre seelischen Anfechtungen zu kämpfen.
~~~ 1962 leistete sich die Adenauer-Regierung, wohl durch die Feder des Pressesprechers und Staatssekretärs Felix von Eckhardt, wieder einmal ein besonders starkes antikommunistisches Stück. Sie stellte sich in einer amtlichen Verlautbarung*** schützend vor den ehemaligen Reichswehr-Major Waldemar Pabst, den unmittelbaren Befehlsgeber des Mordkommandos gegen Rosa Luxemburg. Der war inzwischen als Waffenhändler in Düsseldorf tätig, wurde jedoch, in der Presse, immer mal wieder angegriffen. Das habe er nun zurückgewiesen. Zwar bestreite Pabst »seine Verantwortung für die standrechtlichen Erschießungen« nicht, stelle aber klar, »es in höchster Not und in der Überzeugung getan zu haben, nur so den Bürgerkrieg beenden und Deutschland vor dem Kommunismus retten zu können.« Sie haben richtig gelesen: Standrechtliche Erschießungen. Auf anderen Planeten unserer Galaxie werden solche Äußerungen Freibriefe für Staatsterrorismus genannt.

* Joachim Lachmann, https://www.diegeschichteberlins.de/geschichteberlins/persoenlichkeiten/persoenlichkeiteag/422-diefenbach.html, 2003
** Bernt Engelmann, Einig gegen Recht und Freiheit, erstmals 1975 erschienen, Ausgabe Göttingen 2001, S. 48–75
*** »Die Rolle Piecks«, Bulletin der Bundesregierung, Nr. 27 vom 8. Februar 1962, S. 223: https://media.frag-den-staat.de/files/media/main/bc/b9/bcb9400e-6020-457c-b30e-d00e9d9cdd4a/bulletin-1962-27.pdf



Der schwäbische Landwirt Ottmar Maag überlebte als Wehrmachtssoldat, wurde jedoch wenig später auf seinem Hof erschossen. Wie es aussieht, hatte der Präsident Tansanias John Pombe Magufuli bei einem Krankenhausaufenthalt für seine antiimperialistischen Kapriolen mit dem Leben zu bezahlen: Genickbruch Pdf 3 Seite 168. Die pakistanische IT-Frau Sabeen Mahmud mißfiel »konservativen« Kräften, die für einen Anschlag auf ihr Auto sorgten: Genickbruch Pdf 1 Seite 30. Der prominente Gegner Mussolinis Giacomo Mateotti wurde kurzerhand entführt und ermordet: Genickbruch Pdf 3 Seite 187.


Machel, Samora (1933–86) ~ Nicht nur der Undurchsichtigkeit seines Endes wegen fühlt man sich bei ihm gleich an John Magufuli erinnert, obwohl der später starb. Gelernter Krankenpfleger, stieg der Schwarze Samora Machel zunächst zum Partisanenchef, dann zum Staatspräsident der im Befreiungskampf gegen die Portugiesen errungenen Volksrepublik Mosambik auf. Er galt als Freund des »Ostblocks« und drückte sogar einmal Margot Honecker die Hand. Im Oktober 1986 saß der inzwischen 53jährige in einer Regierungsmaschine mit Ziel Maputo, Mosambik. Sie stürzte jedoch bei Mbuzini, Südafrika, in den Lebombobergen ab. Näheres schildert der sächsische Lehrer und »Entwicklungshelfer« aus der DDR Rainer Grajek, Jahrgang 1937, der damals in Machels Land lebte und wirkte. Grajek behauptet*, nach vielen Vertuschungsversuchen habe sich neuerdings die Erkenntnis durchgesetzt, die Maschine sei vom damaligen Apartheidregime Südafrikas »vorsätzlich zum Absturz gebracht« worden. Eine endgültige Aufklärung stehe gleichwohl noch aus. Als Opferzahlen gibt Grajek, mit einigen Belegen, 35 Tote und 9 Überlebende an. An Bord seien 44 Personen gewesen.
~~~ Brockhaus spricht nur von einem »Flugzeugabsturz«. In Band 14 (Mocambique, 1991) erklärt er die Angelegen-heit freilich zu einem »Unfalltod«. Machel, vom kommunistischen Lager im Stich gelassen oder jedenfalls vernachlässigt, habe zuletzt Kurs auf den Westen genommen. Das habe sein Nachfolger De Chissano fortgesetzt. Trotzdem führt Tim Weiner (2007) Machel nicht im Register seiner CIA-Geschichte auf. In einer Anmerkung (S. 814) umreißt er allerdings die abenteuerlichen Bemühungen des wohl schon von einem Hirntumor befallenen CIA-Chefs Bill (William) Casey, die gegen das Machel-Regime operierende Rebellen- oder Schurkengruppe Renamo zu unterstützen. Weiner schreibt diesem von Südafrika gehätschelten Verein furchtbare Grausamkeiten zu. Casey war von 1981 bis zu seinem Tod 1987 CIA-Direktor. Sein Staatspräsident war Ronald Reagan.

* Webseite Rainer Grajek: https://www.rainergrajek.de/wie-viele-menschen-kamen-beim-tod-samora-machels-ums-leben/, 10. September 2009, aktualisiert 2021


Magnitski, Sergei Leonidowitsch ~ Dmitri Kratow ist aus der Patsche gekommen. Wie Ende 2012 in der deutschen Presse zu lesen ist*, trifft den Vizechef des Moskauer Untersuchungsgefängnisses Butyrka keine Schuld am elenden Tod des Wirtschaftsprüfers und Familienvaters Sergei L. Magnitski. Man hatte den 37jährigen Häftling am 16. November 2009 auf dem von Fäkalien und Urin überschwemmten Fußboden seiner Isolationszelle ausgestreckt gefunden. Es war ein »Herzinfarkt«. Kratow wurde freigesprochen. Eine Autopsie hatten die Vollzugsbehörden damals für überflüssig gehalten – wohl weil einem die Spuren von Verweigerung ärztlichen Beistandes und von Mißhandlungen während der nahezu einjährigen U-Haft Magnitskis sowieso ins Gesicht sprangen. In wenigen Tagen hätte der Häftling angeklagt oder entlassen werden müssen. Dann hätte er, als ehemaliger Rechtsbeistand des US-Investmentunternehmens Hermitage Capital, womöglich weitere Beweise dafür vorgelegt, daß die russischen SteuerzahlerInnen 2007/08 von ausgefuchsten Wirtschaftskriminellen im Verein mit einigen Moskauer Finanzbeamten und Funktionären des Innenministeriums, darunter der Oberstleutnant Artjom Konstantinowitsch Kusnezow, in einem Fischzug um rund 230 Millionen US-Dollar erleichtert worden waren.
~~~ Als Magnitski dies in Eingaben vorgebracht hatte, griff Kusnezow zur üblichen Methode des Spießumkeh-rens: er bezichtigte Magnitski seinerseits der »Steuerhinterziehung«, lobte »Fluchtgefahr« aus und brachte ihn sofort hinter Schloß und Riegel. Magnitskis zahllose Beschwerdebriefe über seine rechtswidrige und menschenunwürdige Unterbringung an ähnlich viele Behörden blieben unbeantwortet. »Untersuchungen«, die der damalige russische Präsident Medwedew schließlich in Magnitskis Todesmonat November 2009 anordnete, verliefen weitgehendst im Sande. Immerhin sagten in diesem Rahmen zwei Gefängnisärzte aus, sie hätten sich auf Verlangen des Ermittlers Oleg Siltschenko gehütet, dem ernsthaft erkrankten Häftling Beistand zu geben, doch man schenkte ihnen keinen Glauben. Von den Finanzbeamten, die – ein Novum – binnen eines Tages einer Scheinfirma eine von ihr beantragte Steuerrückzahlung von 230 Millionen Dollar gewährt und ausgezahlt hatten, ist zu hören, sie seien in den folgenden Wochen bei ungewöhnlich hohen privaten Ausgaben beobachtet worden, für Häuser, Autos und dergleichen. Jerome Taylor vom Independent zufolge wurden inzwischen einige der am Betrugs- oder Todesfall Beteiligten befördert – statt bestraft.** Ähnlich grotesk verfährt man neuerdings mit dem Toten: nachdem die russische Justiz die Ermittlungen zu seinem Ableben im Frühjahr 2013 endgültig einstellte, leitete sie »ein posthumes Gerichtsverfahren wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung« ein – gegen Magnitski!*** Der soll übrigens noch kurz vor seinem Tode einem Reporter von Businessweek gegenüber von einem weiteren Fischzug über 100 Millionen Dollar nach derselben Methode gesprochen haben. Kurz und schlecht, er wußte zuviel. Einige US-Journalisten fühlten sich glatt an Watergate erinnert.
~~~ Ich lasse diesen schon vor einigen Jahren verfaßten Umriß so stehen, obwohl er im großen und ganzen der »westlichen« Warte und damit dem inzwischen gepflogenen Verleumdungskurs gegen alles Russische entpricht. Es gibt also auch Zweifel am westlichen Blick, etwa beim Spiegel und beim damaligen Telepolis-Chef Florian Rötzer (24. November 2019). Wer recht – und vor allem: Beweise hat, wage ich einstweilen nicht zu entscheiden. Dieser Vorbehalt dürfte allerdings kaum am schäbigen vorzeitigen Tod des Wirtschaftsprüfers rütteln. Oder hätten Sie eine beglaubigte handschriftliche Selbstmordnotiz?

* Bericht der Süddeutschen.de vom 28. Dezember 2012: https://archive.today/3QggU
** https://www.independent.co.uk/news/world/europe/death-in-a-russian-prison-cell-britains-shameful-silence-6262753.html, 16. November 2011
*** https://www.sueddeutsche.de/politik/tod-des-anwalts-magnitski-russische-justiz-stellt-ermittlungen-ein-1.1628503, 19. März 2013



Maldaque, Elly ~ 1930, in ihrem Todesjahr, hatte sich der Dramatiker Horváth gründlich mit der Regensburger Lehrerin befaßt. Der Fall schlug damals hohe Wellen. Horváths Drama blieb allerdings Fragment. Die herzensgute, bei der Jugend beliebte Frau war plötzlich behördlich verfolgt und mit 36 in eine Irrenanstalt gesteckt worden, wo sie nach kurzer Zeit verstarb. Man hatte ihr vorgeworfen, den örtlichen Kommunisten nahezustehen und sogar auf einer »Revolutionsveranstaltung« Klavier gespielt zu haben. Dabei war sie eher eine Zaghafte. Jetzt wurde sie ihrer Ängste nicht Herr, zeigte durchaus verständliche Anwandlungen von Verfolgungswahn – und weg war sie. Da sie weder verbeamtet noch verheiratet war, stand sie sowieso vor einem gähnenden Loch. Die WärterInnen fesselten sie ans Bett, die Ärzte pumpten sie mit Medikamenten voll und fahndeten nach Organschäden.* Schon war jenes »Herzversagen« erzielt, das neben Magnitski noch viele andere mißliebige BürgerInnen kennenlernen sollten.

* Christian Feldmann, https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/2007-nervenklinik100.html, 20. Juli 2011


Der »Schweizer Robin Hood« Bernhard Matter, ein Berufsdieb, wurde 1854 mit 33 Jahren in Lenzburg enthauptet, obwohl er sehr wahrscheinlich nie einem Menschen auch nur einen Zahn ausgeschlagen hatte. Silvio Meier, auf offener Straße von »Skinheads« erstochen: Genickbruch Pdf 5 Seite 185. Das haarsträu-bende Jugoslawienkriegsopfer Sanja Milenkovic, 15 Jahre alt, wird ebendort (Genickbruch Pdf 5) auf Seite 93 gestreift. Philipp Müller, Antimilitarist und als solcher der erste in Westdeutschland erschossene Demonstrant: Genickbruch Pdf 1 Seite 152. Der nordfriesische Landwirt und Schriftsteller Jens Mungard kam in einem KZ um: Genickbruch Pdf 3 Seite 213. Willi Münzenberg, kommunistischer Organisator, streng genommen kein Mordopfer, jedoch verschollen: Genickbruch Pdf 3 Seite 70.


Mellmann, Johann W. L. (1764–95), Klassischer Philologe und schnöder Hungerstreikler. Nach einer Kindheit im Klützer Winkel (Mecklenburg), wo sein Vater »Prediger« ist, geht er in Lübeck aufs Gymnasium und studiert anschließend in Kiel und Göttingen. Nekrologist Friedrich von Schlichtegroll* behauptet kühn, neben der frühen Unterrichtung habe Mellmann sicherlich auch seinen »moralischen Charakter« der »vortrefflichen Erziehung« durch seine »ganz exemplarisch lebenden Aeltern« verdankt. Ein Jugendfreund spricht schon ein wenig skeptischer von der »patriarchalischen Welt der Hebräer« und dem »goldenen Zeitalter der Griechen und Römer«, in die man damals, als Gast, in Mellmanns Elternhaus eingetaucht sei.
~~~ Bald nach dem Studium erhält Mellmann eine vermutlich ehrenvolle Berufung zum Rektor der griechischen und lateinischen Klassen des Gymnasiums der Universität in Moskau. Das war 1786. Sechs Jahre darauf, 1792, wird er, möglicherweise zusätzlich, Professor an der Universität selber. Von einer Familiengründung Mellmanns ist nichts zu lesen. 1793 muß der junge Professor griechisch/lateinische Gedichte auf die Vermählung des Großfürsten Alexanders machen. Der zukünftige russische Kaiser ist damals 15. Seine Braut, Louise von Baden, 14. Laut Schlichtegroll hatte Mellmann bereits als Student poetische Versuche unternommen, daneben erkennbar eine Neigung zum Eigenbröteln und »Speculieren« gezeigt. Außerdem dürfte er schüchtern gewesen sein. Er übt sich in Moskau auch im Zeichnen und Malen. Von Geselligkeit hält er sich unter anderem deshalb fern, weil überall dem Spiel gefrönt wird. Mellmann begreift sich jetzt hauptsächlich als Schulmann, nicht Schriftsteller. Nach einem Fieber beklagt er Augenschwäche. In seinem letzten Lebensjahr arbeitet er zielstrebig an einer Griechischen Grammatik. Aber gleichzeitig studiert er Kants Schriften und versucht sich sogar an lateinischen Übersetzungen des vergleichsweise kritischen Philosophen. Offenbar ist Mellmann eher Grübler als Gelehrter. Das bescheinigt er sich wohl auch selber in einem Brief an Freunde, wenn er bekennt, ihm klebe »ein hinderlicher Hang zur Speculation« an.
~~~ 1794/95 gerät er erstaunlicherweise in Konflikt mit Vorgesetzten. Wahrscheinlich kreiden sie ihm vornehmlich an, den liberalen Auffassungen Imanuel Kants anzuhängen. Zuletzt lädt der oberste Moskauer Bischof den Professor zu einem Gespräch – das zu seiner Entlassung und Ausweisung führt. Nach Schlichtegroll berichten seine Moskauer Freunde, Mellmann habe sich beim Prälaten erhitzt, verrannt und ihn gar beleidigt. Nun wird er von Militär zur Grenze mit Ostpreußen begleitet. Das geschah bei grimmiger Kälte und anscheinend überdies auf ruppige Art. Mellmann sei völlig insichgekehrt und melancholisch gewesen. Ein preußischer Leutnant Von Derschau nimmt sich seiner »vortrefflich« an, doch vergebens: Mellmann will nichts essen. Die »Besinnung« sei ihm weggewesen, schreibt Schlichtegroll. Der Leutnant läßt ihn von Soldaten, die er dringend zu schonendster Behandlung ermahnt, per Kutsche nach Königsberg bringen. Aber dort kommt Mellmann nie an. Da er weiter unbeirrt jede Nahrungsaufnahme verweigert, sei der 31jährige am 12. April 1795 in Georgenburg (bei Insterburg) vor Entkräftung gestorben.
~~~ Ein enger Freund des Verhungerten spricht Schlichtegroll gegenüber von Überspannung; speculativer, abstrakter Moral; Schwärmerei. Verbünde sich ein solches Naturell mit schwachen, leicht reizbaren Nerven oder Hypochondrie, sei der Betreffende »für das wirkliche Leben« verloren. Zeitgenosse Schlichtegroll selber enthält sich eines Kommentars. Seine Eingangs-Hymne über die »reine, wohlwollende Seele“ Mellmann darf man nicht zu ernst nehmen; sie ist Unfug oder Tarnung. Er spricht also weder vom Hungerstreik eines, wahlweise, tief Beschämten oder tief Gekränkten noch gar von den Quellen jenes angeblichen Naturells. Sie dürften ja jede Wette vor allem im Elternhaus zu suchen sein.

* Friedrich von Schlichtegroll, Nekrolog auf das Jahr 1795, Band 2, Verlag Perthes, Gotha 1798, S. 59–110


Miller, James ~ Der walisische Dokumentarfilmer, meist um Kriegsschauplätze kreisend, wurde 2003 mit 34 Jahren in Rafah, Gazastreifen, erschossen. Er hatte in Algerien, Tschetschenien, Afghanistan, Kosovo gedreht und einen guten Namen. Nun arbeitete er an einer Darstellung der Gemütsverfassung der im Gazastreifen lebenden beziehungsweise eingesperrten palästinensischen Kinder. Miller war verheiratet und hatte selber zwei Kinder. Der entsprechende Film Death in Gaza, posthum von einer Kollegin fertiggestellt, bekam mehrere Auszeichnungen.
~~~ Außerhalb jeder Bedrohungslage und dazu mit weißer, angeleuchteter Fahne versehen, war Miller bei einem nächtlichen Erkundungsgang unweit der ägyptischen Grenze aus Richtung israelischer Wachen von einer Sturmgewehrkugel im (ungeschützten) Hals getroffen worden. Wahrscheinlich tötete ihn ein Leutnant namens Haib oder Heib, je nach Quelle. London sprach von Mord, Tel Aviv nicht. Der mutmaßliche Schütze blieb trotz diplomatischen Druckes unbehelligt. Nach einigen Jahren bot Israel eine Entschädigung an, worauf Millers Witwe schließlich (2009) 1,5 oder 1,75 Millionen Pfund entgegennahm.
~~~ Soweit ich sehe, war Miller weder Sozialist noch Pazifist. Ein solcher würde auch nicht Kriegsberichter-statter. Millers Vater Geoffrey »diente 33 Jahre lang in der britischen Armee, zuletzt als Oberst«, berichtet Sebastian Borger 2006.* Londons Aufklärungsbemühungen in Betreff seines Sohnes empfindet Miller senior als viel zu lasch. Immerhin hätten sie, die Angehörigen, von anderer Seite aus genug Unterstützung bekommen, um den Fall auszufechten, habe James‘ Mutter Eileen hinzugefügt. »Die Palästinenser können das nicht.« Die haben weder die Muße noch das Geld zum Prozessieren. Dafür hatte die israelische Regierung aber rund 1,5 Millionen Euro für die Abfindung zur Hand, ein Trinkgeld. So etwas in 10 Jahren 10 mal, das ist schon fast ein Haushaltsposten für sich, neben dem Rüstungsetat. Und wer besorgt dieses ganze Geld? Vermutlich zu einem Zwanzigstel die CIA, und den großen Rest steuert das liebe israelische Volk selber bei. Gottes auserwähltes Volk.

* https://www.spiegel.de/politik/ausland/tod-im-gaza-streifen-gericht-erklaert-doku-filmer-zum-mordopfer-der-israelischen-armee-a-410335.html, 8. April 2006


Möhlmann, Frederike von ~ Die 17jährige braunhaarige, hübsche Schülerin aus dem Landkreis Celle wollte 1981 nach einer Chorprobe in der Stadt per Anhalter in ihr Heimatdorf fahren, wurde aber von dem nicht viel älteren Autofahrer, der sie mitnahm, in einem Waldstück möglicherweise vergewaltigt, anschließend erstochen. Die Leiche wies zahlreiche Einstiche auf, sogar die Kehle war durchtrennt. Der mutmaßliche Täter H., damals 22, wurde zunächst gefaßt und zu Lebenslänglich verurteilt, nach Einspruch des Bundesgerichtshofes wegen Zweifel an wichtigen Beweismitteln allerdings 1983 wieder freigesprochen. Frederikes Vater Hans von Möhlmann fand den Einspruch sogar einleuchtend, hielt den eher schmächtigen H. nun über Jahre hinweg für unschuldig und zermartete sich das Hirn nach alternativen Tätern.* 2012 jedoch sprach eine früher nicht mögliche DNA-Untersuchung erneut für H.s Schuld. Nun türmten sich freilich bürokratische Hürden vor Von Möhlmann auf, darunter die Bestimmung, ohne Geständnis sei eine Wiederaufnahme eines Strafverfahrens selbst im Mordfall unzulässig. Seine Rechtsanwälte bemühten unter anderem den Umweg über ein Zivilverfahren – vergeblich, denn der Anspruch auf Schmerzensgeld sei verjährt. Dann hofften sie eine Zeitlang auf gesetzliche Änderungen, durch die ein Wiederaufnahmeverfahren doch noch möglich gewesen wäre. Das erledigte sich 2023, als ein entsprechendes Reformvorhaben höchstrichterlich gekippt worden ist. Vater Von Möhlmann hätte sowieso nichts mehr davon gehabt. Er starb im Sommer 2022 mit knapp 80 Jahren.
~~~ Selbstverständlich war es Von Möhlmann nicht um Geld gegangen – er wollte »Gerechtigkeit« und »Sühne«. Die Absurdität des hartnäckigen Ausspinnens von Paragrafen, die sich garantiert ins Gehege kommen, und allgemeiner der bürgerlichen Buchstabengläubigkeit, die einem auch bei diesem Fall ins Auge springt, konnte ihn nicht wanken machen. Dabei dürfte ihn bereits der grausame Mord bis ins Mark erschüttert haben. Die Belastungen der Prozeßzeit um 1982 führten ihn sogar in eine Psychiatrische Klinik. Dort lernt er zufällig Marianne → Bachmeier kennen. Sie hatte gerade den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter, Anna, erschossen und sollte hier nun begutachtet werden. Von Möhlmann lehnt ihren Weg der »Selbstjustiz« freilich ab. Die Welt merkt an, der schon lange vor dem Mord geschiedene hochgewachsene, nun hagere Sozialarbeiter habe nicht mehr in seinen Beruf zurückfinden können. Er war jetzt sozusagen hauptsächlich Rechtssucher. Übrigens nebenbei eine verdammt kostspielige Angelegenheit, wie zur selben Zeit auch Vater → Bamberski erfahren mußte. Möhlmann beschäftigte streckenweise drei Rechtsanwälte. »Für meine Tochter werde ich alles versuchen«, versichert er der Welt.
~~~ Vielleicht ist die Frage erlaubt: Und was hat die Tochter davon? Ich behaupte: nichts. Den Gram dagegen hat er. Ich nehme an, Von Möhlmann machte sich auch um die sogenannte Ehre seiner Tochter Sorgen – das wäre ziemlich müßig gewesen. Schlechte Meinungen, die Lebende über einen haben, kratzen Tote nicht mehr an. Noch verfehlter ist der Sühnegedanke. Keine Sühne macht die Tat ungeschehen und die sogenannte Rechtsordnung sicherer. Sollte sie lediglich dem Schutz vor weiteren Übergriffen des Täters dienen, wäre sie in diesem Fall Jahrzehnte zu spät gekommen, da H. ja dank jener Absurditäten wieder freigelassen worden war. Man könnte beinahe glauben, die Messerstiche hätten den Vater heftiger als die Tochter getroffen. Was wissen wir von der Scheidung? Nichts. Die Frau nimmt die ältere Tochter mit. Der Mann hat womöglich nur noch Frederike. Die 17jährige galt als verträumt, heißt es in der Welt. Mehr wissen wir wahrscheinlich auch davon nicht.

* Christine Kensche, https://www.welt.de/vermischtes/article145372551/Wenn-der-Moerder-der-Tochter-neben-einem-sitzt.html, 19. August 2015


Môquet, Guy, Naziopfer mit 17. Der Sohn eines Pariser Arbeiters und KP-Abgeordneten war im Oktober 1940 im faschistisch besetzten Frankreich von einheimischen Polizisten am Gare de l'Est wegen der Verbreitung kommunistischer Schriften verhaftet worden. Ab Mai 1941 saß Môquet in einem Internierungslager der bretonischen Kleinstadt Châteaubriant. Nicht weit davon entfernt, in Nantes, wurde der dortige deutsche »Feldkommandant«, Oberstleutnant Karl Hotz (64), am 20. Oktober 1941 Opfer eines von Kommunisten verübten Anschlages. Hitler ordnete daraufhin drakonische Vergeltungsmaßnahmen an: 50 Geiseln sollten daran glauben. Prompt ließ der Innenminister von deutschen Gnaden Pierre Pucheu, »um zu verhindern, daß man 50 gute Franzosen erschießen läßt«, eine Vorschlagsliste mit den Namen von 61 Häftlingen erstellen, die als Geiseln in Frage kämen. Die Deutschen bedienten sich. Aus dem Lager Châteaubriant wählten sie 27 Häftlinge als Geiseln aus. Der Rest (von zunächst 48 Opfern) verteilte sich auf Nantes und Paris. Der 17jährige Guy Môquet war der Jüngste unter den Häftlingen aus Châteaubriant. Alle 27 wurden ebendort am 22. Oktober 1941 von deutschen Soldaten erschossen. Man hatte sie vor einer Sandgrube aufgebaut. Dieser Massen-mord, die Opfer von Nantes und Paris eingeschlossen, sorgte für große Empörung im Land und nagte das Ansehen des Vichy-Regimes weiter an. Heute sind zahlreiche Straßen und öffentliche Einrichtungen nach dem blutjungen Guy Môquet benannt, darunter eine Pariser Metrostation.
~~~ Was das Anschlagsopfer Hotz angeht, fallen mir im Internet einige Versuche vor die Füße, ihn als Ehrenmann hinzustellen. Die Krönung liefern womöglich die Fränkischen Nachrichten mit einem silbernen Teelöffel voll Qualitätsjournalismuses aus jüngster Zeit, den das Blatt leider hinter der bekannten Bezahlschranke verbirgt.* Hotzens Gattin hieß Dora – mehr konnte ich dem Internet nicht abringen.

* https://www.fnweb.de/orte/wertheim_artikel,-wertheim-karl-hotz-verlor-erst-seine-frau-dann-sein-leben-_arid,1867391.html, 20. Oktober 2021


Mühsam, Erich ~ Den kürzlich schon gestreiften »Edelanarchisten« aus dem stürmischen bayerischen Revolutionjahr 1919 traf es nicht besser als den Pariser Jungen oder seinen hingerichteten Republikchef Eugen → Leviné, wenn er auch »erst« mit 56 starb. Selbst für Ernst Jünger wurde Mühsam »auf so schauerliche Weise« umgebracht, wie der stählerne Ex-Nazi-Hauptmann 1949 in seinem Tagebuch notiert.* »Er war einer der besten und gutmütigsten Menschen, denen ich begegnet bin.« Der durch und durch antiautoritär und agitatorisch gestimmte Schriftsteller Mühsam, aus einer jüdischen Lübecker Apothekerfamilie stammend, hatte schon im Laufe des Ersten Weltkrieges auf der anderen Seite gestanden. Das leichtsinnige und verlustreiche Unternehmen Münchener Räterepublik brachte ihm 15 Jahre Festungshaft ein, von denen er ein Drittel absitzen mußte. Als er 1924 wieder in Berlin eintraf, um seine teils witzigen, teils pastoralen Warnungen vor Kriegsgefahr, Klassenjustiz und Faschismus fortzusetzen, war er 46. Knapp 10 Jahre später, nicht rechtzeitig untergetaucht, zählte er zu den vielen prominenten Verhafteten der Reichstagsbrand-nacht, Ende Februar 1933. Die noch folgende Zeit der Mißhandlungen war vergleichsweise kurz. Kaum hatte die SS (unter Brigadeführer Theodor Eicke) im Juli 1934 von der SA das nördlich von Berlin gelegene KZ-Oranienburg übernommen, schlugen Eickes Schergen dem unbeugsamen Anarchisten einen »Freitod« vor. Als er darauf nicht einging, täuschten sie Mühsams Selbstmord vor, indem sie ihn – oder eher seine Leiche – in der Latrine aufhängten. Nach verschiedenen Zeugenaussagen hatten sie Mühsam zuvor windelweich geschlagen und ihm eine Injektion Gift verabreicht.
~~~ Der verantwortliche Eicke, für kurze Zeit Lagerchef, kam nicht mehr in den Genuß der gnadenreichen westdeutschen Vergangenheitsbewältigung, weil er im Februar 1943, inzwischen General der Waffen-SS und Chef der berüchtigten Division Totenkopf, bei Charkow in der Ukraine bei einem »Aufklärungsflug« abgeschossen und dadurch getötet wurde. Um 2014 stand er womöglich an der Absturzstelle klammheimlich wieder auf.

* Andreas Schnell, https://taz.de/Der-Unfuegsame-PORTRAIT/!328175/, 9. Juli 2014


Müntzer, Thomas ~ Eine Parallele zur Erfindung von Völkern und Vaterländern ungefähr zur Zeit der → Johanna von Orleans treffen wir in dem etwas später einsetzenden Bemühen an, einen Frontverlauf zwischen Katholizismus und Protestantismus zu konstruieren. Auch dieses Konstrukt bezweckte oder bewirkte jedenfalls die Ablenkung vom Gegensatz oben/unten. Folgerichtig blies Luther, Geißler des Ablaßhandels und noch anderer Scheinheiligkeiten des Klerus’, die Fürsten, Grafen und Ritter sofort mit Hilfe seines Galle verspritzenden Hornes zum Angriff »wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern«, nachdem diese es scharenweise gewagt hatten, sich gegen ihre Peiniger zu erheben. Das Land, das der hörige Bauer bewirtschaftete, gehörte ihm nicht, und einen gehörigen Anteil des Ertrages hatte er an den Grundherrn und die Pfaffen abzuliefern. Hinzu kam Fronarbeit bei diesen Blutsaugern selber – sei es, um ein Schloß, sei es, um ein Gotteshaus zu errichten. Der Graf durfte jede Magd und jede Bauerstochter schänden, sofern ihm der Sinn danach stand, und das war oft der Fall. Bei der Jagd durfte er ungestraft durch den vom Hörigen angebauten Weizen trampeln; wagte es aber der Hörige, im gräflichen Wald einen Ast Brennholz aufzulesen, hatte er Glück, wenn er nicht geblendet wurde, bevor man ihm den Schädel abschlug.
~~~ Dieses Schicksal sollte 1525 auch der 36jährige Thomas Müntzer erleiden, obwohl er von Hause aus Theologe und anfangs Bewunderer Luthers gewesen war. Der sächsische Priester, 1513 in Halberstadt geweiht, hatte sich im folgenden bei seinen Dienstherren wegen seiner aufrührerischen Reden und seiner Reformversuche – etwa Abschaffung aller Privilegien, Auflösung der Klöster, Gottesdienste in deutscher Sprache – immer unbeliebter gemacht und ein entsprechendes Wanderleben geführt. Andererseits wuchs dadurch seine Anhängerschaft. 1523 heiratete er als Pastor der Allstedter Johanniskirche mit Ottilie von Gersen eine Ex-Nonne, die angeblich dem Kloster Wiederstedt entlaufen war. Sie brachte ihr erstes Kind im März 1524 zur Welt. Anfang 1925 nach Mühl-hausen berufen, wo sich die Reformation durchgesetzt hatte, scheint sich Müntzer fast über Nacht zu einem Wortführer der thüringischen Bauernkriege gemausert zu haben. Doch dann erlitten die aufständischen »Haufen« in einer berüchtigten Schlacht bei Frankenhausen eine empfindliche Niederlage. Das Leipziger Universitäts-archiv* spricht von 6.000 getöteten Bauern. Müntzer wurde festgenommen, zunächst »verhört« und gefoltert, schließlich am 27. Mai 1525 im Lager Görmar des Fürstenheeres enthauptet. Sein Mühlhäuser Amtskollege Heinrich Pfeiffer erlitt dasselbe Schicksal.
~~~ Ottilie Müntzer, erneut schwanger, mußte Mühlhausen auf Geheiß der Sieger gleich nach der Niederkunft verlassen. Sie war am Jahresbeginn ohnehin schon einmal verhaftet worden, wohl weil sie bei einem katholischen Gottesdienst in Mülverstedt als »Hauptstörerin« in Erscheinung getreten war. Vermutlich begab sie sich nun zu Verwandtschaft nach Nordhausen oder Erfurt. Das Schicksal ihrer beiden Kinder ist nicht bekannt, aber immerhin sind in Ostdeutschland zahlreiche Schulen nach Müntzer benannt – noch jedenfalls. Junghans* hält den Müntzerkult à la DDR für zeitbedingt übertrieben und behauptet, die Forschung hätte ihn inzwischen zurechtgerückt. Der Mutter von Müntzers Kindern war das Übelste offenbar schon bei den Maikämpfen widerfahren: nach mehreren Quellen hatte ein Landsknecht des Fürstenheeres Otilie vergewaltigt. Laut einer Hamburger Theologin ist dieser Vorfall, so es ihn denn gegeben hat, sogar von Luther scharf verurteilt worden.**

* Helmar Junghans, https://universitaetsarchivleipzig.de/thomas-muntzer-500-jahre-bauernkrieg/, 2025
** Inge Mager, »Theologen-Ehefrauen als 'Gehilfinnen' der Reformation«, in: Katharina von Bora, die Lutherin, Hrsg. Martin Treu, Wittenberg 1999, 113–27



Murnau, Friedrich Wilhelm (1888–1931) ~ Er dient mir als Stichwortgeber mangels Prominenz eines hier und dort als »Butler« erwähnten Gespielen, der um ein Haar mit ihm im Sarg gelandet wäre. Ich würde aber weder Murnau noch den Butler öffentlich als Mordopfer bezeichnen. Anscheinend hatte sich Friedrich Wilhelm, Sohn eines Bielefelder Tuchfabrikanten, schon in der Provinz als schwul empfunden. In die Hauptstadt Berlin gewechselt, machte er sich als Schauspieler und bald auch begabter Stummfilmregisseur einen Namen. In zweiter Hinsicht ließ er bereits mit seinen ersten Arbeiten aufhorchen, etwa Nosferatu (1922) und Der letzte Mann (1924). Ab 1926 wirkte Murnau in Hollywood, USA, und von dort aus auch auf der Pazifikinsel Tahiti, wo er den Film Tabu drehte, dessen Premiere für den 18. März 1931 angesetzt war. Diese erlebte Murnau aber nicht mehr. Und wer war schuld?
~~~ Wenn nicht Murnau selber, dann jener angeblich erst 14 Jahre alte »Butler«, wie sich einige Quellen verschämt ausdrücken. Der junge Mann namens Eliazar Garcia Stevenson, mal als Polynesier, mal als Filipino, auf der Webseite der Bielefelder Murnau-Gesellschaft sogar als Luft* ausgegeben, begleitete den Filmkünstler am 11. März auf der Küstenstraße von Los Angeles aus zu einer Besprechung in Monterey. Trauen wir dem Spiegel am meisten**, ließ Murnau seinen (Liebes-)Diener in der Nähe von Santa Barbara »erstmals« ans Steuer seines »hired Packard touring car«, wie die englischsprachige Wikipedia ergänzt. Prompt stieß der blutjunge Fahrschüler, möglicherweise von Hause aus eher mit Fischerbooten vertraut, gegen einen Lastwagen oder einen Strommasten und stürzte anschließend, jedenfalls laut Spiegel, eine Böschung hinunter. In der Wikipedia gab es nur einen Zusammenprall mit der Böschung, worauf sich der Mietwagen überschlagen habe. Bei diesem Unfall soll lediglich Murnau ums Leben gekommen sein. Der 42jährige erlag noch am selben Tag in einem nahen Krankenhaus seinen Verletzungen und wurde bald darauf in Berlin-Stahnsdorf begraben.
~~~ Die Liste der Literatur über Murnaus Filmschaffen und sein Leben ist wahrscheinlich länger als ein erigierter Elefantenpenis. Dagegen ist das Schicksal von Murnaus »Schützling« aus der Südsee offenbar niemandem mehr als ein Komma wert. Broll hält es noch nicht einmal für nötig zu erwähnen, daß der Boy bei dem Unfall mit leichten Verletzungen davonkam. Anders der SWR2. Hier wird sogar ein mitgemieteter, gleichfalls überlebender Chauffeur erwähnt, den Murnau angeblich seinem Boy zuliebe auf den Rücksitz verbannt hatte.*** Jedenfalls hätte der Junge am Lenkrad auch gestorben sein können: Broll hätte es nicht gemerkt. Geht es gar um die Herkunft und die Zukunft des Boys, seine Gewissensqualen vielleicht eingeschlossen, herrscht internetweit nahezu Tote Hose. Wikipedia gibt jedoch immerhin Lebensdaten an: 1900–85. Demnach war der Fahrschüler bereits über 30 gewesen! Das scheint auch laut Andrew Gumbel aus LA zu stimmen, der uns 2024 darüber aufklärt****, welcher Sachbuchautor die hartnäckige Legende vom 14jährigen knackigen Fahrschüler »maßgeblich« mitzuprägen half: Kenneth Angers in Hollywood Babylon, wohl erstmals 1959 erschienen. Übrigens könnte auch noch ein Vierter in dem gemieteten Auto gesessen haben, ein Schäferhund nämlich, der gleichfalls mit dem Leben davonkam. Alter, Geschlecht und Aufgabenbereich des Köters werden nicht genannt. Vielleicht hat ihn Murnaus Nachlaßverwaltung gleich verkauft, um wenigstens den Autovermieter befriedigen zu können.
~~~ So oder so bleibt der Eindruck, Murnaus grobe Fahr-lässigkeit habe sich im Licht der Nachweltscheinwerfer in nichts aufgelöst. Möchte ihn jemand unbedingt entlasten, könnte er vielleicht auf die Verlockungen verweisen, mit denen die Automafia für ihre Mordwaffen wirbt.

* https://murnaugesellschaft.de/leben-und-werk/biografie/, Stand 2026
** Simon Broll, »Verfluchtes Genie«, https://www.spiegel.de/einestages/125-geburtstag-von-regisseur-friedrich-wilhelm-murnau-a-951346.html, 20. Dezember 2013
*** Julia Haungs, https://www.swr.de/swrkultur/film-und-serie/swr2-zeitwort-20240311-friedrich-murnau-stirbt-bei-einem-autounfall-100.html, 11. März 2024
**** https://www.theguardian.com/lifeandstyle/article/2024/sep/08/hollywood-personal-assistants, 8. September 2024, zu Murnau am Artikelende



Nakovska, Mariya († 2014) ~ Möglicherweise wetteifert die nach der »Wende« hochaufgerüstete Kriminalpolizei von Halle mit den Kollegen aus München um den Nachweis: Es gibt perfekte Verbrechen! Damit spiele ich natürlich auf den ungelösten Mordfall Maria-Luise → Artmeier an. Im Fall aus Halle war das junge Mordopfer (29) eine bulgarische Studentin der Wirtschaftswissen-schaften. Als Mariya Nakovska Anfang Februar 2014 wie so oft, allerdings schon bei Dunkelheit, an der Peißnitzinsel joggt, wird sie in einem »tunnelartigen«, nahezu unbeleuchteten Wegstück überfallen und erwürgt. Ihre Leiche wird anderntags aus dem Mühlgraben gezogen. Die Polizei vermutet ein Sexualverbrechen. Sie hält die Joggerin außerdem für ein Zufallsopfer, was ja wohl bedeutet, in Nakovskas sozialem Umfeld wurden keine Verdächtigen gefunden, die etwa scharf auf sie – und auf die Krone jenes perfekten (geplanten) Verbrechens gewesen wären. Da die Polizei aber auch sonst keine Verdächtigen findet, stellt sie ihre Ermittlungen im März 2018 vorläufig ein.* Schreie wurden damals nicht vernommen. Das Opfer selber, eine braunhaarige Frau mit vollen Lippen, hatte Kopfhörer auf. Freunde schildern sie als fröhlich, zuverlässig, herzensgut. Die Eigenschaften der ErmittlerInnen dagegen dürften bislang ziemlich andere sein.
~~~ Immerhin gab es im Todesjahr eine löbliche Spendensammlung für die Überführung der Leiche in die Heimat. Danach war Mariya einziges Kind von anscheinend nicht superreichen Eltern.** Ein Farbfoto, das etliche Quellen schmückt, zeigt die Studentin außerdem so keck und lebenslustig, daß man beim Nachdenken über dieses Gewaltverbrechen wirklich Magenkrämpfe bekommen könnte. Zumindest laut MZ vom 12. Mai 2022 gilt der Fall nach wie vor als ungelöst. In dem älteren, hier verlinkten Artikel des Blattes erlaubt sich Staatsanwalt Klaus Wiechmann eine verräterische Formulierung. Es dürfe nicht sein, einen Mörder »ungestraft« herumlaufen zu lassen. Warum sagt er nicht unerkannt oder unbehelligt? Weil er im Grunde seines Magens Anhänger des altestamentarischen und altpreußischen Strafgedankens ist, jede Wette. Er dient Vater Staat und ist womöglich auch selber noch Vater. Der Strafgedanke verdankt sich immer Herrschaftsgelüsten. In meinen Zwergrepubliken dienen »Sanktionen« – sofern dort überhaupt Verbrechen vorkommen – allein Schutzgründen. Schließlich möchte man die nächste Vergewaltigung verhindern. Bleibt der gestellte Täter hartnäckig uneinsichtig, rütteln auch Schlichtungsver-fahren und Überzeugungskünste nicht an ihm, werden ihn die Betroffenen des Falles wahrscheinlich töten.
~~~ Jetzt sind Sie unter Umständen entsetzt. Machen Sie sich aber einmal klar, was eine Gesellschaft eine Gefängnis- und Wiedereingliederungsindustrie kostet. Sie kostet nicht nur ein Heidengeld und frißt stapelweise volkwirtschaftliche Potenzen. Sie baut vor allem ein Zweiklassensystem auf: drinnen sitzen die Schlechten; wir hier draußen sind die Guten. Lächerlich! Die Manager von Volkswagen und Rheinmetall sowie die Finanz- und RüstungsministerInnen Europas sitzen nur nicht »drin«, weil sie verschlagener als etwa ein prügelfreudiger Dorfgastwirt aus dem Allgäu sind. Jene Züchtigungs-industrie kann nur schädliche Auswirkungen haben. Dazu zählt, daß sie unsere Neigung zu Selbstgerechtigkeit und Selbstherrlichkeit nähren hilft.

* Oliver Müller-Lorey, https://www.mz.de/lokal/halle-saale/mordfall-mariya-nakosvka-es-darf-nicht-sein-dass-ein-morder-ungestraft-herumlauft-3131313, 5. Februar 2019
** https://www.haus.uni-halle.de/haus-postille/ausgabe1-2014/



Nebenbuhler (= Neil Hubbs) ~ Ich behalte das sächliche Stichwort bei, obwohl es mir inzwischen gelungen ist, den Namen des betreffenden Mordopfers heraus zu finden. Es handelte sich um den Kalifornier Neil Hubbs, wohl um 20 Jahre alt. Der Täter dagegen war erst 16: Raymond Day Bierce, ein Sohn des in San Francisco wirkenden, einflußreichen Journalisten Ambrose Bierce, der bald darauf auch als Erzähler Lob einheimste. Für die Schießerei bedauerte man den Vater verständlicherweise eher. Die Zeitungen überschlugen sich. Die bleihaltige Auseinandersetzung um die 17jährige Eva Atkins fand Ende Juli 1889 in der nordkalifornischen Kleinstadt Chico statt – ich nehme an, im Elternhaus der jungen Dame. Der Daily Alta California, Volume 81, Number 27, 27 July, ließ es sich nicht nehmen, malerisch zu schildern, wie es dort im Hausflur und in einem Schlafzimmer nach dem Ableben beider Kampfhähne und der Verwundung des Streitobjekts aussah: ringsum Blutlachen und verspritztes Gehirn. Während Eva damals als Days Braut galt, die ihn in wenigen Tagen zu heiraten gedachte, wird Neil überall (soweit es überhaupt Quellen gibt) als Days bester Freund bezeichnet. Na, das war vielleicht eine Ente! Wie auch Find a Grave knapp und treffend zu bestätigen weiß, brannte Eva zwei Tage vor jener geplanten Hochzeit mit dem lieben besten Freund nach Sacramento durch, um sich just mit diesem heimlich zu verheiraten oder zu verheiraten lassen. Diese taktische Maßnahme scheint man damals (in den USA) »Elopement« genannt zu haben. Ein Internetroboter spricht sogar davon, Neil Hubbs habe Days Braut zwecks dieser Verheiratung »entführt«. Jedenfalls dürfte sie kaum in Hubbs Lasso eingeschnürt vor den zuständigen Beamten in Sacramento getreten sein, hatte dieser doch offensichtlich keine Einwände und machte die beiden zum Ehepaar. Kaum waren die Frischvermählten jedoch nach Chico zurückgekehrt, sah der Sohn des bekannten Rauhbeins Ambrose Bierce buchstäblich rot. Day stellte das Paar mit gezogener Pistole, und dann knallte es ungefähr 10 Minuten lang, denn Neil war selbstver-ständlich gleichfalls bewaffnet. Der Ausgang laut Find a Grave: Day mortally wounded Hubbs, shot Eva and clipped her ear, went to an upstairs room and shot himself. Both men died on July 27.


Neškovski, Martin († 2011 mit 22) ~ Seit der »Wende« wird der vielvölkische Balkanbinnenstaat Mazedonien von Erwerbslosenfäusten, Bestechungs- und Abhörskandalen, Patriotengebrüll aller Art, orange getarnten CIA-Agenten, einem hurtig laufenden Parteienkarussell und einem lächerlichen Namensstreit (mit Griechenland) geschüttelt. Martin Neškovski, wohl ein Student, beging im Sommer 2011 den Fehler, in der Hauptstadt Skopje eine von »Sicherheitskräften« beschützte Wahlsiegesfeier der Regierungspartei zu besuchen. Dort wurde er von einem Polizisten erschlagen. Ironischerweise soll Neškovski sogar Anhänger der Regierungspartei gewesen sein. Möglicherweise hatte er dem wohlabgeschirmten Regierungschef Nikola Gruevski begeistert die Hand drücken wollen, während der 33jährige bärtige Wachmann, Polizeioffizier Igor Spasov, einen Anschlag witterte. Nach dem Totschlag verdrückte sich Spasov. Als Vertuschungsversuche von oben fehlschlugen, bekam er letztlich 14 Jahre Haft aufgebrummt. Schon 2019, nun unter einer »neuen« Regierungspartei, machte er sich freilich einen sogenannten Gesundheitsurlaub zur Flucht zunutze. Immerhin soll ihn Bulgarien nach ungefähr einem Jahr ergriffen und 2021 wieder an Skopje ausgeliefert haben.* Der erwähnte langwierige Streit um den korrekten Staatsnamen mit Nachbar Griechenland (der schon immer eine Provinz »Makedonien« und ein bis in die Antike greifendes Geschichtsbewußtsein, dazu eine rege Tourismusbranche hat) wurde »bereits« 2018 beigelegt. Nun muß sich der Kleinstaat Republik Nordmazedonien nennen, darf jedoch auf Anschluß an Nato und EU hoffen – sofern es diese fetten Milchkühe noch für eine Weile gibt. Beide zeitgenössischen Rechtshändel – um den Wachmann Spasov und den Staatsnamen – dürften wieder wahre Rudel an Rechtsanwälten, Gutachtern und Berichterstattern gemästet haben.

* https://www.gazetaexpress.com/en/igor-spasov-rruges-per-ne-burgun-e-idrizoves/, 5. März 2021


Die Bürofrau beim Arbeitsamt Irene N. hatte Pech, wenn sie auch dank ihrer Berufswahl selber schuld war: Genickbruch Pdf 5 Seite 30. Der Politiker Andrés Nin verscherzte es sich im Spanischen Bürgerkrieg mit den Kommunisten: Genickbruch Pdf 5 Seite 67. Der ungelöste Mordfall Rosemarie Nitribitt (Ffm 1957) wird hier gestreift: Genickbruch Pdf 3 Seite 126. Emil Nobel zählt zu den frühen Opfern seines berühmten Bruders Alfred: Genickbruch Pdf 4 Seite 15.


Niyoziy, Hamza Hakimzoda (1889–1929) ~ Von diesem usbekischen Schriftsteller, zuweilen auch »Nijazi« geschrieben, hebt Brockhaus hauptsächlich Verdienste um das sowjetisch-usbekische Drama hervor. Sein Pech dagegen fällt, bei acht Zeilen, unter den Tisch. Niyoziy wurde mit 40 Jahren ermordet. Zwar war er einst streng muslimisch erzogen worden, doch später trat er der KP bei. So fand er sich offenbar zunehmend im Spannungsfeld zwischen Aberglauben und fanatischer Frömmigkeit einerseits und Aufklärung und Bolschewismus andererseits zermürbt. Sohn eines Apothekers und Heilkundigen, beherrschte Niyoziy mehrere Sprachen und war auch Musiker, Schulreformer und Agitator. Als er sich Mitte März 1929 im Dorf und Wallfahrtsort Shohimardon vor einem angeblich bedeutsamen Schrein gegen Machenschaften der örtlichen Geistlichkeit wandte und den Schrein mit Gefährten abschlagen wollte, wurde er, laut englischer Wikipedia, von einer »wütenden Menge« zu Tode gesteinigt. Auch Messer sollen im Spiel gewesen sein. Fünf Täter seien später hingerichtet worden. Die Landesregierung ließ den Schrein entfernen. Dafür bekam Niyoziy nach einiger Zeit in dem Dorf ein schmuckes Mausoleum. In seiner Geburtsstadt Kokand hat er, seit 1959, nach wie vor ein eigenes Museum, wenn ich mich nicht täusche. Dagegen heißt es, eine nach ihm benannte Metrostation in der Hauptstadt Taschkent sei 2015 gekippt worden. Taschkent wird überall zu den Schatztruhen islamischer Kunst und Wissenschaft gezählt. Allerdings gilt die ehemalige Sowjetrepublik Usbekistan inzwischen nur noch als »gemäßigt« muslimisch geprägt, dabei als »Präsidialdemokratie« mit Kurs auf Marktwirtschaft. Unter den vielen Nachbarn des Binnenstaates befindet sich Afghanistan – den urlaubsreifen Freund entlegener Wüstenstriche wird es kaum abschrecken.


Nosdrowskaja, Irina ~ Die 38 Jahre alte Rechtsanwältin wurde am 1. Januar 2018 ermordet in einem Fluß bei Kiew aufgefunden. Sie wies Messerstiche auf. Nach Ulrich Heyden* hatte sie versucht, den Tod ihrer erst 26 Jahre alten Schwester Swetlana Sapatinskaja aufzuklären. Die war am 30. September 2015 »an einer Bushaltestelle von dem angetrunkenen Dmitri Rossoschanski, dem Neffen des damaligen Vorsitzenden des Bezirksgerichts Wyschgorod, angefahren und dadurch getötet worden.« Der Neffe bekam in erster Instanz sieben Jahre. Daraufhin setzten Drohungen gegen Nosdrowskaja ein, unter anderem »vom Vater des Verurteilten«, wie die Deutsche Welle behauptet.** Die Bedrohte hatte sich auch dafür eingesetzt, die Begnadigung zu verhindern, die dem Neffen winkte. Der Mörder von ihr selbst sei nach wenigen Tagen verhaftet worden. Laut Kripo bereue er nichts. Seine Identität und seine Beweggründe bleiben ungenannt. Ein Internet-Roboter behauptet, der Rächer sei just der Vater jenes betrunkenen Unfallfahrers gewesen. Man habe »Yuri Rossoshansky« zu 15 Jahren Haft sowie Schadenersatz-leistung an die Angehörigen verurteilt. Grundsätzlich ist über beide Mordfälle erschreckend wenig zu lesen. Es scheint viel wichtiger zu sein, die neuste Zahl der Schützenpanzer oder Drohnen zu kennen, die Berlin nach Kiew geliefert hat. Weil das ein bedeutender Faktor bei der Absicherung unserer Altersrenten ist.

* Ulrich Heyden, https://www.heise.de/tp/features/Ukraine-Nach-Mord-an-Menschenrechtlerin-Empoerung-ueber-verfaultes-Justizsystem-3933812.html?seite=all, 4. Januar 2018
** https://www.dw.com/de/ukrainische-polizei-verk%C3%Bcndet-festnahme-im-mordfall-nosdrowska/a-42083227, 9. Januar 2018



Nussbaum, Felix (1904–44) ~ Zwar genoß der jüdische Maler die Vergünstigung, im Dachgeschoß der elterlichen Kaufmannsvilla in Osnabrück schon als Jugendlicher über ein eigenes Atelier zu verfügen, doch er bezahlte es als 39jähriger mit dem Leben. Als er um 1930 mit ersten Ausstellungen Beachtung fand, richtete sich Nussbaum auch in Berlin ein Atelier ein. Seine Malerei wird zur Neuen Sachlichkeit gezählt. Sie hat einen Zug, der an Cartoons erinnert. Bekannt ist etwa das langgestreckte Gemälde Der tolle [Pariser] Platz von 1931, das auch in meinem Brockhaus abgebildet wird. In seinen letzten Lebensjahren, meist in Verstecken malend, behandelte Nussbaum vor allem eben dies: die Verfolgung der Juden. Er hatte sich mit seiner polnisch-jüdischen Gefährtin Felka Platek, die ebenfalls malte, ins Exil nach Italien, Frankreich und Belgien begeben. In Brüssel heirateten sie 1937. Doch bald darauf machte ihnen die deutsche Besetzung einen Strich durch die Leinwand. Als im Sommer 1942 auch in Belgien die Judenhatz begann, tauchten sie mit Hilfe des Bildhauers Dolf Ledel und eines befreundeten Kunsthändlers unter. In dieser nur schwer nachvollziehbaren Bedrängnis entstand unter anderem das Selbstbildnis mit Judenpaß. Keine zwei Jahre darauf werden die Nussbaums von Wehrmachtsoldaten aufgespürt und verhaftet. Man verschleppt sie ausgerechnet mit dem letzten Deportationszug vom Sammellager Mechelen nach Auschwitz. Hier kamen beide, wie meist angenommen wird, im Herbst 1944 um. Platek war 45.


Oakes, Harry (1874–1943) ~ Wird einer zigfacher Millionär und dann auch noch aus ziemlich undurchsichtigen Gründen ermordet, müßte er doch eigentlich für Brockhaus interessant genug sein. Aber Pustekuchen! Da hilft nur ein Sammelband mit Kriminalfällen*, in dem Autor Julian Symons vertreten ist, den ich neulich schon im Fall Evelyn → Foster bemühte. Nach Symons’ um 1960 verfaßten Darstellung hatte der Kanadier, ein wohlerzogener und gutaussehender Bursche, als schnöder Goldsucher begonnen – und tatsächlich grub er dadurch den Grundstock seines Glücks aus. 1935 trugen ihm seine Goldminen bereits so viel Gewinn ein, daß er es vorzog, britischer Staatsbürger zu werden, um sich auf den Bahamas niederlassen zu können. Diese Inselgruppe östlich von Florida verlangte nämlich ungleich weniger Steuern als Kanada. Sie war damals britische Kolonie. Oakes tat sich als Förderer der Infrastruktur, edler Spender und Tennisspieler hervor und pflanzte auf seinem Anwesen in Westbourne sogar eigenhändig Bäume. 1939 verlieh ihm der britische König einen Adelstitel. Doch vier Jahre darauf verließ ihn das Glück. Sein Gast und enger Freund Harold Christie wollte ihn von der Terrasse aus zum Frühstück locken, bekam jedoch keine Antwort. So klinkte Christie die Mückenschutztür auf und erstarrte vor Schreck. Zwar lag Oakes in seinem Bett, aber offensichtlich erschlagen, außerdem angekohlt. Die Matratze schwelte noch. Christie alarmierte die Polizei.
~~~ Der in der Hauptstadt Nassau residierende Gouverneur der Bahamas war damals der Herzog von Windsor, auch er ein Freund des ermordeten 68jährigen. Da Scotland Yard aufgrund des Weltkrieges schwer zu erreichen war, bat der Gouverneur zwei US-Kriminalbeamte aus Miami, E. W. Melchen und James O. Barker, um Beistand. Das dürfte jedoch ein Mißgriff gewesen sein. Sie hatten sich offensichtlich rasch in den Kopf gesetzt, den für viele naheliegendsten Verdächtigen zu überführen und leisteten sich zu diesem Zwecke einige schwerwiegende Schnitzer, wie sich spätestens im Gerichtsverfahren herausstellte. So versäumten sie eine Untersuchung der Brandrückstände und trumpften mit einem Täter-Fingerabdruck auf, der sich als fadenscheinig erwies. Jener Hauptverdächtige und dann auch prompt Angeklagte nannte sich Graf Alfred de Marigny. Er war Oakes’ Schwiegersohn und Oakes’ einziger Dorn im Auge. Nancy Oakes, die Tochter des Multimillionärs, hatte ihn gegen den väterlichen Willen geheiratet, denn der Vater hielt den jungen Mann für einen Taugenichts. Die Verachtung war durchaus gegenseitig, wie Marigny im Verhör unumwunden eingeräumt haben soll. Der Schwiegervater sei ein törichter, alter Kerl gewesen, der nicht mit sich reden ließ. Somit gab er wirklich ein gutes Feindbild ab. Doch die Geschworenen verschmähten ihn. Nach einem langwierigen Prozeß, in dem die Anklage zusehends in sich zusammenfiel, erließen sie (unter Richter Sir Oscar Daly) mit 9:3 einen Freispruch. Und da sich auch keine Alternative fand, gilt der Fall bis heute als ungeklärt.
~~~ Gewiß hätte es sich auch angeboten, Harold Christie in die Mangel zu nehmen. Symons wirft jedoch die Frage ob der angebliche Freund des Mordopfers vielleicht ein einleuchtendes Motiv besessen haben könnte, merkwür-digerweise gar nicht auf. Der Kriminalschriftsteller streift lediglich ein blutverschmiertes Handtuch, das sich in Christies Gastzimmer fand. Der Grundstücksmakler erklärte, das Blut rühre von seinem Versuch her, dem Erschlagenen und Angekohlten Erste Hilfe zu leisten, und dann habe er das Handtuch eben in seinem Zimmer verwahrt. Das nimmt ihm Symons anscheinend ab. In meine Kerbe dagegen hieb das bekannte US-Magazin TIME bereits 1959, wenn ich mich nicht täusche. Danach seien der oder die Täter ohne Zweifel in den Kreisen der schwerreichen »Bay Street Pirates« zu suchen. Sie hätten Oakes Absicht durchkreuzen wollen, die damals anschwellende »Bahamas Bubble« zum Platzen zu bringen.**
~~~ Symons entläßt seine LeserInnen schließlich mit Hinweisen auf andere Ungereimtheiten. In dem offenbar von etlichen Personen bewohnten Haus des Toten hätte doch eigentlich jemand von dem Lärm des Erschlagens erwachen müssen. Ferner unterblieb die Klärung, woher das Brennmaterial stammte. Dabei sei es auch denkbar, jemand habe mit dem Feuer beabsichtigt, eine ablenkende Trugspur zu legen. In diesem Zusammenhang ist eine Nachbemerkung des Herausgebers zu späteren Aufklärungsversuchen verdienstvoll. Er hebt das auch im Internet angezeigte Buch Who Killed Sir Harry Oakes? von James Leasor hervor, erschienen 1983. In dessen Theorie würde meines Erachtens notfalls auch Freund und Grundstücksmakler Harold Christie passen. »Die Mafia wollte in Nassau in großem Stil Hotels bauen und Spielkasinos etablieren«, schreibt der Herausgeber zum Kern dieser Theorie. »Wenn man ihr dabei freie Hand ließ, wollte sie dafür die Landung der Alliierten auf Sizilien unterstützen und erleichtern. Die einzige echte Opposition gegen diesen Plan kam von Sir Harry Oakes.« Als sich nun aber dieser sowohl einflußreiche wie halsstarrige Mitbürger nicht »überreden« ließ, griff man eben zum Totschlag. Hauptmann Barker aus Miami war ein Maulwurf, der Spuren zu verwischen hatte. Im Ergebnis seien die Alliierten sicher auf Sizilien gelandet, während Nassau in der Tat »zum Paradies der Glücksritter« wurde, wie es sich alle gewünscht hatten. Alle außer Sir Harry.
~~~ Laut englischer Wikipedia gibt es bis zur Stunde schon eine ungefähr Spitzhacken lange Latte von Büchern und Filmen über den ungelösten Mordfall Oakes. Eine Spitzhacke soll die Mordwaffe gewesen sein. Das Lexikon stellt diese Werke sogar umrißhaft vor. Man darf sich allerdings gern fragen, ob man seine Spürnase unbedingt in jene von Schmarotzern aufgeblähte »Bahamas Blase« stecken sollte. Schließlich war das Mordopfer kein bitterarmer und rechtloser Negersklave aus Haiti gewesen. Vielmehr »Pirat«.

* Julian Symons, »Tod eines Millionärs«, in: Aufgeklärt! Ungesühnt!, Hrsg. Richard Glyn Jones, Lizenzausgabe Augsburg 1999, S. 675–86
** https://time.com/archive/6613462/the-bahamas-the-trouble-with-harry/, 1. Juni 1959



Obeidi, Morsal ~ Die 16jährige Schülerin, mit drei Jahren aus Kabul, Afghanistan, bei uns eingetroffen*, wurde am 15. Mai 2008 von ihrem 23 Jahre alten Bruder A. in den Hamburger Stadtteil St. Georg gelockt und dort auf einem spärlich beleuchteten Parkplatz ohne jede Eröffnung mit mehr als 20 Messerstichen getötet. Einige Leichenwäscherinnen sollen sich angesichts der Wunden übergeben haben oder in Ohnmacht gefallen sein. Dabei hatte Morsal ohnehin schon einen längeren Leidensweg unter gewalttätigen Verwandten hinter sich, denen ihre »westliche Lebensart« zuwider war. Der Vater war einst Militärpilot. In Hamburg setzte er, wie so viele AusländerInnen in den blitzenden automobilisierten Marktwirtschaften, auf Gebrauchtwagenhandel. Der Bruder, anscheinend berufslos und bereits bei der Polizei bekannt, stemmte regelmäßig Hanteln und gefüllte Whiskygläser. Seine Schwester Morsal hat er seit Jahren immer mal wieder verprügelt. Sie suchte mehrmals den Kinder- und Jugendnotdienst auf, verzieh der Familie dann freilich auch wiederholt. Zwar stellt Knobbe den Bruder als Gescheiterten und Gewalttätigen dar; es verleitet den Autor jedoch nicht, Morsal als Unschuldsengel oder Schaf zu malen. Sie ist auf Erfolg in der Glitzerwelt aus. Eine betreute ländliche WG auf einem Bauernhof etwa verläßt sie, weil das nichts für sie sei. Für schicke Fähnchen greift sie einmal in die Sparbüchse ihrer Schwester. 2009 wurde Morsals ohne Zweifel heim-tückisch vorgehender Mörder zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Verwandtschaft stieg auf die Stühle; der Staatsanwalt erhielt anonyme Morddrohungen. Eine Welt-Redakteurin beschließt ihren Prozeßbericht mit dem Eindruck, die Verurteilung des Sohnes sei als schmerzhafter empfunden worden als der Tod der Tochter.

* Martin Knobbe , https://www.stern.de/panorama/verbrechen/morsal-obeidi-ermordet-im-namen-der-ehre-3856806.html, 6. Juni 2008


Oesterheld, Héctor Germán (1919–78?) ~ Der argentinische Journalist und Buchautor machte sich vor allem einen Namen mit Comicbüchern. In einigen Nachschlagewerken gilt er als »seit 1977 verschollen«. Somit scheint er das Schicksal von Elisabeth → Käsemann und vieler anderer Opfer der damaligen argentinischen Militärdiktatur geteilt zu haben. Und so ist es. Bald nach dem Putsch General Videlas vom März 1976 verhaftet, tauchte Oesterheld nie wieder auf. Sogar seine vier Töchter wurden noch abgeholt und verschwanden. Estela, Diana, Beatriz und Marina hatten wie ihre Eltern zu der revolutionären Bewegung Montoneros gehört.* Ihre Mutter, Elsa Sánchez de Oesterheld, setzte sich später anscheinend unermüdlich für die Anprangerung des Staatsterrorismus ein. Deren Ehemann stammte aus bürgerlichem Hause, hatte sich jedoch zunehmend »politisiert«. 1968 veröffentlichte er das Comicbuch Das Leben des Che. Oesterheld verfaßte die Szenarien und Texte für seine Comics, während etliche Bildende KünstlerInnen, darunter Hugo Pratt, für die Zeichnungen sorgten. Die englische Wikipedia zählt Oesterheld zu den Meistern seines Faches. Einige deutsche Buchausgaben sind offensichtlich** lieferbar.

* Victoria Eglau, https://www.deutschlandfunk.de/familiengeschichte-von-hector-oesterheld-argentinischer-100.html, 31. Oktober 2016
** https://www.avant-verlag.de/artist/h%C3%A9ctor-g-oesterheld/, Stand 2024



Der dunkelhäutige Alika Ogorchukwu wurde in Italien auf offener Straße getötet: Genickbruch Pdf 5 Seite 15. Frank Olson muß als Opfer der US-Geheimdienste gezählt werden: Genickbruch Pdf 5 Seite 80. Die Oktoberfestkinder waren Zufallsopfer eines Bombenanschlages: Genickbruch Pdf 3 Seite 32. Impfopfer Dana Ottmann: Genickbruch Pdf 2 Seite 205. Schauspieler und Naziopfer Hans Otto: Genickbruch Pdf 5 Seite 114.


Okoronkwo, Emeka ~ Der gebürtige Nigerianer, zuletzt angehender Restaurantfachmann und 20 Jahre alt, war bereits als Kind in Hessen ansässig. Im Internet wird er meist als vorbildlicher, mutiger Schwarzer geführt, der seine Hilfsbereitschaft mit dem Leben bezahlte. Er habe sich am frühen Morgen des 2. Mai 2010 im Frankfurter Bahnhofsviertel schützend vor zwei bedrängte Frauen gestellt, die gerade aus der Salsa-Diskothek Chango gekommen waren. Zwei Männer hatten sie »mit obszönen Worten angemacht«, wie sich die FAZ in ihrem Prozeßbericht ausdrückte. Sämtliche Beteiligten waren dunkelhäutig. Durch Okoronkwos Eingreifen entstand eine Schlägerei, bei dem ihm einer der Machos unversehens ein Messer in die Brust stach. Daran starb Okoronkwo noch am selben Tag in einem Frankfurter Krankenhaus.
~~~ Eine Woche später fand im Dreieicher Jugendzentrum Benzstraße eine Gedenkfeier im Beisein von Bürgermeister Dieter Zimmer und Bose Euphemia Bardian Okoronkwo statt, der Mutter des Getöteten. Man hörte nur Gutes, von dem Tod einmal abgesehen. Der 35 Jahre alte Täter wurde rasch gefaßt und 2011 vor das Frankfurter Landgericht gestellt. Richterin Bärbel Stock sprach dem zur Tatzeit angetrunkenen Gelegenheits-arbeiter eine »Notwehrsituation«, die sein Rechtsanwalt geltend gemacht hatte, ausdrücklich ab. Nebenbei sieht man hier wieder einmal, wie selbstverständlich so gut wie jeder Bürger einer kapitalistischen Demokratie davon ausgeht, ein Rechtsanwalt habe das Recht, ja sogar die Pflicht, alles aufzubauschen, was dem Täter nützen, und alles vom Tisch zu wischen, was ihm schaden könne. Das betont auch FR-Gerichtsreporter Behr. Davon lebt er eben: von den Rechtsanwälten. Dagegen lebt er nicht, wie auch diese, der Wahrheit oder auch nur dem Anstand zuliebe. Man muß es einmal so hart sagen. Das ganze bürgerliche Rechtswesen ist eine durch und durch verkommene Veranstaltung. Damit paßt es hervorragend zur Freien Marktwirtschaft.
~~~ Stock wertete die Sache als Totschlag und verknackte Michael W. zu neuneinhalb Jahren Haft. Aber vielleicht sollte man auch das Mordopfer nicht ganz ungeschoren lassen. Einige Quellen halten es für nicht unbedingt geeignet, als neuer Held der Zivilcourage in die Geschichte Hessens einzugehen. Bei der Schlägerei teilte Okoronkwo, kurz vorher noch selber Gast der Disco, offenbar ziemlich kräftig aus – obwohl sie möglicherweise »unnötig« gewesen sei, wie die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Doris Möller-Scheu am Rande des Gerichtsverfahrens angemerkt habe.* Die belästigten Frauen hatten nämlich ihren Schmähern bereits die kalten Schultern gezeigt und sich Richtung Straßenbahnhaltestelle entfernt. Vielleicht war die Mainacht in der Mainmetropole für alle männlichen Beteiligten schlicht zu schwül gewesen.

* Georg Leppert / Stefan Behr, https://www.fr.de/frankfurt/prozessauftakt-fall-emeka-okoronkwo-11433531.html, wohl nicht aus 2019, vielmehr 2011


Orten, Jiří (1919–41) ~ Die einen sprechen von einer Tragödie, die anderen – das sind die wenigsten – von einer Groteske. 1936 war der Kaufmannsohn nach Prag gegangen, um am dortigen Konservatorium Schauspiel zu studieren, wurde jedoch, seiner jüdischen »Abstammung« wegen, zunehmend behindert und schikaniert. Prag war seit 1939 deutsch besetzt. Während sich Orten mit Gelegenheitsarbeiten durchschlägt, veröffentlicht er pseudonym mehrere Gedichtbände, angefangen mit Čítanka jaro (Lesebuch Frühling) von 1939. Unter Einge-weihten galt er als lyrisches Genie. Was seine Freundin oder Geliebte davon hielt, die Schauspielschülerin Věra Fingerová, erfahren wir nicht; sie scheint ihn verlassen zu haben. Orten neigte ohnehin zu Düsternis, Selbstmitleid und »Todessehnsucht», wie mehrere Quellen versichern, und dann dies. Dazu beutelte ihn selbstverständlich das zeittypische Schicksal des Aussätzigen. Am Abend des 30. August 1941 will er mit seinen Freunden – er hat also noch welche – seinen 22. Geburtstag feiern, behauptet jedenfalls Annette Kraus.* Auch von daher wird die Diagnose »Selbstmord«, die sich wohl manchen aufdrängt, eher unwahrscheinlich. Obwohl Orten unmittelbar am Ufer der Moldau wohnt. Irgendwann am Tage überquert er eilig die Straße, weil er, gleichfalls mehreren Quellen zufolge, an einem Kiosk am Rašín-Kai Zigaretten holen will. Da kommt ein Sanitätsauto der Wehrmacht angerast – viel zu schnell, meint Kraus. Es erfaßt den jungen Dichter und schleift ihn noch eine Strecke mit. »Im nächstgelegenen Krankenhaus wird er abgewiesen, weil er Jude ist. Ohne wieder zu Bewusstsein zu kommen, stirbt Orten zwei Tage später im Kateřinky-Spital.«
~~~ Nehmen wir einmal an, Orten war bereits seit dem Unfall lückenlos bewußtlos. Dann fragt sich, woher die Geschwindigkeitsangabe, vor allem jedoch die Geschichte mit den Zigaretten stammt. Vielleicht war ein Freund bereits vorzeitig bei ihm in der Wohnung eingetroffen? Oder eine Hausbewohnerin, die ihn gut kannte, hat seinen Einkaufweg beobachtet oder gar ein paar Worte mit ihm gewechselt?
~~~ Sie werden vielleicht knurren, das sei doch nebensächlich. Aber gerade mit solchen schmückenden Details werden haltbare Legenden gestrickt. Dafür kommt keiner auf die Idee, sich zu fragen, ob womöglich noch ein zweiter, ob junger oder schon älterer Mensch gestorben ist. Der todkrank im Sanitätsauto lag oder zu Hause auf dasselbe wartete.
~~~ Von der Polizei der faschistisch besetzten Stadt Prag darf man sich wohl keine Aufklärung erwarten. Vermutlich hat sie dem Krankenwagenfahrer eine Stunde nach dem Unfall seine Schilderung abgenommen und darauf verzichtet, sie an Ort und Stelle zu überprüfen. Auf diese billige Art und Weise war man wieder einen Juden mehr losgeworden. Die Situation des Verfolgtseins begünstigt Legendenbildung ungemein. Dann die Jugend des Getöteten, und seine Mission als »Dichter« darf man auch nicht vergessen.
~~~ Ein paar Verse, die Kraus zitiert, sind sicherlich notwendig aus dem Zusammenhang gerissen, vom Übersetzungsproblem zu schweigen. Trotzdem glaube ich, hier war wieder einmal ein Rauner am Werk, ein Ungenauer also. Diese Leute flüstern jedem das zu, dessen er – der Hörer – gerade bedarf. »Ein Licht, so fern. Und Angst. Und Böses bringt sie. Und es naht heran.«
~~~ Ein ganzes Gedicht, Bei dir ist es schön warm, bestärkt mich in meiner Befürchtung, obwohl es in der Übersetzung, auf dieser Webseite eines Prager Verlages, verdächtig sauber gereimt ist.** Schon eingangs bleibt der Bezug unklar: wo läge der Dichter gern? Was reut ihn denn eigentlich? Nur die letzten vier Verse sprechen deutlich von jener »Todessehnsucht« – die es vor Orten schon millionenmal gegeben hat. »Oh, tot sein, Vater, fort, mit keinem mehr verbunden, / nicht denken und nicht fühlen, das Gestampf hört auf. / Tot sein, allein, sich selbst genug, verschwunden, / für immer zubereitet sein, beendet haben seinen Lauf.«

* Annette Kraus, https://www.deutschlandfunk.de/der-dichter-jiri-orten-jung-talentiert-und-voller.871.de.html?dram:article_id=457591, 30. August 2019
** https://www.vitalis-verlag.com/themen/kafkas-welt/orten-jiri-dichter-in-kriegszeiten/, Stand 2023



Overney, Pierre ~ Der junge ehemalige Renault-Arbeiter wurde nur 23. Er hatte sich der maoistischen, unter anderem von Jean Paul Sartre unterstützten Gruppe Gauche Prolétarienne angeschlossen. Rund anderthalb Jahre nach seiner Entlassung wegen einer Geringfügigkeit (Zeitungsverkauf) wurde Overney am 25. Februar 1972 in Billancourt bei Paris im Zuge einer Auseinandersetzung zwischen Flugblattverteilern und Werkschutzleuten der dortigen Renault-Fabrik vom Chef der Werkpolizei Jean-Antoine Tramoni erschossen. Wie Bilddokumente beweisen, waren die Maoisten zwar mit einigen Schlagwaffen aus Holz oder gar Stahl versehen, doch es läßt sich kaum behaupten, Tramoni (36) hätte sich in lebensgefährlicher Bedrängnis befunden. Sein Schußwaffenbesitz war illegal. Der Trauerzug in Paris geriet zu einer Demonstration von, je nach Quelle, mindestens 20.000, eher 200.ooo Menschen. Aber bei Renault oder in anderen Fabriken kam es nicht zu dem Streik, der eigentlich auf der Hand gelegen hätte. Er wurde, laut Spiegel Nr. 11 / 1972, vor allem von den moskauhörigen Kommunisten verhindert. Was den Schützen Tramoni angeht, mußte er laut englischer Wikipedia im folgenden Jahr vier Jahre Haft einstecken – doch einige Zeit nach seiner Entlassung wurde er, am 23. März 1977, zur Vergeltung seinerseits von zwei Motorradfahrern der Untergrundgruppe NAPAP erschossen. Das Bulletin der Gruppe nannte Tramoni ein »Symbol der straflosen Schreckensherrschaft der Bosse« oder so ähnlich. Diese Schützen wurden anscheinend nie gefaßt.
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