Donnerstag, 23. April 2026
Mordopferlexikon (MOL) Folge 4 [H—J]
ziegen, 14:09h
Inhalt ~ Anna Halman + Fred Hampton und Mark Clark + Erik Jan Hanussen (mit Siegmund Breitbart) + Willy Harzheim + Barbara Henneberger (mit Wallace Werner) + Ursula Herrmann + Reinhard Heydrich + Heather Heyer + Elsina Hidersha + Joe Hill + Luke Holland (mit Burak Bektaş) + Werner Holländer + Emmy Holz + Johannes Holzmann + John Hron + Dieter Huber + Hans von Hutten + Itō Noe (mit Gefährten) + Jack the Ripper bzw. dessen Opfer + Juraj Jánošík + Victor Jara u.a. + Milena Jesenská + Johanna von Orleans + Ken Johnson (mit Michael Scott Stephen) + Juanita + Dagny Juel-Przybyszewska u.a.
Halman, Anna († 2006) ~ Das seit Urgedenken beliebte Schneiden, Tyrannisieren, Demütigen von Außenseitern, neuerdings mobbing genannt, hat durch Video, Internet und Handy ohne Zweifel belebende neue Folterwerkzeuge und Foren gefunden. Allgemein gesprochen handelt es sich dabei sowohl um Erweiterung wie Beschleunigung der Bloßstellungsmöglichkeiten. Der 14jährigen Polin Anna, auch Ania gerufen, Schülerin eines Danziger Gymnasiums, wurde am 20. Oktober 2006 die Ankündigung der Lehrerin zum Verhängnis, sie habe für 20 Minuten auf dem Sekreteriat zu tun, die Klasse möge sich beschäftigen. Kaum war die Lehrerin verschwunden, wurde das hübsche, freilich auch als »schüchtern« bekannte Mädchen von fünf aus Anias Dorf stammenden Mitschülern ergriffen, ausgezogen und betastet, wobei die Angreifer eine Vergewaltigung vortäuschten. Einer von ihnen nahm den ganzen Spaß per Handy auf, um ihn ins Internet stellen zu können. Anias Flehen um Gnade oder Hilfe fand auch beim gesamten Rest der Klasse kein Gehör: er amüsierte sich. Der zurückkehrenden Lehrerin wagte sich Ania nicht anzuvertrauen. Selbst ihrer Mutter gab sie, nach Hause gekommen, ausweichende Antworten. Am nächsten Tag erschien Ania nicht in der Schule – sie hatte sich inzwischen in ihrem Elternhaus mit einem Springseil* erhängt. Einige Psychologen meinten in der folgenden erregten landesweiten Debatte, nach Lage der Dinge sei dem Mädchen auch kaum etwas anderes übrig geblieben. Die Täter kamen mit glimpflichen drei Monaten Jugendhaft davon. An Anias Beerdigung sollen immerhin rund 1.000 Leute teilgenommen haben. Alle restlichen Polen blieben eisern der Konkurrenz und dem Kampf ums Dasein verpflichtet.
* Agnieszka Domańska, »The Shadow in Our Schools«, The Warsaw Voice, 20. Dezember 2006: https://web.archive.org/web/20091119171501/https://www.warsawvoice.pl/view/13372/
Hampton, Fred (1948–69) ~ Die meisten Quellen im Internet halten es offenbar für ziemlich wahrscheinlich, daß der führende Genosse der Chicagoer Sektion der noch jungen Black Panther Party am 4. Dezember 1969 geplant und gezielt hingerichtet worden ist. Aber nicht etwa in einem US-Staatsgefängnis. Vielmehr hielt sich der dunkelhäutige, erst 21 Jahre alte Aktivist im Chicagoer Hauptquartier seiner antirassistisch und klassenkämpfe-risch gestimmten Partei auf, und da es Nacht war, lag er in einem Bett und schlief. Möglicherweise waren ihm Betäubungsmittel untergejubelt worden. Einige Zeit nach dem Überfall wurde William O'Neal, Hamptons Leibwächter, sowieso als FBI-Agent enttarnt, der seinen Vorgesetzten Tage vor der Razzia einen Wohnungsgrund-riß mit einem »X« geliefert hatte, das genau Hamptons Bett markierte.* In besagter Nacht brach also überraschend ein wahres Rudel von Polizisten, die sofort aus allen Rohren schossen, über das Hauptquartier herein. Das Züricher Magazin behauptet, von den überrumpelten Panthern sei überhaupt nur eine einzige Kugel abgefeuert worden, »während fast hundert Kugeln aus Polizeiwaffen stammten.« Hampton erhielt unter anderem einen Kopfschuß. Auch sein Genosse Mark Clark (22) kam bei diesem Überfall um.
~~~ Das Magazin unterstreicht, der »charismatische« Hampton sei trotz seines glänzenden High-School-Abschlusses keineswegs der übliche marxistische oder maoistische Laberkopf gewesen, der sich gern bewundern läßt. Er habe viele soziale Programme für die schwarzen Gemeinden der Großstadt eingeführt, die Versöhnung der zahlreichen Straßenbanden angestrebt und natürlich auch für Politische Bildung und Kontrollorgane gegen die rassistische Polizei gesorgt. Für FBI-Boß J. Edgar Hoover jedoch stellten just diese neuen Panther »die größte Bedrohung für die innere Sicherheit des Landes« dar. Er habe die Polizei von Chicago aufgefordert, mit aller Macht gegen sie vorzugehen.
~~~ Wen wundert es, wenn sich nie auch nur die kleinste Schnapsnase der Polizei für diesen brutalen Überfall vor Gericht zu verantworten hatte, von Hoover ganz zu schweigen. Immerhin kommt aber ein zivilgerichtlicher Vergleich von 1982 schon fast einem Schuldeingeständnis gleich. Neun Überlebende und Verwandte von Hampton und Clark hatte eine Klage wegen »unrechtmäßigen Todes» eingereicht. Das Verfahren mündete in jenem Vergleich. Danach wurden den Klägern insgesamt beachtliche 1,85 Millionen Dollar an Entschädigung zugesprochen; laut Wikipedia wären das heute gut sechs Millionen gewesen. Und wer hatte diese Summe aufzubringen? Etwa Hoover oder die erwähnten Schnapsnasen privat? Weit gefehlt. Sie sei zu je einem Drittel von der US-Bundesregierung (des Ronald Reagan), dem Cook County und der Stadt Chicago aufgebracht worden. Also zum Teil von jenen schwarzen Bürgern, die sich Schulspeisungen für SchülerInnen vom Munde absparen und zum Dank dafür früher oder später verprügelt oder getötet werden.
* An Spréach, https://www.untergrund-blättle.ch/politik/nordamerika/usa-geschichte-von-fred-hampton-black-panther-party-7278.html, (Zürich) 19. Oktober 2022
Hanussen, Erik Jan (1889–1933) ~ Mein Brockhaus verschweigt sowohl diesen »Hellseher« und Zauber-künstler wie dessen zeitweiligen Gegenspieler Breitbart, auf den ich gleich noch eingehen werde. Irre ich mich nicht, war Hanussen im Grunde nur ein zwielichtiger, freilich auch dämonisch wirkender Überredungskünstler. Falls man nicht das Wort Hochstapler vorzieht. Er hatte dunkles Haar, buschige Brauen, große Augen und einen sinnlichen Mund. Aufgewachsen in Wien, brachte er es trotz mancher Reinfälle in seiner Artistenlaufbahn zuletzt in Berlin zu beifallsumrauschten Auftritten, einer geräumigen Yacht und sogar zur eigenen Zeitung. Er unterstützte die Nazis und hatte insbesondere dicke Freunde in der SA. Josef Schnelle deutet* häufige, »teilweise sadomasochistische Orgien« an. Man gab sich auch Glücksspielen hin. Die Frage, was Magie sei, soll sich Hanussen einmal wie folgt beantwortet haben: »Die Menschen in dem geliebten Glauben an das Wunderbare nicht zu stören, sondern zu bestärken.« Das gefällt mir. Dieser Entschlossenheit verdankte ja wohl auch der Faschismus seinen Siegeszug.
~~~ Trotz seiner Regimefreundlichkeit wurde der 43jährige Zauberkünstler im März 1933 überraschend verhaftet und spätestens nach wenigen Tagen heimlich erschossen. Forstarbeiter fanden seine Leiche bei Zossen im Wald. Nach Schnell hatten ihm die SA-Chefs die öffentliche, kaum verhüllte Vorankündigung des Reichstagsbrandes krumm genommen. Zudem war seine jüdische Herkunft durchgesickert. Der Mann aus Wien hatte nämlich ursprünglich Hermann Chaim Steinschneider gehießen. Und nicht zuletzt wünschten sich etliche hohe braune Kumpanen ihrer nicht minder hohen Spielschulden zu entledigen. Hanussens Schuldscheine verschwanden natürlich sofort. Gerichtliche Verfolgung des Mordes wurde abgebogen.
~~~ Ironischerweise war auch der Kraftsportler und Bühnenkünstler Siegmund Breitbart, den jede Berliner Göre als »Eisenkönig« kannte und bewunderte, jüdischer Herkunft. Er starb aber nicht an der Politik. Ob er im Sommer 1925 trotz der Bemühungen des berühmten Berliner Medizinprofessors August Bier mit 32, 38 oder gar erst 42 von einem rostigen Nagel zu Fall gebracht wurde, wird wahrscheinlich nie aufzuklären sein. Er selber, Siegmund Breitbart, nennt in seinen damals erschienenen Erinnerungen 1887 als das Jahr, in dem er das trübe Licht des Lodzer Ghettos als Sohn eines jüdischen Schmiedes erblickte. Leider packte der alte Grobian selbst seine Liebsten nicht mit Samthandschuhen an. Vermutlich entschloß sich Sohn »Sische« auch deshalb, ein ausgesprochen starker Mann zu werden.
~~~ Zwar schoß Breitbart keineswegs zum Hünen auf, doch hatte er eine wohlproportionierte Heldengestalt zu bieten, trainierte Tag und Nacht und verrichtete seine einfallsreichen Herkulesarbeiten auf der Bühne oder im Manegensand stets mit gewinnendem Lächeln. 1921, nach etlichen Jahren als Fabrikarbeiter und Wanderartist, kam er im Berliner und Hamburger Zirkus Busch groß heraus. Er fuhr in Gladiatorenrüstung als Wagenlenker ein, zerbrach jedes Hufeisen, das ihm das eine oder andere Dienstmädchen aus dem Parkett reichte, stieß mit dem Schädel, statt Fußbällen, dicke Pflastersteine fort, zerbiß Ketten mit den Zähnen oder ließ sich, rücklings auf einem Nagelbrett liegend, den mächtigen Brustkorb mit einem Amboß beschweren, den junge Burschen aus den hinteren Rängen mit Vorschlaghämmern bearbeiten durften. Alle blonden Wertheim- oder KaDeWe-Verkäuferinnen himmelten Breitbart an. Auch der junge Berthold Brecht war begeistert. In vielen jüdischen Synagogen wurde für die Auftritte des verehrten »Muskeljuden« gebetet. 1923 gastierte Breitbart bereits in Wien und in den USA.
~~~ Im selben Jahr blieb er, laut Daniela Gaudings Darstellung**, trotz einer Geldstrafe wegen angeblich tätlicher Beleidigung »moralischer Sieger« im Kampf mit seinem erbitterten Konkurrenten Erik Jan Hanussen. Der hatte ihn des Betruges bezichtigt. Die eisernen Requisiten seien von minderer Qualität, also gleichsam gefälscht. Als sie nun beide »zufällig« in Wien gastierten, wenn auch in zwei verschiedenen Häusern, ging Hanussen in die Offensive. Er zog sich eine attraktive, überdies gestählte junge Frau an Land, trainierte sie im Schnellverfahren und behauptete nun auf der Bühne, sie vollbringe all die Nummern, die man von Breitbart kannte, nicht weniger schlecht als dieser, weil sie nämlich sein, Hanussens, »Medium« sei, das er mit übersinnlichen Kräften ausgestattet habe. Das holperte zwar hier und dort, aber das Spektakel war da, und Wien spaltete sich in zwei Lager. Neben der Presse wurde sogar eine prominente »Jury« zwecks Untersuchung der Auftritte und gegenseitigen Vorwürfe der beiden berühmten Streithähne eingesetzt. Hanussen wünschte den Widersacher offensichtlich zu »vernichten«; Breitbart wünschte die eigene »Ehre« zu retten. Der Eisenkönig ließ sich selbst auf eine Wette mit Dritten ein, bei der es um eine von Hanussen gestellte, kaum überprüfbare Kette ging – Breitbart zerbiß sie vor den Augen der Wiener Presse. Das versichert jedenfalls Gauding, die sich wiederum auf damalige Zeitungsartikel stützt. Den Wetteinsatz habe Breitbart der Wiener Rettungsgesellschaft gespendet. Die erwähnte Jury habe übrigens beiden Künstlern (und dem »Medium« Martha Farra) saubere, dazu großartige Arbeit bescheinigt.
~~~ Beziffert Gauding den Wetteinsatz auf eine Millionen Kronen, darf man sich nicht einschüchtern lassen. Schließlich befand man sich damals mitten in der »Hyperinflation«. Tatsächlich habe der Betrag lediglich dem Preis eines Damenkostüms entsprochen. Das ganze wirkt in manchen Augen vielleicht trotzdem grotesk. Millionen Kleiner Leute stehen bereits am Rand des Hungertods, ein paar Reiche des Ruins – gleichwohl kreist das Öffentliche Leben um die Zerbeißungsfähigkeit von Eisenketten und um Damenkostüme für den Abend im Varieté. Was Wunder, wenn in solchen miesen Zeiten auch die Schlammschlachten berühmter Unterhaltungs-künstlerInnen zu Weltkriegen aufgeblasen werden.
~~~ Färbt Gauding nicht schön, war Kraftprotz Breitbart das angenehmere Identifikationsobjekt. Zwar lebte er zur Zeit der Wiener Posse bereits auf recht großem Fuß, Auto, Dogge und mindestens 10 weitere Hunde sowie einen jungen Löwen eingeschlossen; dennoch soll er bis zuletzt ein herzlicher und stets hilfsbereiter Bürger gewesen sein. So wird von regelmäßigen Armenspeisungen in der 1923 vollendeten, säulenbewehrten Villa Breitbart im Oranienburger Ortsteil Friedrichsthal berichtet, wo der Künstler mit seiner Gattin Emilie und dem Adoptivsöhnchen Oskar wohnte. Auch bedürftigen Juden griff er mit Spenden unter die Arme. Ihm selber war freilich nach einem Ritzer nicht mehr zu helfen. Wieder einmal Nägel mit der bloßen flachen Hand in Bohlen schlagend, trieb er sich am 26. Juli 1925 bei einem Auftritt in der polnischen Stadt Radom aus Versehen einen Nagel bis ins Knie. Wie sich erst nach Tagen und Wochen zeigte, war dieser Nagel nicht keimfrei gewesen. Oder Schlawiner Hanussen hatte ihn verzaubert … Jedenfalls überlebte Der letzte Gladiator die Blutvergiftung trotz Beinamputation nicht und starb im Oktober in einem Berliner Krankenhaus.
~~~ Um zu ermessen, wie er sich nach dem Machtantritt der deutschen Faschisten verhalten hätte und ob er möglicherweise ebenfalls erschossen, wahlweise vergast worden wäre, müßte man allerdings Hellseher sein.
* Josef Schnelle: https://www.sueddeutsche.de/politik/mordfall-erik-jan-hanussen-der-hellseher-und-die-nazis-1.3994752, 13. Juni 2018. Neuerdings soll es ein streng wissenschaftlich geschneidertes Buch über Hanussen geben: https://www.amazon.de/Hanussen-Illusionisten-Dr-Wilfried-Kugel/dp/3384676114 (2025)
** Daniela Gauding, Siegmund Sische Breitbart, Berlin 2006, bes. S. 26–36
Harzheim, Willy ~ Der Bergmann aus dem Ruhrgebiet, geboren 1904, hatte 1929 erste Texte in der kommuni-stischen Presse veröffentlicht. Im selben Jahr nach Berlin gegangen, stieg er rasch zum Sekretär des von der KPD gelenkten Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schrift-steller (BPRS) auf. Er betreute die Verbandszeitschrift Linkskurve und schrieb auch selber in ihr. Seine erste Bekanntschaft mit dem gelobten Land Sowjetunion – das ihm sieben Jahre später zum Verhängnis werden sollte – machte er 1930 als Mitorganisator und Teilnehmer eines internationalen Schriftstellerkongresses in Charkow. Prompt heiratete er zwei Jahre darauf die Russin Nora Schapiro, wenn auch in Berlin und wahrscheinlich hauptsächlich ihrer Einbürgerung zuliebe.
~~~ Linien- und hierarchietreu, wie er damals vermutlich noch war, half Harzheim im Frühjahr 1933 zunächst dem »Dichterkönig der deutschen revolutionären Literatur« Johannes R. Becher dem Rachedurst der neuerdings regierenden Faschisten zu entkommen, ehe er selber das Weite suchte – natürlich, wie Becher, in der Sowjetunion. In Moskau gab es damals eine regelrechte Kolonie jener führenden deutschen Kommunisten, die zuletzt nur noch halbherzig gegen den deutschen Faschismus gekämpft hatten, weil konsequenter Kampf den sowjetrussischen Interessen zuwider gelaufen wäre. Wie aus den Erinnerungen des ungarischen Dramatikers Julius Hay hervorgeht*, waren die Privilegien dieser Kolonie-bewohnerInnen »natürlich« nur um den Preis des Anpassungsdrucks vom Kreml her und der entsprechenden Intrigen in den eigenen Reihen zu haben. Was den »Dichterkönig« Becher angeht, versäumt es Hay nicht, den hübschen Spitznamen mitzuteilen, der Becher vom ausgezeichneten dänischen Erzähler Martin Andersen-Nexö (vor allem: Ditte Menschenkind) verpaßt worden war: »Johannes Erbrecher«. Laut Hay spann der eitle, machthungrige und ziemlich skrupellose künftige Star des DDR-Literaturbetriebes emsig an den Intrigen mit. Drohte sich Becher selber darin zu verfangen, sei er freilich in Panik geraten und habe »alles und jeden bei der Parteileitung verpetzt«. Offenbar knüpfte er auch an seine Jugend an: »Mehrere Male demonstrierte er seine Zerknirschung vor der Partei durch Selbstmordversuche, von welchen einer wider Erwarten beinahe gelungen war.« Dafür sei er dann nach 1946, in seinem »Pankower Reservat«, ganz »außer Rand und Band« geraten. Hay zählte zu den führenden Organisatoren – und Leidtragenden des Ungarischen Aufstandes von 1956.
~~~ Willy Harzheim stand wahrscheinlich in der Hierarchie nicht hoch genug, um in der Moskauer Kolonie bis zum Anrücken der deutschen Wehrmacht verweilen zu dürfen. Er wurde bald nach seiner Flucht aus Deutschland als Kulturarbeiter ins westsibirische Kohlebecken um Prokopjewsk beordert, wo er wieder eine Zeitung redigieren konnte, den Roten Bergmann. Spätestens die Tatsache, daß er dort eine Zeitlang mit der kommuni-stischen Schriftstellerin Emma Tromm, geborene Schaaf aus Köln zusammen lebte, deutet auf das Schwinden seiner Linientreue hin. Tromm, ursprünglich Fabrikarbeiterin, später Autorin für die Rote Fahne und ab 1932 die zweite Sekretärin des BPRS, war Ende 1936 in Moskau im Zuge der »Säuberungen« auf der Parteiversammlung der Deutschen Sektion des Schriftstellerverbandes wegen »mangelnder Wachsamkeit« gerügt und aus allen Ämtern (vor allem Sekretärin) entlassen worden. Es wäre zu einfältig anzunehmen, Becher, ab 1935 Chefredakteur der in Moskau erscheinenden Zeitschrift Internationale Literatur / Deutsche Blätter, habe daran nicht mitgewirkt. In Prokopjewsk organisierte Tromm gemeinsam mit Harzheim auch eine Agitprop-Theatergruppe.
~~~ Ende 1937 wurde der inzwischen 33jährige Harzheim von sowjetischen Geheimdienstlern wegen «konterrevo-lutionärer Betätigung« verhaftet und erschossen. Einzelheiten gehen aus den Quellen nicht hervor. Es war freilich damals, nicht nur in Prokopjewsk, durchaus üblich, etwa die haarsträubenden Sicherheitsmängel im Bergbau der »Sabotage« durch Emigranten anzulasten, die auch in Prokopjewsk in größerer Anzahl lebten. Wie sich versteht, wurde der ermordete Deutsche umgehend von der Moskauer KPD-Enklave aus den Parteireihen verstoßen. Die SED machte diesen Ausschluß im März 1957 rückgängig, wenn sie das auch nicht an die große Glocke hing. Wenig später hob auch das Westsibirische Bezirksmilitärgericht das Todesurteil gegen Harzheim auf. Nette Gesten, die noch nie einen Toten zum Leben wiedererweckten. Tromm konnte nach Kriegsende in die SBZ/DDR zurückkehren, allerdings nicht ihre Erinnerungen veröffentlichen. Geboren 1896, starb sie in hohem Alter 1991.
* Geboren 1900, 1971, Ausgabe München 1980, S. 172–77
Henneberger, Barbara ~ Im April 1964 ist die bayerische Skirennläuferin, bis dahin schon mehrmals deutsche Meisterin, bei St. Moritz mit rund einem Dutzend anderen Assen an Dreharbeiten zu Willy Bogners Film Ski-Faszination beteiligt. Die Gruppe löst zwei Lawinen aus, der Henneberger (23) und der US-Sportler Wallace »Buddy« Werner (28) zum Opfer fallen. Bogner, damals selbst ein erfolgreicher Skirennläufer, zudem Filmemacher, später Chef des väterlichen Münchener Modehauses und offizieller Ausrüster der deutschen Ski-Nationalmannschaften, scheint noch zu leben. Er ist Jahrgang 1942. Henneberger war damals seine Braut. Da ihm Warnungen vor der akuten Lawinengefahr bekannt waren, wurde er ein Jahr darauf von einem Graubündener Gericht mit zwei Monaten Gefängnis auf Bewährung »bestraft« – für zwei Fahrlässige Tötungen. Also für jede Leiche vier Wochen virtuellen Knastbesuch.
~~~ 2005, anläßlich des Selbstmordes eines 17jährigen Adoptivsohnes von Bogner, Bernhard, machte ein »Leitmedium«* vor, wie man in knappen biografischen Abrissen alles Unwesentliche wegläßt. »Am 12. April 1964 erlebte Willy Bogner einen schweren Schicksalsschlag: Seine Freundin, die Olympia-Skiläuferin Barbara Henneberger, wurde in der Schweiz von einer Lawine verschüttet.« Mehr wird dazu nicht gesagt. Schicksal!
* https://www.sueddeutsche.de/muenchen/ermittlungs-ergebnis-bogner-sohn-beging-selbstmord-1.669173, angeblich am 11. Mai 2010. Auch dieses Datum ist etwas irreführend. Der Selbstmord fand nach meinen Informationen in der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 2005 statt. Das war ein Sonntag. Wahrscheinlich erschien der Artikel am Dienstag den 4. Oktober 2005.
Herrmann, Ursula ~ Während sich die Such-Roboter noch streiten, ob Otfried Delekat, Sohn eines Dresdener Theologen und Hochschullehrers, im September 1937 mit 16 oder bereits mit 13 Jahren auf dem Schulhof durch eine fallende Dachziegel von der Erde getilgt wurde, erwischte es Ursula sowohl früher als auch grausamer. Die Götter erlauben sich schon gewisse Unterschiede. Ursula starb bereits mit 10. Die »lebenslustige« oberbayerische Schülerin aus Eching am Ammersee war im September 1981 auf ihrem Heimweg vom Fahrrad gelockt oder gerissen und wenig später gleichsam in einer Holzkiste vergraben worden, die ungefähr 1,60 Meter unter dem Waldboden eingelassen war. Wahrscheinlich hatten die EntführerInnen ihr Opfer betäubt. Jedenfalls war es nach rund anderthalb Stunden erstickt, wie später ein Gerichtsmediziner vermutete. Die Leiche wurde gut zwei Wochen nach der Entführung aufgespürt. Das grauenhaftes Verlies soll nur 72 × 60 × 139 Zentimeter gemessen, gleichwohl über Beleuchtung (Batterie), Lektüre, Lebensmittelvorräte, einen Toiletteneimer, Kinderkleidung und sogar ein Transistorradio verfügt haben. Ob die EntführerInnen nicht mit der »Gefahr« rechneten, ihr Opfer könne gehört werden, geht aus meinen Quellen nicht hervor. Dafür nahmen sie dessen Tod in Kauf. Zum einen erwiesen sich die Belüftungsrohre der Kiste als durch Laub oder Erde verstopft oder sonstwie untauglich, zum anderen verliehen sie ihrer Forderung nach einem Lösegeld von zwei Millionen DM schon nach kurzer Zeit nicht den geringsten Nachdruck mehr. Offenbar war in der Verbrecherbande einiges schief gelaufen. Bei der Polizei ebenfalls: Verhaftungen fanden nicht statt.
~~~ Immerhin, nach knapp 30 Jahren kam der Fall erneut auf die Agenda der Augsburger Staatsanwaltschaft. Und im Frühjahr 2010 verurteilte das dortige Landgericht den schon anfangs verdächtigten, inzwischen fast 60jährigen Werner M. aufgrund neuer, angeblich schlagender Beweise zu Lebenslänglich. Ein mutmaßlicher Spießgeselle war bereits gestorben. M.s Ehefrau wurde freigesprochen. Der gelernte KFZ-Mechaniker und ehemalige Inhaber einer Fernsehreparaturwerkstatt, der bis heute seine Unschuld beteuert, hatte damals in Sichtweite der Herrmanns gewohnt und war hochverschuldet. Allerdings wird die Familie Herrmann – ein Lehrer mit Hausfrau und vier Kindern – in verschiedenen Presseartikeln als »unvermögend« bezeichnet, also eher arm. Auch nach anderen Anhaltspunkten lag unter Umständen eine Verwechslung des Opfers vor.
~~~ Viele BeobachterInnen halten M. keineswegs für »zweifelsfrei« überführt. Sie weisen auf zahlreiche Ungereimtheiten hin. Schon in den Anfängen der Ermittlungen soll sich die Polizei etliche »Pannen« geleistet haben. Auch der Musiklehrer Michael Herrmann hält den Fall für nicht wirklich geklärt.* Er ist der Bruder des Opfers. Nach der Verurteilung ermittelte er auf eigene Faust und strebte ein neues Gerichtsverfahren an. Dabei arbeitete er streckenweise sogar mit dem Anwalt des wegen »erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge« einsitzenden Werner M.s Hand in Hand. Die Staatsanwaltschaft erklärte jedoch im August 2019 abschließend, es gebe keinen Grund mehr, an dem Urteil von 2010 zu rütteln. Inzwischen sei das Verbrechen ohnehin verjährt (kein Mord!). Nebenbei hegen einige BeobachterInnen einen keineswegs seltenen Verdacht, der auch die »schlampige« offizielle Ermittlungsarbeit erklären würde: Man habe sich früh auf M. festgelegt, der durch zahlreiche unangenehme Züge einen gut geeigneten Täter abgebe. So ähnlich scheint es auch der Bruder zu sehen, der offenbar nicht locker zu lassen gedenkt. 2020 versichert eine Journalistin nicht ohne Humor, Michael Herrmann sei sich darüber im Klaren, ebenfalls Lebenslänglich bekommen zu haben.**
* https://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.bayern-ursulas-bruder-michael-herrmann-ich-habe-zweifel.87e6aac3-c29c-4df5-9dcc-0fd8fc6c31b6.html, 25. März 2010
** Julia Jüttner, https://www.spiegel.de/panorama/justiz/entfuehrung-von-ursula-herrmann-1981-bruder-bezweifelt-werner-m-s-taeterschaft-a-e220eb8e-eb11-4cf0-bca2-f9bd4aef8eff, 2. Mai 2020
Der berüchtigte Polizeigeneral und Leiter des sogenannten Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich war 1942 als 38jähriger Opfer eines antifaschistischen Anschlages geworden. Im Genickbruch Pdf 2 Seite 64 geht es allerdings hauptsächlich um seine eisenharte Gattin Lina, die erst 1985 von uns ging.
Heyer, Heather ~ Die Anwaltsgehilfin nahm am 12. August 2017 in Charlottesville, Virginia, USA, nicht zufällig an einer Demonstration gegen die neofaschistischen Umtriebe einer sogenannten Unite the Right rally teil. Das ging zunächst gut. Dann jedoch raste in einer engen Straße der Innenstadt unvermutet ein Auto in die demonstrie-rende Menge. Ergebnis: 35 Verletzte und eine Tote. Die Tote war zufällig Heyer, 32 Jahre alt. Der Täter bekam eine sehr hohe Haftstrafe. Das wird freilich weder den Rassismus noch die Waffen ausrotten, Autos eingeschlossen. Heyer, nicht verheiratet, war sogar eine Weiße. Nach verschiedenen Quellen stammte sie aus der unteren Mittelschicht. Sie hatte eine Highschool besucht, aber nicht studiert. Ein schwarzer Anwalt in Charlottesville hatte sie unlängst als Gehilfin eingestellt, weil sie einen Draht zu Menschen und den Blick für Details besaß. Nebenher war sie noch als Kellnerin tätig. Sie habe überall die Gleichbehandlung der Menschen und Völker verfochten. Ihre Mutter Susan Bro, eine schlichte Bürokraft, denkt sehr ähnlich. Der Guardian stellt die Mutter als alte Klassenkämpferin dar.* Denkmäler lehnt sie wie ihre Tochter ab. Sie scheint sich mit dem Gedanken zu trösten, Heather habe sehr wahrscheinlich einen jähen Tod gehabt, keine Qualen, wie sie sie selber bereits bei einer schweren Erkrankung geschmeckt hat. Im übrigen rief sie mit Hilfe von Spenden eine Stiftung ins Leben, die Stipendien an sozialkritisch gestimmte ErzieherInnen, Rechtsbeistände und dergleichen vergibt.
* Lois Beckett, https://www.theguardian.com/us-news/2017/oct/01/heather-heyers-mother-on-hate-in-the-us-were-not-going-to-hug-it-out-but-we-can-listen-to-each-other, 1. Oktober 2017
Hidersha, Elsina »Emmy« († 2011), albanische U-Sängerin. Während Heyers Mörder erklärter Verehrer Hitlers gewesen sein soll, hatte der 47jährige kosovarische Geschäftsmann Haziz K. möglicherweise mit Politik gar nichts am Hut. Aber auch er hatte ein Auto. Er nahm es eines nachts, um Sternchen Hidersha, seine Ex-Geliebte, vor einem Nachtclub in Tirana zu treffen oder abzupassen. Nach der gängigen Darstellung folgte er ihr, obwohl er ziemlich betrunken gewesen sein soll, und fuhr sie an. Zwei Tage darauf (am 28. Februar 2011) erlag die knapp 22jährige ihren schweren Verletzungen. K. wurde anscheinend erkannt oder sogar gestellt. Die tote Sängerin dagegen war offensichtlich selbst für die englische Wikipedia zu unbedeutend: kein Eintrag. Verstehe ich die spärlichen Quellen richtig, kamen die ErmittlerInnen nach einem Vierteljahr zu der Überzeugung, der wutentbrannte Autofahrer sei zwar eifersüchtig und haßerfüllt gewesen, habe jedoch nicht vorsätzlich, vielmehr »nur« fahrlässig gehandelt. Deshalb bekam K. am 4. Juni lediglich zwei Jahre Gefängnis wegen »Totschlags«, die freilich auf Bewährung verhängt wurden, sodaß er den Knast sofort als freier Mann verlassen konnte.
~~~ Ist einer jüngeren Darstellung* des in Pristina, Kosovo, erscheinenden Online-Portals Reporteri zu trauen, scheint K. in der Tat »spontan« Rot gesehen zu haben. Offenbar gab es einen Streit auf der Straße. (Nach telegrafi.com, weil Emmy ihn bekniete, sie nicht, wegen einer neuen Geliebten, zu verlassen.) Schließlich lief Emmy neben K.s aus Deutschland stammenden Monsterauto Tuareg her, dessen Fahrerfenster heruntergelassen war. Vielleicht rüttelte sie gerade an der Schulter ihres Ex-Geliebten. K. gab freilich Gas und schleifte Emmy auf diese Weise ein Stück mit. Dann bremste er, worauf Emmy auf die Straße fiel und üble Kopfverletzungen erlitt.
~~~ Ende 2013 sollte der Verurteilte allerdings erneut (für 10 Monate) ins Gefängnis gesteckt werden, schreibt das Portal. Anscheinend gab es Verwicklungen, etwa wegen einer Kaution. Nun zog es K. jedoch vor zu fliehen. So kam er auf die Fahndungsliste von Interpol. Im März 2014 habe er sich aber der Polizei gestellt, wohl weil eine Amnestie winkte, wenn ich nichts falsch verstanden habe. Dann schimpft das Portal noch auf einen (undatierten) Anlaß, der offenbar Auslöser der ganzen Darstellung war. Es gab nämlich im Kosovo ein offizielles Treffen von mehreren Staatsoberhäuptern – an welchem K. befremdlicherweise, in einer bestimmten Delegation, habe teilnehmen dürfen. Da muß er ja wohl auf freiem Fuß gewesen sein. Die journalistische Rüge beantworteten die Offiziellen anscheinend ausweichend oder gar nicht, so etwa Albin Kurti, der Regierungschef des Kosovo.
~~~ Dies alles, selbst die Liebesbeziehung mit dem späteren Todesopfer, wirkt nicht gerade durchsichtig, dementiert freilich jene Annahme, für Politik habe sich Geschäftsmann Haziz K. nie interessiert. Im Kosovo soll er vorwiegend in der Tourismusbranche aktiv gewesen sein. Da können gute Verbindungen zu sogenannten Entscheidern wahrscheinlich nicht schaden.
* https://reporteri.net/de/Botschaft/Kurti-Osmani-und-Konjufca-warten-im-Staatsb%C3%BCro-auf-den-Gesch%C3%A4ftsmann--der-wegen-des-Mordes-an-der-albanischen-S%C3%A4ngerin-im-Gef%C3%A4ngnis-sa%C3%9F./, 22. Februar 2022
Hill, Joe († 1915) ~ Der Justizmord an dem 36jährigen US-Wanderarbeiter, Gewerkschafter und Liedermacher schwedischer Herkunft (daher auch Hillström oder Hägglund) steht der schon weiter oben behandelten Haymarket-Affäre (von 1896) nicht viel nach, es gab nur weniger Tote. Gleichwohl erwähnt mein Brockhaus diesen Hill überhaupt nicht. Man schob dem staatlicherseits unbeliebten Mann, der mit seinen Instrumenten und seinen witzigen Agitprop-Songs in den USA von Küste zu Küste zog, einen im Winter 1913/14 in Salt Lake City, Utah, verübten Mord an dem ihm völlig unbekannten Lebensmittelhändler und Ex-Polizisten John Morisson und dessen Sohn Arling in die Schuhe. Offenbar war der Kramladen von zwei mit roten Halstüchern maskierten bewaffneten Männern überfallen worden. Dabei zog sich auch ein Angreifer eine Schußwunde zu. Gestohlen wurde nichts. Auch sonst war ein Motiv nicht ersichtlich, jedenfalls was Hill angeht. Aber er hatte, bei einer lokalen Silber- oder Kupfermine eingestellt, wieder einmal agitiert, zeigte eine Schußwunde, zu der er weitgehend schwieg, und besaß ein rotes Halstuch. Wie es aussieht, hatte er sich just in der Mordwoche mit einem Nebenbuhler oder Ehemann wegen einer »Weibergeschichte« angelegt, die er ungern ausbreiten wollte. Nach den meisten Quellen verschwieg er deshalb auch den Namen des Rivalen.* Die Polizei ließ andere Verdächtige fallen und spitzte sich bei ihren »Ermittlungen« nur noch auf Hill. Das Gericht trumpfte dann beispielsweise mit dem Brief eines Polizeichefs aus Los Angeles in Kalifornien auf, den der Agitator von Hafenarbeitern einmal verärgert hatte: »Mir gelangte zur Kenntnis, daß Sie einen Joseph Hägglund wegen Mordes verhaftet haben. Sie haben den richtigen Mann. Er ist gewiß ein unerwünschter Bürger.«**
~~~ Es gab weltweite Proteste. Selbst der schwedische Konsul und US-Präsident Woodrow Wilson setzten sich für ein Wiederaufnahmeverfahren ein. Der Oberste Gerichtshof von Utah verweigerte es jedoch. Gnade lehnte Hill ab. Er wollte Gerechtigkeit. So wurde er im November 1915 im Hof des Gefängnisses von Salt Lake City erschossen. Beim Begräbnis waren mindestens 30.000 Leute auf den Beinen. Das Schicksal des singenden Tramps ging seinerseits in zahlreiche Songs jüngerer Kollegen ein. Besonders populär wurde der Titel von Alfred Hayes und Earl Robinson I Dreamed I Saw Joe Hill Last Night, weil ihn Joan Baez 1969 in Woodstock vortrug.
* Rod Owens, »Don't mourn ... Organize!«, aus Green Left Weekly (Sydney) November 2015, übersetzt in: https://www.sopos.org/aufsaetze/56841c2fd2089/1.phtml.html
** Airen, »Barde des Klassenkampfs«, https://www.spiegel.de/geschichte/joe-hill-wanderarbeiter-saenger-und-gewerkschafts-ikone-a-1050210.html, 4. September 2015
Holland, Luke († 2015 mit 31) ~ Der gebürtige Brite und gelernte Rechtsanwalt, seit rund einem halben Jahr in der deutschen Hauptstadt Berlin mit einer Unternehmens-gründung befaßt, war in einer Septembernacht mit Begleitern unterwegs. Am frühen Morgen, als in der Neuköllner Bar Del Rex sein Handy klingelte, ging er auf die Straße und telefonierte. Dabei wurde er »heimtückisch« von dem wohl 62 Jahre alten Rolf Z. mit einer Schrotflinte erschossen. Der hagere Mann, ein trinkfreudiger, »kauziger« Stammgast mit langem weißem Haar und Bart, hatte die Bar bereits früher als Holland verlassen. Sie hatten aber weder drinnen noch sonst je Kontakt miteinander. Hollands Eltern glauben, die englische Sprache des Opfers habe Z. gereizt. Er hatte sich schon einmal beklagt, seit einem Besitzwechsel werde in der Bar „nur noch Spanisch und Englisch“ gesprochen. Von Zeugen erkannt, fanden sich in Z.s Wohnung außerdem zahlreiche Nazi-Reliquien und einige Waffen.* Das Gericht sah jedoch weder rassistische noch faschistische Beweggründe bei ihm. Er selber schwieg beharrlich. Das Urteil rechnete ihm im Gegenteil, wie so oft, die Trunkenheit als strafmildernd an: knapp 12 Jahre.
~~~ Viele Quellen erinnerten an einen verblüffend ähnlichen Mordfall aus 2012. Damals war der 22jährige türkisch-deutsche Lehrling Burak Bektaş ebenfalls aus nächster Nähe in Neukölln von einem unbekannten Täter erschossen worden. Zwei seiner Freunde wurden schwer verletzt. Unter den Hinweisen aus der Bevölkerung fand sich sogar ein Fingerzeig just auf Rolf Z. als Verdächtigen. Doch bei der Polizei gilt der Fall bis heute als ungeklärt.*** Dem Guardian** sagten Hollands Eltern 2017, womöglich wäre ihr Sohn noch am Leben, wenn die Berliner Polizei den Fall Bektaş sorgfältiger behandelt hätte.
* Kerstin Gehrke, https://www.tagesspiegel.de/berlin/gerichtsurteil-zum-mord-an-luke-holland-ueber-elf-jahre-haft-fuer-angeklagten-motiv-bleibt-offen/13860830.html, 11. Juli 2016
** Frances Perraudin, https://www.theguardian.com/uk-news/2017/oct/10/foreign-office-did-not-help-us-says-father-of-man-murdered-in-berlin, 10. Oktober 2017
*** Darius Ossami, https://taz.de/Mord-an-Burak-Bekta/!6069241/, 13. Februar 2025
Holländer, Werner ~ Betrüblicherweise war auch Kassel, die Stadt meiner antiautoritären Schulzeit, zumindest streckenweise Nazihochburg und übrigens im Sommer 1935 Veranstaltungsort des fünften deutschen »Reichskriegertages« gewesen. Es folgten noch weitere Reichskriegertage in der Fuldametropole. Den Präsidentensessel des Berliner »Volksgerichtshofes« beschickte sie mit Roland Freisler. Er hatte sein Abitur auf dem heimischem Wilhelmsgymnasium gemacht. In den eigenen Mauern hatte Kassel die »Sonderrichter« Fritz Hassencamp und Edmund Kessler vorzuweisen, die den ungarischen Diplomingenieur und »gefährlichen Gewohnheitsverbrecher« Werner Holländer am 20. April 1943 wegen »Rassenschande« zum Tode verurteilten. Ein Jahr darauf kam der knapp 30jährige Ingenieur, wohl in Ffm, unters Fallbeil. Die Sonderrichter selber wurden nach dem Krieg (Landgericht Kassel 1950–52) von verständnisvollen Kollegen mit jener bekannten Begründung freigesprochen, die nur von DDR-Bürgern nicht bemüht werden darf: da sie sich an damals geltende Gesetze gehalten hätten, stelle ihr grausamer Urteilsspruch wegen einiger Stelldicheins mit deutschen Mädels keine vorsätzliche Rechtsbeugung dar. Das wird im Holländer-Eintrag der deutschen Wikipedia durchaus belegreich erläutert. Holländer war damals bei Henschel beschäftigt gewesen. Dort hatte er seine »jüdische Abstammung« verschwiegen*, was ihm nun zum Verhängnis wurde. Ob die lohnende Waffenschmiede gegen den Justizmord protestierte, ist anscheinend nicht bekannt, wenn auch ziemlich unwahrscheinlich. Dagegen wissen wir, daß sich Kassel ihr und den Flugzeugwerken Fieseler zuliebe im Oktober 1943 von den Briten in Schutt und Asche bomben ließ. Heute hält sie lieber das bekannte Fest der künstlerischen Schaumschläger der Welt Documenta hoch. Das Schandmal Herkules, das den Habichtswald krönen und das gesamte Kasseler Becken beherrschen darf, hat sie immer noch nicht gefällt.
* Claudia Feser, https://www.hna.de/kassel/henschelaner-wollte-nur-leben-93118906.html, 9. Juni 2024
Holz, Emmy (1902–23) ~ 1918, nach der Lossagung von Rußland und dem deutschen Zusammenbruch, war Estland eine (angeblich) unabhängige Republik geworden. In der Hauptstadt Tallinn, vorher Reval genannt, saß die Tageszeitung Vaba Maa. In ihr war am 8. November 1923 ein Nachruf auf die blutjunge örtliche Bühnenkünstlerin zu lesen, der etwa wie folgt anhob. Eine in Spanien endende abenteuerliche Geschichte mit kriminellen Zügen habe leider auch die strahlende Figur der Emmy Holz in schäbigen Schatten gehüllt. Mit dieser habe das heimische Ballett, das noch in den Kinderschuhen stecke, ohne Zweifel seine größte Hoffnung verloren ...
~~~ Verloren? In Spanien? Was war geschehen? Keine Bange, ein postmodernes estnisches Portal gibt Bescheid.* Danach stammte die verloren gegangene Tänzerin aus einer eher zerrütteten Familie. Über einen Jugendchor, der auch tanzte, fand die hübsche, anscheinend nicht dunkel-haarige Schlanke den Eingang zu einer Ballettschule und zum Theater. Nun kam sie, trotz einer gewissen Einfalt, auf den Geschmack am bohemienhaften Lebenswandel, verbotenen Wein oder Wodka eingeschlossen, und angelte nach reichen Männern, darunter anscheinend auch die Brüder Erich and Gottlieb Wallfisch (oder ähnlich), die mit dem Theater eng verknüpfte Restaurants oder Kabaretts betrieben. Der Ruf der BühnenkünstlerInnen im allgemeinen war damals nicht der beste. Emmy zog freilich unbeirrt das große Los. In ihrem Todesjahr, 1923, macht ihr nämlich der 40 Jahre alte »Butterkönig« und Automobilbesitzer Joseph Schultze den Hof. Er hat Neigungen zur Hochstapelei, gute Verbindungen nach Schweden, ja selbst Argentinien, sodaß er sich zeitweise als »argentinischer Konsul« ausgeben kann. Er ist keineswegs fett, nur schon etwas schütter im Stirnhaar. Auf einem Foto prunkt eine bügel- und randlose, ovale Brille auf seiner Nase. Zum Herbst hin hat er, wie es aussieht, Emmys Gunst gewonnen. Unter dem Vorwand, seine Geschäfte nach Lettland auszudehnen, schneidet er einem schwedischen Geschäftsfreund mehrere Hunderttausend Kronen aus den Rippen. Damit ergreift er die Flucht gen Westeuropa – und mit Emmy. Warum soll nicht auch sie einmal Berlin oder Brüssel sehen?
~~~ Da ihnen nun die Polizei auf den Fersen ist, reisen sie mit dem Flugzeug. Ob Emmy von Josephs Machenschaften wußte, ist nicht bekannt. Die schwedische Presse nimmt regen Anteil an der Affäre. Zuletzt werden die beiden in Paris gesichtet. Hier war ihnen bereits das Geld knapp geworden. Vielleicht gab es auch schon Streit und zumindest auf Emmys Seite Reue. Die durchgebrannte Tänzerin bittet ihre Eltern brieflich um 40.000 Mark, damit sie heimreisen könne – die die Eltern natürlich nicht haben. Da der Brief auch den Spürnasen nicht entgeht, ziehen es die beiden vor, Paris mit Santander am Golf von Biskaya zu vertauschen. Der nordspanische Badeort hatte damals rund 55.000 EinwohnerInnen, mehrere Theater, eine Stierkampfarena. Die brünette oder blonde Frau aus dem Norden fiel verständlicherweise auf, und dann machte sich Schultze auch noch im Hafen verdächtig, weil er sich nach Schiffskarten Richtung Mexiko erkundigte. Überdies spitzte sich die Krise im Gefühlshaushalt des Paares zu. Am 4. November krachte es buchstäblich, sogar zweimal. Die Kellner stürzten in Emmys Hotelzimmer und standen vor zwei Leichen. Schultze hatte erst seine Eroberung, 21 Jahre jung, dann sich selbst erschossen.
~~~ Was die Gründe betrifft, rätselte die in- und ausländische Presse ähnlich wie die Polizei, die bereits eine Verhaftung des »Butterkönigs« vorbereitet hatte. Vielleicht lag ein Gemenge aus Geldknappheit, Angst vor Strafe, Eifersucht – und Überdruß aneinander vor. Ja, mehr noch, ich könnte mir sogar lebhaft vorstellen, von den Wonnen der Liebe hatte Emmy bis zu den beiden Schüssen nur eine Fata Morgana gesehen, während Schultze die Ballerina wahrscheinlich längst als ranziges Butterstückchen empfand und behandelte.
* Heili Reinart, https://naine.postimees.ee/6818425/uks-saravamaid-tallinna-baleriine-emmy-holz-langes-armukadeda-armukese-kuulilasust, 5. November 2019
Holzmann, Johannes (1882–1914), anarchistischer Autor und Räuber. Ein Foto aus seinen Berliner Bohèmejahren (um 1900) zeigt den glutvoll blickenden jungen jüdischen Mann mit hellem Hut auf dunklem Schopf, Kippe im Mundwinkel und lässig umgehängtem Mantel. Vielleicht erinnert er heutige BetrachterInnen vom Gesicht her nicht zufällig an den Sänger Rio Reiser, der 1986 gerne König von Deutschland geworden wäre. Beide machten sich für homosexuelle und anarchistische Belange, nebenbei auch für das eigene Ego stark. Als es Holzmann 1906 wegen Verfolgungen seitens preußischer und schweizer Behörden vorzog, mit Hilfe einer vorgetäuschten Todesnachricht unterzutauchen, schrieb er für die Zeitschrift Der Weckruf seinen eigenen Nachruf. Nach dem Auffliegen dieses »selbstverliebten« Versuchs, seine »schillernde Person unsichtbar zu machen«*, erntete Holzmann auch im anarchistischem Lager Mißfallen, wo er ohnehin schon umstritten war.
~~~ Ein Jahr nach jenem getürkten »Nachruf« wich Holzmann in der Tat nach Rußland aus, das ja in starken revolutionären Wehen lag. Fiele er dort, schrieb er seinem Freund Pierre Ramus im Januar 1907, falle er immerhin für die Freiheit Europas, hänge diese doch maßgeblich vom Ausgang der russischen Revolution ab. Im April schloß sich der Deutsche einer anarchistischen polnischen Gruppe an, die zwecks Finanzierung der gesellschaftlichen Umwälzung reiche Kaufleute ausraubte. Schon nach wenigen Beutezügen und Wochen wurde er allerdings geschnappt und alsbald von einem Warschauer Kriegsgericht für 15 Jahre ins Zuchthaus geschickt. Das war ein übler Tausch, denn von Berlin nach Zürich war er zwei Jahre früher nur wegen einer Verurteilung zu vier Monaten Gefängnis geflohen.
~~~ In Berlin hatte der junge Holzmann die Ausbildung an der Jüdischen Lehreranstalt sausen lassen und nach Fühlungnahme mit der dortigen »Avantgarde« ab 1904 (bis zu ihrem Verbot 1905) die Wochenzeitschrift Kampf herausgegeben, die es streckenweise auf 10.000 Exemplare brachte. Sie wies bekannte MitarbeiterInnen wie Erich Mühsam, Franz Pfemfert, Else Lasker-Schüler, Herwarth Walden, Gustav Landauer, Paul Scheerbart auf. Mit der deutlich älteren Schriftstellerin Lasker-Schüler verbanden den wahrscheinlich heterosexuell veranlagten Holzmann nicht nur redaktionelle Belange. Sie war in ihren Senna Hoy (die Umkehrung des Vornamens Johannes) oder Prinzen Sascha geradezu verliebt, wobei es Otto nicht für unwahrscheinlich hält, daß der Prinz auch für ihren 1899 geborenen Sohn Paul verantwortlich war. Die zweimal verheiratete »expressionistische« Schriftstellerin, die zum Schwärmen und Raunen neigte, hatte die Unehelichkeit dieses Sprößlings nie verhehlt, aber auch nie den Klarnamen seines Vaters preisgegeben. Paul Lasker-Schüler wurde Maler, fiel aber schon 1927, mit 28, der Schwindsucht zum Opfer.
~~~ Das Leben seines mutmaßlichen Vaters hatte kaum länger gewährt. Etliche deutsche Rechtsanwälte und Literaten, darunter Lasker-Schüler, setzten sich damals vergeblich für den eingesperrten Holzmann ein. Schließlich sammelte Lasker-Schüler, die nach ihren Ehen am Hungertuch nagte, Reisegeld, um ihn wenigstens einmal besuchen zu können. Als ihr dies im November 1913 gelingt, sitzt er in Metscherskoje, unweit von Moskau, in einer geschlossenen Anstalt für Geisteskranke. Vom eingangs geschilderten Draufgänger ist nichts mehr zu sehen: sie findet den Freund »zum Gerippe abgemagert«. Mitnehmen kann sie ihn nicht. Zwar ist die russische Regierung inzwischen zu einer Entlassung Holzmanns bereit – nicht aber die deutsche zu seiner Aufnahme. Der 31jährige stirbt in Metscherskoje an Unternährung und Typhus im April 1914. Man darf sich jetzt aussuchen, wer ihn ermordet hat.
~~~ In einem echten Nachruf, der am 9. Mai in der Aktion erschien, klagte Franz Pfemfert, die Politik und die Öffentlichkeit hätten diesen Mann, dem »einst alle freiheitlich Fühlenden zujauchzten« und »der als Zwanzigjähriger Berlins politisches Gewissen« gewesen sei, im Stich gelassen. Der Vernachlässigte wurde in Berlin beerdigt. Kurz darauf, am 15. Mai 1914, erinnerte außerdem Karl Liebknecht im Reichstag bei den Beratungen über den Etat des Auswärtigen Amtes an Holzmanns Schicksal.** Er sollte es bald teilen.
* Stefan Otto, https://www.woz.ch/0744/johannes-holzmann-1882-1914/ein-wilder-hund, Nr. 44/2007
** Webseite Karl Jürgen Skrodzki, https://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_069.htm, Stand 26. März 2021, letzter Absatz
Hron, John ~ Der 14 Jahre alte tschechisch-stämmige schwedische Junge wurde 1995 am Ingetorpssee (Raum Göteborg, Westschweden) zu Tode gequält. Er hatte an dem heimischen See mit seinem Freund C. gezeltet. Vier nur geringfügig ältere Neonazis griffen sich John heraus und begannen mit ihren Mißhandlungen. Man kannte sich von der Schule her. John konnte vorübergehend schwimmend in den See flüchten, kehrte aber zurück, als sie damit drohten, sich ersatzweise C. vorzunehmen. John wurde erneut bestialisch getreten, schließlich ertränkt, während sich seine Peiniger Zigaretten drehten. C. konnte per Anhalter nach Hause flüchten und die Polizei alarmieren, doch seinem Freund war nicht mehr zu helfen. Das Aufsehen war groß. Der jugendliche Haupttäter bekam acht Jahre Gefängnis. Hron beziehungsweise seine rührigen Eltern erhielten 1996 den Stig-Dagerman-Preis. Der Sohn habe sich mutig, »auch um den Preis seines eigenen Lebens«, dem Bösen entgegen gestellt. 2013 wurde der Stoff verfilmt.
Huber, Dieter ~ 1986 war der 29jährige Realschullehrer aus Sindelfingen (bei Stuttgart) in seinem eigenen Auto überfallen und darin zum Bodensee entführt worden. Bei Engen, Kreis Konstanz, wurde er tot in der Nähe seines Wagens aufgefunden. Offensichtlich war Huber brutal gequält, erstochen und wohl auch beraubt worden. Warum, wissen bestenfalls Eingeweihte, die bis heute schweigen.
~~~ Die Behörden der Strafverfolgung erlaubten sich einige »Pannen«, etwa fehlende Akten und Computerdaten betreffend, oder fragwürdige Ermittlungs-Einstellungen, so im Falle eines Diebstahls, der die Justiz selber betraf. Um 1993 verschwanden nämlich einige am Tatort gesicherte Beweismittel aus der Asservatenkammer der Konstanzer Staatsanwaltschaft, an denen »mit hoher Wahrscheinlichkeit« DNA-Spuren des Mörders oder der MörderInnen hafteten.* Wie es aussieht, hatte die »Braut« eines (bereits vorbestraften) Tatverdächtigen in jener Zeit mit einem Bediensteten der Konstanzer Justiz angebändelt. Vielleicht gilt es auch hier – wie im Mordfall Olof Palme, erschossen im selben Jahr 1986 – einen wenn auch ungleich kleineren Justizskandal zu vertuschen? Weshalb alles getan wird, den Mordfall Huber unaufgeklärt zu lassen und nicht vor Gericht zu bringen? Das sollen jedenfalls Verwandte des Opfers und der ehemalige, inzwischen pensionierte Chef-Ermittler Rolf Siebold argwöhnen.** Im übrigen ist es auch die Zeit des »Hammermörders« Norbert → Poehlke, eines schwäbischen Polizisten, bei dessen Verfolgung es gleichfalls zu etlichen »Pannen« kam.
~~~ Huber, laut Spiegel*** als Lehrer »engagiert« und »beliebt«, hatte eine Geliebte in Peru, die er demnächst heiraten wollte. Am Tag seiner Entführung befand er sich auf dem Heimweg von Stuttgarter Freunden nach Sindelfingen, 30 Kilometer. Vielleicht hatte er (vermutlich zwei) »AnhalterInnen« mitnehmen wollen, was er bekanntermaßen gelegentlich tat. Gegen den erwähnten Verdächtigen liegen angeblich zu magere Spuren vor. Wie ich aus der Anzeige mehrerer jüngster, hinter »Bezahl-schranke« verschanzter Zeitungsartikel schließe, geht die schon angedeutete Rechnung, ein vermiedener Prozeß sei ein vermiedener Justizskandal, bis zur Stunde auf.
* Nils Köhler, https://www.suedkurier.de/region/kreis-konstanz/konstanz/30-Jahre-alter-Mordfall-Wer-hat-Dieter-Huber-getoetet;art372448,8945546, 11. Oktober 2016
** Roland Reck, https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/266/den-fall-totmachen-3625.html, (Stuttgart), Nr. 266, 4. Mai 2016
*** Bruno Schrep, »Das eine verjährt nie«, https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-91675477.html, 24. März 2013
Hutten, Hans von ~ Die Schwaben sind für allerlei Streiche gut. Soweit ich weiß, schlug sich ihr Herzog Ulrich, 1519 aus Württemberg verbannt, nur deshalb auf die Seite benachbarter aufständischer »Rotten«, um den Habsburgern (die die Kaiser Maximilian I. und Karl V. stellten) sein Fürstentum wieder abzujagen. Dieser Kampf ging verloren. Der Herzog kehrte erst 1534 siegreich wieder, worauf er flugs die für ihn einträgliche sogenannte Reformation einführte. So konnte er sich beispielsweise einige üppige Klosterschätze unter den Nagel reißen. Aber auch Damen verschmähte er nicht.
~~~ Wie es aussieht, war der adlige Schuft unter anderem wegen eines heimtückischen Mordes an einem ihm unbequemen Beamten vertrieben worden. Ulrich hatte im Sommer 1515 seinen ungefähr 35jährigen Stallmeister Hans von Hutten um die Ecke gebracht – zufällig ein Vetter des ungleich bekannteren Ulrich von Hutten, was sich noch rächen sollte. Nur diesem gewährt mein Brockhaus einen separaten Eintrag. Sein Bruder Hans hatte den Fehler gemacht, Ursula Thumb von Neuburg zu ehelichen, die komplizierterweise zugleich die heimliche Geliebte des Herzogs war. Als der Stallmeister des Herzogs Ansinnen, ihm bei der Frischangetrauten weiterhin freie Hand zu lassen, empört zurückwies, kam es zum Bruch. Huttens Entlassungsgesuch erwiderte der Herzog jedoch mit einem Angebot zur Versöhnung, das jener trotz Warnungen von Freunden für bare Münze nahm. So folgte er, nur leicht bewaffnet, des Herzogs Einladung zur Jagd im Schönbuch (südlich von Stuttgart) – und ging ihm in die Falle. Der gutgewappnete Herzog schickte seine Leute voraus und tötete den Querulanten »im finsteren Tann« mit eigener Hand. So übereinstimmend etliche Quellen. 2013 wurde in dem betreffenden Waldwinkel eine Gedenktafel mit Hinweis auf die nahe Hutteneiche aufgestellt.
~~~ Der Herzog hatte sich damals bemüht, seine Bluttat mit allerlei Finten als rechtmäßigen Akt der Feme auszugeben. Dennoch konnte er den Anstieg des Grolls gegen ihn nicht verhindern. Obwohl es ja offenbar keine Augenzeugen gab, lag die Mordabsicht des Herzogs auf der Hand: wegen der ungleichen Rüstung und der nachweislichen Tatsache, daß fünf der sieben Dolchstiche den Rücken des Opfers trafen.* Wahrscheinlich hatte Hans von Hutten versucht zu entkommen. Der andere Hutten, erklärter Humanist und Patriot, beteiligte sich dann am Kriegszug des (kaisertreuen) Schwäbischen Bundes, der den Herzog im Frühjahr 1519 aus seinem Land jagte. Dieser Verwandte des Gemeuchelten erlag vier Jahre später in der Schweiz mit 35 der Syphilis.
* Daniel Trüb, https://geschichte-wissen.de/blog/der-mord-an-hans-von-hutten/, 17. Dezember 2022
Itō Noe († mit 28) ~ Das Große Kantō-Erdbeben suchte am 1. September 1923 die japanische Hauptinsel Honshū heim, Tokio eingeschlossen. Im Verein mit den nachfolgenden Feuersbrünsten forderte es über 140.000 Tote. Das waren sicherlich nicht nur Lahme und Alte. Es waren gleichwohl noch nicht genug. Man benutzte solche Brände ohnehin traditionell gern zu der Behauptung, sie seien von Koreanern, Chinesen und ähnlichen Fremdkörpern gelegt worden. Dazu zählte »man«, insbesondere das Pack aus Politik und Armee, mit Vergnügen auch Anarchisten, weil sich dadurch gute weitere Handhaben zu deren unerbittlichen Verfolgung ergaben.
~~~ Itō, aus dem Landadel der südjapanischen Insel Kyushu stammend, durfte eine höhere Schule besuchen, rebellierte allerdings, als sie zwangsverheiratet werden sollte.* Sie schloß sich Tokioter anarchistischen Kreisen an und leitete ab 1915 das Magazin Seitō. Sie übersetzte einige Artikel der bekannten US-Anarchistin Emma Goldman. Später war sie an der Gründung der ersten sozialistischen Frauengruppe Japans beteiligt. Daneben überstand sie offenbar mehrere Geburten und Liebschaften. Den führenden Anarchisten Ōsugi Sakae lernte sie 1916 kennen oder lieben. Sie experimentierten nun über Jahre hinweg mit allerlei »freien« Liebesbeziehungen. Das befreite sie nicht unbedingt von dem bekanntem Gebrechen der Eifersucht und trug ihnen zusätzlich selbst in ihren anarchistischen Kreisen einige Mißbilligung ein. Überdies sahen sie sich zunehmend polizeilicher Beobachtung ausgesetzt. Sie wechselten oft die Wohnung, aber wohl nur in Tokio. 1919 hoben sie mit anderen das Magazin Rōdō undō aus der Taufe, das der Verbindung mit dem Industrieproletariat dienen sollte. Von dem erwähnten Erdbeben wurden sie offensichtlich verschont. Kurz darauf jedoch, am 15. September 1923, kehrten sie von einem Verwandtschaftsbesuch in ihre Wohnung im Tokioter Ortsteil Kameido zurück, wobei sie, wohl als Gast, einen sechsjährigen Neffen Ōsugis bei sich hatten, Munekazu. Ōsugi war 38. Am nächsten Tag bekamen sie ihrerseits Besuch: Militärpolizei. Unter Leitung des Leutnants Amakasu Masahiko wurden sie verhaftet und in einer Kaserne verprügelt und ermordet – alle Drei. Ihre Leichen warf man anschließende in einen ausgedienten Brunnenschacht. Damit war die japanische Geschichte um den sogenannten »Amakasu-Zwischenfall« reicher.
~~~ Allerdings schlug er damals noch ziemlich hohe Wellen der Empörung. Eine Obduktion bestätigte Erdrosselungen und, im Fall der beiden Erwachsenen, Mißhandlungen. Amakasu bekam 10 Jahre Haft – und wurde nach drei Jahren aufgrund seiner »guten Führung« entlassen. Sehr wahrscheinlich hatte er auf höhere Anweisung gehandelt. Im folgenden organisierte er weitere Schandtaten, zuletzt in der Mandschurei. Im August 1945 immerhin schon 54 Jahre alt, vergiftete er sich ebendort, weil die (sowjetische) Rote Armee nahte – und sicherlich nicht mit ihm gespaßt hätte.
~~~ Nelson, anscheinend Hochschullehrer in Thousand Oakes, Kalifornien, gibt Freunden der Unbekümmertheit oder des Märtyrertums noch ein Bonbon mit auf den Weg. Ihm zufolge traf der britische Philosoph Bertrand Russel, geb. 1872, auf seiner bekannten Asienreise 1920/21 auch Itō Noe. Sie sei jung und schön gewesen. Russels Gefährtin Dora Black habe die Genossin besorgt gefragt, ob sie nicht Angst habe, die Behörden könnten ihr etwas antun. Darauf habe Itō ihre Hand über ihren Hals gezogen und erwidert: »Ich weiß. Früher oder später wird es so kommen.«
~~~ Vom Sarkasmus in eigener Sache einmal abgesehen, scheint hier natürlich eine moralische Klemme auf, in der bereits unzählige WiderstandskämpferInnen steckten: ohne Gefährdung Dritter – es muß nicht unbedingt der kleine Neffe sein – ist der Widerstand kaum zu haben. Viele KämpferInnen brechen ja schon bei der bloßen Androhung von Übergriffen auf Verwandte oder Freunde ein. Die Gesellschaftlichkeit der BekämpferInnen der herrschenden Gesellschaft ist das ideale Erpressungs-mittel. Da kann man eigentlich keinen verurteilen, der die Klemme meidet, indem er eben den Widerstand meidet.
* David G. Nelson, https://theanarchistlibrary.org/library/david-g-nelson-ito-noe-1895-1923, 2009
Jack the Ripper ~ Wie sich versteht, nehme ich den Mann (falls es einer war) nur als Haken, an dem sich seine bedauernswerten Opfer festmachen lassen. Berühmt genug ist er ja. 1888 wurde die halbe zivilisierte Welt von dem nie identifizierten und gefaßten »Aufschlitzer« in Atem gehalten, der in London mutmaßlich mindestens fünf Prostituierte ermordete und verstümmelte. Auch die Identitäten seiner Opfer sind zumindest teilweise ungeklärt oder umstritten. Wahrscheinlich waren die betreffenden Frauen vorwiegend über 40. Für Rippers fünftes (und möglicherweise letztes) Opfer halten viele BeobachterInnen die 25jährige Mary Jane Kelly. Die Irin oder Waliserin hatte sich gerade von ihrem jüngsten Geliebten Joseph Barnett getrennt, einem Fischträger aus dem Londoner Hafen. Als sie selber an ihrem Todestag gegen Mitternacht auf Fischzug ging, nämlich nach Freiern, habe sie das Lied »A Violet from Mother's Grave« (Ein Veilchen vom Grab der Mutter) geträllert, versicherte ihre Kollegin Mary Ann Cox später aller Welt – vor allem den professionellen Klatschtanten und Märchenonkeln, nehme ich einmal an. Scotland Yard fand Kellys übel zugerichteten Leichnam in ihrem Bett. Verschiedene innere Organe Kellys lagen im Zimmer verstreut. Ihr Herz fehlte.
~~~ Etliche BeobachterInnen glauben, der gefürchtete Serienmörder aus dem verrufenen Stadtviertel Whitechapel müsse einige chirurgische, zumindest aber anatomische Kenntnisse besessen haben – eine Annahme, die von einem Teil der unzähligen Theorien über Jack the Ripper, die bis heute ins Kraut schossen, berücksichtigt wird. Weiter gilt es, den untypischen jähen Abbruch der Mordserie nach dem Ende Kellys zu erklären. Ich führe hier nur die Theorie des US-Journalisten Leonard Matters an, weil sie eine reizvolle und aufschlußreiche Dramatik besitzt, die sicherlich schon so manchen Psychiater oder Bühnendichter beeindruckt hat. Im übrigen hielten die von Matters sogar in Buchform* vorgebrachten Argumente und »Beweise« näheren Nachprüfungen nicht stand. Für ihn war der Mörder ein gewisser Dr. Stanley gewesen – ich zitiere im folgenden Colin Wilson** – »ein Witwer, der seinen einzigen Sohn abgöttisch liebte. Dieser Sohn war an Syphilis gestorben, die er sich bei Mary Kelly geholt hatte, und Dr. Stanley hatte sein Leben der Suche nach dieser Frau gewidmet. Er fragte alle seine späteren Opfer nach ihr aus und brachte sie dann um, um sie für alle Zeiten mundtot zu machen. Als er dann endlich Mary Kelly gefunden hatte, hörte er auf, das East End unsicher zu machen.«
~~~ Auch Wilson versichert seinen LeserInnen, es sei »so gut wie unmöglich, ein Bild von der allgemeinen Erschütterung zu vermitteln, die die Morde auslösten. Die Presse berichtete damals ausführlicher darüber als die Journalisten heute über eine Hochzeit der königlichen Familie.« Das war 1960. Von Greueltaten des Empires in Asien, der Franzosen und Yankees in Indochina, von allen zusammen in Afrika und Nahost, waren anscheinend nur wenig BürgerInnen entsetzt.
~~~ Meine Andeutung »falls es ein Mann war« zu Beginn dieses Eintrags darf mir übrigens nicht als Koketterie angekreidet werden. Das Geschlecht des Serienmörders ist nämlich so wenig sicher wie vieles andere in dem Fall. Prompt teilte das Hamburger Abendblatt seinen treuen LeserInnen 2012 mit, Jack the Ripper sei nie gefaßt worden, weil er eine Frau gewesen sei. Das lege der Anwalt und Autor John Morris in einem neuen Buch dar. Er weise darauf hin, keines der Opfer sei sexuell missbraucht worden; überdies seien an den Tatorten Teile von Frauenkleidung gefunden wurden, die nicht den Opfern gehörten hätten. Morris legt sich sogar auf die Täterin fest. Es habe sich um Elizabeth W. gehandelt, die Frau eines Gynäkologen, die ihren Dolch aus Verbitterung über ihre eigene Unfruchtbarkeit gegen Frauen erhob. Dagegen kommt mir doch erheblich fruchtbarer vor, wie sich die britische Historikerin Hallie Rubenhold auf die Seite der Frauen schlägt. Laut Spiegel-Bericht von 2020 betont sie in ihrem Buch The Five, für drei von den fünf weiblichen Opfern gebe es keinerlei Beweise, sie seien je der Prostitution nachgegangen. Die Autorin stelle auch alle fünf Biografien vor und wünsche so dazu beizutragen, den fünf Frauen Gesicht und Würde zu geben.***
* The Mystery of Jack the Ripper, 1929
** »My Search for Jack the Ripper«, wohl ursprünglich (August 1960) Artikelserie im Londoner Evening Standard, deutsch im Sammelband Aufgeklärt! Ungesühnt!, Augsburg 1999, S. 385–405
*** Martin Pfaffenzeller, https://www.spiegel.de/geschichte/jack-the-ripper-und-seine-opfer-die-legende-vom-prostituiertenmoerder-a-562c3765-07eb-4a6b-8f0e-3696d5f656c3, 5. November 2020
Jánošík, Juraj (1688–1713), slowakischer Robin Hood. Wie jeder mitteleuropäische Landstrich, der Höheres als ein paar Maulwurfshügel aufzuweisen hat, »Schweiz« heißt, beispielsweise Holsteinische oder Märkische Schweiz, hat auch jede Gegend ihren »Robin Hood« – also einen guten Räuber oder Staatsfeind, der beim »Kleinen Mann« einige Achtung genießt. Ich erinnere hier nur an den Falschmünzer Farinet aus der wirklichen Schweiz. Gewiß sind sie alle mehr oder weniger kräftig zum Mythos aufgeblasen, und entsprechend wuchtig sind die Denkmäler, die sie früher oder später bekommen.* Da könnte sogar Walter Scott neidisch werden, gestorben 1832, ein schottischer Advokat und »romantischer« Schreiberling, der nur insofern Räuber war, als er in allen schlechten Büchern, deren er habhaft wurde, gewildert hat. Er steht vor dem Glasgower Bahnhof auf einer turmhohen Säule, die der Künstler allerdings sehr fein »kanneliert« hat. Insofern muß man natürlich einräumen: wo wäre die Zunft der Bildhauer und Architekten ohne die Aufträge für große Denkmäler geblieben? Im Dreck.
~~~ Jánošík, Sohn eines armen Leibeigenen, soll zunächst Schafhirt gewesen sein, bevor er in die Armee des (mehr oder weniger habsburgisch geprägten) Königreichs Ungarn gesteckt wurde. Nach einer Fluchthilfe für einen eingesperrten Freund brannte er jedoch auch selber durch und schloß sich Aufständischen beziehungsweise Außenseitern an. Hier brachte er es rasch zum Chef einer Waldräuberbande im gebirgigen Nordwesten der Slowakei. Man hielt sich vorwiegend an gut betuchte Kaufleute und verteilte ein Teil der Beute an Arme. Mordtaten pflegte man wahrscheinlich weitgehend oder völlig zu vermeiden. Leider wurde der Räuberhauptmann aber bereits mit 25 gefaßt und selbstverständlich hingerichtet, wohl in Liptovský Mikuláš, das schon damals eine Art Kreisstadt war.
~~~ Man könnte argwöhnen, ich sei ein Militanter – oder ich sei ein Pazifist. Beides wäre falsch geraten. Eine Welt ohne Gewaltanwendung, in welcher Form auch immer, ist nahezu undenkbar. Es kommt nur darauf an, daß die Gewalthoheit beim freien Bürger beziehungsweise seiner freien Republik bleibt. Er ist also seinem Gewissen und seinen Genossen Rechenschaft schuldig. In meinen Zwergrepubliken Mollowina und Pingos, beide auf dem Balkan angesiedelt, sind alle RepublikanerInnen bewaffnet, setzen ihre Flinten und Messer freilich ausgesprochen selten ein. Sie behandeln und lösen ihre Konflikte jeweils unter Beteiligung der RepublikanerInnen, die davon betroffen sind, ohne irgendwelchen »Sicherheitskräften« oder »höheren Instanzen« Einmischung zu gestatten. Da sie keinen Staat haben, haben sie auch kein »Gewaltmonopol des Staates« – will sagen: der ihn beherrschenden oder geschickt lenkenden, nie »gewählten« Elite. Apropos. Ein ganz wesentlicher Teil unserer alltäglichen Gewalt wird unterschwellig ausgeübt, durch bürokratische Strukturen, psychologische Erpres-sung und mehr oder weniger verbrämte Augenaufschläge beispielsweise. Wer diese Gewalt aus der Welt schaffen will, muß die Menschen entweder auf den Mond scheuchen oder aber umerziehen.
~~~ Einige Quellen erwähnen eine hübsche Legende vom Helden, die locker ins reichhaltige Spektrum der Gewaltausübung paßt. Es geschah bei Jánošíks letzter Gefangennahme. Dabei habe es ihn in einer Kneipe seines alten Kumpels Tomáš Uhorčík erwischt, weil er beim Fluchtversuch auf verschütteten Erbsen ausgerutscht war, die ihm eine giftige alte Frau in den Weg geworfen hatte. Ich hoffe nur, es war keine sogenannte Hexe.
* https://de.wikipedia.org/wiki/Juraj_J%C3%A1no%C5%A1%C3%ADk#/media/Datei:Plastika,_Juraj_J%C3%A1no%C5%A1%C3%ADk,_Terchov%C3%A1,_%C5%BDilinsk%C3%BD_kraj,_Slovensko_04.jpg
Jara, Victor ~ Man erinnert sich vielleicht noch an eine von Fernsehmärchenonkel Rudolf Scharping im Frühjahr 1999 gemalten Fata Morgana eines von Serben betriebenen KZs im Fußballstadion von Priština, Kosovo. Im Gegensatz dazu war das behelfsmäßige Gefangenen-lager, das Pinochets Schergen im September 1973, nach dem Sturz Allendes, im Stadion von Santiago de Chile eingerichtet hatten, durchaus real, wie zahlreiche Opfer oder Angehörige von Opfern bald darauf bezeugten. Hier wurden viele tausend Menschen verhört, gefoltert und hingerichtet. Das war für demokratische Staaten natürlich noch lange kein Grund, kurzerhand Pinochets Villa oder wenigstens seinen Radiosender zu bombardieren – das hielt man erst 1999, aufgrund der angeführten Fata Morgana, in Belgrad für angebracht.
~~~ Zu den Insassen des erwähnten Stadions zählte für vier Tage auch der populäre kommunistische Schauspieler und Liedermacher Victor Jara, der im selben Monat September des Jahres 1973 verhaftet worden war. Nach den vier mit Folter und Verhöhnung ausgefüllten Tagen wurde er aufgrund seiner Unbeugsamkeit mit Pistolenschüssen zum Schweigen gebracht. Jara war 40. Seine Peiniger hatten ihm unter anderem die Hände gebrochen, um ihm für die Zukunft das Gitarrespielen zu verleiden. Zuletzt war er auch häufig bei Konzerten der von Allende geführten Volksfront (Unidad Popular) aufgetreten. Der gewählte chilenische Präsident Salvador Allende (65), der ein sozialistisches Programm verfocht, war bekanntlich in seinem Amtssitz beim Putsch Pinochets umgekommen, sein treuer Gefolgsmann General René Schneider (56) bereits drei Jahre früher bei einem Überfall auf offener Straße in Santiago. Zu den Drahtziehern der gesamten Vorfälle gehörten, neben der unverzichtbaren CIA, Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger, damals »Sicherheitsberater« des US-Präsidenten Nixon.
~~~ Was Jara angeht, sahen 2023, somit 50 Jahre nach seinem Tod, so manche »fortschrittlichen« Leute Grund zum Frohlocken, weil mehrere damalige Armeeoffiziere wegen seiner Entführung und Ermordung zu hohen Haftstrafen verurteilt worden waren – als im Schnitt 80jährige Greise.* Jetzt sei Jara »Gerechtigkeit« widerfahren, faseln jene Leute. Nun will ich noch einige andere prominente Opfer aus jener Zeit streifen. Kurz nach Jaras Tod war der US-Journalist Charles Horman festgenommen und ins Stadion von Santiago verschleppt worden. Er hatte sich unter anderem durch Recherchen unbeliebt gemacht, die dem jähen Tod General Schneiders galten. Ungefähr zwei Tage nach seiner Einlieferung kam er ebenfalls um. Das Schicksal des 31jährigen Journalisten, bis heute nicht restlos aufgeklärt, wurde in Costa-Gavras 1982 veröffentlichtem Film Missing (Vermißt) aufge-griffen. Die Verleumdungsklage eines Ex-Botschafters der USA in Chile gegen den Produzenten blieb, im Gegensatz zum Film, erfolglos.
~~~ Der Arzt und Politiker Miguel Enríquez war von 1967 bis zu seinem Tod Generalsekretär der bekannten MIR, der Bewegung der revolutionären Linken in Chile. Nach dem Sturz Allendes tauchte Enríquez unter und kämpfte gegen das Pinochet-Regime. Er fiel freilich schon im Oktober 1974 bei einem Feuergefecht in Santiago de Chile, nachdem sein Hauptquartier von Agenten und Polizisten umzingelt worden war. Er war erst 30. Sein Sohn Marco, »Sozialist«, kandidierte seit 2009 schon mehrmals erfolglos bei der chilenischen Präsidentschaftswahl. Hätte er sich beim Stolpern über ein Fernsehkabel ein Bein gebrochen, hätte ihn sicherlich jemand nach Havanna ins Hospital Miguel Enríquez geflogen.
~~~ Den 37jährigen US-Fernseh-Reporter von ABC News Bill Stewart und seinen Dolmetscher Juan Espinoza (26) erwischte es im Juni 1979 an einer Sperre in Managua, der Hauptstadt Nicaraguas. Schergen Somozas erschossen sie, obwohl sie sich ausgewiesen hatten. Ein Kollege filmte die Szene. Somozas heimlicher Busenfreund Jimmy Carter, US-Präsident, sah sich daraufhin genötigt, von einem »barbarischen Akt« zu sprechen. Wenige Wochen später flüchtete sich Machthaber Somoza vor den Sandinisten in den Hort vieler SchwerverbrecherInnen der Welt: nach Miami, Florida.
~~~ Ich komme noch kurz auf unseren einstigen rotgrünen Kriegsminister Rudolf Scharping zurück. Ein Internet-Roboter behauptet, Scharping habe jenen Vorwurf, die Serben betrieben im Fußballstadion von Priština eine Art von KZ, trotz gegenteiliger Beweise nie zurückgenommen. Vielleicht könnte der Mann demnächst bei einem Arbeitseinsatz in Ramstein Verwendung finden, sobald die dortigen Kasernen und Leitstände der Amis abgerissen werden. Er ist zur Stunde 78, kaum älter als ich. Das Renteneintrittsalter soll ja sowieso noch kräftig angehoben werden.
* Teresa Delgado, https://www.srf.ch/news/international/50-jahre-putsch-in-chile-50-jahre-nach-ermordung-gerechtigkeit-fuer-saenger-victor-jara, 11. September 2023
Jesenská, Milena ~ Im Herbst 1939 in Prag aufgrund ihrer Arbeit im Widerstand von der Gestapo verhaftet, traf sie ein Jahr darauf im KZ Ravensbrück ein. Hier, rund 100 Kilometer nördlich von Berlin, waren der 44jährigen, hochgewachsenen, bildhübschen Journalistin mit der struppigen dunkelblonden Frisur noch knapp vier Lebensjahre beschieden. Für Margarete Buber-Neumann, mit der sie rasch eine Herzensfreundschaft entwickelte, war Jesenská »trotz ihrer Krankheit« eine ungewöhnlich kraftvolle Persönlichkeit.* Nebenbei zählte Buber-Neumann zu den andernorts erwähnten rund 1.000 Antifaschisten, die von der Sowjetunion ausgeliefert worden waren. Beide Frauen waren abtrünnige Kommunistinnen und wurden im Lager entsprechend schikaniert – von mitgefangenen Kommunistinnen. Daß Jesenská, in jener stolzen Stärke, nicht so ganz das Richtige für Franz Kafka gewesen war, deutet ihre Freundin an. Jesenská war dem ängstlichen Schriftsteller um 1920 als Übersetzerin und Geliebte nahe gewesen, doch »die Erfüllung«, nach der sich lebenslustige Mädchen sehnten, habe er ihr »nicht schenken können«, versichert die fünf Jahre jüngere Buber-Neumann. Aus dieser brüchigen Nähe ging das bekannte Kafka-Buch Briefe an Milena hervor.
~~~ Die Ex-Braut, die später noch einige Ehen oder Liebschaften einging und 1928 eine Tochter zur Welt brachte, wäre selbst noch gern Erzählerin geworden, doch die Umstände waren dagegen. Selbst ihre Tochter Jana, meist Honza (Hans oder Hänschen?) genannt, später Jana Černá mit Namen, wurde nicht viel älter als sie: fünf Jahre. Geboren 1928, soll die 52jährige Černá, die offenbar zur Prager Subkultur gehörte, 1981 bei einem Autounfall umgekommen sein. Als Beifahrerin ihres vierten Ehemanns habe sie einen Zusammenstoß mit einem Baumstamm-Transporter gehabt, schreibt die tschechische Wikipedia. Warum, schreibt sie nicht. Jedenfalls ist zu lesen, der Gatte sei erst 2013 gestorben.
~~~ Obwohl Jesenská im KZ nur Büroarbeit verrichten mußte, wurde sie dort immer kränker. Sie selber vermutete Rheumatismus hinter ihren Schmerzen und ihrer zunehmenden Schwäche, von dem Lagerfraß und der Lagerangst einmal abgesehen. Früher schon Entzündung in den Knieen und deshalb eine zeitlang nach Morphium süchtig, hatte sie nun auch steife und geschwollene Hände. Zuletzt kam ständiges Fieber hinzu. »Ach, wenn ich doch tot sein könnte, ohne sterben zu müssen!« habe sie einmal im Krankenbett geseufzt, berichtet ihre Freundin. Ein SS-Arzt spricht von einer »vereiterten Niere« und operiert Jesenská. Sie übersteht die Operation sogar, doch nach einigen Monaten, im Mai 1944, ist die völlig entkräftete Gefangene tot. Sie war 47. Ihre von Mithäftling Anna Kvapilová versteckten Tagebücher gehen ein knappes Jahr darauf im Wirbel der Befreiung verloren. Die mitbefreite Buber-Neumann klagt, nach all den gemeinsamen Träumen mit Milena über zukünftige gemeinsame Unternehmungen habe sie beim Verlassen des Lagers nur noch einen Abglanz der Freiheit erblicken können.
* Margarete Buber-Neumann, Als Gefangene bei Stalin und Hitler, urspr. Köln 1952, hier München 2002
Johanna von Orleans (Jeanne d’Arc) ~ Wer hätte noch nicht von ihr gehört? Berühmte Dramatiker mehrten ihren Ruhm, voran Shakespeare, dann Schiller, Shaw, Brecht ... Voltaire wagte es allerdings schon, die Heldin und Heilige seiner Nation zu verspotten. Da soll es die Tochter eines halbwegs wohlhabenden Bauern und Dorfbürgermeisters aus Lothringen, die weder des Lesens und Schreibens noch des Degens mächtig war, mit 17 zur Feldherrin ihres Königs gebracht haben, der sie noch nie angetastet hatte, denn bekanntlich endete sie als Jungfrau auf dem Scheiterhaufen? Ja, so war es. Gott hatte sie auserwählt. Er konnte auf Johannas beachtlichen Fanatismus und den bekannten Wunderglauben des Volkes bauen. Er machte sie zur Erfinderin des »Vaterlandes« und Gegenspielerin einer hartgesottenen Königin, nämlich Elisabeth aus dem Hause Wittelsbach, genannt Isabeau de Bavière, Gemahlin des streckenweise umnachteten Königs Karl VI. von Frankreich, die schamlos mit dem Feind (England) und dessen Vasallen (Burgunder) konspirierte. So gelang es Johannas Truppen schon im Juni 1429, die Engländer gen Norden über die Loire zu scheuchen. Beim Marsch auf Paris scheitert sie allerdings und wird gefangen genommen (Mai 1430). Offenbar hatte Gott umgesattelt.
~~~ Nun ziehen die Engländer alles, was im französischen Klerus Rang und Namen hat, voran den Bischof von Beauvais und Rektor der Pariser Universität Pierre Cauchon, zu einer Art »Internationalem Gerichtshof« in Rouen zusammen und machen der ketzerischen Aufrührerin den Prozeß. Das Ergebnis ist bekannt: die 19jährige wird am 30. Mai 1431 auf dem Marktplatz von Rouen verbrannt. Bei lebendigem Leibe. 25 Jahre später kam die Reue: unter Karl VII., dem Sprößling jenes Geistesgestörten, wurde Johanna offiziell rehabilitiert, im 20. Jahrhundert gar von zwei Päpsten selig- und heiliggesprochen. Also, wenn das nicht verrückt ist ..?
~~~ Brockhaus versichert, als Johanna Anfang 1929 im Schloß Chinon dem König vorgestellt worden war, habe sie Karl gleich von »ihrer Sendung« überzeugen können und deshalb die Erlaubnis bekommen, das französische Heer »in Männerkleidung» und bewaffnet zu begleiten. Demnach dürfte sie kaum ein vollbusiges Weib wie etwa Tierschützerin Brigitte Bardot gewesen sein, sonst wäre sie ja rasch aufgeflogen. Bardot starb kürzlich mit 91 in Saint-Tropez. Vielleicht war Landsmännin Johanna eine Vorläuferin sowjetrussischer Kugelstoßerinnen oder Brustschwimmerinnen und kam sogar mit dem preiswerten Doping aus, das sie in der häuslichen religiösen Unterweisung genossen hatte. In den spärlichen Quellen zu Jana Černá, genannt Honza, finde ich keine Anhaltspunkte dafür, sie habe sich ebenfalls als irgendeine Sendbotin begriffen. Das ist schon viel wert, wie oft unterschätzt wird. Die Frau verfaßte ihre Untergrundlite-ratur wohl mehr zur Selbstverständigung und zum Spaß und gab sich anscheinend auch sonst verschiedenen Genüssen hin. Umso ärgerlicher ist ihre Hinrichtung unter der gewaltigen Guillotine, die wir im 2o. Jahrhundert unter dem Namen Straßenverkehr errichtet haben.
Johnson, Ken »Snakehips« (1914–41) ~ Im Sommer 1940 hatte sich der Luftkrieg zwischen Deutschland und Großbritannien verschärft, wobei sich beide Seiten zumeist der Mühe enthoben, noch zwischen »militärischen« und »zivilen« Zielen zu unterscheiden. Allerdings hatte nicht Großbritannien den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen. Und jener Verschärfung vorausgegangen waren die netten Überraschungsangriffe der deutschen Luftwaffe auf verschiedene polnische Städte, darunter Warschau, sowie, am 14. Mai 1940, auf Rotterdam. Allein den dortigen Bomben und Bränden, vor allem in der Altstadt, fielen mindestens 800 Menschen zum Opfer; 80.000 wurden obdachlos. Den ersten Angriff auf London flogen die Deutschen dann im September des Jahres.
~~~ Ein halbes Jahr darauf, genauer am Samstag den 8. März 1941, hat die Jazz- und Swingband The West Indian Orchestra einen Abendauftritt in ihrem Londoner Stammclub Café de Paris. Die Band ist bereits durch einige Schallplatten bekannt; sie gilt zudem als erste britische Formation dieser Art, die von einem Schwarzen geleitet wird: Ken »Snakehips« Johnson. Seinen Spitznamen »Schlangenhüfte« verdankt er selbstverständlich seiner Art sich zu bewegen. Er studierte zwar ursprünglich Medizin, nahm dann aber Tanzunterricht beim US-Choreographen Buddy Bradley und hob bald darauf, Anfang 1937, jene Band aus der Taufe, die nun, wie zahlreiche andere Londoner EinwohnerInnen, von einem deutschen Luftangriff ereilt wird. Auf das Gebäude des Nachtclubs fallen zwei Bomben. Unter den 34 Todesopfern befinden sich auch Ken Johnson (26) und weitere Bandmitglieder. Hinzu kamen viele teils schwer Verletzte. Laut damaligem Bericht des Magazins Time, so eine reichbebilderte Webseite*, hatten die MusikerInnen gerade einen ihrer Hits gespielt, Oh Johnny. Man war den heulenden Luftalarm gewöhnt und ließ sich nicht unterbrechen, zumal der Club vermeintlich geschützt im Keller lag. Mindestens eine Bombe war jedoch durch einen Entlüftungsschacht genau aufs Clubparkett gefallen. Später berichtete Augenzeuge Ballard Berkeley, er habe den dunkelhäutigen Bandleader ohne Kopf gesehen, an den Tischen dagegen unversehrt und wie Statuen wirkende Tote, denen die gewaltige Explosion die Luft aus den Lungen gesogen hatte, zwischen ihnen Polizisten, Feuerwehrleute – und Plünderer, die versuchten, den gut betuchten Leichen die Ringe von den Fingern zu ziehen. Das Café de Paris wurde 1948 wiedereröffnet.
~~~ Bakers Ausführungen über die Bombennacht in dem Tanzcafe nehmen bestenfalls das letzte Drittel seines verlinkten Beitrages ein. Er streift noch weitere Prominente und ihre schrägen Schicksale, darunter einen Aufsehen erregenden Mordfall aus dem Jahr 1932. Ich will ihn hier nicht verschmähen, obwohl mir das proletarische Milieu lieber wäre. Schauplatz war gleichfalls London. Nach einer gescheiterten Ehe mit einem angeblich recht gewalttätigen Sänger stürzte sich die 1904 geborene Schauspielerin Elvira Barney anscheinend in die höhere Sex- und Drogenszene der Metropole. In diesem Rahmen zog sie 1932 mit ihrem neuen Geliebten Michael Scott Stephen zusammen, hier und dort als Modegestalter geführt und einige Jahre jünger als sie. Ende Mai kehrte das Paar nach einer erlesenen Sauftour in den frühen Morgenstunden in sein Haus in Knightsbridge zurück und gab Nachbarn Anlaß zu vermuten, es streite oder schlage sich wieder einmal. Elvira habe zum Beispiel aus dem Ersten Stock geschrieen: »Raus! Raus, raus! Ich werde dich erschießen!« Tatsächlich wurde der angeblich bisexuelle Liebhaber kurz darauf mit einem Brustschuß auf der Innentreppe gefunden – er lag in seinen letzten Zügen. Die eigentliche Sensation war jedoch das Gerichtsver-fahren gegen die verdächtige Elvira. Ihre vermögenden Eltern hatten den ehemaligen Generalstaatsanwalt Patrick Hastings für die Verteidigung gewonnen. Dessen Reden als Elviras Rechtsbeistand sollen alle Welt tief beeindruckt haben – sogar die Geschworenen. Sie sprachen Barney nach zweistündiger Beratung frei. Prompt soll die 28jährige, wie Blogger Baker behauptet, kurz nach der Verhandlung auf der Tanzfläche des Café de Paris erneut geschrieen haben. »Ich bin diejenige, die ihren Liebhaber erschossen hat, also schaut mich gut an!« Sehr lange währte ihre Freude aber nicht. Vier Jahre später rissen sie Alkohol, Kokain und dergleichen ebenfalls unter die Erde.
* Rob Baker, https://www.nickelinthemachine.com/2009/09/the-cafe-de-paris-the-trial-of-elvira-barney-and-the-death-of-snakehips-johnson/, 29. September 2009
Das Inkamädchen Juanita endete um 1450 als eine Art Götterspeise auf einem Gipfel der Anden, siehe Genickbruch Pdf 4 Seite 30.
Juel-Przybyszewska, Dagny ~ Das verschwommenste Bild gibt befremdlicherweise ihr Mörder ab. Dabei soll sich dieser gleich auch selber umgebracht haben, nachdem er Anfang Juni 1901 seine knapp 34 Jahre alte Reisegefährtin in ihrem Zimmer des Tifliser Grand Hotels erschossen hatte. Die norwegische Webseite Tidsånd bringt sogar ein Foto, auf dem Władysław Emeryk, der angebliche Doppelmörder, blumengeschmückt im Sarg liegt. Falls es nicht gefälscht ist, konnte der Täter also nicht flüchten. Man hätte in Ruhe 1.000 Fingerabdrücke von dem eher jungen Mann nehmen können – sein genaues Alter wird nirgends genannt. Er wird mal als Sohn eines Zechenbarons, mal als Gutsbesitzer ausgegeben. Vielleicht war er beides. Ein armer Schlucker dürfte er jedenfalls kaum gewesen sein. Außerdem kann es ihm nicht ganz an Höflichkeit ermangelt haben, hält doch die Frankfurter Rundschau ausdrücklich fest, Emeryk habe Dagnys fünfjährigen Sohn Zenon erst geflissentlich aus dem Hotel entfernt*, ehe er seine Pistole entsicherte. Schon von daher war der Mann offensichtlich nicht »spontan« explodiert. Überdies spricht Rüdenauer von Briefen, in denen Emeryk seine gewalttätigen Absichten sogar angekündigt habe. Die Briefe müssen ähnlich undeutlich wie das ganze Mörderprofil gewesen sein. Selbst dem Sohn habe er brieflich erläutert, die Beseitigung der Mutter sei unabwendbar und schicksalhaft.
~~~ Dagny war eine norwegische Arzttochter, Pianistin und Schriftstellerin, die vor allem einen hohen Ruf als Femme fatale genoß. Den hatte sie sich während der 1890er Jahre unter skandinavischen Studenten Berlins erarbeitet. Die vorhandenen Quellen schildern sie ungefähr übereinstimmend als knabenhafte Erscheinung in göttlicher Aura, die so gut wie jeden betört habe, vor allem anscheinend Männer. Zu ihren Geliebten oder Verehrern zählten auch der Maler Edvard Munch und der Dramatiker August Strindberg. 1893 wurde sie jedoch die Ehefrau des polnischen Schriftstellers Stanislaw Przybyszewski, dem sie, bis 1897, zwei Kinder gebar. Ein Jahr darauf zog das Ehepaar nach Krakau, obwohl sich beide Beteiligten längst mit Seitensprüngen überboten. Der Gatte predigte befreiende Unmoral à la Nietzsche. Er beeinflußte oder prägte das literarische sogenannte Junge Polen, heißt es überall, und Emeryk soll zu seinen Jüngern gezählt haben. Ob der Jünger auch in die Gattin vernarrt war, ist umstritten. Jedenfalls unternehmen er und Dagny, nachdem sich das Ehepaar anscheinend Anfang 1901 wieder heftig gestritten hatte, jene verhängnisvolle Reise nach Georgien, wo Emeryk wahrscheinlich Besitzungen hat. Der folgende Doppelmord erregte ungleich mehr Aufsehen, als es bis dahin Juel-Przybyszewskas Dramen und Erzählungen getan hatten. Ihren Gatten stimmte er womöglich froh. Er sei, von Warschau aus, sofort zu seiner Lemberger Geliebten geeilt, heißt es irgendwo. Es gibt auch Stimmen, die aufgrund mancher Anhaltspunkte, darunter der Tod seiner ersten Ehefrau, von einer Verstrickung Stanislaw Przybyszewskis in die Ermordung seiner Gattin munkeln. Angeblich war er streckenweise »Satanist« und bis zu seinem Lebensende alkoholabhän-gig. Er hatte im ganzen sechs Kinder, die zu lieben und zu versorgen er sicherlich einige Mühe hatte. Er starb mit 59.
~~~ Am geschicktesten entließ uns erst kürzlich der Deutschlandfunk aus dem undurchsichtigen Fall.** Er gibt für jeden Geschmack ein Häppchen. Emeryk sei ein »An-hänger« des Gatten gewesen. Der hätte vor Reiseantritt versprochen, nachzukommen – Pustekuchen. Stattdessen knallt es im Hotel. Wikipedia stelle den Mörder als Dagnys neuen Liebhaber dar. Dagnys Übersetzer Lars Brandt schreibe jedoch von der Überzeugung des Mörders, »im Auftrag von Przybyszewski zu handeln. Kristin Valla erzählt dagegen von einer unerfüllten Liebe und der Vorstellung des Mörders, er müsse diese unendlich traurige Frau erlösen.« Naja, diese Verschiebung kennen wir: vom Grambeutel zum rettenden Erzengel.
~~~ Am 29. August 1933 versuchte der 27jährige estnische Schriftsteller August Kirsimägi den Vorfall aus Tiflis in Tallin zu überbieten. Er hatte 1929 Aufsehen mit seinem Roman Puhastustuli (Fegefeuer) um einen draufgänge-rischen Korpsstudenten aus Tartu/Dorpat erregt. Als die Eifersucht nun ihn übermannte, verbrannte er das Manuskript seines neuen Romans, packte seinen Revolver ein und fuhr nach Tallin, um sowohl seine Angebetete und dessen Gatten als auch sich selbst zu erschießen. Es soll sich um das Ehepaar Ilse und Bruno Madisson gehandelt haben. Mehrere Quellen teilen jedoch mit, die Fremdopfer, gestorben 1991 und 1943, seien damals »lediglich« verwundet worden. Kirsimägi dagegen starb wirklich. Er muß, obwohl offiziell noch als Jurastudent eingeschrieben, ein echter Athlet gewesen sein. 1925 habe er den wahr-scheinlich ersten »Stunt« der estnischen Filmgeschichte vorgelegt, indem er in Tartu von einer Steinbrücke in den Fluß Emajõgi sprang. Der Strom durchfließt das halbe Ländchen sowie mehrere Binnenseen und mündet nahe der Grenze zu Rußland in der Ostsee.
* Ulrich Rüdenauer, https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/todesarten-dagny-juel-eine-muede-laessigkeit-der-bewegung-91272990.html, 1. Februar 2022
** Manuela Reichart, https://bilder.deutschlandfunk.de/6d/2e/f9/ee/6d2ef9ee-fba6-4ed2-a85a-7638039f4fb4/kristin-valla-die-schuesse-von-tiflis-100.pdf, 21. März 2025
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