Freitag, 8. Mai 2026
Mordopferlexikon (MOL) Folge 5 [K—Lit]

Inhalt ~ Sergei M. Kaminer + Carmen Kampa + Ghassan Kanafani und Lamees Najim + Roop Kanwar + Fanny Kaplan + Gottfried Kapp + Hans Hermann von Katte + Oskar Kaufmann + Petra Kelly + Jakob Keusen + Elisabeth Käsemann + Emma Kasten und Dora Klages + Clemens August Freiherr von Ketteler + Qosay Khalaf + Amal Khalil + Kintpuash + Elfriede Kloo und Otto Praun (Mordfall Brühne), als Nachtrag mit Lolita Brieger + Alexander Klymenko + Karl Koch + Adriaan Koerbagh + Hans Kohlhase + Lisbeth Kolomak + Heinrich Kurella + Toivo Kuula + Aleko Konstantinow + Mary Jo Kopechne + Allison Krause und Genossen + Gerhard von Kügelgen + Cheda (Elza) Kungajewa und HelferInnen + Alan Kurdi + Robert Kurz + Ferdinand Lassalle mit Gaston Calmette + Erna Lauenburger + Gérard Lebovici + Theodor Lessing + Hans Litten + Stephen Lawrence + Anna Lehnkering + Eugen Leviné + Fürst Felix von Lichnowsky


Kaminer, Sergei Michailowitsch ~ Der Russe aus Nischni Nowgorod an der Wolga war als Ingenieur in der Moskauer Chemieindustrie tätig, begriff sich aber vor allem als Schachkomponist und genoß unter den Experten einen hohen Ruf. Von 1932 bis zu seinem Tod 1938 war er zusammen mit Somow-Nassimowitsch für die Studienabteilung des Schachmagazins 64 verantwortlich.
~~~ In der Schachkomposition, zuweilen auch Problem- oder Rätselschach genannt, geht es vor allem um ästhetische und kriminalistische Gesichtspunkte, die im Wettkampf oft zu kurz kommen. Bei der Studie steht das Ergebnis fest, der Gegner ist nicht leibhaftig anwesend – wichtig ist der Genuß der Lösung, die der Komponist so elegant und raffiniert wie möglich anzulegen hat. Die Studie muß keineswegs mit der Eröffnung einsetzen. Vielleicht gibt es nur noch fünf Figuren auf dem Brett, und nun befiehlt der Komponist dem Schachfreund: »Weiß am Zug gewinnt« oder gar: »Matt in drei Zügen«. In beiden Fällen gibt es nur eine Lösung, während es im Leben, auch der Sportstätten, bekanntlich stets verschiedene, dabei oft kaum abwägbare Möglichkeiten gibt, zu siegen – oder aber unterzugehen..
~~~ Der Schachspieler Michail Botwinnik, nach dem Kriege für Jahre Weltmeister, berichtet*: »Es war Herbst 1937. Ich spielte in Moskau das Match um die UdSSR-Meisterschaft gegen Löwenfisch. Ein unerwarteter Telefonanruf und im Zimmer des Hotels National erscheint Serjoscha Kaminer. „Hier im Heft“, sagt er, „sind all meine Studien, einige noch nicht bis zum Ende ausgearbeitet. Nehmen Sie sie. Ich fürchte, sie werden mir verloren gehen.“ Seine Vorahnung bewahrheitete sich.«
~~~ Der russischen Wikipedia zufolge wurde der 30jährige Kaminer im August 1938 wegen angeblicher konterrevolutionärer Umtriebe verhaftet und am 27. September, wahrscheinlich in Moskau, erschossen. 1956 sei er offiziell rehabilitiert worden.

* Laut deutscher Wikipedia im Vorwort zu einem Buch von R. M. Kofman, Moskau 1981


Kampa, Carmen († 1971) ~ Ihr Fall zählt zu einigen Aufsehen erregenden, verzwickten Mordfällen, die der bekannte linke Rechtsanwalt Heinrich Hannover in seinen Erinnerungen* nachzeichnet. Die 17jährige Schuhverkäuferin wurde am 1. Mai 1971 nach einem Tanzvergnügen gegen Mitternacht auf dem Gelände eines Bremer Vorortbahnhofs vergewaltigt und getötet. Vier Jahre darauf erachtete man den Bauarbeiter B. als ihren Mörder und verurteilte ihn zu 12 Jahren Gefängnis. Allerdings kam er mit »nur« einem knappem Jahr davon, weil es Hannover in der Revision gelang, einen teils haarsträubenden Justizirrtum nachzuweisen. Das Fehlurteil beruhte vor allem auf Verlust beziehungsweise Unterschlagung einer wichtigen Spurenakte und dem leider nicht seltenen Bemühen von Polizei und Justiz, ihr Versagen zu vertuschen. Wahrscheinlich gehört die Unfähigkeit, Fehler oder Schwächen einzugestehen, in der Stufenleiter menschlicher Unzulänglichkeit gleich neben das von Musil hochveranschlagte Vermögen, das eigene moralische Bewußtsein zu spalten, also neben die Doppelmoral.
~~~ B. hatte es den Strafverfolgern leicht gemacht, sich unter etlichen Tatverdächtigen gerade auf ihn zu spitzen. Zunächst verhehlte er, neben seiner Trunksucht, auch seine homosexuelle Neigung nicht – damals schon fast ein Strafgrund für sich. Und dann kam er ihnen überdies in den eigentlichen Ermittlungsfragen mit einiger Einfalt oft entgegen. Anders ausgedrückt: sie stellten die Fallen, er tappte hinein. Hannover trieb jedoch die erwähnte Akte auf, durch die er nachwies, daß ein anderer Hauptverdächtiger, der kleine Gauner und Wachmann H., mindestens genauso verdächtig wie B. war. Er ließ zudem »die extrem geringe Aggressionsbereitschaft« des trinkfreudigen Bauarbeiters gutachterlich feststellen. So wurde B. Ende 1976 freigesprochen und mit einer Haftentschädigung bedacht, die vermutlich nicht Bremens Generalstaatsanwalt Dr. Hans Janknecht auf den Tisch legen mußte. Laut Hannover ließ er noch 1996, also 20 Jahre später, eine Journalistin wissen, er halte den B. nach wie vor für den Täter. Just im selbem Jahr war er, laut Eiken Bruhn, taz vom 28. Juni 2009, »für vielfach kritisierte Durchsuchungen von Bremer Redaktions-räumen und Journalistenwohnungen« verantwortlich gewesen. 2001 durfte der General-Hans, geboren 1936, in Pension gehen. Ob er 2011 noch Zeitung lesen konnte, entzieht sich meiner Kenntnis.
~~~ Mord verjährt nicht. In besagtem Jahr 2011, 40 Jahre nach dem Tod der 17jährigen Disco-Besucherin, soll es der Bremer Kripo in einer aufwendigen Nachstellung des Tatgeschehens gelungen sein, den erwähnten Wachmann H. zweifelsfrei als den wahren Täter zu überführen. Allerding liegt H. schon seit 2003 im Grab.** Also: bessern kann man den nicht mehr. Aber man hat, frei nach Fritz Teufel, immerhin der Wahrheitsfindung oder wenigstens dem eigenen Glanz gedient.

* Heinrich Hannover, Die Republik vor Gericht, einbändige Ausgabe Berlin 2005, S. 433–64
** Thomas Kuzaj, »Nach 40 Jahren: Mordfall Carmen Kampa aufgeklärt«, Kreiszeitung (Syke bei Bremen), 20. August 2011: https://www.kreiszeitung.de/lokales/bremen/hing-einem-haar-1368382.html



Kanafani, Ghassan (1936–72) ~ Zu ihm teilt uns Brockhaus in Klammern mit: ermordet. Daß er in den verhängnisvollen Sekunden nicht das einzige Mordopfer war, verrät uns das Lexikon nicht. Schließlich galt nur Kanafani als prominent. Einst als Kind aus Palästina vertrieben oder jedenfalls geflüchtet, zählte er zu den Führungskräften der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP). Er war etliche Jahre als Redakteur und Erzähler tätig. Berühmt ist er für den Flüchtlingslager-Roman Men in the Sun, 1962. In seiner letzten Zeit wirkte er offenbar, von Beirut aus, hauptsächlich als Repräsentant und Sprecher der PFLP. Ebendort, in der libanesischen Metropole, erwischte es ihn auch, mit 36 Jahren: am 8. Juli 1972 flog sein Wagen, ein Austin 1100, in die Luft. Der israelische Geheimdienst Mossad, so wird fast überall angenommen, hatte eine Autobombe angebracht. Angeblich sollte das die Vergeltung für das »Massaker am Flughafen Lod« (Tel Aviv) von Ende Mai sein. Ob Kanafani den dortigen Anschlag gutgeheißen oder aber mißbilligt hatte, ist umstritten.
~~~ Der Schriftsteller hinterließ seine aus Dänemark stammende Witwe Anni Høver mit zwei Kindern. Seine 17jährige Nichte Lamees Najim hinterließ er nicht. Sie hatte nämlich neben ihm in dem Wagen gesessen. Wer sie im Internet sucht, wird Mühe haben, über die Feststellung hinaus zu kommen, sie sei eben eine Nichte von Kanafani gewesen. Soweit ich weiß, hielt sie sich damals nur besuchsweise in Beirut auf, eingetroffen aus Kuwait. Aber darauf kommt es natürlich nicht an. Kanafanis Gefährdung lag ja auf der Hand; man darf also mindestens annehmen, die Nichte habe ihr Leben durch die Fahrlässigkeit eigener Leute verloren. Diesbezügliche selbstkritische Töne sind mir nicht bekannt. Immerhin wird ihrer auf einer palästina-freundlichen Plattform aus den USA am Ende eines Artikels* zum Gedenken an Kanafani in mehr als nur einem Satz gedacht – allerdings auf recht befremdliche Weise, wie ich finde. Man dürfe selbstverständlich nicht vergessen, bei dem Anschlag kam auch die 17jährige Lamees Najim ums Leben. Statt sie nun gleichfalls zu würdigen, muß sie jedoch für ein Schulbeispiel dogmatischer Moralpredigt herhalten. Sie habe ihren Onkel just am Tag zuvor aufgefordert, sich wieder mehr dem Erzählen zu widmen, denn darauf verstehe er sich. Der Onkel setzte ihr aber, ausweichend, auseinander, wie wichtig der Glaube an die revolutionäre Sache und der Einsatz für diese sei. Ohnedem hätten auch seine Geschichten keine Überzeugungskraft. Das habe ihr schließlich eingeleuchtet. Dafür starb sie dann also anderntags. Von ihren Lebensplänen erfährt man kein Komma.

* Louis Brehony, https://www.palestinechronicle.com/ghassan-kanafani-voice-of-palestine-1936-1972/, 4. September 2017


Kanwar, Roop ~ Die 18jährige Witwe aus dem indischen Dorf Deorala, Rajasthan (ein hinduistisch geprägter Bundesstaat), ließ sich im September 1987 angeblich »freiwillig« mit ihrem verstorbenen Gatten, einem Lehrer, auf demselben Scheiterhaufen verbrennen. Unter den Tausenden von Gläubigen oder Schaulustigen hätte sich vermutlich auch Karoline von Günderrode befunden, die diese Gepflogenheit einmal in einem Gedicht gepriesen hatte* und ohnehin so gern nach Übersee gereist wäre. Im Gegensatz zur Leiche ihres Gatten hockte die Gattin bei der Witwenverbrennung in der Regel noch lebendig auf dem Holzstoß. Soweit ich weiß, wurde sie auch nicht betäubt. Der zunehmende Rauch nahm ihr dann das Bewußtsein. Kaum hatte sich der Rauch jedoch gelegt, begannen die Reliquienverkäufe und die Geldsammlungen für einen Tempel zu Ehren der Sati Roop Kanwar. Die letzten Prozesse gegen Dutzende von Beschuldigten, teils wegen Anstiftung zur Witwenverbrennung, teils wegen deren Verherrlichung, fanden im nächsten Jahrhundert statt. Es gab ausschließlich Freisprüche, zumeist wegen »mangelhafter Beweise«. Einige Beschuldigte waren sowieso schon gestorben. Herabsicht auf Hindus ist unangebracht, weil das grausame Ritual der »Totenfolge« dereinst in fast allen Kulturkreisen vorkam. Selbst unter Russen und bei einigen nordamerikanischen IndianerInnengruppen hielt man es stellenweise hoch. Inzwischen, nach dem Siegeszug rotgrünen Gedankenguts, ist es allerdings weitgehend sublimiert worden. Sobald Neuwahlen ausgeschrieben werden, weil sich die Gesichter des jeweiligen Kabinetts auf den Bildschirmen zu sehr abgenutzt haben, werden auch alle Ministerinnen in die Wüste geschickt. Das heißt gewöhnlich, sie heuern bei einer Panzerschmiede oder einem KI-Entwickler an.

* Die Malabarischen Witwen aus der Lyriksammlung Melete von 1806, posthum veröffentlicht 1906


Die Russin Fanny Kaplan wurde, nachdem sie angeblich auf Staatschef Lenin geschossen hatte, ohne Gerichtsverfahren beseitigt: Genickbruch Pdf 1 Seite 29. Der Schriftsteller Gottfried Kapp kam im Gebäude der faschistischen Geheimpolizei in Frankfurt/Main um: Genickbruch Pdf 3 Seite 18. Der preußische Offizier Hans Hermann von Katte fiel seinem Landesvater zum Opfer: Genickbruch Pdf 1 Seite 77. Der Waltershäuser Gummiarbeiter und Sanitäter Oskar Kaufmann wurde 1932 bei einer Demonstration Polizeiopfer: Genickbruch Pdf 5 Seite 164. Die Spitzengrüne Petra Kelly liebte einen General a.D., der noch eine Pistole besaß: Genickbruch Pdf 3 Seite 25. Durch den Schlagzeuger Jakob Keusen fühlte sich ein Mitbewohner gereizt, bis auch dieser zuschlug: Genickbruch Pdf 3 Seite 133.


Käsemann, Elisabeth ~ Im Herbst 1968 reiste die 21jährige Berliner Soziologie- und Politikstudentin für ein Praktikum nach Bolivien. Obwohl dort bekanntlich die Anden winken, packte Käsemann kein nagelneues professionelles Paar Skier für schlappe 400 Mark ein, von der restlichen »Ausrüstung« zu schweigen. Sie hatte andere Sorgen, die sie prompt dazu bewogen, in Lateinamerika zu bleiben. Angesichts der Armut und der Ungerechtigkeit, die sie gesehen habe, könne sie sich eine Rückkehr zu den »Luxusproblemen Europas« nicht mehr vorstellen, erklärte sie ihrem Vater. Im Gegensatz zur Tochter steht der Tübinger evangelische Theologe Ernst Käsemann sogar im Brockhaus. Er setzte sich später, zu einem guten Teil vergeblich, bei den Behörden für eine Aufklärung des Schicksals seiner ermordeten Tochter ein.
~~~ 1970 nach Buenos Aires gegangen, beteiligte sich Käsemann, die als Sekretärin und Übersetzerin erwerbstätig war, an Sozialprojekten in den Slums. Sie arbeitete auch mit Marxisten oder Trotzkisten zusammen. Anfang März 1977 wurde sie von Schergen der damals in Argentinien herrschenden Militärs verhaftet. Am 25. Mai 1977 meldete die Zeitung Clarín, bei einem Gefecht zwischen Guerilleros und der Polizei seien 16 »Terroristen« umgekommen. Das war eine oft bemühte Beschönigung. Tot waren die Leute schon, aber man hatte sie in der Nacht, wohl nach einigen vorausgegangenen Folterungen in geheimen Kerkern, in Monte Grande (bei Buenos Aires) als wehrlose Gefangene kaltblütig hingerichtet. Zu ihnen zählte auch Käsemann, wie inzwischen als gesichert gilt. Sie starb mit 30. Im Juni konnten die Eltern die Überführung der Leiche erwirken. Sie veranlaßten eine Obduktion, wonach ihre Tochter aus nächster Nähe hinterrücks erschossen worden war.
~~~ Etliche BeobachterInnen behaupten, Botschaft und Regierung (Helmut Schmidt/Hans-Dietrich Genscher) der Bundesrepublik hätten es der guten Beziehungen zu den Militärs zuliebe – winkende Aufträge an deutsche Industrieunternehmen eingeschlossen* – damals vermieden, auf Untersuchung des Verschwindens von Käsemann zu pochen. Möglicherweise hätte sie im gegenteiligen Fall gerettet werden können. Leider ist sie nicht der einzige Fall von verschleppten Deutschen und überhaupt verschleppten Menschen im damaligen Argentinien. Manche schätzen allein die Todesopfer der finsteren sieben Jahre um 1980 auf 20.000 bis 30.000. Sogar Säuglinge wurden geraubt. Jedenfalls blieben die meisten »Desaparecidos« (verschwundenen Verdächtigten) bis heute unauffindbar, soweit ich weiß.
~~~ Jahrzehnte später schwang sich die Bundesregierung, wenn auch nur auf Betreiben der deutschen Koalition gegen Straflosigkeit in Argentinien, immerhin zu einer Nebenklage auf, als führende Mitglieder der Militärjunta in Argentinien vor Gericht kamen. Um 2011 wurden einige hohe Haftstrafen verhängt. Seit 2012 gibt es in Tübingen eine Elisabeth-Käsemann-Straße. Die Mutter (Margrit) wird kaum erwähnt. Der Vater wurde noch 91. Allerdings soll er (1998) ziemlich verbittert gestorben sein. Und das nicht nur wegen des Todes seiner Tochter und dessen Verleugnung durch staatliche Stellen. Die selbstgerechte, wohlstandssatte sogenannte Freie Marktwirtschaft stehe in der Tradition des Imperialismus. Die Kirche sei ihr getreues Spiegelbild, habe der Theologe und Professor im Ruhestand befunden.

* Winfried Hansch, https://amerika21.de/analyse/172409/kaesemann-mord-brd-regierung, 30. März 2017


Kasten, Emma und Klages, Dora ~ Es war ein Aufsehen erregender Kriminalfall des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der etwas später auch in eine vielgenutzte Sammlung des Gerichtsreporters und Buchautors Hugo Friedländer einging.* Möglicherweise stellte ihn Friedländer aber etwas schief oder lückenhaft dar. Ich halte mich hauptsächlich an einen erst kürzlich erschienenen Gedenkartikel** aus der Heimatstadt Hameln des jüngeren Mordopfers, Dora Klages. Die 17jährige Hotelierstochter soll bildhübsch gewesen sein. Die äußere Erscheinung der 30jährigen Haushälterin Emma Kasten aus Minden wird, soweit ich sehe, nirgends erwähnt. Jedenfalls scheint Raubmörder Fritz Erbe sie als Sexualobjekt verschmäht zu haben. Nach Journalistin Gesa Snell hätten die Gerichte nur im Fall Dora Klages’ eine »sexuelle Komponente des Mordes« festgehalten. Erbe habe sich offenbar an ihrer Leiche vergangen, bevor er diese, gemeinsam mit seiner Kumpanin Buntrock, im Wald verscharrte.
~~~ Beide Frauen waren im Laufe des Sommers 1890 vermißt worden. Die Leiche von Kasten wurde im folgenden Jahr bei Magdeburg im Neuhaldenslebener Wald, die von Klages in einem Wald unweit von Eschede (bei Celle) gefunden. Die jungen Damen hatten in norddeutschen Zeitungen ein chiffriertes Inserat gelesen, wonach eine Grafenfamilie eine Reisebegleiterin bei hohem Gehalt und guter Verpflegung zu sofortigem Antritt suche. Sie gerieten an die angeblich beauftragte »Stellen-vermittlerin« Dorothee Buntrock, Mitte 30, in Wahrheit eine gelernte Schneiderin, die inzwischen als Lehrerin der Wäschezuschneidekunst an einer Mädchenschule in Osnabrück unterrichtete. Der erwähnte Fritz Erbe – ein gelernter Glaser, später Zuchthäusler, dann Losverkäufer – war ihr etwa gleichaltriger Komplize, mit dem sie in »wilder Ehe« lebte. Auf die »Stellenanzeige« hatten noch einige andere junge Frauen angebissen, die ihrem Tod teils nur durch Zufall, teils durch rechtzeitigen Argwohn entgingen. Während in der Presse meist von Raubmorden die Rede war, bleiben die Motive des Verbrecherduos doch unklar. In beiden Mordfällen war die Beute gering. Sie bestand im wesentlichen aus etwas Schmuck und den Kleidern der Opfer. Kasten hatte zudem 60 Mark dabei gehabt, Klages dagegen »nicht einen Pfennig«, wie Buntrock vor Gericht beklagte. Und obwohl die BetrügerInnen diesen ernüchternden Umstand vorher erfragt hatten, konnte sie dieser nicht von der schrecklichen Gewalttat abhalten. Beide Opfer waren im Walde – auf dem Anmarsch zu dem angeblichen Grafenschloß – hinterrücks überwältigt und geradezu »geschlachtet« worden, so einen Sommer darauf Landgerichtsdirektor Polte beim Prozeß in Magdeburg. Ich erlasse mir Einzelheiten. Nach der Zerstückelung hatten Buntrock/Erbe die Leichen(teile) vergraben, zu welchem Zwecke sie einen »Kinderspaten« mit sich geführt hatten. Der Polizei halfen später Hunde.
~~~ Makabererweise war Buntrock zu diesem Zeitpunkt schon hochschwanger. Sie gebar kurz darauf in Hannover ein Kind, vermutlich eins von Erbe. Übrigens halte ich es für sehr wahrscheilich, daß sie bei der erwähnten Vergewaltigung im Walde, die 17jährige mag tot gewesen sein oder nicht, notwendigerweise sozusagen Schmiere stand. Das wäre ohne Zweifel ein besonders starkes Stück gewesen. Ansonsten weisen einige BeobachterInnen auf so etwas wie Buntrocks »Kleiderfetischismus« hin. Im Prozeß hatte die »ziemlich elegante brünette Person« (Celler Zeitung) unverblümt und entsprechend schockierend ausgesagt, es wäre doch schade gewesen, diese gutgearbeiteten und gefälligen Kleidungsstücke der Opfer, wie diese selber, im Walde verrotten zu lassen. Sie seien »so hübsch« gewesen – die Kleider. Tatsächlich trug Buntrock sie später auch, wie die Ermittlungen ergaben. Auch Snell hebt Buntrocks Vernarrtheit in erlesene Kleidung hervor. Gegen diese verrückte Walküre muß Gefährte Erbe ein Schatten gewesen sein: ein blasser, dürrer, x-beiniger Tropf mit lächerlichem Hänge-schnauzer, wie einer Fotografie bei Snell zu entnehmen ist. Gleichwohl betätigte sich dieser Schatten als Schlachter, und vor Gericht war er unverfroren darum bemüht, jede nennenswerte Tatbeteiligung von sich zu weisen und die Schuld auf seine Geliebte und einen angeblichen, wohl erfundenen Nebenbuhler abzuwälzen. Der Prozeß mündete in zwei Todesurteilen, die ein Jahr darauf mit dem Beil des preußischen Scharfrichters Friedrich Wilhelm Reindel am Gerichtsort vollzogen wurden.

* Hugo Friedländer, Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung, 1911–21, Band 1, S. 163–70
** Gesa Snell, https://www.dewezet.de/lokales/hameln-pyrmont/hameln/crime-history-wie-ein-grausames-duo-im-19-jahrhundert-ein-maedchen-aus-hameln-ermordete-TAUOCZY6DZDOBBFCAJZSZWA2CE.html, Deister- und Weserzeitung (Hameln) 8. September 2025



Ketteler, Clemens August Freiherr von (1853–1900) ~ Der preußische Major und Diplomat hielt sich am 18. Juni seines Todesjahres auf dem Wege ins Pekinger Außenministerium gerade in einer Sänfte auf, als er von seinem jüngsten Posten als deutscher Gesandter flog. Der 46jährige kippte aus der Sänfte, weil ihn ein einheimischer Unhold aus nächster Nähe in den Kopf geschossen hatte. Dolmetscher Heinrich Cordes war Augenzeuge des heiklen Zwischenfalls, der unseren Kaiser veranlaßte, den sogenannten Boxeraufstand niederzuwerfen und in diesem Rahmen seine berühmte Hunnenrede vom Stapel zu lassen. Seitdem darf es kein Chinese mehr wagen, einen Deutschen »auch nur scheel anzusehen«, geschweige denn mit einem Sturmgewehr aus dem schwäbischen Städtchen Oberndorf zu erschießen.


Khalaf, Qosay ~ Der nach Deutschland geflüchtete junge Iraker aus der verfolgten jesidischen Volksgruppe, inzwischen 19 Jahre alt und angeblich Drogensüchtiger, kommt Anfang März 2021 in der Stadt Delmenhorst (bei Bremen) nach einer Polizeirazzia im Wollepark in Haft und noch am selben Abend ins Krankenhaus. Am nächsten Abend ist er tot. Bekannte sind entsetzt und ahnen Schlimmes. Ein taz-Reporter geht der Sache nach. Einige Wochen später läßt er in seinem ausgezeichneten Hintergrundbericht* einen Freund des Verstorbenen (Deckname Hamudi A.) zu Wort kommen, der damals mit Quosay auf besagter Parkbank einen Joint rauchen wollte. Als sich zwei forschende Gestalten nähern, die Quosay als Zivilpolizisten erkennt, zieht es der Iraker vor, sich rasch zu entfernen. Doch die Polizei verfolgt ihn. Es kommt zu einem Handgemenge, bei dem es offenbar keine Augenzeugen gibt. Als Hamudi, zwischenzeitlich von der Polizei an die Parkbank gefesselt, den Ort des Handgemenges erreicht, liegt sein Freund bereits mit Handschellen auf dem Boden, dabei ein Polizistenknie im Rücken. Für Hamudi wirkt er entkräftet und gefährdet. Doch die Polizisten und Rettungskräfte behaupten, Quosay schauspielere nur, und bereiten im Stillen bereits ihr übliches Märchen vor, der Verfolgte habe sie brutal angegriffen und so weiter. Am selben Abend meldet die Videokamera in der Zelle, der neue Häftling kollabiere. Man bringt ihn ins Krankenhaus. Fotos aus dem Krankenhaus zeigen Quosay, inzwischen an Schläuchen hängend, in übelster Verfassung. Seine Laken sind zum Teil von Blut durchtränkt. Gegen Abend des nächsten Tages hört sein Herz auf zu schlagen – der junge Mann ist gestorben.
~~~ Laut Trammer ist in den ersten Tagen nach dem Tod Khalafs in Delmenhorst von einem bedauerlichen Unglücksfall die Rede. Die zuständige Oldenburger Staatsanwaltschaft habe zunächst nur ein Todesursachen-Feststellungsverfahren eingeleitet. Im übrigen habe der Oldenburger Polizeipräsident Johann Kühme im Rundfunk betont: »Es gibt keine Ermittlungen gegen meine Polizeibeamten in Delmenhorst. (…) Sie haben mein volles Vertrauen.« Seine Polizisten sind, wie überall in Deutschland, ausgesprochen fremdenfreundlich gestimmt, denn er hat sie alle persönlich ausgesucht.
~~~ Im Lauf der nächsten Wochen nehmen sich Angehörige und Freunde des Opfers Rechtsanwälte, um vielleicht Aufklärung und Gerechtigkeit zu erzwingen. Daraufhin scheinen sich die Behörden zu Ermittlungen wegen Unterlassener Hilfeleistung und Fahrlässiger Tötung zu bequemen. Die UnterstützerInnen versichern, Quosay sei kerngesund gewesen. In seinem Blut wurden außer Marihuana keine Drogenspuren gefunden. Wie kann da ein Häftling über nacht sterbenskrank werden?
~~~ Ende des Tatjahres meldet der taz-Reporter, die Staatsanwaltschaft habe sämtliche Ermittlungen eingestellt. Das scheint, in juristischer Hinsicht, der letzte Stand im Fall Khalaf zu sein. Im Folgejahr gibt das bekannte Komitee für Grundrechte und Demokratie e.V. einen allgemeinen Umriß über Todesfälle in Polizeigewahrsam**, der einen schon erschrecken kann.

* Michael Trammer, https://taz.de/Gefluechteter-stirbt-in-Delmenhorst/!5762525/, 23. April 2021, außerdem https://taz.de/Ermittlungen-im-Fall-Qosay-Khalaf/!5821955/, 29. Dezember 2021
** https://www.grundrechtekomitee.de/details/unabhaengige-polizeibeschwerdestellen-ein-mittel-gegen-todesfaelle-in-polizeigewahrsam, 11. August 2022



Khalil, Amal, Journalistin der in Beirut erscheinenden, der Hisbollah nahe stehenden Tageszeitung Al Akhbar. Die 43jährige war zuletzt gemeinsam mit der Fotografin Zeinab Faraj im Südlibanon unterwegs, um die Zerstörung grenznaher Dörfer durch die israelische Armee zu beobachten. Seit 2024 hatte Khalil bereits wiederholt Drohungen israelischer Agenten oder Offiziere erhalten, die sie einschüchtern und verscheuchen sollten. Nun, am 22. April 2026, machten ihre Widersacher ernst, wie unter anderem die langjährige Nahost-Korrespondentin hiesiger Blätter Karin Leukefeld berichtete.* Danach wurden bei Al Tiri zunächst das Begleitfahrzeug und das eigene Auto der Journalistinnen durch israelische Drohnen ausgeschaltet. Die beiden ortskundigen Begleiter kamen um. Die Journalistinnen, noch auf den Beinen, flüchteten sich Schutz suchend in ein nahes Haus. Das sei jedoch bald darauf gezielt von einem Kampfjet der israelischen Luftwaffe bombardiert worden. »Erst später erhielt das Rote Kreuz die Durchfahrtgenehmigung und evakuierte zunächst die zwei Toten und Zeinab Faraj, die am Kopf verletzt war und ein Bein gebrochen hatte. Während der Fahrt zum Krankenhaus in Tibnin wurde das Rettungsfahrzeug von israelischem Militär beschossen, wie Einschusslöcher in dem Fahrzeug zeigen. Amal Khalil war unter den Trümmern des bombardierten Hauses verschüttet und konnte erst spät am Abend und unter Einsatz von schwerem Gerät geborgen werden. Die Rettungshelfer fanden Amal Khalil in einer Ecke des Hauses unter Trümmern. Sie hatte den israelischen Angriff nicht überlebt.«

* Karin Leukefeld, https://www.nachdenkseiten.de/?p=149535, 24. April 2026


Kintpuash alias Captain Jack ~ Wahrscheinlich ist sein Fall bezeichnend für das Trauerspiel der Hintergehung und Aufreibung der von der »Zivilisation« bedrängten IndianerInnen Nordamerikas. Er war ein Häuptling der Modoc, geboren um 1837. Dieser Stamm lebte in Süd-Oregon, also an der US-Nordwestküste, im Kaskadengebirge. Den Kosenamen »Captain Jack« hatten ihm weiße SiedlerInnen verpaßt, weil er eine Zeitlang eine abgelegte oder erbeutete blaue US-Uniformjacke zu tragen pflegte. Vielleicht war der Name auch der Einfalt geschuldet, mit der Kintpuash über Jahre hinweg auf den friedlichen Weg schwor, auf Verhandlungen und Verträge also, und ein wohlwollendes Miteinander. Aber der Strom der SiedlerInnen riß nicht ab und ihre Ansprüche wurden immer unverschämter. Um 1865 hatten sie erreicht, daß sich die noch vorhandenen Modoc, vielleicht ein paar Hundert, ins bereits bestehende Reservat der Klamath abschieben ließen, einem verwandten Indianerstamm derselben Gegend. Die Klamath jedoch pochten auf ihr Erstgeburtsrecht, verboten den Modoc Feuer zu entfachen und zu jagen und schikanierten sie so lange, bis sich zwei Modoc-Sippen unter Kintpuash und Hooker Jim im Frühjahr 1870 entschlossen, an den Lost River zurückzukehren, in ihre alte Heimat. Sie schlugen ihre Zelte oberhalb des Tula-Sees auf.
~~~ Die SiedlerInnen protestierten, und nach wiederholtem Drängen an höherer Stelle kamen 1872 gut bewaffnete Soldaten. Kintpuash wollte sich ihrem General Jackson eigentlich ergeben, doch andere wehrten sich, es gab Tote, die IndianerInnen flüchteten. Nun strebten sie den heiligen Ort der Modoc, die Lava Beds südlich des Tula-Sees an. Es ist ein zerklüftetes, karges Gebiet mit zahlreichen Kratern und Höhlen. Die beiden Häuptlinge verschanzten sich mit ihren rund 50 Kriegern und rund 100 Frauen und Kindern auf einem Schlackenkegel unweit des Seeufers. Etliche geheime Gänge boten Nachschub- und Fluchtmöglichkeiten, sodaß sie zunächst der Belagerung durch die sie verfolgenden Truppen unter General Edward Canby widerstanden. Er soll strecken-weise weit über 1.000 Mann, zudem Mörserbatterien aufgeboten haben. Daneben kam dem Militär jedoch erneut die Zwietracht im feindlichen Lager zugute. Dieses Mal wünschten Hooker und andere Wortführer vorgetäuschte Verhandlungen mit den Yankees, um deren Chefs zu töten. Kintpuash ließ sich schließlich »überzeugen« – nach Drohungen und dem Vorwurf, er sei ein feiges Weib. Bei dem Treffen kam es, nach Plan, zu einem Handgemenge, bei dem der General (eigenhändig durch Kintpuash) und ein dolmetschender Priester getötet wurden. Vor diesem Zwischenfall hatten Hookers Leute auch schon mindestens ein Dutzend SiedlerInnen umgebracht – angeblich aus Rache für einen Überfall der Yankees auf ihr Lager, der etlichen Stammesangehörigen das Leben gekostet hatte. Wie sich versteht, wurden die Modoc jetzt erst recht gejagt. Sie mußten ihre »Bergfestung« unter großen Verlusten preisgeben und tiefer in die Lava Beds fliehen. Dabei kam es zu weiteren Streits über die Taktik. Die beiden Häuptlinge überwarfen sich – und Hooker lief zum Feind über, der ihn und seine Leute nun als Scouts einsetzte. Im Juni 1873 mußte Kintpuashs auf rund 50 Personen geschrumpfte Schar die Weiße Fahne hissen.
~~~ Bald darauf stand Kintpuash mit fünf anderen Kriegern in Fort Klamath vor einem sogenannten Militärgericht. Man warf ihnen unter anderem jene vom designierten Verräter Hooker angestoßenen Morde am General und dem Priester vor. Ein Verteidiger stand ihnen nicht zur Verfügung. Am Urteil konnte ohnehin kein Zweifel bestehen, denn der Galgen wurde bereits vorm Gerichtsgebäude aufgeschlagen, während der Prozeß noch im Gange war. Da es in Washington zu gewissen Protesten kam, sprach US-Präsident Grant in zwei Fällen Begnadigungen aus. Der inzwischen ungefähr 36jährige »Captain Jack« befand sich unter den verbliebenen vier Verurteilten: Kintpuash, Schonchin John, Black Jim, Boston Charley.* Sie wurden am 3. Oktober 1873 aufgeknüpft.
~~~ Hooker Jim und seinen Anhängern hatte man wegen der Schützenhilfe Straffreiheit gewährt. Laut Donald B. Ricky** war Kintpuash in seinem Schlußwort vor Gericht kurzangebunden auf sie eingegangen: »Hooker Jim ist derjenige, der in einem fort kämpfen und töten wollte. Nicht ihr weißen Männer habt mich besiegt; es waren meine eigenen Brüder.« Man steckte Hooker und rund 150 Modoc, die noch übrig geblieben waren, in ein Reservat in Oklahoma – das lag rund 2.000 Kilometer östlich. 1909 durften die letzten 51 Modoc wieder in ein Reservat nach Oregon umsiedeln. Vielleicht stellte man ihnen für die erneuten 2.000 Kilometer einen mit Plüschmöbeln und Seidenvorhängen ausgestatteten Salonwagen der Eisenbahn zur Verfügung.

* Boyd Cothran, https://www.oregonencyclopedia.org/articles/kintpuash_captain_jack/, Stand 18. März 2024
** Indians of Oregon, USA 1999



Kloo, Elfriede und Praun, Otto ~ Eigentlich ist der berühmte bayerische Mordfall Brühne (1960) nur erwähnenswert, weil wir in ihm, wie Cassier betont*, einen vergleichweise frühen und drastischen Fall bundesrepublikanischer Vorverurteilung haben. Diesen keineswegs unerheblichen Zug des demokratischen Rechts- und Meinungsmacht-Staates habe ich schon früher gestreift, etwa beim Entführungsfall Ursula Herrmann. Hier nun hatte man den Arzt Praun und dessen Haushälterin=Geliebte Kloo in der ärztlichen Villa am Starnberger See erschossen aufgefunden. Der Verdacht fiel rasch auf die blonde Lebedame Vera Brühne, geboren 1910, aus der Münchener Schickeria, die anscheinend stark an dem üppigen Erbe des Arztes interessiert gewesen war. Und die lieben Medien schossen nun gleichfalls aus allen Rohren, um aus der gefälligen Mutmaßung von dem habgierigen Vampir eine Tatsache zu machen. Cassier schildert das. Und er weist auch auf mehrere Lücken oder Schwachstellen in der Beweiskette gegen Brühne hin, so beispielsweise den Todeszeitpunkt betreffend. Nach dem Grundsatz, im Zweifel für den Angeklagten, hätte Brühne somit niemals in den Knast wandern dürfen. Aber sie bekam (1962) Lebenslänglich. 1979 wurde sie allerdings, wegen der angedeuteten Zweifel, von Ministerpräsident F. J. Strauß begnadigt. Sie selber hatte den Tatvorwurf stets bestritten. Sie starb 2001 mit 91.

* Philip Cassier, https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article235638198/Vera-Bruehne-Schon-vor-dem-Urteil-war-sie-Moerderin-und-gieriges-Luder.html, 14. Dezember 2021


Wie es aussieht, habe ich in der ersten Folge durch ein Versehen Lolita Brieger übergangen. Die 18jährige Näherin wurde 1982 in einem Eifeldorf von ihrem »Liebhaber« getötet und auf einer Müllkippe verscharrt, siehe Genickbruch Pdf 2 Seite 127.


Klymenko, Alexander (Oleksandr) ~ Der ukrainische »Leichtathlet«, 1 Meter 95 groß und 115 Kilogramm schwer, Europameister im Kugelstoßen (20 Meter 78) des Jahres 1994, hängte seine Karriere als shot putter, so der englische Name, bald darauf an den Nagel, um sich künftig naheliegenderweise als bodygard zu versuchen. Er lebte in Kiew. Als sich Klymenko ebendort am 7. März 2000, kurz vor seinem 30. Geburtstag, in eine Schießerei verwickelte, soll er allerdings als Autoverkäufer tätig gewesen sein. Er trug vier Schußwunden davon, an denen er starb. An seiner Beerdigung nahmen rund 300 Sportkameraden, Trainer und Geschäftsfreunde oder -feinde teil.* Weitere Einzelheiten, etwa aus polizeilichen Ermittlungen, wurden der Weltöffentlichkeit bislang nicht verraten.

* https://www.worldathletics.org/news/news/alexander-klimenko-dies-in-shooting-incident, 13. März 2000


Koch, Karl ~ Der frühe Computerfreak aus Hannover, geboren 1965. wurde nur 23. Meist wird er zu den Pionieren der deutschen, mehr oder weniger anarchistisch gestimmten »Hacker«- und »Chaos-Computer-Club«-Bewegung gezählt. Man fand seinen verkohlten Leichnam Anfang Juni 1989 bei Gifhorn, Niedersachsen, in einem Wald. Neben ihm lag ein zerschmolzener Benzinkanister. Der knochentrockene Wald stand noch unversehrt im Hahnenmoor.
~~~ Der berufslose junge Mann, 1984 durch den Tod seines Vaters zu Geld und einem neuen, damals noch sehr neuen Computer gekommen, und ein paar Mitstreiter-Innen hatten durch einige spektakuläre »Einbrüche« in Computernetzwerke Aufsehen erregt und sich dann wahrscheinlich in geheimdienstliche oder andere kriminelle Aktivitäten verstrickt. Möglicherweise waren sie von ihrer »Allmacht« berauscht und insofern vom antiautoritären Pfad abgekommen. Einem in Ostberlin stationierten KGB-Offizier sollen sie wiederholt Material auf Disketten verkauft haben, um dadurch mitzuhelfen, den IT-Rückstand des »Sozialistischen Lagers« zu verringern.* Um 1987 kam man dem Grüppchen jedoch ansatzweise auf die Spur. Koch bekam plötzlich kalte Füße und offenbarte sich dem westdeutschen Verfassungs-schutz, später auch Rundfunkreportern. Nun hatten die Hannoveraner Hacker das BKA und die Justiz am Hals, was sie vermutlich mehrheitlich nicht so schön fanden. Bei diesem Fall liegt viel im Dunkeln. Selbst der Obduktions-bericht wird bis heute unter Verschluß gehalten.** Wenn das nicht verdächtig ist, fresse ich meine Speicherkarten.
~~~ Über Kochs Motiv zum »Verrat« wird gemutmaßt, er habe Angst vor Strafe (wegen Spionage) gehabt und sich nun Milde erhofft. Für den Februar 1990 war im damaligen Verfahren gegen die Hacker eine Urteilsver-kündung erwartet worden. Doch vorher ereilte Koch, statt Milde, der Tod. Ferner waren zumindest bei Koch, dem »Aussteiger«, zunehmend Aberglaube, kostspieliger Drogenkonsum sowie seelische Probleme im Spiel gewesen, die den jungen Mann aus zerrüttetem Elternhaus vorübergehend sogar in eine Psychiatrische Klinik geführt hatten. Ob er sich das Benzin eigenhändig über den geplagten Kopf goß oder aber »beseitigt« wurde, damit er nicht noch mehr ausplaudere, ist nach wie vor ungeklärt.

* Peter Welchering, https://www.deutschlandfunkkultur.de/hacken-im-kalten-krieg-von-den-anfaengen-des-cyberwars.976.de.html?dram:article_id=440916, 13. Februar 2019
** https://www.derstandard.de/story/3000000198061/23-bei-sky-ueber-den-mytod-des-kgb-spions-und-hackers-karl-koch, 4. Dezember 2023



Koerbagh, Adriaan (1633–69) ~ Der studierte Mediziner und Jurist, Sohn eines Amsterdamer Steingutherstellers, gilt als selten radikaler Vertreter der frühen Aufklärung, was ihm schließlich auch, 36 oder 37 Jahre alt, das Leben gekostet haben dürfte. Er veröffentlichte mehrere Bücher auf Holländisch, die die Fachsprache der Theologen und Juristen als Täuschungs- und Herrschaftsmittel entlarvten, die Bibel als Menschenwerk herabsetzten und die Naturwissenschaften priesen. Was Wunder, wenn ihn auch die niederländische »reformiert« Kirche verfolgte. Nach einer Flucht ins autonome Culemborg und schließlich nach Leiden, wo er versteckt lebte, wurde er von einem Utrechter Drucker und einem bezahlten Spitzel verraten und 1668 wegen »Blasphemie« zu einer hohen Geldstrafe und 10 Jahren Haft verurteilt.* Ob man ihn ins berüchtigte Amsterdamer Zuchthaus Rasphuis steckte, sei nicht sicher belegt, heißt es im Ausstellungskatalog. In dieser Einrichtung hatten Männer Tropenholz zu reiben, um Pigmente für die Farbenindustrie zu gewinnen. Es gab auch ein Spinhuis, für weibliche Häftlinge. Jedenfalls erlag der verurteilte Freidenker schon nach einem Jahr einer Krankheit beziehungsweise den harten Haftbedingungen.
~~~ Zu allem Unglück war auch Koerbaghs geringfügig jüngerer Bruder Johannes verfolgt und verhaftet worden. Beide hatten aufgrund eines Erbes ihres früh verstorbenen Vaters studieren können. Sie verehrten zumindest anfänglich die Schriften des etwa gleichaltrigen jüdischen Philosophen Baruch de Spinzoa, den sie auch persönlich kennenlernten. Johannes studierte vor allem Theologie, bekam aber nach dem Abschluß kein Amt. Zwar mußte man ihn nach dem Prozeß in Amsterdam wegen Beweismangels wieder frei lassen, zumal Adriaan alle »Schuld« auf sich genommen hatte, doch auch Johannes Koerbagh starb schon 1672. Warum oder woran, geht aus meinen Quellen nicht hervor.

* Ausstellungskatalog https://spinozahuis.nl/wp-content/uploads/20191108-Expositieboekje-Adriaan-Koerbagh-Engels.pdf von 2019


Kohlhase, Hans, geboren um 15oo, Kaufmann im Lebensmittel-Zwischenhandel aus Cölln an der Spree. Obwohl ich Händler eher hasse, ist mir der Mann, so wie ihn Wolfgang Ribbe (in der Neuen Deutschen Biographie 12 von 1980) gibt, eigentlich recht sympathisch. Dannach reiste Kohlhase im Herbst 1532 zur Leipziger Michaelismesse. In Wellaune unweit der Mulde nahmen ihm jedoch Gefolgsleute des sächsischen Adligen Günter von Zaschwitz widerrechtlich die Reisepferde weg. Dadurch verpaßte Kohlhase die günstigsten Messetermine und sah sich so gut wie ruiniert, da er ohnehin schon Kreditschulden am Halse hatte. Er wandte sich zunächst an das junkerliche Schloß Schnaditz – wo man ihn durch das Ansinnen verhöhnte, er könne seine Pferde gerne auslösen. Dann weigerten sich auch die brandenbur-gischen und sächsischen Kurfürsten, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Daraufhin platzte ihm der Kragen: er sagte dem sächsischen Adel im März 1534 brieflich Fehde an. Nun strömten ihm etliche Unzufriedene aus allen Volksschichten zu, die ihm bei seinen Brandschatzungen und Überfällen mit Vergnügen halfen. Damit erhob sich im Grunde der Aufruhr, den man sich höchstens von den zurückliegenden Bauernkriegen erwartet hatte. Bei diesen Rache- und Beutezügen sei es Kaufmann Kohlhase nie um Bereicherung gegangen, behauptet Ribbe. Der Anführer versorgte eben seine Leute und teilte auch an andere Bedürftige aus. Zum Teil setzten sich sogar Adelige und Geistliche bei den Landesherren für sein Rechtsbegehren ein, doch ein Jüteborger Schlichtungsvertrag von Ende 1534 wurde von Johann Friedrich I. annulliert. Damit war auch Martin Luthers Mahnung an Kohlhase verpufft, seine Fehde nicht wieder aufleben zu lassen. In den folgenden Jahren seien allein in Brandenburg 160 Städte und Dörfer der Unterstützung des Kohlhase bezichtigt worden. Die verfolgenden Landesbehörden kannten keine Gnade. Viele BewohnerInnen seien gefoltert und hingerichtet worden. Als Kohlhase schließlich Anfang Februar 1540 einen kurfürstlichen Silbertransport überfiel und die Barren als Pfand einbehielt, habe Joachim II. Rot gesehen. Er habe den Kohlhase »mit dem Versprechen des Freien Geleits« zu Verhandlungen nach Berlin eingeladen – ließ ihn und seine Begleitung freilich unverzüglich festnehmen und machte dem Aufrührer den Prozeß. Im Ergebnis sei Kohlhase vor dem Strausberger Tor in Berlin gerädert worden.
~~~ Von dieser einigermaßen verbürgten Begebenheit ließ sich Heinrich von Kleist zu seiner berühmten, erstmals 1810 vollständig veröffentlichten Novelle Michael Kohlhaas anregen, wie manche vielleicht noch nicht wissen. Für mich handelt es sich um ein streckenweise langweiliges Manifest des Versöhnlertums. Kleist gestattet sich Umständlichkeiten und Wiederholungen, einen Sack voll furchtbar verschachtelter Sätze, vermeidet dafür Absätze, die der Übersichtlichkeit gedient hätten. Sein üppiges Personal ist oft nur schwer auseinander zu halten. Zu allem Unglück baut er Szenen oder Handlungsstränge ein, die zur Sache wenig oder gar nichts beitragen, etwa ein »Amulett«, dessen geheimnisvoller Inhalt am Schluß vom Helden auf dem Schafott verschluckt wird, oder des Helden Gattin Lisbeth, die auf einem Bittgang nach Berlin sterben muß. Aber das verstärkt natürlich die Rührseligkeit. Zwar wird auch bei Kleist die Zusage auf Freies Geleit gebrochen, doch das hält der festgesetzte »Roßkamm« am Ende für tragbar, weil ihm die kurfürstlichen Behörden dafür die Gäule wiederbeschafft und den diebischen Junker ein bißchen bestraft haben (zwei Jahre Haft). Damit ist die Staatsräson gerettet. Der Staat ist wieder im Lot – die Klassen und die Eigentums- und Machtverhältnisse bleiben, wie sie sind. Kleists Aufrührer, der gar keiner war, ist mannhaft bereit, seinen unverzeihlichen, selbstherrlichen »Landfriedensbruch« zu büßen. So läßt er sich auf dem Markt von Dresden geradezu frohgemut den Kopf abschlagen. Martin Luther und der liebe Gott werden seinen Hut vor ihm ziehen.
~~~ Die ärgerlichste Prise Kleistscher Hinzudichtung dürfte der Größenwahn sein, in den er seinen Helden stolpern läßt. Gewiß kennen wir diesen Zug von fast allen wirklichen Machthabern, doch an denen zeigt Kleist ihn nicht. Er benutzt ihn lediglich, um Michael Kohlhaas schlecht zu machen. Nachdem sich dieser im beschlagnahmten Schloß Lützen (bei Leipzig) festgesetzt hat, erläßt er seine »Mandate« von diesem Sitz der »provisorischen Weltregierung« aus. Er empfindet sich jetzt als Statthalter des Erzengels Michael. Zieht er neuerdings aus dem Schloß, wird ihm »ein großes Cherubschwert« vorangetragen, »auf einem rotledernen Kissen, mit Quasten von Gold verziert«, und dann folgen ihm noch zwölf Knechte, die Fackeln tragen, ob es nun dunkel ist oder nicht. Wäre ich damals Hofnarr gewesen, hätte ich wahrscheinlich einen Haufen noch dampfender Pferdeäpfel auf das rote Lederkissen geschmuggelt.
~~~ Aber besser noch. Ich hätte an Stelle des verblendeten Roßkamms die Fehde begraben und stattdessen mit Hilfe meiner Reichtümer, Waffenvorräte und Sympathien eine Freie Zwergrepublik ausgerufen, vielleicht als Pufferland zwischen Sachsen und Brandenburg. So lassen sich diese gegebenenfalls gegeneinander ausspielen. Landeigentum ist jedenfalls unverzichtbar. Sind nämlich Pferdediebe sicherlich schon lästig genug – was soll man erst von gewissen Zweibeinern halten, die sich Junker, Herzöge, Bischöfe nennen und die eigenmächtig ganze Landstriche und Einflußzonen klauen? Wie sich versteht, wird die neue Republik, nach außen, ausschließlich durch ihren jederzeit abwählbaren Rat vertreten. Mir persönlich wird man vielleicht den Posten des Lützener Turmschreibers anbieten. Ich werde ihn allerdings ablehnen und lieber zu den berittenen Postboten gehen, siehe Mollowina und Ümmershand.


Die 17jährige Schusterstochter Lisbeth Kolomak fällt 1924 Polizeiärzten zum Opfer, ist aber auch für eine Justizposse gut: Genickbruch Pdf 1 Seite 169. Stalinzeitopfer Heinrich Kurella wird im Genickbruch Pdf 5 Seite 25 lediglich gestreift, aber Bruder Alfred und dessen Mutter Cohn-Vossen können gleichfalls als interessante Opfer aufgefaßt werden. Der finnische Komponist Toivo Kuula fiel in einem Wirtshausstreit: Genickbruch Pdf 4 Seite 34.


Konstantinow, Aleko (1863–97) ~ Der aus der Donau-Stadt Swischtow stammende Wanderfreund, Rechtsanwalt und Schriftsteller fällt Brockhaus-Lesern wie mir vor allem als Mordopfer auf. Mit seinem durch Westeuropa hausierenden Rosenölhändler Baj Ganju (1895), der es aufgrund seines schlitzohrigen Opportunismus bis zum Politiker bringt, soll er eine populäre Figur der bulgarischen Literatur geschaffen haben. Der regsame Autor betrieb in Sofia, wo er lebte, sowohl eine Kanzlei wie ein Reiseunternehmen. In jenes Erscheinungsjahr 1895 fällt auch »der Höhepunkt von Konstantinovs Bemühungen, den Bulgaren die Entdeckung ihres eigenen Landes zu ermöglichen«, wie es in einem jüngeren, gut geschriebenen Porträt in einem englischsprachigen Magazin aus Bulgrien heißt.* Es war am 27. August 1895. »An diesem Tag folgten etwa 300 Sofianer seinem in den Medien veröffentlichten Aufruf und bestiegen den nahegelegenen Cherni Vrah, den höchsten Gipfel des Witoscha-Gebirges. Heute gilt dieses Datum als offizieller Beginn des organisierten Tourismus in Bulgarien.« Na, wenn Sie diesen 2.290 Meter hohen Markstein feiern möchten, dann bitte ohne mich. Gerade muß ich mich für 14 Tage um die Katzen und Zimmerpflanzen einer Bekannten kümmern, weil sie selber auf Urlaub nach Bulgarien geflogen ist. Damit können wir locker auf Konstantinows Ende mit 34 überlenken. Immerhin ist es dem burlesken Zug seiner Geschichten einigermaßen ebenbürtig. Im Mai 1897 hätten Konstantinow und sein Freund Michail Takev, ein Abgeordneter der Demokratischen Partei, Takevs Heimatstadt Peschtera besucht, berichtet das Magazin. Takevs Haltung in einem Landstreit habe jedoch eine Gruppe einflußreicher Einheimischer erzürnt – und die Einmischung in Eigentumsangelegenheiten sei noch immer der einfachste Weg, sich einen Bulgaren zum Todfeind zu machen. »Die Einheimischen beschlossen, Takev zu töten, und griffen seine Kutsche auf dem Weg nach Pasardschik an. In dem darauf folgenden Tumult wurde Konstantinov zum Kollateralschaden.«
~~~ Takev, der Glückspilz, scheint überlebt zu haben. Er wurde später noch kurzzeitig Innenminister, offenbar für die erwähnte Demokratische Partei. In den Anschlag soll ein Bürgermeister namens Petar Minkov verstrickt gewesen sein, Mitglied der konkurrierenden Volkspartei. Laut bulgarischer Wikipedia wurden Minkov und zwei andere Heckenschützen vor Gericht gestellt und mit zwei Todesurteilen wieder in ihre Zellen entlassen. Die bulgarische 100-Lewa-Banknote wird seit 2003 von einem Porträt geziert, das Pechvogel Konstantinow zeigt. Sobald sie mich zu ehren beabsichtigen, werden sie mein Porträt auf Klopapier drucken lassen. Das ist genauso werbewirksam, aber billiger.

* Dimana Trankova / Anthony Georgieff, https://www.vagabond.bg/who-was-aleko-konstantinov-3486, 27. Juli 2022


Kopechne, Mary Jo ~ Der US-Politiker Edward »Ted« Kennedy (1932–2009), ein jüngerer Bruder des weltberühmten JFK, hat in meinem Brockhaus rund 10 Zeilen. Darin läßt sich natürlich nur schwer ein mutmaßliches Schwerverbrechen unterbringen. In der Fußnote gibt das Lexikon aber immerhin einen versteckten Hinweis: dort wird Leo Damores 1988 erschienenes Buch über das Chappaquiddick cover-up erwähnt – über eine Vertuschung also. Und was war bitteschön vorgefallen?
~~~ Die Atlantik-Insel Martha's Vineyard (vor Massachusetts, USA) ist ein Prominentenparadies. Und als langjähriger Senator für den Bundesstaat Massachusetts war Ted Kennedy natürlich prominent. Zum Hauptort Edgartown der Insel zählt die kleine Nachbarinsel Chappaquiddick, die im Sommer 1969 just durch unseren Ted Berühmtheit erlangte. Damals fuhr er eine Sekretärin und Wahlkampfhelferin von wieder einem anderen Bruder, nämlich Robert, in den Tod. Man hatte Mary Jo Kopechne zu einer Party im kleinen Kreis eingeladen. Der Alkoholkonsum war beträchtlich.* Angeblich gewillt, Kopechne anschließend zur letzten Fähre nach Edgartown zu bringen, stürzte Ted mit seinem Wagen im Lauf eines merkwürdigen »Umweges«, der ins Feld führte, um Mitternacht von einer Brücke in einen Gezeitenkanal. Er konnte sich befreien, ließ jedoch mindestens acht Stunden verstreichen, ehe er sich bei der Polizei meldete. Seine bildhübsche, knapp 29 Jahre alte Begleiterin dagegen ertrank oder erstickte oder kam sonstwie um. Eine Obduktion fand nicht statt.* Taucher hätten Kopechne möglicherweise noch nach zwei oder drei Stunden lebend bergen können, da sie eine Luftblase im Wageninneren ausgenutzt hatte. Vielleicht hatte »Senator« Kennedy, damals 37, die acht Stunden dazu genutzt, Zwiesprache mit Gott zu halten oder wenigstens seinen Alkoholpegel absinken zu lassen. Das zweite räumte er sogar ein.*
~~~ Die irdischen Richter faßten ihn dann mit Samthandschuhen an. Die Eltern des Opfers wurden, wie so oft, außergerichtlich mit Geld gestopft, rund 140.000 Dollar. Dafür nahm Kennedy erfreut zwei Monate Haft auf Bewährung wegen unerlaubten Entfernens vom Unfallort entgegen. Er wurde noch 77. Allerdings hatte der Chappaquiddick-»Skandal« genug Staub aufgewirbelt, um sein Ansehen empfindlich zu beschmutzen, weshalb er entgegen seinem damaligen Streben nicht als pensionierter und selbstverständlich glorreicher US-Präsident vor seinen Schöpfer treten konnte. Jener Staub hat inzwischen auch etliche Bücher gefüllt, die mit verschiedenen, durchweg interessanten Theorien aufwarten.

* Antonia Kleikamp, https://www.welt.de/geschichte/article196596097/Todesfahrt-1969-Wie-viel-Schuld-trug-der-juengste-Kennedy.html, 19. Juli 2019


Krause, Allison ~ Nur ein knappes Jahr nach Ted Kennedys verunglückter Party fiel das sogenannte »Kent-State-Massaker« in die Proteste gegen die Verschärfung des Vietnamkriegs durch Richard Nixon. Dabei eröffnete die US-Nationalgarde im Mai 1970 auf dem Campus der Universität in Kent, Ohio, aus über 100 Meter Entfernung das Feuer auf eine unbewaffnete Gruppe von Studenten, aus deren Richtung vorher ein paar Steine geworfen worden waren. Die Polizisten trafen vier Studenten tödlich: Neben Allison Beth Krause (19) noch Sandra Lee Scheuer (20), Jeffrey Glenn Miller (20) und William Knox Schroeder, der auch erst 19 war. Neun weitere Demonstranten wurden teils schwer verletzt. Dean Kahler etwa, 20 Jahre alt, blieb dauerhaft querschnittsgelähmt. Dieser bestens dokumentierte Vorfall hatte zum einen gewaltige Proteststürme weltweit zur Folge. Zum anderen soll selbst das FBI zu dem Untersuchungsergebnis gekommen sein, die Schüsse seien »unnötig« und »ungerechtfertigt« gewesen. Dennoch blieben sie für die Verantwortlichen folgenlos. Almut Finck am 4. Mai 2020 im Deutschlandfunk: »Nie wurde ermittelt, wer den Schießbefehl gab. Ein Richter lehnte es ab, Anklage gegen die Schützen zu erheben.«


Kügelgen, Gerhard von (1772–1820) ~ Im Gegensatz zum Mannheimer Gelehrten und Dramatiker August von Kotzebue (ein Jahr früher ermordet) war der Dresdener Porträt- und Historienmaler ein Zufallsopfer. Hätte sich Kügelgen am für ihn verhängnisvollen Märznachmittag 1820 nicht zu einem inspizierenden Fußmarsch zu seinem vor der Stadt gelegenen kleinen Weingut entschlossen, wäre »der erste beste«, den der Raubmörder laut späterer Aussage an diesem Tage zu überfallen gedachte, jemand anders gewesen. Wenige Monate vorher hatte es, in derselben Gegend bei Loschwitz, einen armen Tischler-gesellen getroffen. Das fiel dem Publikum und der Polizei freilich erst wieder ein, nachdem ein hochangesehener, jetzt nahezu entkleideter Professor der Dresdener Kunstakademie in seinem Blute im Gestrüpp unweit der Landstraße nach Bautzen lag. Der 48jährige war (mit einem Beil) erschlagen, dadurch auch entstellt worden.
~~~ Dabei soll er ein ausgesprochen schöner, zudem umgänglicher und gütiger Mann gewesen sein, wie in einer schon etwas älteren Fallsammlung* versichert wird. Auch die Zerrissenheit, die man so oft bei Künstlern finde, habe den Vater dreier Kinder nie gequält. Kügelgen habe sich sowohl als Gatte wie als Maler und Lehrer rundum glücklich geschätzt. Den Grundstock seines hohen Rufes und seines beträchtlichen Vermögens hatte er (1804) aus St. Petersburg mitgebracht, wo er die Zarenfamilie und deren Hofstaat gemalt hatte. In Dresden mauserte sich Kügelgens viergeschossiges Stadthaus Gottessegen in der Hauptstraße zum Treffpunkt von allem, was in der ostdeutschen Frühromantik Rang und Namen hatte. Viele von diesen Personen verewigte er in Öl, voran die unverzichtbaren Stars Goethe, Schiller, Wieland, Kotzebue, wie schon angedeutet, aber auch seinen Freund und Schüler Caspar David Friedrich.
~~~ Neuerdings hatte sich Kügelgen jenes Weingut zugelegt, in dem ihm Maurer gerade ein Atelierhaus bauten. Nun zahlte er Wochenlöhne aus, gab neue Anweisungen und machte sich wieder auf den Heimweg. Dabei erwischte es ihn. Man fand die übel zugerichtete Leiche des vermißten Professors am anderen Morgen. Da in der Geldbörse wenig zu holen war, hatte sich der erbärmliche Raubmörder notgedrungen an Kügelgens silberner Taschenuhr und seiner gediegenen Kleidung schadlos gehalten; sogar die Stiefel zog er ihm aus. Der zur Tatzeit wohl 23jährige Soldat Johann Gottfried Kaltofen aus einer nahen Kaserne wurde später unter anderem aufgrund der Verkäufe seiner Beute überführt. Da er außerdem Geständnisse ablegte, auch den Tischlergesellen betreffend, kam er im Juni 1821 auf dem Dresdener Marktplatz aufs Schafott. Der Henker soll ihn mit einem Schwert enthauptet haben. Ich nehme an, die Fensterplätze in den oberen Stockwerken waren wie heiße Semmel weggegangen, nur teurer. Das ist der Abschreckungseffekt.
~~~ Ich möchte vorsichtshalber ergänzen: Nach einer jüngeren Buchveröffentlichung (2021) ist der Fall nicht eindeutig geklärt.** Der Verurteilte könnte einen Spießgenossen gehabt haben, den Unterkanonier Fischer, was Kaltofen auch noch auf dem Schafott versichert habe. Daneben gehe aus den vorliegenden Akten als Hauptantrieb des geständigen Verurteilten dessen Spielsucht hervor. Demnach hätte Kaltofen diesem Vergnügen zuliebe zwei Morde begangen. Ja, laut Autor Sehn finde sich in den Akten auch die Behauptung eines Seelsorgers, bei dessen Unterredungen mit Kaltofen habe dieser keine Reue gezeigt, gleichwohl Gott für die Enthüllung seiner Schandtaten gedankt, hätte er, Kaltofen, doch andernfalls vermutlich noch weitere Morde verübt. Eine verblüffende Einsichtigkeit, falls es stimmt.

* G. H. Mostar / R. A. Stemmle, Die Höllenmaschinen des Dandy Keith, München 1967
** Dietmar Sehn, https://www.neustadt-ticker.de/178698/alltag/kolumne/kunstmaler-kuegelgen-grausam-ermordet, 17. April 2022 (Buchauszug)



Kungajewa, Cheda (Elza) († 2000) ~ Der bekennende russische Sozialdemokrat Stanilslaw Jurjewitsch Markelow war Anwalt. Er hatte sich vor allem für regimekritische Journalisten sowie Verfolgte aus Tschetschenien (Kaukasus) eingesetzt und sich dafür wiederholt Drohungen und eine Zusammenschlagung in der Moskauer U-Bahn im April 2004 eingehandelt. Endgültig erwischte es Markelow 2009. Er hatte zuletzt vergeblich gegen die Absicht der Behörden gekämpft, den russischen Armee-Obersten Juri Budanow, der wegen Mordes an einer Tschetschenin zu 10 Jahren Haft verurteilt worden war, vorzeitig zu entlassen. Dessen Opfer war eben Elza Kungajewa gewesen, 18 Jahre alt.
~~~ Der Offizier hatte die Einheimische im März 2000 aus der elterlichen Wohnung (bei Grosny) in sein Zelt verschleppen lassen, um sie angeblich zu vernehmen, in Wahrheit jedoch zu schlagen, zu vergewaltigen und zu erdrosseln. Das wird zwei Jahre darauf ausgezeichnet, wenn auch erschütternd, von Andrea Strunk ausgebreitet.* Strunk unterstreicht die Versicherung von Elzas Eltern, ihre Tochter habe mit dem Widerstandskampf gar nichts am Hut gehabt. Sie habe Blumen und kleine Kinder geliebt und sei Fremden gegenüber sehr scheu gewesen. Aber häßlich wie der Krieg war sie vermutlich nicht, das genügte dem Chef der Razzia. Die Eltern behaupten, Budanow habe es von Anfang an auf Elza abgesehen. Nach dem »Verhör« ließ er sein Opfer im Wald verscharren. Dieser Entführungsfall wird, soweit ich es beurteilen kann, auch in der englischen Wikipedia (Killing of Elza Kungayeva) gründlich und sorgfältig dargelegt. Immerhin kam es später zu Obduktionen und Prozessen. Bezeichnender-weise wurde aber der Vorwurf der Vergewaltigung hurtig fallen gelassen. Man wollte einen verdienten Kämpfer des russischen Imperialismus nicht beschämen.
~~~ Zwar wurde Budanow im Sommer 2003 von einem sogenannten Militärgericht verurteilt, doch am 15. Januar 2009 kam er schon wieder frei. Vier Tage später kündigte Rechtsanwalt Markelow auf einer Pressekonferenz an, er gedenke auch gegen die erfolgte Haftentlassung vorzugehen. Nach dieser Konferenz wurde der 34jährige mitten in der belebten Moskauer Innenstadt auf offener Straße erschossen. Dabei kam auch die mit Markelow befreundete, ähnlich gesinnte 25jährige Nowaja Gaseta-Journalistin Anastassija Eduardowna Baburowa ums Leben.

* Andrea Strunk, https://www.welt.de/print-wams/article606881/Ein-ehrenwerter-Soldat.html, 8. September 2002


Kurdi, Alan († mit 2) ~ Seine unweit der türkischen Hafenstadt Bodrum an der Mittelmeerküste angeschwemmte Leiche gab im Herbst 2015 ein alsbald weltberühmtes Fotomotiv ab. Die Leiche des auf dem Bauch liegenden Kleinkinds steckte recht fotogen in einer blauen Hose und einem roten Hemd. Manche argwöhnten sogar, das Foto sei gestellt. Auch Alans wenig älterer Bruder Ghalib und seine Mutter Rehanna und noch einige andere Menschen kamen bei dem Fluchtversuch um. Das ist anscheinend erwiesen. Man hatte vom türkischen Festland aus gegen fette Eintrittskarten mit zwei Schlepperbooten griechisches Hohheitsgebiet angesteuert, aber mindestens ein Boot kenterte. Das war am 2. September, vier Kilometer vor der griechischen Insel Kos, bei stürmischer See. Schwimmwesten fehlten. Vater Abdullah, wohl der einzige Schwimmer in der Familie Kurdi, überlebte. Die Kurdis waren einst vor dem sogenannten syrischen Bürgerkrieg in die Türkei geflüchtet und suchten nun, wegen der dortigen schlechten Lebensbedingungen und Gesundheitsfürsorge, ihr Heil in Griechenland. Abdullah Kurdi soll die Veröffentlichung des Fotos begrüßt haben, da man auf diese Weise weltweit auf das Elend mit den Einreiseverweigerungen und Flüchtlingslagern aufmerksam machen könne. Allerdings war er ursprünglich, als er schwer angeschlagen in einem Krankenhaus lag, nicht um sein Einverständnis gebeten worden. Darüber soll Abdullahs Schwester Tima, die 2020 ein Buch über die Fall und die Familiengeschichte veröffentlichte, ihr Befremden ausgedrückt haben. Das Foto stammte von der türkischen Bildjournalistin Nilüfer Demir, die für eine Nachrichtenagentur arbeitete. Auch sie behauptete später, es sei ihr um Anklage gegangen – und nicht etwa um den einen oder anderen Pulitzer-Preis, wie etlichen Kollegen vor ihr.
~~~ Manche SkeptikerInnen vermuten, solche »Ikonen«-Fotos seien eher schädlich, weil sie »die Komplexität« der jeweiligen Lage ausblendeten. Das stimmt wohl einerseits. In Syrien etwa haben, seit den ersten Demonstrationen und Schießereien 2011, zahlreiche Funktionäre, Gruppen und Nachbarstaaten, deren unterschiedliche Interessen kaum zu entwirren sind, ihr »Bürgerkriegs«-Süppchen gekocht. Nebenbei fielen auf diese Weise bis heute mindestens 500.000 Tote an. Eine Stadt wie Hannover, in 15 Jahren sozusagen wie vom Erdboden verschluckt. Aber sie alle, jene Akteure, wurden von gewissen Großmächten, voran USA, Großbritannien, Frankreich, geschickt vor den eigenen, auch viele einträgliche Rüstungsgüter transportierenden Karren gespannt. Und dieses einfache Verfahren nach dem Recht des Stärkeren, von Luxemburg und Lenin unter »Imperialismus« eingeordnet, ist seit Jahrhunderten bekannt. Sollte es wirklich so schwer zu begreifen sein?
~~~ Nein, die Leute im verbarrikadierten Europa wünschen es nicht zu begreifen, weil bislang beim Süppchenkochen immer noch ihr sogenannter »hoher Lebensstandard« als schmackhafte Häppchen in ihre Schürzen fiel. Er verdankt sich zu 90 Prozent dem Imperialismus. Das scheint auch jene weiter oben erwähnte Bekannte von mir nicht zu beunruhigen, die zu Urlaubszwecken gerade nach Bulgarien geflogen ist. Jetzt badet sie im Schwarzen Meer. Oder sie sticht ihr Kanupaddel hinein, weil sie auch sportlich ist und sich in Form halten muß. Aber nicht etwa als Training für eine Flucht vor Bürgerkriegswirren über das Mittelmeer. Diesbezüglich spendet sie hin und wieder ein paar hundert Euro an das zuständige Hilfswerk.
~~~ Danach befragt, ob die damalige Welle der Empörung über Kurdis Schicksal die Lage der Flüchtlinge in den letzten 10 Jahren lindern half, neigt das Internet* zu der Einschätzung, genau das Gegenteil sei der Fall, sie verschärfe sich zunehmend. Die Grenzregime werden immer brutaler. Kein EU-Land hat je ein Gesetz zur Verbesserung des Schutzes von Flüchtlingen verabschiedet. »Unicef-Schätzungen zufolge sind allein im zentralen Mittelmeer in den vergangenen zehn Jahren etwa 3.500 Kinder gestorben, andere Routen und EU-Außengrenzen nicht mitgerechnet.« Das bedeute: ungefähr täglich ein totes Flüchtlingskind. Dieser Umstand werfe aber inzwischen keine Geschichte mehr ab. Es werde einfach nicht darüber berichtet.

* Natalia Matter, https://www.sonntagsblatt.de/artikel/menschen/alan-kurdi-zehn-jahre-nach-dem-foto-europas-vergessene-fluechtlingskrise, 1. September 2025


Kurz, Robert (1943–2012) ~ Es ist sicherlich etwas überzogen, den wahrscheinlich tiefschürfendsten zeitgenössischen linken Denker unter »Mordopfern« einzureihen, aber so ganz sauber kann sein Ende mit 68 Jahren nicht gewesen sein. Etliche Quellen, voran der Spiegel, teilten damals nämlich mit, Witwe Roswitha Scholz (geboren 1959) habe von einem Operationsfehler in einer Nürnberger Klinik gesprochen; man sei in der Bauchhöhle »versehentlich« dem falschen Organ zu Leibe gerückt. Allerdings scheint sich Scholz die Kosten und Magengeschwüre für einen sogenannten Rechtsstreit erspart zu haben. Man hörte nie wieder von ihrem Vorwurf. Vor Jahren schrieb ich sie einmal Auskunft erheischend an, doch damals war ich offenbar bereits so unwichtig wie zur Stunde: keine Antwort.
~~~ 1999 legte Kurz mit seinem Schwarzbuch Kapitalismus eine dickleibige und stoffreiche Untersuchung vor, die ich zu den 20 bedeutensten deutschsprachigen Sachbüchern des 20. Jahrhunderts zählen würde. Sie ist auch gut lesbar, obwohl sie für meinen Geschmack noch immer zu viele Fremdwörter enthält. Da hat der Lektor zu wenig operiert. Daneben trat Kurz mit etlichen scharfsinnigen Einzeluntersuchungen hervor. Seine große Leistung besteht in dem Beharren auf dem, was meist »Wertkritik« genannt, jedoch äußerst selten begriffen und nie beherzigt wird. Aus diesem Blickwinkel stellen sich die abstrakten, entfremdenden, alles durchdringenden Grundkategorien des Kapitalismus wie vor allem Wert, Ware, Arbeit als dessen A & O dar; nur wenn sie fielen, stürzte auch der Kapitalismus ein. »Insofern hatte er linken Aktivisten nicht viel mehr zu bieten als ein radikales Zerdenken von dem, was die Gesellschaft zusammenhält«, lese ich in Helmut Höges Nachruf* für seinen Hauptarbeitgeber taz. Damit deutet sich an, Höge hat die Wertkritik begriffen, kann sich aber gleichwohl die flockige Bemerkung nicht verkneifen, auf die Dauer machte Kurzens »fundamentalistisches« Beharren natürlich müde. Vielleicht haben Sie es gemerkt: wir stehen hier vor der berüchtigten Streitfrage »Reform oder Revolution?«.
~~~ Die DDR ist vorwiegend gescheitert, weil sie Warenproduktion, Lohnarbeit, Geld und nebenbei auch die irrsinnige Verdoppelung von Partei- und Staatsbürokratie nicht anzutasten wagte. Eins von beiden wäre eigentlich schon schlimm genug gewesen. Sie war also alles andere als eine Alternative zum Westen, wo sämtliche gut gemeinten Verbesserungsvorschläge und sogenannten »fortschrittlichen« Einrichtungen nicht etwa dem Wohl des Volkes, vielmehr gerade des Kapitalismus dienten. Alle rotgrünen Nasen und Computerfreaks reichten dem Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten (während Höge auf seinem wohlbestallten Posten als taz-Redakteur saß und emsig gut gemeinte, übrigens auch gut geschriebene Artikel ausstieß) Krücken, künstliche Gelenke oder Rollstühle, damit ja keiner auf die alte Idee komme, ihn vielleicht in den Arsch zu treten und auf den Friedhof zu bringen. Derweil wurden die Verkehrsformen im Lande immer unwirtlicher und herzloser. Die jüngste Werbetrommelei für »KI« und für Roboter, die sich »autonom« selber füttern, setzt dem allen die Krone auf, nämlich auf unser zielstrebig vermatschtes und vernebeltes Gehirn.
~~~ Was in Kurzens verdienstvollem Schwarzbuch meines Erachtens zu kurz kommt, sind Grundsatzkritiken an der technischen Lösung und an der Mammutisierung. Beide Fehlhaltungen hängen natürlich zusammen. Im übrigen gab er sich freilich keinen Illusionen mehr hin. Die östlichen Durchhalteparolen schmeckten ihm so wenig wie die westlichen Reformkonzepte. Wahrscheinlich bleibe einer Minderheit nur noch eine Kultur der Verweigerung, schrieb er am Ende seines Epilogs. Es sei immer noch besser, »Emigrant im eigenen Land zu werden, als in den inhaltslosen Plastikdiskurs der demokratischen Politik einzustimmen. Die Gedanken sind frei, auch wenn sonst gar nichts mehr frei ist.« Naja, lieber Robert, nicht mehr lange, fürchte ich.

* https://taz.de/Nachruf-Robert-Kurz/!5088545/, 20. Juli 2012


Lassalle, Ferdinand (1825–64) ~ Der studierte Philo-soph, Rechtsbeistand einer Gräfin und »Gründervater« der deutschen Sozialdemokratie wurde selber nicht alt, weil er, nach revolutionären Anfängen um 1848 im Verein mit Marxens Neuer Rheinischer Zeitung, bieder, eitel und hitzköpfig genug war, sich im August 1864 seiner Flamme Helene von Dönniges zuliebe in einer Genfer Vorstadt mit deren störrischem Erzeuger auf Pistole zu duellieren. Der 50jährige Diplomat Wilhelm von Dönniges war freilich so klug oder abgefeimt, sich beim eigentlichen Waffengang vom Ex-Bräutigam seiner Tochter vertreten zu lassen, dem rumänischen Bojaren Janko von Racowicza. Prompt schoß der feurige Baron vom Balkan den Präsidenten des erst im Vorjahr gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) empfindlich in den Bauch. Drei Tage später erlag Lassalle seiner Verwundung vom Felde der Liebe. Seine AnhängerInnen begruben den redegewandten 39jährigen Arbeiterführer auf dem Alten Jüdischen Friedhof zu Breslau und riefen ihm auf dem Grabstein nach: »Hier ruhet, was sterblich ist, von Ferdinand Lassalle, dem Denker und Kämpfer.«
~~~ Wer mit Schaudern an die postmoderne Kriegsfüh-rung denkt, die zunehmend heimtückischer und brutaler wird, könnte sich das Ritual »Duell« fast zurückwünschen. Selbst um das Hirngespinst Ehre geht es ja in unseren gegenwärtigen Kriegen nur noch am Rande. Es geht um Rohstoffe, Handelswege, einträgliche Verpulverung von Rüstungsgütern und das Recht des Stärkeren. Technologische, den Soldaten ersetzende »Innovation« ist alles, Drohnen und freigesetzte Viren eingeschlossen. Alexander Herzen hatte es 1852 noch mit einem Neben-buhler aus Fleisch und Blut zu tun, dem Berufskollegen Georg Herwegh. Es ging um Herzens Gattin. Die beiden Kampfhähne schrammten nur um Haaresbreite an einem Duell vorbei. In seinen Erinnerungen* meint Essayist Herzen, die Unsinnigkeit des Duells zu beweisen, lohne nicht; »theoretisch rechtfertigt es niemand, mit Ausnahme irgendwelcher Raufbolde oder Fechtlehrer, aber in der Praxis unterwerfen sich ihm alle, nur um – der Teufel weiß, wem – ihre Tapferkeit zu beweisen. Die übelste Seite des Duells besteht darin, daß es jeden Schurken rechtfertigt, entweder durch seinen ehrenhaften Tod oder dadurch, daß es aus ihm einen achtbaren Mörder macht.«
~~~ Allerdings ist der ritualisierte Zweikampf keine romantische Erscheinung; er ist ungefähr so alt wie Kain und das Phänomen der Konkurrenz. In unserem Mittelalter war er streckenweise eine Form des Entscheidungsmittels Gottesurteil. Wahrscheinlich fußte dieses auf dem Glauben, Gott werde einen Gerechten schon nicht im Stich lassen, werde ihn also zum Sieg oder zum Ausharren führen – wenn es etwa galt, barfuß über ein paar glühende Pflugscharen zu gehen. Die Eskimo sollen schlitzohrig genug gewesen sein, um das »Duell« zwischen Widersachern oder Beschuldigten in ihren Eishütten nur gesanglich auszutragen. Die Betreffenden hatten sich mit Spottliedern zu bekämpfen. Vielleicht wäre das 1914 auch etwas für Figaro-Chefredakteur Gaston Calmette und den damals amtierenden Finanzminister Joseph Caillaux gewesen. Sie haßten sich. Jener war konservativ, dieser liberal und pazifistisch gestimmt. Jetzt hatte Calmette neue Drohungen ausgestoßen und neue Verleumdungen mit Hilfe von kompromittierenden Liebesbriefen angekündigt. Aber Pazifist Caillaux dachte gar nicht daran, ihn zum Duell zu fordern. Vielmehr handelte seine Gattin, Henriette Caillaux. Ohnehin war es ja damals noch schwierig, als Frau auf ein Recht zum Duell zu pochen. Das gelang erst der »grünen« Annalena Baerbock, die sich sogar das mächtige Rußland zum Feind machte. So marschierte Henriette am 16. März ins Pariser Büro des Chefredakteurs und streckte ihn mit mehreren Pistolenschüssen nieder. Damit hatte die Öffentlichkeit ihre Sensation, die entschieden wichtiger war als die unübersehbare Weltkriegsgefahr.** Wie sich nach großer schauspielerischer Leistung Henriettes vor Gericht zeigte, hatte sie noch nicht einmal einen Mord begangen. Demnach war sie keineswegs aus niederen Gründen und mit Vorsatz von ihrer Wohnung zur Figaro-Redaktion gestampft. Vielmehr war sie ihren »unkontrollierbaren weiblichen Gefühlen« erlegen – Freispruch.
~~~ Nebenbei bemerkt, war kurz vorher, 1912, Spaniens Ministerpräsident José Canalejas Méndez in Madrid von dem angeblichen Anarchisten Manuel Pardiñas Serrato ermordet worden. Manche HistorikerInnen glauben, das Attentat habe eigentlich nicht Canalejas, sondern dem König gegolten. Nun ja, warum nicht? Verwechslungen kommen vor, und zwar auch und gerade beim Einsatz neuster Technologie. Da wird die falsche palästinensische Familie ausgelöscht, oder »versehentlich« eine iranische Mädchenschule bombardiert, weil den Programmierern oder den Robotern ein Irrtum unterlaufen ist. Beim klassischen Duell dagegen waren solche Verwechslungen so gut wie ausgeschlossen. Man kannte sich zu gut. Das waren noch übersichtliche Zeiten.

* Alexander Herzen, Mein Leben / Memoiren und Reflexionen, Ostberliner Ausgabe, Band 2 (1963) S. 362
** Beatrix Novy, https://www.deutschlandfunk.de/frankreich-1914-finanzminister-gattin-caillaux-erschiesst-100.html, 16. März 2014



Die junge Sintiza Erna Lauenburger, Genickbruch Pdf 2 Seite 66, kam in Auschwitz um. Vom linken Pariser Verleger Gérard Lebovici, Genickbruch Pdf 5 Seite 42, behauptet die Polizei, nie herausgefunden zu haben, warum er eines Tages erschossen in seinem geparkten Auto saß. Den emigrierten Philosophen Theodor Lessing erwischten Faschisten in Prag von einer Gartenleiter aus. Der prominente »rote« Rechtsanwalt Hans Litten kam im KZ Dachau um.


Lawrence, Stephen ~ Der 18 Jahre alte britische schwarze Student war Ende April 1993 an einer Londoner Bushaltestelle von einer Gruppe weißer Jugendlicher umringt und erstochen worden. Der rasssistische Hintergrund lag auf der Hand. Aber die Polizei ermittelte selbst laut Spiegel* stümperhaft, dabei offensichtlich von kaum weniger rassistischen Motiven geleitet. Zwei aus jener Gruppe wurden 2012, also fast 20 Jahre nach der Tat, zu hohen Haftstrafen verurteilt. Reue zeigten sie nicht. Ohne den unermüdlichen Einsatz von Lawrences Eltern (aus Jameika stammend) wäre gar nichts geschehen. Gegen weitere Täter liege zu wenig Beweismaterial vor, meinte Scotland Yard. 2020 erklärte dessen Chefin Cressida Dick, bekanntlich eine Busenfreundin von mir, mangels neuer Ermittlungsansätze müsse die Untersuchung dieses Mordes nun in eine »inaktive Phase« treten.* Orwell wäre begeistert gewesen. Dick meinte vermutlich, die Untersuchung müsse beendet oder jedenfalls auf Eis gelegt werden. Dergleichen Worte vermied sie aber, weil postmoderne Führungskräfte a) möglichst unanschaulich, b) möglichst gewunden, c) möglichst verlogen zu formulieren haben. Sie sollen nicht aufklären, sondern ganz im Gegenteil vernebeln.
~~~ Ein hübsches Detail der »Ermittlungsarbeit« deckte der Guardian 2013 auf.** Die damaligen Polizeibosse hatten einen Agenten in das Umfeld der Familie und der UnterstützerInnen des Mordopfers eingeschleust. Peter Francis sollte nicht etwa zur Aufklärung beitragen; er sollte Material sammeln, das diesen Kreis in ein schlechtes Licht rücken könne. Dieses Vorgehen verheimlichte Scotland Yard auch vor der um 1998 tätigen parlamentarischen Macpherson-Kommission, die das Geschehen beziehungsweise Nichtgeschehen der Ermittlungsarbeit unter die Lupe nehmen sollte. Die Kommission stellte erheblichen Rassismus bei den hauptstädtischen Ordnungshütern fest.

* https://www.spiegel.de/panorama/justiz/rassistischer-mord-an-stephen-lawrence-britische-polizei-stellt-ermittlungen-ein-a-d543de69-9476-45a9-912a-25dc7f3c16aa, 11. August 2020
** https://www.sueddeutsche.de/panorama/fall-stephen-lawrence-polizei-wollte-opferfamilie-in-verruf-bringen-1.1704113, 24. Juni 2013



Lehnkering, Anna, als unbrauchbar mit 24 Jahren amtlich ermordet. Die Gastwirtstochter half nach der »Hilfsschule« im Elternhaus mit, seit 1934 in Mülheim an der Ruhr. Sie galt als sanft, gutwillig, umgänglich. Ein wachsamer Kreisarzt sorgte jedoch dafür, daß sie 1935 zwangsweise sterilisiert wurde. Wieder ein Jahr später steckten die Behörden Anna in eine Irrenanstalt bei Kleve am Rhein. Sie sei, erblich bedingt, unheilbar schwachsinnig. Von dort aus sah sie sich im März 1940 im Verein mit rund 450 weiteren Frauen und Männern in die schwäbische Tötungsanstalt auf Schloß Grafeneck verschleppt, wo sie umgehend vergast wurde. Der Familie wurde versichert, sie sei einer Bauchfellentzündung erlegen.* Anna war eine Ermordete von geschätzt mindestens 200.000 Todesopfern der deutschen faschistischen Beseitigung »unwerten« Lebens, heute oft verbrämend Euthanasie genannt. 2012 verfaßte eine Nichte ein Buch über Lehnkering, Annas Spuren – ein seltener Glücksfall. Autorin Sigrid Falkenstein war eher zufällig auf das Schicksal ihrer ermordeten Tante gestoßen.

* https://www.t4-denkmal.de/Anna-Lehnkering


Leviné, Eugen (1883–1919) ~ Er wurde mit 36 Jahren in München als kommunistischer »Rädelsführer« hingerichtet. In St. Petersburg als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren, hatte Leviné, nun nach einer Kindheit in Deutschland, bereits im revolutionären Rußland um 1905 Erfahrungen in der Agitation und mit Mißhandlungen seitens der »Sicherheitskräfte« gesammelt. 1909 konnte er, wohl auf Betreiben seiner Mutter, das Gefängnis verlassen und, wenn auch krank, nach Deutschland zurückkehren. Er studierte in Heidelberg Nationalökonomie und schloß mit einem Dr. phil. ab. Während des Ersten Weltkrieges eingezogen, war er in einem Gefangenenlager als Dolmetscher tätig. 1915 verheiratete er sich mit der gleichfalls aus Rußland stammenden Rosa Broido, die später, als Rosa Meyer-Leviné, ein Buch über ihren ermordeten ersten Ehemann schrieb. 1916 aus dem Wehrdienst entlassen, schloß sich Leviné der USPD an. Bei Kriegsende gehörte er zu den Mitgründern jenes Spartakusbundes, der sich kurz darauf KPD nannte. Am 21. Februar 1919 wurde der mäßig republikanisch gesinnte bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner von der USPD durch ein Ex-Mitglied der reaktionären Thule-Gesellschaft ermordet, dem Eisner noch zu linksradikal gewesen war. Angesichts der folgenden Wirren, die üblichen Streitigkeiten in der Linken eingeschlossen, beorderte die Berliner KPD Leviné nach München, wo er in wenigen Wochen eine zwar kleine, jedoch hervorragend organisierte Parteizelle aus dem Boden stampfte. Damit gedachte er allerdings keineswegs Lenin zu spielen und die Macht an sich zu reißen. Bernt Engelmann* schreibt: Nachdem eine »in der politischen Praxis gänzlich unerfahrene Gruppe von intelektuellen 'Edelanarchisten'« um die Schriftsteller Gustav Landauer, Ernst Toller und Erich Mühsam am 5. April eine bayerische Räterepublik ausgerufen und die nach Bamberg geflohene Regierung Hoffmann für abgesetzt erklärt hatte, »waren Levinés Kommunisten die einzigen, die dagegen stimmten und jede Mitarbeit ablehnten, weil sie – durchaus zu Recht – der Meinung waren, die Räte seien nicht regierungsfähig, verfügten über keinerlei Organisation, hätten weder Waffen noch klare Ziele und könnten nur Unheil stiften.«
~~~ Selbst Ernst Toller, Ex-Unteroffizier von der Front bei Verdun, nach Eisners Ermordung Vorsitzender der kleinen Münchener USPD, bald darauf Kommandant der Dachauer Truppen der räterepublikanischen Roten Armee, zudem Schriftsteller, erklärt in seinen 1933 veröffentlich-ten Jugenderinnerungen** unmißverständlich: »Diese Räterepublik war ein Fehler.« Nachher ist man eben immer klüger; man sollte gleich nachher leben, wie Günter Eich einmal in seinen Maulwürfen seufzte. Von der Engelmann‘schen Warte aus betrachtet, sieht sich Leviné erst nach einigen Putschversuchen des »weißen« Militärs gezwungen, die Führung der nun als »kommunistisch« bezeichneten »Räterepublik« und von deren Abwehrschlacht zu übernehmen, auf daß seine Leute vielleicht »das Schlimmste verhüteten«, wie ihm auch Stefan Großmann in seinen Erinnerungen bescheinigt, die 1930 unter dem Titel Ich war begeistert erschienen. Der Österreicher, der sich damals als Berichterstatter für die Ullstein-Presse vor Ort aufhielt und niemals Kommunist war, nennt den Revolutionär einen »besonnenen« Mann, der sein In-die-Bresche-springen mit dem Leben gebüßt habe. Die im Hofbräuhaus versammelten Betriebs- und Soldatenräte stellen Leviné am 15. April an die Spitze ihres »Aktionsausschusses« und dessen vierköpfigem »Vollzugsrates«. Man verspricht sich unter anderem Auftrieb von der neuen ungarischen Räteregierung unter dem Kommunisten Béla Kun. Aber schon Ende des Monats dringen »die Weißen« in München ein, der Zusammenbruch deutet sich an.
~~~ In dieser angespannten Lage platzt ein Genosse mit der Nachricht in eine Versammlung der Betriebsräte, im von »Roten« besetzten Luitpoldgymnasium seien neun Gefangene erschossen worden, Bürger der Stadt München. Alle sind entsetzt. Toller eilt sofort ins Gymnasium. Da liegen die Leichen in der Tat, allerdings sind es nicht unschuldig gemeuchelte Geiseln, wie anderntags die weiße Presse schreit, vielmehr (in acht Fällen) Mitglieder der erwähnten völkischen Thule-Gesellschaft, die sich bald darauf zur NSDAP mausern wird. Bei diesen Gefangenen waren gefälschte Stempel und Papiere der Räteregierung gefunden worden. Daraufhin hatte sie der Kommandant des Gymnasiums, so Toller, eigenmächtig erschießen lassen. Bekanntlich wüteten die Weißen nach der Niederschlagung der Räterepublik wie tollgewordene Wolfsrudel unter den Besiegten – nun hatten sie einen weiteren Vorwand gefunden. Toller berichtet, unter anderem hätte die weiße Propaganda behauptet, »man habe die Leichen verstümmelt aufgefunden, die abgeschnittenen Geschlechtsteile in Kehrichtfässern entdeckt. Als man zwei Tage später die Wahrheit verkündete, in den Fässern hätten Fleischteile geschlachteter Schweine gelegen, niemand sei verstümmelt worden, hatte die erbärmliche Lüge ihre Wirkung getan.«
~~~ Engelmann betont, jene nicht von der Leitung genehmigte Erschießung von acht oder neun Gefangenen stelle »die einzige Terrorhandlung von 'roter' Seite aus« dar, die in der ganzen deutschen Revolution von 1918/19 nachweisbar sei. Dagegen schätzt er allein die Zahl der Opfer der damaligen bayerischen »Jagd auf die Roten« auf 1.200 Menschen. Und das sind nur die Toten. Der »geistvolle Gelehrte« Gustav Landauer sei von der Soldateska buchstäblich zertreten worden. Toller hatte Glück; er wurde wenig gefoltert und bekam fünf Jahre Festungshaft. Dem hageren Leviné mit seiner kräfigen Adlernase, als Russe, Jude und Kommunist in einem das ideale Haßobjekt, versuchte man zunächst die angeblichen »Geiselerschießungen« anzuhängen. Das mißlang – allerdings weigerte er sich, diese Erschießungen ausdrücklich zu verdammen. Gegen ein Kopfgeld von 10.000 Mark von einem Spitzel verraten und am 13. Mai verhaftet, war er Anfang Juni vor ein Gericht gekommen. Es ging kurz und schmerzlos. Er wurde am 4. Juni wegen »Hochverrats« zum Tode verurteilt und anderntags, trotz zahlreicher Proteste, im Gefängnis Stadelheim erschossen.
~~~ Der 36jährige nahm es gefaßt. Aus seiner Verteidi-gungsrede vor Gericht wurde alsbald der berühmte, auf eine Wortprägung von Eisner zurückgehende Satz gefiltert, Kommunisten seien durchweg Tote auf Urlaub. Dazu paßt Tankred Dorsts Überzeugung, Leviné sei »der Revolutionär ohne Pose« gewesen, »in seinen politischen Entschlüssen ohne persönliche Eitelkeit«, nicht völlig nahtlos. Ich nehme an, Dorst brauchte diesen Leviné als Gegenbild zu Toller, über den er ja (1968) ein Stück schrieb.
~~~ Zumindest dürfte es Berufsrevolutionär Leviné an Herzenswärme gefehlt haben. Bei Toller selber kommt er allerdings viel schlechter weg. Für diesen war der Deutsch-Russe ein typischer Bolschewist, nämlich Machtpolitiker und Ränkeschmied. Die deutschen Kommunisten hatten damals durchaus den Räte-, den Sowjetgedanken propagiert, aber als er in München verwirklicht werden sollte, war sich Leviné über die Schwäche seiner Parteigruppe und den geringen Einfluß der Kommunisten im klaren. Für Toller verwarf Leviné eine Räteregierung hauptsächlich deshalb: weil die KP darin nicht die bestimmende Kraft gewesen wäre. Später wuchsen die Sympathien für die Kommunisten, und Leviné sei wieder auf Räteregierungsbildung umgeschwenkt. Im Verein damit setzte er, typisch bolschewistisch, auf die »zündende« und »mitreißende« Wirkung von Machtdemonstrationen, eingeschlossen sogar »Strafexpeditionen« gegen Bauern, die sich weigern, München mit Korn und Milch zu beliefern. Toller lehnte sowohl den Gedanken der Abschreckung wie der Vergeltung ab. Die Hinrichtung von Leviné selber nach dem Triumph der Reaktion geißelte er wiederholt, wobei er sich auch weigerte, dem Rivalen Ehre und Charakter abzuerkennen. Der Streit, ja Krieg zwischen den roten Parteien (während die Weißen sich die Hände rieben und auf München zumarschierten) ging ihm buchstäblich an die Nieren; entsprechende bittere Bemerkungen finden sich in seinen Erinnerungen zuhauf. Freilich war die damalige Lage, von solchen Machtkämpfen zwischen »revolutionären« Führern oder Parteien einmal abgesehen, auch grundsätzlich ausgesprochen schwierig und verworren. Das Thema wird bei Toller besonders auf den Seiten 120–61 und, im Kommentar Wolfgang Frühwalds, 325–33 behandelt. Es kann aber nicht schaden, das ganze Buch zu lesen: sehr empfehlenswert.
~~~ Gefragt, was eigentlich aus Eugen »Genja« Leviné geworden sei, dem 1916 geborenen Sohn des Ehepaars, schimpft der Internetrobotor, seine Mutter Rosa habe ihm die Abkehr von einem politischen Engagement nie verziehen. Genja setzte sich 1933 (aus Berlin) nach England ab und fand seine Berufung als Collegelehrer für naturwissenschaftliche Fächer in London. Er wurde, wie auch seine Mutter, fast 90 Jahre alt. Die Mutter muß ja wirklich Haare auf den Zähnen gehabt haben. In der Regel nehmen Mütter Rückfälle ins bürgerliche Leben mit Handküssen entgegen und weinen der frühzeitigen Hinrichtung, die dem braven Sprößling so entgeht, keine Träne nach. Rosa selber soll 1933 noch rechtzeitig aus dem gelobten Land Sowjetunion entwichen sein.

* Bernt Engelmann, Einig gegen Recht und Freiheit, erstmals 1975 erschienen, Ausgabe Göttingen 1998, S. 68–75
** Ernst Toller, Eine Jugend in Deutschland, hier: Reclam-Ausgabe 2011



Lichnowsky, Fürst Felix von (1814–48), zuletzt Politiker. Mein Brockhaus (vier Zeilen) meldet ihn wohl zu Recht als ermordet. Er fiel also nicht etwa »im Felde«. Wie vielleicht nicht jeder weiß, hatte dieser Fall auch eine literarische Dimension. 1850 brachte dem Kaufmann, Schriftsteller und Feuilletonleiter der Kölner Neuen Rheinischen Zeitung Georg Weerth ein selbstverfaßter Fortsetzungsroman drei Monate Gefängnis ein, die er am Erscheinungsort des kommunistischen Blattes absaß. Das Gericht war zu der Überzeugung gelangt, mit seiner häppchenweise servierten Satire Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski habe er das Andenken eines Toten geschändet, nämlich just jenes schlesischen Großgrundbesitzers und spanienerfahrenen Offiziers, der zwei Jahre zuvor, 1848, mit 34 Jahren bei den sogenannten Septemberunruhen in Frankfurt/Main zu Tode gekommen war. Hier hatte Lichnowsky der berüchtigten Paulskirchen-»Nationalversammlung« angehört, die eher einer Schule für Rhetorik als einem Institut fürs Volkswohl glich. Als »nationalliberaler«, kaisertreu gestimmter Abgeordneter (für den Wahlbezirk Ratibor) soll der attraktive, schnurrbärtige Redner, auch Husar des Parlaments genannt, »zu den hervorragendsten Erscheinungen« gezählt haben – wobei wohl deutlich zu spüren war, »daß ihm weniger daran lag, zu überzeugen als durch Effekte zu glänzen«, wie sogar sein Fürsprecher Franz Freiherr von Sommaruga einräumt.*
~~~ In den linken Reihen machte sich Lichnowsky durch sein sowohl reaktionäres wie hochnäsiges Auftreten geradezu verhaßt. Bei den besagten Unruhen, als »verhetzte Volksmassen« (Sommaruga) Barrikaden errichteten und die Paulskirchen-Schwatzbude zu sprengen suchten, setzte sich der Fürst über wiederholte Ratschläge hinweg, sein Quartier lieber nicht zu verlassen, und sprengte in Begleitung des Generals Hans von Auerswald (55), den er überredet hatte, hoch zu Roß in Richtung Stadtrand, wo er hilfsbereite auswärtige Truppen in Empfang zu nehmen gedachte. Sommaruga: »Auf der Bornheimer Chaussee ward er jedoch von einem Haufen bewaffneten Gesindels erkannt, das sofort mit Flinten und anderen Mordwerkzeugen auf die beiden Wehrlosen Jagd machte …« Beide seien wie Hasen erschossen bezie-hungsweise »in wahrhaft kannibalischer Weise erschla-gen« worden. Diese Darstellung erscheint keineswegs übertrieben, berücksichtigt man andere zeitgenössische Quellen, die etwa das Wissenschaftsmagazin der Uni Ffm erwähnt.** Danach waren neben Knüppeln auch Sensen im Spiel. Ich kann nur hoffen, Weerths Satire, die ich nicht kenne, schloß keine Begrüßung einer derart vergeltungssüchtigen Grausamkeit ein.

* Artikel über L. in ADB 18 (1883)
** Anne Hardy / Wilhelm R. Schmidt, http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/36050090/Demonstration__Strassenkampf_und_ein_brutaler_Mord_12_.pdf, Forschung Frankfurt, Nr. 1/2007, S. 67–70

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