Montag, 6. Juli 2026
Mordopferlexikon (MOL) Folge 9 [T—Z]
ziegen, 09:16h
Inhalt ~ Suzan Tamim + Ernst Thälmann + John Trudell (Familie) + Beate Ulbricht + Alexandrine Tinne, mit John Hanning Speke + Ilia G. Tschawtschawadse + Muhammad Nafi Tschelebi + Wat Tyler und John Ball + Viktor Ullmann + Kenji Urada und Kollegen + Ingrid Visser und Lodewijk Severein + Clara de Vries + Wang Yu + Anton Webern + Horst Wessel + Pius Walder + Karl Wertz + Whistle-blowerin Christine Cotton + Bradley Roland Will + Johann J. Winckelmann + Windradyne + Esther Wolfe + Heike Wunderlich + Xie Ye + Yang Jia + Halit Yozgat, mit Michèle Kiesewetter und weiteren Opfern + Daniel Zamudio Vera + Emiliano Zapata und Goce Nikolov Delčev + Jean Zay + Sanjaasürengiin Zorig + Henio Zytomirski + Nachbemerkung
Tamim, Suzan ~ Die 30 Jahre alte libanesische Popsängerin wurde 2008 erstochen und verunstaltet in ihrem Apartement in Dubai aufgefunden. Der Fall erregte viel Aufsehen. Wie sich herausstellte, hatte sich Tamim, angeblich eine hinreißende Schönheit, geweigert, offiziell in den Harem des stein- und einflußreichen ägyptischen Unternehmers und Politikers Hisham Talaat Moustafa eingegliedert zu werden. So schickte dieser, für zwei Millionen Dollar, seinen Landsmann Mohsen al-Sukkari aus, ehemaliger Polizist, zeitweise Leibwächter von Moustafa. Dieser Sendbote soll allerdings erstaunlich unfachmännisch vorgegangen sein, weshalb er rasch gefaßt wurde. Damit mußte (2008) auch sein Auftraggeber hinter Gitter. Ein Gerichtsverfahren war offenbar nicht zu vermeiden. Die Regierung Mubarak verbot jedoch die Berichterstattung darüber. Beide Angeklagten wurden zunächst zum Tod durch Erhängen verurteilt – aber wie es so geht, wenn vor Allah alle gleich sind, vor dem Gesetz dagegen nicht: 2012 war das Urteil für den Messerstecher auf Lebenslänglich, für den Milliardär auf 15 Jahre herunter gehandelt.* Einem Kairoer Blatt zufolge** erfreute sich Moustafa zudem im Sommer 2017, nach neun Jahren Haft, einer präsidialen Begnadigung, weil er mit 501 anderen Gefangenen unter eine Amnestie fiel – oder umgekehrt, die 501 fielen mit ihm. Und wie die Haft ausgesehen haben mag, kann sich jeder ausmalen, der einmal am Beckenrand arabischer Swimmingpools lag.
~~~ Zartbesaitete LeserInnen, die leicht das Gruseln anfällt, sollten sich vor einer Fotostrecke des Hamburger Abendblatts hüten, veröffentlicht am 4. März 2010. Das letzte Bild zeigt Tamim in Beirut mit Messer in der Hand, wozu sie auch noch herzhaft lacht. Vielleicht regte es al-Sukkari zur Wahl seiner Tatwaffe an. Er soll der Frau die Kehle durchgeschnitten haben. ZynikerInnen behaupten, den Ex-Polizist ärgerte es, daß eine mit Gesang soviel Geld verdienen kann. Allerdings könnte das Foto auch gefälscht sein, obwohl ich es wegen Tamims Kostümierung nicht glaube. Ja, selbst im Internet ist man vor nichts mehr sicher.
* »Suzanne Tamim murder: Egypt tycoon's sentence upheld«, https://www.bbc.com/news/world-middle-east-16934561, 7. Februar 2012
** Al-Masry Al-Youm, https://www.egyptindependent.com/hisham-talaat-mostafa-released-among-502-prisoners-presidential-pardon/, 24. Juni 2017
Statt ihn loszueisen, ließen die Kommunisten ihren Führer Ernst Thälmann im Knast schmoren und seiner Hinrichtung entgegen sehen: Genickbruch Pdf 4 Seite 79. Ein grausamer Mordanschlag im Indianerreservat traf die Familie des Musikers John Trudell: Genickbruch Pdf 2 Seite 209. Als Tochter eines Staatschefs (wahrscheinlich) ermordet zu werden, ist vielleicht nicht überraschend; doch im Fall der Beate Ulbricht wissen wir die Gründe nicht: Genickbruch Pdf 2 Seite 9.
Tinne, Alexandrine ~ Wie Friedrich Ratzel 1894 versichert*, habe es für Gustav Nachtigal, den berühmten Arzt und Afrikaforscher, keinen Zweifel daran gegeben, warum die 33jährige Alexandrine Tinne, Tochter eines steinreichen niederländischen Kaufmanns, 1869 im Gebiet der Tuareg, der Sahara also, einer »Blutthat« zum Opfer fiel: aus »Habsucht«. Das war lange Zeit die unter Historikern herrschende Meinung. Nachtigal war Tinne im Todesjahr in der libyschen Stadt Murzuk begegnet.
~~~ Gewiß reiste die zart gebaute und vielseitig gebildete junge Frau auf ihren Expeditionen stets mit einigem Luxus und Gefolge. Aber die Hälfte der Rücken ihrer Maulesel wurde von den unverzichtbaren Geschenken für die Eingeborenen eingenommen, und was ihre Barschaft anging, warf sie die Hälfte davon wiederholt kaum minder reichen Arabern zu dem Zwecke in den Schoß, Sklaven auszulösen. Sie war sicherlich am geringsten von Eroberungs-, vielmehr von ihrer mit einer »Orientmeise« gepaarten Abenteuerlust angetrieben. Sie sprach fließend Arabisch, konnte zeichnen, fotografieren, Klavier spielen, Karten lesen, Positionen bestimmen und dergleichen mehr. Immerhin kam sie offenbar nie auf die Idee zu heiraten. Laut Leidmedien wie FAZ und Spiegel waren allerdings auch »Liebeskummer« bei ihrem Drang in die Ferne im Spiel. So ließ sie also ihre vielen Bediensteten, statt eines Beglückers, ein Klavier mit durch die Wüsten schleppen, wie mehrere Quellen behaupten. Das war gleichsam der musikalische Zug ihrer durchaus zeitgerechten Orientmeise.
~~~ Schon 1861, mit rund 25, läßt sich Tinne in Kairo, 1867 dann in Algier nieder. Ihre erste Expedition gilt den sagenumwobenen Nilquellen, die unter anderem, fast gleichzeitig, schon Albrecht Roscher gelockt hatten – sie verpaßte sie, wegen Malaria-Anfällen, kaum anders wie er. Eine weitere Expedition, an der sich der Ornithologe Theodor von Heuglin und der Botaniker und Arzt Hermann Steudner beteiligten, beide aus Deutschland, führte sie zum Gazellenfluß in Süd-Sudan. Hier betrat sie viele Gebiete als erste weiße Frau überhaupt. Dennoch kehrte sie auch dieses Mal vorzeitig (nach Khartum) zurück, weil das Fieber neben Steudner ausgerechnet Tinnes Mutter Harriet getötet hatte, Tochter eines bekannten holländischen Vizeadmirals. Das war 1863. Nun kreuzte Tinne eine Zeitlang mit ihrer Yacht auf dem Mittelmeer, um sich von den Brisen ihre Schuldgefühle austreiben zu lassen. Dann nahm sie von Tripolis aus die erwähnte Durchquerung der Sahara in Angriff – sie wäre die erste Europäerin gewesen, der solches gelang. Sie konnte sich dabei auf Hilfe und Geleitschutz der Tuareg stützen. Doch nach offizieller Leseart brach unweit von Murzuk unter ihren Treibern ein Streit aus, womöglich um die angeblich lockende Beute – und bei dem Versuch, ihn zu schlichten, sei neben zwei niederländischen Seeleuten auch die Expeditionschefin Tinne getötet worden.
~~~ Wie anscheinend jüngere Veröffentlichungen von Peter Kremer (1988) und Antje Köhlerschmidt (1994)** zeigen, sind gegenteilige Ermittlungen des Afrikaforschers Erwin von Bary und des Sprachwissenschaftlers Gottlob Adolf Krause über Jahrzehnte ignoriert worden – vermutlich, weil die Version von den kriegslüsternen und habgierigen Nomaden gut ins herrschende europäische Afrikabild paßte. In Wahrheit sei die Expedition Tinnes das Opfer einer politischen Intrige geworden. Mit dem blutigen Zwischenfall hätten jüngere Stammesführer beabsichtigt, den greisen Anführer der nördlichen Tuareg, Ikhenukhen, anzuschwärzen, unter dessen Schutz Tinne gestanden hatte. Der Schwächling, ohnehin eine Marionette der Europäer, sei ja noch nicht einmal imstande, seine Schutzbefohlenen sicher durch das Ajjer-Land zu geleiten. Somit wäre der angebliche Streit oder Raubüberfall getürkt worden. Man hätte freilich schon damals hellhörig werden können, falls man den Ehrenkodex der Tuareg kannte: danach war der Tötung einer unter dem Schutz der Stammesgemeinschaft reisenden Frau unverzeihlich, ja sogar fast undenkbar. Daran mußte auch die Intrige scheitern.
~~~ Selbst nach einer Spiegel-Bildstrecke aus 2019 muß der Fall zumindest als unaufgeklärt gelten. Ein damaliges Gerichtsverfahren in Tripolis habe keine bestimmten Täter »dingfest« gemacht. Zeugenaussagen sprächen freilich für die höchste Wahrscheinlichkeit jener Intrigen-Theorie, nach der die genauso hübsche wie zähe Dame einer Fehde zwischen rivalisierenden Tuareg-Gruppen zum Opfer fiel, also nicht etwa dem Imperialismus beziehungsweise dem Kampf gegen diesen.
~~~ Zu den zahlreichen Ehrgeizlingen, die der Quelle des Nils oder auch mehreren Nilquellen auf den Fersen waren und die gleichfalls oft mehr Fehden untereinander als mit Einheimischen oder Zuckerbaronen austrugen, zählte der Brite John Hanning Speke, ein zunächst in Indien, dann im Krimkrieg bewährter Militarist, daneben wohl zudem Rassist, der alle »Negroiden« für kulturunfähig hielt. Sein Intimfeind war allerdings sein Landsmann und Kollege Sir Richard Francis Burton, mit dem er noch im Februar 1858 einträchtig am Ufer des Tanganjikasees gestanden hatte. Während Burton diesen See als mutmaßliche Nilquelle bevorzugte, schwor Speke, gesprochen Spiek, wenig später auf den von ihm allein entdeckten Victoriasee. Der Streit schwoll an wie ein See bei Sturm, und 1864 sah sich die British Society for the Advancement of Science sogar gezwungen, in dieser Sache für den 16. September in Bath (bei Bristol) eine Anhörung der Streithähne anzusetzen. Doch es kam nicht dazu, weil sich einen Tag vorher beim unweit von Bath gelegenen Städtchen Corsham aus Spekes Jagdgewehr ein Schuß löste, der ihn selber, den Jäger der Nilquellen Speke, knapp unterhalb der Achselhöhle und dann tödlich in der Herzgegend traf. Speke hatte im Verein mit zwei Freunden gejagt; Burton war nicht zugegen, heißt es. Eine offizielle Untersuchung erkannte als Todesursache auf Unfall beim Versuch des Forschers, eine niedrige Feldmauer zu übersteigen, schloß also auch aus, der 37jährige gefeierte Abenteurer habe sich vor schierer Prüfungsangst im Mauerschatten eigenhändig umge-bracht. Diese Sicht soll freilich Burton bevorzugt haben, versichert die englische Wikipedia. Das glaube ich gern.
~~~ Mag diese Kapriole des Zufalls auch etwas undurchsichtig bleiben, an Spekes Ruhm war spätestens nach zwei Jahren nicht mehr zu rütteln. 1866 errichtete man ihm zu Ehren im Londoner Park Kensington Gardens einen riesigen, angemessen phallischen Obelisken aus rosa Granit, an dem noch heute Tag für Tag Hunderte von Erholungsuchende vorüberlatschen. Spekes Widersacher wurde knapp 70 und von der Königin noch zum Ritter geschlagen, ehe er seinen sehr ähnlich gearteten Entdecker- und Knechtergeist aufgab. Übrigens hatte Burton in der Streitsache zwar daneben, Speke jedoch zu kurz gegriffen. Der Weiße Nil (um den es hier ging) wird zunächst vom Zufluß des Victoriasees Kagera gespeist, der wiederum zwei Quellflüsse aufweist, die in einem Hügelland der heutigen Staaten Burundi und Ruanda entspringen. Dieser Sachverhalt wurde meines Wissens erst gegen 1900 eindeutig ausgemacht.
* Friedrich Ratzel, Artikel über T. in: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 38 (1894), online https://www.deutsche-biographie.de/gnd119180626.html#adbcontent
** laut Artikel über T. in der deutschen Wikipedia
Tschawtschawadse, Ilia G. (1837–1907) ~ Brockhaus stellt den georgischen Schriftsteller, von Hause aus Fürst und Grundherr, als liberalen Geist, bedeutenden Sprachpfleger sowie Mordopfer vor. Georgien gehörte damals zum Zarenreich. Amts- und Schulsprache war Russisch. Tschawtschawadse hatte zunächst stilgerecht Jura studiert und eine Zeitlang als Richter gewirkt. Dann jedoch hob er in Tiflis mit Freunden die Adelsbank aus der Taufe, die er anscheinend auch leitete, und beteiligte sich an der Gründung verschiedener Zeitschriften, die patriotische und sozialreformerische Anliegen verfochten. Daneben verfaßte er Erzählungen und Gedichte sowie Übersetzungen aus dem Englischen. 1906 wurde er auch Mitglied der russischen Staatsduma, wo er beispielsweise die Todesstrafe anprangerte. Doch schon ein Jahr darauf erwischte es ihn selber. Ende August 1907 vermutlich mit einem Pferdegespann unterwegs, wurde der 69jährige Schriftsteller rund 20 Kilometer nördlich von Tiflis unweit der Kleinstadt Mtskheta in der Tsitsamuri-Schlucht von sechs Banditen überfallen, die mit hoher Wahrscheinlich-keit in politischem Auftrag handelten. Sie ermordeten ihn. Damit blieb Gattin Olga als Witwe zurück. Brockhaus erweist sich hier als früher Verschwörungstheoretiker: Das ganze habe »unter Beteiligung der zaristischen Geheimpolizei« stattgefunden. Einige Internetquellen halten es dagegen nicht für unwahrscheinlich, der Mordauftrag sei von georgischen Menschewisten oder georgischen Bolschwisten erteilt worden. Beiden sei der liberale Literat ohne Zweifel ein Dorn im Auge gewesen, weil er durch seinen beträchtlichen Einfluß eine Menge Landsleute daran gehindert habe, den sozialistischen Ausweg anzupeilen. Jedenfalls ist nirgends von einem Raubmord die Rede, wie dann beim Prozeß. Dafür fand sich Tschawtschawadse später auf der 20-Lari-Banknote wieder. Prompt sprach ihn die orthodoxe Kirche seines Landes 1987 heilig.
~~~ Ein paar nähere Angaben zu Tschawtschawadses Ende liefert die russische Wikipedia, die ihren ausführlichen Eintrag mit 56 Fußnoten und vielen Literaturhinweisen ganz schön gestreckt hat. Der patriotische Bankier war im damaligen Spätsommer mit Gattin Olga zum gemeinsamen Landsitz in Saguramo unterwegs, heute Museum. Beim Überfall ließ auch der Diener oder Kutscher sein Leben, während Olga »lediglich« geschlagen worden sei. Vier ergriffene Banditen stellten die Sache als Raubmord dar und bestritten politische Aufträge. So oder so, sie wurden zum Tod verurteilt und erhängt. Was die russischen Lexikografen betrifft, halten sie einen Vergeltungsakt von »Revolutionären« ebenfalls für nicht unwahrscheinlich, habe Tschawtschawadse doch deren Methoden wiederholt in seinen Blättern angeprangert. Ferner habe ich bei der Mitteilung aufgehorcht, Witwe Olga habe nach dem Urteilsspruch, ganz im Sinne des gemeuchelten Abgeordneten, um Vermeidung der Todesstrafe gebeten, wenn auch vergeblich. Das kommt mir ja schon beinahe hochherzig vor.
Tschelebi, Muhammad Nafi ~ Der Syrier aus Aleppo wird im Brockhaus nicht erwähnt. Er wirkte zuletzt als Muslimführer in Berlin. Sein Ende liegt im Nebel. Im Sommer 1933 wurde der Leichnam des 31jährigen von Spaziergängern am Ufer eines Grunewaldsees entdeckt. Ob Tschelebi ertrank und warum er starb, scheint niemand zu wissen. Selbst der Verbleib der Leiche ist unbekannt. Es wird lediglich darauf verwiesen, die Nazis seien schlecht auf Tschelebi zu sprechen gewesen.* 1923 nach Berlin gekommen, hatte sich der Student der Technischen Universität zu einem führenden Förderer der Integration der Berliner Muslime und der Verständigung zwischen den Weltkulturen entwickelt. Er leitete das von ihm geschaffene Islam-Institut (1927) und gab mehrere Zeitschriften heraus. Allerdings hatte sich Tschelebi kräftig mit »autokratischen« Führern der muslimischen Gemeinde angelegt, könnte also auch ein Opfer interner Auseinandersetzungen gewesen sein, so wie Tinne bei den Tuaregs. Über seinen privaten Lebenswandel – und etwaige Enttäuschungen oder Krankheiten – ist buchstäblich nichts zu erfahren. Seit 1997 verleiht das Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland, das seit 1981 in Soest sitzt, jährlich an Nicht-Muslime, die im beschriebenen Sinne wirken, einen nach Tschelebi benannten Preis. 2012 ging er zum Beispiel an den Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma Romani Rose.
* Burkhard Schröder in: »Die Berliner Moschee ...», Berlin Juni 2006, S. 57–59: http://berlin.ahmadiyya.org/berlin-mission-june06.pdf
Tyler, Wat ~ 1381, also erstaunlich früh, brachen in Teilen Englands Bauernaufstände aus. Neben dem Prediger John Ball (in Band 2 meines Brockhaus nicht erwähnt) habe der Ziegelbrenner Wat Tyler zu den Anführern gehört. Dessen Haufen drangen von Canterbury, Kent, aus bis nach London vor, wo sie den Tower besetzten. König Richard II. lockte Tyler, geschätzt um 40 Jahre alt, zu angeblichen Verhandlungen – und ließ ihn kaltmachen. Dann habe Richard »durch falsche Versprechungen« auch das Fußvolk übers Ohr gehauen, nämlich zum Abzug verleitet. Damit war die Erhebung so gut wie zusammengebrochen. Soweit Brockhaus.
~~~ Mitstreiter John Ball, der Geistliche, ist auch noch einen Blick wert. Einen bald berühmten Kernsatz aus seinen Predigten, die er vornehmlich außerhalb der offiziellen Gottesdienste vor Bauern und anderen Werktätigen, etwa auf Kirchhöfen, in der gemeinsamen Landessprache (statt auf Lateinisch) hielt, zahlten ihm die edlen Herren im selben Sommer 1381 grausam heim, als er vermutlich Anfang 40 war. Der Satz lautete: »When Adam delved [grub] and Eve span [spann], Who was then a nobleman?« Da ihm der Erzbischof von Canterbury verständlicherweise (schon 1364) Kanzelverbot erteilt hatte, zog der volksfreundliche Anhänger John Wiclifs als Wanderprediger durch das von Adel, Klerus, Krieg, Abgabelast und Pest verwüstete England. Dabei verfügte allein die damals noch römisch geprägte Kirche über ein Drittel des englischen Bodens.* Was Wunder, wenn Ball wiederholt verhaftet und eingesperrt wurde. Zuletzt holten ihn Aufständische gewaltsam aus dem Kerker. Dann soll er, schon in seinem Todesjahr, an jenem Sturm der von Tyler geführten Bauern auf den Londoner Tower beteiligt gewesen sein, bei dem der erwähnte Erzbischof, Simon Sudbury, übrigens sein bigottes Leben einbüßte.
~~~ Wenige Wochen nach Tylers Ermordung und dem Zerbröckeln der Kampffront wurde auch Ball (in Coventry) aufgespürt und nach einem sogenannten Prozeß am 15. Juli 1381 in seiner Heimatstadt St. Albans (nördlich von London) in Anwesenheit König Richards erhängt und zerstückelt. Anschließend erfreuten sich sämtliche Leichenteile, aufgepfählt, nochmals einer mahnenden Zurschaustellung. Allerdings liebten die Rebellen, soweit ich sehe, dieses Verfahren ebenfalls. Vom verhaßten Erzbischof heißt es etwa, man habe sein abgeschnittenes, dann mit der aufgenagelten Bischofsmütze gekröntes Haupt auf eine Lanze gespießt, um es am Geländer der London Bridge anbinden zu können.
* Richard Vine / Melvyn Bragg, http://www.theguardian.com/tv-and-radio/2014/aug/04/melvyn-braggs-radical-lives-review, 4. August 2014
Ullmann, Viktor ~ Geboren 1898, Schüler von Arnold Schönberg (Wien) und Alois Hába (Prag) und zeitweise Kapellmeister unter Alexander von Zemlinsky (1922–27 in Prag), schuf der jüdischstämmige österreichische Komponist seine besten Werke ausgerechnet im KZ Theresienstadt, Nordböhmen, in das ihn die Faschisten im September 1942 gesteckt hatten. Sein drittes Streichquartett etwa, von 1943, wirkt wie unter Wasser gespielt – als sei die Statue eines Berufsoffiziers (Ullmanns Vater Maximilian, im Ersten Weltkrieg Oberst) mit der Erscheinung der Jungfrau Maria verschwommen. Flucht und Exil lehnte der Anhänger Rudolf Steiners ab.* Er glaubte schier unerschütterlich an den Triumph der Kultur (genauer vielleicht: der Vergeistigung) über den Tod, gerade so, wie in seiner Oper Der Kaiser von Atlantis aus demselben Jahr dargestellt. Im Oktober 1944, mit 46 Jahren, wurde Ullmann nach Auschwitz verschleppt und dort sofort, mit anderen ihm Nahestehenden, ins Gas geschickt. Sein Schaffen erfuhr erst eine nennenswerte Beachtung, nachdem die erwähnte Oper 1975 in Amsterdam ausgegraben worden war.
* Volker Tarnow, http://www.welt.de/print-welt/article501510/Viktor-Ullmann-der-Sinnsucher-von-Theresienstadt.html, 10. Februar 2000
Kenji Urada ~ Als erstes Todesopfer eines Industrie-roboters ging allerdings sein Kollege Robert Williams in die Geschichte ein. Der 25 Jahre alte Ford-Arbeiter in Flat Rock, Michigan, USA, war Ende Januar 1979 angewiesen worden, Metallteile aus dem Käfig eines Roboters zu holen. Dabei versetzte ihm der nicht abgeschaltete Roboter mit seinem Arm einen tödlichen Hieb an den Kopf. Vier Jahre später wurde der Hersteller des Roboters gerichtlich verurteilt, Williams‘ Hinterbliebenen 15 Millionen Dollar zu zahlen.* Kenji Urada, ein 37 Jahre alter Techniker, verunglückte zwei Jahre nach dem Unfall bei Ford, im Juli 1981, auf ähnliche Art in einer Kawasaki-Motorradfabrik in Akashi, Japan. Weil er bei Wartungsarbeiten angeblich aus Versehen den »Ein«-Schalter des Roboters betätigt hatte, drückte ihn dessen Arm in eine Schleifmaschine, sodaß Urada kurz darauf starb. Kollegen hätten ihm nicht beistehen können, weil sie nicht wußten, wie der Roboter zu stoppen sei.**
~~~ 2014 erwähnte der Spiegel weitere Opfer und stellte die großen Pläne der Automatenbranche und der ArbeitsschützerInnen vor.*** Ein Jahr darauf, Ende Juni 2015, machte ein Roboter von VW Baunatal einen 21 Jahre alten Techniker einer sächsischen Fremdfirma kalt. Der junge Mann widmete sich in Halle 6 (Elektro-motorenbau) der Einrichtung einer neuen vollautoma-tischen Anlage und wurde dabei unvermutet von einem Roboter dieser Anlage erfaßt und gegen eine Metallplatte gequetscht. Er starb kurz darauf im Krankenhaus. Später wurde einem Kollegen des Opfers Fahrlässigkeit vorgeworfen. Die HNA schreibt, VW habe sich damals mit der Bekanntgabe des Unfalls Zeit gelassen.****
~~~ Ich wies schon andernorts auf die stiefmütterliche Behandlung von Arbeitsunfällen hin. Die lokale Presse mag die betreffenden Opfer heutzutage zwar erwähnen, aber meist als Namenlose, und den Sprung in Nachschlagewerke schaffen sie höchst selten. Im übrigen dürften die HerstellerInnen jener schützenden »Käfige« bald in die Röhre gucken, werden die Roboter doch zunehmend »autonom«. Sie werden, wie schon einige Autos, käfiglos tätig, also sozusagen freilaufend oder freifliegend, darunter als regelrechte »Kampfroboter« und selbstverständlich als bewaffnete »Drohnen«. Ehrlich gesagt, kann ich mich mit der Befürchtung, sie würden uns, die Menschheit, demnächst restlos von diesem Planeten fegen, allmählich anfreunden. Das wird vielen Kindern das schreckliche Los als MaskenträgerInnen, Zitterer à la Parkinson***** oder auch nur Langzeitgefangene ihres jeweiligen Homeoffices ersparen. Der »Pandemie«-Panikmodus ist ja offensichtlich, allen hübschen Untersuchungsausschüssen zum Trotz, schon längst wieder gewartet und einschaltbereit.
* »$ 15 million for robot death«, Ottawa Citizen (Kanada), 14. Januar 1984, S. 10
** »Killer robot«, Deseret News (Salt Lake City, Utah, USA), 8. Dezember 1981, S. B 1
*** Julia Koch, »Raus aus dem Käfig«, 19. Dezember 2014: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-130967291.html
**** Sven Kühling, https://www.hna.de/lokales/kreis-kassel/baunatal-ort312516/toedlicher-roboter-unfall-bei-vw-kassel-in-baunatal-vor-gericht-8413531.html, 20. Juni 2017
***** Simone Bach, https://www.manova.news/artikel/die-parkinson-pandemie, 8. Juli 2021
Visser, Ingrid ~ Die hagere, dunkelblonde Niederländerin, 1,91 groß, war »nur« Volleyballspielerin, aber immerhin von Weltklasse. Sie kämpfte (für ihr Gehalt) bis 2012 in etlichen über den Erdball verstreuten Spitzenclubs. Unter diesen befand sich auch der südspanische CAV Murcia 2005 – bevor er (2011) bankrott ging. Ebendort, in der mittelmeernahen Großstadt Murcia, hielt sich Visser im Mai 2013 mit ihrem beträchtlich älteren Lebensgefährten Lodewijk Severein aus Gründen auf, die nach wie vor vernebelt wirken. Severein wird überall als eher zwielichtiger Geschäftsmann dargestellt. Aber an seiner Opferrolle ist nicht zu rütteln. Nachdem Visser, knapp 36, und Severein für rund zwei Wochen als vermißt galten, fanden sich ihre zerstückelten Leichen außerhalb der Stadt verscharrt in einem Zitronenhain.
~~~ Soweit ich sehe, liefert die vielgelesene niederländische Tageszeitung AD (Rotterdam) drei Jahre später den am wenigsten lückenhaften Bericht* über das letztlich grausige Geschehen. Leider ist er inzwischen nicht mehr aufrufbar. Nach meinen Unterlagen hatte das Paar aus Holland das Angenehme oder Sentimentale mit dem Nützlichen verbunden. Die wohl bereits schwangere Visser hatte mit der Kinderwunschklinik Tahe Fertilidad in Murcia einen Kontrolltermin vereinbart. Sie wollte endlich Mutter werden. Außerdem hatte sie von ihrem ehemaligen, nun aufgelösten Arbeitgeber ohnehin noch 60.000 Euro Gehalt zu bekommen – um die konnte sie sich jetzt ebenfalls gleich kümmern. Aber vor allem hatte ihr Lebensgefährte Severein Geldsorgen. Die ausstehende Gehaltszahlung und der Bankrott des Clubs hatten ihn nämlich nicht daran gehindert, mit dem ehemaligen Chef und Schatzmeister des CAV Murcia 2005 Juan Cuenca Lorente auch noch Geschäftspläne zu schmieden. 2005 hatte Serverein viel Geld mit dem Verkauf seines Internet-Providers verdient, und in der Folge war er bemüht, daraus noch viel mehr Geld zu machen. Jüngster Hebel sollte ein Marmorbruch sein, wohl vermittels der BV Granmar Stone Trade Ltd im Steuerparadies Gibraltar, wie AD anmerkt. Möglicherweise waren dabei auch russische Mafiosi im Spiel. Doch wie immer auch: plötzlich schreibt Severein an Cuenca, die Partner hätten ihn versetzt und sogar verklagt; er brauche dringend alles Geld. Laut AD hatte er, an Cuenca, eine »Vorauszahlung in unbekannter Höhe« geleistet. Im Internet wimmelt es diesbezüglich von Beträgen zwischen 90.000 und 240.000 Euro, ob mit oder ohne jene 60.000 an rückständigem Gehalt. Nur Belege bleibt es schuldig.
~~~ Nach den Ermittlungen der Polizei war das Paar zwecks Verhandlungen per Mietwagen – dafür reichte es also noch – in ein Ferienhaus außerhalb der Stadt gefahren, das einem Freund des damals 36 Jahre alten Cuencas gehörte. Dort kam es entweder zum Streit, oder die planvoll gestellte Falle schnappte einfach zu. Laut gerichtsmedizinischem Befund wurden die Opfer wohl erschlagen. Zwar zeige die Obduktion heftige Gewalteinwirkung, jedoch keine »Folter«, wie oft zu lesen war. Die ewig lächelnde Sportskanone Visser galt als populär – und um diesen guten Ruf zu stärken, kann ein bißchen »Folter« nicht schaden.
~~~ Das Gericht machte Cuenca und zwei Rumänen, die er angeheuert hatte, für den Doppelmord verantwortlich. Nach Berufungsverhandlungen wurde die beiden Hauptangeklagten, darunter Cuenca, 2017 für 34 Jahre ins Gefängnis geschickt. Die Welt (vom 28. Mai 2013) betonte oder beklagte schon vor dem Gerichtsverfahren die Geheimniskrämerei der spanischen ErmittlerInnen vor allem bezüglich des Mordmotivs und der geschäftlichen Verstrickungen der Beteiligten. Ob es dann im Prozeß dabei blieb, könnte ich nicht sagen. Im Grunde ist es wahrscheinlich egal. Den Kapitalismus und den sogenannten Leistungssport verurteilt keiner, und das Geld und dessen zukünftiger Erbe sind unwiederbringlich dahin.
* Edwin Winkels, https://www.ad.nl/nieuws/wat-is-er-met-hen-gebeurd-juan~a1d86615/, 27. September 2016
Die beachtliche Laufbahn der Jazztrompeterin Clara de Vries endete im KZ: Genickbruch Pdf 3 Seite 238. Das kleine chinesische Mädchen Wang Yu durfte (2011) auf der volkseigenen Straße verbluten: Genickbruch Pdf 5 Seite 12. Der prominente Komponist Anton Webern wurde, angeblich versehentlich, nach Kriegsende erschossen: Genickbruch Pdf 5 Seite 170. Selbst der junge SA-Sturmführer Horst Wessel trat als Komponist – und Mordopfer hervor: Genickbruch Pdf 4 Seite 39.
Walder, Pius ~ Der 30 Jahre alte österreichische Holzfäller und Wilderer aus dem Villgratental in den Hohen Tauern, Osttirol, wurde in einer Septembernacht 1982 beim Weiler Kalkstein von zwei Jägern überrascht und sehr wahrscheinlich auch erkannt, obwohl er sein Gesicht mit Ruß geschwärzt hatte. Zwar stellte man später fest, daß er in dieser Nacht nicht einen Schuß aus seiner Flinte abgegeben hatte – aber man kannte diese Brüder ja. Die Gebrüder Walder, vier Stück an der Zahl, waren talweit als wilde und wildernde Gesellen berüchtigt. Als Pius Walder nun flüchtete, schoß Jäger Schett mehrmals auf ihn und traf ihn dabei in den Hinterkopf. Damit hatte Schett für einen Toten, den Racheschwur Bruder Hermann Walders, eine Flut von Zeitungsartikeln, außerdem für etliche Bücher, Lieder und Filme gesorgt. Nicht alle ergriffen für die Walders Partei, doch das Befremden zog sich ziemlich lückenlos durch die ganzen Alpen.
~~~ Nach dem Gerichtsverfahren konnte Hermann Walder seinen Schwur nur bekräftigen. Das Urteil sah keinen Mord, wie Hermann selber, sondern lediglich eine »Körperverletzung mit tödlichem Ausgang«. Schett bekam drei Jahre Haft, wovon er nur die Hälfte absitzen mußte. Nach einigen Quellen war der vorsitzende Richter zufällig ein Kamerad von Schett, nämlich ebenfalls Jäger. Aber die Kumpanei zwischen Jägern und der jeweiligen Obrigkeit oder Elite der Demokratie dürfte ja bekannt sein. Sie trinken aus denselben Geldhähnen und pochen gemeinsam auf das soldatische Recht, im Zweifelsfall von Staats wegen zu töten. Kritische BeobachterInnen merken allerdings zurecht an, der postmoderne Wilderer sei in der Regel weder Hungerleider noch Rebell. Das soll sogar Hermann Walder eingeräumt haben, der übrigens soeben gestorben ist.* Man wildert aus Spielleidenschaft und bestenfalls noch aus Trotz gegen die anmaßende kapitalistische Einrichtung dieser Erde. Übrigens umfaßt sie inzwischen auch den mit Kondensstreifen, Satelliten und sonstigem Weltraummüll gespickten Himmel. Mich hat da keiner gefragt.
* https://www.diepresse.com/20578425/ungerechter-boden-in-oesterreich-43-jahre-nach-wildererdrama-wird-in, 13. Februar 2026
Wertz, Karl ~ In der Nähe von Kaiserslautern in der Pfalz, genauer zwischen Neustadt und Lambrecht, knapp 500 Meter hoch, liegt die vom »Pfälzerwald-Verein« betriebene Hellerhütte, ein durchaus massives Haus mit Herbergsbetten und einer Terrasse zum Vorplatz hin. Als es dort in der Silvesternacht 1960/61 um drei Uhr früh reichlich spät erneut anhaltend knallte, ging der 49jährige Karl Wertz aus Haßloch mit einer Taschenlampe hinaus, um nach dem Rechten zu sehen. Ein Porträtfoto* zeigt einen schmalgesichtigen Mann mit hoher Stirn, schütte-rem Haar und auffälligen Ohren, der möglicherweise nur zufällig recht verbittert in die Kamera blickt. Man denkt an einen Lehrer oder einen kaufmännischen Abteilungsleiter. Das war der ehrenamtliche Betreuer der Hellerhütte, wohl sonst als Arbeiter in der Chemieindustrie erwerbstätig. Mehr ist über ihn nicht zu erfahren, von den Schüssen einmal abgesehen. Seine heimischen Wanderfreunde schnarchten bereits. Auf dem Vorplatz dagegen ballerten etliche besoffene »Halbstarke«, wie es schien, mit Handfeuerwaffen herum, und als sie der Hüttenwart zu genau in den Kegel seiner Taschenlampe nahm, schossen sie auch auf ihn. Er starb auf der Fahrt ins Krankenhaus.
~~~ Später setzte man dem unbedeutenden Zeitgenossen immerhin am Tatort einen Gedenkstein. Wie sich damals vor Gericht herausstellte, war Wertz wahrscheinlich vom ungefähr 20jährigen Lutz Cetto getötet worden. Der hatte befürchtet, Wertz könne Mitglieder der sogenannten Kimmel-Bande erkennen und verpfeifen, die in derselben Nacht die nahegelegene Totenkopfhütte angezündet und ansonsten in jüngster Zeit mindestens 100 Einbrüche und Banküberfälle verübt hatte. Denn um diese Bande handelte es sich bei den Lärmenden. Ihr Kopf war der »Al Capone der Pfalz«, Bernhard Kimmel, der Jahre später auch noch einen Polizisten getötet haben soll. Cetto, inzwischen 22, bekam im Februar 1963 vorm Landgericht in Frankenthal für die Geschichte im Walde Lebenslänglich**, beging jedoch bald darauf im Gefängnis Selbstmord.
~~~ Um vielleicht ein paar biografische Einzelheiten zu Wertz zu ergattern, schrieb ich schon vor etlichen Jahren einen Krimiautor der Region und die Stadtverwaltung von Bad Dürkheim an – und erntete, wie so oft, das Schweigen im Pfälzer Walde. Als ich neulich über den Obervogt Von Hundbiß vom Bodensee schrieb, lag mir ein Aufsatz über ihn vor, auf den ich mich gern stützte. Nur war der Mann kein Mordopfer; er brachte sich (1805) selber um. Sollte es tatsächlich über Karl Wertz bis zur Stunde kein nennenswertes Material geben, wäre es für die pfälzisch-badische Heimatkunde ohne Zweifel ein Armutszeugnis.
* Fotos bei Blofeld 2012 (A. H. Marx, Hanau): https://blofelds-krimiwelt.de/Blofeld-Extra/Kimmel-Bande/kimmel-bande.html
** »Lebenslänglich für Cetto«, Hamburger Abendblatt, 9./10. Februar 1963, S. 24
Whistleblowerin Christine Cotton ~ Die zuletzt 56jährige französische Biostatistikerin, lange Jahre in der Pharmabranche tätig, wandelte sich um 2020 zur »Whistleblowerin», weil sie, ihrer Ansicht nach, haarsträubende Fehler und Betrugsmanöver bei der Entwicklung der neuartigen, insbesondere von Pfizer herausgebrachten Corona-Impfstoffe bemerkte. Die Zentrale des Multis sitzt in New York City. 2025 reichte Cotton aufgrund ihrer kritischen Sichtung Strafanzeige gegen französische Gesundheitsbehörden ein. Prompt erkrankte sie daraufhin, schlagartig und schwer. Sie beschreibt ihre folternden Schmerzen, die Haut und den ganzen Körper betreffend, in ihrer jüngsten und letzten Botschaft. Sie brachte sich nämlich gerade um. Sie hatte keine Linderung gefunden. Näheres können Sie dem Beitrag https://tkp.at/2026/06/03/christine-cotton-die-whistleblowerin-die-die-pharmaindustrie-entbloesste-und-daran-starb/ (Peter F. Mayer, 3. Juni 2026) oder ein paar ähnlichen Webseiten entnehmen.
~~~ Merkwürdigerweise finde ich in allen Quellen keine Mitteilung, ob sich Cotton selber einst mit der fragwürdigen Droge impfen ließ. Oder ob sie beispielsweise Neurasthenikerin (= Angsthäsin) war. Bedenkt man ihr mutiges Aufbegehren, wohl kaum. Im übrigen nehme ich an und hoffe, als Insiderin wußte sie, wie man sich gefahrlos und wirksam umbringt. Ich könnte mir vorstellen, am ehsten nahm sie ein für sie zugeschnittenes Betäubungsmittel, dann ein für sie geeignetes Gift. Gute Ärzte muß sie ja gekannt haben. Aber nun denken Sie auch einmal an arme Schlucker wie mich, die nur Handwerker sind und bar nützlicher Verbindungen, ja sogar fast ohne Freunde dastehen. Was sollen die denn tun? Auf meinen Gesellenbrief als Raumausstatter gibt mir niemand Gift.
Will, Bradley Roland ~ 2006 herrschten in Oaxaca de Juárez, der Hauptstadt des gleichnamigen mexikanischen Bundesstaates, für Monate bürgerkriegsähnliche Verhältnisse. Ausgelöst durch Lehrerstreiks, hatte die aufständische »Volksfront« zahlreiche Behörden besetzt und Straßensperren errichtet. Der umtriebige 36jährige New Yorker anarchistische Künstler Will, auch als Journalist für Indymedia tätig, fuhr mit seiner Videokamera hin. Sein letzter Film wurde am 27. Oktober gewaltsam gestoppt. Bewaffnete Männer einer vermutlich von Gouverneur Ulises Ruiz Ortiz zusammengetrommelten »Bürgerwehr« aus zivil gekleideten Polizisten und anderen städtischen Bediensteten rückten nämlich nicht nur den Straßensperren zu Leibe. Darüber gibt es Fotomaterial. Unter den drei Todesopfern des Tages befand sich auch Will. Er wurde beim Filmen aus größerer Entfernung in den Bauch getroffen und starb noch am selben Tag im Krankenhaus. Im ganzen sollen die damaligen Unruhen mindestens 17 Demonstranten das Leben gekostet haben. Die juristische Verfolgung oder Beschützung der Tatverdächtigen im Falle Wills hat wieder alle Haken und Ösen. 2010 sahen sich die Behörden gezwungen, den zu Unrecht eingesperrten Juan Manuel Martinez freizulassen. Offenbar schmorte der Mann bereits seit rund zwei Jahren im Gefängnis.* Soweit ich sehe, wurden bis 2012 auch noch neue Sündenböcke aufgezäumt, aber seitdem scheint in dem Fall tote Hose zu herrschen. Das wäre also erneut ein US-Bürger, um dessen Tod sich das Weiße Haus nicht kümmern kann, weil es weltweit an so vielen Stellen für die Freiheit kämpfen muß. Warum Will der mit erhobenen Schußwaffen vorrückenden »Bürgerwehr« lästig war, liegt natürlich auf der Hand: Er filmte sie.
* https://www.amnesty.org/en/latest/press-release/2010/02/mexico-must-investigate-us-journalist039s-death-20100218/, Presseerklärung vom 18. Februar 2010
Winckelmann, Johann Joachim ~ Das Geschick des deutschen Gelehrten entschied sich wahrscheinlich um 1750 bei Dresden, wo er die weithin gerühmte Bibliothek eines Grafen betreute. Bei diesem Grafen wurde ein päpstlicher Nuntius auf Winckelmann aufmerksam und lockte ihn nach Rom. Das zweideutige Tätigkeitswort ist durchaus angebracht, weil sich mit dieser Abwerbung einerseits die Aussicht auf eine glänzende wissenschaft-liche Laufbahn des Schustersohnes aus Stendal, andererseits die Aussicht in seinen Sarg bot. Für Brockhaus endete er knapp 20 Jahre später als »Opfer eines Raubmordes«.
~~~ In der Tat gilt Winckelmann heute als bedeutender Wegbahner des Klassizismus und einer aufgeklärten Kunstwissenschaft – aber ohne den verführerischen Nuntius wäre er möglicherweise erheblich älter als 50 Jahre geworden. Auch diese Zweideutigkeit können wir stehen lassen, weil Winckelmann, der auf zeitgenössischen Gemälden recht sanftmütig, wenn nicht gar bezaubernd wirkt, homosexuelle Neigungen besaß, die sich allerdings kaum auf den Nuntius gerichtet haben dürften. Nach Rictor Norton »stand« der »Kunstpädagoge« eindeutig auf blutjungen Männern.* Casanova, der Winckelmann kannte, bezeugte diese Neigung in seinen Erinnerungen mit dem Hinweis, der deutsche Gelehrte liebe es, »mit den jungen Leuten im Stile des Anakreon und Horaz« herumzuscherzen.** Das konnte er selbstverständlich halten, wie er wollte, nur dürfte es seinen vorzeitigen, gewaltsamen Tod ebenfalls mitgefördert haben. Nachdem er 1763 den Italien bereisenden Friedrich Reinhold von Berg kennengelernt hatte, war Winckelmann jede Wette in schlechter Verfassung, weil ihm der junge livländische Baron Liebeskummer bereitete: er entzog sich Winckelmanns Armen und verschwand gen Paris. Laut Norton wäre der Verlassene um ein Haar sogar seinem ganzen Geschlecht untreu geworden, nämlich im Schoße der Malergattin Margaret Mengs. Im April 1768, mittlerweilen von Papst Clemens XIII. zum Oberaufseher für die Altertümer in Rom sowie zum »Scrittore« an der Vaticana ernannt, begab sich Winckelmann gemeinsam mit dem Bildhauer Bartholomeo Cavaceppi nach Deutschland, vermutlich vordringlich wegen beruflicher Obliegenheiten. Spätestens hier wird es mysteriös. Aus unbekannten Gründen – manche sprechen von einem Schuldgefühl der im Stich gelassenen Heimat gegenüber, andere gerade umgekehrt von einem Überdruß an diesen ganzen Fachwerkhäusern mit ihren spitzen Satteldächern – erlitt Winckelmann in Bayern einen »Nervenzusam-menbruch«, brach deshalb auch den Besuch vorzeitig ab, kehrte um und machte, nach Wien, in Triest Station, weil er zunächst kein Schiff für die Überfahrt nach Venedig bekommen hatte.
~~~ Die schöne Stadt an der Oberen Adria, heute italienisch, stand damals unter habsburgischer Herrschaft. Der vermutlich düster gestimmte deutsche Gelehrte stieg im erstklassigen Hotel Locanda Grande unweit des Triester Hafens ab – und damit in seinem Sterbehaus, wie sich bald zeigen sollte. Winckelmanns zufälliger Zimmernachbar Francesco Arcangeli, ein erwerbsloser Koch und Bediensteter aus der Toskana, zudem vorbestrafter Gelegenheitsdieb, war nämlich so freundlich, ihm bei der Schiffssuche und auch in vielen anderen Dingen behilflich zu sein. Ob es auch zu Zärtlichkeiten kam, kann niemand sagen (Norton tut es trotzdem). Jedenfalls freundeten sich die beiden an, wobei es der 31jährige, angeblich pockennarbige Ganove Arcangeli, nach manchen Quellen auch Zuhälter, wahrscheinlich von vornherein auf die mutmaßlich üppige Reisebörse des vornehm gekleideten päpstlichen Oberaufsehers abgesehen hatte, wenn man den Vernehmungsprotokollen der österreichischen Polizei folgt. Wahrscheinlich schlich er sich also vorsätzlich und kaltblütig in das Vertrauen Winckelmanns ein – um ihm schließlich am 8. Juni 1768 in dessen Hotelzimmer mit einem Messer zu Leibe zu rücken. Zuvor hatte er es vergeblich mit einer Schnur versucht, die er dem arglos am Schreibtisch sitzenden Winckelmann von hinten her um den Hals gelegt hatte.
~~~ Da das Opfer, obwohl von sieben Stichen blutend, noch Angaben machen konnte, bevor es sein Leben aushauchte, war der geflüchtete Täter rasch gefaßt. Aus der Mordakte, die 1963 wiederentdeckt wurde, schließen die meisten HistorikerInnen, die polizeiliche und gerichtliche Untersuchung des Falles sei kaum zu beanstanden. Einige andere glauben allerdings an Vertuschung, dafür weniger an »Zufall«. Denn was hatte ein abgebrannter Ganove wie Arcangeli in einem derart noblen Hotel zu suchen? Entweder hatte er »Stricherknaben« zu vermieten, so glauben sie, oder aber er war ein bezahlter Agent, der beispielsweise im Auftrage der Jesuiten nach geheimen Depeschen fahndete, die Winckelmann vom Habsburger Hof (er kam ja aus Wien) gewissen Kurienkardinälen hatte aushändigen sollen. In diesem Fall hätte Arcangeli den Raubmord lediglich vorgetäuscht. Der Buchautor Hein van Dolen (1998) soll sogar eine ausgefeilte Doppelgänger-Theorie entwickelt haben: das Mordopfer sei gar nicht Winckelmann, vielmehr, nach dessen Tod in Wien, ein Betrüger gewesen, der mit Arcangeli gemeinsame Sache machte. Ein jüngerer, recht ausführlicher FR-Artikel trägt diese Dinge zusammen.***
~~~ Eine andere Sache ist das wahrlich mittelalterliche, blutrünstige Urteil der Triester Richter. Arcangeli wurde noch im Tatjahr zum Tode verurteilt und auf dem Petersplatz öffentlich durch Rädern hingerichtet. Diese Methode des Zermalmens durch ein waagrecht über dem flach aufs Schafott gebundenen Deliquenten schwebendes, dann wiederholt fallendes, oft eisenbeschlagenes schweres Speichenrad würde ich noch nicht einmal unseren schwerreichen und unglaublich einflußreichen Stricherjungen der Milchstraße zumuten, beispielsweise Elon Musk oder Peter Thiel. Der letztere, Gründer von PayPal und Palantir, inzwischen 58, soll nach jüngstem Spiegel-Bericht (30. Mai) gerade einen Zufluchtsort in Argentinien vorbereiten. Er habe in Buenos Aires für sich, seinen Ehemann Matt Danzeisen sowie seine zwei Töchter eine Villa erworben. Hilfe, wer bewahrt uns nun auch noch vor diesen Töchtern!
* Rictor Norton, »Johann Joachim Winckelmann / Gay History and Literatur«, https://rictornorton.co.uk/winckelm.htm, 2000 + 2008
** Wolfgang von Wangenheim, »Casanova trifft Winckelmann«, https://www.merkur-zeitschrift.de/wp-content/themes/merkur/pdf/mr-39-2-106.pdf, o. J.
*** Ulrich Rüdenauer, https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/johann-joachim-winckelmann-meuchelmord-in-triest-90527640.html, 8. Mai 2021
Windradyne ~ Eigentlich wäre »der fünfte Kontinent« nach Ansicht der Aborigines, in diesem Fall der Wiradjuri, die im heutigen New South Wales in der gebirgigen Gegend bei Bathurst lebten, durchaus groß genug gewesen, um zusätzlich ein paar Schiffsbesatzungen aus weißen Siedlern zu ernähren. Aber zum einen kamen immer mehr SiedlerInnen, zum anderen bestanden sie darauf, die Landschaft mit Strichen zu versehen, genannt Eigentumsgrenzen. Damit war endlich ein guter Kriegsgrund vorhanden. Es nützte wenig, daß der junge wohlproportionierte Eingeborenenführer Windradyne, geboren um 1800, auch Saturday genannt, mit dem britischen Rechtsanwalt William Suttor befreundet war und entsprechend den Weg des Verhandelns oder Prozessierens bevorzugte, um freien Zugang zu den eigenen angestammten Nahrungsgründen zu erhalten. Die australischen SiedlerInnen verfügten nämlich über gut ausgebildete und gut bewaffnete britische Soldaten. Im Januar 1824 nahmen sie Windradyne, den eine mutmaßlich zeitgenössische kolorierte Zeichnung als bärtigen grauhaarigen Wuschelkopf mit pelzbesetztem Mantel vor der Brust gibt, erst einmal gefangen und steckten ihn in Bathurst für einen Monat ins Gefängnis. Angeblich war er für die »Ermordung« zweier Viehzüchter in Kings Plain, zumindest jedoch für Viehdiebstähle verantwortlich. Die Sydney Gazette vom 8. Januar 1824 gibt sogar das Argument der »natives« wieder: da man ihre Känguruhs und Opossums vertrieben habe, müßten sie sich eben an den neuen Schafen und Rindern schadlos halten.
~~~ Kommandant von Bathurst war damals Major Morisset. Diese »Stadt«, rund 200 Kilometer westlich von Sydney gelegen, war übrigens erst 1815 gegründet worden – mit welchem Recht? Im Laufe des Jahres kam es, unter einem vom sogenannten Gouverneur Generalmajor Sir Thomas Brisbane verhängten sogenannten »Kriegsrecht«, zu weiteren Übergriffen und Zusammenstößen, etwa am Bells Fall Gorge und am Clear Creek, die im ganzen mehreren Hundert Eingeborenen das Leben kosteten. Die SiedlerInnen verschmähten in ihrer neuen Heimat auch die Heimtücke nicht. Im selben Jahr boten Bauern bei Kelso Windradynes Sippe Kartoffeln an. Da sie den Aborigines geschmeckt hatten, wollten sie am nächsten Tag Nachschub holen. Inzwischen hatte sich der Bauernhof allerdings in ein kleines Heerlager verwandelt, und die meisten von Windradynes Verwandten wurden niedergeschossen. Von anderen Siedlern heißt es, sie hätten gezielt vergiftetes Fleisch ausgelegt. Einige von ihnen ereilten die Speere der Aborigines. Verschiedene Verhandlungen mit dem Gouverneur in Parramatta führten nur vorübergehend zum Waffenstillstand. Windradyne hatte mit den Stammesführern Old Bull aus dem Süden und Blucher aus dem Nordwesten einen Kriegsrat gebildet, um Land und Leute wirkungsvoller verteidigen zu können. Nach einigen Quellen wuchs die gemeinsame Streitmacht n den nächsten Jahren auf 600 Krieger an.
~~~ Deren endgültige Niederlage erlebte Windradyne nicht mehr. Er starb 1829 mit rund 30 Jahren entweder im Krankenhaus von Bathurst oder nahebei auf Freund Suttors Anwesen Brucedale, nachdem er im Rahmen einer Stammesfehde am Macquarie River schwer verwundet worden war. Die Sydney Gazette brachte wohlwollende Nachrufe. Eine ähnlich fragwürdige Genugtuung erreichte die Einheimischen 1954, als die Bathurst Historical Society Windradynes Grabstätte in oder bei Brucedale zum geschützten Gebiet der Wiradjuri erklärte und mit einem Gedenkstein zierte, auf dem er, laut David Andrew Roberts*, als »true patriot« bezeichnet wird. Auch ein Stadtteil von Bathurst trägt seinen Namen.
~~~ Um die Ausgewogenheit zu wahren, wurde ein Nationalpark in Queensland, der Vogelkundlern neben dem Honigfresser den Mangrovekrähenwürger zu bieten hat, nach Edmund Kennedy benannt. Der aus Großbritannien stammende Landvermesser und »Entdecker« hatte ab 1840 wesentliche Beiträge zur »Erschließung« Queenslands geleistet. Aber auch er mußte bereits als Dreißigjähriger abtreten: Er wurde 1848 auf seiner letzten Expedition bei Kap York – von Speeren dort lebender Aborigines getötet.
* Artikel im Australian Dictionary of Biography, https://adb.anu.edu.au/biography/windradyne-13251, 2005
Wolfe, Esther ~ Der jungen Lakota-Oglala-Indianerin war bereits 2019 übel mitgespielt worden: ihr Ex-Freund entführte sie und mißhandelte sie dann geschlagene neun Tage lang. Sie überlebte es, wie die Berlinerin Bloggerin Rebecca Hillauer 2022 bei einem Besuch in Rapid City erfuhr, der Gebirgsstadt in den berühmten, auch durch Welskopf-Henrichs Reservationsromane bekannten Black Hills. Hillauers Erschütterung konnte sich noch steigern.* Im Frühjahr 2024 bekam sie einen Brief von Wolfes Schwester. Esther war inzwischen 25. Aber sie lebte nicht mehr. Sie sei an einer Tankstelle von Rapid City mit mehreren Schüssen getötet worden. Zum Motiv habe Staatsanwältin Lara Roetzel den Irrglauben der Familie Mayweather angeführt, Wolfe sei für den Tod von Ezekial Mayweathers Bruder im Jahr 2019 verantwortlich. Der hatte sich anscheinend umgebracht. Diesen Verdacht gegen Wolfe hätten die Behörden jedoch unbegründet genannt. Ende 2025 wird die haarsträubende Mordgeschichte vom einheimischen Magazin Kota Territory bestätigt.** Ein Gericht habe Ezekial Mayweather (24) als Drahtzieher und Haupttäter zu Lebenslänglich verurteilt. Ein Kumpel (Arkadius Wright) habe ihm als Todesschütze gedient. Ein anderes Blatt zitiert sogar einen State’s Attorney (Staatsanwalt), der die Tötung von Esther Wolfe an jener Tankstelle als »öffentliche Hinrichtung» bezeichnete. Sie haben ja vielleicht schon bei einigen vorausgegangenen Einträgen von mir geahnt, die UreinwohnerInnen Nordamerikas gingen untereinander nicht nur mit Samthandschuhen vor. Selbst die Australier hatten ihre Stammesfehden, wie wir vorstehend sahen. Deutsche Publikationen, wie alternativ auch immer, scheinen von Esther Wolfe nie gehört zu haben. Bei den Gerichtsverfahren betonten verschiedene Zeugen ihren guten Charakter.
* https://hillauer.de/2024/03/21/ein-sinnloser-tod/, 21. März 2024
** Chloe White, https://www.kotatv.com/2025/12/11/two-men-sentenced-death-esther-wolfe-pennington-county/
Wunderlich, Heike ~ Die sächsische Textilarbeiterin aus dem VEB Plauener Gardine war erst 18, als sie im April 1987 auf einer Waldlichtung neben ihrem roten Moped vergewaltigt und erdrosselt aufgefunden wurde. Der Fall blieb lange Jahre ungelöst. Über das Rätsel des Opfers kann man noch heute Mutmaßungen anstellen. Wunderlichs Leiche war mit blauen Flecken übersät. Über die lebendige junge Frau jedoch, offenbar eine anziehend wirkende Dunkelhaarige, erfährt man aus den mir erreichbaren Quellen nicht mehr als dies, sie sei gesellig, aber vorsichtig Fremden gegenüber gewesen. Nach einem heimischen Blatt* wohnte sie, mit Brüdern, noch im Elternhaus. Die Reporterin erwähnt vom Prozeß, ein Bruder sei im Zeugenstand gebeten worden, dem Gericht zu schildern, »was für ein Mensch« seine Schwester gewesen sei. Man spitzt alarmiert die Ohren – und die Reporterin verrät kein Wort von der brüderlichen Schilderung. Wunderlichs Charakter? Oder ihre Sehnsüchte, falls sie welche hatte? Fast hätte ich mich trotz der jüngsten Bahnreise-Schikanen (erst Maskenzwang, dann Zugausfall) schon einmal nach Plauen aufgemacht, um verschiedenen Angehörigen, Kriminalbeamten und anderen Einheimischen eigenhändig auf den Zahn zu fühlen. Aber von den Beschwerlichkeiten und Hotelkosten und meinen nicht vorhandenen Referenzen einmal abgesehen, wäre das immer noch heikel gewesen, wie ich andernorts schon einmal im Zusammenhang mit dem schwäbischen Degenfechter Elmar Beierstettel anmerkte. Man rührt bei solchen Nachforschungen leicht Unmut oder gar Angst auf, und wenn es schlecht läuft, hat man gleich für den nächsten Toten gesorgt.
~~~ Seit 2017 gilt der Fall Heike Wunderlich als erledigt. Damals verurteilte das Zwickauer Landgericht einen ungeständigen 62jährigen Frührentner, der bereits zerrüttet und verwirrt war.** Wichtigstes Indiz sei eine sehr alte DNA-Spur gewesen. Zwar fanden sich auch Sperma-Spuren von mehreren anderen Männern, aber denen maßen die ErmittlerInnen keine Bedeutung mehr bei – da sie sich ja nun den Rentner Helmut S. ausgeguckt hätten, so ungefähr die Welt. Allerdings wohnte die Mutter des damals 32jährigen lediglich rund drei Kilometer vom Tatort entfernt. S. kannte sein Opfer nicht, die Gegend freilich umso besser. Außerdem war der trinkfreudige Angeklagte, vor einem Schlaganfall wohl Kranfahrer, schon wiederholt »mit dem Gesetz in Konflikt gekommen«, einmal auch wegen sexueller Verfehlungen. Er saß mehrmals in Haft. Jetzt hat er Lebenslänglich. Der Widerspruch seiner Rechtsanwälte wurde 2018 verworfen.
~~~ Etliche BeobachterInnen halten jene ausschlag-gebende, schon beinahe versteinerte DNA-Spur für wenig beweiskräftig. An dem bekannten Grundsatz gemessen »Im Zweifel für den Angeklagten«, sei das Urteil nicht zu rechtfertigen. Wunderlichs Angehörige sollen jedoch mit ihm zufrieden sein. Durch Thiemes Artikel zieht sich leider der Besorgnis erregende Haß dieser Angehörigen. Dieser Haß mag üblich und verständlich sein, gleichwohl ist er immer ein schlechter Ratgeber. Selbst vorausgesetzt, der Verurteilte hat die junge Frau auf dem Gewissen, hat er sich seine offenbar ziemlich verunglückte Laufbahn auf Erden bestimmt nicht ausgesucht. Und bei seinem zerrütteten Zustand als invalider Frührentner dürfte es kaum erforderlich sein, ihn aus Schutzgründen in Ketten zu legen. Von daher riecht das Urteil stark nach Rache. Die Polizei hat Genugtuung für ihre oft vergebliche und oft auch verhöhnte Kärrnerarbeit im Reich des Bösen, und die Angehörigen wissen jetzt amtlich verbrieft, warum die Welt so schlecht ist.
* Gabi Thieme, https://www.freiepresse.de/vogtland/plauen/mordprozess-heike-wunderlich-er-soll-unseren-hass-spueren-artikel9958655, 24. Juli 2017
** Gisela Friedrichsen, https://www.welt.de/vermischtes/article168142300/Lebenslang-fuer-den-Mann-der-sein-Verbrechen-komplett-vergass.html, 30. August 2017
Xie Ye (1958–93) ~ Hier sehen wir: für allerlei Rohheiten sind nicht nur Kranfahrer oder verhinderte Indianer-häuptlinge begabt. Der chinesische Schriftsteller Gu Cheng stammte aus einer gebildeten Kuomitang-Familie. Allerdings wurde diese während der berüchtigten »Kulturrevolution« in die Provinz Shandong zwangsverschickt, wo es galt, Schweine zu züchten. Das mag der Knabe Gu natürlich als ehrverletzend empfunden haben. Später mauserte er sich aber zu einem Wortführer der avantgardistischen Misty Poetry, was mit »Mist« gar nichts zu tun haben soll. Auf diesem Felde kam auch seine Gattin Xie Ye zu Ruhm. 1987, nach einigen Exiljahren rund um den Erdball, ließ sich das Paar in einem Dorf bei Aukland, Neuseeland, nieder. Irre ich mich nicht, hatten beide Poeten Posten an der Aukländer Universität bekommen. Sechs Jahre später, 1993, brach anscheinend die schon länger schwelende »Krise« aus. Man war gerade von einem Stipendiaten-Aufenthalt in Deutschland zurückgekehrt. Inzwischen lebten die beiden in Auskland nicht mehr gemeinsam in einer Wohnung. Xie trug sich mit Trennungsgedanken. Plötzlich griff Gu Xie, die ihn auf dem Hof ihrer Schwester besuchte, hinterrücks mit einer Axt an, und noch ehe Xie mit gespaltenem Schädel in ein Rettungsfahrzeug geschoben werden kann, erhängt sich der 37jährige Dichter in einem zum Grundstück zählenden Baum. Er hatte ihn bereits mit Strick ausgestattet.
~~~ Laut Wolfgang Kubin hatte Gu diesen Doppelmord durchaus geplant. Der Sinologe umreißt* ein höllisches Eheleben mit Ausbeutung, Abhängigkeit, Untreue, Eifersucht, Erpressung und so weiter, in dem sich allmählich die Rollen verkehrten. Die Herrschaft war an Gu übergegangen, aber er drohte sie zuletzt zu verlieren. Das sah er rot. Nebenbei raubte er durch diesen grausamen Übergriff seinem knapp sechsjährigen Sohn die Mutter.
* Wolfgang Kubin, https://taz.de/Erinnerungssplitter/!1594506/, 25. Oktober 1993
Yang Jia ~ Das Wesentliche, was die VR China von den Errungenschaften des Kommunismus, besser: Staatssozialismus, in den Kapitalismus hinübergerettet hat, ist die Todesstrafe. In einem sage und schreibe einstündigen Prozeß vor dem Shanghaier Mittleren Volksgericht Nr. 2 – der wegen der sogenannten Olympischen Sommerspiele etwas vertagt worden war, es hätte nicht gut ausgesehen – ereilte sie Ende August 2008 den 28jährigen angeblichen mehrfachen Mörder Yang Jia, ein arbeitsloser Pekinger Bürger. Drei Monate darauf, nach vergeblicher Berufung, wurde er, wohl mittels Giftspritze, hingerichtet.
~~~ Yang, der als Einzelgänger, vielleicht auch Stadtstreicher beschrieben wird, war schon einmal bei einem Shanghai-Besuch zu unrecht eingesperrt und dabei auch mißhandelt worden. Dann, bei seinem jüngsten Besuch im Oktober 2007, verdächtigte ihn die Shanghaier Polizei, er habe beabsichtigt, das von ihm gemietete Fahrrad zu stehlen, was sie ihm freilich nicht beweisen konnte. Möglicherweise wurde er auf der Polizeiwache erneut mißhandelt. Nun soll Yang, nach offizieller Darstellung, vor Wut gekocht und auf Vergeltung gesonnen haben. Es dauerte bis zum Vormittag des 1. Juli 2008, also acht Monate, bis er zu allem entschlossen wieder aufgetaucht sei. Jetzt habe er unter Zurhilfenahme von Molotow-Cocktails das Polizeihauptquartier im Shanghaier Vorort Zhabei gestürmt und in dem 20stöckigen Gebäude innerhalb von fünf Minuten neun unbewaffnete Polizisten niedergestochen, von denen sechs starben. Also ein typischer Amoklauf. Zu allem Unglück geschah es auch noch am Jahrestag der Gründung der KPC. Also eine Vaterlandsschändung.
~~~ Allerdings konnten verschiedene in- und ausländische Journalisten oder BloggerInnen auf etliche Ungereimtheiten hinweisen, die die ganze Geschichte in zweifelhaftes Licht tauchen. Einige Belege dafür führt die deutschsprachige Wikipedia an. Danach reichte die Tatzeit niemals aus, um diese über die Etagen verstreuten neun Polizisten zu verletzen. Dafür war Yang unverletzt, obwohl verschiedene Polizisten mit ihm gekämpft haben wollten. Weiter zeigt die Videoaufnahme der im Erdgeschoß verübten Attacken einen maskierten Täter – und zudem eine Zeit, die nach der offiziellen Tatzeit liegt. Und schließlich stellte sich von Yangs »Verteidiger« heraus, daß er schon vorher auch als Berater der Verwaltung des betroffenen Stadtbezirks Zhabei tätig war. Wie Zhang Hong nach dem Urteil im Guardian schrieb*, wäre Yangs Pekinger Mutter, seit langem geschieden, wahrscheinlich die einzige gewesen, die ihm zu einem anderen Rechtsanwalt und diesem zu entlastenden Informationen hätte verhelfen können, doch die Mutter sei leider plötzlich verschwunden. Nicht wenige glaubten, auch dahinter hätten die durch und durch korrupten Behörden gesteckt.
~~~ Die Empörung im Internet war vergleichsweise groß. Wie es aussah, hatten viele Chinesen schon ähnliche Erfahrungen mit Polizei und Justiz gemacht. Jedenfalls trauten sie den Behörden eine rücksichtslose Vertuschung eigener Vergehen und Verbrechen zu. Die Wut des Yang konnten viele selbst unter der Voraussetzung nachvollziehen, er habe an jenem Tag tatsächlich sechs Polizisten umgebracht. Es gab sogar kleinere Demonstrationen und Gedenkveranstaltungen, auch dabei wieder Verhaftungen und Mißhandlungen, die vermutlich gerade so wie die Todesstrafenstatistik des Landes als »Staatsgeheimnis« behandelt werden. Ob inzwischen wenigstens noch nach Yang Jia ein Hahn kräht, muß nach Ausweis meiner Internetsuche bezweifelt werden. Leider ist er ja nicht das einzige Todesstrafenopfer dieses Planeten. Amnesty International schätzt für 2011 mehrere Tausend Hingerichtete allein in der VR China. In jedem Fall dürfte China in der weltweiten Statistik mit krassem Abstand auf dem ersten Rang liegen. Die USA folgen anscheinend erst auf Rang 5.
* Zhang Hong, https://www.theguardian.com/commentisfree/2008/sep/05/china.humanrights, 5. September 2008
Yozgat, Halit ~ Der in Deutschland geborene Sohn eines Türken hatte in der Kasseler Holländischen Straße gerade ein Internetcafe eröffnet. Halit Yozgat war 21 Jahre alt. Am 6. April 2006 wurde er in diesem Cafe am hellichten Tage durch zwei Pistolenschüsse niedergestreckt. Er verblutete in den Armen seines herbeigeeilten Vaters Ismail.
~~~ Zuvor hatte sich ein Stammgast des Cafes dünne gemacht, Andreas Temme aus Hofgeismar bei Kassel – ein offiziell angestellter V-Mann-Führer des Wiesbadener sogenannten Verfassungsschutzes, wie sich später herausstellte. Im Gegensatz zu fünf anderen Cafegästen meldete er sich nicht als Zeuge, wurde aber namhaft gemacht. Der damalige hessische Innenminister Volker Bouffier bewahrte ihn zunächst vor polizeilicher Vernehmung – aus den bekannten Gründen des »Quellen-schutzes«. Ein später eingeleitetes Ermittlungsverfahren gegen den rechtsradikal gestimmten Mann, der in Hofgeismar seit Jahren als »Klein-Adolf« bekannt war, wurde 2007 genauso eingestellt wie ein Disziplinarver-fahren gegen ihn. Nur für den Besitz illegaler Munition erlegte man ihm, wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz, eine Geldstrafe von 800 Euro auf. Dann wurde er ins Regierungspräsidium Kassel versetzt.
~~~ Temme meinte nach seiner Enttarnung, er habe sich rein zufällig und privat in dem Cafe aufgehalten und von der Tat nichts mitbekommen. Mordmotive im Bekanntenkreis Yozgats kamen freilich kaum in Betracht. Vor allem aber reihte sich die Tat ganz offensichtlich in eine Mordserie ein, der seit 2000 bis dahin bundesweit acht überwiegend türkischstämmige Kleinunternehmer zum Opfer gefallen waren. Der junge Kasseler blieb das neunte und letzte Opfer dieser auch als Ceska-Morde, nämlich nach der immerselben Tatwaffe bezeichneten Serie. In der Folgezeit war eine riesige Sonderkommission der Kripo, im Verein mit den Geheimdiensten, nach Kräften bemüht, die Ermittlungen auf »südländisch« wirkende Täter zu beschränken und ansonsten möglichst lange zu verschleppen. Erst nach fünf Jahren kam den wenigen Skeptikern der Zufall zur Hilfe, daß die (angeblich) seit Langem gesuchten Neonazis Uwe Mundlos (38) und Uwe Böhnhardt (34) am 4. November 2011, nach einem nicht ganz reibungslos verlaufenen Überfall auf eine Sparkasse in Eisenach, (angeblich) Selbstmord begingen. Daraufhin stellte sich am 8. November auch ihre Mitstreiterin Beate Zschäpe, geboren 1975, der Polizei. Die drei hatten den Kern des vor allem in Thüringen wurzelnden NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) gebildet. Da sich in ihrem Umfeld auch jene Ceska-Pistole fand, stellen sie inzwischen die Hauptverdächtigen der entsprechenden Mordserie dar. Zudem dürften, neben Raubüberfällen, ein Sprengstoffanschlag in Köln vom Juni 2004, ein Nagelbombenattentat in Köln vom April 2007 und die Ermordung der 22jährigen Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter auf ihr Konto gehen, die am 25. April 2007 in Heilbronn erschossen worden war.
~~~ Allerdings steht auch die Mitwisser- und Mittäterschaft unserer lieben VerfassungsschützerInnen im Raum, die ihre Finger offensichtlich seit Jahren ganz tief in jenem Nationalsozialistischen Untergrund haben, ohne auf die schädliche Idee zu kommen, ihn vielleicht trocken zu legen und sich damit die eigene Existenz-grundlage zu entziehen. Näheres würde hier zu weit führen. Im Herbst 2012 wurde am Kasseler Hauptfriedhof und unweit des Tatortes der Halitplatz eingeweiht. Immerhin scheinen dort regelmäßig Gedenkversamm-lungen veranstaltet zu werden, so auch in diesem »Jubiläumsjahr«, wie ich einer druckfrischen dpa-Meldung entnehme. Sie könnte kaum oberflächlicher sein, zählt aber immerhin auch die anderen Opfer jener Ceska-Morde namentlich auf.* Bei der diesjährigen Gedenkversammlung soll auch Ismail Yozgat sprechen, der Vater jenes jungen Mitbürgers, der buchstäblich für nichts im Sarg landete. Demnach ist der Vater erfreulicherweise noch nicht vor Gram gestorben. Er hat schon viel durchmachen müssen.
~~~ Was den einheimischen V-Mann Temme angeht, steht dem hessischen Journalisten und Buchautor Wolf Wetzel zufolge** inzwischen fest, daß er am Tattag sowohl vor wie nach seinem Besuch im Internet-Cafe mit Neonazis telefonierte, darunter der nordhessische V-Mann Benjamin Gärtner, dessen »Führungsoffizier«, nach Zeugenaussagen sogar Kumpel Temme war. Aber auch Gärtner werde, wie lange Zeit Temme, bis heute vom Verfassungsschutz gegen die Kripo abgeschirmt, die ihn nicht vernehmen darf. Zu dieser Taktik des Mauerns führt Wetzel einen netten Dialog an: Im Sommer 2012 habe sich selbst ein Untersuchungsausschuß des Bundestages, der sich mit dem NSU befaßte, über die konsequente, auch den Ausschuß selber betreffende Blockadepolitik der zuständigen Behörden befremdet gezeigt. Offenbar müsse man erst eine Leiche neben einem Verfassungsschützer finden, um eine Auskunft zu bekommen. Darauf Kriminaldirektor Gerhard Hoffmann, ehemals Leiter der SOKO Café: »Selbst dann nicht …« – »Bitte ..?« – »Es heißt, selbst wenn man eine Leiche neben einem Verfassungsschützer findet, bekommt man keine Auskunft.«
~~~ Wetzel hält die Wahrscheinlichkeit einer Beteiligung Gärtners an dem nach wie vor unaufgeklärten Mord für hoch. Von dem in München veranstalteten Prozeß gegen NSU-Aktivistin Zschäpe verspricht er sich alles andere als Aufklärung, vielmehr weitere Verschleierung des staatlichen Tatbeitrags zum zeitgenössischen neonazistischen Wirken. In einem bereits Anfang 2013 geführten Gespräch*** mit der Webseite Muslim-Markt begründet er diese schlechte Erwartung unter anderem mit dem schon öfter gestreiften Phänomen der systematischen Akten- und Spurenvernichtung und der schier undurchdringlichen Verfilzung zwischen den rechten Angriffs- und den staatlichen Abwehrkräften. Dazu gibt er drastische Beispiele.
* https://www.zeit.de/news/2026-04/06/20-jahre-nach-nsu-mord-an-halit-yozgat-bleiben-fragen-offen
** Wolf Wetzel, https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/artikel/211501.zweifelhaftes-teamwork.html, 3. Dezember 2013
*** https://www.muslim-markt.de/interview/2013/wetzel.htm, 26. April 2013
Zamudio Vera, Daniel ~ Der 24jährige hübsche Mann aus San Bernardo bei Santiago de Chile arbeitete als Verkäufer in einem chinesischen Bekleidungsgeschäft. Er machte aus seiner Homosexualität keinen Hehl. Sein Traum war es, Theaterwissenschaft zu studieren und diese Ausbildung als Dressman zu finanzieren. Aber dazu kam es nicht mehr, weil er Anfang März 2012 das Unglück hatte, bei einem nächtlichen Streifzug durch den hauptstädtischen Park San Borjia auf vier Neonazis zu stoßen, die alle ungefähr in seinem Alter waren. Nach den polizeilichen Ermittlungen folterten sie ihr Opfer geschlagene sechs Stunden lang. Eine Polizeistreife fand den schwerverletzten Zamudio gegen Morgen und brachte ihn ins Krankenhaus. Er wies unter anderem ein verstümmeltes Ohr, zwei gebrochene Beine und Brandwunden an mehreren Körperstellen auf. Laut dem Korrespondenten der BBC hatten die Täter es auch nicht versäumt, abschließend auf ihr zerschundenes Opfer zu urinieren.* Einige Wochen darauf, Ende März, erlag es vor allem seinen inneren Verletzungen. Die Untat erregte in ganz Lateinamerika viel Aufsehen und Entsetzen. Sie beschleunigte auch die Debatte eines »Antidiskriminie-rungsgesetzes« für Chile, das anscheinend noch im selben Jahr verabschiedet wurde. Auch der BBC-Korrespondent singt ein Loblied auf die genderischen Reformen, erwähnt freilich schon für das laufende Jahr 2013 einen nächsten schweren Übergriff auf ein schwules Paar, diesmal in der Stadt San Francisco de Mostazal. Im Fall Zamudio waren die mutmaßlichen Täter bereits Anfang März gefaßt worden. 2013 wurden sie zu einmal Lebenslänglich und drei anderen hohen Haftstrafen verurteilt. Im selben Jahr wurde in San Bernardo die Fundacion Daniel Zamudio ins Leben gerufen, die Eltern homosexueller Kinder berät und natürlich auch das Gedenken an den Toten wachhält.
* Gideon Long, https://www.bbc.com/news/world-middle-east-24722180, 29. Oktober 2013
Die weltweit beliebte Heimtücke streifte ich zuletzt im Eintrag über den australischen Häuptling Windradyne. Leider verschonte sie auch einen erfahrenen Rebellenführer wie Emiliano Zapata aus der Mexikanischen Revolution nicht: er lief (1919) in eine Falle, wie Sie im Genickbruch Pdf 4 Seite 54 nachlesen können. In diesem Zusammenhang könnte ich eigentlich auf die Schnelle den bulgarisch-makedonischen Patrioten Goce Nikolov Delčev (1872–1903) aus dem entlegensten Keller der Weltgeschichte hieven. Der im Unabhängigkeitskampf gegen die osmanische Herrschaft einflußreiche Lehrer und Sozialist befehligte zuletzt eine Partisanengruppe. Diese wurde, je nach Quelle, mal von Dorfbewohnern verraten, mal von den Türken in einen Hinterhalt gelockt, vielleicht auch beides. Jedenfalls fiel er mit 31.
Zay, Jean († 1944 mit knapp 40) ~ Der Rechtsanwalt, Journalist und Politiker aus Orléans war zuletzt in der von Leon Blum geführten Volksfrontregierung Bildungs-minister. Im September 1939 trat er zurück, um sich der französischen Armee anzuschließen. Schließlich reiste er als Leutnant nach Bordeaux und weiter nach Marokko, um von Afrika aus zu kämpfen. Dort wurde er allerdings von Kräften der Vichy-Regierung, die inzwischen mit den deutschen Faschisten Arm in Arm regierte, Mitte August 1940, mit anderen Widerstandskämpfern, verhaftet. Nun konnte man ihm unter dem fadenscheinigen Vorwurf der »Fahnenflucht« in Clermont-Ferrand einen Schauprozeß ausrichten, der mit »Lebenslänglich« endete. Zuletzt in der mittelfranzösischen Kleinstadt Riom eingesperrt, soll Zay unter zunehmenden Beschwerlichkeiten immerhin an Memoiren und neuen Reformplänen gearbeitet haben. Seine Gattin Madleine (zwei Töchter) darf ihn offenbar besuchen. Dann, am 20. Juni 1944, wird Zay – der wahrscheinlich einige Fluchtmöglichkeiten ausschlug – unversehens von Vichy-Miliz aus dem Gefängnis entführt und in einem nahen Wald erschossen. Dabei waren die Alliierten inzwischen schon in der Normandie gelandet!
~~~ Das war also eine knappe – und eine überaus widerliche Sache, wenn man mich fragt. Übrigens war auch hier die Heimtücke im Spiel. Laut französischer Wikipedia gaben sich die drei Entführer als verkleidete Widerstandskämpfer aus, die Zay dem »Maquis« zuzuführen gedachten. In Wahrheit richteten sie ihn ohne jede Rechtsgrundlage hin. Das Lexikon nennt sogar die Namen der Entführer. Der überlebende angebliche Haupttäter soll später noch belangt worden sein. Aber auf diese Schergen kommt es natürlich so wenig wie auf die Unrechtmäßigkeit an. Das entscheidende Widerliche ist das Fehlen jeder Hochherzigkeit beim Gegner, voran den Kollaborateuren, die in Vichy saßen. Deren Thron war ja sowieso bereits unwiderruflich angesägt und verloren. Diesen Umstand hätten sie reumütig eingestehen und den Leuten um De Gaulle eine postfaschistische Zusammen-arbeit anbieten können. Allerdings gebe ich zu, solch ein Weg ist in einer Welt des Eigennutzes und der Recht-haberei undenkbar. Ihn beschreiten nur Einfaltspinsel.
~~~ Nach dem Mordopfer sind in Frankreich unter anderem zahlreiche Schulen benannt, darunter das Lycée Jean Zay in Thiers. Es soll sich um eine sowohl allgemeinbildend als auch technisch ausgerichtete Oberschule handeln, eröffnet 1933. Für mein Empfinden zeigt die Architektur einen eher unangenehmen futuristisch-faschistischen Zug. Als AbnehmerInnen der Beschulten habe man vor allem die Industrie im Auge. Von daher wette ich darauf, Ritterlichkeit, wie die Hochherzigkeit einst auch hieß, wird da nicht gelehrt.
Zorig, Sanjaasürengiin (1962–98) ~ Um 1990 ging die Mongolei den bekannten Weg in die kapitalistische Demokratie. Zu den Galionsfiguren des »Umbruchs« gehörte der meist als sehr ehrenwert gelobte Gelehrte Zorig. Er machte politisch Karriere. Im Herbst 1998 hatte der 36jährige »Infrastrukturminister« gerade gute Aussichten auf den Posten des Regierungschefs, als er in seiner Wohnung von zwei maskierten Personen überrascht und erstochen wurde. Ein schnöder Raubüberfall war es offenbar nicht. Dafür hatte Zorig als »Infrastruktur-minister« Staatsaufträge von beträchtlichem Umfang zu vergeben. Vielleicht wollte man unliebsame Enthüllungen oder ungünstige Weichenstellungen unterbinden. Erst 2016 soll es zu einem Prozeß gekommen sein – allerdings ausdrücklich hinter verschlossenen Türen. Angeblich wurden drei Personen zu hohen Haftstrafen verurteilt. Laut einer damaligen, mehr als dürftigen Reuters-Meldung* war zeitweise auch Zorigs Witwe Bulgan verdächtigt worden, die den Mord miterlebt habe. Auch der spätere Geheimdienstchef Bat Kurth gelte als Kandidat für die DrahtzieherInnen des Verbrechens. Jüngere Quellen sind entweder nicht vorhanden oder wenig Vertrauen erweckend. Immerhin teilen mehrere Webseiten gleichlautend mit, 2016/17 hätten die Akten dieses Mordfalles bereits 14.926 Seiten umfaßt. Man hat sie jedoch bislang nicht mit Kleister an eine geeignete Mauer in Ulaanbaatar (der Landeshauptstadt) geklebt. Teils seien sie auch geschwärzt. Knapp 15.000 Seiten! Die Demokratie mag unvollkommen und undurchsichtig sein – ihren Fleiß kann niemand bezweifeln.
* Terrence Edwards, https://www.reuters.com/article/world/closed-mongolian-court-jails-three-for-1998-murder-of-democracy-hero-idUSKBN14H088/, 28. Dezember 2016
Zytomirski, Henio ~ Der polnisch-jüdische Junge wohnte zuletzt im Lubliner Ghetto. Lublin war schon damals eine große Stadt. In einem ihrer Vororte richteten die deutschen BesatzerInnen das später berüchtigte KZ Majdanek ein. Das Lager hatte Gaskammern. Eben in diesem Lager wurde Henio, neun Jahre jung, möglicherweise gemeinsam mit seinem Vater Szmuel Zytomirski, einem Lehrer, im November 1942 ermordet. Der zioniatisch gestimmte Vater wurde kaum älter als 44. Dessen Frau Sara kam anscheinend in einem anderen Vernichtungslager um. Die Einzelheiten aller drei Todesfälle gelten als ungeklärt, aber darauf kommt es ja wahrhaftig nicht an. Im ganzen wurden allein in Majdanek, das für rund zweieinhalb Jahre bestand, schätzungsweise 80.000 Menschen ermordet, vorwiegend Juden.
~~~ Belege erübrigen sich in Henios Fall, weil der dunkelhaarige, etwas verschmitzt blickende Junge in kurzen Hosen inzwischen Weltruhm genießt – oder jedenfalls das Foto, das ihn so zeigt. Man könnte ihn auch einen Musterknaben der Judenverfolgungsopfer nennen. Dafür kann er natürlich nichts. Oder eine Ikone, wie es etliche Webseiten unverblümt tun. Er hat einen Vorzugsplatz in der »Erinnerungskultur«. Zeitweise trat er sogar mit eigener Facebook-Seite auf, obwohl er ja eigentlich schon tot war. Er soll Fluten an oft rührenden, wenn auch etwas gesteuerten Briefen von anderen Kindern bekommen haben. Selbstverständlich wird er von den unterschiedlichsten Füchsen oder Hyänen für alle möglichen Zwecke dienstbar gemacht, die nur das Desinteresse an Henio und der ihm widerfahrenen Grausamkeit gemeinsam haben.
~~~ Ich fand den Rummel, der seit Jahrzehnten um gewisse Tagebuch oder Briefe schreibende ermordete junge Antifaschisten oder Antifaschistinnen gemacht wird, schon immer verdächtig bis abscheulich, aber nun auch noch Henio, der noch jünger ist als die. So ein süßer Junge, und ausgerechnet den bringen sie um! Hätten sie nicht einen pickligen Mürrkopf nehmen können? Nein – sie haben Zehntausende genommen. Und in etwas abgelegenen Landstrichen wie dem Gazastreifen eifern sie diesem Willen zur Ausrottung noch heute nach.
Für den platten Stoßseufzer »ja ja der Mensch ist schlecht« wäre eine ausgearbeitete Nachbemerkung ohne Zweifel nicht erforderlich. Doch der Seufzer greift viel zu kurz. Denn die ganze Welt – soweit wir sie jedenfalls kennen – ist schlecht. Ich erinnere nur an die haarsträubenden Verhältnisse in der sogenannten Natur und im sogenannten Kosmos. Schon ein paar Erdbeben, Hochwasser und Steppenbrände würden ausreichen, um Friedrich Hölderlins Neid auf den »schönen Kreislauf« der Natur zu verhöhnen. Aber für die uns bekannten Lebewesen ist dieser ja auch ohne Katastrophen alles andere als ein Deckchensticken. Neulich habe ich F. G. Jüngers verblüffend kenntnisreiches Buch Die vollkommene Schöpfung von 1969 wiedergelesen. Ein Horrortrip! Wir treffen Maden, Flugsaurier, Blutegel und Fallen stellende Orchideen. Jeder frißt unablässig jeden, und durch die ausgeklügeltesten Formen der Symbiose, des Parasitismus, der Metamorphosen und der Insektenkollektive wird das schaurige Treiben sowohl verfeinert wie gesteigert. Aber der schlechteste Witz dabei: Jünger hat gar nichts gegen dieses Treiben. Im Gegenteil, er nennt es ohne Ironie »vollkommen« und mahnt sogar zur »Ehrfurcht vor allem Lebendigen« (S. 132), obwohl das Lebendige im Grunde nur dazu da ist, um früher oder später unter die Räder zu kommen.
~~~ Natürlich ist Jünger nicht dumm. Er räumt immer mal wieder ein, eigentlich sei das Treiben gar nicht zu begreifen. Dagegen ahnt er, es könnte Alternativen geben. Ich greife eine zirkelverdächtige Stelle zur Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit der Arten heraus (S. 67). Die Frage, welchen Grund die Mannigfaltigkeit der Arten habe, warum so viele da seien, obwohl sich doch auch weniger denken ließen, könne nicht allein durch den Unterschied geographischer, klimatischer, atmosphärischer Bedingungen beantwortet werden. »Sie brauchen einander auch, und dieses wechselseitige Brauchen und Nutzen, das keine Lücke duldet, von dem sich kein Lebewesen dispensieren [ausnehmen, befreien lassen] kann, ist ein Schlüssel der Artbildung. Das Erscheinen der Arten, ihre Sonderung, die sich unübersehbar ausbreitet, ist kein isolierter Vorgang, sondern genügt Bedürfnissen, denen sie wiederum genügen müssen, wenn sie bestehen sollen.«
~~~ Ja, das darf man wohl als einen Zirkel bezeichnen. Der Erklärungswert der Bemerkung geht gegen Null. Die Vielfalt in der Natur ist vonnöten wegen der großen Menge der Arten, und diese Menge ist erforderlich, damit die Vielfalt nicht zusammenbricht. Über dieses Treiben, das auch Jünger »Kreislauf« nennt, guckt er keinen Zentimeter hinaus. Er nimmt es an. Er unterwirft sich. Dieser Verdammer des postmodernen Naturwissenschafts-betriebes ist kein kritischer, vielmehr ein frommer Kopf.
~~~ Mit dem Weltall halten es die meisten AstrophysikerInnen und Kosmologen genauso unkritisch. Da fressen die Gestirne einander, höllische Hitze und bittere Kälte überbieten sich mit Temperaturrekorden, ganze Milchstraßen verschwinden gleichsam über nacht, alle Entfernungen und Dimensionen sind völlig unverständlich, da kein anderer Maßstab als unsere zufällige, beschränkte Erfahrung im Bereich der Sonne vorliegt – es ficht sie nicht an. Selbstverständlich ließen sich auch andere, angenehmere kosmische Verhältnisse oder auch Existenzformen ganz ohne Kosmos vorstellen. Sie sind jedoch unerwünscht. Der Mensch soll sich unterwerfen. »Transparenz« kann er gerne in seiner 20köpfigen Landkommune verlangen, nicht aber im Kosmos oder gar in der Vorstandsetage von Rheinmetall. Die letztere sitzt in Düsseldorf und gebietet, auf 30 Staaten verteilt, über rund 34.000 MitarbeiterInnen. Hinzu kommen Fremdarbeiter, etwa die Soldaten der ukrainischen Armee.
~~~ Angesichts dieser unwirtlichen und undurchsichtigen universalen Verhältnisse darf es also niemanden wundern, wenn auch die irdischen ZweibeinerInnen mehr oder weniger unerfreuliche Geschöpfe sind, die seit vielen tausend Jahren hartnäckig zu Krieg und Mord und zu Erpressung und Gehässigkeit greifen. Im Grunde können sie nichts dazu. Niemand hat sie gefragt, ob sie auf zwei Beinen gehen, von Körnern und Kaffee abhängig sein und unter ihrem sogenannten Geschlechtstrieb stöhnen wollen.
~~~ Am besten ist es, Sie hüten sich vor dem Menschen. Zumindest sollten Sie aber alle Zusammenballungen von Menschen meiden. In den Familien, Gruppen, Parteien kann sich die ungünstige menschliche Veranlagung nur potenzieren, das wird den meisten einleuchten. Entsprechend dürfte sich die von Jünger beschworene Ehrfurcht allenfalls vor einzelnen Menschen empfehlen. Darauf komme ich noch zurück. Von Zusammenballungen geht stets Verhängnis aus. Kürzlich fiel mir eine Stadtgeschichte von Hirschberg in Schlesien in die Hände. Die Stadt liegt, nicht weit von Liegnitz und Breslau entfernt, am Riesengebirge und dem Fluß Bober. Seit 1945 heißt sie Jelenia Góra, auch nicht übel. Nach Ausweis dieses leider wenig betörenden heimatkundlichen Werkes (von Erle Bach, Husum Verlag 1992, bes. S. 132) wurde die Eheschließung zwischen Kronprinz Wilhelm und Prinzessin Elisabeth von Bayern im November 1823 auch in der Kleinstadt am Riesengebirge kräftig gefeiert. »Umzüge, Musikchöre, Böllerschüsse und Festbeleuchtung allerorten. Einer, der nicht mitspielte und nicht wie angeordnet sein Haus in der Burggasse illuminierte, der hatte den Schaden: ihm wurden von der fröhlich feiernden Festversammlung die Fensterscheiben eingeschlagen.«
~~~ Der spätere sogenannte König Friedrich Wilhelm IV. regierte Preußen (bis 1861) wie alle anderen durchlauch-tigen Herrschaften vor ihm sowohl von einem Thron wie von einem Arschloch aus, nehme ich stark an. Das sage ich frei nach Montaigne. Mit Wilhelms Regierungszeit rutschen wir zwanglos in den prägenden Fortschrittswahn des ausgehenden Jahrhunderts. Das erlaubt mir die Weiterung, Sie müssen sich auch vor den meisten einzelnen Schriftstellern hüten. Diese Leute werden chronisch überschätzt und empfinden sich entsprechend meist als eine ganze Gruppe, Strömung oder Vorhut einer bestimmten Klasse. Im Falle des Dänen Henrik Pontoppidan war das das gebildete, im idealen Falle freigeistige Bürgertum. Um 1900 legte er seinen wohl besten, umfangreichen Roman Hans im Glück vor. Held ist der ehrgeizige, von unten kommende Ingenieur Per Sidenius, Sohn eines engstirnigen Landpfarrers. Was Pontoppidans Darstellungskunst und seinen genauen schlichten Ausdruck angeht, überragt er seine deutsche Kollegin Erle Bach ungefähr wie eine ausgewachsene Birke ein Gänseblümchen. Dagegen kann ich ihn in politökonomischer Hinsicht nur als Niete beklagen. Gewiß prangert er Auswüchse jenes Fortschrittswahns und des ungezügelten Erwerbsstrebens an. Er kommt aber nicht einmal auf den Gedanken, Fortschritt und Erwerbstätig-keit grundsätzlich in Frage zu stellen. Die Vorstellung einer Welt ohne Warenproduktion, Lohnarbeit, Geld, Konkurrenz und Politik hat seinen mit Künstlermähne und Nobelpreis gekrönten Schädel nie berührt. Ihm liegen die Welt- und Seelenschmerzen seines letztlich scheiternden Titelhelden und die Gute Laune seiner LeserInnen am Herzen. Er hat sie gediegen zu unterhalten, nicht vor den Kopf zu stoßen.
~~~ Nun komme ich auf die Einzelnen zurück, denen man vielleicht mit Hochachtung begegnen sollte. Wie sich versteht, kann ich diesbezüglich aus Schutzgründen nicht meine Freunde ins Feld führen, so wenige es auch sind. Wahrscheinlich würden sie es sich ohnehin verbitten, ausgerechnet als Silberstreif einer betrüblichen Existenz wie mir hingestellt zu werden. Dafür darf ich vielleicht an Olga Tschawtschawadse erinnern, die Witwe jenes georgischen Schriftstellers, die sich dafür aussprach, dessen Mördern die Todesstrafe zu ersparen. Aber von Olga weiß ich natürlich ansonsten so gut wie nichts. Besser steht es in dieser Hinsicht um Katharina de Fries, Jahrgang 1934, manchen vielleicht als verhinderte Bankräuberin ein Begriff. Ich erlebte sie hauptsächlich in meiner frühen Westberliner Zeit in den 1970er Jahren. Sie war eine kleine, magere Dunkeläugige, an der keiner die weibliche Eitelkeit hätte studieren können. Dafür war sie ausgesprochen mutig und hilfsbereit. Schon möglich, daß ihre Manie zu helfen nicht völlig frei ohne Eigennutz war, sucht doch dadurch ein Mensch zuweilen arge Mangelerscheinungen seiner Kindheit oder seines Vorlebens wettzumachen. Katharina hätte freilich niemals einen Genossen zu Dankbarkeit erpreßt. Spätestens mit den Schüssen auf Benno Ohnesorg (1967) war sie zur Linksradikalen geworden. Nebenbei bemerkt, verdanke ich Katharina die bedeutsame Liebschaft mit meiner späteren Ehefrau C.. Katharina verkuppelte uns in einer hochgelegenen, großen Wohngemeinschaft, von der aus man beinahe über die Mauer des berüchtigten Moabiter Gefängnisses spucken konnte. Nur vorübergehend maoistischer Kader, war De Fries in der neuen Kinder-ladenszene sowie unter Trebegängern und Knastbrüdern aktiv. Nach jenem gescheiterten Banküberfall landete sie selber im Knast, dies überwiegend in Frankreich. Deutsche Agenten und Journalisten bemühten sich eifrig, sie als Staatsfeindin und Terroristin auszugeben. Ihre Freunde und so manche »Prominente« schafften es jedoch, sie trotz aller Schikanen bei Laune zu halten und schließlich ihre Entlassung zu erwirken. Das dürfte 1987 gewesen sein.
~~~ Katharina stammte aus Gelnhausen, Südhessen. Bedenkt man auch ihre überaus harten jungen Jahre, ferner Fehlgeburten, Handschellen, Hungerstreik und dergleichen mehr, kann man über ihre Zähigkeit nur staunen. In Ulrike Edschmids Buch Frau mit Waffe von 1996 findet sich als erste Hälfte ein ausführliches und eindringliches Porträt in Prosa, das just Katharina de Fries vorstellt. Danach ließ sich die verhinderte Bankräuberin zuletzt mit zwei Töchtern in der Normandie nieder, um ihren Lebensunterhalt mit dem Instandsetzen und Vermitteln von alten Bauernhäusern zu bestreiten. Dort starb sie 2019, ungefähr 85 Jahre alt. Selbstverständlich hatte Katharina auch ihre Schwächen. Am Schluß führt Edschmid die kritische Äußerung von einem der vielen Liebhaber Katharinas an. Sie sei ohne Zweifel ein mutiger, jedoch kein tapferer Mensch. Unter Tapferkeit hätte der Genosse die Fähigkeit verstanden, »ein kleines Leben zu leben, sich zu beugen und dabei ein Mensch zu bleiben. So geht es ihr jetzt darum, ihr Geld zu verdienen, nicht auf heroisch versponnene Art, sondern ganz normal in einem Alltag, in dem sie früh aufsteht und einer Arbeit nachgeht. Immer hatte sie den großen Ausweg gesucht, aber die Zeit, in der sie jetzt lebt, ist nicht die Zeit der großen Geste. Es ist die Zeit, das kleine Feuer zu bewahren und darauf zu achten, daß es nicht erlischt.«
~~~ Jetzt möchten Sie vielleicht höhnen, da sei ja De Fries gerade auf jenes Erwerbsstreben der Pontoppidanschen Art hereingefallen. Allerdings denke ich, die Zeiten haben sich in der Tat geändert: die Aufbrüche wurden mit Fertigbeton übergossen, Kapitalismus und Überwachungs-staat haben gesiegt. Für mein Empfinden kann das aber nicht bedeuten, auch vor dem Reformismus zu kuschen. Deshalb halte ich die Wert- und Staatskritik und die entsprechenden Alternativen nach wie vor hoch, nur bekomme ich kein Geld dafür. Na Gott sei Dank! Ein kritischer Theoretiker, der sich bezahlen läßt, ist schon so gut wie umgestülpt.
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