Dienstag, 9. Juni 2026
Mordopferlexikon (MOL) Folge 7 [P—R]

Inhalt ~ Hans Paasche + Johann Philipp Palm, mit Georg Cracow + Alekos Panagoulis + Jyoti Singh Pandey + Richard Parker + Jaco Pastorius + Johann Paul + David Graham Phillips + Hans Pietsch + Pompetzki (Ehepaar) + Patrick Pearse + Spencer Darwin Pettis und Thomas Biddle + Norbert Poehlke und andere + Chano Pozo + Alex Jeffrey Pretti und Renée Good + Qiu Jin + Hermila García Quiñones und Francisco Ortiz Franco + Rasputin + Jörg Ratgeb + Klaus-Jürgen Rattay + Serge Reding + Katrin Reemtsma + Assa Riarua + Heike Rimbach + José Rizal + Detlev Rohweder + Tobias Ropel + Hans Rott + Rombachtalbrückenkinder + Ethel und Julius Rosenberg + Jacques Roumain + Marta Russo


Paasche, Hans (1881–1920) ~ Vermutlich haben Sie noch nie von ihm gehört. Mein Brockhaus gibt ihn immerhin als »ermordet« aus. Der Berliner Großbürger-sohn hatte sich, teils in Afrika, vom Marineoffizier zum zähen, gleichwohl humvorvollen Gegner des Kolonialismus und des Krieges gewandelt. 1912 trat er mit einer Zeitschriftenserie in Erscheinung, die Briefe eines das Kaiserreich Germanien bereisenden jungen Afrikaners namens Lukanga Mukara vortäuscht. So wundert sich der schwarzhäutige Bursche beispielsweise über die vielen Eisenbalkenwege in Deutschland, auf denen in einem fort Wagen hin und her führen. Man baue die Wagen, um Kohlen zu holen, und hole Kohlen, um die Wagen zu bauen. Das nennten die Wasungu, die einheimischen Weißhäute also, »Fortschritt« und »Kultur«. Etliche spätere Buchausgaben dieser Briefe erzielten vergleichsweise hohe Auflagen.
~~~ Paasche zählte zu den Wortführern der damaligen »Lebensreformbewegung«, und 1918 auch kurzzeitig zu den Berliner revolutionären Arbeiter- und Soldatenräten. Bei dem Trauerzug für Liebknecht und Luxemburg sitzt er auf dem ersten Wagen. Zwei Jahre darauf kommt er selber dran. Er hat sich enttäuscht auf sein kleines Gut in Posen zurückgezogen, wo er sich offenbar in kooperativer und ökologischer Landwirtschaft versucht, aber auch nach wie vor pazifistische Flugschriften oder Postkarten verfaßt. Im Frühsommer 1920 steht er vor der sicheren Wahl in den Gemeinderat. Paasche ist jetzt 39. Da kommt ein Trupp Reichswehrsoldaten zu Besuch, weil Paasche auf seinem Grundstück angeblich Waffen gehortet hat – die üblichen Hirngespinste. Der Dorfpolizist geht zum Teich, wo Paasche mit seinen kleinen Kindern badet: man wünsche den Gutsherrn zu sprechen. »Als Paasche auf dem Weg zum Haus die Soldaten sieht, will er umkehren und sich in den nahe gelegenen Wald retten. Man läßt ihm keine Chance. Zwei Schüsse treffen ihn tödlich«, heißt es in einem Gedenkartikel von 2010.* Zu den Begleitern des Trupps gehörten auch mehrere Kriminalbeamte – einen Haftbefehl hatten sie nicht. Keiner von diesen Besuchern wurde je zur Rechenschaft gezogen. Tucholsky schrieb ein Gedicht über den Mord.
~~~ Damit waren die Kinder, wohl vier, Vollwaisen. Ihre Mutter, Ellen Paasche, war 1918 mit 29 der sogenannten Spanischen Grippe erlegen, falls es die war. Um 1910 hatte die Nichte des scharfzüngigen Publizisten Maximilian Harden Paasche bei Forschungsreisen in der Gegend der Nilquellen begleitet. Wäre sie noch am Leben gewesen, hätte sie vielleicht Schießunterricht genommen. Wenn nicht zwecks Vergeltung, dann um ihre Kinder beschützen zu können. Deren Schicksal ist mir leider nicht bekannt.

* Helmut Donat, https://archiv.ossietzky.net/12-2010&textfile=1050.html


Palm, Johann Philipp (1766–1806) ~ Der Verlags-buchhändler aus dem französisch besetzten Nürnberg wurde mit 39 Jahren »standrechtlich erschossen«, wie Brockhaus mitteilt. Palm hatte im Sommer 1806 die Schrift Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung drucken lassen, was den Besatzern gar nicht gefiel. Da er sich standhaft weigerte, den oder die anonymen Verfasser zu verraten, kam er, nach einem »Scheinprozeß« ohne Rechtsbeistand*, in der Garnisonstadt Braunau am Inn vor ein französisches Erschießungs-Kommando. Max I. Joseph, der sogenannte bayerische König (von Kaiser Napoleons Gnaden), ließ es offensichtlich zu. Was Wunder, wenn Palm später auch von Braunaus größtem Sohn Adolf Hitler für seine Sache vereinnahmt wurde. Der mutige, im übrigen keineswegs aufrührerisch gestimmte Verleger hinterließ seine Frau Anna Maria und drei Kinder. Das Urteil erregte damals großes Aufsehen. Es wurde überwiegend als Justizterror eingestuft, selbst von vielen namhaften Schriftstellern. Zu den Ausnahmen zählte Napoleon-Verehrer Goethe.**
~~~ Der Franzosenkaiser soll Palms Hinrichtung bereits am 5. August persönlich in einem Schreiben an seinen Generalstabschef Berthier angeordnet haben. Trifft das zu, war das »Kriegsgericht« auch von daher reine Farce, fand es doch erst am 25. August statt. Schließlich lag das Urteil, in Befehlsform, längst vor.
~~~ Was den Verfasser der anstößigen Schrift angeht, heißt es in einigen Quellen, sein Name sei nie zweifelsfrei geklärt worden. Nun gut, darauf kommt es auch gar nicht an. Befremdlicherweise fragt sich jedoch, soweit ich sehe, nicht ein Beobachter, wie sich denn er, der Bobachter, anstelle des Verfassers verhalten hätte. Hätte er sein Geheimnis aus christlichem Bekennermut und sozialem Mitgefühl heraus gelüftet? Gewiß hätte das Palm, der noch Stunden vor der Hinsichtung auf eine Begnadigung hoffte, sehr wahrscheinlich nicht gerettet. Vielmehr wäre der Bekenner wohl ebenfalls verhaftet und verurteilt worden – womit sich Napoleon schon der doppelten Todesopferrate hätte erfreuen können.
~~~ Ich könnte mir freilich denken, auch im Widerstand hält doppelt besser. Das dürfte mindestens zwei Gesichtspunkte haben. Zum einen standen mir bereits die Haare zu Berge, als ich die libanesische Journalistin Amal → Khalil im Keller jenes von Israelis bombardierten Hauses mutterseelenallein in eine Ecke gedrückt sah. Ein fuchtbarer Tod. Das Wissen um einen »Mittäter«, selbst wenn er nicht im selben Keller eingesperrt ist, hätte Palm wahrscheinlich mehr Trost gespendet als die beiden Pfaffen, die mit ihm auf dem Ochsenkarren zum Erschießungsplatz fuhren. Zum anderen waren ja damals ohnehin schon mächtige Wellen der Empörung durch deutsche Lande gegangen. Vielleicht hätten ein paar beherzte WiderstandskämpferInnen sie nutzen können, um die beiden Gefangenen zu befreien und zusätzlich gleich noch ein paar französische Militärstützpunkte in den Inn oder in die Donau zu schwemmen. Wer will denn ausschließen, daß sich auf diese Weise die späteren sogenannten Befreiungskriege gegen Napoleon gleichsam beträchtlich vorverlagert und somit erübrigt hätten.
~~~ VertreterInnen der beliebten Theorie des Kleineren Übels könnten Napoleon zugute halten, immerhin habe er Palm den verschwiegenen Namen nicht durch Folter abpressen lassen. Noch 230 Jahre vorher habe man etwa den kursächsischen Staatsmann und eitlen Grobian Georg Cracow (1525–75), der dank vieler NeiderInnen über humanistische und reformatorische Anwandlungen gestolpert und mit knapp 50 Jahren tief gefallen war, nämlich in einen Leipziger Kerker, ebendort ausgiebig genug gefoltert, um ihn zum Tode beziehungsweise »Selbstmord« zu bringen. Allerdings dürfte die angebliche Enthaltsamkeit Napoleons hinsichtlich der Folter kaum zu beweisen sein. Überdies wirft sie aber das leidige Grenzproblem auf. Für viele KetzerInnen stellen doch bereits die amtlichen Beschuldigungen und Ermittlungen eine durchaus wirkungsvolle Folter dar, ohne daß ein Scherge auch nur einen Fußtritt ausgeteilt hätte. Die Folterwerkzeuge sind in diesen Fällen vor allem die Angst ums eigene Leben und Ansehen sowie um das Leben und die Meinungen der Angehörigen. Altgenossen von RAF-Häftlingen, die man der »Weißen Folter« unterzogen hatte, wissen hier sofort, worauf ich anspiele. Bestimmt wissen es auch die Angehörigen der erst kürzlich erwähnten Opfer von sogenannten EU-Sanktionen – etwa gegen kritische Journalisten, denen hohe Bürokraten die Konten sperren ließen. Auch die der Angehörigen übrigens. Diese verantwortlichen Bürokraten und deren willfährige DienerInnen: das sind alles Folterer.

* https://www.palm-stiftung.de/palm-preis/johann-philipp-palm, (Schorndorf, bei Stuttgart) Stand 2024
** Thomas Schuler, »Wie der Tod eines Buchhändlers deutsche Geschichte prägte«, https://www.sueddeutsche.de/politik/palm-napoleon-1.4737829-2, 11. Januar 2020



Panagoulis, Alekos ~ Bekanntlich geben sich die postmodernen westlichen FührerInnen am liebsten als KämpferInnen gegen Diktatoren aus, während sie unter der Hand mit den von Blut triefenden Herrschern Saudiarabiens über einen Tausch von Aktienpaketen telefonieren oder in lateinamerikanischen Ländchen wie Haiti oder Honduras einen neuen, noch unverbrauchten »Landesvater« ins Rampenlicht schieben. 1967 war Griechenland für die Diktatur reif gewesen. Als ein Wahlsieg der linken Kräfte drohte, sahen sich Nato-treue Offiziere gezwungen, das Land durch einen Putsch »vorm Kommunismus zu retten«. Wahlen, Pressefreiheit, Streikrecht und so weiter waren damit auf den Müll geworfen. Da grüßt Hauptmann Waldemar Pabst, der aus dem gleichen Grund Liebknecht und Luxemburg erschießen ließ, wie ich kürzlich etwas weiter oben erwähnt habe. Und in der Tat wurde die mit der CIA abgestimmte Athener Machtergreifung deutscherseits, von Franz Josef Strauß über Bundespräsident Heinrich Lübke bis zum Außenminister Willy Brandt von der SPD, als »Stabilisierungsmaßnahme« begrüßt. In der Folge half man durch einträgliche Rüstungsexporte und hielt dem Regime, das im Gegensatz zur DDR kein »Unrechtsstaat« war, bis zuletzt die Stange.
~~~ In der Regel werden die vom Regime (bis 1974) inhaftierten und verschleppten, dabei in vielen Fällen auch gefolterten Griechen auf 150.000 geschätzt. Einer von ihnen war Alekos Panagoulis. Zwar überlebte er die Herrschaft der Obristen, aber wahrscheinlich bezahlte er seinen Widerstand zwei Jahre später doch noch mit dem Leben, weil er zu viel wußte. Dabei war Panagoulis keineswegs Kommunist gewesen. Er hatte schon als Student der Athener TU mit der gemäßigten, von Georgios Papandreou geführten Zentrumsunion sympathisiert, für die er später Parlamentsabgeordneter wurde. Während der Dikatur desertierte er zunächst aus dem Militärdienst, schuf die Organisation Nationaler Widerstand und arbeitete in seinem zyprischen Exil Umsturzpläne zur Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse aus. Heimlich zurückgekehrt, bereitete er mit seinen Leuten ein Bombenattentat auf den Obristenchef Papadopoulos vor, bei dem sie sich, am 13. August 1968 bei Varkiza, dessen sonntägliche Spazierfahrt im Auto einschließlich Überquerens einer Brücke zunutze zu machen versuchten. Aber es mißlang. Die Attentäter, darunter Panagoulis, wurden ergriffen und im November von einem Militärgericht zum Tode verurteilt. Durch starke internationale Proteste und diplomatischen Druck konnte die Vollstreckung der Urteile vermieden werden; sie wurden in Lebenslänglich umgewandelt. Panagoulis blieb in der strengen Einzelhaft unbeugsam und wurde entsprechend oft mißhandelt. Er schrieb Gedichte und unternahm mehrere Fluchtversuche, die durchweg scheiterten. Im August 1973, nach viereinhalb Jahren Gefängnis, wurde er dank einer Generalamnestie des Militärregimes entlassen. Er befreundete sich mit der bekannten italienischen Journalistin Oriana Fallaci, die später ein Buch über ihn schrieb, und setzte die Widerstandsarbeit, die inzwischen Massenproteste in Griechenland einschloß, von Florenz aus fort. Das Regime fiel ein Jahr darauf, weil es sich in Zypern verrechnet und das Eingreifen türkischer Streitkräfte provoziert hatte.
~~~ Als Parlamentsabgeordneter in Athen griff Panagoulis viele PolitikerInnen wegen ihrer Mitschuld an der Obristenherrschaft derart schonungslos an, daß er es sich mit seiner eigenen Partei verdarb, der Zentrumsunion. Aber auch mit der Linken, der er »scheindemokratische Gefechte« vorwarf, wollte er sich nicht gemein machen. Er blieb als Unabhängiger im Parlament – bis zur Nacht zum 1. Mai 1976, als der 36jährige mit seinem Wagen durch Athen fuhr. Er wurde von einem anderen Auto gerammt und verunglückte dadurch tödlich. Die wenigsten BeobachterInnen wollten an einen Zufall glauben, hatte doch Panagoulis für die nächsten Tage die Veröffentli-chung von Archiven der Geheimpolizei aus der Zeit der Diktatur, der sogenannten E.S.A Archive geplant, die er sich auf Schleichwegen verschafft hatte. Trifft das zu, könnte die Ankündigung ein verhängnisvoller taktischer Fehler gewesen sein. Doch laut englischer Wikipedia schloß die amtliche Untersuchung des Unfalls einen Mordversuch aus. Augenzeugen hätten freilich versichert, so das Lexikon, Panagoulis’ Wagen sei offensichtlich durch eine abrupte und gefährliche Bremsung des vorausfah-renden, von einem Korinther namens Stefas gelenkten Fahrzeugs ins Schleudern geraten. Jedenfalls soll sich Panagoulis Beerdigung damals in eine Demonstration verwandelt haben, an der mehrere Hunderttausend Menschen teilnahmen.
~~~ Was jene heiklen Dokumente betrifft, sind sie nach dem angeblichen Unfall weder jemals aufgetaucht noch gar veröffentlicht worden, wie einige Quellen* und der gerade greifbare Internetroboter übereinstimmend versichern. Wahrscheinlich gewährten sie zahlreiche Aufschlüsse über die Kollaboration von wichtigen Politikern mit der griechischen Junta und wurden daher wohlweislich vernichtet oder versteckt. Fallaci hält verständlicherweise von der Unfalltheorie gar nichts. In ihrem Buch Ein Mann von 1979 soll sie, aufgrund eigener Ermittlungen, die Überzeugung vertreten, ihr Gefährte sei von Neofaschisten beseitigt worden, die sich der Rückendeckung des sogenannten Verteidigungsministers Evangelos Averoff erfreuten. Er hatte im Parlament zu Panagoulus’ Erzfeinden gezählt. Diesen male Fallaci in ihrem Buch aber keineswegs als tadellosen Volkstribun, heißt es im Internet. Anscheinend neigte Panagoulus unter anderem zu Rechthaberei und Jähzorn. Na, in dieser Richtung kenne ich viele Männer.

* https://www.thetoc.gr/eng/culture-arts/article/the-love-story-of-fallaci-and-panagoulis-on-screen, 25 February 2014


Pandey, Jyoti Singh ~ In Indien haben Frauen traditionell schlechte Karten. An der Jahreswende 2012/13 kam es aber immerhin zu gewissen Unmutsstürmen, nachdem die 23jährige Schülerin der Krankengymnastik in der Hauptstad Neu Delhi geschändet, gefoltert und ermordet worden war. Sechs betrunkene Männer hatten Pandey am 16. Dezember in einem rollenden Privatbus mit getönten Scheiben vergewaltigt und anschließend mitsamt ihrem zusammengeschlagenen 28jährigen Begleiter A. auf eine stark befahrene Straße geworfen. Das Paar war im Kino gewesen und überfallen worden, weil sich die Betrunkenen einen Spaß machen wollten. Die junge Frau starb am Monatsende im Krankenhaus.
~~~ Einer offiziellen Statistik zufolge wurden im Jahr 2011 allein für Neu Delhi 568 Vergewaltigungen gemeldet, aber die Dunkelziffer ist hoch. Viele Opfer erstatten keine Anzeige, weil sie Verleumdungen befürchten oder weil sie Polizei und Justiz ähnliche Brutalitäten zutrauen wie ihren Peinigern – zurecht, wie auch Pandeys Fall verdeutlichte. Ihr Begleiter war später mutig (und noch lebendig) genug, um einem Fernsehsender zu erzählen, wie sich die endlich nach 45 Minuten eingetroffenen Polizisten erst einmal ausgiebig über die Revier-Zuständigkeiten gestritten hätten, während die beiden Opfer unbekleidet und teils schwerverletzt und blutüberströmt am Straßenrand lagen. Es muß eben alles seine Ordnung haben. Die Täter wurden bald darauf gestellt und im Januar 2013 angeklagt. Im März wurde der Hauptangeklagte Ram Singh (33) in seiner Zelle tot aufgefunden. Der jüngste Täter (17) kam mit einer niedrigen Haftstrafe davon. Die vier restlichen Täter wurden im September zum Tode verurteilt. Sie wurden 2020 gehängt.
~~~ Hat die »Abschreckung« wenigstens in der bevölkerungsreichsten »Demokratie« dieses Planeten gewirkt? Indien weist derzeit schon über 1,4 Milliarden Demokraten auf. Ich fürchte allerdings, es wäre pure Zeitverschwendung, weitere und jüngere statistische Angaben nachzuschlagen. Die Tagesschau spricht sechs Jahre nach Pandeys Tod von einer »steigenden Zahl von Gewaltverbrechen gegen Frauen«. Aufhänger des Beitrags ist eine erneute Gruppenvergewaltigung, diesmal in der Riesenstadt Hyderabad gegen eine Tierärztin. Sie wurde abschließend mit Benzin übergossen und verbrannt. Ein empörter Abgeordneter habe gefordert, Sex-Täter zu kastrieren.* Aber das genügt nicht, guter Mann. Vielmehr haben wir den ganzen Planeten zu kastrieren. Zuerst schneiden wir Indien heraus. Dann das Bankenviertel in London, alle US-Flugzeugträger auf den Weltmeeren, sämtliche Farbfernsehanstalten und dergleichen mehr. In der schließlich verbleibenden Öde richten wir Oasen nach dem Muster meiner Zwergrepubliken Mollowina oder Ümmershand ein. Schlagen Sie ruhig mal nach.

* https://www.tagesschau.de/ausland/neu-delhi-vergewaltigungen-101.html, 2. Dezember 2019


Parker, Richard ~ Der Schiffsjunge wurde 1884 Opfer britischer Kannibalen. In besagtem Jahr auf der Höhe von Afrika im Atlantischen Ozean treibend, sahen sich nämlich biedere Seeleute zu einem Mord gezwungen, weil sie Hunger hatten. Während ihre leck geschlagene Segeljacht Mignonette bei stürmischem Wetter gesunken war, hatten sich die vier Männer der Besatzung, durchweg Briten, ins Beiboot gerettet. Einige Wochen darauf waren Kapitän Tom Dudley sowie Edwin Stephens, Edmund Brooks und der 17jährige Schiffsjunge Richard Parker aufgrund ihrer Entkräftung dem Tod nahe. Der Vorschlag eines Losentscheides über ein Opfer fand keinen Konsens. Das Auslosen war damals keineswegs unüblich und konnte mit Nachsicht rechnen.* So jedoch erstachen Dudley und Stephens (am 24. Juli) ihren jüngsten Kameraden Parker, der durch Genuß von Meerwasser ohnehin der Geschwächteste an Bord war und weder Ehefrau noch Kindern fehlen würde, und hieben ihre Zähne in sein Fleisch. Auch das Blut ihres Opfers war ihnen willkommen. Wenige Tage später wurden die drei Überlebenden von einem Schiff gesichtet und aufgenommen. Zurück in England, kamen die beiden Hauptangeklagten, nach vielen Fürsprachen seitens der »Öffentlichkeit«, glimpflich davon: Die ursprünglich verhängte Todesstrafe wurde in sechsmonatige Haft umgewandelt.
~~~ Immerhin hatte Generalstaatsanwalt Sir Henry James damals, laut deutscher Wikipedia, ausdrücklich festgestellt, keine Notlage rechtfertige einen Mord.** Auch diese Feststellung erregte viel Aufsehen. Bis zu unseren gegenwärtig Regierenden, die aus moralinsauren marktwirtschaftlichen Gründen unablässig Kriege vom Zaun brechen, und sei es, wie hier und dort schon erwähnt, gegen ein Virus, drang sie aber nicht durch. Mit der Ausrufung des Notstands kann wieder alles gerechtfertigt werden. Nach Gerd Reuthers reich belegter Studie Heilung Nebensache (2021) war die Rate der Opfer, die nicht an Krankheiten sondern an deren angeblicher Behandlung starben oder wenigstens litten, schon in der ganzen Menschheitsgeschichte, Moderne eingeschlossen, beeindruckend hoch, und dem Krieg gegen das bereits in irgendeinem Militär-Labor lauernde Huppi-Schnuppi-Virus dürfte es gelingen, sie noch beträchtlich zu steigern. Wahrscheinlich sind die Köche und KellnerInnen sogenannter Impfstoffe gleich nach den Steuerberatern und Rechtsanwälten die größen Nutznießer der Moderne.
~~~ Im übrigen streift der Fall Parker ersichtlich die Frage der Solidarität, die wir eben erst beim Verlagsbuchhändler → Palm erörtert haben, wenn auch vielleicht zu unscharf. Um es also unmißverständlich zu sagen: die solidarische Haltung in jenem Boot wäre gewesen, sich auf den gemeinsamen Untergang aller vier Insassen gefaßt zu machen. Das Herauspicken eines Opfers, um vielleicht die Lage der restlichen Drei zu erleichtern, ist völlig unzulässig. Es kommt dabei weder auf die Methode des Herauspickens noch auf die bemühten Argumente der Rechtfertigung an. Man wird solche Argumente immer finden. In unserer Zeit befragt man am besten die KI, dann hat jeder der Nichtgeopferten ein gutes Gewissen. Der Robotor ist hundertprozentig auf quantitative Erwägungen geeicht. Es leuchtet ihm sofort ein: solange eine gewisse Chance besteht, drei Schiffbrüchige durchzubringen, wenn man einen Schiffbrüchigen rechtzeitig opfert, darf das Wohl aller vier Bootsinsassen keine Rolle mehr spielen. Dann kalkuliert er die Kanditaten genau durch, damit auch wirklich der am wenigsten »unfitte« Bootsmann sein Dasein beenden und den anderen als Mahlzeit dienen kann. Gesichtspunkte wie Solidarität, Gleichheit, Brüderlichkeit fallen bei seinen Erwägungen gnadenlos unter den Tisch. Sein Credo ist die Nützlichkeit.

* https://www.spiegel.de/politik/stich-ins-herz-a-fb2a5e04-0002-0001-0000-000013511001, 19. Dezember 1984
** https://de.wikipedia.org/wiki/R_v_Dudley_and_Stephens



Pastorius, Jaco (1951–87) ~ Der wegbahnende US-Jazzrock-Bassist, meist dunkelhaarig, zwar über 1,80 groß, aber dürr und bleich, glich am Ende vermutlich einem Gespenst. Wie es aussieht, hatte Pastorius von Kind auf an Egomanie gelitten. Mit dem Erfolg kamen Drogen und eine (angebliche) »Bipolare Störung« hinzu, und alles zusammen zog ihn nach seinem Ausstieg bei Weather Report (1982) in einen Abwärtsstrudel. Im Sommer 1986 begab er sich für sieben Wochen in eine Klapsmühle. Anschließend streifte er als Obdachloser und Verrückter durch seinen Heimatstaat Florida. Das letztlich kaum überraschende Ende ereilte ihn in den frühen Morgenstunden des 12. September 1987 in Wilton Manors, wo er Einlaß beim Midnight Bottle Club begehrte, indem er an dessen Tür hämmerte. Schließlich kam der Türsteher hinaus. Er soll Träger des schwarzen Karate-Gürtels gewesen sein.* Wahrscheinlich versetzte er dem abgemagerten Störenfried ein paar Hiebe, bis dieser der Länge nach auf dem betonierten Boden aufschlug, Hinterkopf voran, das schulterlange Haar von Blut durchtränkt. Nach 10 Tagen im Krankenhaus war die Musik für Pastorius (35) vorbei. Der Totschläger bekam 22 Monate, durfte freilich schon nach vier Monaten (»gut geführt«) wieder gehen.

* Wolfgang Kehle, https://www.gitarrebass.de/stories/zum-30-todestag-von-jaco-pastorius/, Gitarre & Bass 11–2017


Sein Ruf als »Robin Hood der Rhön« hinderte die Obrigkeit nicht daran, ihn aufzuknüpfen: Johann Paul. Der Enthüllungs-Journalist David Graham Phillips zog sich den Zorn eines Geigers zu: Genickbruch Pdf 3 Seite 191. Der Go-Spieler Hans Pietsch fiel unter Raubmörder: Genickbruch Pdf 2 Seite 98. Ebendort auf Seite 197: dem nordhessischen Bauunternehmerpaar Pompetzki erging es nicht unähnlich.


Pearse, Patrick (1879–1916) ~ Der Ire war Lehrer, Rechtsanwalt, Literat und Politiker. Bei alledem verstand er sich jedoch in erster Linie als Patriot. Während zum Beispiel die Sorben unter der behördlich verordneten deutschen, die Flamen unter der französischen Sprache litten, stöhnte Irland, jenseits der Irischen See gelegen, seit Jahrhunderten unter den Briten. Ende April 1916 versuchte eine kleine bewaffnete »Avantgarde« durch den bald darauf berühmten Osteraufstand ein Zeichen zu setzen und die duldsamen Iren aufzurütteln. Das Unter-nehmen mißlang, was man in christlich-revolutionärer Opferbereitschaft auch durchaus eingerechnet hatte. Die Todesopfer dieses Dubliner Aufstandsversuches werden auf rund 500 englische Soldaten und doppelt soviele Iren geschätzt. Hinzu kamen wenig später 15 »Rädelsführer«, die von den Besatzern zum Tode verurteilt und erschossen wurden, darunter eben der als Präsident der erträumten Freien Republik vorgesehene 36jährige Patrick Pearse. Eine 16. Hinrichtung erfolgte im August.
~~~ Der Sohn eines katholischen Steinmetzen hatte an seiner eigenen St. Enda's School (Scoil Éanna) in Dublin die irisch-gälische Sprache und Kultur und jene schrankenlose Vaterlandsliebe hochgehalten, die auch die BewohnerInnen deutscher Wälder beherrschte, weshalb sie schon zwei Jahre vor den irischen Patrioten, 1914, zu ihren Keulen gegriffen hatten. Einem Artikel auf der Webseite der BBC zufolge* waren Pearses Schüler angehalten, »to work hard for their fatherland, and if it should ever be necessary die for it.« Vor seiner Hinrichtung soll er seiner Mutter, bei der er bis zuletzt wohnte, brieflich versichert haben, angenommen, Gott überlasse ihm die Wahl einer Todesart, würde er sich genau für die entscheiden, die ihm nun bevorstehe. Blaise Pascal hätte ihn verstanden; der Franzose liebte das Leiden wie jeder Christ. Auf die Idee, Gott um die Abschaffung des Todes überhaupt zu ersuchen, kommen diese DuckmäuserInnen nie. Obwohl der BBC-Artikel mit dem Hinweis beginnt, der in den Tod getaumelte Ire habe sich einmal als sich selber fremdes Wesen beschrieben, unternimmt der Autor mit keinem Komma den Versuch, die biografischen Wurzeln dieses Wesens einzukreisen. Möglicherweise schuf in dieser Hinsicht der Leidener Historiker Joost Augusteijn mit einer neuen Biografie Abhilfe.** Das Werk soll zum Beispiel erörtern, ob der rührige Lehrer, der das am eigenen Leibe erfahrene herrschende Erziehungssystem als The Murder Maschine bezeichnet hatte, ein Knabenliebhaber oder auch Kinderschänder gewesen sei. Rezensent Philip Ferguson (2012) glaubt es nicht. Andere befürchten, Pearse habe eine zweite Schule in Dublin lediglich aus Gründen der Tarnung als erklärte Mädchenschule eröffnet. Prompt hielt sie sich auch nur für kurze Zeit.
~~~ Heute wimmelt die irische Insel von Straßen und Einrichtungen, die den Namen des Vaterländers Pearse tragen, nicht des von manchen geargwöhnten Knabenschänders. Wie es heißt, schlug sich eine Mehrheit der Iren erst aufgrund jener 16 Justizmorde auf die Seite der RepublikanerInnen. In den folgenden Jahren kam es zu schweren Unruhen, die letztlich zur Unabhängigkeit Irlands führten (1922) – ausgenommen Nordirland. Der Osteraufstand gilt unter Historikern allgemein als »Geburtsstunde der IRA«.

* »Patrick Pearse«, http://www.bbc.co.uk/history/british/easterrising/profiles/po11.shtml, 24. September 2014
** Joost Augusteijn, Patrick Pearse: The Making of a Revolutionary, UK 2010



Pettis, Spencer Darwin (1802–31) ~ Der Rechtsanwalt im US-Bundesstaat Missouri war außerdem Kongreßabge-ordneter in Washington D.C., Namensgeber für das Pettis County in seinem Staat – und Duellant. Nach meinen Ausführungen unter Ferdinand → Lassalle ist Pettis Ende mit knapp 30 Jahren eigentlich nur noch wegen der Opferrate erwähnenswert. Wie der kriegsverdiente Major Thomas Biddle meinte, hatte ihn Pettis durch beleidigende Vorwürfe gegen Biddles Bruder Nicholas gekränkt, einen einflußreichen Bankier. Während Pettis noch unverheiratet war, hatte sich der Major selber 1823 eine Millionärstochter als Gattin geangelt, Ann Mullanphy. Nach einigen Wortgefechten in der Presse von St. Louis marschierte Biddle, inzwischen 40, in ein Hotel, wo sein Widersacher gerade erkrankt im Bett lag. Er beschimpfte ihn und hieb sogar mit einer echten »cowhide whip«, einer Peitsche zur Maßregelung von Bullen oder Negersklaven zum Beispiel, aufs Krankenbett. Damit war die Herausforderung zum Duell fällig. Man traf sich am 27. August 1831 auf Bloody Island, einer bekannten Sandbank im Mississippi, dem Grenzfluß mit Illinois. Sie galt günstigerweise als Niemandsland; Duelle waren nämlich in beiden Staaten offiziell verboten. Es fanden sich sogar eine Menge Schaulustiger ein. Der kurzsichtige Major hatte die Mindestdistanz von fünf Fuß gewählt. Somit konnten sich die beiden Kampfhähne die Pistolenläufe fast in die Nasenlöcher stecken. Der selbstmörderische Zug dieser Begegnung lag auf der Hand. Einige BeobachterInnen meinten allerdings, Biddles Wahl sei in der Hoffnung erfolgt, Pettis ziehe den Schwanz ein – dadurch hätte Biddle sein Leben, Pettis den Schwarzen Peter behalten. Aber Pettis dachte gar nicht daran. Also krachten die Schüsse, und beide Männer sanken schwer verwundet zu Boden. Angeblich hauchten sie sich beim Abtransport auf je einer Bahre gegenseitig Verzeihung zu. Sie starben beide innerhalb von zwei Tagen. Das brachte den Vorteil mit sich, ein riesiges, ehrenvolles gemeinsames Begräbnis veranstalten zu können, von dem die Kinder und Großmütter noch lange sprachen. Man habe die beiden Männer bewundert, weil sie den Tod der Schande vorgezogen hätten, ist beim gegenwärtigen Secretary of State von Missouri Denny Hoskins auf dessen dienstlicher Webseite* zu lesen, die noch mehr Duelliges zu bieten hat.

* https://www.sos.mo.gov/archives/education/dueling/political-duels.asp



Poehlke, Norbert ~ Von Beruf Polizist, starb er bereits (1985) mit 34. In ihm haben wir keineswegs den beklagenswertesten Toten dieses Kriminalfalls, jedoch den berühmtesten. Buchautor Fred Breinersdorfer zufolge* war der dunkelhaarige, vollbärtige Schwabe, der sich trotz (oder wegen) eines Lottogewinnes von 36.000 DM stark verschuldet hatte, von massiger, etwas gedrungener Gestalt. Aufgrund einer frühen Erkrankung hinkte er leicht. Breinersdorfer zeichnet ihn als durchaus freundlichen, wenn auch ziemlich verschlossenen Mann, der nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen war. Der Autor, ursprünglich Rechtsanwalt, betont allerdings, über Poehlkes Persönlichkeit lägen nur spärliche Zeugnisse vor, sodaß er, Breinersdorfer, diesbezüglich in seinem »dokumentarischen Kriminalroman« notgedrungen zu Einfühlungsvermögen und Fiktion gegriffen habe. Ansonsten sei er freilich streng den Tatsachen gefolgt. Danach verübte der Polizeiobermeister einer Stuttgarter Hundestaffel mit Anfang 30 in rund zwei Jahren zunächst wahrscheinlich drei Raubmorde und vier Banküberfälle, dies durchweg im Raum Backnang, wo er mit Frau und zwei Kindern im Dorf Strümpfelbach ein eigenes Haus bewohnte. Die Morde beging er, um sich für die Banküberfälle Tat- und Fluchtfahrzeuge zu verschaffen – falls dies tatsächlich der alleinige oder jedenfalls wesentliche Grund für diesen brutalen Weg der Beschaffung gewesen sein sollte. Bei Breinersdorfer wundert sich Poehlkes Frau im Gespräch mit ihrem Mann zurecht darüber, daß »dieser Typ« kaltblütig mordet, nur um an ein Auto zu kommen. Das ließe sich doch durch Diebstahl viel einfacher und gefahrloser bewerkstelligen. Dazu sagt ihr Mann nichts – bei Breinersdorfer (S. 100).
~~~ Zeugin Inge Poehlke konnte nicht mehr befragt werden. Zwar war Poehlke nach den Überfällen jeweils unerkannt entkommen, doch dann schloß sich das Netz um den fieberhaft gesuchten Gewaltverbrecher (der sich ebenfalls einige »Fehler« leistete) trotz etlicher »Pannen« der ErmittlerInnen enger, und zudem schöpfte jetzt auch seine Frau ernsthaften Verdacht. Darauf erschoß Poehlke auch Inge sowie seinen älteren Sohn Adrian (7), während er mit dem vierjährigen Gabriel in seinem privaten weißen Mercedes-Kombi gen Mittelmeer flüchtete. Mitte Oktober 1985 in Süditalien eingetroffen, war dem noch unentdeckten Schwaben offenbar ausweglos genug zumute, um am Strand der Adria auch seinen Jüngsten und dann sich selbst zu erschießen. Nach einem Jubiläumsartikel der Stuttgarter Zeitung** hatte Poehlke einmal als Kind in dieser Gegend, bei Brindisi, Ferien gemacht. Nun hatte er, vor dem letzten Schuß, sehr wahrscheinlich sechs Tote auf dem Gewissen: drei Fremde und drei Angehörige. Dabei hätten zumindest die drei letzten, innerfamiliären Morde möglicherweise vermieden werden können, wenn sich die Kollegen Poehlkes, voran seine Vorgesetzten, weniger Ermittlungsfehler geleistet hätten, wie jedenfalls Breinersdorfer meint (160). Übrigens gestattet sich der Autor (auf S. 46) einen hilfreichen Exkurs zur hohen Fragwürdigkeit von Zeugenaussagen, wobei er keineswegs hauptsächlich die Befangenheit von Angehörigen oder Nutznießern im Auge hat. Das deckt sich mit einem Hinweis aus der Ludwigsburger Kreiszeitung vom 28. Mai 2005. Man war vorübergehend auch auf Poehlke aufmerksam geworden, doch weil dieser im Äußeren nicht dem aus Zeugenaussagen zusammenge-leimten Bild entsprach, habe man den Verdacht wieder fallen gelassen.***
~~~ Eigentlich hatte Poehlke auch noch eine kleine Tochter gehabt. Die dreijährige Cordula war im März 1984 qualvoll an einem Gehirntumor gestorben. Breinersdorfer legt die Einschätzung nahe, dieser schwere Schlag habe den Polizisten mit in die Verzweiflung und ins Verbrechen getrieben. Seinen ersten Überfall beging er Anfang Mai. Bei Breinersdorfer stellte er seiner Frau einmal die bekannte Frage, warum der Schicksalsschlag gerade sie erwischt habe, das Ehepaar Poehlke. Die Frage ist nicht nur müßig, vielmehr dumm und selbstsüchtig. Hätten sich »das Schicksal« oder der Zufall lieber an einen Nachbarn halten sollen? Vielleicht sollten Personen, deren Gehirn von solchen gefährlichen Gemeinplätzen durchsetzt ist, wenigstens nicht Polizist werden – beziehungsweise Buchautor (79).
~~~ Leider ist man, mangels Einblicke, auch verleitet, die Poehlkes als das »typische«, zumal schwäbische, öde Ehepaar zu nehmen. Als Poehlke seine Frau umbrachte, war sie übrigens erneut schwanger gewesen, was ihn (vermutlich) eigentlich erfreut hatte. Andererseits muß man nach Breinersdorfers Darstellung annehmen, Poehlke habe Inge, die Ex-Kollegin und »Schlampe«, die möglicherweise nach Heftromanen süchtig ist, auch gehaßt. Das Eheglück oder -leid bleibt bei Breinersdorfer, vielleicht »naturgemäß«, weitgehend undurchsichtig. Neben Gefühlen klammert der Autor auch Sex oder Erotik völlig aus. Dafür nennt er sein Buch »natürlich« nach dem griffigen Schreckgespenst, das 1984/85 bundesweit durch die Medien zog: »der Hammermörder« ging um. In Wahrheit hatte Poehlke seine (mutmaßlichen) Opfer erschossen. Den Vorschlaghammer hatte er »nur« benutzt, um in den Kassenräumen die Panzerglasscheiben zu zertrümmern.
~~~ Über die Kaltblütigkeit des Raubmörders erstaunt und mehr noch über seine Brutalität erschrocken, betonen viele Quellen übereinstimmend, in seiner Kindheit sei Poehlke nie »auffällig« gewesen. Also kein Bauernlümmel, der gerne Spatzen abschießt oder Fröschen genüßlich ein paar Beine ausreißt. Nach dem Lottogewinn baute er sich ein großes, ansehnliches Haus. Das tat er sehr wahrscheinlich auch für seine Nachbarn: aus Prahlerei – nur dürfte das leider ziemlich normal sein, nicht nur im Schwabenland. Um den Erfolgreichen zu geben, muß man kein Ekel sein. Ich nehme außerdem an, der Drang zum Heldentum war Poehlke eher fremd. Er mordete und schlug Scheiben entzwei, um von seinem Schuldenberg herunter zu kommen. Ich stelle mir diesen Mann als von Hause aus ziemlich gefühlskalt vor. Er wollte seinen Mercedes und er wollte seine Ruhe haben. Die fand er dann an der Mittelmeerküste. Auf der Anklagebank und im Gefängnis hätte er sie wohl kaum gehabt. Warten Sie einmal ab, bis Sie selber selbstmordreif sind – es wird Ihnen wahrscheinlich nicht so leicht fallen wie Norbert Poehlke.

* Der Hammermörder. Ein dokumentarischer Kriminalroman, Stuttgart 1986, hier München 2000
** 20. Oktober 2015, wegen Oberflächlichkeit nicht empfehlenswert
*** https://www.landesarchiv-bw.de/de/themen/praesentationen---themenzugaenge/72381, siehe den vorletzten Absatz



Pozo, Chano ~ Wie es aussieht, hatte der dunkelhäutige Sänger, Tänzer und Percussionist aus Kuba schon immer ein dandyhaftes und heißblütiges Naturell. In Havanna war er zeitweise als Türsteher und Rausschmeißer beim Radiosender Cadena Azul tätig, obwohl er selber bereits als Musiker gefragt war. 1946 ging er nach New York City. Ein Jahr darauf muß er in einem Club Dizzi Gillespie begeistert haben, den Trompeter und Bahnbrecher des Bebop. In der Folge entstanden auch mit anderen namhaften Jazzmusikern »Latin«-geprägte Plattenauf-nahmen. Was Pozos Karriere beeinträchtigte, war der Zug, durch den sie auch befördert worden war, eben sein hitziges Temperament. Angeblich schon vorher in mehrere Schießereien verwickelt, hatte der 33jährige, nebenbei bereits in seiner armseligen Jugend in Überlebenskampf und Kleinkriminalität geschult, am 2. Dezember 1948 in der Harlemer El Rio Bar einen kleinen Streit mit dem puerto-ricanischen Ex-US-Army-Korporal und amtierenden Marihuana-Dealer Eusebio Muñoz. Die Darstellungen variieren. Man liest beispielsweise, der Musiker habe die schlechte Qualität von Muñoz’ Ware gerügt, habe sich geweigert zu bezahlen und den Drogenhändler eigenhändig vor der Tür gesetzt. Um sich wieder zu beruhigen, tanzte Pozo anschließend zu seinem Stück Manteca, das sich in der Jukebox der Bar fand, Rumba. Er hatte es gemeinsam mit Gillespie verfaßt. Plötzlich sei Muñoz wieder in der Bartür aufgetaucht, eine Pistole in der Hand. Er habe seinen aufsässigen Stammkunden hinterrücks erschossen. Für diesen Totschlag bekam Muñoz später lediglich fünf Jahre, weil man ihm in seiner Eigenschaft als Weltkriegsveteran mildernde Umstände zubilligte. Er konnte die zivilen Vorgänge eben nur noch militärisch auffassen. Etliche Webseiten krönen den Vorfall mit einem Streiflicht aus dem Leichenschauhaus. Dort habe man in Pozos Schuhen verblüffenderweise 25.000 Dollar (manchmal auch nur 7.000) gefunden. Das wäre damals in der Tat viel Geld gewesen – nebenbei auch schon fast ein handfestes Indiz für Pozos Zahlungsverweigerung. Der Internetroboter meint allerdings, diese Geschichte verdanke sich der bekannten Ausschmückungswut der Legendenbildner-Innen. Die englische Wikipedia verzichtet deshalb auf sie.


Pretti, Alex Jeffrey ~ Der 37 Jahre alte Krankenpfleger und Demonstrant wurde am 24. Januar 2026 an einer Straßenkreuzung in Minneapolis, Minnesota, mit etlichen Schüssen, teils rücklings, von Bundespolizisten getötet, die an ausgedehnten, Furcht einflößenden Razzien gegen illegale Einwanderer beteiligt waren. In diesem Rahmen war erst rund zwei Wochen früher die zivile beobachtende US-Bürgerin Renée Good durch »Sicherheitskräfte« erschossen worden. Aber die Empörung durfte sich noch steigern. Pretti war den Polizisten aufgefallen, weil er mit seinem Handy filmte, wie ihnen ein Restaurantbesitzer den Zutritt verbietet. Etwas später versuchte Vollbart Pretti zudem, zwei bedrängten Demonstrantinnen zu helfen, die die Uniformierten mit Trillerpfeifen nervten. Dann erspähten Beamte Prettis Pistolentasche und posaunten ihn als Waffenträger aus. Mehrere Videos zeigen allerdings, Pretti hat lediglich sein Handy in der Hand. Im übrigen war er zum Waffenbesitz gültig berechtigt, wie sich später herausstellte. Die Mörder banden jedoch der Öffentlichkeit zunächst das übliche Bedrohungsgespenst auf, ja mehr noch, Pretti habe gar ein Massaker unter den Truppen geplant. Das wurde freilich selbst von US-Präsident Trump rasch dementiert. Der Spiegel entkräftete die Vorwürfe bereits am 28. Januar. Ähnlich hurtig gab es Schönheitsreperaturen: die beiden identifizierten Schützen wurden vom Dienst suspendiert und der gewaltliebende Grenzschutzkommandeur Gregory Bovino, heimlich auch »Gestapo-Greg« genannt, mußte sich nach Kalifornien zurückziehen. Im März ist er wohl in den Ruhestand abgeschoben worden.
~~~ Wer das große Kopffoto des verlinkten Spiegel-Beitrags mustert, könnte glauben, die Grenz- und HeimatschützerInnen befänden sich gerade im Sturm auf Bagdad oder Teheran. Witzigerweise gab es aber in Minneapolis zur Zeit jener Razzien und Proteste »eisige Temperaturen um minus 25 Grad«, wie am 26. Januar ausgerechnet Lars Pieck in der kommunistischen Tageszeitung Junge Welt bemerkte, die seit vielen Jahren hartnäckig das Gespenst des »Klimawandels« hochhält, wonach wir alle dem Hitzetod entgegen gehen. Also Hut ab vor den örtlichen Sicherheits- und Widerstandskräften, die sich von der klirrenden Kälte in diesem nördlichen US-Bundesstaat nicht an ihren Geschäften hindern ließen. Etwas später fiel es unserer Leidpresse plötzlich sogar ein, das Gespenst in die Rippen zu boxen. Klimawissenschaft-lerInnen hätten eingeräumt, sich seit Jahrzehnten bei ihren Warnungen bewußt auf das schärfste und unwahrscheinlichste Klimamodell zu stützen, das sie ihrem Computer hatten abringen können. Das verriet uns selbst der Chefreporter von Bild.* Ich hoffe, Good und Pretti werden mir diese Abschweifung verzeihen. Allerdings ist sie keineswegs ohne Zusammenhang. Wo immer auf diesem Planeten Herrschaft aufrecht erhalten werden soll, man lügt und manipuliert, als säßen wir bei Tommy Cooper in der Zaubershow.

* Axel Bojanowski, https://www.bild.de/politik/inland/klimaforscher-kassieren-ihr-drastischstes-katastrophenszenario-69fd84e530e98e4ac324e1d2, 14. Mai 2026


Qiu Jin ~ Man muß sie kennen, zählt die Frau doch zu den Ikonen der chinesischen Revolutionsgeschichte, wobei sie auch noch als frühe Feministin gilt. Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie. 1904 verließ sie den ihr aufgezwungenen öden Ehegatten, lernte reiten, fechten, schießen und Sprengstoff herstellen und gründete um 1906 die Zeitung Chinesische Frau. 1907 wurde sie Leiterin der Datong Schule in Shaoxing (bei Shanghai), die sich vor allem dem »Sport« verschrieben hatte – genauer dem Kampfsport. Allerdings soll Qiu Jin auch einige Gedichte und Aufsätze verfaßt haben. In einen von ihrem Cousin (und Geliebten?) Xu Xilin verübten Anschlag und Umsturzversuch in Anqing verstrickt, wurde sie am 13. Juli 1907 in ihrer Schule verhaftet und drei Tage später, in Shaoxing, ebenfalls hingerichtet, wie bereits jener. Eine führende Zeitung des chinesischen Erzfeindes meint*, sie sei enthauptet worden, und zwar mit 31. Das Blatt vermutet auch, sie sei damals gewarnt worden und hätte rechtzeitig flüchten können, habe dies jedoch abgelehnt. Der berühmte Schriftsteller Lu Xun habe einmal bemerkt, man habe Qiu Jin damals »clapped to death«, zu Tode geklatscht. Das soll wohl heißen, die Frau war sowohl einfältig wie ruhmsüchtig genug, um das Helden- und Märtyrertum zu wählen. Laut NYT war sie bereits als Mädchen begierig gewesen, ihren Namen eines Tages in den Geschichtsbüchern zu lesen. Das dürfte ihr freilich nach der Enthauptung schwergefallen sein.

* Ami Quin, https://www.nytimes.com/interactive/2018/obituaries/overlooked-qiu-jin.html


Quiñones, Hermila García ~ Ende November 2010 wurde der Wagen, mit dem sie zum Dienst fuhr, auf einer Straße in Meoqui, Chihuahua, von bewaffneten Unbekannten gestoppt. Die Quellen sind spärlich und mager. Wahrscheinlich zwang man die 38jährige Beamtin auszusteigen, bevor man sie erschoß. Die TäterInnen wurden verständlicherweise in dem einen oder anderen Drogenkartell vermutet. Die gelernte Rechtsanwältin war erst wenige Wochen vorher, am 9. Oktober, zur Polizeichefin der Stadt Meoqui ernannt worden – die erste Mexikanerin in einer solchen Position. Bei damals 22.500 Einwohnern der Kreisstadt hatte Quiñones 90 Leute unter sich. Eine Leibgarde, selbst eine Schußwaffe, soll »die Neue« abgelehnt haben. Immerhin war sie unverheiratet und kinderlos geblieben, vielleicht wohlweislich.
~~~ Wie man sich denken kann, stehen drogenfeindliche mexikanische Journalisten gleichfalls stets mit einem Bein im Grab. Ich erwähne stellvertretend Francisco Ortiz Franco, der Kinder hatte. Er selber wurde nur 50. Von Haus aus Rechtsanwalt, hatte Ortiz in Tijuana, Baja California, einer großen Küstenstadt in Grenznähe, das Wochenblatt Zeta mitgegründet. Es berichtete regelmäßig über den Drogenhandel und hatte bereits früher Tote zu beklagen. Ende Juni 2004 war Ortiz in Tijuana nach einem Klinikbesuch gerade im Begriff, sich ans Steuer seines Autos zu setzen, als ihn maskierte Bewaffnete aus ihrem eigenen Wagen heraus durch mehrere Schüsse niederstreckten. Offenbar starb er noch am Tatort. Die Kinder des vollbärtigen und kraushaarigen Zeta-Redakteurs, laut damaliger BBC-Meldung acht und zehn Jahre alt, waren Zeugen dieses Mordes, denn mit ihnen war Ortiz in der Klinik gewesen. Vermutlich kamen sie, aufgrund ihres Schocks, gleich wieder hinein. Es gab einige Verdächtige, vor allem aus dem Mitarbeiterkreis des einheimischen Arellano-Félix-Kartells, hatte Ortiz doch erst vor wenigen Tagen Enthüllendes über diese Vereinigung veröffentlicht. Soweit ich sehe, erfolgten freilich bis heute weder Verhaftungen noch Anklagen noch auch nur Entschädigungen.* Das gilt anscheinend auch für den Fall Quiñones.

* https://en.sipiapa.org/the-iapa-demands-justice-21-years-after-the-murder-of-journalist-francisco-ortiz-franco-n1300535, 20. Juni 2025


Rasputin, Grigori J. (1869–1916) ~ Wer hätte noch nicht von dem »russischen Abenteurer« gehört? Oft wird er sogar zum russischen Dr. Mabuse aufgeblasen. Brockhaus beschreibt (und bewertet) sein Ende so: »Als seine Anmaßungen und Ausschweifungen sich zu einer Belastung für die Monarchie auswuchsen, wurde er von der Hofgesellschaft ermordet.« Nach einigen Internetquellen ist das aber ein gar zu dünner Aufguß der Tatsachen. Wahrscheinlich schwärzte man diesen vollbärtigen Ras-Putin schon damals nur zu gern als Sündenbock an. Er war sowieso von Natur aus schwarzhaarig. Der ansonsten hochgewachsene, vor allem durch seinen Blick dämonisch wirkende Wanderprediger und Geisterheiler mit der kräftigen Nase stammte aus einem sibirischen Bauerndorf. Dann stieg er bis in die St. Petersburger Hofkreise auf. Sogar die schwermütige Zarin (Alexandra) schenkte ihm und seinen Heilkünsten (kranke Zarensprößlinge) ihr Vertrauen. Dabei nahm er sich wohl letztlich (1916) zuviel heraus. Wer weiß, ob er nicht auch schon mit der Zarin hurte, und ob sie beide nicht ohnehin deutsche Spione waren, die das Reich dem Feinde auslieferten. Nach der Kunde von Rasputins früheren Wundertaten liefen nun die wildesten Gerüchte über seine Laster und Verfehlungen in den Salons und Küchen der Hauptstadt um. Ende Dezember 1916 war das Faß zum Überlaufen reif. Rasputin hatte den Zaren (Nikolaus II.) auch vorm Krieg gewarnt, und in der Tat, die Niederlagen der russischen Truppen häuften sich.* Vielleicht hatte der angebliche »Seher« sie mit Lähmung geschlagen. Unter Federführung der beiden Fürsten Jussopow und Pawlowitsch und eines Duma-Abgeordneten, die wohl allesamt um ihren eigenen Einfluß bei Hofe bangten, wurde der knapp 48jährige an einem Dezembertag in eine Villa gelockt, offensichtlich mißhandelt und gedemütigt, schließlich erschossen und in die nahe, anscheinend eisfreie Kleine Newka geworfen. Eine Obduktion der geborgenen Leiche bestätigte die Mißhandlungen. Ermittlungen der Polizei wurden freilich im Keim erstickt. Die beiden Fürsten durften sich erst einmal aufs Land verdrücken, während Volksvertreter Purischkewitsch bei der nächsten Duma-Sitzung wie gewohnt, wenn auch augenzwinkernd, seine Orden blinken ließ. Bis die Bolschewiken kamen. Das war allerdings schon wenige Wochen nach dem Mord der Fall. Das prunkvolle Zarenreich wurde zertrümmert.

* Brigitte Vankann, https://www.deutschlandfunk.de/edward-radsinskij-die-geheimakte-rasputin-100.html, 25. Juni 2001


Ratgeb, Jörg ~ Die meisten Marksteine aus Leben und Werk des schwäbischen Malers scheinen zu wackeln, man gibt sie in der Regel nur ohne Gewähr. Brockhaus entschied sich für: geboren um 1480, gestorben in Pforzheim 1526. Die Berliner Kunsthistorikerin Uta Baier behauptet jedoch*, selbst Ratgebs stets hervorgehobenes grausames Ende auf dem Pforzheimer Marktplatz um 1525 sei nicht zweifelsfrei erwiesen. Dafür zieht Brockhaus aber eine maßgeschreinerte Schublade für Ratgebs Kunst-schaffen aus dem Ärmel: Er habe »die realistische Malerei der Spätgotik zu einem expressiven Frühmanierismus« gesteigert ...
~~~ Der vielbeschäftigte Kirchen- und Klostermaler, streckenweise Betreiber von Meisterwerkstätten, war mit einiger Sicherheit in Schwäbisch Gmünd geboren worden und aufgewachsen. Ein erster, wohl prägender Zusammenprall mit der volksfeindlichen Obrigkeit soll ihm um 1510 in Heilbronn widerfahren sein, wo er ohne Bürgerrecht zu schaffen hatte, weil er sich vergeblich darum bemühte, seine Ehefrau oder Geliebte, eine Leibeigene des württembergischen Herzogs Ulrich, von diesem freizukaufen. Entsprechende Bittgesuche weist Ulrich ab. Die Angelegenheit erledigt sich dann insofern von selbst, weil Ratgebs Gefährtin anscheinend früh unter die Erde kommt. Im Lichte dieses Vorfalls könnte es merkwürdig anmuten, wenn Ratgeb später im Bunde mit eben diesem Fürsten auf Seiten der Bauern gegen die kaiserliche Besatzungsmacht kämpfte. Aber Ulrich, 1519 verbannt, schlug sich gewiß nur deshalb auf die Seite der aufständischen »Rotten«, um den Habsburgern (unter Kaiser Karl V.) sein Fürstentum wieder abzujagen. Dieser Kampf geht verloren. Der Herzog kehrt erst 1534 siegreich zurück, worauf er flugs die für ihn einträgliche sogenannte Reformation einführt. Das merkte ich bereits früher beim gemeuchelten Stallmeister Hans von → Hutten an.
~~~ Seit 1522 erneut in Stuttgart bezeugt, finden wir Ratgeb im April 1525 als Mitglied des gewählten dortigen revolutionären Stadtrates wieder. Beauftragt, mit den aufständischen Bauern zu verhandeln, schlägt er sich prompt auf deren Seite und wird nun zum Kriegsrat und Kanzler des Bauernführers Matern Feuerbacher ernannt. Doch wie schon gesagt, nach wenigen Wochen scheitert die Erhebung. Der flüchtende Maler und »Rädelsführer« Ratgeb wird in Pforzheim festgenommen und ebendort zum Tode durch Vierteilen verurteilt. Die Begründung ist nicht gerade originell: »Hochverrat«.
~~~ Bei der Hinrichtungsart Vierteilen, selbst im rauhen Mittelalter eher selten vorgenommen, wurde der Deliquent von der Henkersmannschaft an den vier Gliedmaßen gepackt oder kreuzförmig zwischen Pferde oder Ochsen gespannt und so zerrissen. In gnädigen Fällen hatte man ihn vorher schon getötet. In anderen war der Henker im Gegenteil darauf bedacht, ihn im Laufe der vorausgehenden Peinigung tunlichst bei Bewußtsein zu halten, damit er auch die Vierteilung noch genießen könne. Möglicherweise hatte Ratgeb zu Lebzeiten von seinem niederländischen Kollegen Dierick Bouts gehört. Der führte um 1470 eine Vierteilung durch berittene Pferde auf seinem Gemälde Martyrium des Heiligen Hippolyt vor. Dieser Kollege muß Nerven wie Drahtseile gehabt haben.

* Uta Baier, »Jerg Ratgeb. Vom Kirchenmaler zum Bauernkrieger«, Arsprototo Nr. 3/2012, online hier: https://www.kulturstiftung.de/jerg-ratgeb-vom-kirchenmaler-zum-bauernkrieger/


Rattay, Klaus-Jürgen ~ Der 18jährige berufslose Tram-per war zuletzt in der Westberliner Hausbesetzerszene heimisch geworden. Bei einem Polizeieinsatz anläßlich einer aufreizend wirkenden Pressekonferenz des Innensenators Heinrich Lummer, der zuvor etliche Häuser hatte räumen lassen, wurde Rattay im September 1981 auf der Kreuzung Bülowstraße/Potsdamer Straße von einem Bus der BVG erfaßt und zu Tode geschleift. Die Polizei hatte den Verkehr auf der Kreuzung nicht unterbunden. Dennoch stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungsverfahren bald ein. Gerichtlich geklärt wurde der Vorfall nie. Dabei hatte eine polizeiliche Übermacht nach etlichen Zeugenaussagen ein Häuflein ohnmächtig lärmender Demonstranten auf Wink des »wie ein siegreicher Feldherr« auf einem Balkon stehenden Innensenators sogar vorsätzlich in den strömenden Verkehr getrieben. Das Zitat stammt aus einem jüngeren gründlichen, durchaus empfehlenswerten Spiegel-Artikel*. Darin finden sich sowohl nähere Angaben zum Todesopfer wie zum damaligen Häuserkampf. Nebenbei hatte die Polizei, nicht nur nach Sontheimer, ungerührt die Masche vom Tod Benno Ohnesorgs (1967) wieder aufgewärmt: die Chaoten auf der Straße hätten einen Polizisten erstochen. Das heizte selbstverständlich prima an. Heute nennt man so etwas »fake news« – allerdings nur, wenn sie von »Systemgegnern« in die Welt gesetzt worden sind. Ähnlich versuchte man der Öffentlichkeit zunächst weiszumachen, Rattay habe sich wie ein Orang-Utan mit ausgebreiteten Armen auf die vordere Stoßstange des Linienbusses gehechtet, um den Fahrer zu erledigen. Tatsächlich versuchte der Rotschopf lediglich, den Bus zu stoppen, weil dieser auf die besetzte Kreuzung zuhielt.
~~~ Innensenator Heinrich Lummer war von vergleichsweise untersetzter, kurzer Gestalt, weshalb er gelegentlich auch als »Napoleon von der Spree« bespöttelt wurde. Manfred Maurenbrecher gab ihn auf seiner ersten Solo-Lp von 1982 anspielungsweise als Kleinen Mann aus.** Der Liedermacher wohnte damals nicht weit vom Tatort entfernt in Kreuzberg Nähe Mehringhof. Lummer starb 1919 mit 86, davon konnte Rattay nur träumen.

* Michael Sontheimer, https://www.spiegel.de/geschichte/hausbesetzer-klaus-juergen-rattay-in-west-berlin-1981-tod-unter-dem-bus-a-7c97fd8c-8af7-4bed-9bb5-6eae50fa1917, 22. September 2021
** Liedtext »Kleiner Mann«: https://maurenbrecher.com/songtexte/songs-maurenbrecher/#mauren6



Reding, Serge (1941–75) ~ Mein Brockhaus kennt lediglich einen deutschen Schriftsteller Reding. Der erfolgreiche belgische Gewichtheber hat den Sprung ins Universallexikon also nicht geschafft. Vielleicht war er zu kleinwüchsig und zu dick. Wie zumindest jeder Sportjournalist weiß, wog Reding, bei einer Körpergröße von 1 Meter 72 und einer Schuhgröße von 43, »in seinen besten Zeiten« um 140 Kilogramm. Viel mehr als diese Zeiten erlebte der Fleischberg aus den belgischen Ardennen auch nicht, starb er doch schon mit 33 in einem asiatischen Hotel.
~~~ Reding hatte sich erst mit 17 in Brüssel für »Gymnastik« erwärmt. Bis dahin war er gern durch die Wälder gelaufen. Im Februar 1959 nimmt der noch nicht 18jährige, 90 Kilo schwere Junge das systematische Training im Gewichtheben auf. 10 Jahre darauf hebt er seinen ersten Weltrekord. Erstaunlicherweise ist »Amateur« Reding, nach dem Militärdienst, ab 1964 in der Belgischen Nationalbücherei als Bibliothekar tätig, weshalb er schwerlich als tumber Bergbauernbub verunglimpft werden kann. Nach Redings Steckenpferden befragt, gibt Nationaltrainer André Dupont 1972 »Lesen« und »Kino« an. Als Sportler sammelt Reding Medaillen bei Meisterschaften und Olympischen Spielen (Silber in Mexiko City 1968) und bricht wiederholt Weltrekorde. In München 1972 geht er leider leer aus. Der tödliche Anschlag auf Israels Olympiamannschaft, dem auch mehrere Gewichtheber zum Opfer fielen, habe ihn derart aus dem Gleichgewicht gebracht, daß er anderntags im »Drücken« drei Fehlversuche hatte, ist öfter zu lesen. Tommy Kono dagegen, damals Cheftrainer der deutschen Heber, führt dieses Mißlingen auf eine Handgelenkver-letzung Redings zurück, die er sich beim Aufwärmen zugezogen habe. Zuvor sei der Belgier, in München, in bester Form gewesen. Aber Reding habe in seiner ganzen Laufbahn ohnehin zuviel Pech gehabt. Wie auch immer, das Gold ging wieder einmal an Redings »Angstgegner« Wassili Alexejew aus der UdSSR, den der Belgier im unmittelbaren Vergleich nie schlagen konnte. Auch Redings erste Ehe mit einer jungen Polin, Ewa Cernewska, scheitert.
~~~ Bei der Weltmeisterschaft von 1974 in Manila erringt »The Big Belgian« erneut Silber und verliebt sich zudem in eine junge philippinische Kellnerin, Yvonne S., die er in den folgenden Monaten öfter besucht. Bei diesen Aktivitäten »überhebt« sich der Verzückte, wenn wir der Boulevardpresse aus dem Juni 1975 trauen wollen. »Zweitstärkster Mann der Welt stirbt nach Liebesnacht«. Quellen zufolge, die sich seriöser geben, hat der 33jährige Koloß mit dem Stiernacken in seinem Hotel in Manila einen Herzinfarkt erlitten – mehr nicht. Man glaubt es gern, weil Reding um des lieben Muskelaufbau willens vermutlich im Laufe der Jahre einige Pfund Anabolika zu sich genommen hatte, wie unterschiedliche Quellen argwöhnen. Laut Spiegel (20/1988) kann solches Doping sogar zu »tiefer Depression« führen – in welcher just Reding »Selbstmord begangen« habe. Wieder andere Quellen hegen aufgrund der undurchsichtigen Umstände Raub- und Mordverdächte. Trainer Dupont zum Beispiel versichert, Reding habe ein gesundes Herz gehabt. Zu einer Gegen-Autopsie in Belgien sei es befremdlicherweise nicht gekommen. Dupont scheint zu glauben, der leichtgläubige Schwergewichtler sei von jenem Mädchen, das ihm den Kopf verdrehte, als eine Art Türöffner nach Europa, vielleicht auch als Geldquelle mißbraucht worden. Drei Millionen Franken (70.000 Euro?) seien verschwunden. Verstehe ich richtig*, hatte Reding vor, in einem Hotel ein Restaurant zu eröffnen, vielleicht im Verein mit seiner neuen Flamme. Und dann starb er in einem Hotel.
~~~ Zu den Anhängern der Selbstmord-Version hatte der Spiegel bereits 1977 gezählt.** Als Grund führte er auch damals »Depression« beziehungsweise »Angst« ins Feld. Trainer Dupont habe einmal erzählt, vor wichtigen Wettkämpfen habe Reding »wie eine Silberpappel gezittert«. Nur erzählt uns der Spiegel seinerseits so wenig wie sonstwer im Internet, wie sich Big Belgian denn umgebracht habe. Nebenbei scheint das Schicksal seiner neuen Braut ähnlich im Dunkeln zu liegen. Knöpfte die Polizei sich diese Zeugin vor? Tauchte sie spurlos unter? War sie damals beispielsweise 25, war sie genau von meinem Jahrgang. Sie könnte also noch leben und sich nach dem Muster vieler Virenphobisten hinter einer Gesichtsmaske verbergen, sobald sie einen Supermarkt oder ein Verlagsgebäude betritt ... Letzteres, um ihre Memoiren zu verkaufen.
~~~ Möglicherweise wenden Sie ungehalten ein, mit Reding hätte ich schon wieder kein hieb- und stichfestes Mordopfer präsentiert. Na gut. Notfalls hat ihn eben ganz allgemein die vereinte Sport- und Pharmabranche auf dem Gewissen, und die läßt sich nicht so leicht fassen.

* Philippe Hereng / Rudolf Marton in der belgischen Tageszeitung Le Soir, 28. Juni 1995: https://www.lesoir.be/archive/recup/la-mort-de-reding-reste-inexpliquee-il-y-a-20-ans-deced_t-19950628-Z09Q0D.html
** Spiegel 28/1977, siehe ca. Mitte: https://www.spiegel.de/sport/angst-vor-dem-sieg-a-a2c8dcef-0002-0001-0000-000040830734



Reemtsma, Katrin ~ Ich vermute, sie hatte ein gleichermaßen fettes wie schweres Erbe. Möglicherweise trug es auch zu ihrem schrecklichen Ende bei. Geboren 1958 in Lüneburg, stammte Katrin Reemtsma just aus dem bekannten Industriellenclan, der zu Anfang des Jahrhunderts entscheidend von dem tatkräftigen Erfurter Kolonialwarenhändler und Zigarrenmacher Bernhard Reemtsma beflügelt worden war. Nach Karl Heinz Roth* kam dessen Firma schon in den »Goldenen« 1920er Jahren dank dem Siegeszug der Zigarette und geradezu mafioser Unternehmens-Strukturen (mit Hehlerei, Betrug, Bestechung und Meineid) zu großem Reichtum. Und wie erst rauchten die Schornsteine und Soldaten im sogenannten Dritten Reich! Sohn Philipp F. Reemtsma investierte in Nazi-Organisationen mindestens 35 Millionen Mark. Sein Bruder Alwin brachte es bis zum SS-Standartenführer. Erbe Jan Philipp Reemtsma, der 1996 als Opfer einer spektakulären Entführung in die Schlagzeilen geriet, hatte seine Geschäftsanteile bereits 1980 verkauft und einige Jahre später das Hamburger Institut für Sozialforschung gegründet. Es machte sich unter anderem durch vieldiskutierte Wehrmachtsaus-stellungen verdient. Katrin Reemtsma war eine Nichte dieses Sozialforschers, Germanisten und Mäzens.
~~~ Schon als junge Studentin der Ethnologie und Volkskunde hatte sich Reemtsma für unterdrückte Minderheiten eingesetzt. 1978 nahm sie in den USA am ungewöhnlichen »Longest Walk« des American Indian Movement (vom Pazifik zum Atlantik) teil. In den nächsten Jahren war sie, wohl hauptberuflich, als Referentin für Sinti und Roma der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen tätig. 1987 nach Berlin gegangen, beschränkte sie sich auf ehrenamtliche Mitarbeit und verfaßte ansonsten freiberuflich Gutachten für Gerichte oder das Europäische Parlament sowie zahlreiche Artikel für die Verbandszeitschrift Pogrom, außerdem mehrere Sachbücher. Zu Beginn der 1990er Jahre traf sie den serbischen Roma Asmet S., einen Flüchtling aus Jugoslawien. Daraus ergab sich eine Lebensgemeinschaft mit zwei Kindern, die 1997 fünf und drei Jahre alt waren. Unter Verwandten und Kollegen galt das Liebes- und Familienleben als ungestört, wenn nicht gar harmonisch. Selbst nach der Bluttat wollten sich keine überzeugenden Anhaltspunkte für den jähen Riß im Gefüge finden. Reemtsma, inzwischen 38 Jahre alt, war am Mittag des 9. Juni 1997 mit einem Küchenmesser erstochen worden – von ihrem gleichaltrigen Lebensgefährten in der gemeinsamen Wohnung in Berlin-Friedenau.
~~~ Immerhin waren die beiden Kinder nicht zugegen. Der angeblich angetrunkene Täter ließ sich widerstandslos festnehmen. Die ErmittlerInnen zogen einen Streit um seine finanzielle Abhängigkeit von seiner Frau in Betracht. Allein zwischen Mai 1996 und Februar 1997 soll diese ihm rund 200.000 D-Mark überwiesen haben. Über den Verbleib des Geldes wollte sich Asmet S., in der Presse als großer, schlanker Mann mit buschigem Schnauzbart beschrieben, in den Verhören oder vor Gericht nicht äußern. Ansonsten werteten die BeobachterInnen seine Aussagen als »wirr«. Er habe von Untreue seiner Gefährtin, aber auch von Telepathie und Elektrizität und davon gesprochen, Katrin lebe ja noch. Auf der anderen Seite kam ein gerichtlich bestellter Gutachter zu dem Ergebnis, bei dem Angeklagten liege weder ein wahnhafter Zustand noch eine akute psychische Störung vor. Vielleicht war er »nur« in seinem männlichen Stolz verletzt – eine weltweite Erscheinung, gerade wie Rauchen oder Eifersucht, zu deren Erklärung es keiner Völkerkunde bedarf. Schließlich war Asmet, wie es aussieht, von seiner Gefährtin mehr oder weniger ausgehalten worden, das kann trotz der Annehmlichkeit demütigend sein.
~~~ Es gab auch Mutmaßungen, seine Lebensgefährtin habe in jüngster Zeit mit Trennung gedroht, da er sich zu sehr gehen lasse, die Kinder vernachlässige, zu oft ins Ausland reise und dergleichen mehr. Doch dazu wollte er anscheinend ebenfalls nichts sagen. Bei den Plädoyers habe er seinen Blick gelangweilt durch den Saal schweifen lassen, schreibt die taz.** Eine einzige Quelle traut sich zu der Erwägung, möglicherweise habe Reemtsma schon länger unter einem schlecht gewählten, beispielsweise groben oder verschlossenen Gefährten gelitten, aber nicht den Mut aufgebracht, sich entsprechend zu beklagen, weil damit einige Illusionen oder gar ihr gesamtes berufliches Selbstverständnis zusammen gebrochen wären. Nun, wir wissen es nicht. Nach den mir zugänglichen Quellen bleibt der Fall undurchsichtig. Im Oktober 1997 wurde Asmet S. wegen Totschlags zu 12 Jahren Haft verurteilt. Jüngere Darstellungen, die Aufschlüsse versprächen, sind befremdlicherweise nicht zu finden. Selbst das Schicksal der beiden Kinder scheint niemanden zu interessieren. Die englische Wikipedia hat noch nicht einmal einen Eintrag über deren ermordete Mutter.

* Karla Koriander, »Blauer Dunst, braune Politik«, Ossietzky 12/2007
** Jens Rübsam, https://taz.de/Ein-Urteil-viele-Fragezeichen/!1375217/, 1. November 1997



Riarua, Assa ~ Er zählte zu den Beratern des Herero-Häuptlings Samuel Maharero, wahrscheinlich auch zu den Entfachern des großen Herero-Aufstandes von 1904. Der trug sich im sogenannten Staate »Deutsch-Südwestafrika« zu, heute Namibia. Die Freiburger Zeitung vom 17. Feb-ruar 1904 klagte, im Verein mit Unterhäuptling Ouandja habe Riarua den »schwachen und trunksüchtigen« Maharero zum »Treuebruch« gegenüber den deutschen Kolonisatoren gezwungen.
~~~ Der Aufstand schlug fehl. Überhaupt hatten die jeweiligen Eingeborenen, die weder Grenzen noch Landraub kannten, gegen ihre weißhäutigen GlücksbringerInnen nie eine Chance, weil ihnen diese sowohl in der Waffentechnik wie in der Verschlagenheit haushoch überlegen waren. So schwätzten oder zwangen sie den Eingeborenen haarsträubende »Verträge« auf, fanden im Nu Vorwände für »Strafexpeditionen« und gaben nicht eher Ruhe, bis das betreffende Land einen weißhäutigen »Gouverneur« besaß, der stolz nach London, Brüssel oder Berlin telegrafierte, das Land sei endlich »befriedet« worden – von den Stiftern des Unfriedens.
~~~ Im Juni 1904 hatte Berlin den gar zu nachsichtigen Theodor Leutwein als Chef der deutschen »Schutztrup-pen« durch Generalleutnant Lothar von Trotha ersetzt, der die Aufständischen mit seinen frischen Truppen gnadenlos in die Omaheke (»Sandfeld«) trieb – ein wüstenähnliches Gebiet im Osten, das an »Britisch-Betschuanaland« (heute Botswana) grenzte. Die Gejagten wurden eisern von den wenigen Wasserstellen fern gehalten; mehrere Tausend Hereros verdursteten. Laut Von Paczensky* rühmte sich der Generalstab des überseeischen »Schutzherrn« in seinen 1906 veröffentlichten Berichten, diese Aktionen hätten »die rücksichtslose Energie der deutschen Führung bei der Verfolgung des geschlagenen Feindes in glänzendem Lichte« gezeigt. Zu Beginn des Aufstandes hatte es rund 100.000 (nach anderen Quellen 70.000) Hereros gegeben. Am Ende, so Von Paczensky, seien es nach amtlicher Statistik noch knapp 22.000 gewesen. Sie wurden enteignet und hatten nichts mehr zu melden.
~~~ Während es Häuptling Maharero mit rund 1.500 abgezehrten Leuten gelang, Betschuanaland zu erreichen, ist anzunehmen, auch der ungefähr 50jährige Riarua habe sich unter jenen Opfern – nicht der Wüste, vielmehr deutscher Folterkunst und Mordlust befunden. Er gilt seit der Vertreibung in die Omaheke als verschollen. Die Grausamkeit des deutschen Vorgehens in Afrika, das auf zumindest teilweise Vernichtung und auf Versklavung aus gewesen sei, wird 1914 sogar von Gustav Noske ange-prangert, nämlich in seinem Buch über Kolonialpolitik und Sozialdemokratie. »Manche deutschen Truppenteile«, bemerkt der damalige SPD-Reichstagsabgeordnete, »machten keine Gefangenen, sondern schossen nieder, was schwarz war.«* Wenige Jahre später ließ Noske als »Volksbeauftragter für Heer und Marine« in Berlin und an der Ruhr auf alles schießen, was rot war.

* Gert von Paczensky, Weiße Herrschaft, Ausgabe Ffm 1982, S. 55–57


Rimbach, Heike ~ Sie war Metzger-Lehrling, wirkte »sportlich und hübsch« und wohnte bei ihren Eltern in einem Dorf am Harz. Dort wurde sie grausam ermordet. Wahrscheinlich war die blondgelockte 19jährige am 28. August 1995 allein in ihrem Lüttgenroder Elternhaus. Sie hatte freien Montag. Der bis heute unbekannte Täter – falls es ein Mann war – würgte, schlug, erstach sie. Seine Beweggründe sind ebenfalls ein Rätsel. Man fand die leicht bekleidete Leiche schließlich auf dem Dachboden. Von einem sexuellen Mißbrauch ist nirgends die Rede. Ein Raubmord scheint es jedenfalls nicht gewesen zu sein.
~~~ Die Polizei vermutet, der Täter stand dem Opfer nahe. Er sei ausgesprochen wütend und eher planlos vorgegangen. Aufgrund verschiedener Ungereimtheiten werden auch Familienangehörige verdächtigt. Das Verhältnis Heikes zu Eltern und zwei Brüdern war anscheinend etwas gespannt. Aber später zerstreut sich der Verdacht gegen die Familie, die inzwischen in eine größere Stadt gezogen ist. Heike hatte gerade einem festen Freund den Laufpaß gegeben; war frisch in einen jungen Mann aus Dessau verliebt. Auch ein Arbeitskollege kommt in Frage. Außerhalb der Familie gibt es nie Verhaftungen. Zur Stunde ist der ungelöste Fall schon über 30 Jahre alt. Die Familie argwöhnt Versäumnisse in den Ermittlungen, weil man nur die Angehörigen im Visier gehabt habe.
~~~ Leider gelingt es auch in einer jüngeren Darstellung* nicht, wenigstens das Naturell des Opfers zu ermitteln. Stellt der Autor fest, Heike habe die langjährige Beziehung mit dem Ex-Freund als »zu eng« empfunden, ist es schon viel. Immerhin reibt er den Ermittlern unter die Nase, viele Spuren »nur halbherzig gesichert« zu haben. Soweit DNA-Spuren gesammelt worden seien, hätten sie sich als »kaum brauchbar« herausgestellt. Nebenbei wundert es mich, daß sich keiner fragt, warum das Mordopfer ausgerechnet eine Laufbahn als Metzgerin gewählt hatte. Möglicherweise zog es ja von daher Unheil an.

* https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/kriminalitaet/id_86873212/fall-heike-rimbach-wer-ermordete-die-19-jaehrige-in-der-alten-schaeferei-.html, 1. Dezember 2019


Rizal, José (1861–96) ~ Über den Brockhaus-Eintrag zu diesem »philippinischen Freiheitshelden und Schriftsteller«, gut 15 Zeilen, kann man nicht meckern. Rizal sei als »angeblicher Rädelsführer« revolutionärer Aufstände zum Tod verurteilt und erschossen worden. Heute ist ihm in der Hauptstadt Malina ein eigener Park gewidmet. Der Tag seiner Hinrichtung (30. Dezember) ist Nationalfeiertag. Aber selbst im Kurort Wilhelmsfeld bei Heidelberg findet sich ein Denkmal, das an den weitgereisten Arzt und Freimaurer erinnert.* Übrigens hatte Rizal, aus wohlhabender Mestizenfamilie mit chinesischem Einschlag stammend, gewaltsamen Umsturz zeitlebens abgelehnt. Gleichwohl fiel der 35jährige einem spanischen Hinrichtungskommando zum Opfer. Zurück blieb seine neue irisch-stämmige Lebensgefährtin aus Hongkong Josephine Bracken. Laut englischer Wikipdia ging sie zwar noch eine Ehe mit einem philippinischen Kaufmann ein, erlag jedoch bereits mit 25 der Tuberkulose.
~~~ In seinem letzten Brief an seinen Freund Professor Ferdinand Blumentritt, einen Philippinen-Kenner aus dem nordböhmischen Leitmeritz, versichert Rizal: »Mein lieber Bruder, wenn du diesen Brief erhältst, werde ich tot sein. Morgen, um Sieben, werde ich erschossen; aber ich bin des Verbrechens der Rebellion unschuldig.« Zuvor hatte er die brutalen Unsitten der spanischen BesatzerInnen – und damit insbesondere des scheinheiligen spanischen Klerus’ – in mehreren Büchern angeprangert. Diese Werke erschienen im Ausland und wurden auf den Philippinen umgehend verboten. Da er das Ende der spanischen Herrschaft (1898) nicht mehr erlebte, blieb Rizal auch die Ernüchterung durch das Schicksal der Revolution erspart: man kam alsbald vom spanischen Regen in die nordamerikanische Traufe. Statt die junge philippinische Republik, wie zuvor versprochen, anzuerkennen, bekämpften die USA sie im Philippinisch-Amerikanischen Krieg (1899–1902) mit allen ihr damals zur Verfügung stehenden militärischen Mitteln. Im Ergebnis bissen mehrere Hunderttausend Filipinos, wohl meist wegen Seuchen, ins Gras – ins Gras einer neuen Kolonie jenes freiheits- und demokratiedurstigen Staatenbundes, der sich erst unlängst vom britischen »Mutterland« gelöst, also vom kolonialen Status befreit hatte. Es lebe die Doppelmoral.
~~~ Auch der deutsche Buchmarkt hat Rizal nicht vergessen. Kürzlich stellte Holger Heimann eine neue Übersetzung von Noli Me Tangere (Rühr mich nicht an) vor.** Mit diesem Roman habe der schriftstellernde Mediziner, trotz gewisser handwerklicher Mängel, gleichsam das philippinische Nationalepos geschaffen. Man werde von einer »veritablen Abenteuergeschichte« gefangen, begegne »einprägsamen, präzise gezeichneten« Charakteren sowie, im Text des Berichterstatters, dem Geheimnis von Rizals andauernder »Relevanz«. Das sind drei gesundheitsschädliche Fremdwörter zuviel, wenn Sie mich fragen, an denen Heimanns Übersetzerin keinen Anstoß nahm.

* Karin Katzenberger-Ruf in der Rhein-Neckar-Zeitung, https://www.rnz.de/nachrichten/region_artikel,-Region-Heidelberg-Jose-Rizal-Park-Wilhelmsfeld-Philippinischer-Freiheitskaempfer-ist-in-Vergessenheit-_arid,282222.html, 14. Juni 2017
** https://www.swr.de/kultur/literatur/jose-rizal-noli-me-tangere-100.html, 14. Oktober 2025



Der kurzzeitige Chef der Treuhandanstalt, einer eher hinterhältigen als nachhaltigen Einrichtung Detlev Rohwedder dürfte im Konkurrenzkampf der Konzerne gefallen sein: Genickbruch Pdf 2 Seite 19. Der junge Korbacher Tobias Ropel wurde auf einem Stadtfest erstochen: Genickbruch Pdf 1 Seite 76. Komponist Hans Rott aus Österreich fühlte sich wahrscheinlich nicht zu unrecht verfolgt: Genickbruch Pdf 4 Seite 125.


Rombachtalbrückenkinder ~ Der oberhessische Rombach dürfte für meinen Brockhaus zu dünn gewesen sein. Aber das 24bändige Lexikon erwähnt noch nicht einmal die bei Schlitz gelegene Rombachtalbrücke, obwohl sie fast 1.000 Meter lang und bis 95 Meter hoch ist. Sie dient der ICE-Bahnstrecke Hannover–Würzburg. Der 37jährige Elektriker aus Parchim, Mecklenburg, Holger S. streifte sie im Sommer 2015 bei einem makaberen Autourlaub. Einige Jahre vor seinem Tod, als er gerade ein Haus baute, hatte sich seine Ehefrau von ihm getrennt. Seitdem lebten die gemeinsamen Kinder, Tim (9) und Lisa (10), hauptsächlich weiter nördlich bei ihrer Mutter und deren neuem Lebensgefährten in Bützow.* Nun aber unternahmen sie im Wagen ihres Vaters jene makabere »Sommerferienreise« gen Süden. Am 2. August 2015, ein Sonntag, machten sie unweit der Rombachtalbrücke Halt. S. erklomm das Bauwerk mit seinen Kindern, stach auf beide mit einem Messer ein und stieß sie dann vermutlich in die Tiefe, ehe er selbst hinterher sprang. Spaziergänger fanden die drei Leichen unter der Brücke auf einer Landstraße.
~~~ Von Erklärungen aller Beteiligten, etwa einem Abschiedsbrief, ist nichts zu lesen. Man scheint auch nicht zu wissen, warum die Wahl auf die Rombachtalbrücke fiel. Der Gießener Staatsanwalt nahm immerhin einen Sorgerechtsstreit an.** Vielleicht stand die Sache gerade so, daß sich der Vater sagte: na gut, wenn ich die Kinder nicht bekomme, dann sie auch nicht. Möglicherweise war auch der neue »Stiefvater« der Kinder als Schatten eines bedrohlichen Rivalen im Spiel. Vielleicht hatten die Kinder S. gerade wieder versichert, X. sei ein prima Kumpel. Es ist natürlich denkbar, S. war auch sonst angeschlagen, etwa pleite oder todkrank. Auch davon ist jedoch nichts zu lesen. Es heißt lediglich, Nachbarn hätten S. als liebenswerten Vater und hilfsbereiten Handwerker geschildert. Er habe auch nach der Trennung nie ein schlechtes Wort über die Mutter der Kinder verloren.
~~~ Nun ja, bekanntlich sind stille Wasser tief. Es kommt mir freilich recht befremdlich vor, wenn das Internet, soweit ich sehe, selbst zur Stunde nicht einen Hinter-grundbericht über den gut 10 Jahre alten Vorfall herausrückt. Es gibt ausschließlich Beiträge aus den Tattagen. Ich nehme an, das hängt mit dem massenhaften und zunehmend geballten Auftreten von »Ereignissen» in der Moderne und dem immer rücksichtsloseren Neuigkeitswahn zusammen. Von daher steht zu befürchten, der »Weltgeist« von Hegel oder Schopenhauer habe wieder einmal zwei Kinder mehr in sein Vergessen gerissen.

* Caroline Awe, http://www.svz.de/lokales/buetzower-zeitung/familiendrama-erschuettert-buetzow-id10428136.html, 11. August 2015
** »Familiendrama endet grausam«, Parchimer Zeitung, 4. August 2015, S. 7



Rosenberg, Ethel und Julius ~ Der Justizopferfall dieses US-Ehepaars erregte kaum weniger Aufsehen als der von → Sacco & Vanzetti, weltweite Proteste gegen das Todesurteil eingeschlossen. Aber in meinem Brockhaus fehlt das Ehepaar. Der englische Lyriker Isaac Rosenberg, mit 27 im Ersten Weltkrieg gefallen, war wichtiger. Julius Rosenberg galt als KP-Mitglied. Seine Frau Ethel hatte einen zeitweise in der Atomschmiede von Los Alamos beschäftigten und spionierenden Bruder, der das Ehepaar vor Gericht schwer belastete, um für sich selber Milde zu erwirken. Er wurde als »Kronzeuge« aufgebaut. 1953 landete das Ehepaar im New Yorker Staatsgefängnis Sing Sing auf dem elektrischem Stuhl, weil es angeblich entschieden dazu beigetragen hatte, das Geheimnis des US-Atomprogramms an die Sowjetunion zu verraten. Von der Frage der Strafwürdigkeit solchen »Verrats« einmal abgesehen, war der Vorwurf mindestens stark übertrieben. Heute, nach der Veröffentlichung verschiedener Geheim-dienstberichte und gesperrter Vernehmungsprotokolle und nach neuen Aussagen von wichtigen Zeitzeugen, wird kaum noch angezweifelt, daß die verheirateten angeblichen Top-Spione damals ein Opfer des bekannten antijüdischen und antikommunistischen Klimas der USA und der entsprechenden Manipulation und Härte geworden waren. Nach einem Bericht der New York Times* räumte 1983 sogar Ex-Vizepräsident Richard Nixon ein, bei jüngster Kenntnis der Sachlage hätte sein damaliger Chef, Präsident Eisenhower, sicherlich »eine andere Sichtweise« eingenommen. Eisenhower hatte sich auch durch Papst Pius XII. nicht zu Gnade erweichen lassen. Richter Irving Kaufman hatte gefolgstreu verkündet: »Dieser Verrat ist schlimmer als Mord.« Besonders ekelhaft war die damals beliebte demagogische Mahnung, wer solchen Verrätern nicht rechtzeitig das Handwerk lege, nehme Unmengen an Toten durch sowjetische Kernwaffen in Kauf. Bekanntlich waren diese Unmengen bereits im August 1945 angefallen, als die Yankees Japan mit zwei Atombomben beglückten – und dies sogar »unnötigerweise«, wie nicht wenige Historiker glauben, weil der Zweite Weltkrieg längst gewonnen war. Die Bomben aus Washington waren hauptsächlich einschüchternde Grüße an Moskau gewesen.
~~~ Im Juni 2023 wagt der WDR das Resümee, inzwischen seien sich die Historiker weitgehend darin einig, die Hinrichtung von 1953 für ein »politisch motiviertes Justizverbrechen« zu halten.** Ethel und Julius Rosenberg mußten mit 37 und 35 Jahren sterben. Ihre beiden Söhne Michael und Robert Meeropol, wie sie nach einer Adoption hießen, waren 10 und Sechs. Die Brüder ließen später nicht locker, die Herausgabe verschiedener Dokumente zu betreiben, und gründeten außerdem 1990 eine Stiftung, die sich just solcher Kinder annimmt, deren Eltern in die Mühlen der Justiz geraten sind.

* Sam Roberts, »Nixon Cited Missed Clues in Defense of a Rosenberg«, 13. September 2008: http://www.nytimes.com/2008/09/14/nyregion/14rosenberg.html?_r=0
** https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/zeitzeichen-rosenberg-spione-100.html



Roumain, Jacques ~ Der französischsprachige Mulatte aus wohlhabendem Gutshause in Haiti, geboren 1907, war unter US-»Schutzherrschaft« aufgewachsen. 1934 zogen die Yankee-Truppen ab – die »Diplomaten« und die einheimischen Kaffee- und Zuckerbarone blieben. Nun beteiligte sich Roumain an der Gründung einer KP, die freilich bald verboten wurde. Als er um 1937 in Brüssel und Paris ethnologische Forschungen betrieb, lag eine dreijährige Haft in Haiti hinter ihm. Dem heraufziehenden Weltkrieg weicht er in die USA aus. Ein Präsidentenwech-sel in Haiti ermöglicht ihm 1941 die Heimkehr. Jedoch: Gefängnis, Geldsorgen, Exil – dies alles holt ihn vermutlich mitsamt den Krankheiten ein, die ihm neuerdings zusetzen. Tabak und Alkohol tun das Ihre. Sagen wir also, bei seiner »Ermordung« gingen der Imperialismus und er selber Hand in Hand. Roumain stirbt 1944 als vielversprechender Autor und zweifacher Vater mit 37 in Port-au-Prince. Was aus seiner Ehefrau Nicole und den Kindern wurde, ist mir nicht bekannt. Als Roumains Hauptwerk gilt der im Todesjahr posthum veröffentlichte und im folgenden vielübersetzte Roman Gouverneurs de la rosée, auf deutsch Herr über den Tau. Ich kenne ihn nicht; einige Quellen versichern, er sei kunstvoll und bildreich komponiert, was allerdings nicht notwendig bedeuten muß, er sei auch gut lesbar. Sein Held soll der Zuckerrohrschneider Manuel sein, dessen in Kuba gesammelte gewerkschaftliche Erfahrungen sich zunächst nur schlecht mit den eingewurzelten Verfeindungen im haitianischem Dorfleben, der Anziehungskraft des Vodou-Kultes und der Willkür bestochener farbiger Beamter vertragen. Am Ende gelingt es der Gemeinschaft, dem Dorf die dringend benötigte Wasserquelle zu erschließen. Zum Preis des Gelingens zählt offenbar Manuels Tod. Übersetzerin der deutschen Erstausgabe von 1947 war Eva Klemperer, Dresden.


Russo, Marta ~ Der Aufsehen erregende Fall, bis heute nicht zufriedenstellend geklärt, ging und geht oft als »das perfekte Verbrechen« oder »das makabere Experiment« durch die Medien. Die italienische Jurastudentin Marta Russo, 22, schritt am 9. Mai 1997 gegen Mittag in Begleitung einer Freundin über den Hof ihrer juristischen Fakultät in Rom. Plötzlich brach die sportliche Blondine (Florettfechterin) zusammen – von einer Kugel hinter dem linken Ohr getroffen. Nach einigen Tagen im Krankenhaus war sie tot.
~~~ Die Polizei suchte zunächst vergeblich nach Leuten, die ein Mordmotiv gehabt hätten. Vom Einschußwinkel her kam der Schuß aus einem Gebäude, in dem die jungen Assistenten Giovanni Scattone und Salvatore Ferraro, beide um 30, Seminare über »Rechtsphilosophie« abhielten. Sie gerieten in Verdacht. Studenten behaupteten, Scattone sei in seine These Es ist unmöglich, einen Mord aufzuklären, wenn der Täter kein Motiv hat und wenn die Tatwaffe nie gefunden wird geradezu vernarrt gewesen. Beide Assistenten galten als gutaussehend, etwas eingebildet, ausgesprochen ehrgeizig. Schließlich sagte eine Sekretärin aus, sie habe Scattone zur Tatzeit mit einer Pistole hantieren gesehen. Beim Wehrdienst hatte er sich den Ruf eines guten Schützen erworben.
~~~ Die verdächtigen Freunde beteuerten von Anfang an ihre Unschuld. Den Wink der ErmittlerInnen, es könnte doch lediglich ein Unfall beim Spielen mit ihren illegalen Waffen gewesen sein, griffen sie nicht auf. Dabei blieben sie auch. Zwar gab es gewisse Schmauchspuren, doch die Mordwaffe tauchte nie auf, und ein übliches Motiv war unersichtlich. Beide kannten das Opfer nachweislich gar nicht. Russo hatte einen festen Freund. Im akademischen Personal stießen die ErmittlerInnen auf Widerstand. Die Sekretärin verwickelte sich in Widersprüche. Viele BeobachterInnen argwöhnten Deckung der Täter durch einflußreiche Personen. Aber umgekehrt wurden auch den ErmittlerInnen Unsauberkeiten vorgeworfen. Selbst führende PolitikerInnen ergriffen die Partei der Angeklagten. Das Land war in Anhänger und Gegner der Freunde gespalten. Die Medien rissen sich um Interviews. Irgendwann räumte sogar ein Gerichtspräsident ein, der Prozeß sei der Staatsanwaltschaft aus der Hand geglitten. Wohl deshalb gab es, nach mehreren Instanzen, eine Art Kompromiß: Die Assistenten bekommen 2003 allein aufgrund von Indizien wegen »Fahrlässiger Tötung« lediglich um fünf Jahre Haft. Die Fahrlässigkeit bestand darin, einen öffentlichen Platz als Schießscheibe zu wählen. Offenbar konnte oder sollte ein Vorsatz der mutmaßlichen Täter nicht nachgewiesen werden. 2011 wurde ihnen zivilrechtlich zusätzlich eine Entschädigungs-zahlung von einer Million Euro auferlegt.
~~~ Russos Mutter ist nach wie vor davon überzeugt, Scattone habe »nur zum Spaß« getötet.* So äußerte sie sich 2015 verbittert vor der Presse, als man den längst entlassenen Juristen in den Schuldienst nehmen wollte. Allerdings könnte es auch insofern ein merkwürdiger Spaß gewesen sein, als er ausgerechnet – und nicht etwa zufällig – Frauen traf. Die eine Frau wurde erschossen, die andere, vermutlich, nachhaltig verstört. Über diesen Blickwinkel lese ich so gut wie nichts. Das Schicksal von Jolanda Ricci, der Freundin, ist allen Quellen kein Komma wert. Man erfährt noch nicht einmal ihr Alter. Wer den abgründigen Zug des Falls unterstreichen wollte, könnte mutmaßen, neben dem Schock und der Trauer habe Ricci die Kränkung zu verdauen, vom Schützen verschmäht worden zu sein.
~~~ Das könnte sich freilich auch nur einem Versehen verdanken, wie ich der italienischen Wikipedia entnehme. Damals blühten zahlreiche alternative Theorien, und nach einer davon hatte der Schütze die beiden blonden Frauen, die sich auch sonst ähnlich sahen, schlicht verwechselt. Jolanda wird hier als Tochter eines Beamten des Justiz-ministeriums bezeichnet, der auch schon entsprechende Drohungen erhalten haben wollte. Zeitweise soll Renato Ricci sogar Vizechef eines Gefängnisses gewesen sein. Hier liegt also das Tatmotiv Rache in der Luft. Daneben brachten die Theorienschmiede natürlich auch »Linksextremisten« und die Mafia ins Spiel.
~~~ 2001, während des Prozesses, verheiratete sich Scattone mit der Autorin G., die von seiner Unschuld überzeugt war. Jetzt ist er selber als Autor tätig. Er soll Aufsätze und Übersetzungen verfassen. In einem Spiegel-Bericht über seine endgültige Verurteilung (2003)** macht die Bemerkung stutzend: »Auch bei Scattone wurden sie fündig: In schöner, ordentlicher Handschrift hatte der die Namen von Mädchen aufgelistet, dazu die genaue Beschreibung ihrer Unterwäsche.« Aber diese Beobachtung bleibt in den Bezügen verschwommen und wird nicht weiter vertieft.

* Constanze Reuscher (Rom), https://www.welt.de/vermischtes/article146236109/Die-Angst-dass-dein-Psychologielehrer-ein-Moerder-ist.html, 10. September 2015
** Fiona Ehlers, https://www.spiegel.de/panorama/die-logik-des-toetens-a-f20a78f9-0002-0001-0000-000029475107, 14. Dezember 2003

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