Montag, 22. Juni 2026
Mordopferlexikon (MOL) Folge 8 [S]
ziegen, 18:05h
Inhalt ~ Ali Sabahattin + Sacco & Vanzetti + Meta Scheele + Hanns-Martin Schleyer + Sadako Sasaki + Chalid Muhammad Saʿid + Policarpa Salavarrieta + Günter Sare + Heinrich Scheffer + Petra Schelm + Wilhelm Eduard Schmid + Yvan Schneider + Marinus Schöberl + Helga Scholz + Ethelbert Dudley Scott nebst Unbeteiligten + Sechs Seeleute + Luca Shub + Aline Söther + Leo Steinweg + Ignaz Semmelweis + Samuel Sharpe + Serena Shim + Diego und Gabriela Silang + Karen Silkwood + António José da Silva + Eudy Simelane + Sitting Bull und Crazy Horse + Sokrates + Jura Soyfer + Theresa Stahl + Hatun Sürücü + Anna Sutter
Sabahattin Ali (1907–48) ~ Mein Brockhaus lobt den türkischen Lehrer und Schriftsteller vor allem wegen seiner meisterhaften, dem Realismus und der Sozialkritik verpflichteten Kurzgeschichten aus der anatolischen Pro-vinz. Er sei verfolgt und auf einer Flucht nach Bulgarien ermordet worden. Da war er 41.
~~~ Der Sohn eines osmanischen Offiziers hatte teils in Deutschland studiert und unterrichtete später auch Deutsch. Mitarbeit an verschiedenen Zeitschriften. Er schreibt gern Satiren. Man wirft ihm allerdings kommu-nistische Propaganda vor, obwohl KennerInnen seine Prosa als unaufgeregt, ja sogar »gemächlich« bezeichnen. Schließlich wird er (1932) wegen angeblicher Beleidigung Atatürks, des Staatspräsidenten der neuen türkischen Republik, für gut ein Jahr ins Gefängnis gesteckt. Täusche ich mich nicht, war diese »Republik« entgegen vielen schönen Erklärungen autoritär, patriarchal, patriotisch und militaristisch geprägt. Ali persönlich scheint sich Einberufungen (oder Verwicklungen) während des Zweiten Weltkrieges durch einen Posten als Assistent am neuen Staatlichen Konservatorium in Ankara erfolgreich entzogen zu haben. Ansonsten seit der Haftentlassung meist stellungslos, will er sein Heil zuletzt in Bulgarien suchen, hat jedoch keine Papiere. Seine Ehefrau (seit 1935, eine Tochter) bleibt offenbar einstweilen zurück. Am 2. April 1948 habe man Alis übel zugerichteten Leichnam in der Ortschaft Kırklareli nahe Bulgarien – und rasch einen Schuldigen gefunden, heißt es 2013 im Schweizer Rundfunk.* Ein angeblicher Fluchthelfer, wohl der abgehalfterte Offizier und Schmuggler Ali Ertekin, soll ihn erschlagen, dann auch beraubt haben. Ertekin sei jedoch »nur symbolisch bestraft« und später vom Regime mit einer protzigen Villa belohnt worden. In Wahrheit liege der Mord trotz einiger parlamentarischer Vorstöße nach wie vor im Dunkeln. Viele vermuten freilich, Ali sei unter der Folter der türkischen Geheimpolizei gestorben. Dann habe man die Leiche zur Grenze geschafft und einen Raubmord vorgetäuscht.
~~~ Alis Werke waren bis 1965 in der Türkei verboten. Er verfaßte auch mehrere Romane. Inzwischen ist er aber erstaunlicherweise, beträchtlichen muslimischen Einflüssen zum Trotz, selbst in türkischen Schulbüchern vertreten. Vielleicht gehört das zu dem bekannten Eiertanz der Türkei zwischen den ideologischen Lagern.
* Franziska Hirsbrunner, https://www.srf.ch/kultur/literatur/literatur-sabahattin-ali-mittler-zwischen-tradition-und-moderne, 30. November 2013
Den US-Anarchisten Sacco & Vanzetti wurde (wahrscheinlich) ein Raubmord in die Schuhe geschoben: Genickbruch Pdf 3 Seite 116. Die Schriftstellerin Meta Scheele landete in einer NS-Tötungsanstalt: Genickbruch Pdf 5 Seite 16. Nazi-Karrierist Hanns-Martin Schleyer, spätes Mordopfer: Genickbruch Pdf 4 Seite 88.
Sadako Sasaki († 1955 mit 12) ~ Weil ihm bei einem Labor-Versuch dicht über einem Plutoniumkern versehentlich ein Schraubenzieher entfallen war, nach dem er dann griff, fiel der 35jährige kanadische Physiker Louis Slotin im Mai 1946 in Los Alamos etwas verspätet dem berüchtigten Manhattan Projekt zum Opfer. Er wurde tödlich verstrahlt. Zum Gedenken an diesen tapferen Wissenschaftler benannte man, unter anderen Ehrungen, einen erst jüngst entdeckten Asteroiden nach ihm. Das war 2002. Dazu meinte eine gute Freundin von mir, in einigen Jahrzehnten werde man sicherlich genug neue Asteroiden entdeckt haben, um auch jenen Japanern Denkmäler setzen zu können, die just im Zuge jenes Manhatten Projekts ins Gras zu beißen hatten. Die beiden Atom-bombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki fanden, im Abstand von drei Tagen, am 6. und 9. August 1945 statt. Die Zahl der geschätzten Todesopfer liegt zwischen 200.000 und 500.000.
~~~ Daran gemessen, nehmen sich die allenfalls 3.000 Todesopfer der 9/11-Anschläge (2001) wie eine Platz-wunde an der Stirn des damaligen Präsidenten Bush aus. Allerdings kamen nicht alle Todesopfer der Atombomben auf einen Schlag um, wie ich betonen möchte. Kleine Raten merkt man nicht so. Das Mädchen Sadako Sasaki aus Hiroshima etwa war mit zweieinhalb Jahren von dem Inferno ereilt worden. Es starb im Oktober 1955 mit 12 Jahren an Blutkrebs. Das nahm die Weltöffentlichkeit nur zur Kenntnis, weil das Mädchen den (aus Papier gefalteten) »Friedens-Kranich« erfunden und mit Hilfe der Massenmedien Aufmerksamkeit ergattert hatte.
~~~ Für BeobachterInnen, die den Vorwurf der Parteilichkeit nicht scheuen, soll es sich bei den Atombombenabwürfen in Japan um ein bis heute einzigartiges Schwerverbrechen gehandelt haben. Die Rechtfertigung, sie seien unumgänglich gewesen, um die Schwerverbrechen der Achsenmächte zu unterbinden oder abzukürzen, halten sie für eine längst entlarvte Lüge. Die Faschisten waren bereits geschlagen. Seit der Eroberung von Straßburg im November 1944 wußten die US-Führer zudem genau, daß Deutschland zum Bau der Atombombe außerstande war. Das hat Jost Herbig schon vor 50 Jahren belegt.* Es ging ihnen jetzt »nur« noch darum, die Sowjets einzuschüchtern, aber vor allem dem mit vielen Milliarden von Dollars angelegten »Sachzwang« der nordamerika-nischen Atomforschung und Atomindustrie zu gehorchen. Man wollte nicht mehr zurück. Man wollte Fortschritt. Man ekelte sich vor den Neandertalern, die sich hin und wieder gegenseitig mit Keulen erschlagen hatten.
* Kettenreaktion, erstmals München 1976, hier dtv-Ausgabe 1979, S. 230 u. 286
Saʿid, Chalid Muhammad ~ Die Untat gegen den 28jährigen ägyptischen Blogger trug wesentlich zur Anheizung der Aufstände gegen das Notstandsregime des Präsidenten Husni Mubarak bei. Said war im Juni 2010 in Alexandria am hellichten Tage von Geheimpolizisten aus einem Internetcafe gezerrt und noch auf der Straße zu Tode mißhandelt worden. Vor unliebsamen Zeugen hatten sie offensichtlich keine Angst. Sie wähnten sich, wie überall in Ägypten, unantastbar. Sie besaßen sogar die Stirn, ihr lebloses Opfer zunächst auf die Wache Sidigaber, dann jedoch zum Tatort zurück zu bringen. Hier warfen sie Saids Leiche in den Hauseingang, wo sie ihn vor einer Viertelstunde totgeschlagen und -getreten hatten. Aufgrund verschiedener Beweismittel, die im Internet kursierten, und weltweiter Proteste sah sich die Regierung gezwungen, zwei Beamte vor Gericht zu stellen und im Oktober des Jahres wegen »Totschlags im Amt« zu sieben Jahren Gefängnis zu verurteilen. Saids Mutter Leila Marzuk war von der Milde des Urteils entsetzt. 2014 wurde es in einem zweiten Prozeß auf 10 Jahre erhöht. Andere Verantwortliche, darunter befehlsgebende Polizeioffiziere und ein Gerichtsmediziner, blieben anscheinend völlig ungeschoren. Vom Opfer heißt es, Said habe früh seinen Vater verloren und sei studierter Programmierer, daneben Musikliebhaber gewesen. Die Polizei soll ihn im Visier gehabt haben, weil er in seinem Blog ein Video präsentierte, das Polizisten beim Aufteilen einer Beute aus beschlagnahmten Drogen zeigte. Sie bemühte sich ihrerseits, Said als Drogensüchtigen oder gar Drogen-händler hinzustellen, fälschte entsprechende »Beweise«, kam damit aber nicht durch. Einen Verdächtigen dieser Unart hätten die »Sicherheitskräfte« vermutlich völlig straflos totschlagen dürfen. Freunde und Verwandte betonten bereits laut einem damaligen Welt-Bericht*, Said habe nie Drogen genommen und sei auch – entgegen einer Behauptung der Polizei – kein Militärdeserteur gewesen. Jüngere Darstellungen des Falls sind kaum zu finden. Regime vorbei, Gedenken vorbei.
* Florian Flade, https://www.welt.de/politik/ausland/article12421381/Massenproteste-Khalid-Said-Das-Gesicht-der-aegyptischen-Revolte.html, 2. Februar 2011
Salavarrieta, Policarpa ~ Sie wurde bereits mit ungefähr 22 Jahren erschossen. Das war 1817. »La Pola«, wie sie auch genannt wird, war im Städtchen Guaduas, auf halbem Wege zwischen Bogotá und der Pazifikküste gelegen, als Waisenkind aus der kolumbianischen Unterschicht aufgewachsen. Sowohl ihre Eltern wie etliche Geschwister waren nämlich einer Pockenepedemie zum Opfer gefallen. Mit 17 ging sie nach Bogotá, um sich als Damenschneiderin zu ernähren. Von ihrer Heimat her waren ihr bereits die Rebellen bekannt, die das Gebiet für Rückzüge genutzt hatten. Deshalb fand sie rasch an die patriotischen Zirkel Anschluß und erklärte sich bereit, Kundschafterdienste zu leisten, da sie von Berufs wegen ohnehin in die Häuser der betuchten SpanierInnen oder spanientreuen »Royalisten« kam. So brachte sie beispielsweise Bewegungen feindlicher Truppen und Waffentransporte in Erfahrung. Nebenbei stiftete sie Soldaten zur Fahnenflucht an. Sie leistete wertvolle Arbeit, flog freilich im Herbst 1817 auf und wurde mit sieben anderen Rebellen, darunter ihr angeblicher Liebhaber Alejo Sabaraín, vom »Ständigen Kriegsrat« der BesatzerInnen zum Tode verurteilt.
~~~ In einigen Quellen heißt es, »La Pola« sei etwas störrisch und überheblich gewesen, wozu auch die angebliche Tatsache passen würde, daß sie es vor der drohenden Verhaftung hartnäckig ablehnte zu flüchten. Vielleicht sah sie keinen anderen Weg zum Ruhm? Von ihrem Gebaren auf dem Hinrichtungsplatz, der heutigen Plaza de Bolívar, wird berichtet, sie habe sich zunächst geweigert zu knien und sich rücklings erschießen zu lassen. Dann habe sie sich, der spanischen Wikipedia zufolge, ans zahlreich erschienene Publikum gewandt (das vor allem die Hinrichtung einer Frau zu sehen begehrte) und geschimpft: »Stures Volk! Wie anders wäre heute dein Schicksal, wenn du den Preis der Freiheit kenntest! Siehe, obwohl ich jung und eine Frau bin, habe ich genug Mut, diesen Tod und tausend weitere Tode zu erleiden. Vergiß dieses Beispiel nicht!« Man kann natürlich nicht mit Sicherheit wissen, ob die »tausend weiteren Tode« nicht vom schlotternden Gerichtsschreiber stammten, dem schon ein Tod zuviel gewesen wäre.
~~~ Heute gilt Policarpa Salavarrieta in der Tat als wichtigste weibliche Unabhängigkeitskämpferin Kolumbiens. Hätte sie damals etwas mehr Glück (oder Geschick) gehabt, wäre sie wohl älter als 22 geworden, denn 1819 wurden die spanischen BesatzerInnen von Simón Bolívars Truppen verjagt. Bis 2013/2016 blieb ihr für viele wertvollstes Ruhmesblatt die 10.000-Peso-Banknote, die »La Pola« im Porträt zeigte. Heute sind das begehrte Sammlerstücke.
Sare, Günter ~ Der 36jährige Maschinenschlosser und Mitarbeiter eines linken Jugendzentrums in Frankfurt/Main-Bockenheim beteiligte sich im September 1985 an Protesten gegen eine NPD-Versammlung, die ausgerechnet im Haus Gallus stattfand – hier waren gut 20 Jahre früher die Frankfurter Auschwitzprozesse abgehalten worden. Wie sich versteht, war nun, zu den Protesten, Polizei aufgezogen. Es kam zunächst zu Kämpfen zwischen militanten Linken und Anhängern der NPD. Dann wurde der weder Steine werfende noch flüchtende Sare von einem 26 Tonnen* schweren Wasserwerfer der Polizei von den Beinen gefegt und anschließend überrollt. Sein Tod rief in vielen deutschen Städten »Krawalle« hervor. Kurz darauf, im Dezember, wurde Ex-Steinewerfer Joschka Fischer hessischer Umweltminister – jetzt waren die Tabu brechenden Turnschuhe Stadtgespräch, die er bei seiner Vereidigung getragen hatte. Später kam es zu einem Verfahren gegen die zweiköpfige Besatzung des Wasserwerfers. Die Richter fanden heraus, Sare habe zu viel Alkohol im Blut gehabt, nämlich 1,5 Promille, außerdem führten sie die Wassernebel und die Dunkelheit ins Feld. Sie sprachen die Angeklagten (1990) vom Vorwurf der Fahrlässigen Tötung frei.
* Stephan Loichinger, »Günter Sares Tod ist bis heute ungeklärt«, Frankfurter Rundschau: https://www.fr.de/rhein-main/guenter-sares-heute-ungeklaert-11732731.html, 4. Februar 2019
Scheffer, Heinrich ~ Als der liberale hessische Schriftsteller, ein Dr.phil. mit Familie*, 1838 Kirchhainer Bürgermeister wird, ist er um 30. Schon 1843 sieht er sich freilich, »im Rahmen des Hochverratsprozesses gegen Sylvester Jordan«, zu 10 Jahren Festung verdonnert und folglich eingesperrt. Als Häftling bleiben ihm gerade noch drei Jahre.
~~~ Das Städtchen Kirchain (bei Marburg) hatte zu Scheffers Zeit lediglich ungefähr 1.800 EinwohnerInnen. Heute sind es immerhin 16.000. Sein ganzer Stolz ist ein stattliches Fachwerkrathaus mit rundem, steinernem Treppenturm von 1562, das mein Brockhaus sogar in Farbe abbildet. Der Kirchhainer Webseite zufolge war das einstige Stadtoberhaupt Scheffer vor Amtsantritt Griechenland-Freiheitskämpfer und »Abenteurer« gewesen. Über sein Wanderleben verfaßte er auch Berichte; außerdem trat er mit Artikeln, Erzählungen, Gedichten hervor. Eine Bewertung dieser literarischen Arbeiten habe ich nirgends gefunden. Im bekannten Rebellenkreis Büchner/Weidig war Scheffer offenbar umstritten. Näheres dazu teilt mir, auf Anfrage, freundlicherweise Harald Pausch vom Kirchhainer Heimat- und Geschichtsverein im Dezember 2017 mit. Danach hatte sich Scheffer die drakonische Strafe durch seine Beteiligung am »Frankfurter Wachensturm« (1833) zugezogen. Mit dieser Unternehmung wollten rund 100 Aufständische, vorwiegend Studenten, einen demokra-tischen Umsturz in Deutschland entfachen. Sie scheiterte jedoch, nicht zuletzt durch Verrat.
~~~ Scheffer, 1832 am legendären Hambacher Fest beteiligt, hatte sich schon seit etwa 1830 bemüht, in den liberalen Kreisen um Sylvester Jordan und den revolutionären um Büchner/Weidig Fuß zu fassen, freilich »ohne großen Erfolg«, schreibt Pausch. Wegen Scheffers unbedachten, gefährlichen Äußerungen hätten die Revolutionäre vielmehr einen kurhessischen Spitzel in ihm geargwöhnt. Nach dem Scheitern jenes »Wachensturms« sahen etliche Kämpfer (die sich nun in den Untergrund zurückzogen) in Scheffer sogar den entscheidenden Verräter des Umsturzplans. Er habe auch prompt zu einem neuen Schlag ermuntert, allerdings kein Gehör gefunden. Dann erhob der verknöcherte Staat den Vorwurf des Hochverrats. Um »seine aufrichtige, revolutionäre Haltung unter Beweis zu stellen« und so seinen Verruf bei den Revolutionären zu tilgen, habe Scheffer nun alles, was ihm seine Ankläger zur Last legten, bereitwillig gestanden. Mit der ungewöhnlich harten Bestrafung habe er wohl nicht gerechnet.
~~~ Im ganzen wurden damals gegen fast 40 Rebellen Todesurteile oder hohe Haftstrafen verhängt. Der Jurist, Politiker und maßgebliche Entwerfer der kurhessischen Verfassung von 1831 Jordan, ein eher zahmer Demokrat, kam aufgrund seiner großen Anhängerschaft mit einem blauen Auge davon. Sich entsprechenden Protesten und eingelegten Rechtsmitteln beugend, ließ ihn die Regierung (1845) nach kurzer Haft im Marburger Schloß wieder frei. »Scheffer hingegen geriet in Vergessenheit«, schreibt Pausch. Der Häftling habe die Grausamkeiten im Kassler Kastell nicht ausgehalten und sich (1846) umgebracht. Laut lagis.hessen.de »verfiel er« im Kastell »dem Wahnsinn« und wurde ins Casseler Landeskrankenhaus geschafft, wo er sich erhängt habe. Er starb mit 37.
~~~ Pausch ist der Meinung, eine »umfassende Biographie Scheffers« warte noch darauf, geschrieben zu werden. Ich warte mit, ist mir doch keineswegs klar geworden, ob Scheffer nun ein rechtschaffener Mann oder ein Spion war. Vielleicht weder noch, vielmehr ein Tölpel? Oder vielmehr, einer der frühen »Ankömmlinge« im Hier und Jetzt der Pfründe, so wie später Herr Fischer? Ein zeitgenössisches Frankfurter Blatt behauptet anläßlich der Vermeldung Schefferscher »völliger Geisteszerrüttung«, von allen Verurteilten des Marburger Prozesses von 1843 habe niemandes Schicksal »so wenig Theilnahme im Publikum erweckt« wie das von Scheffer – wohl deshalb, weil sich der einstige »exaltirte Demagog und Revolutionär«, »gegen alle Erwartung«, seit seinem Aufstieg zum Abgeordneten der kurhessischen Ständeversammlung (1839) eifrig bemüht habe, »reactionäre Gesinnung« an den Tag zu legen.** Man möchte dazu seufzen, heute hätte jene frohe Erwartung keiner mehr, doch in Wahrheit gefallen sich die Massen und die Medien dieses Planeten bis zur Stunde darin, immer neue »Hoffnungsträger-Innen« zu feiern. Der Vorrat an Umfallern scheint unerschöpflich zu sein. Zumal ja neuerdings auch noch die UmfallerInnen berücksichtigt werden möchten.
* Wikipedia gibt als Gattin Julie Georgine an, dazu ein Kind. LAGIS paßt. Es wäre hochinteressant zu wissen, was aus dem Kind geworden ist.
** Frankfurter Oberpostamts-Zeitung, Nr. 104 vom 15. April 1846
Schelm, Petra ~ Ein oft reproduziertes Foto zeigt die junge Frau mit schulterlangem, gescheiteltem schwarzem Haar – Perücke. Von Natur aus sei ihr Haar rotblond gewesen, heißt es. Die gelernte Friseuse wollte gerne Maskenbildnerin werden, doch dazu kam es nicht, weil sie um 1968 in die Berliner Kommuneszene geriet und dort ihren künftigen Geliebten Manfred Grashof traf, der wiederum mit Ulrike Meinhof und Horst Mahler zusammenhing. 1970 nahm sie an einem militärischen Ausbildungslager der Fatah in Jordanien teil. Im Frühjahr des folgenden Jahres erließ der Bundesgerichtshof einen Haftbefehl gegen sie, wodurch sie neben etlichen anderen gesuchten angeblichen »Terroristen« auf ein rasch berühmtes Fahndungsplakat kam. Tatvorwurf? Mutmaßliches Mitglied in der mutmaßlichen »kriminellen Vereinigung« RAF.
~~~ Am 15. Juli 1971 durchbricht die schlanke 20jährige eine Straßensperre, die im Rahmen einer schlachtmäßigen Großfahndung nach RAF-Mitgliedern in der Hamburger Stresemannstraße errichtet worden war. Ihr Beifahrer im BMW 2002 ti ist Werner Hoppe, möglicherweise inzwischen ihr neuer Geliebter. Auf der getrennten Flucht zu Fuß kommt es zu verschiedenen Schußwechseln. Die mit einer Pistole bewaffnete Petra Schelm kann sich zunächst verbergen. Dann wird sie von mindestens zwei Polizisten erneut entdeckt und von einem Schuß aus einer Maschinenpistole getötet, der sie schräg unter dem linken Auge trifft und dadurch tötet. Ein Sachverständiger räumt später Springer-Journalisten gegenüber ein, möglicherweise habe sich Schelm in den Schuß hinein gedreht. Im Prozeß gegen Werner Hoppe, der sich ausführlich in den Erinnerungen seines Rechtsanwaltes Heinrich Hannover geschildert findet, versichert nämlich ein noch minderjähriger Augenzeuge, Schelm sei hinterrücks erschossen und vorher auch nicht angerufen worden. Selbst der vermeintliche Todesschütze H. gibt in der Verhandlung zu, Schelm habe sich, mit dem Rücken zu ihm, von ihm fortbewegt. Die offiziellen Berichte der Beamten sprechen »natürlich« eine andere Sprache. Hannover enthüllt die nicht weiter verblüffende Tatsache, daß die Wahrnehmungen aller beteiligten Beamten vorm Anfertigen »ihrer« Berichte bei einem gemeinsamen Lokaltermin auf die erforderliche Notwehr-Version vereinheitlicht worden waren. Anschließend deckten sich alle Berichte wunderbar.*
~~~ Schon auf einer Pressekonferenz nach der Schlacht hatten sich Journalisten erkundigt, warum der Beamte H. nicht versucht habe, Schelm kampfunfähig zu schießen. Der Pressesprecher gab zurück: »Waren Sie eigentlich schon mal im Krieg?« Genau darum hatte es sich gehandelt. Deshalb lag Schelm nach dem Kopfschuß noch etwa 10 Minuten auf dem Pflaster, ohne daß Erste Hilfe geleistet wurde, denn der oder die Schützen beteiligten sich inzwischen an der Verfolgung Werner Hoppes. Später offenbart die erste Agenturmeldung, die Fahnder hätten Schelm zunächst für Meinhof gehalten. Wahrscheinlich galt das 3.000-köpfige Polizeiaufgebot zwischen Hamburg und Bremen ohnehin in erster Linie dieser so begehrten angeblichen RAF-Cheftheoretikerin. Fest steht, die Erschießung der Petra Schelm wurde »nie wirklich aufgeklärt«, wie sogar Spiegel-Autor Michael Sontheimer einräumt**, aber die einseitigen, polizeigefärbten Darstellungen finden sich bereits in etlichen Nachschlagewerken und Internetseiten. Was Schelms Begleiter Werner Hoppe betrifft, steckte man ihn wegen unbewiesener »Mordversuche« an Polizeibeamten für 10 Jahre ins Zuchthaus. Ihm die Gefährtin zu töten, war noch nicht Strafe genug.
~~~ Laut Hannover weigerte sich Hoppe auch ihm, seinem Verteidiger gegenüber stets, seine Beziehung zu Schelm zu kennzeichnen. Freilich habe Hoppe seine enge Nähe zu der Gefährtin nicht immer verbergen können. »Als er einmal das in einer Illustrierten veröffentlichte Polizeifoto der nackten Leiche des erschossenen Mädchens überraschend zu Gesicht bekam, mußte dieser scheinbar so harte Mann im Gerichtssaal weinen.« Nebenbei zeigt sich der Rechtsanwalt völlig zurecht von der besagten Bildveröffentlichung entsetzt. Das Foto habe einen schönen Frauenkörper vorgeführt, »mit einem kleinen, schräg heruntergezogenen Slip wie zum Porno zubereitet, in Farbe und professionell ausgeleuchetet.« Wer die wehrlose Tote so aufgenommen und wer die Aufnahme der Illustrierten zugespielt und dafür kräftig kassiert habe? Leider reiht Hannover den verantwortlichen Chefredakteur nicht ausdrücklich und namentlich in die Kampffront der Schamlosen ein.
* Heinrich Hannover, Die Republik vor Gericht, ursprünglich Berlin 1998/99, Ausgabe Berlin 2005, S. 354 + 363
** »Todesschüsse in der Seitenstraße«, https://www.spiegel.de/einestages/anfaenge-der-raf-a-947270.html, 15. Juli 2011
Schmid, Wilhelm Eduard (1893–1934) ~ TrägerInnen von Allerweltsnamen haben in der Regel eher Nachteile als Vorteile zu gewärtigen, manchmal sogar den Tod. Der hier behandelte, meist »Willi« genannte Herr Schmid, von Hause aus Dr.phil. sowie Geigen- und Cellospieler, muß zudem in Kauf nehmen, von meinem Brockhaus übergangen zu werden. Dabei war Schmid 1924 sogar Musikkritiker der Münchner Neuesten Nachrichten geworden. Daneben schrieb er für Fachzeitschriften. Er war offensichtlich weder links noch faschistisch, vielmehr konservativ, vielleicht auch nur kontemplativ gestimmt*, jedenfalls mit Oswald Spengler und Peter Dörfler befreundet, einem katholischen Schriftsteller und Erzieher. Sein Verhängnis klingelte am Abend des 30. Juni 1934 um 19.20 Uhr an seiner Wohnungstür. Vor ihm standen vier bewaffnete SS-Schergen, die ihn begründungslos verhafteten und ins KZ Dachau verschleppten, wo er spätestens anderntags, mit weiteren Opfern der bekannten Säuberungswelle im Gefolge des angeblichen »Röhm-Putsches«, erschossen wurde. Vermutlich hatte man ihn vorher noch etwas gequält. Dieser üble Vorfall beruhte auf einer Namensverwechs-lung. Die Gestapo sprach der nachfragenden Witwe gegenüber von einem bedauerlichen »Unfall«. Rudolf Heß persönlich soll Käthe Schmid (drei Kinder) nach vier Wochen aufgesucht und um Entschuldigung gebeten haben. Später erhielt sie eine kleine Rente. Nach dem Krieg hatte sie (angeblich) noch einmal langwierig zu kämpfen, um dem nun demokratischen Land Bayern für ihre Kinder Renten abzutrotzen. Sie war inzwischen in die USA ausgewandert.
~~~ Mit welchem in Ungnade gefallenen Schmid oder Schmidt oder Schmitt ihr 41jähriger Gatte 1934 verwechselt worden war, ist unter den Forschern bis heute umstritten. Nach der deutschen Wikipedia gilt die Verwechslung mit seinem Kollegen Paul Schmitt von den Münchner Neuesten Nachrichten am wahrscheinlichsten, der SD-Führer Heydrich ein Dorn im Auge gewesen, allerdings rechtzeitig geflohen sei. Dieser Schmitt starb 1953 in der Schweiz. Im Grunde dürfte die Streitfrage aber müßig sein, denn erschossen bleibt erschossen.
* Pestalozzi-Gymnasium München, https://www.pgm.musin.de/Mord_aus_Versehen/3.pdf, Pdf o. J., bes. Seite 4
Schneider, Yvan ~ Der 19jährige Abiturient des Stuttgarter Wagenburggymnasiums, Sohn einer Heilerzieherin und eines Musiktherapeuten, wird als gutherzig beschrieben. Seine Mitspieler beim TV Stetten nennen ihn bewundernd und spöttisch zugleich »Zauberlehrling«, weil er das Spielerische am Handballspiel betont, also alles andere als ein »Brecher« ist, obwohl er immerhin 1,85 mißt. Auf dem Schulhof reißt er gern Witze. Am 21. August 2007 ahnen sie so wenig wie Yvans Eltern und seine beiden Geschwister, daß sie ihn nie wiedersehen werden. Die Familie Schneider wohnt in einem Dorf bei Stuttgart. Von einer Bekannten aus dem Dorf, der 16jährigen Sessen K., am Abend unter einem Vorwand aus dem Haus gelockt, wird Yvan auf einer nahen Obstbaumwiese von zwei ihm unbekannten jungen Männern auf äußerst brutale Weise mit Knüppeln niedergeschlagen und anschließend zu Tode getreten. K. steht dabei und schaut zu.
~~~ Hier erfuhr das Wort Heimtücke seinen Sinn. Die Tat gewinnt noch an Grausamkeit durch die Art und Weise, in der sich die jungen Mörder anschließend, freilich über Tage hinweg, der Leiche entledigen. Sie zerstückeln sie, betonieren die Stücke in Blumenkübeln ein und werfen diese in den Neckar. Dabei finden sie noch weitere HelferInnen. Der »Betonmord« entsetzt das Schwaben-land, obwohl man doch den Schußwaffenhersteller Heckler & Koch und den Blaubeurer Spekulanten Adolf Merckle, Großaktionär des Baustoffriesen HeidelbergCement AG, im Lande duldet. In Kürze (2009) wird man Merckles Selbstmord beklagen. Auch er geht nicht zimperlich vor: er wirft sich vor einen Zug, weil er den Lokführer oder die Lokführerin als den Schuldigen an seinem ganzen Elend erkannte.
~~~ Ein Jahr früher findet im Stuttgarter Landgericht, unter Vorsitz von Jürgen Hettich, der Prozeß gegen die »Betonmörder« statt. Heiklerweise stammen sämtliche Angeklagten aus Einwandererkreisen. Haupttäter Deniz E., zur Tatzeit 18, kommt aus einer türkisch-kroatischen Familie. Ein Jugendpsychiater bescheinigt ihm eine »krankheitsbedingte Verlangsamung und Einschränkung seiner Möglichkeiten, sich zu äußern«. Der gleichaltrige Roman K. stammt aus Kasachstan. Sein Elternhaus ist von Alkohol und Gewalttätigkeit durchtränkt. Die Eltern der 16jährigen Sessen K. kamen vor rund 25 Jahren aus Eritrea nach Deutschland. Spiegel online 2008: »Der Vater ist Frührentner und sitzt als gebrochener Mann zusammen mit seiner Frau neben der Verteidigerin der Tochter. Sie hätte Rechtsanwaltsgehilfin werden sollen. Aber dann war ihr 'anderes wichtiger' und sie geriet in Kontakt mit Deniz, der sie mit einem Sportwagen durch die Gegend kutschierte, beschenkte und langsam aber sicher auf die schiefe Bahn zog.« Sie wird allgemein als ausgesprochen gefallsüchtig beschrieben, habe ihren neuen Liebhaber aber auch gefürchtet. Der vierte Angeklagte, Kajetan M. (23), kommt aus einer zerrütteten polnischen Familie. Gegen weitere MithelferInnen, darunter der 44 Jahre alte Vater des Deniz E., wird gesondert ermittelt und verhandelt.
~~~ Als Tatmotiv stellt sich, zumindest vordergründig, Deniz' Eifersucht heraus. Der stolze Besitzer eines Mercedes CLK sei von der 16jährigen Afrikanerin geradezu besessen gewesen. Dabei hatte ihn Sessen beschwindelt, als sie behauptete, der unter seinen Mitschülern beliebte Sportler Yvan habe sie gegen ihren Willen entjungfert. In Wahrheit war er Sessen nie nahe gekommen. Sie wußte noch nicht einmal seine Telefonnummer. Zu ihren eigenen Beweggründen, Yvan ans Messer zu liefern, äußert sie sich angeblich nicht. In der Urteilsbegründung wird später festgehalten: »Er verblutete langsam. Sein Todeskampf muß nach Auskunft des Gerichtsmediziners zwischen 5 und 20 Minuten gedauert haben. Der Haupttäter ging währenddessen immer wieder zu seiner Freundin und schrie: 'Weißt du jetzt, wie sehr ich dich liebe?!'« Dies alles unter Obstbäumen, in denen die jungen Früchte schaukelten.
~~~ Yvans Vater Pierre Schneider sagt vor den Plädoyers: »Man hat seine Zeit, die er gebraucht hat, um ein junger Mann zu werden, gestohlen. Man hat sein Wesen vernichtet. Man hat seine Freude, seine Stille gestohlen. Er fehlt. Er fehlt uns schrecklich. Für uns wird der Schmerz bis zum Ende unseres Lebens sein. Und das Gefängnis dieser Schmerzen haben wir lebenslang bekommen. Wir haben Vertrauen in die deutsche Justiz, daß sie das richtige Urteil finden wird.« 2010 veröffentlichen Schneider und seine Frau Fabienne ein Buch mit einem Bandwurmtitel über den Fall.*
~~~ Richter Hettich erlaubt sich die Bemerkung, statt mit »Monstern« habe er es erschreckenderweise mit Jugendlichen zu tun gehabt, die von dem grausigen Geschehen berichtet hätten, als ob sie sich auf einem Schulaufsflug befunden hätten. Waren sie sich also ihrer Grausamkeit nicht bewußt? Oder fanden sie sie jedenfalls annehmbar? Ein Mithäftling des Hauptangeklagten erklärte Dritten, Deniz E. habe ihm versichert, er werde vor Gericht »auf geisteskrank« machen. Dieser Hinweis wird ignoriert. Da das Landgericht Jugendstrafrecht anwendet, fällt das Urteil (im März 2008) für das Empfinden der Angehörigen und auch etlicher BeobachterInnen vergleichsweise glimpflich aus: Deniz E. und Roman K. 10 Jahre Haft (Höchststrafe), Sessen K. neun Jahre, Kajetan M., wegen Strafvereitelung, drei Jahre und drei Monate. Was würde aus all den Erbauern, Verwaltern und Bewachern unserer Gefängnisse, wenn es keine Gewaltverbrechen mehr gäbe? Sie müßten bei Heckler & Koch anheuern oder zur HeidelbergCement AG gehen.
* Vom Wert des Lebens: Die Ermordung unseres Sohnes Yvan: Der »Betonmord«: Verhandelt! Verurteilt! Vergessen? Zeichen setzen gegen Jugendgewalt
Schöberl, Marinus ~ Am 13. Juli 2002 suchten sich zwei Jugendliche und ein junger Erwachsener aus neonazisti-schem Dunstkreis die ehemalige LPG-Schweinemastanlage in Potzlow (Uckermark, Brandenburg) als Folter- und Hinrichtungsstätte für den 16jährigen Marinus Schöberl aus Gerswalde aus. Das Verprügeln, Verhöhnen und Urinieren auf das Opfer zog sich über Stunden hin. Krönung war ein sogenannter »Bordstein-Kick«, zu dem die angetrunkenen Täter von dem US-Film American History X (von 1998) angeregt worden waren. Das auf dem Bauch liegende Opfer hat auf eine erhöhte Kante zu beißen; tritt man es dann auf den Nacken, bricht gewöhnlich sein Hals. Marinus’ Leiche wurde in der ehemaligen Jauchegrube verscharrt. Ein konkreter Anlaß lag nicht vor. Das Opfer galt als lernbehindert, die Täter litten an Langweile. Das Landgericht Neuruppin verhängte Haftstrafen von 15 Jahren für den Erwachsenen, achteinhalb Jahren für den minderjährigen Haupttäter und drei Jahre auf Bewährung für den anderen Jugendlichen. In der Alkoholisierung der Mörder hatte das Gericht, wie üblich, einen Strafmilderungsgrund erblickt. Der erwachsene Verurteilte wurde anscheinend 2010, wohl nach acht Jahren Haft, gegen Bewährungsfrist vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Der Fall hat bereits mehrere künstlerische oder studienhafte Bearbeitungen gefunden. Andres Veiel etwa* habe die bedenklich große Zone des Schweigens, wenn nicht sogar Duldens in Potzlow abgegrast und Verknüpfungen mit sowohl der faschistischen wie auch der sozialistischen jüngeren Vergangenheit der Einheimischen vorgenommen.
* Ralph Gerstenberg, https://www.deutschlandfunk.de/ohne-voreilige-schluesse-100.html, 26. April 2007
Scholz, Helga ~ Als sich »Bubis« Gattin an einem Juliabend des Jahres 1984, wie schon öfter, in einer Gästetoilette unweit des holzgetäfelten Partykellers ihrer gemeinsamen Villa verbarrikadierte, war sie 49 und seit knapp 30 Jahren mit dem weltberühmten Ex-Boxer verheiratet. Die Villa im grünen Berliner Westend verfügte auch über einen Swimmingpool, einen Kinosaal sowie ein Kleinkalibergewehr, das meistens über der Bar an der Wand hing. An diesem Abend wurde die Bar nicht von Prominenz bevölkert. Das Paar hatte allein gezecht und gestritten. Als sich Helga (angeblich) beharrlich weigerte, ihren Rückzugsort endlich wieder zu verlassen, nahm ihr 54jähriger »Bubi« (eigentlich Gustav) das Gewehr vom Haken und schoß durch die verriegelte Tür der Gästetoilette. Dadurch kam Helga um.
~~~ Folgt man Bettina von Sass*, hatte die »zierliche, schmallippige, scharfzüngige«, möglicherweise auch magersüchtige Boxergattin durchaus Haare auf den Zähnen gehabt, in der Ehe die Hosen an und so weiter. Bei den häufigen Partys soll sie viel geflirtet haben. Mit ihrem Gatten konnte sie ja nach dem Ende des Karriere-Rausches kaum mehr prahlen. Ihr Bubi hatte nichts Großes mehr auf die Beine bekommen. Im weißen Porsche fahren oder im weißen Bademantel um den Swimmingpool wandeln, wie Bubi es noch immer liebte, macht ja den Kohl nicht fett. Versuche mit Parfümerieläden und einer Werbeagentur geraten nicht gerade zu Knüllern. Sowohl Bubi wie Helga sprechen vermehrt, ja exzessiv dem Alkohol zu. In Anspielung auf das 1980 erschienene Buch ihres wie Sonny Liston aufgestiegenen Gatten Der Weg aus dem Nichts soll Helga gelästert haben, ihr Buch würde sie »Mein Weg mit einem Nichts« nennen. Doch worauf konnte sie selbst bauen? Einen Beruf oder eine Leidenschaft von ihr erwähnen die Quellen nicht. Ihre Mutter hatte einen Frisiersalon, wo Helga offenbar mithalf, nachdem sie ein Gymnasium besucht hatte. Den gefeierten Boxer heiratete die hübsche 20jährige 1955. Er stand gerade im Begriff, sich vom Sohn eines Schmiedes am Prenzlauer Berg und gelernten Koch zum mehrmaligen Europameister im Mittelgewicht oder Halbschwergewicht hochzuschlagen. Den Löwenanteil seiner Boxkämpfe gewann er. 1964, als 34jähriger, hängte er die Boxhandschuhe wieder an den Nagel. Dann schleppte sich das Ehedrama bis zu den Schüssen durch die Klotür noch 20 Jahre hin.
~~~ Vor Gericht rechnet man Bubi Scholz zunächst den hohen Alkoholpegel an. Wer also beispielsweise einen Gartennachbarn hat, der seine Grillpartys hartnäckig mit elektronischer Popmusik zu unterfüttern pflegt, braucht nicht zu verzweifeln. Die wummernden Bässe aus den Boxen lassen die Bratwürste übrigens ganz von selbst in die Luft hüpfen, sodaß sie der Mann gar nicht mehr auf dem Rost zu wenden braucht. Besorgen Sie sich aber vor ihrem Mordanschlag zwei Flaschen Cognak und schütten Sie diese spätestens in sich hinein, bevor die Kripo aufkreuzt. Dadurch wird die schon mehrmals verspottete Strafmilderung beim Prozeß bewirkt. Man ist nicht mehr so richtig zurechnungs- und somit »schuldfähig« gewesen. Man muß nur aufpassen, daß einen das Hohe Gericht nicht ersatzweise zu einer unter Umständen langwierigen Entziehungskur verdonnert. Wer diese Regelung abschaffen wollte, hätte vermutlich einen Riesenaufschrei der Spirituosenbranche und der Saufköppe aller Klassen am Hals. Die Nachsicht für Unzurechnungsfähige hat in Mitteleuropa schon immer eine gewaltige Lobby, vor allem am preußischen Kaiserhof und schließlich im deutschen Bundeskabinett.
~~~ Ferner kommt Bubis Reue gut an. Und schließlich sei es denkbar, der Angeklagte habe vor der verrammelten Gästetoilette womöglich nur beabsichtigt zu drohen, nicht dagegen zu töten. Auch das psychiatrische Gutachten Dr. Gerhard Zellers fiel günstig in die Waagschale. Bubis Selbstwertgefühl sei völlig am Boden gewesen, dann noch die abträglichen Sticheleien seiner Gattin, die ihn als »armen Schlucker« gesehen habe, und jünger wurde der Sportler auch nicht. Kurz und gut, das Gericht bediente ihn mit drei Jahren Haft wegen Fahrlässiger Tötung und unerlaubten Waffenbesitzes. Volkes Rede von der Gewährung eines Prominentbonus’ wies das Gericht zurück. Im Sommer 1987 kam Bubi schon wieder frei. Nun hieß es schuldbewußt altern. Nach mehreren Schlaganfällen und Befall mit Alzheimer erstickte der 70jährige »Bubi« 2000 in seinem Seniorenheimzimmer an einem Frühstücksbrötchen.
* Bettina von Sass, https://www.morgenpost.de/printarchiv/berlin/article104310044/Todesschuss-in-der-Sackgasse-der-bittere-Absturz-der-Box-Legende-Bubi-Scholz.html, 22. Juli 2009
Scott, Ethelbert Dudley ~ Der stattliche, dunkelge-lockte, ungefähr 30 Jahre alte Rechtsanwalt und Leutnant wurde Anfang 1900 in Frankfort, der Hauptstadt Kentuckys, bei einem zünftigen Zweikampf im Empfang des Capitol Hotels von seinem Berufskollegen David Grant Colson erschossen. Es war fast ein filmreifer Showdown. Laut einer ausgezeichneten jüngeren Darstellung* wurden auch noch zwei Unbeteiligte ins Grab befördert, Charles Julian und Luther W. Demaree. Wegen anstehender Wahlen war die Lobby unter anderem mit Politikern oder deren Anhängern gut gefüllt. Colson hatte bereits im Washingtoner Kongreß gesessen. Er hing den Republikanern an. Auch der knapp 4ojährige Colson war, wie sein Widersacher, von Hause aus Jurist. Vor allem aber hatten beide Männer etwas früher, 1898/99, im Zusammenhang mit dem sogenannten Spanisch-Amerikanischen Krieg als Offiziere an Übungen der Armee in Anniston, Alabama, teilgenommen und von daher noch eine Rechnung miteinander offen. Damals hatte Oberst Colson vom Fourth Kentucky Regiment seinen Untergebenen Scott aus etwas undurchsichtigen Gründen mit disziplinarischen Untersuchungen überzogen, was schließlich in einer ersten Schießerei in einem Speiserestaurant gipfelte, bei dem der Beschwerdeführer von Scott an einem Arm verwundet worden war. Offenbar trug das Colson nur eine Narbe, freilich auch viel Rachedurst ein. Seine Karriere als Politiker war allerdings nach seinem Vergeltungsschlag im Eimer. Immerhin ist das kongreßeigene Lexikon pietätvoll genug, um die auch im Ausland Aufsehen erregende Fehde Colsons mit Scott restlos auszuklammern. Der Oberst und Rechtsanwalt starb 1904 im weiter südlich gelegenen Städtchen Middlesboro, wo er zeitweilig Bürgermeister gewesen war, mit 43 Jahren auf seiner Farm. Warum oder woran, verrät selbst Hall nicht.
~~~ Aber schießen konnte der Oberst zum Zeitpunkt des Showdowns in Frankfort offensichtlich noch. Kaum hatte Leutnant Scott die mit rund 50 Personen gut bevölkerte Hotelhalle betreten, ließ der Haß die Waffen sprechen. Wer den ersten Schuß abgab, war anscheinend trotz der vielen Augenzeugen nicht zu ermitteln. Bereits Stunden vorher sollen sich die beiden frisch angereisten Kampfhähne auf der Straße mit Blicken angegiftet und dabei wohl den klammheimlichen einvernehmlichen Entschluß zu einem klärenden Duell gefaßt haben. Colson hatte sich gleich mit zwei Pistolen gewappnet. Im ganzen sollen aus den drei beteiligten Pistolen binnen kürzester Zeit mindestens ein Dutzend Schüsse gefallen sein. Leutnant Scott, angeblich zum Saufen neigend und wenig kampfgestählt, versuchte, schon angeschossen, zu fliehen, wurde jedoch niedergestreckt. Daraufhin ließ sich Oberst Colson anstandslos verhaften. Vor Gericht machte er geltend, Scott habe ihn verfolgt und habe zuerst gezogen. Tatsächlich sprach ihn das Gericht frei. Vielleicht hatte ja sein hoher militärischer Rang die Pokerkarten ein bißchen mitgemischt.
* Alex Hall, https://appalachianhistorian.org/the-story-of-david-grant-colson-from-middlesboro-kentucky/, 2. Dezember 2025
Sechs Seeleute ließ der Wiener Schlawiner Udo Proksch 1977 absaufen, weil er eine fette Versicherungsprämie einzustreichen gedachte: Genickbruch Pdf 2 Seite 140. Eine grobe Fahrlässigkeit tilgte das Komikerkind Luca Shub von der Erde: Genickbruch Pdf 3 Seite 60. Bergmannstochter Aline Söther endete wegen falscher Liebschaft im KZ: Genickbruch Pdf 5 Seite 58. Wurde der Motorradrennfahrer Leo Steinweg von einem General unserer Wehrmacht umgebracht? Siehe Genickbruch Pdf 3 Seite 123.
Semmelweis, Ignaz (1818–65) ~ Der ungarische Geburtshelfer habe die Kontaktinfektion als Ursache des verbreiteten Wochenbettfiebers erkannt und die ersten erfolgreichen Desinfektionsmethoden entwickelt, teilt mein Brockhaus mit. »Das Unverständnis angesehener zeitgenössischer Ärzte verzögerte jedoch die allgemeine Anerkennung seiner Lehre.« War diese Blockade möglichereise auch für seinen auffällig frühen Tod mit 43 Jahren verantwortlich? Dazu äußert sich das Lexikon nicht.
~~~ Sogar die vornehme ÄrzteZeitung empfiehlt Argwohn.* Sie führt jene Blockade vor allem auf zwei bekannte Phänomene zurück: den »Standesdünkel« der Weißkittelzunft und den Wahlspruch, Zeit sei Geld. Die Heilsbringer in Weiß entrüsteten sich über die Idee, sie könnten am Tod unschuldiger Mütter beteiligt sein, und zum Desinfizieren ihrer geldgierigen Pfoten fehlte ihnen schlicht die Zeit, weil das eben die allgemeinen Gesundheitskosten erhöht, ihr persönliches Einkommen dagegen geschmälert hätte. Semmelweiß jedoch, aus Wien vertrieben, habe auch in Pest an zwei Kliniken für einen Rückgang der Sterblichkeit unter Wöchnerinnen gesorgt. In der ungarischen Hauptstadt bekam er nebenbei einen Lehrstuhl an der später nach ihm benannten Universität. Dann sei er aber anscheinend geisteskrank geworden. Nun landete er in einer Wiener Irrenanstalt. »Die Umstände seines Todes sind nicht ganz geklärt. / Womöglich wurde er bei einem gescheiterten Fluchtversuch so schwer von den Wärtern geschlagen, dass er 1865 an den Verletzungen starb.» Ein Jahr darauf wird Thomas Meißner in einem Buchbeitrag mit dem Titel »Gewaltsamer Tod in der Irrenanstalt« deutlicher. Semmelweis sei »einsam, verlassen und würdelos« gestorben. Der Befund einer Exhumierung (wohl 1963) seines Leichnams spreche für einen »gewaltsamen« Tod.** In diese Kerbe haut auch die deutsche Wikipedia, sogar mit mehreren Messern. Ihr gründlicher Eintrag hat 34 Fußnoten.
~~~ Semmelweis hinterließ eine Witwe, drei Kinder und etliche Offene Briefe. Möglicherweise hatte er von Hause aus ein eher querulantisches als kämpferisches Naturell. Er deckt seine störrischen Kollegen geradezu mit Vorwürfen ein, darunter eiskalt auch den, sie seien Mörder von soundsoviel Müttern. Gingen sie nicht endlich in sich, würde er – wenn ich es sinngemäß sagen darf – das Höllenfeuer für sie bestellen.
* Matthias Röder, https://www.aerztezeitung.de/Panorama/Ignaz-Semmelweis-der-verkannte-Retter-231199.html, 29. Juni 2018
** https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-57731-8_98, 2019
Sharpe, Samuel ~ 1801 als Sohn kreolischer Sklaven auf Jamaika geboren, hatte er zunächst Glück. Er durfte lesen und schreiben lernen und Prediger der Baptisten werden. Er zog durch die Plantagen, scharte Gläubige um sich und ließ in diesen Leidensgenossen Freiheitsgedanken keimen. Er organisierte auch einige großangelegte Streiks während der Zuckerrohrernte, wobei er dem Trugschluß aufsaß, das britische Parlament hätte die Sklaverei bereits als abgeschafft erklärt. Ende 1831 kam es zum berüchtigten »Weihnachtsaufstand«, bei dem sich rund 60.000 Sklaven erhoben. Dabei wurden auch einige Felder oder Scheunen abgebrannt, wahrscheinlich ohne Sharpes Billigung. Aber das Militär schlug binnen zweier Wochen hart zurück. Es soll mindestens 200 Todesopfer unter den Sklaven und 14 unter den Weißen gegeben haben. Der ergriffene Sharpe, inzwischen vermutlich 31 wie sein ungleich bekannterer Zeitgenosse Nat Turner aus Virginia, USA, wurde im neuen Jahr mit anderen »Rädelsführern« gehängt. Als Sharpes Abschiedswort wird überliefert, er zöge jeden Galgen der Knechtschaft vor. Die Rebellion dürfte wesentlich mit zum Slavery Abolition Act von 1833 beigetragen haben, durch den die Sklaverei zumindest auf dem Papier beendet war. 1975 wurde Sharpe sogar durch das Parlament Jamaikas in den Kreis der sieben offiziellen Nationalhelden der Insel erhoben. An seinem Hinrichtungsort in Montego Bay steht ein Denkmal. Er ist außerdem auf einer brandneuen, gültigen, zweifelsohne fälschungssicheren, vorsichtshalber zusätzlich videoüberwachten jamaikanischen 500-Dollar-Note abgebildet. Hat er das verdient? Zumal es mir doch etwas merkwürdig vorkommt, daß die Bankwebseite nicht den Schein mit Sharpe, vielmehr die Vizechefin der Staatsbank abbildet, Natalie Haynes. Ich nehme an, die Dame thront, wie die Bank, in der Hauptstadt Kingston.
Shim, Serena (1985–2014) ~ Die US-Journalistin liba-nesischer Abstammung war zuletzt Kriegsberichterstat-terin für den iranischen Auslandssender Press TV. Im Herbst ihres Todesjahres hielt sie sich für Reportagen nahe der syrischen Grenze in der Südtürkei auf. Am 17. Oktober teilte sie ihrem Fernsehsender mit, der türkische Geheimdienst beschuldige sie der Spionage. In der Tat hatte Shim unter anderem berichtet, in dieser Gegend würden IS-Kämpfer in Lastwagen mit NGO-Symbolen über die türkische Grenze nach Syrien geschmuggelt – sicherlich eine für die Türkei unangenehme Enthüllung. Am 19. Oktober gemeinsam mit ihrer deutlich jüngeren Cousine Judy I. nach Kobane unterwegs, stieß Shims Leihwagen in Suruç mit einem schweren Fahrzeug zusammen. Im Ergebnis landeten beide Frauen im Krankenhaus, allerdings nicht im selben.* Während I., die am Steuer gesessen hatte, mit nicht lebensbedrohlichen Verletzungen davon kam, blieb ihrer 29jährigen Chefin nur der Tod.
~~~ Ob die blonde Kriegsberichterstatterin sofort oder erst später im Krankenhaus von Sanliurfa starb (»Herzversagen«), ist so ungeklärt wie der Vorfall überhaupt. Wie sich versteht, war die türkische Seite bemüht, die Schuld der jungen Cousine in die Schuhe zu schieben, die beispielsweise zu schnell gefahren sei. Dabei scheinen sich die Behörden freilich in Widersprüche verwickelt zu haben. Angebliche Autopsien von Shims Leichnam konnten nicht überprüft werden. Ein Gerichtsverfahren gegen den beteiligten Lastwagenfahrer fand (bis 2019) nie statt.* Die andere Seite argwöhnt selbstverständlich den Anschlag, der hier auf der Hand liegt. Zu dieser Partei zählt auch Shims Schwester Fatmeh aus Michigan, USA, wie ich einer dortigen auflagenstarken Tageszeitung entnehme.** Shim, durchweg als selbstbewußt und tonangebend beschrieben, war im Raum Detroit aufgewachsen. Sie studierte in Beirut und wurde, als Berichterstatterin, der »Breadwinner« ihrer eigenen Familie. Ihr Ehemann blieb zu Hause, zuletzt offenbar in Detroit, und betreute die beiden gemeinsamen Kinder, wohl vier und zwei Jahre alt. Somit seien die Kleinen an die Abwesenheit ihrer Mutter bereits gewöhnt gewesen, könnten ZynikerInnen sagen.
~~~ Es wäre natürlich interessant zu wissen, wie sich die Angelegenheit aus der Sicht der Augenzeugin I. darstellt – falls sie noch unter uns weilt. Im Herbst 2019 lebte sie immerhin noch, denn damals unterhielt sich der US-Journalist Mark Mondalek mit ihr.* Die türkische Version, sie sei in einen Betonmischer gerast, wies I. zurück. Vielmehr sei sie von einem Sattelschlepper überholt worden, der ihr dann brutal den Weg abschnitt. Nach Mondalek behauptete Shims Mutter sogar, ihre Tochter sei (2012) einmal persönlich bei dem großen Steuermann der Türkei Erdogan angeeckt, auf einer Pressekonferenz. Er habe sie aus dem Saal werfen lassen. So oder so hat sich der große Steuermann des ganzen Erdballs, genannt USA, anscheinend bis heute nicht bemüßigt gefühlt, offiziell auf eine Untersuchung des Todes seiner Staatsbürgerin Serena Shim zu pochen.
* Mark Mondalek, https://whowhatwhy.org/2019/10/21/serena-shim-the-life-and-unexplained-death-of-a-syria-war-reporter/, Who.What.Why (New York City) 21. Oktober 2019
** Niraj Warikoo, »Journalist from metro Detroit dies in Turkey«, http://www.freep.com/story/news/obituary/2014/10/30/serena-shim-dies-turkey-syria/18213753/, Detroit Free Press 30. Oktober 2014
Silang, Diego und Gabriela ~ Die um 1560 begonnene spanische Herrschaft über die im südchinesischen Meer gelegenen Philippinen hielt immerhin knapp 350 Jahre. Sie konnte sich, neben den eigenen, aus dem Mutterland importierten Mönchen und Priestern, bald auch auf die muslimischen Rajahs (Könige) von Malina stützen, die sich angesicht der spanischen Kriegsschiffe gern die Finger vergolden ließen, mit denen sie den katholischen Wohltätern aus Übersee die Steigbügel hielten oder chinesische Seidentücher und Porzellangeschirre in die Satteltaschen stopften. Die spanische Herrschaft wurde nach 200 Jahren lediglich kurzzeitig durch eine Invasion der britischen Konkurrenz unterbrochen. Dieses Zwischenspiel sollte sich als Falle für die von den beiden Silangs geführten Aufständischen herausstellen.
~~~ Nachdem es den Briten 1762 gelungen war, Malina einzunehmen, fühlten sich etliche Einheimische in den nördlichen Provinzen Ilocos und Cagayan zur Erhebung gegen die verhaßten Spanier ermutigt. Diego Silang, geboren 1730 von philippinischen Eltern, zählte zu den Führern der Rebellen. Als Bote der spanischen Behörden in der Küstenstadt Vigan hatte er bereits im Knabenalter fließend Spanisch sprechen gelernt, zudem die haarsträubenden Verhältnisse im Lande mit eigenen Augen gesehen. Günstigerweise wies gerade seine Heimatprovinz rebellische Tradition auf. Die Leute setzten sich seit Jahrzehnten gegen knechtende Steuern, Zwangsarbeit und staatliche Handelsmonopole (Tabak, Betelnüsse, Palmschnaps) zur Wehr. Die ilocanisch-spanische Mestizin Gabriela, aus erster Ehe recht begütert und seit 1757 Diego Silangs Frau, kämpfte nun an dessen Seite. Bis zum Frühjahr 1763 eroberten die Rebellen Teile der Provinz Iloco einschließlich der Stadt Vigan und nahmen die dortigen Priester gefangen. Als fromme Christen gedachten die Silangs die Priester und andere Beamte nicht etwa ersatzlos zu streichen, vielmehr durch Einheimische aus dem Volk der Ilocano zu ersetzen. Zwar ernannten die Briten Diego Silang nach diesen Eroberungen prompt zum Gouverneur von Iloco-Süd, doch auf die von ihnen versprochene militärische Verstärkung warteten die Aufständischen vergeblich. Zu allem Überfluß fanden sich unter den Freunden der Silangs zwei Verräter, Miguel Vico und Pedro Becbec, die den frischgebackenen 32jährigen Gouverneur, auf dessen Kopf eine Belohnung ausgesetzt worden war, am 28. Mai 1763 im Auftrag der in Iloco-Nord verschanzten Spanier in seinem eigenen Haus in Vigan erschossen. Seine etwa gleichaltrige Frau Gabriela konnte zu Pferd in die Berge der Provinz Abra flüchten, wo sie die Rebellentruppen sammelte und auf Rache sann.
~~~ Sie überlebte ihren Mann lediglich um vier Monate. Am 10. September mit ihren nur unzulänglich bewaffneten Kämpfern ins Tal hinabgestiegen, um gegen das spanisch besetzte Vigan zu marschieren, laufen sie in einen Hinterhalt, weil vermutlich erneut Verrat im Spiele ist. Das Kommando wird vernichtend geschlagen. Zwar können Gabriela Silang und sieben Mitstreiter entkommen, doch am 20. September werden sie in ihrem Unterschlupf bei Diego Silangs Onkel Nicola Carino aufgestöbert und gefangen genommen. Wolfgang Bethge zufolge* denkt man sich um der »Abschreckung« willen für die Hinrichtung von im ganzen rund 100 Aufständischen etwas Besonderes aus: sie werden der Reihe nach in verschiedenen Küstenorten gehängt, dabei die 32jährige »Generalin« Silang als letzte in Vigan. Bald darauf wuchs der »wilden« und «kühnen« Rebellin, die auch als Schönheit geschildert wird, der Status einer Ikone der philippinischen National- und Frauenbewegung zu. 1963 wurde zu ihrem Gedenken unweit von Vigan sogar ein rund 13 Quadratkilometer großes Schutzgebiet eröffnet, der Northern Luzon Heroes Hill National Park. Eine volkseigene Bananenfarm wäre vielleicht sinnvoller gewesen.
* https://www.insights-philippines.de/silang.htm, 2007
Silkwood, Karen ~ Sie war als Chemietechnikerin und, zum Leidwesen der Firma, auch als Gewerkschafterin bei einer Plutonium-Aufbereitungsanlage von Kerr-McGee in Crescent, Oklahoma, USA, aktiv. Sie beobachtete an sich und anderen alarmierende Krankheitssymptome, ferner empfindliche Sicherheitsmängel, Fahrlässigkeiten und Vertuschungen im Betrieb. So sammelte sie Material und verabredete sich mit David Burnham von der New York Times und dem Funktionär ihrer Gewerkschaft Steve Wodka für den 13. November 1974 in Oklahoma City. Doch auf dem Weg dorthin kam die 28jährige leider von der Straße ab und erst durch den Aufprall gegen eine Betonwand zum Stehen. Man erklärte die Fahrerin noch an Ort und Stelle für tot. Der offizielle Polizeibericht schrieb diesen »Verkehrsunfall« Silkwoods Übermüdung zu. Die Beamten wollten im Wagen auch Medikamente oder Drogen gefunden haben. Dafür fehlten die heiklen Unterlagen, auf die sie, laut englischer Wikipedia, vor Abfahrt nachweislich in einer Gewerkschaftsversammlung gepocht hatte. Allerdings konnten gegenteilige Vermutungen, etwa ein Verdacht auf Rammung vom Heck ihres weißlackierten Hondas her, nie bewiesen werden. Immerhin machten Kerr-McGee schon 1975 ihren hochexplosiven Laden »aus freien Stücken« dicht. Der Fall hatte doch einiges Aufsehen erregt. In Deutschland wurde er 1977 durch Robert Jungks Buch Der Atomstaat bekannt. 1986 erstritt Vater Bill Silkwood in einem Prozeß gegen das Unternehmen Kerr-McGee eine Entschädigung von 1,38 Millionen Dollar. Das war kein Klacks. Es heißt jedoch, das Unternehmen habe ausdrücklich ohne Schuldbekenntnis gezahlt – nur aus christlicher Nächstenliebe oder schlechtem Gewissen heraus. Irrt sich der diensthabende Internet-Roboter nicht, ging ungefähr die Hälfte dieser Summe (heute wohl um vier Millionen) für Anwalts- und sonstige Prozeßkosten drauf. Auch das war deutlich mehr als ein Trinkgeld. Ferner hätten sich die drei Enkel 500.000 Dollar teilen dürfen. Vielleicht fiel ja am Ende auch noch ein Schluck für den oben erwähnten Steve Wodka ab. ABC versichert*, der Gewerkschafter und Rechtsanwalt, inzwischen 50 Jahre älter, brüte auch noch als greiser Ruheständlcr über dem Problem des angeblichen Autounfalls von 1974.
* Doc Louallen, https://abcnews.com/Entertainment/karen-silkwoods-sudden-death-unpacked-abc-documentary/story?id=115778837, 14. November 2024
Silva, António José da ~ Der portugiesische Rechtsanwalt und Komödiendichter, mit Beinamen auch »der Jude«, erlitt zunächst mehrmals Folter und Haft, ehe er 1739 in Lissabon mit 34 Jahren im Rahmen des damals üblichen und beliebten öffentlichen Schauprozesses der Inquisition erdrosselt und verbrannt wurde. Seine Schuld hatte vornehmlich in jener Eigenschaft bestanden, der er seinen Spitznamen verdankte. Sowohl Da Silva wie seine Frau Leonore, die wahrscheinlich etwas später im Gefängnis starb, schworen ihrem jüdischen Glauben (und den entsprechenden Gebräuchen) trotz der unsäglichen Peinigung nicht ab. Sie hinterließen eine Tochter – und Da Silvas barocke, oft für Marionetten und mit viel Gesang eingerichtete Komödien, rund ein Dutzend an der Zahl. Sie sollen nicht unbedingt originell gewesen sein, jedoch bei den Massen beliebt. Zum Teil parodierten sie die in der Elite gefeierten Opern und zeigten auch sonst satirische volkstümliche Züge. Dadurch hatte Da Silvas Ketzertum, wie zu vermuten steht, noch schwerer gewogen. Die Stadt Lissabon setzte ihm 1912 ein Denkmal. 1995 folgte gar ein auf Anhieb preisgekrönter Spielfilm des Brasilianers Jom Tob Azulay mit dem Titel O Judeu (Der Jude). Allerdings forderte diese Würdigung ein weiteres, fast gleichaltriges Todesopfer, nämlich den Mann in der Titelrolle, ebenfalls Brasilianer. Der 33jährige Schauspieler Felipe Pinheiro, wohl leidenschaftlicher Raucher, war 1993 in seiner Wohnung in Rio de Janeiro noch während der Dreharbeiten einem Herzinfarkt erlegen. Angeblich hatte er bekanntermaßen an Bluthochdruck gelitten. Inquisition oder Mafia wurden nicht beschuldigt.
Simelane, Eudy ~ Mit 31 wurde die südafrikanische, dunkelhäutige frühere Fußball-Nationalspielerin, anschließend als Schiedsrichterin und in der Lesben-Bewegung aktiv, im April 2008 in Kwa-Thema bei Johannesburg ermordet aufgefunden. Laut Spiegel war sie »vergewaltigt, geschlagen und mit 25 Messerstichen geradezu abgeschlachtet« worden.* Mit 18.000 (statistisch erfaßten) Morden jährlich halte das Land, bezogen auf die EinwohnerInnenzahl, ohnehin einen Weltrekord. Verbreitet sei auch »corrective rape«, nämlich die »korrigierende Vergewaltigung« als angebliches Heilmittel gegen sexuelle Abartigkeit. In der Regel schreiten weder die »Sicherheitskräfte« noch die Gerichte ein. Simelanes halbentkleidete Leiche lag unter Parkbäumen in einem Bach. Die Sportlerin hatte sich offen zur Homosexualität bekannt. Dank ihrer Prominenz kam es 2009 zu einem Prozeß. Zwei von vier (männlichen) Angeklagten erhielten hohe Haftstrafen.
* Horand Knaup, https://www.spiegel.de/politik/ausland/jagd-auf-homosexuelle-in-suedafrika-gefoltert-vergewaltigt-erschlagen-a-801838.html, 7. Dezember 2011
Sitting Bull und Crazy Horse ~ Nach der berühmten, siegreichen Schlacht am Little Bighorn (1876) war Sitting Bull vor den Strafexpeditionen der Yankees mit zwei- bis dreitausend Gefolgsleuten nach Kanada ausgewichen, doch Elend und Heimweh bewogen ihn 1881 zur Rückkehr. Er stellte sich in Fort Randall dem US-Militär. Man verschonte ihn zunächst und steckte ihn mit seinen Leuten ins Standing-Rock-Reservat. Auch hier, in Süd- und Norddakota, waren »natürlich« längst die Lebensbedin-gungen für nomadische Büffeljäger zerstört. Hunger und Krankheit griffen um sich, zumal die vertraglich zugesagten Lebensmittel ausblieben und die Behörden sogar versuchten, das Reservat zu verkleinern. Der Unmut der Eingepferchten drückte sich in der »Geistertanz«-Bewegung aus, die die hergebrachte Lebensweise der Sioux und deren Wiederkunft beschwor. Da Sitting Bull, Kriegshäuptling und Medizinmann der Hunkpapa-Lakota-Sioux, diese Bewegung unterstützte, entschlossen sich die Yankees, ihm einen Denkzettel zu verpassen. Mitte Dezember 1890 rückte im Morgengrauen Indianerpolizei gemeinsam mit Truppen aus Fort Yates an und umstellte Sitting Bulls Blockhütte. Erwachte BewohnerInnen des Dorfes leisteten Widerstand und versuchten ihren zwar in der Tat »bulligen«, jedoch untersetzten und bereits knapp 60jährigen Anführer vor der Festnahme zu schützen. Es gab ein Handgemenge, zwei Schüsse fielen. Wahrscheinlich kamen sie von den Indianerpolizisten Bullhead oder Red Tomahawk oder auch von beiden im Verein. Sitting Bull war tot. Viele HistorikerInnen nehmen an, das war durchaus »von oben« erwünscht gewesen, denn mit einem derart berühmten Kriegshäupfling im Knast hätten die weißen BesatzerInnen des Kontinents endlos Probleme gehabt.
~~~ Im ganzen dürfte es bei dem betreffenden Überfall noch ein paar andere Todesopfer gegeben haben, wohl auf beiden Seiten. Der Sieg in jener Schlacht vom 25. Juni 1876, im heutigen Montana am Little Bighorn River ausgetragen, war übrigens unter Führung der Lakota-Häuptlinge Sitting Bull, Crazy Horse und Gall errungen worden. Crazy Horse, noch heute jedem dritten Kind geläufig, wurde sehr wahrscheinlich nur 38 oder 39 Jahre alt. Im September 1877 zwecks Verhandlungen mit General Crook in Fort Robinson, Nebraska, eingetroffen, wurde er »heimtückisch ermordet«, wie es in Wolfgang Lindigs/Mark Münzels Standardwerk heißt.* Auch die Gegenseite hatte eine Art Triumvirat zu bieten, sogar ein familiäres. Chef der am Bighorn aufziehenden US-Truppen war Hauptmann George Armstrong Custer (36) gewesen, oft auch als General bezeichnet. Er fiel dort genauso wie seine beiden Brüder Thomas (31) und Boston (27).
~~~ In vielen Darstellungen, wohl auch bei mir, wird versichert, Hauptmann Thomas Custer sei sogar auf ausgezeichnete Weise gefallen, indem ihn nämlich Rain in the Face erschlug, der aufgrund einer früheren Festnahme durch den Hauptmann noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hatte. Das dürfte jedoch eine von sensations-lüsternen zeitgenössischen Journalisten und Lyrikern in die Welt gesetzte Ente sein. Der Krieger selbst soll sie noch zu Lebzeiten dementiert haben.
* Die Indianer von 1976, Band 1 Nordamerika, dritte deutsche Auflage München 1985, S. 173
Sokrates ~ Der Sohn eines Steinmetzen und einer Hebamme gilt vielen Menschen als Vater des Skeptizismus. Er starb 399 v.Chr. in Athen, damals das Herzstück des Attischen Seebundes, mit ungefähr 70 Jahren. Das Todesjahr ist gesichert. Nimmt man Sokrates ernst, ist alles andere, das über ihn oder seine Zeit im Schwange ist, mit beträchtlicher Vorsicht zu genießen. Die vielbesungene »Wiege der Demokratie« namens Athen zum Beispiel wurde vor allem von zahlreichen Frauen, Sklaven und Metöken (»Ausländern«) in Gang gehalten, die nichts zu melden hatten. Die Lieblingsbeschäftigung des attischen Bürgers war das Ränkeschmieden und Kriegführen. Auch der stämmige und wohl zumeist vollbärtige Sokrates nahm mit Begeisterung an etlichen Schlachten teil. Als Philosoph verschmähte er das Bücherverfassen; selbst für seine Vorträge nahm er keine Honorare. Allerdings soll er von Hause aus recht vermögend gewesen sein. Da fällt es Nachfahren wie Ernst Bloch leicht, ihn als »Faulenzer der schöpferischen Art« zu preisen.
~~~ Sokrates hatte sich die Übereinstimmung von Denken, Reden und Handeln, und dabei das gute Handeln auf die Fahnen geschrieben, sodaß ihn auch der Anarchismus als seinen Vater reklamieren könnte. Aufgrund seiner Freigeistigkeit machte er sich zunehmend Feinde, die ihn als götterlosen Verderber der Jugend empfanden. Stets zum Zweifeln und Berichtigen geneigt, was sicherlich oft bis zur Spitzfindigkeit ging, habe er prompt auch den Spitznamen »Zitterrochen« besessen, behauptet der französische Philosophielehrer und Glücksschmied Alain in einem Propos von 1908. So spitzten sich die Harpunen gegen Sokrates. Freilich war er zugleich aufsässig und gesetzestreu gesinnt, worin ihm Alain dann gerne nacheiferte. Es kam zu einem Prozeß. Im Ergebnis nahm der betagte Philosoph anstandslos den Drink Schierling, zu dem ihn eine Mehrheit des Gerichts-hofes wegen seiner angeblichen Aufwiegelei verurteilt hatte. Auch die durchaus vorhandenen Möglichkeiten zur Flucht nutzte Sokrates nicht.*
~~~ Allerdings hatte er sich in seinem Schlußwort gestattet, das Urteil »ungerecht« und seine Angreifer, oder viele von ihnen, »boshaft« zu nennen, womit die Vermutung naheliegt, bei denen seien vorwiegend unlautere Motive im Spiel gewesen. Das kennt man schließlich noch heute aus jeder Demokratie. Andererseits weckt es schon Verdacht, wenn der Angeklagte Flucht ausschlug und sogar sein Vorschlagsrecht für eine mildere Bestrafung nicht in Anspruch nahm. Man könnte von daher fast glauben, die Weihrauchschwaden der Unlauterkeit hätten auch ihn nicht ausgespart. Im Klartext: der Mann war eitel. Er wollte ruhmreich in die Geschichte eingehen, dafür nur zu gern seine Altersgebrechlichkeit und seinen angeblich furchtbaren häuslichen Besen Xanthippe vom Halse haben.
* Tobias Birken und Alexander Walter, https://www.datev-magazin.de/panorama/der-fall-des-sokrates-26673, 24. April 2020
Soyfer, Jura (1912–39) ~ In meinem Brockhaus hat der österreichische Schriftsteller sogar ein Porträtfoto. Man sieht einen fröhlichen jungen Mann. Der Sohn eines jüdischen Industriellen hatte sich in seiner Wiener Schulzeit für den Marxismus erwärmt. Er verfaßte Artikel für die Arbeiterpresse und versuchte sich auch bald als Dramatiker und Lyriker im Geiste Brechts, Majakowskis und seines heimischen Lieblingskomödianten Johann Nestroy. Nach den Februarkämpfen 1934 tritt er der nun illegalen Kommunistischen Partei bei. Er schreibt Flugblätter und arbeitet an Romanen, läuft freilich auch, zum Leidwesen des Parteifunktionärs Franz Marek, »allen Röcken nach«. Sowohl seine frühe Jugendfreundin Marika Szécsi wie seine spätere Geliebte Helli Ultmann bescheinigen dem eher schmächtigen, gleichwohl anziehenden jungen Autor – nach seinem Tode – Charme, Witz und Tapferkeit. Das Wiener Kellertheater ABC führt einige Stücke von Soyfer auf. Im Stück Der Lechner Edi schaut ins Paradies müssen Edi und Fritzi auf der Fahrt mit einer Zeitmaschine erkennen, daß der technische Fortschritt nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist, weshalb sie in dem entsprechenden Büro darum bitten, wenigstens die zukünftige Produktion von Menschen einzustellen. Das war vergleichsweise kühn. Dem kommunistischen Parteiprogramm zuliebe endet das Stück jedoch mit Durchhalteparolen.
~~~ Im März 1938, einen Tag nach dem »Anschluß« Österreichs an das faschistische »Deutsche Reich«, wird der auf Skiern flüchtende Autor unweit der schweizer Grenze verhaftet. Man sperrt ihn zunächst im KZ Dachau, dann im KZ Buchenwald ein. Er beteiligt sich am Wider-stand und schreibt neue Texte. Nach dem Ausbruch einer Typhusepidemie dem Kommando der »Leichenträger« zugeteilt, infiziert sich Soyfer und stirbt im Februar 1939 im Alter von nur 26 Jahren an Bauchtyphus. Damit hatte sich jener Stücktitel auf makabere Weise erfüllt. Zu allem Überfluß hatte der Häftling aufgrund eines Einreisevisums in die USA bereits die Genehmigung seiner Entlassung in der Tasche gehabt.
~~~ Soyfers Werk wurde erst in den 1970er Jahren wieder ausgegraben, wobei ihm vor allem eine Art Kaffeehaus-Politrockband aus Wien zu stimmgewaltigem Widerhall verhalf. In unserem Straßentheater Kreuzberger Asphalt-oper (um 1976) stellten einige MitstreiterInnen die Schmetterlinge aus den Alpen noch über die einhei-mischen Mannen um Rio Reiser, Ton Steine Scherben genannt. Die Schmetterlinge komponierten etliche Songs auf Texte von Soyfer, darunter Das Lied von der Erde, ursprünglich das Lied des Kometen Konrad aus Soyfers Stück Der Weltuntergang von 1936. Hier setzte die Band dem Pathos Soyfers, statt es abzumildern, noch eins drauf, aber das fand man, in den damaligen Westberliner »undogmatischen« Kreisen, gerade stark. »Denn nahe, viel näher als ihr es begreift, hab ich die Erde gesehn …« Ein anderes Gedicht von Soyfer, das Lied des einfachen Menschen, endet mit einer ausgesprochen eleganten Durchhalteparole, auf die DDR-Staatsdichter Johannes R. Becher niemals gekommen wäre: »Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!«
Stahl, Theresa († 2017) ~ Die Vorsichtsmaßnahme des kaufmännischen Lehrlings aus Eisenheim, trotz geringstem Alkoholgenuß in einer Würzburger Disco ihren Wagen stehen zu lassen, wurde nicht belohnt. Sie hatte an einem Aprilwochenende mit ihrem Geliebten dessen Geburtstag beim Tanz gefeiert. Bekannte nahmen das Paar ein Stück weit mit. Dann gingen die beiden in der Nacht zu Fuß nach Eisenheim. Wohl schon fast im Dorf angelangt, kam überraschend ein VW-Golf angebraust, wohl mit 80 Sachen, und fuhr Stahl, eine hübsche Braunhaarige mit langer Mähne, so heftig um, daß sie weit in ein Feld geschleudert wurde. Der Wagen setzte jedoch seine Fahrt fort. Stahls Geliebter, offenbar zufällig unverletzt, alarmierte den Rettungsdienst. Nach einigen Tagen im Krankenhaus war seine 20 Jahre alte Geliebte gestorben. Die Täter wurden bald gestellt. Fahrer Niclas H., sturzbetrunken und erst 18, war in jener Nacht mit drei Kumpels von einem Weinfest gekommen. Sein »fahrlässiger Vollrausch« brachte ihm zunächst (2019) lediglich eine Geldstrafe von 5.000 Euro und ein Jahr Fahrverbot ein. Ansonsten sei er schuldunfähig gewesen. Viele Leute waren über dieses milde Urteil empört. In der Tat wurde die Strafe zwei Jahre darauf in einem Berufungsverfahren ein wenig verschärft. Nun kassierte H. wegen »fahrlässiger Tötung« 15 Monate Haft, wenn auch nur auf Bewährung. Hinzu kamen verschiedene Auflagen. Das Würzburger Landgericht hatte das Jugendstrafrecht angwandt.* Somit war der Haupttäter noch immer gut bedient. Seine Mitfahrer kamen, wohl wegen »unterlassener Hilfeleistung«, mit vergleichsweise geringen Geldstrafen davon.
~~~ Theresa Stahl nützte dies alles nicht die Bohne. Sie blieb tot. Auch an der Automobilisierung und der Trinkfreudigkeit in der deutschen Demokratie wurde um keinen Millimeter gerüttelt. Merkwürdiger als das Urteil finde ich allerdings das anscheinend vollständige Desinteresse an Stahls Geliebtem. Schließlich muß der Mann einen gewaltigen Schock erlitten haben. Möglicherweise macht er sich außerdem Vorwürfe, wegen seines Überlebens oder wegen mangelhafter Wachsamkeit oder weiß der Teufel was. Man erfährt aber buchstäblich nichts über ihn.
* Clara Lipkowski, »Doch nicht nur ein Vollrausch«, https://www.sueddeutsche.de/bayern/eisenheim-prozess-wuerzburg-1.5451779, 28. Oktober 2021
Sürücü, Hatun ~ In Berlin-Kreuzberg aufgewachsen, war sie von ihrer kinderreichen kurdischstämmigen Familie bereits als 16jährige nach Istanbul zwangsver-heirat worden. Sie floh, warf ihr Kopftuch ab und machte sich in Berlin selbstständig, wobei sie auch das mitgebrachte Kind allein aufzog. Im Februar 2005 stand die 23jährige kurz vor ihrer Gesellenprüfung als Elektro-installateurin. Das scheiterte an einem sogenannten »Ehrenmord«: Sürücü wurde an der Bushaltestelle vor ihrer Tempelhofer Wohnung mit drei Kopfschüssen niedergestreckt. Die Polizei nahm als Tatverdächtige drei ihrer Brüder fest. Sie wurden ein Jahr darauf angeklagt. Im April 2006 verurteilte das Berliner Landgericht Ayhan S., den jüngsten Angeklagten, zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten, während es die beiden älteren Brüder, Mutlu und Alpaslan, aus Mangel an Beweisen freisprach. Viele BeobachterInnen rügten die Milde des Urteils und wiesen überdies auf die Vernachlässigung des Umstands hin, daß die »Bestrafung« der abtrünnigen Tochter offensichtlich von der gesamten sunnitisch gestimmten Familie beschlossen worden war. Vermutlich habe sie den Jüngsten nur dem Rabatt der Jugendstrafe zuliebe zum Sündenbock erkoren. Zwar kam es 2007 zu einer Revision bezüglich des Freispruchs der älteren Brüder, doch sie wurde ein Jahr darauf eingestellt, weil sich die Türkei weigerte, die beiden Männer auszuliefern. Sie hatten Deutschland wohlweislich verlassen.
~~~ Der Fall setzte viel in Bewegung – nebenbei auch die üblichen sogenannten TrittbrettfahrerInnen. Ich denke hier an den ehrenwerten Berliner Bürger Udo D., der einen Hilfsverein namens Hatun & Can aus der Taufe hob, der im Laufe der Jahre bald eine Million Euro an Spendengeldern zusammentrug. Im Herbst 2011 wurde der 42jährige gutgenährte »Vorsitzende« allerdings wegen Spendenbetrugs zu knapp fünf Jahren Gefängnis verurteilt.* Can war der Sohn der Ermordeten, zum Tatzeitpunkt fünf Jahre alt. Er wuchs dann in einer Pflegefamilie auf.
~~~ Während es wegen seiner Mutter in verschiedenen Berliner Bezirken zu mehreren Denkmälern kam, darunter eine nach Hatun Sürücü benannte Neuköllner Brücke, rafften sich die Behörden in der Türkei doch noch zu einer Anklage gegen die beiden älteren Brüder auf, wegen Anstiftung zum Mord. Sie verließen das Gericht (2017) jedoch mit einem Freispruch: mangels eindeutiger und glaubhafter Beweise, wie der Spiegel am 30. Mai des Jahres meldete. In diesem Verfahren trat auch der dritte Bruder auf, der inzwischen (2014), nach Haftverbüßung, abgeschoben worden war. Reue bekundete offenbar keiner von ihnen. Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Nach einer jüngeren WDR-Gedenksendung** ist Hatuns ältester Bruder einmal gefragt worden, ob er für seine Schwester bete. Seine kalte Antwort sei gewesen: Natürlich bete er für sie. Daß Allah ihr vergebe.
* https://www.spiegel.de/panorama/justiz/spendenbetrug-fast-fuenf-jahre-haft-fuer-gruender-von-hatun-can-a-787680.html, 21. September 2011
** https://www1.wdr.de/mediathek/audio/zeitzeichen/audio-im-namen-der-ehre-der-mord-an-hatun-sueruecue-100.html, 7. Februar 2025
Sutter, Anna ~ Mein Brockhaus erwähnt lediglich den schweizer Bildenden Künstler Hermann Obrist, gestorben 1927, dabei wäre doch der Musikwissenschaftler und Kapellmeister Aloys Obrist (1867–1910) schon vom Alphabet her vorrangig gewesen. Die beiden waren Brüder. Der jüngere Bruder Aloys hatte sich den Nordamerikanern sogar als Schießkünstler empfohlen. Dort konnte man am 30. Juni 1910 der New York Times entnehmen: CONDUCTOR AND SINGER SHOT. Mit dem Dirigenten war just Aloys gemeint. Eigentlich war er, seit 1893, mit der ehemaligen Schauspielerin des Weimarer Hoftheaters Hildegard Jenicke verheiratet. Am verhängnisvollen Tage erschoß er aber die 38jährige Opernsängerin Anna Sutter vom Stuttgarter Hoftheater, um die es hier hauptsächlich geht. Die Dame soll etliche Affären gehabt haben, davon die mit Obrist für rund zwei Jahre bis 1909. Als sie sich dann, so die gängige Annahme, in ihrer Wohnung in der Stuttgarter Schubartstraße 8 von Besucher Obrist nicht erweichen ließ, platzte dem 43jährigen Liebes- und Wutentbrannten der Kragen.
~~~ Laut zeitgenössischer Lokalpresse war er ursprünglich bereits an der Haustür vom Dienstmädchen abgewiesen worden, weil die Diva, um 10 Uhr vormittags, noch zu erschöpft von der gestrigen Abendvorstellung sei und im Bette liege. Prompt verschaffte Obrist sich gewaltsam Zutritt. Das Dienstmädchen vernahm einen heftigen Wortwechsel sowie mehrere Schüsse, und dann stieß es im Schlafzimmer auf zwei Leichen: sie mit gebrochenem Herzen im Bett, er mit gebrochenem Herzen auf dem Bettvorleger. Der vollbärtige Hofrat Dr. Aloys Obrist hatte zwei Browning-Pistolen mit sich geführt. Seine Weimarer Villa hatte er verkauft; mit seiner Gattin stand er in Scheidung. In jüngster Zeit wohnte er erneut in Stuttgart, wo er einst für kurze Zeit Hofkapellmeister gewesen war, und betätigte sich als Musikschriftsteller – soweit er sich nicht vergeblich nach Sutter verzehrte. Die Sopranistin wurde in Stuttgarter Theaterkreisen trotz ihres freizügigen, daneben arg verschwenderischen Lebenswandels seit Jahren höchstverehrt, daher auch »das Sutterle« genannt. Den Trauerzug mit ihrem Sarg säumten 10.000 Leute.
~~~ Hundert Jahre später räumt die Lokalpresse Details ein*, nach denen an jener Erschöpfung Sutters am Tatvormittag wohl auch der Opernsänger Albin Swoboda junior (1883–1970) nicht ganz unschuldig gewesen war. Mit ihm lag die deutlich ältere Diva damals im Bett. Als das Dienstmädchen von Obrist überrannt wurde, sprang Swoboda, klamottenreif, in den Schlafzimmerschrank. Was er dort im Verborgenen miterleben mußte, habe er nie überwunden, wird der Stuttgarter Musikwissenschaftler Georg Günther zitiert. Aus Briefen und Gesprächen mit Kollegen gehe hervor, daß sich Swoboda sein Leben lang heftigste Vorwürfe machte, die Tat nicht verhindert zu haben. Der Baßbariton starb ebenfalls in Stuttgart – jedoch erst mit 86.
~~~ Was Hildegard Obrist-Jenicke (1856–1937) angeht, hebt die Weimarer Schriftstellerin Erika von Watzdorf-Bachoff in ihren Erinnerungen** den deutlichen Altersunterschied zwischen den Ehegatten hervor, um 12 Jahre. Jenicke war der ältere Teil. Die beiden Damen kannten sich. Jenicke habe Obrist auch immer versichert, sollte er sich einmal für eine Jüngere erwärmen, wolle sie ihm nicht im Wege stehen. Doch was die Sutter angehe, habe sich Jenicke zunächst gegen eine Scheidung gesträubt, um ihn vor diesem Weibsbild zu bewahren. Für Jenicke war Sutter zwar eine große Künstlerin, als Mensch jedoch »wertlos«, so jedenfalls Watzdorf. Selbst Obrist habe schließlich Sutters »Untreue und Wertlosigkeit« erkannt. Am schwersten habe es ihn wohl getroffen, daß sie über sein bedingtes Künstlertum spottete und ihm einredete, nur diese »Oma« in Weimar hemme seine künstlerische Entfaltung. Im Grunde sei Obrist ein Pedant gewesen, so Watzdorf, was auch aus dem Abschiedsbrief hervorgegangen sei, den er seiner Gattin (vor der Mordtat) geschickt habe und den sie (Watzdorf) kenne. Darin habe er seiner Frau »mit wunderschönen Worten« gedankt, ferner festgestellt: die Sängerin Sutter habe ihre Glanzrolle, die Carmen, gelebt und wie diese ihr Leben verwirkt. Diesen Brief brachte er dann, laut Watzdorf, zur Post, kaufte einen Strauß weißer Rosen und ging, den Frack von den Pistolen ausgebeult, zur Schubartstraße 8 …
~~~ Um den Seifenopergeruch dieses Falles fett zu machen, müssen zusätzlich die Sträuße frischer Schnittblumen erwähnt werden, die laut Heffners Darstellung noch bis in die 1960er Jahre hinein, über Jahrzehnte hinweg, »fast täglich« auf Sutters Grab gelegen haben. Man nehme meistens an, ihr Überbringer oder jedenfalls Finanzier sei just der zerknirschte Albin Swoboda gewesen. Auf frischer Tat wurde der trauernde Sänger scheints nie auf dem Friedhof ertappt. Nun läßt sich sein Gram sicherlich von jedem leicht nachvollziehen; sein Geld dagegen hat nicht unbedingt jeder. Setzt man für 50 Jahre 250 Sträuße jährlich an, sind das bereits 12.500 Sträuße – nach Adam Riese im ganzen ungefähr 125.ooo Euro wert. Mit dieser Summe hätte man ja schon beinahe einen neuen Stuttgarter Stadtpark eröffnen können, statt die etwas »pompöse« Grabstätte der Diva zu zieren. Oder statt Stuttgart mit einem neuen Superhauptbahnhof beziehungsweis der Großbaustelle desselben zu beglücken, wie soeben sogar ein Hauptlügenbold der Nation einräumt.*** In rund 15 Jahren scheibchenweise rund 11 ½ Milliarden Euro zu verbraten, nur Ruinen vorzuweisen und keinen Feuersturm zu ernten – diesen Streich macht unseren Erzschwaben so schnell keiner nach. Das wollen wir wenigstens hoffen.
* Markus Heffner, https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.mord-im-liebeswahn-mitten-ins-herz-page2.211d7e30-d55a-40ae-9e83-b8a36e15c84d.html, 30. Juni 2010
** Erika von Watzdorf-Bachoff, Im Wandel und in der Verwandlung der Zeit, Stuttgart 1997, S. 156–58
*** https://www.tagesschau.de/inland/regional/badenwuerttemberg/swr-stuttgart-21-kostet-bis-zu-drei-milliarden-euro-mehr-auch-weitere-sperrungen-moeglich-100.html, 10. Juni 2026
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