Mittwoch, 26. September 2018
Flußgespräch
Geschrieben um 2007


Einen lieben Freund, mit dem ich mich bis zum heutigen Tage mindestens zweimal jährlich treffe, lernte ich 1998 unter einer ländlichen Brücke kennen. Damals war ich mit dem Rad im Fränkischen unterwegs. An jenem Nachmittag folgte ich einem staubigen Fahrweg, der sich wiederum an einen Nebenfluß des Mains hielt. Mit meinen Speichen drehten sich die hellblauen Räder der Wegwarte, die hervorragend mit Lachen des gelb blühenden Sichelklees korrespondierten. Wir hatten Ende Juli. Sofern sie gerade abgeerntet wurden, hingen über den Getreideschlägen ebenfalls Staubfahnen – was Dutzende von Milane oder Störche nicht daran hinderte, auf den noch zitternden Stoppeln zu landen. Die dröhnenden Mähdrescher frästen mit ihren breitausgelegten Schneidwerken (Messerbalken und Haspel) Schneisen in den Raps oder den Weizen, die für eine vierspurige Schnellstraße ausgereicht hätten. Genau das sei eben der gute Grund für diese Giganto-manie, wird hier gern von sogenannten Volkswirten eingewandt: damit es schneller, daher auch billiger gehe. Schließlich sei die halbe Welt am Verhungern. Ja, so ist es. Denn Autos, Schnellstraßen, Kampfbomber, Flugzeug-träger, Marsfähren und Rolex-Armbanduhren sind zu unverdaulich für die Welt. Verzichten wir aber auf Scherze, erklärt und rechtfertigt sich die Gigantomanie allein aus einem Wachstumswahn, der mit Getreidehalmen so wenig zu tun hat wie der Pfeiler eines modernen Windrades. Die Rendite soll wachsen. Vor allem die Rendite der Landmaschinenfabrikanten.

Bevor es dunkel wurde, fand ich eine stillgelegte Eisen-bahnbrücke, die den schmalen Fluß und die jenseits verlaufende Landstraße in mehreren Bögen überspannte. Hier war es vergleichsweise still. Nach einem Bad und einem Abendbrot kroch ich in meinen Schlafsack, denn ich war aufgrund eines Pensums von ungefähr 25 Kilometern ziemlich erschöpft. Irgendwo unter den Sandsteinbögen hockte ein Heimchen, das mir mit beinahe ohrenbe-täubendem Zirpen eine gute Akustik verhieß. So schlief ich befriedigt ein.

Nachdem ich beim Erwachen das Gewölbe über mir wiedererkannt hatte, stütze ich mich auf die Ellbogen und äugte über den Fluß. Am anderen Ufer saß ein Mann, der sich aufgrund seines weißen Hemdes recht gut vom mit der Zeit gedunkelten Sandstein des nächsten Brücken-pfeilers abhob. Er deutete mit seiner linken Hand einen Gruß an und sah wieder ins Wasser. Sein blondes Haar trug er zurückgekämmt. Seine Arme hingen jetzt wieder beide von seinen Knien herab. Allerdings war der rechte Arm mit einem merkwürdigen Gerät bewehrt, in dem man zum Beispiel das Zielfernrohr einer Flinte mutmaßen konnte. Ich verkniff die Augen, wurde aber nicht schlau aus dem Ding. Deshalb sprach ich ihn schließlich an:

„Wollen Sie die Forellen, die es hier vielleicht gibt, harpunieren? Oder was sonst für eine Konstruktion tragen Sie da am Arm, wenn ich fragen darf? Das sieht ja gefährlich aus!“

„Ach so“, erwiderte er nach einem griesgrämigen Blick auf sein Edelstahlobjekt. „Das ist statt Gips. Hab mir gerade die Hand gebrochen, komplizierter Trümmerbruch. Von der Leiter gefallen, wie es so geht ... Der Chirurg hat mir dieses feinmechanische Wunderwerk als Klammer verpaßt ... Nur hat er mir leider nicht verraten, wie man damit schlafen soll. Deshalb sitze ich hier in aller Herrgottsfrühe und drehe Däumchen. Als Krankengymnastik, wissen
Sie ..?!“

Ich mußte grinsen. Der Mann gefiel mir; er nahm sein Unglück mit Humor. Später konnte ich seine „Maschine“ aus der Nähe mustern. Es handelte sich um ein blitzendes Gestänge mit etlichen verstellbaren Gelenken, das mit Schrauben einerseits im Handwurzelknochen, anderer-seits, auf halber Armhöhe, in der Elle verankert war. Das war natürlich unter Narkose geschehen.

Ein Blick auf meine Uhr zeigte mir: es war tatsächlich erst halb Sieben. Aber ich fühlte mich ausgeschlafen und übungsbereit. So stand ich auf, ging zunächst hinter einen Busch, dann zwecks Katzenwäsche ans Wasser und erkundigte mich beim Abtrocknen:

„Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich ein paar Takte Flöte spiele? Ich bin sauschlecht, ich muß dringend mehr üben!“

„Ach woher!“ winkte er mit seiner gesunden Hand ab. „Legen Sie ruhig los! Alles besser als hier solo Trübsal zu blasen.“

Ich zog den schmalen, schwarzen Flötenkoffer aus meinem Schlafsack und steckte das nicht ganz billige Instrument zusammen. Der Flötenkoffer paßte so eben in meine Satteltaschen; den Schlafsack pflegte ich dann obenauf zu schnallen. Ich reiste bei meinen Radwanderungen niemals mit Zelt. Sein Gewicht hätte mich nur noch mehr ermüdet. Ich hatte mich vielmehr auf Brücken verlegt, schlug ich damit doch mehrere Fliegen mit einer Klappe: ich hatte ein Dach über dem Kopf, eine Badewanne vor den Füßen und einen günstigen Übungsraum für meine Querflöte. Mein Ton auf der Flöte war nämlich alles andere als voll, weil ich zu faul oder zu unbegabt war, ihn mit dem Zwerchfell hinreichend abzustützen. Durch den Hall des Brücken-gewölbes konnte ich diesen Mangel übertünchen.

Ich spielte etwa 20 Minuten. Da mein Zuhörer – übrigens 43, wie ich dann beim Frühstück erfuhr – nicht gerade wie ein ungehobelter Dorfschreiner wirkte, versuchte ich unter anderem mit Chatschaturjans Säbeltanz Eindruck zu schinden. Doch darauf ging er nicht ein, als ich die Flöte wieder auseinander schraubte und ausputzte.

Jetzt kommen die lustigen Tage, ja, das ist ein schmissiges Stück“, nickte er mir lächelnd zu. „Ich muß mir immer das Grinsen verkneifen, wenn es im Treppen-haus unsres Altenheims aus voller Kehle von den dort versammelten Wracks geschmettert wird. Viele sitzen schon im Rollstuhl. Das Liedersingen findet jeden Freitag unter Anleitung eines Akkordeonspielers statt. Ich bin da Pfleger, müssen Sie wissen. Im Moment natürlich nicht.“

Die Vorstellung der im Treppenhaus – oder in ihren Zellen – sitzenden „Wracks“ machte mich schlagartig traurig. Ich seufzte und erwiderte:

„Und was soll die ganze Veranstaltung, wenn ich fragen darf?“

„Das Liedersingen im Altenheim? Na, es sorgt für ein bißchen Beschäftigung und Geselligkeit. Die langweilen sich ja zu Tode, die armen Alten!“

„Eben das hatte ich im Auge. Ich meine diese Veran-staltung überhaupt, die wir Leben nennen. Ein Leben lang haben wir uns gegen die Langweile – auch Sinnlosigkeit genannt – und das Leiden abzustrampeln. Ich fahre Rad, ein anderer angelt, Dritte röcheln an einem Infusions-schlauch. Und warum? Niemand weiß es. Und die Verteilung der Rollen, auch der Häppchen an Glück, ist völlig willkürlich. Oder finden Sie nicht? Warum sind Sie von der Leiter gefallen und nicht ich? Und wäre es umgekehrt einsichtiger?“

Er sah mir eine Weile nachdenklich, vielleicht sogar erstaunt dabei zu, wie ich die drei Flötenteile in ihren mit Samt ausgeschlagenen Kasten bettete. Das Wasser, das zwischen uns dahinzog, gluckste leise, und von einem jenseits gelegenen Gehölz her ertönte das schrille Wiehern von Turmfalken. Vermutlich lag dort ein Dorf. Als ich den Deckel schloß, brach der Blonde sein Schweigen.

„Wo wollen Sie eigentlich frühstücken, wenn ich fragen darf?“ äffte er mich wohlwollend nach. „Ich sage es Ihnen: bei mir.“ Er nickte sich über die Schulter: „Ich wohne mit meiner Frau und meinen drei Kindern gleich hier im Dorf. Wir haben eine Terrasse. Das Fahrrad können Sie ja anschließen. Wenn Sie über die Brücke klettern, haben wir keine 500 Meter zu gehen.“

Das klang doch verlockend. Den Turm der Dorfkirche hatte ich bereits am Abend über dem Gehölz erspäht. So signalisierte ich mein Einverständnis, schloß das Rad ab, klemmte mir den Flötenkasten unter den Arm und nahm die Böschung zum Brückenkopf in Angriff.
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