Mittwoch, 4. Juli 2012
Hans im Glück
Enthalten in meinem Stockraus von 2009


Per Sidenius nimmt ein schlimmeres Ende als sein Schöpfer Henrik Pontoppidan, der sich ab 1917 sogar im Nobelpreis für Literatur sonnen durfte. Aus beklemmend ärmlich-frommen Verhältnissen kommend, wird Per wohl kaum über 40. Allerdings empfindet er sein Ende, das sich in einer Hütte zwischen verödeten Dünen vollzieht, nicht als schlimm. Er traf zuletzt eine Wahl – sie fiel aufs einsame Verzweifeln.

Seinen kargen Lebensunterhalt bestreitet er als namen-loser Landvermesser. Neulich noch wollte er die Welt als Ingenieur aufhorchen lassen, als Schöpfer eines gigan-tischen Systems aus Kanälen, Bollwerken, Häfen. Pontop-pidans umfangreicher und auch sonst bemerkenswerter Roman Hans im Glück spielt in der „Gründerzeit“ vor 1900. Europa mit seinen Dampfhämmern, Börsen, Telegraphen, rauschenden Ballnächten liegt in einem fiebrigen Größenwahn. Auch der Roman ist aus einem Guß, enthält sich allerdings jeder Aufregung. Hier und dort wird „Zurück zur Natur“ gepredigt. Nun kritzelt der gescheiterte Sidenius des abends im Schein der Petroleum-lampe Hefte voll, während der Seewind um seine Hütte heult. Nicht der Wind – das Schüttelspiel wird ihn zerfressen. „Was wir unsere Seelen nennen – ist das nur eine vorübergehende Stimmung, ein Resultat unseres nächtlichen Schlafs und unsrer Zeitungslektüre? Etwas, das vom Barometerstand oder den Marktpreisen abhängt? Oder haben wir ebenso viele Seelen in uns, wie es Bilder gibt in einem Schüttelspiel? Sobald man den Kasten schüttelt, kommt ein anderes zum Vorschein: ein Narr, ein Schlagetot, eine Nachteule ... Ich frage, ich frage!“

Man wundert sich nicht, wenn er in dieser Verfassung zuletzt an Inger geraten war. Die hübsche Pfarrerstochter vom Lande besitzt den unvergrübelt praktischen Sinn, der die Welt erträglich macht. Mit ihr unternimmt Per einen letzten Nestbauversuch, was er freilich noch nicht weiß. Sie richten sich ein bescheidenes, schmuckes Häuschen im Pfarrbezirk des Schwiegervaters ein. Inger wird schwanger, Per geht seinen Entwässerungsarbeiten nach und schmaucht Pfeife. Daß dabei nur Fragen in ihm bohren, spürt Inger sogar, nur weiß sie kein Rezept dagegen. Zerrissenheit ist ihr fremd. Sie tritt in der Regel bei Menschen auf, die mit sich selber in Unfrieden liegen – bei Frauen eher selten der Fall. Inger kann nur den üblichen Verdacht schöpfen. Per kommt aus Kopenhagen zurück, wo er vergeblich versuchte, eine Anstellung als Wasserbau-ingenieur zu finden, bei der er nicht das Gesicht eines genialen Neuerers verlöre. Inger spürt seine bedrückende Unruhe. So sagt sie ihm plötzlich auf den Kopf zu, er habe sich in Kopenhagen mit Jakobe getroffen. Mit Jakobe, Tochter aus steinreichem Hause, war Per eine Zeitlang verlobt. Er beteuert jedoch, sie nicht getroffen zu haben, was der Wahrheit entspricht. Dann sei es eben eine andere gewesen! Er möge es nur offen heraus sagen, daß er Inger zu verlassen gedenke.

Per überlegt blitzschnell. War das nicht seine Chance? Ohne zwingende Gründe gab sie sicherlich keine Einwilligung in eine gesetzliche Scheidung. Sie mußte ihn hassen. Sie würde ihn schon vergessen. „Wenn er auf so vieles verzichten wollte, konnte er doch wohl seine Ehre gleichfalls mit zum Opfer bringen.“ So erwidert er kurzentschlossen „Ja“ und senkt seinen Kopf. Damit ist sein Schicksal besiegelt. Nachdem sie den ersten Wutanfall ihres Lebens bewältigt hat, rafft Inger die Kinder aus den Betten, läßt anspannen und flüchtet sich in ihr Elternhaus. Wie wir bereits ahnen, wird sie in Thorvald Brück, dem Erben von Gut Budderuplund, einen angemessenen Gebieter finden. Zwar stottert Brück, doch Schüchternheit ist ihr nicht so fremd; sie wird ihn heilen. Per dagegen macht sich in die gottverlassenen Dünen auf.

Gliedert er sich in die Karawane unserer Märtyrer ein? Ich weiß nicht. Schließlich trachten die echten Leidensfiguren nach öffentlicher Erklärung, wenn nicht gar Ruhm, weil sie von ihrem Darben sonst nichts hätten. Doch davon befreite sich Per. Den entscheidenden Schub in die Unabhängigkeit erlangte er durch jene Opfertat Inger gegenüber, die von Pontoppidan nicht weiter herausgestellt wird. Es ist aber anzunehmen, seine Gattin war Per keineswegs gleichgültig. Selbst wenn der Maulwurf, statt die Henne, eher den Schatten liebt, den ihre Flügel werfen, hat man sich immerhin aneinander gewöhnt und bildet eine Symbiose, die schmerzhaft getrennt wird. Doch zum Schmerz kann Per nicht Ingers Achtung mitnehmen. Das wiegt schwer. Ähnlich war ihm bis dahin niemals gleichgültig gewesen, wie das Fräulein Jakobe, der Handelshausbesitzer Philip Salomon, der aalglatte Journalist Dyhring, Ingers biedere Eltern, der Apotheker, die Kinder von ihm dachten. Nun aber soll es ihn nicht mehr kümmern, als was er gelten wird – ob als taube Nuß, Schlagetot, Nachteule. Er ist nur noch dem Gespräch seiner verschiedenen Fragmente verpflichtet; die Welt ist in ihm allein. Doch um wahr zu sein, klingt das zu schön. Da der Mensch ein soziales Wesen ist, muß er ohne Konflikte verkümmern. Wobei das Bestärkende oft gerade im Beschämenden wächst. Und welchen Wert sollte eine Selbstkritik haben, die unter einer Käseglocke stattfindet? Ein ehrgeiziger Mensch zum Beispiel, der sich seinem Scheitern nie stellt, wird seinen Ehrgeiz niemals ablegen. Der Ehrgeiz wird immer grinsend auf seiner Petroleumlampe hocken, aber brennen wird es in seinen Gedärmen.

Es ist also die klassische Flucht vor sich selber, die uns Pontoppidan mit sorgfältig erwogenen Worten und beachtlich langem Atem vorführt. Sein Held ist ein Schwächling. Jakobe erkannte es noch rechtzeitig genug, um sich Per vom Halse zu halten. Sie nahm an ihm nur die „kalte Nachtseite“ der Leidenschaft wahr, nämlich Trotz, Egoismus, Eigensinn, dagegen nichts Stürmisches und Verzehrendes. Gerade damit habe er sich allerdings als ein „vollendetes Kind des leidenschaftslosen dänischen Volkes mit den blassen Augen und dem furchtsamen Gemüt“ erwiesen ... Einer „dieser Bergtrolle, die nicht in die Sonne schauen konnten ohne zu niesen, die erst im Dunkeln richtig auflebten, wenn sie auf ihren Maulwurfshügeln saßen und im Abendschein Lichtstrahlen hervorzauberten zu Trost und Erbauung für ihre bedrängten Sinne ...“



Siehe auch
P. vom Daßdaß-Virus befallen, Kapitel 25, im Beitrag nach der Mitte
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