Dienstag, 3. Juli 2012
Ein Freiheitsstatuenkämpfer
Geschrieben 2010


Eine Freundin legt mir den 1992 erschienenen Roman Leviathan von Paul Auster ans Herz. Sie habe bei der Lektüre ständig an mich denken müssen. Ich besorge ihn mir. Austers Ich-Erzähler rollt die Geschichte eines Schriftstellers auf, mit dem dieser Erzähler eng befreundet war, streckenweise sogar die Geliebten teilte. Benjamin Sachs endet verhältnismäßig jung durch Explosion einer Bombe, an der er sich gerade zu schaffen macht. Hinter ihm liegt die Sprengung von rund einem Dutzend der rund 130 Nachbildungen der Freiheitsstatue, die es in den Staaten gibt. Er hätte also noch genug Arbeit gehabt – sinnvolle, politische Arbeit. Auch das Geld, das ihm bei einem in Notwehr vorgenommenen Totschlag zufällt, hätte noch gereicht. Das Schreiben von Erzählungen gab Sachs nach seinem ersten Roman auf, obwohl ihm damit zumindest ein „Achtungserfolg“ gelungen war. Auf seinen von linker Warte aus geschriebenen kritischen Artikeln bleibt er dann zunehmend sitzen. Schließlich streckt er vor den komplizierten Liebesverhältnissen, in die er sich immer wieder verstrickt, ebenfalls die Segel. Den Sprengmeister gibt er als einsamer und konspirativ vorgehender Landfahrer. Dies alles wird in Rückblenden erzählt, die gekonnt die Spannung aufrecht erhalten.

Auch über Austers genaue und schlichte Sprache kann man nicht meckern. Er zahlt dem Avantgardismus, dem wahrscheinlich mehr als 50 Prozent der weltweit verge-benen Literaturpreise zufallen, keinen Tribut. Gleichwohl bin ich von dem Roman enttäuscht – der Zauber fehlt. Wahrscheinlich spielt sich zu wenig an bestimmten Orten ab, die für Atmosphäre sorgen könnten. Ob Tisch, Baum, Gesicht, Wetter – solche Gegenstände werden kaum beschrieben. Die Natur ist nur mitgedachte Kulisse. Die Gedanken werden nicht verankert. Dadurch bekommen das Romangeschehen und die Figuren etwas Beliebiges, Austauschbares. Der Erzähler oder Sachs rühmen Thoreau, aber dessen Prosa hat doch ein ganz anderes Kaliber. Sie zieht uns ins Buch, während man bei Auster kaum einen Fuß hineinbekommt. Ich fühlte mich ein wenig an Reglers mißglückten Spanienroman erinnert.

Ich fürchte, selbst das Politische ist bei Auster nur Kulisse. Hin und wieder hakt er in wenigen Sätzen die neue politische Lage ab – der Vietnamkrieg endet, Reagan wird Präsident, die Mauer fällt ... In der Zwischenzeit leben Sachs und die anderen Hauptfiguren, auch der Erzähler, geradezu unpolitisch. Das Liebesleben, das Schreiben, die Alltagsbewältigung beschäftigen sie. Der Titel des Romans ist ungedeckt – peinlich aufgeklatscht. Den Moloch Staat wissen wir irgendwo im Nebel. Der linke Anspruch läuft wie der Mond mit, nach dem wir auch nur selten blicken. Im Zimmer des Getöteten stößt Sachs auf Schriften des anarchistisch gesinnten US-Bürgers Alexander Berkman, dem Dimaggio offenbar nachgeeifert hat. „Ich halte es keineswegs für eine gute Idee, Sägewerke in die Luft zu sprengen, aber ich war neidisch auf ihn, weil er den Mut hatte, etwas zu tun. Ich hatte nie einen Finger gerührt. Ich hatte 15 Jahre lang immer nur rumgesessen und gejammert, es aber trotz all meiner selbstgerechten Anschauungen und kämpferischen Attitüden nie über mich gebracht, meinen eigenen Kopf zu riskieren. Ich war ein Heuchler, und Dimaggio war keiner, und wenn ich mich mit ihm verglich, konnte ich nichts als Scham empfinden.“

Der Erzähler stellt Sachs als zunehmend verzweifelten Menschen hin, der ein tragisches Ende nehmen muß. Es wird aber nicht klar, worüber Sachs eigentlich verzweifelt. Politische Ohnmachtsgefühle beispielsweise werden, wie ich angedeutet habe, gar nicht vorgeführt. Auch die erotischen Wirren und Zwiespalte, an denen Sachs leidet, liefern für mich kein überzeugendes Motiv. Zu Anfang seines Berichtes weist der Erzähler wiederholt auf Sachs' Aggressivität hin, doch diesen Faden nimmt er nie wieder auf. „Bei aller Sanftheit konnte Sachs ein sturer Dogma-tiker sein, und zuweilen erging er sich in wüsten Wutaus-brüchen, in wirklich erschreckenden Tobsuchtsanfällen, die sich aber nicht gegen ihm Nahestehende richteten, sondern eher gegen die Welt im allgemeinen. Er war entsetzt über die Dummheit der Welt, und unter seiner Unbeschwertheit und guten Laune spürte man gelegentlich ein ganzes Reservoir von Intoleranz und Verachtung. Fast alles, was er schrieb, hatte einen grämlichen, bissigen Unterton, und im Lauf der Jahre erwarb er sich den Ruf eines Unruhestifters.“

Wenige Seiten später behauptet der Erzähler, der kleine Benjamin Sachs habe nie nennenswerte Konflikte mit seinem Vater gehabt. Das kann ich kaum glauben. Wenn der Vater als zurückhaltend, vielleicht sogar verschlossen beschrieben wird, könnte gerade darin eine Quelle jener Aggressivität des Sprößlings gelegen haben. Jedenfalls ist Sachs ziemlich offensichtlich weder mit sich noch mit der Welt im Reinen – beides bedingt sich ja auch. Doch diese schmutzige Wäsche packt der Erzähler nie auf den Tisch. Was haben wir davon, wenn er Sachs' dramatische (Liebes-)Beziehungen schildert, aber keine Schlüsse daraus zieht? Er legt keine Muster frei. Er müßte die Zwangsjacke kennzeichnen, die Sachs zu schaffen macht. Aber wir verstehen Sachs am Ende nicht besser als am Anfang.

Vielleicht rennt Sachs wie fast alle Welt nur der Anerken-nung hinterher. Warum suchen wir denn Geliebte, uns bestätigende Kollegen, Autoritäten, Freunde, Bekannte, eine politische Heimat oder wenigstens eine politische Linie, eine Leserschaft – irgendein schmales Publikum, das uns das Gefühl gibt, wir lägen gar nicht so falsch, ja wir taugten sogar etwas? Hierin steckt das banale Geheimnis von Armin Müllers Dürsten nach Idylle oder Heimat. Sagen wir: Geborgenheit. Denn in ihr werden wir weder übergangen noch angezweifelt. Wir gehören dazu. Wir sind anerkannt. Hierin erblicke ich das Grundmuster allen menschlichen Strebens – und es gibt kein weiteres neben ihm.
°
°