Montag, 26. Oktober 2026
Überraschender Ausgang des Fußballkriegs auf der Schweinsblaseninsel

Von den Ereignissen, die ich im folgenden auszubreiten gedenke, hat niemand eine Ahnung, weil sie bis zur Stunde nie den Weg in die Presse fanden. Dabei hätte das sicherlich manche Stange Geld abgeworfen. Selbst Prahlhans Tom hatte sich diesen Weg jedoch offensichtlich verkniffen, nachdem es ihm wider Erwarten gelungen war, als ausgesetzter, völlig entkräfteter Kanufahrer irgendwo auf dem Meer von einem fetten Frachtschiff aufgeklaubt zu werden. Ich nehme an, er sparte sich die Geschichte seiner Rettung auf, um sie dann, wenige Monate später, doppelt wirksam mit seinem erfolgreichen Rachefeldzug gegen die Schweinsblaseninsel beziehungsweise gegen mich, seinen alten, wenn auch deutlich jüngeren Kumpel, zu koppeln. Ich heiße Mark und war Toms Neffe. Allerdings schlug dessen Unternehmung fehl, weil mir Insulaner Bobo eine Wunderwaffe anvertraut hatte. Zudem war mir mit Kevin, Toms Piloten, eine nahezu stumme Verständigung gelungen. Und damit war es zu spät, mußten Tom und seine drei restlichen Mitstreiter doch bald nach unserem Abheben von der Insel mit Hilfe einer Bodenluke ihres Hubschraubers zu den Haifischen wandern – als Leichen. Ein Staatsanwalt könnte mir und Kevin also theoretisch vierfachen Mord vorwerfen, aber erstens wird er Kevin nicht auftreiben, und was zweitens mich betrifft, hat mir erst kürzlich ein Rechtsanwalt versichert, an mir hätte ein Staatsanwalt, nach so vielen Jahren, keine rechte Freude mehr. Schließlich habe ich inzwischen die 85 überschritten und bin mehr oder weniger sterbenskrank. Möge mir mein Bericht ein kleiner Trost sein.
~~~ Die abgeschiedene Schweinsblaseninsel ist noch heute nur oberflächlich bekannt. Ihre rund 500 Bewohner-Innen haben es immer verstanden, sich dem weißen Forschergeist gegenüber bedeckt zu halten. Deshalb blieben ihnen auch zwei Grundübel des 20. Jahrhunderts erspart: Kapitalismus und Tourismus. Sogar die beiden Weltkriege gingen spurlos an der ungefähr bananenför-migen Insel vorüber. Die InsulanerInnen hatten anfangs wie InderInnen auf uns gewirkt: hellbraune Haut, jeder mit schwarzem Schopf. So war es kein Wunder, daß der athletische Tom gleich einen Extrabonus einheimsen konnte, denn er war blond und trug sein Haar fast schulterlang. Fußballfans werden Fotos kennen, die ihn mit wippender Mähne zeigen, trainierte er doch einst in der deutschen Bundesliga einen Spitzenclub und versäumte selten eine Gelegenheit, wie ein schnaubendes Streitroß um die Eckfahnen zu traben, wenn er den Schiedsrichter zu beleidigen oder einen unverbrauchten Spieler einzuwechseln gedachte. Die vermeintlichen InderInnen dagegen, auf die wir zufällig aufgrund eines Maschinenschadens unseres Kleinflugzeuges gestoßen waren, verkörperten in der Regel die Ruhe selbst. Sie hatten sich auf fünf Dörfer verteilt und pflogen Gemein-wirtschaft, ohne sich dabei jemals aus „Erwerbsgründen“ ein Bein auszureißen. Klima und Boden sorgten für nahrhafte Früchte, neben Bananen etwa Eßkastanien, Datteln, Feigen. Man jagte Hasen oder Wildschweine mit Pfeil und Bogen und zog jede Menge Fische aus dem Meer oder aus den eigenen Bächen. Die junge Insulanerin, in die ich mich bald nach unserer Ankunft verliebte, war im Spezialfach Taucherin nach Muscheln. Ich will sie Lachs nennen, um sie zu schützen. Sie gehörte dem südlichen Küstendorf A. an, und eben in diesem wurden wir nach unserer unsanften Landung auch als Gäste aufgenommen. Nach wenigen Monaten trug man uns sogar die Mitglied-schaft an. Bald darauf brach das Fußballfieber aus.
~~~ Tom hatte mir die private Flugreise aus Anlaß meines Diploms zum Informatiker geschenkt. Allerdings machte er sich aus Informatik so wenig wie aus Soziologie. Er war ungefähr das Gegenteil von SDS-Chefideologe Hans-Jürgen Krahl, über dessen tödlichen Autounfall wir noch im Flugzeug gesprochen hatten. Deshalb konnte er natürlich auch der insularen Gemeinwirtschaft wenig abgewinnen. Er entdeckte aber immerhin eine wichtige Einrichtung der erlegten Wildschweine: sie hatten kräftige Blasen. Schon peitschte ihn seine Fußballsucht, die ihn auszuzehren drohte, zu der Idee, die Insel erstmals in ihrer langen Geschichte mit einem Fußball zu beglücken. Sein eigener schicker Fußball war leider im Zuge unserer Notlandung auf einer schmalen Landzunge vernichtet worden. Die Piper war am Fuß der Landzunge auf Felsen geprallt und in Flammen aufgegangen. Auch unsere Funkgeräte, ein frühes Handy eingeschlossen, und unsere Personalpapiere verbrannten. Freilich hatte Tom geistesgegenwärtig den Rote-Kreuz-Koffer von der Wandverkleidung oberhalb der Kabinentür gerissen, ehe wir uns beide aus dem Flugzeugwrack hechteten und wie geölte Blitze die Landzunge hinabrannten. An deren Ende luden uns Leute aus dem Dorf A. in die Kanus, mit denen sie herbeigeilt waren. Auch den Koffer bargen sie, obwohl sie keinen Schimmer hatten, was das Rote Kreuz bedeutete. Der Koffer sollte sich erst nach Toms Einfall auf der Insel per Hubschrauber als meine Rettung erweisen.
~~~ Tom hatte sich mit einem Insulaner, der manche Sattlerarbeiten beherrschte, zusammengetan. Der Mann nähte eine Lederhülle, in die sie schließlich die Schweinsblase bugsierten, bevor sie diese aufbliesen, zuknoteten und auch das Fülloch noch schlossen. Über den fertigen Ball konnte man nicht meckern. Tom tippte ihn mehrmals auf dem Dorfplatz auf, und er sprang ihm jedesmal wieder in die Arme. Später zeigte sich ein geringer Nachteil, falls die Blase einmal erschlaffte oder gar platzte: man mußte das Fülloch öffnen, eine Ersatzblase einführen und das Fülloch wieder zunähen. Wie sich versteht, machten die InsulanerInnen am Geburtstag unseres Fußballs große Augen, als ich mit Tom ein paar Doppelpässe und Kerzen spielte. Zum Abschluß stoppte Tom den Ball perfekt, verkniff ein Auge und drosch ihn über gut 20 Meter hinweg mit dem Spann genau in ein aufstehendes Küchenfenster des Dorfgemeinschaftshauses. Zum Glück fiel er nicht in die Suppe. Die Leute kreischten und johlten, und Tom war der Held des Tages.
~~~ Ein ungleich verhängnisvollerer Nachteil machte sich bereits nach wenigen Wochen bemerkbar: das Fußball-fieber stieg unaufhaltsam, es ergriff die ganze Insel. Leider wirkte es gerade so, wie Topspieler und Trainer Tom es aus Europa kannte und schätzte. Alle wollten plötzlich trainiert werden; jedes Dorf legte einen Fußballplatz an; und natürlich konnte es, auf Betreiben Toms, nicht ausbleiben, daß eine Inselliga geschaffen wurde, um in Vor- und Rück-spielen den Mannschaftsmeister der Schweinsblaseninsel ermitteln zu können. Möglicherweise wäre gegen dieses neue sportliche Vergnügen nichts zu sagen gewesen, wenn es die Insel nicht auch mit den Unsitten europäischen Beruffußballs durchtränkt hätte. Fanatismus und lokaler Patriotismus gingen um; das Konkurrenzdenken verseuchte auch andere Bereiche des gemeinwirtschaft-lichen Insellebens; das Klima der freundschaftlichen und fast behäbigen Kommunikation verschärfte, ja vergiftete sich zusehends. Schon nach der Kür des ersten Inselmeisters redete Tom den Kämpfern ein, in der kommenden Saison der Liga müßten „materielle Anreize“ eingeführt werden. Ruhmreden und Urkunden täten es nicht mehr allein. Damit wurde das Faß zum Überlaufen reif.
~~~ Zwar hatten Lachs und ich eine Zeitlang gar nicht so ungern in der Mannschaft unseres Dorfes mitgemischt, doch die beschriebene Tendenz der Verrohung mißfiel uns immer mehr. Und nun schlug Einpeitscher Tom also Preisgelder vor! Selbstverständlich hatte es auf der Schweinsblaseninsel niemals Geld gegeben. Man wußte noch nicht einmal, was das eigentlich sei, und man benötigte es auch gar nicht, weil die InsulanerInnen ihre Reichtümer nach Gerechtigkeit und Bedarf schlicht und einfach teilten. Aber Fuchs Tom wußte Rat. Ihm war im Walde einmal ein Luchs begegnet, was ihn stark beeindruckt hatte. Die hochbeinige, gefleckte, eher menschenscheue Katze war auf der Insel nicht häufig und wurde unter anderem gerade deshalb beinahe verehrt. Jetzt spitzte Tom ein paar erfahrene und neuerdings fußballbegeisterte JägerInnen an, einen Luchs zu erlegen! Einen entsprechenden Beschluß der Dorfversammlung gab es natürlich nicht. Mir und ein paar anderen schwante freilich Schlimmes, als sie aus dem Wald zurückkehrten, zwischen zwei Schultern eine Stange, an der die tote Raubkatze schaukelte. Sie häuteten ihr Opfer ab und beraubten es zusätzlich seiner Klauen und Reißzähne. Während sie diese in Anhänger und Halsketten verwandelten, fertigten sie aus dem Luchsfell zunächst nur eine prächtige Mütze an. Damit war das erste Preisgeld geschaffen, und es dauerte nur wenige Tage, bis sich viele InsulanerInnen danach verzehrten, soweit sie nicht zu den PreisträgerInnen gehörten. Die Mütze bekam der Torschützenkönig der Saison. Manche Begierigen luchsten einem Preisträger den Schmuck ab, indem sie diesem Dinge zuschoben, die sie der Gemeinschaft normalerweise nicht hätten entziehen dürfen, beispielsweise eine hübsche geschnitzte Holzskulptur, die oberhalb des Freilicht-schachbretts auf einem überdachten Sockel gestanden hatte. Plötzlich fehlte sie. Kurz und gut, Tauschhandel, Neid und Mißgunst aller Art blühten auf, während die Heckenrosen am Dorfanger mit roten Hagebutten blinkten, die umsonst auf PflückerInnen warteten. Die PflückerInnen hatten „auf dem Platz“ zu tun, Toreschießen üben. Vielleicht konnte man ja dadurch eine Luchsmütze ergattern, ohne sie dem amtierenden Schützenkönig von dem Wandhaken über seinem Bett stehlen zu müssen.
~~~ Eine gute Woche nach dem Einzug der ersten LuchsjägerInnen der Inselgeschichte saß ich mit Lachs und zwei Dutzend Insulanern aus allen Dörfern zwecks Beratung in einem versteckten Steinbruch. Wir kamen rasch überein, dem Fußball-Irrsinn müsse dringend Einhalt geboten werden. Wir entwarfen eine regelrechte Agitprop-Kampagne und verteilten verschiedene Aufgaben. Dazu zählte sogar ein Sabotageakt: wir wollten die Verstecke der Fußbälle ausforschen, die Bälle klauen und sie unserseits wiederum verstecken, um sie am Tag unseres Sieges vielleicht hervorzuholen und feierlich in ein Lagerfeuer zu werfen ...
~~~ Es kostete uns einige Wochen Mühe, die überwältigende Mehrheit der InsulanerInnen zu den alten Gepflogenheiten zu bekehren. Zum Teil mußten wir uns die Münder fusselig reden. Gegen ein paar führende FanatikerInnen, voran der liebe Tom, war natürlich einstweilen kein Kraut gewachsen. In diesen Fällen bauten wir auf die Zeit. Sie würden allmählich zur Vernunft kommen. Von Einpeitscher Tom glaubte das allerdings keiner, und ich muß zugeben, selbst ich teilte diesen Unglauben. Ich hatte schmerzlich erkannt, wie gemeingefährlich dieser blonde Recke für jede egalitäre Lebensgemeinschaft war. Auf der Inselvollversammlung, die unsere Kampagne offiziell beenden und auch über Toms Schicksal entscheiden sollte, brachte eine Arbeitsgruppe, die sich damit befaßt hatte, einen Vorschlag ein, der nach kurzer Debatte ohne jedes Veto angenommen wurde. Die Gruppe hatte ihn angenehm knapp, gleichwohl unmißverständlich formuliert: »Bekanntlich liebt Tom den Kampf über alles. Soll er sich also, in einem Kanu ausgesetzt, mit dem Meer herumschlagen. Er bekommt Proviant und Trinkwasser für vier Wochen und einen Sonnenhut mit auf die Reise. Sollte er sich auf der Schweinsblaseninsel noch einmal blicken lassen, gilt er als vogelfrei.«
~~~ Ungefähr zwei Wochen nach der Aussetzung nahm mich Bobo beiseite. Er zählte zu meinen engsten Freunden. Er sah ein bißchen wie Rumpelstilzchen aus und ging bereits auf die 60 zu. Auf der ganzen Insel genaß er einen ausgezeichneten Ruf als Heilkundiger, Naturforscher und begabter Bastler. Jetzt raunte er mit besorgter Miene: „Mark, ich habe ein ungutes Gefühl. Tom könnte hier wieder auftauchen, und dann wird es verdammt ungemütlich. Wie sich versteht, wird er es vor allem auf dich abgesehen haben. Nimm deshalb dies hier und verstecke es für den Notfall gut. Sobald die blonde Mähne aufscheinen sollte, holst du es hervor und verbirgst es auch an deinem Körper gut. Es ist eine tödliche Waffe.“
~~~ Ich erkannte die Spritze aus dem Rote-Kreuz-Koffer, außerdem eine vermutlich ausgehöhlte, aber verschlossene Walnuß. Man muß dazu wissen, Bobo arbeitete, als Heiler, zuweilen mit dem Gift der Stirnbandnatter. Er verstand sich darauf, die Natter zu fangen und ihr das Gift abzuzapfen, indem er sie zwang, ihre Giftzähne in den flachen Korken einer kleinen aus Ton gebrannten Flasche zu schlagen. Dieses starke, anscheinend auch haltbare Gift hatte er nun, mir zuliebe, in die Walnuß gefüllt, bevor er sie versiegelte. Er erklärte mir, wie ich die Nuß im Ernstfall aufbräche, um das Gift just mit der Spritze des Bordkoffers herauszupumpen. „Ich habe es eigens noch einmal an einem humpelnden Kaninchen ausprobiert“, kratzte sich Bobo etwas verlegen hinterm Ohr. „Es verendete nach wenigen Minuten und Krämpfen. Das Gift lähmt jedoch sofort, und das könnte deine Chance gegen Tom sein,
Mark …“
~~~ Einen Vorzug hatte es, als Tom nach knapp vier Monaten auf der Insel erschien: er war nicht zu überhören, weil er in einem Hubschrauber kam. Zwar hatten die Einheimischen keine Ahnung, welchen Höllenlärm ein Hubschrauber macht, aber ich wußte es. Übrigens kannte ich Hubschrauber sogar von innen, hatte ich doch vor einigen Jahren den Fehler gemacht, mich auf Zeit bei der westdeutschen Bundeswehr zu verpflichten. Von daher kannte ich mich auch mit Handfeuerwaffen aus. Nun fand ich noch Zeit, mich mit einem Spurt zum Waldrand hinter Gebüschen zu ducken. Naheliegenderweise hatte ich gleich die Stelle genommen, wo ich Bobos Geschenk in einer verwaisten Spechthöhle versteckt hatte. Doch es zeigte sich rasch, daß Tom nicht nur als Fußballtrainer clever war. Er landete mit seinem Hubschrauber mitten auf dem Dorfplatz. Nachdem das stählerne Ungeheuer vier mit Maschinenpistolen bewaffnete Personen ausgespuckt hatte, voran der blonde Tom, stellte der Pilot das lärmende Fahrzeug sogar aus. Tom spähte bereits eifrig in die Runde. Sein Gesicht wurde länger, weil er mich nicht sah. Allerdings hatte er sich so etwas schon fast gedacht. Statt seinen verräterischen Neffen erblickte er aber immerhin Lachs, dessen Geliebte. Tom grinste, wies seine Mitstreiter an, Lachs herbei zu schleppen und auch gleich kräftig zu ohrfeigen. Dann rief er mit lauter Stimme Richtung Waldrand: „Hallo, Mark, gebe dich keinen Illusionen hin. Wir fangen dich so oder so. Aber vorher könnten wir vielleicht noch dein knuspriges Liebchen in ein Sieb verwandeln – möchtest du das ..?“
~~~ Die Sache war sonnenklar: Ich hatte keine Wahl. So trat ich nach gut einer Minute aus dem Wald und hielt auf den geparkten Hubschrauber zu. Tom begrüßte mich zuckersüß und versicherte mir, er würde seinen mißra-tenen Neffen am liebsten auf der Stelle umlegen. Er habe sich jedoch überlegt, man sollte ihn vorher noch ein bißchen schmecken lassen, was er, der im Kanu ausgesetzte Onkel, vor einiger Zeit dank Marks unterlassener Hilfeleistung durchzumachen hatte. Ich biß die Zähne aufeinander und schwieg. Dann wurde ich gefesselt und in den Hubschrauber gestoßen. Alle vier Entführer gingen wieder an Bord. Der Pilot startete – und ab ging die Post. Die InsulanerInnen hielten sich die Ohren zu und erstarrten fast vor Wut. Während sie dem Ungeheuer nachblickten, gingen sie zu Verwünschungen oder Wehklagen über. Einige kümmerten sich um Lachs, die glatt in Ohnmacht gefallen war.
~~~ Gottseidank maßte sich Tom nicht den Pilotenstuhl an. Wie Kevin später erzählte, hatte er unterwegs einen häßlichen Streit mit Besserwisser Tom gehabt. Dieser beließ ihn jedoch wohlweislich im Amt. Tom hockte schweigend auf seinem auf der linken Seite angebrachten Co-Pilotensitz, warf seinem Gefangenen Mark, der mit Handfesseln allein auf der dreisitzigen Bank in Toms Rücken saß, hin und wieder ein teufliches Lächeln zu und blickte immer häufiger auf seine sündhaft teure Armbanduhr. Man hatte mich auf dem mittleren Platz der Bank angeschnallt, aus Gründen der Gewichtsverteilung. Hubschrauber kommen leicht ins Schwanken. Meine exklusive Bank wies zum Heck, also in die Kabine. Ihr gegenüber war die zweite Bank eingebaut, die zum Cockpit zeigte. Selbstverständlich waren auch alle anderen Insassen angeschnallt. Die Mehrpunkt-Gurte in Hubschraubern schnüren die Personen sogar ziemlich stramm ein, um ständig drohenden Turbulenzen und somit Verlagerungen und Verletzungen der Insassen vorzubeugen. Die drei Wachleute auf der zweiten Bank hielten allerdings ihre Maschinenpistolen im Schoß und streichelten sie ab und zu zärtlich. Wie sich versteht, hatte Tom seinen Gefangenen vor Fahrtantritt nach Waffen abgetastet. Zwar wußte er, auf der Schweinsblaseninsel gab es keine Handfeuerwaffen, doch konnte man mir ja zum Beispiel auf der Flucht zum Waldrand ein Messer zugesteckt haben. Das war aber nicht der Fall. Dafür hatte sich Tom die Peinlichkeit erlassen, seinem Neffen auch noch in die Unterhose und die Schamhaare zu greifen – und das sollte sich als ein Fehler herausstellen, der Tom das Leben kostete.
~~~ Durch gelegentliche, möglichst unverfängliche Blicke über meine Schulter überzeugte ich mich davon, daß ich sehr wahrscheinlich auf Kevin bauen konnte. Diese stumme Verständigung hatte bereits auf dem Dorfplatz begonnen. Der Streit mit Tom hatte Kevin erzürnt, und dann war noch Toms Kaltblütigkeit hinzu gekommen, meine Geliebte Lachs als Geisel zu nehmen, um sie nötigenfalls zu erschießen. Das fand Kevin nur widerwärtig.
~~~ Ich bekämpfte meine bohrende Angst mit krampfhaften Überlegungen, wie ich vielleicht einen Angriff auf Tom ins Werk setzen könnte. Schließlich entdeckte ich in einem Fach an der Bordwand die sogenannten Piddle-Packs, und sie gaben mir einen recht komplizierten Plan ein. Auf deutsch gesagt, handelte es sich schlicht um Pinkelbeutel. Hubschrauber verfügen in der Regel nicht über ein Bordklo. Wer dringend pinkeln muß, tut es in einen solchen mit saugfähigem Pulver gefüllten Beutel. Ein Fall deftiger Notdurft erfordert eine kurze Zwischenlandung.
~~~ Kurz und gut, ich begann die Posse „meine Blase platzt gleich“ aufzuführen. Tom zeigte sich zunächst belustigt. Dann winkte er unwirsch ab und raunzte nach hinten: „Also bitteschön. Schnallt ihn los und reicht ihm den Pinkelbeutel. Er soll sich aber gut festhalten, sonst geht alles auf unseren kostbaren Perserteppich!“
~~~ Während er seinen Scherz bekicherte, erwiderte ich erstaunlich geistesgegenwärtig: „Wie soll ich mich denn mit gefesselten Händen festhalten, guter Chef vom Dienst?“
~~~ Das fand er offenbar ähnlich witzig. Er wieherte und raunzte erneut: „Na, macht schon. Nehmt ihm die Handfessel ab. Ihr werdet ja wohl imstande sein, ihn zu Dritt notfalls kampfunfähig zu schießen.“
~~~ Meine Wächter verdrehten ihre Augen und nahmen den Zwischenfall offensichtlich ungleich weniger ernst als ich selber. Nur einer von ihnen hatte sich abgeschnallt, wegen dem Beutel in dem Wandfach. Jetzt kam es auf die Gunst der Sekunden an. Während mir der losgeschnallte Stiesel die Handfesseln abnahm, verlor er das Gleichge-wicht und fiel rücklings einem Kameraden auf den Schoß. Darüber prusteten sie alle drei wie im Zirkus Aladin. Ich dagegen griff blitzschnell in meine Unterhose, zog die bereits gefüllte Spritze hervor und stach sie im Umwenden wie eine Harpune in Toms kräftigen Oberarm, der jetzt auf Kevins Rückenlehne lag. Auch dies gab ich als Gleich-gewichtsunfall aus. Meine immer noch kichernden Bewa-cher hatten das Harpunieren wahrscheinlich gar nicht mitbekommen. Dafür vernahmen sie umso verdutzter Toms Aufschrei. Unser Häuptling bäumte sich in seinem Gurt auf, erschlaffte aber bereits.
~~~ „Himmel!“ rief Kevin, dem ich auch noch zugezwinkert hatte. „Vielleicht ein Herzinfarkt! Holt ihn sofort nach hinten, legt ihn auf eure Bank und versucht es mit Massage und Beatmung …“
~~~ Die Drei waren so dumm. Während sie an dem gelähmtem Bordchef herumzerrten, griff ich mir blitzschnell eine Maschinenpistole von der hinteren Bank. Es war sogar überflüssig, zwei oder drei Schritte zurück zu treten, denn der schwankende Hubschrauber warf mich gegen die Bordwand mit den Pinkelbeuteln. Ich verlor jedoch weder meine Waffe noch die Schußrichtung und tötete meine Wächter innerhalb weniger Sekunden. Dann fiel ich erst einmal auf die Leichen, weil der Hubschrauber nun zum Bug hin bockte. Ich bekam aber immerhin Kevin in den Blick, der mir über die Schulter zugrinste und sich im übrigen alle Mühe gab, sein Flugzeug unter Kontrolle zu behalten. Schließlich rief er mir sogar zu: „Ich werde die Bodenluke entriegeln, Mark! Wir sind noch über dem Meer. Klappe die Luke vorsichtig auf und schiebe die Gauner dann beherzt hinaus, Mark, alle Vier, und dann können wir uns über die günstigste neue Sitzordnung unterhalten ...“
~~~ Ich gestatte mir einen Sprung in die Schweiz. Dort setzte mich Kevin bei einer bäuerlichen Lebensgemein-schaft im Schwarzbubenland ab. Diese Gebirgsgegend liegt im Kanton Solothurn. Kevin selber gedachte zunächst den Hubschrauber abzuliefern, dann auf Schleichwegen gen Süden aufzubrechen, um sich einer bestimmten Fremdenlegion anzuschließen. Soweit ich weiß, gelang ihm das. Was mich betrifft, reiste ich bald nach Irland. Dort besaß ein mit mir befreundeter noch recht junger Hochschullehrer aus Hamburg ein kleines Gehöft auf einer vorgelagerten Insel. Ich durfte bleiben. Ich verlegte mich nach und nach auf die Erforschung egalitärer Lebens-gemeinschaften und veröffentlichte unter Pseudonym mehrere Bücher zu diesem Thema. Auf diese Weise kann ich bis heute meinen Lebensunterhalt bestreiten.
~~~ Verständlicherweise wurde ich hin und wieder gefragt, wie eigentlich Toms Pläne mit seinem entführten Neffen ausgesehen hätten. Dazu kann ich nur sagen: ich weiß es nicht. Vielleicht hätten ihm zwei oder drei Stunden mit Angst erfülltem Flug über den Ozean als Folter genügt, und dann ab mit ihm durch die Bodenluke ins Wasser ...
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