Sonntag, 12. April 2026
Mordopferlexikon (MOL) Folge 3 [E—G]
ziegen, 09:50h
Inhalt ~ Fannyann Eddy und Ghofrane Haddaoui + Marwa El-Sherbini + Richard Epple + İlhan Erdost + Catarina Eufémia + Sarah Everard + David Fabricius + Cats Falck und Lena Gräns + Joseph Samuel Farinet + Adolph Fischer und Genossen + James (Jim) Fisk + Hannes Maria Flach + Eduard Fortunat + Evelyn Foster + Leo Frank + Helric Fredou + Georg Gaidzik + Ludwig Gandorfer + Marielle Franco und Anderson Pedro Gomes + James Gadiel + Michael Gaismair + Martin Gauger + Kasbek Gekkijew + Carlo Giuliani und Massinissa Guermah + Gladbecker Geiselnahme + Jorge Gomondai + Yolanda González + Heinrich Greif und Pauline Groß + Alexandros Grigoropoulos + Christina Grimmie und Alexis Sharkey + Walter Gröger + Margaret Grüneklee und Adolf Wolfard + Matija Gubec + Bernhard von Gudden und Ludwig II. + Veronica Guerin + Gustav Gunkel
Eddy, Fannyann (1974–2004) ~ Im April 2004 hatte die Gründerin des ersten Lesben- und Schwulenverbandes in Sierra Leone vor der UN-Menschenrechtskommission gesprochen und dabei die nahezu straflose Duldung von sexistisch motivierter Gewalt in ihrem Heimatland angeprangert. »Angst ist unser ständiger Begleiter.« Im September war die 30jährige tot. Man fand sie vergewaltigt, verstümmelt, mit gebrochenem Genick im Büro des Verbandes in Freetown. Sie hinterließ einen neunjährigen Sohn und ihre Lebensgefährtin.* Laut englischer Wikipedia war Eddy von mindestens drei Männern überfallen worden. Der Mordfall gelte bis heute als ungelöst. Eine amtliche Untersuchung habe jedoch befunden, die Gewalttat könne nicht mit Eddys sexualpolitischem Engagement in Verbindung gebracht werden. Da fragt man sich schon, woher die Behörden das wissen wollen, wenn nicht von den unbekannten Tätern.
~~~ Im selben Jahr wurde die aus Tunesien stammende 23jährige Boutique-Angestellte Ghofrane Haddaoui, die kurz vor ihrer Hochzeit stand, auf einem Ödland am Rand von Marsaille durch zwei wohl noch minderjährige Männer gesteinigt und dadurch getötet. Die grausam entstellte Leiche wurde erst nach einigen Tagen gefunden. Wahrscheinlich hatte sich der Haupttäter, ebenfalls Tunesier, zurückgewiesen gefühlt. Ein Gericht verhängte 2007 hohe Haftstrafen. Ist meinem Brockhaus in dieser Frage zu trauen, läßt sich der Brauch »Steinigung« nicht so leicht den modernen persischen Mullahs in die Schuhe schieben, wie es Befreier Donald Trump gewiß gern sähe. Der Brauch wurde nämlich bereits bei Griechen, Juden und Germanen gepflogen, dabei keineswegs ausschließlich gegen Frauen. Den Jesus hätte es auch fast erwischt. Frau Merkel dachte neulich bereits über die Verordnung nach, zu jeder Corona-Schutzmaske gleich einen Pflasterstein auszugeben, gegen die Unmaskierten.
* https://www.hirschfeld-eddy-stiftung.de/die-stiftung/wir-ueber-uns/fannyann-eddy
El-Sherbini, Marwa ~ Die 31 Jahre alte Ägypterin wurde 2009 während einer Gerichtsverhandlung in Dresden, bei der sie Zeugin war, vom Angeklagten Alex W. erstochen. Der aus Rußland stammende erklärte Ausländerfeind hatte sie früher (auf einem Kinderspiel-platz) »nur« beschimpft und beleidigt. Sein Rassismus wurde in der deutschen Presse zunächst weitgehend übergangen. Befremdlich zudem, daß er seinem Opfer im Gerichtssaal sage und schreibe 16 Messerstiche beibringen konnte, bevor ihn »Sicherheitskräfte« überwältigten. Er bekam später Lebenslänglich. El-Sherbini hinterließ ihren vom Täter schwerverletzten Ehemann und den gemeinsamen dreijährigen Sohn. Beide waren Zeuge der Bluttat gewesen. Der Ehemann hatte versucht El-Sherbini zu helfen. Zum Gedenken an die Ermordete vergibt Sachsen seit 2012 ein nach ihr benanntes Stipendium. Auch ein Park trägt ihren Namen.
Epple, Richard ~ Der 17jährige Landmaschinenmecha-niker-Lehrling und Autonarr fiel am Abend des 1. März 1972 in Tübingen, der Hochburg »roter« Studenten, einer Polizeistreife auf. Da er keinen Führerschein besaß und zudem betrunken war, floh er überland, wobei er zwei Polizeisperren durchbrach und Menschen gefährdete. Schließlich wurde er durch die Heckscheibe seines nicht zugelassenen Ford Taunus 12 M von dem jungen Polizeibeamten G. erschossen, der sich wenige Jahre später, wohl aus Gewissensnot, umbrachte.* Die OrdnungshüterInnen versicherten, sie hätten den Flüchtigen für ein RAF-Mitglied gehalten – ein tödlicher Irrtum. Der Schießbefehl war über Funk von der Einsatzleitung gekommen. Eine gerichtliche Klärung fand nicht statt. Epples 20jährigem Bruder Erich war damals am Ort des »Unfalls« von Polizisten aufgetragen worden, den Vorfall zu Hause zu melden – das könnte man vielleicht geschmacklos nennen. In der Tat erklärt Erich Epple 30 Jahre später* im Gespräch mit dem Schwäbischen Tagblatt, niemand von der Polizei sei jemals bei seiner Mutter gewesen, um ihr zu sagen: »Wir haben Ihren Buben erschossen, es tut uns leid.«
* »Thema der Woche: Richard Epple«, 1. März 2002: https://web.archive.org/web/20100125152400/https://www.tagblatt.de/Home/nachrichten_artikel,Thema_Der_Woche_arid,75635.html
Erdost, İlhan ~ Die Wachstuben der Welt wimmeln von Sadisten. Kurz nach dem jüngsten Militärputsch in der Türkei wurde der 35jährige linke Verleger İlhan Erdost im November 1980 in Ankara verhaftet und im Mamak-Militärgefängnis eingesperrt. Nach einigen Quellen wurde er dort gleich so gründlich mißhandelt, daß er nach 20 Minuten erstickte. Spiegel Nr. 49 des Jahres behauptet, er sei an einem Gehirnschlag gestorben, nachdem ihm ein Soldat mit dem Gewehrkolben auf den Kopf geschlagen hatte. Die Empörung in der Öffentlichkeit sei groß gewesen. Erdosts Vergehen hatte darin bestanden, eine Übersetzung von Friedrich Engels Dialektik der Natur zu veröffentlichen. Er hinterließ seine Frau Gül und zwei Töchter. Immerhin wurden die Täter 1984 mit (glimpflichen) Haftstrafen belegt, für türkische Verhältnisse eine Seltenheit. Erdosts älterer Bruder Muzaffer, der damals ebenfalls verhaftet und mißhandelt worden war, nannte sich später ihm zu Ehren Muzaffer İlhan Erdost. Unzählige andere Fälle von Terror seitens der »Sicherheitskräfte« im Nato-Staat Türkei (seit 1952) wurden nie geahndet, ja noch nicht einmal bekannt.
Eufémia, Catarina (1928–54), südportugiesische Landarbeiterin des Alentejo, Polizeiopfer, Analphabetin und antifaschistischer Mythos. Dieser wurde vor allem von der Kommunistischen Partei in Umlauf gebracht. Nach Diana Gomes Ascenso gibt es jedoch inzwischen einige kritische Aufarbeitungen der Angelegenheit. Die zu den Todesumständen der dreifachen Mutter vorliegenden Dokumente stützten »verschiedene Hergänge des Geschehens vom kaltblütigen Mord bis zum tragischen Unfall«, schreibt die Kölner Romanistin.* Eufémia war, wohl als Wortführerin, am 19. Mai 1954 in Baleizão bei einem Streik um mehr Lohn von einem Polizeioffizier erschossen worden. Eine Schwangerschaft sei der 26jährigen angedichtet worden, um die Brutalität des Salazar-Regimes möglichst dick zu unterstreichen. Ähnliches dürfte für den acht Monate alten, prompt verletzten Buben gelten, den sie der englischen Wikipedia zufolge im Arm hielt, als der Scherge schoß. Immerhin räumt die Enzyklopädie aber Vorwürfe über Verfälschungen ein, etwa Eufémias angebliche Parteizugehörigkeit oder jene Schwangerschaft betreffend. Leider scheint Gomes Ascensos Arbeit derzeit nicht mehr im Internet aufrufbar zu sein. Schlimmer noch, die Autorin ist inzwischen selber tot. Erst 36, sei sie am 20. März 2020 einer kurzen schweren Krankheit erlegen, teilt ihre Universität im Internet mit.
* Diana Gomes Ascenso, Poetischer Widerstand im Estado Novo, Berlin/Boston 2017, S. 83
Die 33jährige Sarah Everard wurde an einem Märzabend 2021 in Südlondon von einem Polizeibeamten, wie sich rasch herausstellte, entführt, vergewaltigt und ermordet. Der Fall wird in meinem Genickbruch gestreift, siehe Pdf 4 Seite 97. Hier ergänze ich: der geständige Täter bekam Lebenslänglich. Im Pdf 3 Seite 77 wird auch der gewaltsame Tod des ostfriesischen Pfarrers und Astronomen David Fabricius im Jahr 1617 lediglich gestreift, da dessen mutmaßliche Erschlagung durch einen Dorfbewohner weitgehend im Dunkeln liegt.
Falck, Cats (1953–84) ~ Zuletzt für die Nachrichtensen-dung Rapport des Ersten Schwedischen Fernsehens tätig, war die Journalistin anscheinend gegen Ende 1984 großangelegten illegalen schwedisch-ostdeutschen Waffengeschäften auf der Spur. Kollegen gegenüber machte sie auch entsprechende Andeutungen. Übrigens wurden diese Geschäfte möglicherweise etwas später, 1986, vom schwedischen Regierungschef Olof Palme gestört oder gar unterbunden, weshalb er, wie manche glauben, im selben Jahr erschossen worden ist. Aber vorher war Sozialdemokrat Palme durchaus in sie verwickelt, meinen etliche BeobachterInnen. Mit Ostberlin hatte er guten Kontakt.
~~~ Was nun Falck angeht (31), traf sie sich 1984 an einem fast frostigen Novemberabend mit ihrer nur geringfügig älteren Freundin Lena Gräns zum Essen im beliebten Stockholmer Restaurant Öhrns Hörn. Anschließend spurlos verschwunden, wurden die beiden jungen Frauen erst Monate später, im Mai 1985, auf dem Grund des in der Nähe liegenden Hammarby-Kanals gefunden – tot. Die Leichen steckten in Gräns Auto, wobei freilich Falck am Steuer saß, die Stöckelschuhe trug und ihren Freunden zufolge ohnehin eine schlechte, noch ungeübte Fahrerin gewesen sei, zu der ein solches Verhalten schlecht passe. Dagegen führen andere die halbe oder ganze Flasche Rotwein ins Feld, die den beiden Frauen das Essen bereichert haben soll. Außerdem seien die Straßen schlüpfrig gewesen. Diese Stimmen bezweifeln auch die angebliche »heiße Spur« der unerfahrenen Journalistin und halten Falck eher für eine Aufschneiderin. Das kommt natürlich vor. In der Tat räumt auch Arne Lapidus vom Boulevardblatt Expressen Falcks Ehrgeiz ein.* Sie war bei Rapport »nur« Programmsekretärin, wünschte vielleicht mit einer Enthüllungs-Reportage zu glänzen. Allerdings tauchten ihre für den Fall wesentlichen, womöglich von einigen Leuten gefürchteten Aufzeichnungen im Rahmen der polizeilichen Ermittlungen ähnlich unter wie damals Gräns weißer Renault – sie sind verschwunden, behauptet Lapidus mit dem Buchautor Christoph Andersson. Daneben scheint unklar zu sein, was die Freundinnen gerade in der abseitigen Hafengegend zu suchen hatten. Für Fahrunterricht hätten sie sich kaum ungünstigere Bedingungen aussuchen können: Dunkelheit und Straßenglätte. Von daher war der »Unfall«, den die Polizei der Öffentlichkeit aufband, doch eher unwahrscheinlich.
~~~ Die meisten BeobachterInnen nehmen denn auch an, die Sache war arrangiert. Manche glauben, der Versenkung im Kanal sei eine Entführung und Betäubung oder gar Tötung der Opfer vorausgegangen. Laut schwedischer Wikipedia stellten die Obduzenten der Leichen einige Merkwürdigkeiten fest. Zum Beispiel fanden sich keinerlei Spuren von einem Versuch der am Kai Abgestürzten, sich aus ihren Gurten und dem Auto zu befreien. Stattdessen hätten sie erstaunlich »ordentlich« in ihren Sitzen gelehnt. Gleichwohl gaben die Obduzenten der Annahme »Tod durch Ertrinken« den Vorzug. So oder so, es kam zu verschiedenen Verdächtigungen, teils in einem anonymen Brief, ansonsten in etlichen Zeitungsartikeln sowie Vernehmungen, aber letztlich wurden die Ermittlungen sowohl der schwedischen wie der deutschen Polizei spätestens 2006 eingestellt. Ob auf Wink »von oben«, ist nicht bekannt. Alle KennerInnen des Falles halten ihn jedenfalls für ungeklärt.
~~~ Ein Verdacht wies nach Ostdeutschland. Tatsächlich hatte die DDR-Führung durch Waffenschmuggel an Staaten oder Kampfverbände, die zum Teil reaktionär sein durften wie sie wollten, viele begehrte Millionen an Devisen eingestrichen.** Sie schreckte also keineswegs vor kriminellen und blutigen Machenschaften zurück. Andererseits sollte man bei entsprechenden Zuweisungen bedenken, wie gern »die Stasi« im Westen als Bock für eigene Sünden vorgeschoben wird. Oder wenigstens damit rechnen, auch im Agentenmilieu kommen mitunter trittbrettfahrende Wichtigtuer vor, wie Lapidus mit einem Beispiel andeutet.
~~~ Das betrüblichste Kapitel des Quellenstudenten ist Lena Gräns. Sie scheint völlig nebensächlich zu sein. Man erfährt noch nicht einmal, ob sie eine Berufsausbildung besaß. Laut Lapidus war sie frisch geschieden und hatte sich um ihre Kinder zu kümmern. Die warten jetzt schon ziemlich lange.
* Arne Lapidus, https://www.expressen.se/nyheter/inloggad/dodsgatan-cats-falck-och-vaninnan-hittades-i-bilen-i-hamnbassangen/, 26. April 2018
** Patrik Baab / Robert E. Harkavy, Im Spinnennetz der Geheimdienste. Warum wurden Olof Palme, Uwe Barschel und William Colby ermordet?, Frankfurt/Main 2017, S. 63/64 und 202–10
Farinet, Joseph Samuel (1845–80) ~ Im April 1880 im Kanton Wallis auf der Flucht, wurde der gelernte Schmied und anerkannte Liebling der einheimischen Frauen in einer Schlucht des Flüßchens Salentse nahe Saillon von Gendarmen eingekesselt. Auf welche Weise der 34jährige dabei zu Tode kam, ist umstritten. Während die Polizei von einem Unfall sprach, weil Farinet abgerutscht und in die Tiefe gestürzt sei, neigte die Bevölkerung zu der Ansicht, die Hüter des Gesetzes hätten den Gauner mit dem roten hängenden Schnauzbart wie eine Gemse abgeschossen. Eine Obduktion verläuft nach Darstellung der Behörden ergebnislos, weil Farinets zertrümmerter Schädel kaum noch kenntlich gewesen sei. Der junge Augenzeuge Camille Desfayes, später Obergerichtspräsident des Kantons, sah dies laut Willi Wottreng* anders: »Ich hob seine Haare auf, und ich sah auf der Stirne ein Loch, in welches ich meinen Bleistift eintauchte. Er kam hinten am Schädel wieder heraus.«
~~~ Und welche Schwerverbrechen hatte der Gejagte verübt? Schmuggel und Falschmünzerei. Er hatte mit seinen Gehilfen vor allem 20-Rappen-Münzen hergestellt, die bei der Bevölkerung rasch beliebter als das Papiergeld der Kantonalbank waren. Der angesehene schweizer Autor Charles-Ferdinand Ramuz gab den Verbrecher 1932 in seinem Roman Farinet oder das falsche Geld als Freiheitshelden aus. Für Wottreng fanden die beiden zueinander, weil auch Ramuz das Fälschen liebte, beispielsweise Farinet auf eine Goldader stoßen ließ. Aber große Sympathien genießt der Ganove schon – nicht zuletzt in dem Bergstädtchen Saillon, das mit einem Falschgeldmuseum glänzen kann. Andrej Abplanalp behauptet prompt**, Farinet habe damals so manches Rappenstück unter arme Leute geworfen, sodaß es ihm gelungen sei, sich den Ruf eines »Robin Hoods der Alpen« zu erarbeiten. Neuerdings kursiere im Wallis sogar eine Alternativwährung zum Franken, der Farinet, der in zahlreichen Geschäften als Zahlungsmittel anerkannt werde. Als »Historiker und Kommunikations-Chef des Schweizerischen Nationalmuseums« muß es Abplanalp ja wissen.
~~~ Das Geld ist sicherlich ein vertracktes Phänomen. Die Frage, warum es betrügerische Faulpelze wie die Fliegen anzieht, ist allerdings keineswegs vertrackt. Man versuche einmal, eine Salatgurke, eine Kaffeemühle oder ein Chorwerk des schweizer Komponisten Frank Martin zu fälschen – ein mühsames und oft verfehltes Geschäft! Am leichtesten läßt sich selbstverständlich Buchgeld fälschen, deshalb werden die Schlaumeier meistens Bankiers. Zumal in der Schweiz.
* Willi Wottreng, Farinet, Zürich 2008
** Andrej Abplanalp, https://blog.nationalmuseum.ch/2020/04/farinet-der-meisterfaelscher/, (Zürich) April 2020 / Dezember 2025
Fischer, Adolph, Schriftsetzer unter anderem der Arbeiter-Zeitung, Chicago. Um den 1. Mai 1886, damals noch kein offizieller »Kampftag der Arbeiterklasse«, fanden in etlichen Städten der USA Streiks und Unruhen statt. Im Mittelpunkt stand die Forderung nach einem Acht-Stunden-Tag. Besonders blutig verliefen die Unruhen in Chicago, wo es auf beiden Seiten, ArbeiterInnen oder BürgerInnen und Polizei, im ganzen etliche Dutzend Tote gegeben haben dürfte, dazu Unmengen an Verletzten. Ein Teil dieser Opfer ging auf das Konto einer Bombe, die am 4. Mai auf dem Haymarket-Square explodierte. Obwohl der Werfer der Bombe von nicht einem Zeugen gesehen geschweige denn erkannt worden war, wurden acht »Rädelsführer« der Unruhen, die man schon seit langem hatte loswerden wollen, verhaftet und sieben von ihnen zum Tode verurteilt. Es waren überwiegend Anarchisten. Vier der Verurteilten wurden im November 1887 gehängt, während ein Fünfter (Lingg) vorher Selbstmord begangen haben soll. Außer George Engel (51) – gelernter Schuhmacher, später Spielzeugladeninhaber; Mitgründer der Sozialistischen Arbeiterpartei Nordamerikas; Vater von zwei Kindern – waren alle Todesopfer unter 40: Neben dem 29jährige Adolph Fischer handelte es sich um Albert Parsons (39), Schriftsetzer und Herausgeber des anarchistischen Wochenblatts Alarm; August Spies (31), Chefredakteur der sozialistischen Arbeiter-Zeitung; Louis Lingg (23), Tischler und Redakteur der Zeitschrift Der Anarchist.
~~~ Als die Gehängten schon fünfeinhalb Jahre unter der Erde lagen, zeigte der amtierende Gouverneur von Illinois John Peter Altgeld seltenen Mut: er begnadigte die restlichen Verurteilten im Juni 1893 – weil sämtliche acht Angeklagten des Haymarket-Verfahrens unschuldig gewesen seien. Damit hatte er immerhin seiner eigenen politischen Karriere das Grab geschaufelt. Heute zählt die Haymarket-Affäre nahezu unbestritten zu den schwerwiegendsten und folgenreichsten US-Justizmorden. Nicht nur in den Staaten war sie ein willkommener Anlaß, die Unterdrückung zu verschärfen. Zugleich schuf sie selbstverständlich Tausende von neuen »Anarchisten« – sowohl pazifistisch wie gewalttätig gestimmte. Zu ihnen zählten die späteren Theoretikerinnen Voltairine de Cleyre und Emma Goldman, die im Jahr der vier Hinrichtungen und des einen angeblichen Selbstmordes um 20 waren. De Cleyre wurde nur 45, weil sie selber noch Bekanntschaft mit einem Mordversuch machte, der zu ihrem Tod (in Chicago 1912) zumindest beitrug. Die Haymarket-Affäre hatte den USA überdies, Christian Dezer zufolge*, das erste tödliche Bombenattentat ihrer Geschichte beschert. LeserInnen von Tim Weiners umfangreichen CIA-Studie** werden getrost ergänzen können, es sei auch das erste »getürkte« tödliche Bombenattentat in der Geschichte der USA gewesen.
* https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2010-04/erster-mai-august-spies, 1. Mai 2010. Der erstaunlich ungeschminkte Artikel ist nach wie vor lesenswert.
** New York 2007, deutscher Titel CIA. Die ganze Geschichte
Fisk, James (Jim) ~ Es hätte eine große kapitalistische Karriere werden können. Nach kurzem Schulbesuch und einem Gastspiel als Zirkusarbeiter wurde der 1835 in Vermont geborene Sohn Kleiner Leute zwar nicht Tellerwäscher, aber immerhin Hotelkellner. Die wahre Entfaltung seiner Begabung und seines Fleißes bot sich ihm allerdings erst in einem Bostoner Textilgeschäft, das ihn als Verkäufer einstellte. Im Nu war er umtriebiger Handelsagent und Spekulant. Da er etwa die Bürgerkriegs-wirren in den USA zu überteuerten Restposten-Verkäufen an die Armeen beider Seiten und dem Schmuggel von Baumwolle zu nutzen verstand, kam er schon um 30 zu ansehnlichem Reichtum.
~~~ Doch jetzt stach Fisk, der zugleich grobschlächtig und schmerbäuchig gestrickt war, der Hafer erst recht. 1864 wurde er Börsenmakler in New York City und Partner von Daniel Drew, der seine Ärmel gegen den berüchtigten Eisenbahnmagnaten Cornelius Vanderbilt aufgekrempelt hatte. Durch Drew kam er gemeinsam mit Jay Gould, einem anderen windigen Geschäftsmann, in den Vorstand der Erie Railroad. Nun, da Vanderbilt abgeschmettert war, ging Fisk zum Nachtisch über: er trickste und bootete gemeinsam mit Gould Drew aus. Damit kontrollierten sie das Bahnunternehmen und machten sich daran, es systematisch auszuplündern. Das ging mit kühnen Schachzügen an der Börse und der Bestechung hoher Richter und Politiker einher, darunter William »Boß« Tweed. Hätte sich nicht US-Präsident Grant im letzten Augenblick als wachsame Dogge erwiesen und ihnen einen Fallstrick gelegt, der als »Schwarzer Freitag« (24. September) des Jahres 1869 in die Annalen einging, hätten sie sogar, wenn ich richtig verstanden habe, mit der Hilfe von Grants Schwager Abel Corbin den ganzen Goldmarkt aufgekauft. Sie kamen mit einem blauen Auge davon; Corbin ging pleite.
~~~ Seine Freibeuterei bei der Erie Railroad und anderswo konnte Fisk, oft auch »Jim« oder »Jubilee Jim« genannt, einstweilen fortsetzen. Sein Geldbedarf war immer groß. Der beleibte Mann liebte Pomp und Ausschweifungen. Zwar hatte er in jungen Jahren Lucy Moore geheiratet, ein Waisenkind, das möglicherweise lesbisch gestimmt war. Doch sie lebte längst mit einer Freundin in Boston und duldete alle Eskapaden ihres Räuberbarons. Der hatte sich in NYC, wo er auch als Geldgeber für Broadway-Produktionen auftrat, inzwischen ein anrüchiges »Showgirl« als Geliebte zugelegt, Josie Mansfield, was in der »guten Gesellschaft« auf viel Mißbilligung stieß. Aber dann gab sie sowieso Fisks angeblich blendend aussehendem Geschäftsfreund Stokes den Vorzug. Stokes verließ Frau und Kinder, Mansfield ließ Fisk sitzen. Allerdings nahm sie Briefe von Fisk mit, in denen wohl auch von einigen seiner kaufmännischen und politischen Gaunerstücken die Rede war. Doch Fisk hielt allen Erpressungsversuchen stand und zeigte sich auch in einem Rechtsstreit mit Stokes über eine gemeinsam betriebene Ölraffinierie unnachgiebig. Stokes, Jahrgang 1840, kochte vor Wut. Das Gespenst der Pleite im Verein mit seinem Haß auf den Ex-Aushälter Josies genügten dann offenbar, um ihn am 6. Januar 1872 ins New Yorker Grand Central Hotel zu treiben. Dort ersparte er dem 36jährigen Fisk den drohenden Rauswurf aus dem Eisenbahnvorstand, indem er ihn erschoß.
~~~ Die berühmte US-Nationalbibliothek weiß es sogar ganz genau.* Stokes hatte mit einem »Colt-Revolver« in der Eingangshalle auf seinen Widersacher gelauert. »Als Fisk die Treppe hinaufstieg, feuerte der Attentäter zweimal und traf ihn einmal in den Arm und einmal in den Bauch. Fisk sank zu Boden und rief: Um Gottes Willen, rettet mich denn niemand?« Zur Stunde sieht es erfreulicherweise so aus, daß die Welt keine Gnade mehr kennen wird, wenn der selbsternannte globale Obersheriff aus Washington D.C. noch in diesem Jahrhundert zu Boden gegangen sein wird. Am Brocken Iran hat er gerade schon ziemlich zu würgen. Was die damalige Hotel-Posse betrifft, kam Stokes für nur wenige Jahre ins Gefängnis, Fisk dagegen auf den Prospect Hill Cemetery in Brattleboro, Vermont.
* Heather Thomas, https://blogs.loc.gov/headlinesandheroes/2018/11/murder-in-manhattan-the-death-of-jim-fisk/, 13. November 2018
Flach, Hannes Maria ~ Der hübsche, dunkelhaarige Mann wandelte sich im Lauf der »goldenen« 20er Jahre vom Kaufmann und Handelsvertreter der AEG zum gefragten Fotokünstler der »Neuen Sachlichkeit«. Er hat eine entsprechend bewegte Liebschaft mit der Lehrerin Lotte Fahrig und, ab 1934, eine geräumige Wohnung am Kölner Neumarkt, der wiederholt zu seinen Motiven zählt. Daneben porträtiert er etliche, teils recht bekannte Künstler, darunter auch den Berufskollegen August Sander. Zu seiner politischen Haltung äußert sich Kuratorin Adelheid Komenda* nicht; es liegt aber auf der Hand, ein Freund der Nazis war er kaum. Flach kam 1936 als 35jähriger durch einen möglicherweise mehr oder weniger dummen Zufall um. Er wurde eines nachts, soweit ich weiß, unweit des Kölner Doms in der Stolkgasse erstochen. Anscheinend war er allein unterwegs gewesen. Komenda: »Vermutlich ging der Tat ein Streit um ein Taxi voraus. Der Täter, wohl ein SS-Mitglied, blieb anonym.« Nachlaßverwalter Georg Heusch habe vergeblich versucht, die näheren Todesumstände aufzuklären. Dazu hätte es verschiedener Zeugenaussagen und Dokumente bedurft, die heute nicht mehr aufzutreiben seien. Das Problem kenne ich.
* »Das Hannes M. Flach Archiv«, https://www.netzwerk-fotoarchive.de/archiv-geschichten/das-hannes-m-flach-archiv, aus Photonews, Mai 2016
Fortunat, Eduard (1565–1600) ~ Die gängigen Quellen, voran die deutsche Wikipedia, malen den badischen Markgrafen als Oberschurken und einzigartigen Laster-lumpen, obwohl es schwerlich stichhaltige Beweise dafür geben dürfte, er sei verderbter als das übrige Adelspack gewesen. Aber auf was, Wahrheit eingeschlossen, verzichtet man nicht alles um einer schönen, kräftig kolorierten Geschichte willen! Der »liederliche« Eduard, geboren 1565, war zunächst als Knabe von 10 Jahren durch den Tod seines Vaters Christoph II. lediglich in den Genuß der kleinen Markgrafschaft Baden-Rodemachern gekommen. Residenz war ein trutzig befestigtes Schloß im Städtchen Rodemack, das südlich von Luxemburg unweit der Mosel und heute in Frankreich liegt. Eduard galt schon früh als umtriebiger, im Grunde gottloser Schürzenjäger, der Ausschweifungen über alles stellte und zu deren Finanzierung weder vor Steuererhöhungen noch anderen kriminellen Maßnahmen zurückschreckte. Das ging angeblich bis zum Geldfälschen und bis zur Wegelagerei.
~~~ Die Markgrafschaft Baden-Baden kam »erst« nach dem Tod eines Cousins an Eduard. Das war 1588, als der Nachfolger 23 war. Nun saß er im »Neuen Schloß« der gleichnamigen Stadt am Schwarzwald – sofern er nicht unterwegs war, etwa zu den Höfen in Brüssel oder Stockholm. Sechs Jahre darauf, 1594, mußte er seine schwarzwäldische Warte allerdings schon wieder preisgeben: Ernst Friedrich von Baden-Durlach (Karlsruhe) nutzte eine Abwesenheit seines reiselustigen Vetters Eduard dazu, die benachbarte Grafschaft Baden-Baden entgegen kaiserlicher Gebote kurzerhand zu besetzen und dadurch, wie er nach noch heute geschätztem Muster behauptete, vorm Verderben zu retten. Dem lieben ehrgeizigen Verwandten hatte schon Eduards »standeswidrige« Vermählung mit der Kaufmannstochter Maria von Eicken mißfallen. Ein von Ernst Friedrich eigenhändig verfaßter umfangreicher »Bericht« und verschiedene »Prozeßprotokolle« sprechen von zahlreichen anderen angeblichen Schandtaten des Vetters, Zauberei und mehrere fehlgeschlagene Mordanschläge auf Ernst Friedrich selber eingeschlossen. Zwei »geständige« Spießgesellen des Vetters, Francesco Muskatelli und Paul Pestalozzi, läßt der neue Markgraf öffentlich hinrichten, wobei er in seiner Gnade darauf verzichtet, sie urteilsgemäß bei lebendigem Leibe zu vierteilen – dies geschah, nach der Enthauptung mittels Schwert, erst mit den Leichen. Die Einzelteile wurden in mehreren Durlacher Straßen ausgehängt.
~~~ Urte Schulz füllte neulich ein ganzes Buch über Das schwarze Schaf des Hauses Baden* nicht unbeträchtlich, indem sie bedenkenlos und seitenlang aus den genannten, für mein Empfinden durchaus fragwürdigen »Dokumenten« zitiert, die sich womöglich der Folter (als wahrlich »peinliche außag«, Seite 131) der Beschuldigten verdankten, mindestens aber der Befangenheit des siegreichen Markgrafen, der Erpreßbarkeit der ihm hörigen Amtspersonen und ganz allgemein der blühenden Gerüchteküche der damaligen abergläubischen Zeiten. Immerhin führt sie später, ab Seite 168, selber einige Beispiele anderer zeitgenössischer Herrscher an, die Eduard in der angeblichen Lasterhaftigkeit kaum nachstanden. Nur Ernst Friedrich nimmt sie von diesem Generalverdacht merkwürdigerweise aus. Zu den Strolchen zählt Schulz auch den beleibten sächsischen Kurfürsten Christian II., der sich im Sommer 1611, erst 27 Jahre alt, nach einer sportlichen Betätigung in seiner Dresdener Residenz nicht ausreichend zügeln konnte und in seinem erhitzten Zustand einige Liter kalten Bieres in sich hineingoß. Daraufhin habe ihn der Schlag getroffen.
~~~ Das Ende Eduards, inzwischen 34, war genau 11 Jahre früher gekommen. Es soll ähnlich lustig gewesen sein. Bewiesen ist dieser Zug keineswegs, denn der einzige angebliche Augenzeuge war ein gleichfalls befangener Mann, Eduards Mitregent in der ihm noch verbliebenen sponheimischen Herrschaft, der Graf Karl von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld. Eduard hatte ihn in die Burg des Hunsrück-Städtchens Kastellaun eingeladen, wo er nun notgedrungen residierte. Am fraglichen Juniabend hatten sich die beiden Grafen erneut bei einem Fäßchen Moselwein zusammengesetzt, um einige »Unstimmig-keiten« zu bereden, die zwischen ihnen entstanden und der Hauptgrund des Besuches waren. Als sich Eduard übermüdet, vielleicht auch überfüllt in sein Schlafgemach zurückziehen wollte, sei er, so der Pfalzgraf in seinem Bericht, auf einer steilen, steinernen Treppe ausgeglitten und abgestürzt. Schwer verletzt, habe Eduard »Fortunatus«, der Glückliche Burgherr also, wenige Stunden später sein Leben ausgehaucht. So ein Pech – oder sollte es eher das Glück des Überlebenden gewesen sein, der womöglich im richtigen Augenblick ein wenig nachgeholfen hatte?
* Gernsbach (Casimir Katz Verlag) 2012
Um die nordenglische Taxiunternehmerin Evelyn Foster rankt sich ein Mordfall, der seit fast 100 Jahren unentwirrt ist. Bleistiftfabrikant Leo Frank aus Georgia, USA, wurde Lynchopfer, siehe Genickbuch Pdf 5 Seite 137. Der französische Polizeichef Helric Fredou erschoß sich angeblich im größten Ermittlungstrubel eigenhändig: Genickbuch Pdf 2 Seite 88. Der Vopo Georg Gaidzik wurde bei den DDR-Unruhen am 17. Juni 1953 erschossen (Genickbuch Pdf 2 Seite 2), während der bayerische linke Politiker Ludwig Gandorfer 1918 angeblich (Genickbuch Pdf 2 Seite 94) nur einem Autounfall zum Opfer gefallen war.
Franco, Marielle (1979–2018). Von jeweils 100.000 Einwohnern Brasiliens wurden 2018 rund 27 vorsätzlich getötet. Bei uns betrug die vergleichbare Mordrate, statistisch ausgedrückt, ungefähr 0,7 Todesopfer. In Vatikanstadt steht sie übrigens noch besser, nämlich auf 0,0. Als Papst hat man also eine glänzende Lebenserwar-tung, sofern man immer schön zu Hause bleibt.
~~~ Viele von den Mordopfern in Brasilien gehen aufs Konto der Polizei oder ehemaliger Polizisten, dies vor allem in den großstädtischen »Favelas«, den Elendsvierteln. Allein in der Küstenmetropole Rio de Janeiro sind ja keineswegs nur 100.000, vielmehr schon fast sieben Millionen EinwohnerInnen zusammen gepfercht. Ebendort war die Afrobrasilianerin Franco in einer Favela aufgewachsen. Links und lesbisch gestimmt, hatte sie sich zur Akademikerin sowie zur Stadträtin von Rio de Janeiro hochgearbeitet. Sie hatte unter anderem wiederholt die außergesetzliche Polizeigewalt angeprangert. Prompt wurde sie am 14. März 2018 im Stadtzentrum am hellichten Tage bei einem Anschlag, der nach allen Mutmaßungen von diesen extralegalen Kräften verübt wurde, in ihrem Auto erschossen. Sie war 38.
~~~ Laut jüngsten Berichten* wurden inzwischen, nach zahlreichen Vertuschungs- und Verschleppungsversuchen, gleichwohl mehrere Täter und sogar Hintermänner zu hohen Haftstrafen verurteilt. Richterin Carmen Lúcia habe erklärt: »Die sogenannten Herrscher der Hügel, auf denen die Slums liegen, seien Besitzer sowohl des Territoriums als auch der Menschen die dort wohnen ... Das Milizensystem installiere eine Art modernen kriminellen Feudalismus. Die Herrschenden fühlten sich darin wie in der von den alten Griechen beschriebenen Hybris unangreifbar – und blieben das meist tatsächlich.« Insofern ist die Ahndung des Mordes ohne Zweifel erstaunlich. Allerdings dürfte auch zu befürchten sein, über den Beteiligten an den Ermittlungen und Verurteilungen hinge das Damoklesschwert der Rächer.
~~~ Aus mir unbekannten Gründen war die Sozialpolitikerin Franco nicht imstande oder willens gewesen, ihr Auto eigenhändig zu lenken. Deshalb wurde auch ihr 39 Jahre alter Fahrer Anderson Pedro Gomes ein Opfer der Gangster. Zusätzlich hatte sie sogar ihre Pressesprecherin im Wagen, die aber mit dem Leben davon kam. Man sieht, in reifen kapitalistischen Demokratien wird die Arbeitsplatzbeschaffung groß geschrieben. Was Mitopfer Anderson Pedro Gomes angeht, wird er in der Regel bestenfalls namentlich erwähnt. Ich kratze über ihn zusammen: verheirateter Vater eines kleinen Sohnes namens Arthur, ein liebenswerter und stets hilfsbereiter Mann. Seine Witwe, Ágatha Arnaus Reis, räumt Reportern gegenüber ein, wegen der bereits alltäglichen Gewalttätigkeit im Moloch Rio de Janeiro sei er durchaus besorgt, wenn nicht gar in Angst gewesen. Er habe auch im Begriff gestanden, zur portugiesischen Fluggesellschaft TAP zu wechseln, als Flugzeugmechaniker. Ich bezweifele allerdings, dort gehe es nennenswert gemütlicher zu.
* Christine Wollowski, https://taz.de/Mord-an-Marielle-Franco-in-Brasilien/!6158122/, 26. Februar 2026
Gadiel, James ~ Darf man verschiedenen einheimischen Bloggern trauen, hatte der hochgewachsene, dunkelhaarige junge Mann aus dem Städtchen Kent, Connecticut, Sinn für Humor und eine feste Freundin. Vor allem aber hatte er einen »dream job« ergattert, nämlich in NYC bei Cantor Fitzgerald, dem »global financial services powerhouse«, wo er ohne Zweifel »a very successful career« vor sich hatte. Sie wurde am 11. September 2001 brutal unterbunden, residierte das »powerhouse« doch im 23. Stock des Nordturms des World Trade Centers.
~~~ James Gadiel, erst 23, zählte also zu den rund 2.700 Todesopfern der berüchtigten Anschläge. Einer, der offenbar von Anfang an wußte, auf wessen Konto dieser Massenmord ging, war der Immobilieninvestor im Ruhestand Peter Gadiel, James‘ Vater. Gadiel war mit den Oberhäuptern Kents darin einig geworden, den getöteten Sohn der 3.000-Seelen-Stadt durch eine Tafel am Rathaus zu ehren, hatte jedoch einen jahrelangen, sogar überregionale Wogen schlagenden Streit über den Wortlaut der Gedenkbotschaft durchzustehen. Zeitweise drohte selbst Fox-News-Moderator Bill O‘Reilly an, einen Reisebus zu chartern, um Gadiels Version mit vereinten Kräften ans Rathaus zu bringen. Gadiel senior wünschte eigens den Hinweis »murdered by Muslim Extremists« unter den Namen seines Sohnes zu setzen. Andere fanden das überzogen; es gefährde das tolerante religiöse Miteinander im Städtchen. Inzwischen, seit 2014*, werden auf dem endlich enthüllten Gedenkstein (des Kompromisses) »Islamist Extremists« gebrandmarkt, die James Gadiel und all die anderen teils nur »töteten«, teils aber auch «ermordeten«. Es lebe der Kentburgerstreich.
~~~ Leider sind die 9/11-Schurken, die Peter Gadiel so gut zu kennen glaubt, bis zur Stunde noch nicht enttarnt. Nebenbei soll Gadiel Anfang 2013 in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Vereinigung 9/11 Families For a Secure America erklärt haben, er besitze nach wie vor nicht die geringsten Überreste seines Sohnes und wisse auch sonst nichts von dessen letzten Lebensstunden; streng genommen muß James Gadiel somit als vermißt gelten, nicht als tot. Hier winkt ein Phänomen, das dem Vater und Vorsitzenden eigentlich zu denken geben sollte: Bis 2017 waren erst 60 Prozent der Todesopfer identifiziert; von über 1.000 Leichen fehlt bis heute jede Spur, wie sogar die Welt einräumt.** Selbst von den identifizierten waren oft nur winzige Partikel vorhanden. Schon dieser eine Gesichtspunkt des Anschlages macht die offizielle Version, die Türme seien durch Rammung und/oder Brand eingestürzt, sehr unwahrscheinlich. 2019 erhielten die »SkeptikerInnen« gewichtige Schützenhilfe von Fachleuten der Universität Alaska Fairbanks (UAF). Diese hätten in einer dicken Studie*** nachgewiesen, die offizielle Version, auch der dritte Turm, das nie von einem Flugzeug berührte WTC 7, sei durch Feuer eingestürzt, sei unhaltbar. Ihre Studie lasse vielmehr nur den Schluß zu, der Wolkenkratzer wurde gesprengt. Davon vernahm man natürlich in den Mainstream-Medien kein Wort. Und bald darauf hatten sie alle Hände voll zu tun, ein Grippevirus zum Kingkong aufzublasen.
~~~ Ein gewisser Hermann Göring hatte dereinst allen Repräsentanten des Guten geraten****, rechtzeitig für Bösewichter zu sorgen, die das Gute anzugreifen trachteten. Unter solcher Drohung lasse sich jedes Volk, ob es nun Stimmrecht besitze oder nicht, problemlos auf den Kurs seiner FührerInnen einschwören. »Diese Methode funktioniert in jedem Land.« Aber in den 1990er Jahren drohte den Repräsentanten des Guten eine empfindliche Lücke, weil mit »der Mauer« das damals so verläßliche und nützliche Reich des Bösen gefallen war. Also mußte, nach dem (angeblichen) Kommunismus, ein neues Feindbild her. Es ist heute als »Terrorismus« und »Islamismus« nur gar zu gut bekannt. Robert Kurz († 2012), auf den ich vermutlich demnächst zurückkommen werde, hatte bereits 1994 (in seinem Aufsatz Realisten und Fundamentalisten) den Verdacht, an diesem neuen Feindbild werde seitens westlicher Militärs und Geheimdienste schon seit einigen Jahren eifrig gezimmert. Wahrscheinlich verhält es sich hier wie mit den durch Drogen aufgeputschten Amokläufern oder den mit Dynamitstäben gespickten Freiheitskämpfern: Treten sie nicht naturwüchsig auf, muß man sie züchten, weil sie gar zu viele Vorteile bieten. Unter anderem bündeln sie den Haß an der richtigen falschen Stelle.
* Susan Tuz, https://www.newstimes.com/local/article/Kent-man-to-be-remembered-with-9-11-memorial-5746967.php, NewsTimes (ein Hearst-Blatt aus Connecticut) 10. September 2014
** Michael Remke, https://www.welt.de/vermischtes/article167512715/Terror-Opfer-16-Jahre-nach-9-11-identifiziert.html, 9. August 2017
*** »Hulsey-Studie«, https://ine.uaf.edu/media/222439/uaf_wtc7_draft_report_09-03-2019.pdf, 3. September 2019
**** Laut dem Psychologen und Dolmetscher Gustave M. Gilbert, Nürnberger Tagebuch, ursprünglich NYC 1947, zitiert in der Zeit 32/1986 [ https://www.zeit.de/1986/32/zeitmosaik ] nach der Fischer-TB-Ausgabe von 1985, S. 453
Gaismair, Michael ~ Studierter Jurist, wandelte er sich vom Schreiber des Bischofs von Brixen, Tirol, um 1525 zum Feldherrn aufständischer Bauern. Nun verfaßt er einen verhältnismäßig radikalen Katalog von antifeudalen und kirchenfeindlichen Forderungen, der ihm weiteren Zulauf einbringt. Auch mit dem Züricher Reformator Ulrich Zwingli steht er in Verbindung. Doch vom tiroler Landesfürsten Erzherzog Ferdinand I. hereingelegt und gejagt, zieht sich Gaismair 1529 nach Padua, Venetien, zurück, wo ihn drei Jahre darauf, ungefähr 42 Jahre alt und inzwischen Vater von vier Kindern (mit Magdalena Ganner), die Dolche von habsburgischen Kopfgeldjägern ereilen, wie in der Regel vermutet wird. Denn Beweise fehlen. Der Bozener Historiker Hannes Obermair stellt Gaismair (und dessen Gefährtin) weit über den »Tiroler Säulenheiligen« Andreas Hofer.*
* Josef Prantl, https://www.diebaz.com/2025/03/27/rebell-und-visionaer/, 27. März 2025
Gauger, Martin (1905–41) ~ Im August 1934 führte der damals knapp 30jährige Jurist und Pazifist bei der Staatsanwaltschaft Mönchengladbach vor, was eine Gewissensentscheidung ist. Aufgefordert, den »Treueeid auf den Führer« abzulegen, schüttelte Assessor Gauger als einziger Mitarbeiter der Behörde, ja Klaus Schmidt zufolge* sogar als einziger namentlich bekannter deutscher Jurist überhaupt, seinen Kopf. Er wurde sofort entlassen. Damit blieben dem hochgewachsenen und sportlichen, nun ehemaligen Staatsanwalt auf Probe noch sieben Jahre Galgenfrist. Anstellungen als Rechtsberater bei der »Bekennenden Kirche« und dem deutschen »Evangelischen Rat« in Berlin waren, offenbar wegen Gaugers mangelhafter Anpassungsfähigkeit, nur vorübergehend. Der »Rat« hielt den Rasse- und Wehrgedanken hoch, wenn ich mich nicht irre. Als sich Gauger im Frühjahr 1940 seiner Musterung beim Militär nicht mehr länger entziehen konnte, durchschwamm er den Rhein Richtung Holland. Dummerweise schickten sich die Faschisten damals gerade an, die Niederlande zu besetzen, und verhafteten nebenbei auch Gauger. Nach einjährigem Gastspiel in der Düsseldorfer Strafanstalt wurde Gauger am 12. Juni 1941 ins KZ Buchenwald verlegt. Laut Schmidt baten seine Angehörigen die Bischöfe Hans Meiser und Theophil Wurm, beide evangelisch, vergeblich, sich für den Sohn eines Wuppertaler evangelischen Pfarrers zu verwenden. Mitte Juli wird der knapp 36jährige Gauger mit anderen in die Vergasungsanstalt Schloß Sonnenstein in Pirna, Sachsen, geschafft – aus.
~~~ Heute gibt es in Nordrhein-Westfalen einen von Juristen geschaffenen und auf Gauger getauften Preis in einem den Menschenrechten verpflichteten Schüler-wettbewerb. Sind Sie also beispielsweise Unterprimaner in Wuppertal, können Sie sich diesen Preis getrost abschminken, falls Sie sich auf dem Schulhof schon einmal bei einem uniformierten Bundeswehr-Werber erkundigt haben, ob man nicht die Kriegshetze gen Rußland und die Bereitstellung der gegenwärtig auf den Iran gemünzten US-Bomber- und Drohnenleitstelle in Ramstein (Rheinland-Pfalz) »aus Gewissensgründen« lieber unterlassen sollte.
* Klaus Schmidt, https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/martin-gauger/DE-2086/lido/57c6c68c975877.68385323, 2016/2025
Gekkijew, Kasbek († 2012), russischer Nachrichten-sprecher, erschossen. Im wilden Kaukasus, wo neben dem Riesen-Bärenklau Fanatismus und Korruption gut gedeihen, werden bekanntlich hin und wieder sogenannte Stellvertreterkriege veranstaltet. Ansonsten hagelt es Jahr für Jahr politische Morde. Gekkijew, der 28jährige Nachrichtensprecher des staatlichen, russisch gelenkten Fernsehkanals WGTRK, war keineswegs ein »investigativer« Journalist, betonen einige Quellen.* Zeugin seiner Ermordung am 5. Dezember 2012 in Naltschik, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Kabardino-Balkarien, wurde eine Freundin, die sich unmittelbar vor der Tat auf der Straße mit ihm unterhalten hatte. Nach ihrer Aussage hatten ihn Unbekannte gefragt, ob er Gekkijew, der bekannte Nachrichtensprecher sei. Als er das bejahte, wurde er mit drei Schüssen in den Kopf getötet. Die TäterInnen verschwanden, angeblich spurlos. Vielleicht hatte Gekkijew etwas verlesen, das ihnen nicht genehm gewesen war. Oder denen, die für ihr Entkommen sorgten.
* Ulrich Heyden, https://www.heise.de/tp/features/Todesrisiko-fuer-Nachrichtensprecher-3396827.html, 8. Dezember 2012
Giuliani, Carlo († 2001) ~ Soweit ich weiß, gehörte der abgebrochene Student keiner politischen Organisation an, stammte jedoch aus einem links gestimmten Elternhaus. Die Familie lebte in der Großstadt Genua am Mittelmeer. An dem Tag, da Carlos Leben enden sollte, zog der 23jährige eine Badehose unter, weil er und ein Freund noch unschlüssig waren, ob sie angesichts des guten Wetters nicht zum Strand gehen würden.* Doch dann entschieden sie sich zu einer Stippvisite bei den Protesten gegen den sogenannten G8-Gipfel, der gerade in Genua abgehalten wurde. Die entfesselte Staatsmacht, die Carlo dabei erlebte, empörte ihn nicht weniger als Tausende andere Demonstranten. Er wehrte sich. Und dabei wurde er, am späten Nachmittag des 20. Juli 2001, getötet.
~~~ Nach offizieller Darstellung wurde der junge Globalisierungsgegner aus einem eingekeilten, bedrängten Polizeifahrzeug heraus erschossen. Dieses wuchtige Auto war von sogenannten gewaltbereiten Demonstranten mit verschiedenen Gegenständen beworfen und gerammt worden. Nachdem Giuliani blutend zusammengebrochen war und seine MitstreiterInnen aus Angst vor weiteren Schüssen flüchteten, überfuhr ihn das Polizeifahrzeug außerdem im Rahmen eines Wendemanövers zweimal: erst im Rückwärtsgang, dann vorwärts. Ob das »nötig« war, ist so umstritten wie die Frage, warum überhaupt geschossen worden war. Ermittlungen gegen den zur Tatzeit 20jährigen wehrpflichtigen Carabineri Mario P. wurden 2003 eingestellt, weil die Untersuchungsrichterin befand, er habe in Selbstverteidigung gehandelt. Die Kugel stammte aus P.s Pistole. Carlo soll im Begriff gestanden haben, den Beamten durch ein bereits zertrümmertes Wagenfenster mit einem in der Hitze des Gefechts aufgeklaubten Feuerlöscher zu bewerfen.
~~~ Eine Klage von Giulianis Eltern im Verein mit Carlos älterer Schwester Elena vor dem sogenannten Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg endete im März 2011 in dem teils 13:4, teils 10:7 gefaßten Urteil, weder einzelnen Polizisten noch dem italienischen Staat könne im Fall dieser Erschießung ein Fehlverhalten angekreidet werden. Da hatten sie in Straßburg anscheinend kältere Füße bekommen als etliche italienische Kollegen. In Italien fanden nämlich in den zurückliegenden Jahren einige Gerichtsverfahren statt, in deren Verlauf mehrmals offiziell von kaum glaublicher Brutalität und gezielten Provokationen der »Sicherheits-kräfte« bei den G8-Protesten die Rede war. Zahlreiche Polizisten waren inzwischen bestraft worden, darunter sogar Kommandanten, wenn auch zum Teil auffallend mild. Die Verantwortlichen in den Führungsetagen der Polizei und Politik kamen freilich wie immer ungeschoren davon. Im Gegensatz zu diesen soll Amnesty International von »massiven Verstößen gegen die Menschenrechte« sowie der »größten Außerkraftsetzung von demokratischen Rechten in einem westlichen Land nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges» gesprochen haben.
~~~ Giulianis Vater ist von einem Mord überzeugt, wie er vorm Abschluß des ersten Strafverfahrens gegen Carabineri P. sagte. Allerdings sei der Mörder »nicht eine Einzelperson, sondern der Staat. Aber wahrscheinlich werden die Ermittlungen zu dem Ergebnis kommen, daß Carlo Selbstmord verübt hat, während die Polizei gleichzeitig ein Tontaubenschießen auf dem Platz veranstaltete.« Damit spielte er ohne Zweifel auf die leider noch zu wenig bekannte »Gewaltbereitschaft« jener Kräfte an, die diesen Planeten und seine Reichtümer für ihr Privateigentum oder ihre Profitgarantieanstalt halten und die dann auch hin und wieder, je nach Bedarf, in der einen oder anderen »westlichen« Großstadt »Gipfelkonfe-renzen« veranstalten, die durch wahre Legionen von martialisch aufgerüsteten »Sicherheitskräften« vor den Leuten beschützt werden, deren Wohlergehen und deren Seelenheil den Konferenz-Gurus so sehr am Herzen liegt. Schon irgendein unbekannter Pharmaziemanager, der bestimmte, in Afrika händeringend benötigte Medikamente aus »Rentabilitätsgründen« nicht oder nur kräftig gepanscht und viel zu teuer herstellen läßt, ist x-mal »gewaltbereiter« als ein junger Mann, der zu Hause unter einem Che-Guevara-Plakat schläft.
~~~ Im April desselben Jahres 2001 löste der Tod des algerischen Schülers Massinissa Guermah die wochenlangen Unruhen des »Schwarzen Frühlings« aus. Der Zorn erfaßte vor allem die im Lande »traditionell« unterdrückten Berber (Kabylen), zu denen der 18jährige gehört hatte. Er war in Beni Douala bei Tizi Ouzou als angeblicher Dieb und Bandit verhaftet und dann in Polizeigewahrsam durch angeblichen Unfall erschossen worden. Im Oktober 2002 bedachte ein Militärgericht einen am »Unfall« beteiligten Gendarmen mit zwei Jahren Gefängnis. Guermahs Vater laut BBC**: »Jetzt haben sie meinen Sohn zum zweiten Mal getötet.«
* Michael Braun, https://taz.de/Getoeteter-Globalisierungsgegner/!5116232/, 17. Juli 2011
** https://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/2409413.stm, 6. November 2002
Eingeweihte kennen die öde, wenn auch mit Zechentürmen gespickte Ruhrgebietsstadt Gladbeck nicht nur wegen des ermordeten Abiturienten Helmut → Daube, sondern auch durch das erst neulich Aufsehen erregende »Gladbecker Geiseldrama« des Sommers 1988. Die in diesem Rahmen angefallenen Bluttaten dürfen sich allerdings andere Orte an den Hut stecken, kehrten die Gangster doch Gladbeck bald den Rücken. Ihr erstes Todesopfer wurde der blutjunge Emanuele de Giorgi, ein italienischstämmiger Schüler in Bremen. Dort wurde er aus nächster Nähe kaltblütig durch Kopfschuß getötet. 20 Jahre darauf gibt ein bekanntes Wochenblatt* eine ausführliche Rückschau auf das Ereignis, weist dabei auch auf beträchtliche Versäumnisse der Polizei und grobe Verfehlungen ganzer Meuten sensationslüsterner Journalisten hin. Zwei Männer Anfang 30 hatten eine Gladbecker Bank überfallen, später in Bremen einen gut besetzten Linienbus gekapert. Die vier Rückschau-Autoren liefern auch einen ganzen Abschnitt über »Die Opfer« – widmen ihn jedoch befremdlicherweise ganz überwiegend Tatiana, der acht- oder neunjährigen Schwester Emanueles, sowie den Eltern der Geschwister. Sie sorgen sich also um das harte Schicksal der Überlebenden. Dem 14jährigen Bruder konnte schließlich nichts mehr geschehen, weil er bereits tot war. Er gehörte mit Tatiana zu den zufälligen, ursprünglich rund 30 Fahrgästen des Linienbusses. Die Räuber hatten den Jungen ausgelöscht, um die Rückkehr einer Komplizin zu erzwingen, die beim Austreten verhaftet worden war. Nach einigen Darstellungen erwischte es den eher schmächtigen Dunkelhaarigen an Stelle seiner kleinen Schwester, die er hatte schützen wollen. Möglicherweise war er dem betreffenden Geiselnehmer auch »zu wenig unterwürfig« gewesen, wie Richter Rudolf Esders glaubt.** Das ist alles, was ich dem Internet zu dem erschossenen »Schüler« abpressen kann. Die beiden Haupttäter bekamen übrigens Lebenslänglich.
~~~ Leider gab es bei dem ganzen »Drama« sogar noch zwei weitere Tote, und auch sie werden in der Rückschau des Wochenblatts lediglich gestreift. Zunächst war der 31jährige Polizist Ingo Hagen bei der hektischen Fahndungsarbeit in einen Straßenverkehrsunfall verwickelt worden, der für ihn tödlich ausging. Und zuletzt, beim abschließenden Befreiungsschlag der Polizei auf der A 3 bei Bonn, wurde die 18jährige, im Bus gefangene Geisel Silke Bischoff erschossen – angeblich ebenfalls von den Räubern, also nicht etwa durch eine von draußen kommende Polizeikugel. Von dieser jungen Frau, nach Fotos eine hübsche blonde, ist aus einigen anderen Quellen lediglich zu erfahren, sie sei in Bremen bei ihren Großeltern aufgewachsen und habe beim dortigen Amtsgericht eine Lehre zur Staatsanwaltsgehilfin gemacht. Eindringlicher konnte sich die Lehre kaum gestalten.
~~~ Prallt eine Prinzessin von Wales in Paris gegen einen Betonpfeiler der Stadtautobahn (1997), werden umgehend 2.000 Anekdoten aus ihrer Kindheit ausgegraben und 200 Bücher über sie auf den Markt geworfen. Was dagegen die drei Opfer des »Gladbecker Geiseldramas« angeht, sind keinerlei Schilderungen aufzutreiben, die auch nur anflugweise einem Porträt ähneln. Das nenne ich eine Tragödie.
* Altrogge / Dahlkamp / Kölling / Schrep, »Mach es weg, mach es weg«, https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-58852947.html, 10. August 2008
** https://www.wn.de/Muensterland/3427879-30-Jahre-Gladbecker-Geiseldrama-Drei-Tage-im-August, Westfälische Nachrichten 11. August 2018
Gomondai, Jorge ~ Trotz ihres befremdlichen Nationalismus kann man der DDR bestimmt keine Fremdenfeindlichkeit vorwerfen. Sie nahm ständig Gäste auf, ob verfolgte oder nicht, und behandelte sie anständig. Allerdings, der Schoß war fruchtbar noch ... Kaum war Großdeutschland wieder hergestellt, ging es los. Dresden, von säulenbewehrten monumentalen Gebäuden, Standbildern und braun eingewachsten Sachsen wimmelnd, darf sich auch hierin einer Vorreiterrolle rühmen. Ein junger Mann namens Jorge Gomondai war 1981 als 18jähriger »Vertragsarbeiter« aus Mosambik in die DDR gekommen. Er arbeitete im Dresdener Schlachthof. 10 Jahre darauf, an Ostern 1991, randalierten über Tage hinweg rechtsradikale Gruppen in der Stadt. Laut Spiegel ging bei der Polizei alle zwei Stunden ein Hilferuf ein. Der inzwischen 28jährige und wiedervereinigte Mosambikaner nahm am frühen Ostermorgen in der Dresdner Neustadt eine Straßenbahn. Am Albertplatz stiegen ein rundes Dutzend lautstarker Skinheads zu, die angeblich bereits seit dem Vorabend von Polizeistreifen beobachtet wurden. Diese neuen Fahrgäste griffen den dunkelhäutigen Insassen sofort an. Wenig später landete er auf der Straße, wo er blutüberströmt liegen blieb. Die Straßenbahnführerin eilte hinaus, auch ein Taxi hielt, aber das vor allem am Kopf verletzte Opfer blieb bewußtlos. Die TäterInnen flüchteten. Von Polizei war nichts zu sehen. Gomondai starb eine knappe Woche darauf im Krankenhaus.
~~~ Als die Polizei endlich am Tatort eingetroffen war, ging sie angeblich vom Sturz eines Betrunkenen aus. In der Folge wurden zahlreiche Spuren entweder nicht aufgenommen oder aber verwischt. Unter anderem konnte der betreffende Straßenbahnwaggon einspruchslos verschrottet und ein von den späteren Tätern eigenhändig gedrehter Videofilm ohne Auswertung gelöscht werden. Trotz des Medieninteresses zogen sich die Ermittlungen über zwei Jahre hin. Als es endlich zum Prozeß vorm Landgericht kam, versicherte ein abtrünniges Mitglied der Bande immerhin, Gomondai sei mit vorgehaltenem Messer zu einem Sprung aus der fahrenden Straßenbahn gezwungen worden. Das war dem Gericht jedoch zu wackelig. Es stellte fest, leider sei nicht mit Sicherheit zu klären, ob Gomondai aus der Bahn gesprungen, versehentlich gestürzt oder aber gestoßen worden sei. Es hielt es somit für denkbar, der Angegriffene sei nicht einer polizeibekannten Schläger- und Erpresserbande, vielmehr einem zufälligen Wetterereignis zum Opfer gefallen, etwa einem Gewitter, oder einem genetisch bedingten Defekt, der seinem Gehirn im ungeeigneten Moment die Hemmschwelle vorm In-die-Tiefe-fallen raubte. Dafür fand erstaunlicherweise 2007 ein Gedenkstein deutliche Worte. Im Ergebnis jenes Verfahrens wurde der Hauptangeklagte im Oktober 1993 mit zwei Jahren und sechs Monaten bedient. Zwei Mitangeklagte erhielten eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten sowie eine Geldstrafe. Die Staatsanwaltschaft hatte in allen drei Fällen noch weniger verlangt.
~~~ Man stelle sich einmal vor, das Opfer hätte Krause oder Schleyer, die Bande RAF geheißen. Da hätte die Staatsanwaltschaft jede Wette auf die Höchststrafe für Totschlag plädiert: Lebenslänglich. Das merke ich lediglich wegen der schon seit Weimar feststellbaren Einäugigkeit des »Rechtsstaates« an – nicht etwa, weil ich Bestrafung liebte.
González, Yolanda ~ Die 19jährige Studentin und Aktivistin einer »trotzkistischen« Gruppe sah sich im Februar 1980 an ihrer Wohnungstür in Madrid unversehens vier angeblichen Polizisten gegenüber, die sie in ein Auto zerrten, auf Ödland fuhren und dort, nach einigen Mißhandlungen und »Verhören«, erschossen. Die getarnten Rechtsradikalen hatten ihr vorgeworfen, der baskischen Untergrundorganisation ETA anzugehören – möglicherweise »nur« eine Verwechslung. González stammte aus Bilbao. Haupttäter war Emilio Hellín Moro, Jahrgang 1947, von der Neonazipartei Fuerza Nueva. Er mußte nur einen Bruchteil seiner langen Haftstrafe absitzen, weil er bei den Behörden viele GönnerInnen hatte. Nach jüngeren Enthüllungen der Tageszeitung El País* durfte Hellíns »Sicherheitsfirma« zwischen 2006 und 2011 sogar für die spanische (sozialdemokratische) Regierung tätig sein. Die Böcke als Gärtner.
* in Deutschland von Carmela Negrete aufgegriffen, Junge Welt vom 28. Februar 2013
Der DDR-Schauspieler Heinrich Greif geriet dem berühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch in die zittrigen Finger, wie im Genickbruch Pdf 5 gleich auf Seite 1 nachgelesen werden kann. Das Mädchen Pauline Groß kam in einem südhessischen »Zigeunerlager« um, siehe im selben Pdf auf den Seiten 93/94.
Grigoropoulos, Alexandros ~ Der griechische Schüler zählt zu den wenigen Todesopfern weltweiter staatlicher Gewalt, deren unmittelbare Mörder nicht mit einem blauen Auge davongekommen sind. Er starb mit 15. Er war im Dezember 2008 mit einigen Tausend anderen Gegnern der sogenannten »Globalisierung« und deren verheerenden Folgen für die griechische Volkswirtschaft im Athener Stadtteil Exarcheia auf die Straße gegangen – bei diesem Protest wurde er erschossen. Damit konnte das übliche Abwiegeln und Verleumden seitens der staatstragenden Kräfte beginnen. Was die beteiligten Polizeibeamten betrifft, beteuerten sie noch vor Gericht, sie seien mit Steinen und Flaschen beworfen worden und hätten nur Warnschüsse abgegeben. Den 15jährigen Bengel mit dem üppigen dunkelhaarigen Schopf hätte es dummerweise durch einen Querschläger erwischt. Jedoch, das Wunder geschah: Im Oktober 2010 wurde der Polizist Epaminondas Korkoneas wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, was bedeudet, das Gericht billigte ihm noch nicht einmal mildernden Umstände zu. Er habe, Rückzugsbefehlen aus der Einsatzzentrale zum Trotze, »in ruhiger Verfassung« seine Pistole gezogen und zwei Schüsse auf Grigoropoulos abgegeben. Ein zweiter Polizist, Vassilis Saraliotis, bekam wegen Mittäterschaft 10 Jahre.* Das Klima der Aufhetzung durch Vorgesetzte, PolitikerInnen, Medien stand freilich nicht zur Debatte.
~~~ Wie zu erwarten, hatten die tödlichen Schüsse in jenem Winter zu einer erheblichen Ausweitung der »Unruhen« geführt. Es kam aber leider nicht zur Abschaffung der Polizei oder wenigstens dem Landesverweis aller Agenten der Weltbank und der Europäischen Zentralbank. Ganz im Gegenteil, nach seinem Mittäter befindet sich neuerdings, 2022, auch der Polizist Epaminondas Korkoneas, der »Lebenslängliche« also, wieder auf freiem Fuß. Er zehrte von einer strafmildernden Revision und »guter Führung«, wenn ich richtig verstanden habe. Ja, mein lieber Alexandros! Hättest du dich als Halbwüchsiger mal anständiger geführt, könntest du heute schon als smarter Typ Anfang 30 im eigenen Elektroauto sitzen und mit deiner neusten Flamme über die aktuellen Börsenkurse telefonieren. Seine Eltern sollen nämlich recht wohlhabend gewesen sein. Er hatte zuletzt eine Privatschule im Stadtteil Stamata besucht.
* https://www.dw.com/de/todesschuss-auf-schüler-in-athen-war-mord/a-6100435, 11. Oktober 2010
Grimmie, Christina (1994–2016) ~ Vielleicht wäre ja Alexandros sogar Popstar geworden. Er hatte Gitarre gespielt. Hätte er Pech gehabt, wäre er allerdings auch als solcher erschossen worden. Der 22 Jahre alten Christina aus den USA erging es so. Sie war vor allem durch »Cover-Songs« auf YouTube berühmt geworden. Nach einem Konzert in Orlando, Florida, wurde sie beim Autogrammgeben von ihrem Fan Kevin James Loibl (27) getötet, der sich wenig später, nach einem Ringkampf mit dem Bruder Marcus der Künstlerin, auch selber umbrachte. Die deutsche Wikipedia behauptet, Loibl habe »mehrfach« auf Grimmie geschossen, aber das muß ich aus grammatischen Gründen rügen. Das Lexikon meint mehrmals. Hier und dort wird der rothaarige Schütze als Arbeiter im Elektronikhandel ausgegeben. Seine Eltern hätten ihn als eigenbrötlerisch, nicht aber krank bezeichnet. Nach den polizeilichen Ermittlungen soll er von Grimmie, die bis dahin nichts von seiner Existenz gewußt habe, geradezu besessen gewesen sein. Für das Blatt Orlando Sentinel lag das Muster vor: wenn sie für mich unerreichbar ist, soll sie auch kein anderer kriegen.
~~~ Bald darauf, Ende November 2020, wurde die 26jährige »Influencerin« Alexis Sharkey, stellenweise auch als »Instagram-Model« bezeichnet, tot und unbekleidet nahe ihrer Heimatstadt Housten, Texas, am Straßenrand der Interstate 10 gefunden. Ein Müllfahrer sah ihre Füße aus einem Gebüsch lugen. Laut Autopsie-Befund war sie erwürgt worden. Als die Polizei nach langwierigen Ermittlungen Sharkeys Gatten Tom für verdächtig genug hielt und ihn verhaften wollte, brachte er sich, ein knappes Jahr nach dem grausigen Fund, mit einer Schußwaffe um. Sharkeys Ehe mit dem erheblich älteren, womöglich zu Wutanfällen neigenden Mann soll in Trümmern gelegen haben.* Dieses Minenfeld ist mir freilich etwas zu heikel. Sharkeys Freundin Tanya Ricardo machte dem Publikum des regionalen Senders KHOU klar, wie eine »Influencerin« zu leben hat. »Sie ist immer an ihrem Handy. Sie ist eine Königin der sozialen Medien. Sie arbeitet von ihrem Handy aus.« Wobei ihre »Arbeit« offenbar darin besteht, ihre zahlreichen Bewunderer wie eine Anglerin für bestimmte Waren oder Ideologien zu ködern. Was Alexis angeht, habe sie aber plötzlich nicht mehr auf Anrufe und Text-Nachrichten reagiert. Da schwante Ricardo Übles.
* Johanna Grewer, https://www.rtl.de/news/mordfall-alexis-sharkey-leiche-nackt-am-strassenrand-gefunden-ehemann-tom-strangulierte-sie-zu-tode-id30213443.html, 12. Januar 2026
Gröger, Walter (1922–45) ~ Viele Opfer des deutschen Faschismus hatten das Pech, nicht auf Betreiben eines Marinestabsrichters zum Tode verurteilt und erschossen zu werden, der Jahrzehnte später, in der Demokratie, Ministerpräsident eines westdeutschen Bundeslandes wurde. Deshalb blieben sie bis heute mehr oder weniger namenlos. Anders Walter Gröger. Der junge Matrose der Kriegsmarine war 1943 in Oslo zunächst wegen Fahnenflucht zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nachdem Generaladmiral Otto Schniewind dieses Urteil ein Jahr darauf aufgehoben hatte, weil er die Todesstrafe für angebracht hielt, war der damals rund 30jährige Marinestabsrichter Hans Filbinger, im Verfahren gegen Gröger nun Vertreter der Anklage, beflissen genug, dieselbe auch zu beantragen. Zur Begründung führte er auf Basis einer Führer-Richtlinie aus dem Jahr 1940, neben »charakterlichen Schwächen« Grögers, dessen militärische Vorstrafen ins Feld. Marineoberstabsrichter Adolf Harms machte sich diese Sicht zu eigen und verurteilte Gröger am 22. Januar 1945 zum Tode als »einzig angemessene Sühne«. Nach der Bestätigung des Urteils durch das Berliner Oberkommando der Marine verfügte Filbinger am 15. März, also wenige Wochen vor Kriegsende, das Todesurteil und ließ den 22jährigen Matrosen anderntags in der Festung Akershus erschießen, wobei Filbinger persönlich anwesend war. In der »Niederschrift« über die Vollstreckung heißt es abschließend: »Die Leiche wurde durch das Wachpersonal gesargt und zum Zwecke der Bestattung abtransportiert.« Unterschrift: Dr. Filbinger.
~~~ Dummerweise hatte der Doktor diesen Schwabenstreich längst vergessen, als er sich 1966 in Stuttgart zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg wählen ließ. 12 Jahre später beging er den Fehler, gegen den Schriftsteller Rolf Hochhuth, der ihn in einem vom Wochenblatt Die Zeit vorabgedruckten Text als »furchtbaren Juristen« bezeichnet hatte, auf Unterlassung zu klagen. Schon wenige Monate nach dieser Veröffentlichung, im August 1978, sah sich Filbinger genötigt, von seinem Amt zurückzutreten. Zu allem Unglück wurden im Verlauf der Filbinger-Affäre vier weitere Todesurteile ausgegraben, die der Christdemokrat zwischen 1943 und 1945 als Marinerichter beantragt oder gefällt hatte. In die Enge getrieben, räumte er ihre zuvor von ihm bestrittene Existenz ein, hielt jedoch an ihrer Rechtmäßigkeit fest. Wie sich versteht, wurde Filbinger, gestorben 2007, nie seinerseits juristisch belangt. Das gilt gleichermaßen für den 1900 geborenen Adolf Harms, zur Zeit der Affäre Landgerichtsdirektor im Ruhestand in Oldenburg, wie für Hunderte andere »furchtbare Juristen«. Es gab einfach zu viele einflußreiche Deutsche, die Filbingers Sicht der Rechtmäßigkeit teilten – allerdings nicht mehr ab ungefähr 1990, als zahlreichen ostdeutschen Juristen der Prozeß gemacht wurde, weil sie sich unverschämterweise darauf berufen hatten, sie hätten in ihren Urteilen lediglich geltendes DDR-Recht umgesetzt. Nun galt die weltweit beliebte Doppelmoral. Das DDR-Recht sei »unmenschlich« gewesen. Leider fallen auch viele angebliche Linke auf die Argumentation mit der Rechtmäßigkeit oder der Unrechtmäßigkeit herein. In Wahrheit verläuft die entscheidende Frontlinie nicht zwischen unterschiedlichen System-Rechtsprechungen, vielmehr zwischen Menschlichkeit und Buchstaben-gläubigkeit. Das Herz des »Deserteurs« Gröger hatte völlig recht gehabt.
~~~ Allerdings kann Gröger, der 1940 unmittelbar nach einer Schlosserlehre zur Marine ging, schwerlich zum »Widerstandskämpfer« erhoben werden. Er setzte sich ab, nachdem er wiederholt vergeblich um Heimaturlaub eingekommen war. In einer Kneipe traf er die 34jährige Putzfrau im Osloer deutschen Krankenhaus Marie Severinsen-Lindgren, die ihn bei sich aufnahm. Rund 35 Jahre später beschreibt die im Städtchen Nosst am Oslofjord lebende knapp 70jährige Gröger (in der Zeit) als höflichen, wenn auch niedergeschlagenen jungen Mann.* »Ich wohnte in einem kleinen Zimmer im Zentrum. Walter blieb fast immer zu Hause. Wenn ich vom Putzen zurückkam, brachte ich immer was zu Essen mit. Wir unterhielten uns meistens mit der Fingersprache. Ich verstand kaum Deutsch. Walter war schwermütig. Er hatte furchtbares Heimweh. Manchmal sprach er vom Krieg. Er haßte ihn. Er wollte nicht mehr kämpfen. Alles war verrückt. Er wollte nach Hause. Ich dachte wie er. Allerdings dachte ich nie, daß er abgehauen sei. Hätte ich das gewußt, hätte ich ihn dennoch aufgenommen. Nach ungefähr einer Woche war die Gestapo da.«
~~~ Severinsen-Lindgren bekam zwei Jahre Zuchthaus. Abzüglich der Untersuchungshaft in Oslo, saß sie diese Strafe im Gefängnis Dreibergen-Bützow bei Schwerin bis kurz vor Kriegsende ab. Das Schlimmste müssen für sie die Beschimpfungen seitens der Polizisten, Richter und WärterInnen gewesen sein. Sie sei eine nichtsnutzige Nutte, eine Drecksau, eine Spionin und so weiter. »Ich wache oft nachts auf und sehe den Ankläger vor mir: Du bist ein Tier, schlimmer als eine Ratte. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.« Dafür steht in ihrem Fall fest, sie blieb so arm und machtlos, wie sie schon damals war.
* »Erschießen, Sargen, Abtransportieren«, https://www.zeit.de/online/2007/16/filbinger-historie/protokoll-verstrickung-filbinger, ausführliche Dokumentation von 1978, aktualisiert 16. April 2007
Grüneklee, Margarete und Wolfard, Adolf ~ 1951 explodieren im Raum Bremen zwei Paketbomben. Es handelt sich um das erste Bombenattentat in der BRD, dem der Chefredakteur der Bremer Nachrichten Adolf Wolfard (49) und die erst 18jährige Kontoristin Margarete Grüneklee aus Eystrup zum Opfer fallen. Beide werden geradezu zerfetzt, zudem gibt es Schwerverwundete. Dabei ist der Tod der jungen Frau im Eystruper Postamt besonders makaber. Zum einen galt die »Paketsendung« gar nicht ihr, vielmehr Carl Mayntz, dem Chef der Marmeladenfabrik, in der sie beschäftigt war. Zum anderen ereilte sie die Explosion vor den Augen des hinter dem Schalter stehenden stellvertretenden Postamts-vorstehers Grüneklee – ihres Vaters. Ein dritter Paketempfänger, Futtermittelfabrikant in Verden, entging dem Tod nur um Haaresbreite.
~~~ Die Polizei leitet eine bis dahin beispiellose Großfahndung ein. Zunächst werden Rentenräuber, dann vorzugsweise, dem Geist der Epoche entsprechend, Kommunisten der Tat verdächtigt. So war es nur folgerichtig, die Leitung der 60köpfigen Sonderfahndungs-kommission dem Oberregierungs- und Kriminalrat Dr. Walter Zirpins anzuvertrauen, wie Gerhard Feix berichtet.* Laut Wikipedia hatte Zirpins dieselben Ränge bereits im Januar 1945 bekleidet, also vor Wiedereinführung der Demokratie. Außerdem war er damals SS-Sturmbannführer gewesen und hatte schon bei der »Untersuchung« des Reichstagsbrandes seine Fähigkeit bewiesen, gut ausschlachtbare Verbrechen Linken oder anderen »Asozialen« in die Schuhe zu schieben. Zu den Kommunisten rechnet man 1951 nebenbei auch Günther Schwarberg, der damals noch beim Weser-Kurier beschäftigt ist. Es gelingt aber Zirpins nicht, aus seinem großen Topf der UnterhöhlerInnen der Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung mehr als Nieten zu ziehen. Gestellt wird schließlich Eric/Erich von Halacz, ein zur Tatzeit 22jähriger arbeitsloser technischer Zeichner aus Nienburg. Er bekommt Lebenslänglich. Anläßlich seiner Begnadigung ist 1974 im Spiegel (Nr. 46) zu lesen, die Motive des jungen »Herumtreibers mit Großmanns-Allüren« seien nie zufriedenstellend erhellt worden. Offenbar habe sich Von Halacz damals durch Androhung weiterer Bomben erpreßte Millionen versprochen, doch im Urteil heiße es auch, er habe aus Geltungssucht gehandelt. Im übrigen hätten Chirurgen wenige Wochen vor Von Halacz’ Entlassung aus dessen Gehirn einen Tumor von Tennisball-Größe entfernt. Das niedersächsische Justizministerium habe Meldungen widersprochen, denen zufolge Von Halacz bereits zur Tatzeit ein schwerkranker Mann gewesen sei.
~~~ Noch vor Feix, der darauf nur am Rande eingeht, legten freilich die Autoren G. H. Mostar / R. A. Stemmle** die Erniedrigungen dar, die Möchtegern-Dandy Von Halacz im Rahmen seiner Erziehung genossen hatte. Der wahrscheinlich uneheliche Sohn einer ungarischen Gräfin, die sich bald nach der Niederkunft von einem Düsseldorfer Zahnarzt trennen mußte, wuchs bei »Pflegeeltern« nahe Nienburg in einer Drakenburger Baracke auf. Zu allem Unglück war der liebe Pflegevater auch noch bei einem Kieswerk angestellt – als Sprengmeister. Das konnte wahrscheinlich nicht gut gehen.
* Der Tod kam mit der Post. Aus der Geschichte der BRD-Kripo, Ostberlin 1979, hier 2. Auflage 1980, S. 69
** Die Höllenmaschinen des Dandy Keith, München 1967, S. 45–62
Gubec, Matija ~ Sollte diese Arbeit je einen kroatischen Leser finden, wird er um Nachsicht gebeten, wenn ich seinen »Nationalhelden« nur mit wenigen Worten streife. Die Unterdrückung der Bauern der Zagorje, einem Hügelland bei Zagreb, um 1570 dürfte sich nicht wesentlich von den Zuständen in Tirol (Gaismair) oder Thüringen (Müntzer) unterschieden haben, und Matija Gubec, Leibeigener des Grundherren Ferenc Tahy, endete ähnlich wie Thomas Müntzer. Der Kroate hatte sich an die Spitze von Aufständen gestellt, die rasch auf Slowenien und in die Steiermark übergriffen. Man kämpfte unter dem Zeichen eines roten Haushahnes. Das in Zagreb sitzende sogenannte »Parlament« von Habsburger Gnaden nannte die Aufständischen »Hochverräter«. Ja sowas, sie hatten ihre Ausbeuter und Peiniger im Stich gelassen! Nach Anfangssiegen wurden die einfach bewaffneten Bauerntruppen bei Gurkfeld und Kerestinec aufgerieben. Man spricht von rund 6.000 getöteten Bauern. Der gefangene ungefähr 35jährige Gubec wurde am 15. Februar 1573 auf dem Zagreber Platz des Heiligen Marko in aller Öffentlichkeit unter Folter mit glühenden Zangen und durch Aufsetzen einer glühenden Krone grausam hingerichtet und noch anschließend gevierteilt. Sein Landsmann Oton Iveković hielt die Szene, mit feuerrot gekleideten und zipfelmützigen Henkersknechten, 1921 auf einem Ölgemälde fest – gegen die Schrecken des deutschen und kroatischen Faschismus (unter Ante Pavelić) vergeblich.
Gudden von, Bernhard Aloys (1824–86) ~ Man sollte den bayerischen Psychiater nicht so gerafft abfertigen wie mein Brockhaus, paart sich sein Tod im Starnberger See doch immerhin mit der endgültigen Abdankung seines deutlich jüngeren Königs, einer wahrlich schillernden Figur. Diese Figur nannte sich Ludwig II. von Bayern (1845–86). Sie galt weithin als prunk-, vor allem bau- und bühnensüchtig (Schlösser, Richard Wagner), außerdem homosexuell, weshalb Ludwig so manchen Mitmächtigen oder Konkurrenten verständlicherweise ein Dorn im Auge war. Vermutlich zogen es diese freilich vor zu beteuern, es gehe nur darum, den Staatshaushalt (und nicht etwa den zusammengeraubten Schatz derer von Wittelsbach) vor dem Ruin zu retten. Was nun Von Gudden angeht, galt er auf seinem Fachgebiet als Kapazität, brachte aus Zürich Verdienste als Reformer der brutalen Verhältnisse in der Psychatrie mit und war günstigerweise seit 1873 Professor an der Münchener Universität und gleichzeitig Chef der Kreisirrenanstalt. Also lieferte Von Gudden, inzwischen neunfacher Vater und 62 Jahre alt, im Sommer 1886 buchstäblich über Nacht ein allgemein als »Gefälligkeits-gutachten« bezeichnetes Dokument über die angebliche Verrücktheit Ludwigs, der daraufhin von seinen Ministern, die schon seit längerem faktisch herrschten, abgesägt werden konnte. Am 9. Juni »entmündigten« sie Ludwig und setzten seinen Onkel Luitpold als Nachfolger ein.
~~~ Am 11./12. auf Schloß Neuschwanstein »in Gewahrsam genommen« und dann nach Schloß Berg am Starnberger See verfrachtet, rückte der gemeinsame Todestag des 40 Jahre alten Ludwig und seines neuen »Betreuers« Von Gudden heran: der 13. Juni, Pfingstsonntag. Gegen Abend kam es zu einem weiteren Pfingst-»Spaziergang« der beiden, nur dieses Mal ohne Pfleger=Wächter, wohlgemerkt. Bald darauf wurden sie beide rund 25 Meter vom Seeufer entfernt aus dem seichten Wasser gefischt – als Leichen. Die (angeblichen) Aussagen von Bootsleuten, Bediensteten, Wächtern, Gendarmen nützen uns herzlich wenig, weil diese Leute bekanntlich bestechlich sind. Sie waren jedoch gut geeignet, die in Regierungskreisen bevorzugte Version des Seeufer-Dramas zu stützen, die übrigens die NZZ noch 100 Jahre später vertritt.* Auch Brockhaus beugt sich ihr, wenn er (1990 in Band 13) zu Ludwig mitteilt, »die sich mehrenden Anzeichen von Geisteskrankheit« hätten »nach einem ärztlichen Gutachten« zu seiner Entmündigung geführt. Laut jener offiziellen Version hatte sich Ludwig Flucht- oder Selbstmordversuch in den Kopf gesetzt. Als ihn Von Gudden daran hindern wollte, habe der König den viel älteren und kleineren Psychiater erwürgt, dann sich selber ins Wasser gestürzt und folglich schuldbewußt ertränkt.
~~~ Kritischere Kreise witterten dagegen einen Anschlag auf den entführten Monarchen. Nach dieser Sicht stellte Ludwig für die Schmiede der Palast-Intrige eine Gefahr dar, weil er mitnichten »unzurechnungsfähig«, vielmehr sogar noch in Teilen des Volkes beliebt war. Ob das zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Um Ludwig also am Ausplaudern, am Widerstand oder gar am Wiederaufer-stehen als König zu hindern, sei er wahrscheinlich betäubt in einer Kutsche vom Schloß zur Unfallstelle am See verschleppt und dort umgebracht, etwa erdrosselt oder ertränkt worden. Dies sicherlich nicht von dem in der Tat vergleichsweise winzigen und überdies schon recht betagten Professor. Dessen Schützling Ludwig war ein gut 1,90 großer und ziemlich massiger Kerl. Ein ausgezeichneter Schwimmer soll er außerdem gewesen sein. Von Gudden könnte jedoch bei der Verschleppung, etwa durch Verabreichung von Chloroform, mitgewirkt haben. Nur sei Von Gudden dann, als gefährlicher Mitwisser, auch selber beseitigt worden, von wem auch immer.
~~~ Der Öffentlichtkeit wurde selbstverständlich die erwähnte halbamtliche Version mit dem Flucht- oder Selbstmordversuch einschließlich Zweikampf verkauft. Der Dokumentarfilmer Klaus Bichlmeier aus Ottobrunn bei München hält sie allerdings für ein Ammenmärchen. Er glaubt belegt zu haben**, Ludwig wurde erschossen. Der Mantel des Spaziergängers Ludwig habe eindeutig zwei Löcher von Flintenkugeln gezeigt. Als Ausgangspunkt seiner Zweifel nennt Bichlmeier einen erst 2016 veröffentlichten Brief Ludwigs an einen Vetter, den er drei Tage vor seinem Ende verfaßt habe, und zwar offensichtlich bei geistiger Klarheit. Danach befürchtete er selber für sein Leben das Schlimmste von seiten der Hofschranzen seines lieben Onkels Luitpold, der ihn schon länger im Visier hätte. Die Existenz dieses Dokuments ist kürzlich auch von der Welt bestätigt worden, die ansonsten zeitgeistgemäß gegen »Verschwörungstheorien« anstänkert.***
* Klaus Vieli, http://static.nzz.ch/files/0/9/5/Der+Mann+der+mit+Ludwig+II_1.8191095.starb_1.8191095.pdf, NZZ 14. Juni 1986
** Irene Kleber, https://www.abendzeitung-muenchen.de/bayern/koenig-ludwig-ii-von-bayern-neue-dokumente-weisen-auf-mord-hin-art-445807, 13. Juni 2018
*** Florian Stark, https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article251950468/Ludwig-II-von-Bayern-Seine-Majestaet-sind-in-sehr-fortgeschrittenem-Grade-seelengestoert.html, 2021, hier 16. Juni 2024
Guerin, Veronica (1958–96), Journalistin und Anschlagsopfer in Dublin. Ab 1994 verfaßte die frühere Sportlerin und PR-Frau Artikel über die irische Unterwelt für den Sunday Independent. Sie fing sich zunächst nur Mord- oder Kidnappingdrohungen ein, wohl durchmischt mit Bestechungsversuchen. Nachdem sie 1996 Anzeige wegen Körperverletzung gegen den mutmaßlichen Mafia- und Drogenboß John Gilligan erstattet hatte, erwischte es die knapp 38jährige Ende Juni vor einer roten Ampel in ihrem Wagen: man erschoß sie von einem Motorrad aus.
~~~ Guerin hinterließ einen Witwer mit Kind. Die Empörung auf der Insel war groß. Solche Vorfälle hatte man ja bis dahin eher aus Chicago oder Beirut gekannt. Es gab zahlreiche Festnahmen und einige hohe Haftstrafen, wenn auch keine völlige Klärung der Verantwortlichkeit. In den Knast wanderten zumindest die mutmaßlichen Attentäter Brian Meehan, Paul Ward und Patrick Holland. Dagegen ließen die Richter 2001 den stadtbekannten Dubliner Drogenhändler John Gilligan »mangels Beweisen« laufen, obwohl sie den starken Verdacht auf Drahtzieherschaft hatten. Immerhin wurde der Unterweltboß aber im Oktober 2020 in seiner Villa in Alicante, Südspanien, von der dortigen Polizei verhaftet. Man argwöhnte, er habe großangelegten Mariuhana- und Medikamentenschmuggel betrieben, wie CJP erläutert.* Die FahnderInnen hätten sogar einen Colt Python-Revolver sichergestellt. Just mit diesem Modell sei damals Guerin getötet worden.
~~~ Gewiß liegt die Frage nahe, warum sich Guerin ausgerechnet auf das Minenfeld der Dubliner Unterwelt begeben mußte. Ina Brecheis bewundert sie dafür.** Sie verweist auf die sportliche Vergangenheit der Journalistin (Fuß- und Basketball) und damit wohl auch auf deren ausgeprägten Kampfgeist. Guerins Wende in die Parteiarbeit (für Fianna Fáil) und zur journalistischen Betätigung habe ihr viele böse, mißgünstige Kommentare eingebrockt; gleichwohl habe sie sich rasch »einen Namen als hartnäckige Reporterin« gemacht, »die sich bis auf den Grund einer Story« durchzubeißen pflegte. Anscheinend war sie sowohl ehrgeizig, verschmähte aber auch Halbherzigkeit und Oberflächlichkeit. Brecheis behauptet übrigens, durch Guerins Wirken und den tödlichen Anschlag seien Elend und Kriminalität in Dublin, besonders die Drogen betreffend, deutlich zurück gegangen. Jedenfalls vorübergehend. Wie sich versteht, wich die Mafia aus und erfand neue Schliche. Schließlich ist es nicht die Aufgabe staatstragender Parteien, den Sumpf trocken zu legen; sie sollen ihn neu einzäunen und den Rettungskräften mal andersfarbige Schutzkleidung verordnen.
* https://cpj.org/data/people/veronica-guerin/, o. J. Die Webseite der FürsprecherInnen verfolgter Journalisten leidet meines Erachtens an der Schwäche, kein Datum des Informationsstandes anzugeben.
** Ina Brecheis, https://www.gruene-insel.de/blog/2021/veronica-guerin-die-furchtloseste-journalistin-irlands/, 28. September 2021
Gunkel, Gustav Adolf (1866–1901) ~ Zwar kennt mein Brockhaus lediglich einen Theologen Gunkel; man erfährt aber immerhin aus der Enzyklopädie, was Erotomanie ist, nämlich »Liebeswahn« – somit »ein paranoider Zustand«, bei dem sich der Betroffene einbilde, von einer unbeteiligten Person begehrt zu werden. In meinem Musterfall war der Unbeteiligte ein 34 Jahre alter Geiger der Dresdener Hofkapelle, eben jener Gustav Gunkel. Er betätigte sich zudem als Musiklehrer und Komponist. Im März 1901 wurde er nach einem Konzert* in der Hofoper, bei dem er mitgewirkt hatte, auf der Heimfahrt nach Blasewitz (bei Dresden) in der Straßenbahn von der 49jährigen Ex-Gattin eines österreichischen Dampfschiffahrt-Direktors Theresia Jahnel erschossen, die inzwischen, seinetwegen, gleichfalls in Blasewitz wohnte und die zwar nicht seine Geliebte, jedoch seine glühende Verehrerin war. Die Dame hatte zwei in einem Blumenstrauß versteckte Revolver mit sich geführt und ihr Opfer im Hinterkopf getroffen. Ihr angeblicher Versuch, sich dann auch selbst zu richten, vielleicht mit dem zweiten Revolver, sei vereitelt worden, hieß es damals in einem Bericht der Münchner Neuesten Nachrichten. Die Mutter zweier Kinder habe den jungen Geiger »mit rasender Leidenschaft« verfolgt. Katrin Bicher und Bernd W. Seiler** ergänzen übereinstimmend, sie habe Gunkel mit teuren Geschenken überhäuft, die dieser dummerweise annahm, während er die Dame selber, als Geliebte, verschmähte. Als ihr nun auch noch eine bevorstehende Verlobung Gunkels zu Ohren kam, machte sie entsprechende Drohungen wahr und griff in ihrer wahnhaften Liebe und Eifersucht zu dem erwähnten Blumenstrauß. Sie wurde verhaftet und später in eine österreichische Irrenanstalt eingewiesen. Zusätzlich soll sie, mit ihrer wenn auch abgewandelten Geschichte, als »Ines Rodde« von Thomas Mann in seinen Roman Doktor Faustus gesteckt worden sein.
* Man gab eine Oper von Gunkels Zeitgenossen August Bungert, nämlich Teil 2 (Nausikaa) der Odyssee (laut Katrin Bicher, https://blog.slub-dresden.de/beitrag/2020/03/25/die-ermordung-des-gustav-adolf-gunkel, 25. März 2020)
** »Ines und der Trambahnmord«, in: Vergessen. Entdecken. Erhellen, Hrsg. Jörg Drews, Bielefeld 1993, S. 183–203
Durch den Zufall der Zäsur G/H ist hier noch etwas Platz. Ich will ihn naheliegenderweise mit Musik ausfüllen. Der Samba Na baixa do sapateiro wurde vom Brasilianer Ary Barroso 1938 komponiert. Die Titelzeile soll sich auf eine reale Straße in der brasilianischen Küstenstadt Salvador beziehen. Diese Großstadt wird oft auch nur Bahia genannt, wie der sie umgebende Bundesstaat. In ihr verguckte sich der Komponist in eine dunkle Schöne namens Morena, die ihn jedoch abweist. Jetzt soll man ihm ein vergleichbares Geschöpf schicken, sonst stirbt er vor Kummer. Na, so ähnlich, Sie kennen das ja.
~~~ Die junge Sängerin Alba Armengou aus Barcelona, wohl ein Mezzosopran, erwuchs der berühmten Talentschmiede des Jazzmusikers Joan Chamorro, der hier dirigiert. Wie sich versteht, hat er seine SchülerInnen vor allem mit den bekannten englischsprachigen Jazz-Standards geködert oder gequält, auf daß sich die angelsächsische Himbeersoße auch wirklich lückenlos über diesen Planeten ergieße. Hier darf Alba jedoch mit ihrer warmen, nie aufdringlichen Stimme portugiesisch singen. Mich persönlich betört sie am meisten, wenn sie mal auf katalanisch singt, aber das tut sie eher selten. Im Vergleich zu ihrer ungehobelten Muttersprache wirkt das Portugiesische geradezu samtweich. Ich wette freilich darauf, außerhalb der Bühne bekommt man Armengou hin und wieder auch als Kratzbürste zu spüren.
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