Dienstag, 8. November 2022
Wildwest auf Korsika

Auf die dralle, äußerst reizvoll gestaltete Kunststudentin Steffi war Schlackendörfer am Gartenzaun des Bauarbeiters Schloh gestoßen, den er zu observieren hatte. Steffi hatte auf dem Nachbargrundstück gerade Scheibenschießen mit einem Flitzebogen geübt.


Keine 10 Tage nach Schlackendörfers erstem Stelldichein mit Steffi saßen die beiden in seinem alten olivgrünen Käfer und fuhren den Alpen und damit dem Mittelmeer entgegen. Sie wollten nach Korsika. Zu jener Zeit hatte der Anreiseweg noch genug lauschige Plätzchen in der freien Natur zu bieten, die für ungestörte gymnastische Übungen geeignet waren. Alle paar Stunden stürzten sich die Frischverliebten aufeinander, kugelten über spitze Steinchen und Tannenzapfen und bissen sich beinahe waidwund. Sie übernachteten in Schlackendörfers Hauszelt und geboten sich Gesprächsführung auf französisch. Schlackendörfer beherrschte diese Sprache recht gut, weil seine Mama aus der Bretagne stammte. Steffi sprach Schulfranzösisch. Sie war in Vessel aufgewachsen. Da sie, noch keine 20, kürzlich den Führerschein gemacht hatte, übernahm sie öfter das Steuer, um sich auch darin zu trainieren. Sie war lernbegierig, vielseitig begabt und neigte, im Gegensatz zu Maria Schneider, stark zum Spielerischen und zu Abenteuern. Ursprünglich hatte sie Schauspielkunst studieren wollen. Dann schrieb sie sich jedoch an der Vesseler Werkkunstschule ein. Dort hatte sie gerade die Grundlehre bestanden und eine Bildhauerklasse gewählt. Jetzt hatte sie Semesterferien und hielt sich bei ihren Eltern auf, die das Haus unterhalb von Schlohs' inzwischen doppelt verwaistem Liegestuhl erst im Vorjahr von einer verstorbenen Tante übernommen hatten. Andernfalls hätte Schlackendörfer den kastanienbraunen Wirbelwind mit den rollfähigen Hüften sicherlich schon früher erspäht.

Maria wußte Bescheid. Sie hatte seine Eröffnungen mit Fassung genommen. Manche Verliebtheiten pflegten sich schließlich schon über Nacht oder nach wenigen Wochen zu legen. Über Schlackendörfers neuerlichen Entschluß, die Pistole an den Nagel zu hängen, war sie sogar erleichtert. Sie wußte nicht, daß sein Käfer eine Art Geheimfach besaß, beispielsweise für Schwarzgeld, Munition, Pistolen. Wie sich an zwei Staatsgrenzen zeigen sollte, war auf das Fach Verlaß. Den Tip mit Korsika hatte Schlackendörfer Gutsherrn Gleim zu verdanken. Danach hatten sich im Jahr 1958 einige AußenseiterInnen aus Frankreich in die korsischen Berge zurückgezogen, um eine Art kooperativ betriebener Ranch aufzubauen. Sieben Jahre darauf umfaßte die von manchen so genannte »Kommune« schon ein gutes Dutzend Leute. Zu den Gründern zählte sogar ein lesbisches Paar, Francoise und Edith. Gleims Neffe Jürgen, bald darauf in »Jim« umgetauft, war 1960 dazugestoßen. Er war wie sein Onkel gelernter Landwirt und nun federführend bei der Hauptbetätigung dieser seltsamen Gemeinschaft: der Zucht von kleinen bergtüchtigen Pferden, die auf der gebirgigen Insel durchaus Anklang fanden, wie Gleim meinte. Man ernähre sich außerdem von gesammelten Eßkastanien und erjagtem Wild, letzteres wohl eher illegal. Ein paar Schußwaffen der Gruppe seien jedoch behördlich genehmigt, habe ihm Jürgen alias Jim versichert. Ja, der Neffe fühle sich dort unten sehr wohl, obgleich es auch »gewisse Anfeindungen« gebe. Schlackendörfer sprach sofort mit Steffi, und dann gelang es ihnen unter nervenden Mühen und störenden Geräuschen, Jim an den einzigen Telefonapparat der Ranch zu bekommen. Er freute sich, mal wieder deutsch sprechen zu können. Nach vier oder fünf Minuten hatte er sie eingeladen.

Die Ranch lag auf rund 500 Meter Höhe in einem recht ausgedehnten, laut Karte etwas gekrümmten Gebirgstal. Ein holpriger Fahrweg führte sie an vielen blühenden Kräutern und fetten Gräsern vorbei. Er hielt sich an einen Bach, der mit dem Tal allmählich schmäler wurde. Die Steilhänge waren streckenweise bewaldet, sonst felsig. Steffi bekam sogar kletternde Ziegen in Schlackendörfers Opernglas. Bald sahen sie auch die ersten Pferde, viele davon braunweiß gescheckt. Die größte Überraschung war das etwas heruntergekommene zweigeschossige Hauptgebäude der Ranch. Es lag im Schatten einer steilen Felswand, die das Tal abschloß, und wirkte ein wenig wie vom Himmel gefallen. Es handelte sich um ein ehemaliges Land- und Jagdschlößchen, wie sie später erfuhren. Auf der Vorderseite war das Erdgeschoß nach beiden Hausecken hin von einem Wandelgang aus zierlichen Säulen gesäumt. An dem bekannten gestauchten Giebel über der zweiflügeligen Eingangstür, die in einem schmalen Mittelrisaliten saß, war 1853 zu lesen. Alle hohen Fenster hatten Läden, deren blauer Lack überwiegend abgeblättert war. Kunststudentin Steffi fand das Schlößchen »niedlich« und »barock bis klassizistisch«, während Jim, der sie empfing, etwas von einem »Kolonialstil« murmelte. Er machte nicht viel Aufhebens von dem Besuch, freute sich jedoch sichtlich. Auch von ein paar anderen Leuten wurden sie freundlich begrüßt. Bald darauf gab es Abendessen: eine dicke Gemüsesuppe mit magerem Speck drin, dazu Schwarzbrot und Wasser oder Rotwein. Schlackendörfer zählte 14 Kommunarden in dem Gemeinschaftsraum. Kinder waren nicht darunter.

Jim war ein hochgewachsener Rotschopf Mitte 30, etwas flachgesichtig. Seine hellhäutigen sehnigen Arme und Beine waren von Sommersprossen übersät. Er bewegte sich gemessen und sprach bedächtig. Francoise behauptete spätabends am Hoflagerfeuer, er habe noch nie einen Wutanfall erlitten. Angst kenne er nicht. In der Tat sollte sich seine Besonnenheit in den Gefechten bewähren, die der Ranch ins Haus standen. Zunächst schlug er den Gästen einen Zeltplatz am Bach vor, denn dieser sei nahezu mückenfrei. Dann erwogen sie, schon am Feuer sitzend, an welchen Arbeiten sich die beiden in der nächsten Zeit beteiligen könnten. Garten- und Feldarbeit fiel fast völlig aus. Die Ranch hatte lediglich ein paar Kräuter- und Blumenbeete. Aber zu kochen, putzen, sammeln, erlegen gebe es immer genug, auch im Hochsommer. Er meinte Früchte und Wild. Holzhacken sei ebenfalls nützlich. Ackerbau müsse man meiden, soweit es nur gehe, sagte ihnen der gelernte Landwirt mit einem Augenzwinkern. Er sei zu mühsam und wetteranfällig. Natürlich könnten sie auch die Fensterläden des Schlößchens aushängen, um sie zu entblättern und neu zu lackieren. Aber das sei keine Ferienarbeit, vielmehr Folter.

Die Ranch war Gemeineigentum, damit auch die Pferdeherde. Sämtliche Einnahmen und Ausgaben liefen über die »Gemeinsame Kasse« der 14 Kommunarden. Davon war nur die geringfügige persönliche Habe ausgenommen, etwa die gestrickte bunte Weste, die Edith trug, oder die schweizer Armbanduhr, die Jean fast ein wenig schamhaft vor den Gästen zu verbergen schien. Der schnurrbärtige Zureiter war jedoch gar nicht so schamhaft. Das zeigte sich nach rund einer Woche, als ihm Steffi in der Scheune, wo sie Brennholzklötze spaltete, eine knallte, weil er im Vorüberschnüren zudringlich werden wollte. Sie war einfach zu anziehend. Daß sie sich bald als gute Bogenschützin entpuppte, die auf 30 Meter ein Murmeltier von seinem Felsenthron fegen konnte, dürfte ihre Anziehungskraft in Jeans Augen nur noch erhöht haben. Nach der Ohrfeige war er verdutzt, bat freilich schon 30 Sekunden später um Verzeihung. Schließlich waren die potentiellen LiebespartnerInnen auf der Ranch kein Gemeineigentum. Wollten sie persönlich nicht, waren sie auch nicht zu haben.

Was die Jagd auf animalisches Fleisch betraf, ging den Kommunarden nebenbei durch Steffi ein erheblicher Vorteil des Bogenschießens auf: es macht keinen Lärm. Fürs Wildern war es daher ideal. Bona, eine kräftige frühere Turnlehrerin, ließ sich schon kurz darauf von Steffi anlernen – und rührte ihre Jagdflinte außerhalb der erwähnten Gefechte gar nicht mehr an. Ein befreundeter Tischler aus dem nächsten Küstenstädtchen hatte ihr einen eigenen Bogen aus in Schichten verleimtem Eschenholz angefertigt. Dieses Werkstück erwies sich dem teuer bezahlten Sportbogen von Steffi als mindestens ebenbürtig. Als Bona in einem Kastanienwäldchen ein jüngeres Wildschwein mit nur zwei Pfeilen erlegte, kam es auf dem Ranchhof fast zu einem IndianerInnentanz. Übrigens besaß das Schlößchen wegen des steinigen Baugrundes keinen Keller. Schon der Vorbesitzer hatte jedoch in der nahen Felswand eine Grotte entdeckt, die er, ringsum ausgemauert und mit mäusedichter Eingangstür versehen, als kühlen Vorratskeller nutzen konnte. Dort hing nun auch Bonas ausgeblutetes Wildschwein an einem Haken. In Wahrheit war die »Grotte« sogar eine ausgedehnte Höhle, aber das hatte den Vorbesitzer nicht interessiert. Der Mann war ein wohlhabender Dirigent aus Marseille gewesen. 1957 erlag er der Tuberkulose.

Am späten Ankunftsabend hatte Schlackendörfer seine Gitarre aus dem Zelt geholt und am Feuer ein paar Lieder angestimmt, eigene und welche von Weill oder Eisler. Das gefiel den Leuten. Er hatte im Gemeinschaftsraum auch schon einen Plattenspieler entdeckt, hütete sich jedoch, nun auch Schlackendörfer ins Gespräch zu bringen. So etwas schickte sich für Neulinge nicht, wie er fand. Da sie Telefon hatte, hatte die Ranch natürlich auch elektrischen Strom – nur war ihnen das Telefonkabel schon einmal bei Nacht und Nebel durchgeschnitten worden. Von wem, konnten sie nur mutmaßen. Nun verleitete Schlacken-dörfers künstlerische Einlage am Lagerfeuer Edith dazu, ins Schlößchen zu springen, um mit einem schmalen Kasten in Händen wiederzukehren. Er enthielt nicht etwa Ersatzarme für den Plattenspieler, vielmehr die drei zusammenschraubbaren Teile einer Querflöte. Schlackendörfer staunte, stimmte einen Blues an – und staunte noch mehr. Die zierliche Person mit der rabenschwarzen Ponyfrisur war musikalisch! In den kommenden fünf Wochen spielten sie öfter zusammen und begannen sogar von einer größeren Besetzung zu träumen. In der Ägäis sollten sie sich immerhin verdoppeln, vier Personen, und man würde sie beinahe feiern. Das wußten sie selbstverständlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.*

Die 14 Kommunarden schienen sich gegenseitig durchweg zu schätzen und hielten, nach dem Eindruck der Gäste, erstaunlich gut zusammen. Gleichwohl gaukelten sie Schlackendörfer und Steffi nicht vor, in einer Idylle zu leben. Sich zu ernähren, war auch ohne Ackerbau beschwerlich genug, und die Abgeschiedenheit der Gruppe in ihrem Bergtal kam bereits der Isolation nahe. Zumindest in einigen Ortschaften der Westküste blühten so manche Gerüchte über den profitlosen Sündenpfuhl im Gebirge. Eigentlich waren zum Beispiel Francoise und Edith vor der Verachtung geflohen, die lesbischen Paaren im französischen »Mutterland« entgegenschlug – und insofern kamen sie vom Regen in die Traufe. Überhaupt: Geschlagene 8 der 14 sogenannten Rancher waren Weiber! Und nicht ein Baby! Und jetzt war auch noch die knackige junge Deutsche dazugestoßen … Als größter Widersacher und wohl auch Neider der Kommune hatte sich in der letzten Zeit ein gewisser »Don« Martorell gezeigt, ein spanischstämmiger Landbesitzer von der nahen Küste, der nicht nur ebenfalls Pferde züchtete, sondern auch in einem fort Pech mit seinen »Donnas« hatte, mit seinen Angebeteten also. Sie liefen ihm immer rasch weg, weil er ein rücksichtsloses Rauhbein war. Eine von ihnen hatte neulich sogar Schutz auf der Ranch gesucht, was Martorells Sympathie für diese nicht gerade erhöhte. Sie hatte sich inzwischen zu Verwandten auf der Insel Elba abgesetzt. Für das Betriebsklima auf der Ranch war der Frauenüberschuß ohne Zweifel günstig, und wo er in militärischer Hinsicht Schwächen bedeutete, wurden diese durch Eifer wettgemacht. Die Ranch besaß ein paar Pistolen und genau ein Dutzend Flinten. Fast jede der acht Frauen kam mit diesen Waffen nicht schlecht zurecht.

2

An einem späten Nachmittag Anfang August erschien ein stoppelbärtiger Korse auf den Hof, der sich ständig wachsam umsah. Er hatte einen Gebirgspfad benutzt. Jim, der gemeinsam mit Schlackendörfer gerade Pferde für eine Kutschfahrt einspannte, kannte Pepe. Er war als Koch bei Don Martorell beschäftigt, hatte jedoch wiederholt ein gewisses Wohlwollen für die Kommune bezeugt. Nun raunte er ohne Einleitung zu Jim:

»Heute nacht seid ihr dran, compañero! Der Don will eure Gäule verscheuchen.«

Sie gingen sofort ins Haus. Jim rief ein paar Leute zusammen, pflanzte eine Flasche Rotwein vor Pepe auf den Tisch und bat ihn um Wiederholung beziehungsweise um Einzelheiten.

Martorell habe zwei seiner besten Leute dazu bestimmt, heute nacht den Korral der Ranch zu öffnen und sämtliche Gäule aus dem Tal und in alle Winde zu treiben, erzählte der Koch, während er begierig ihren Rotwein schlürfte. Genaueres wußte er anscheinend nicht.

»Wann wollen sie denn anrücken?«

Pepe hob bedauernd die Arme und lobte den Wein.

»Na gut«, sagte Francoise. »Dann müssen wir eben Wachen einteilen. Gegen zwei Gangster braucht man ja sowieso keine ganze Armee. Die anderen können ruhig in ihren Betten bleiben. Sehe ich das richtig?«

Die Anwesenden stimmten zu. Sie dankten Pepe überschwenglich und schoben ihm ein paar Banknoten in die Hemdentasche. Als er wieder auf dem Gebirgspfad verschwunden war, besprachen sie noch ein paar Einzelheiten, bevor sie wieder an ihre Arbeit gingen. Später, beim Abendessen, versuchten sie auch die Folgen des Angriffs und ihres Widerstandes abzusehen, aber das erwies sich als schwierig. Man konnte weder wissen, wie sich die ertappten Diebe, noch wie sich ihr Boß verhalten würde. Jedenfalls hing die Decke des ehemaligen Salons ihres »Lustschlößchens«, wie eine witzelte, nicht voller Geigen, vielmehr Sorgen.

Der Korral lag fast 100 Meter vom Schlößchen entfernt. Gewiß standen die Pferde am Tage auf der einen oder anderen Koppel im Tal, doch zur Nacht wurden sie in den Korral gepfercht, damit sie nicht etwa gestohlen würden. Genau das stand der Ranch nun bevor. Die Wachen wurden in drei Schichten eingeteilt, jeweils zwei Stunden für zwei Leute. Sie sollten in einem unweit des Korraltores gelegenen Stallgebäude auf dem Speicher Posten beziehen. Schlackendörfer, der sich längst mit den Jagdflinten der Kommune angefreundet hatte, war für die mittlere Schicht eingeteilt worden, zwei bis vier Uhr, und zwar mit der einzigen einheimischen Person der Kommune, einer hageren, etwas humorlosen schwarzhaarigen Frau Ende 20. Sie hatte die Angewohnheit, immer ihren rechten Mundwinkel zu beknabbern, den rechten von sich selbst aus gesehen. Sie kam aus dem Dunstkreis des korsischen »nationalen Widerstandes«, wo ihr Bruder Aktivist war. Selbstverständlich konnte sie schießen, und selbstverständlich hieß sie Corsica. Steffi bekannte später im Zelt, sie sei fast ein wenig eifersüchtig auf diese »Strippe« gewesen – aber weniger, weil auf dem Speicher auch ein paar Heuballen lagen, vielmehr weil sie nicht mit Schlackendörfer oder sonst einem Kommunarden Wache schieben durfte. Sie hätte sich so gern ins Gefecht geworfen. Allerdings sollte sich das Gefecht ein bißchen einseitig gestalten, und wer weiß, wie sie die Hinrichtung von zwei Pferdedieben verkraftet hätte.

Sie kamen kurz nach drei Uhr, und zwar zu Pferd. Offenbar hatten sie sich für die Taktik entschieden »Frechheit siegt«. Obwohl es wenig Sinn gemacht hätte, wenn sie sich von den Felsen her angeschlichen hätten. Pferde bemerken nämlich alles; sie fangen sogar an, unruhig zu werden und zu schnauben, wenn sich Dakota-Häuptling Klapperschlange persönlich durchs Gras schiebt. Genau das taten die Pferde auch jetzt, als die beiden Gangster auf ungefähr 150 Meter heran waren. Nun versetzten die Burschen ihre ohne Zweifel ausgesuchten Renner in Galopp und preschten zum Korraltor. Wahrscheinlich hatten sie vor, flugs einzudringen, dann die Gäule der Ranch von hinten her mit Rufen oder gar Schüssen aus dem Korral zu scheuchen und genauso hurtig wieder das Weite zu suchen.

Als der vordere Gangster stoppte, um das Tor öffnen zu können, schoß ihm die Lippen kauende Corsica im Morgengrauen den Hut vom Kopf und rief:

»Runter von den Pferden, ihr Schmutzfinken, und die Pfoten hoch!«

Das gefiel ihnen aber gar nicht. Sie rissen sofort ihre Pferde herum und versuchten unter dem aufgeregten Wiehern der Ranchgäule zu entkommen.

Für diesen Fall gab es keine Absprache – möglicherweise ein Fehler. Corsica entschied sich blitzschnell dafür, wenigstens ein Pferd der Gangster abzuschießen, was sie Schlackendörfer auch zuzischte. Dann traf sie jedoch den Gangster selbst. Schlackendörfer folgte ihrem Vorbild – und schoß nur Sekunden später auch den zweiten Gangster aus dem Sattel.

Während die Diebe auf den Fahrweg klatschten, stürmten ihre Pferde davon. Im Schlößchen war inzwischen Licht aufgeflammt, und mehrere aus dem Schlaf geschreckte Kommunarden kamen bereits mit der Flinte in der Hand über den Hof getrabt. Schlackendörfer und Corsica schlossen sich an. Alle umringten die beiden Gestürzten und rangen mit ihren Fragen oder Gewissensbissen. Francoise, die einmal Sanitäterin gewesen war, untersuchte die beiden und meinte, sie seien tot. Daraufhin kehrte vorübergehend Betretenheit ein. Dann mußten Corsica und Schlackendörfer Bericht erstatten.

3

Die Beratung über die nächsten Schritte verlegten sie in den Salon, nachdem sie sich am Bach ein wenig erfrischt oder etwas abseits von diesem um ihren Morgenurin erleichtert hatten. Sie einigten sich rasch darauf, Gendarmerie habe keinen Sinn. Wer würde ihnen schon glauben? Der Don würde sie als heimtückische MörderInnen hinstellen. Aber sie hatten auch keine Lust, die Leichen eigenhändig zu verbrennen oder gar zu bestatten, damit nicht Fuchs oder Bartgeier sie holten. So fuhren zwei Kommunarden in der nächsten Nacht mit ihrer Kutsche zum Anwesen des Dons und warfen die Leichen über eine Mauer. Der einen Leiche hing ein Schild um den Hals, das Steffi gemalt hatte: »Hier ruhen zwei ertappte Pferdediebe, die lieber feige flüchteten statt sich mannhaft zu ergeben.«

Die Vorhersagen, wie nun der Don oder die Behörden reagieren würden, widersprachen sich. Eine Mehrheit der Kommunarden setzte darauf, der Don werde sich einsichtig und schonend verhalten, weil er nun sehe, sie ließen sich nicht alles gefallen und schlügen sogar zurück. Vielleicht könne man ihm bei nächster Gelegenheit erneut ein Schlichtungsgespräch vorschlagen. Im ganzen war die Stimmung gedrückt, wenn auch mit einigem Galgenhumor gewürzt. Eine neue Last ergab sich durch die Vorsichtsmaßnahme, auf einer oberhalb des Korrals gelegenen Kuppe einen ständigen Wachposten einzurichten. Sämtliche Kommunarden mußten nun für ein halbes Stündchen einen bestimmten scharfen Zweifingerpfiff einüben, den Schlackendörfer als Alarmsignal vorgeschlagen hatte. Wahrscheinlich dachten alle Pferde, Ziegen und Mufflons des Tals, von Francos Spanien her rücke ein ganzes Geschwader aus Adlern an.

Der wirkliche Alarmpfiff schreckte die Kommunarden bereits einen Tag nach der Leichenablieferung auf – und zwar am hellichten Vormittag. Alle versammelten sich sofort auf dem Hof. Wachposten Gilbert kam von der Kuppe her angerannt, schwenkte sein Fernglas und keuchte:

»Da kommt eine halbe Kompanie angeritten, wenn ich mich nicht verschätze, mit Martorell an der Spitze. Alle schön bewaffnet! Nach Unterhändlern für eine Friedenskonferenz sieht das nicht gerade aus.«

Da bedurfte es keiner langen Diskussion. Sie zogen sich sofort in ihr Schlößchen zurück, verriegelten im Erdgeschoß sämtliche Fensterläden und natürlich auch die Flügeltür und verschanzten sich mit ihren Waffen im Obergeschoß. Zwar behielten sie auch die umliegenden Kuppen im Auge, doch es war unwahrscheinlich, daß von dort her Gefahr drohte. Sie waren meist sehr unwegsam, vor allem aber von Ziegen oder Schafen bevölkert, die bei jeder Störung Laut gaben. Das galt auch für die steile Felswand im Rücken des Schlößchens, an deren Fuß der Vorratskeller lag. Von der Hintertür des Schlößchens bis zum Keller hatte man knapp 30 Schritte zu gehen.

Nach wenigen Minuten machte der feindliche Troß in gebührender Entfernung auf dem Fahrweg Halt und schickte nun doch einen Unterhändler vor, zu Fuß. Uniformen konnten sie nicht entdecken. Wie es aussah, hatte Martorell sämtliche seiner waffenfähigen Leute zusammengetrommelt. Schlackendörfer zählte mit Hilfe seines Opernglases 48 Köpfe.

Als der Unterhändler ein paar Pferdelängen vor dem Schlößchen stehen blieb, konnte man schon fast die Stille knistern hören. Es war ein zottiger Kerl, den der Don nun vielleicht für ein kleines Vergehen büßen ließ, etwa Pokern im Dienst. Er wirkte nicht gerade begeistert. Er rief beinahe stammelnd zum Obergeschoß hinauf, der Don habe zwei seiner besten Leute verloren und wünsche augenblicks die Auslieferung der Personen, von denen sie erschossen worden wären. Er nehme auch Weibsleute, habe der Don gesagt, haha …

Bona antwortete ihm, indem sie einen Pfeil auf seinen linken Stiefel abschoß. Der Mann schrie sofort auf, zog fluchend den Pfeil heraus, wobei er kläglich wimmerte, und humpelte zu seinem Haufen zurück.

Martorell hatte sich bereits gestrafft und erste Anweisungen gegeben. Offenbar sah er jetzt endgültig rot. Seine Männer stiegen ab, untersuchten vorsichtig die Nebengebäude der Ranch und begannen damit, sich in deren Schutz mit gezogener Waffe dem Schlößchen zu nähern. Er selbst hielt sich eher hinten, feuerte sie jedoch unüberhörbar an:

»Schießt dieses Drecknest mit Mann und Maus zusammen! Solltet ihr Wertsachen finden, gehören sie euch!«

Die folgende Schießerei war anfänglich zweifelsohne geeignet, sämtliche Mäuse und Kaninchen der Gegend in ihre Löcher zu scheuchen. Die Banditen ballerten aus allen Rohren, doch je näher sie dem Schlößchen rückten, desto mehr verebbte das zunächst heftige Gegenfeuer. Die Fenster im Obergeschoß leerten sich. Martorell nahm vermutlich an, die Verteidiger seien entweder reihenweise gefallen oder sie hätten Mann für Mann beziehungsweise Frau die Flucht ergriffen. Das war auch gar nicht so falsch, allerdings sah der Don niemanden aus dem Haus rennen oder springen. Zuletzt, nach etwa zehn Minuten und drei toten Angreifern, schien aus dem Obergeschoß nur noch eine Schußwaffe zu sprechen.

Martorell hatte hinter dem Mishaufen Deckung gesucht. Jetzt richtete er sich vorsichtig auf und rief:

»Vielleicht hat sich das Pack im Keller versteckt! Stürmt die Bude und werft Feuer in den Keller, das räuchert sie aus! Achtet aber auch auf den Hinterhof: am Ende haben sie sich dort wie die verängstigten Hühner zusammengeschart!«

Seine Männer gehorchten, drückten sich längs der geschlossenen Fensterläden von beiden Hausecken her durch den Wandelgang zur Flügeltür, zertrümmerten diese mit zwei Beilen und drangen ein. Sie erkannten rasch, dieses Gebäude besaß überhaupt keinen Keller. Auch auf dem Speicher fanden sie niemanden. Der Streifen zwischen Schlößchen und Steilwand, von Martorell »Hinterhof« genannt, war ebenfalls leer, wie sie von verschiedenen Fenstern aus sahen. Sie riefen ihrem Boß die Pleite zu, während dieser bereits nachkam. Er stolperte fluchend durchs ganze Haus und wünschte seinen erfolglosen Kämpfern Pest und Cholera an den Hals. Schließlich erblickte er die jenseits des »Hinterhofes« gelegene Tür am Fuß der Steilwand. »Vielleicht haben sie sich dort verschanzt! Seht einmal nach, aber bitte mit Vorsicht!« Sieben Leute schlichen sich von den Seiten her an. Als sie an der Klinke zerrten, schwang die Tür sogar problemlos auf. Allerdings hatte der kleine Kellerraum lediglich ein paar Vorräte zu bieten, darunter von der Decke baumelnde eingepökelte Wildschweinkeulen. Sie kamen wie begossene Pudel wieder heraus. Martorell fluchte erneut, sah sich wild und verwirrt um und wies seine Männer an, die ganze sogenannte Ranch auf den Kopf zu stellen. Irgendwo müßten die Mistkerle und Flintenweiber ja sein. Er selber bezog wieder Position am Misthaufen und verfolgte die Aktivitäten seiner Untergebenen. Sein Gewehr hatte er schußbereit unter einen Arm geklemmt, während er den anderen dazu benutzte, einen Flachmann aus seiner mit maisgelber Längsschnur besetzten dunkelbraunen Reithose zu kramen und sich einen Schluck Brandy zu genehmigen.

Schlackendörfer hatte eigentlich zu den 16 Verteidigern des Schlößchens gehört. Während die Hofdurchsuchung anlief, arbeitete er sich jedoch am östlichen Steilhang durch die Gebüsche und Felsbrocken bis zur Höhe des Misthaufens vor. Nun richtete er sich vorsichtig auf, spannte den Hahn seiner Doppelflinte und legte sorgfältig auf den Oberbefehlshaber des Feindes an. Sekunden später entfiel Martorell der Flachmann, weil er selber aufstöhnend gegen den Misthaufen sank. Dieser Schuß war das Zeichen für die anderen VerteidigerInnen, ihrem Gast nicht nachzustehen. Jetzt erhoben sich an beiden Steilhängen noch einmal 15 Schützen und nahmen die teils verblüfften, teils verschreckten Tölpel aufs Korn, die gerade ihre Ranch durchsuchten. Nach wenigen Minuten waren schon wieder etliche Angreifer tot, andere rannten bereits zu ihren Pferden und machten sich aus dem Staub. Fünf besonders hartnäckige Kerle verschanzten sich allerdings im Aborthäuschen der Kommune, das zwischen Misthaufen und Korral lag. Es maß ungefähr vier Meter im Quadrat, war ausschließlich aus Holz gebaut und wirkte auch auf Fremde schon recht baufällig.

Steffi hatte sich mit ihrem Bogen bei Corsica gehalten. Zusammen genommen, hatten sie bis dahin möglicherweise sogar die meisten Treffer erzielt. Corsica benutzte natürlich ein Gewehr. Jetzt kam Steffi die Idee, endlich einmal einen Brandpfeil abzusetzen. Nachdem sie auf das strohgedeckte Aborthäuschen genickt hatte, fragte sie Corsica, ob etwas dagegen spräche. Die halbe Partisanin dachte nicht lange nach:

»Mach' nur, wahrscheinlich benötigen wir es sowieso nicht mehr.«

Steffi zog den Brandpfeil aus ihrem Köcher, entzündete ihn und legte an. Bei dieser Sommerhitze war es nicht verblüffend, wenn das Aborthäuschen bereits 20 Sekunden nach dem Einschlag in Flammen aufging. Die fünf Banditen stellten ihr eigenes Feuer lieber ein. Nach wenigen Minuten waren sie von dem Qualm und von ersten herabstürzenden Dachsparren ins Freie getrieben worden. »Nicht schießen!« riefen sie. »Wir ergeben uns!« Sie warfen ihre Waffen auf die Erde und hofften mit erhobenen Händen auf Gnade.

Nach kurzer Verständigung mit anderen Kommunarden rief Jim vom Scheunengiebel her: »Zieht ohne eure Püster Leine und laßt euch hier nie mehr blicken!«

Tatsächlich trotteten sie wie wiederauferstandene Hammel zu ihren Pferden, die sie am Korralzaun angebunden hatten. Vielleicht rätselten sie dann auf dem Heimritt, wie den Verteidigern die Flucht und die Fallenstellerei gelungen war. Die Sache war recht einfach. Sie verdankte sich der schon früher erwähnten weitverzweigten Höhle, die hinter der gemauerten Rückwand der als Vorratskeller dienenden Grotte lag. »Für alle Fälle« hatten die neuen EigentümerInnen des Schlößchens damals ein niedriges eisernes Türchen in der Rückwand eingebaut, das sich nur wenig von der Wand abhob. Die Höhle bot mehrere versteckte Ausgänge in die Steilhänge, die sich beiderseits an die hohe Felswand anschlossen, und diesen Fluchtweg hatten die fliehenden Kommunarden hurtig benutzt. Der schnellste Kommunarde war Jim gewesen, hatte er doch im Obergeschoß des Schlößchens bis zuletzt die Stellung gehalten, um weitere Abwehr vorzutäuschen. Schließlich raste er wie ein Hase nach unten und Sekunden später an den eingepökelten Wildschweinkeulen vorbei. Die waren nun ferne Vergangenheit.

4

Sie kontrollierten die auf dem Hof oder in den Gebäuden liegenden, mehr oder weniger regungslosen Angreifer. Es waren 19. Zwei von ihnen gab Corsica kaltblütig den Gnadenschuß; sie waren zu schwer verwundet. Dann spülten sie sich am Bach den Schweiß von den Stirnen und holten einige Obstkisten aus der Scheune, um sich in deren Schatten zur Beratung niederzulassen. Die Stille war nun wirklich makaber. Ein schwaches Knacken kam lediglich von den schwelenden Überresten ihres Aborthäuschens, die sie von hier aus im Auge hatten. Schlackendörfer hatte Steffi bereits ein Lob ins Ohr geflüstert, aber jetzt, nach Corsicas letzten Schüssen, drängte sie sich doch leicht erschüttert und schutzsuchend an ihn. In der Ferne schien ein Kolkrabe durchs Tal zu rudern; man hörte sein merkwürdiges tiefes Bellen. Einige Kommunarden fluchten leise vor sich hin.

Als letzte nahm Edith Platz, die sich kurz im Haus umgesehen hatte. »Ekelhaft!« knurrte sie. »Überall Scherben und Splitter. Im Gemeinschaftsraum haben sie den Plattenspieler, in der Diele den Telefonapparat zertrümmert. In der Küche liegt der ganze Geschirrschrank auf seinem Gesicht. Aber immerhin, meine Flöte ist noch heil!« Sie hob triumphierend den schmalen Kasten, den Schlackendörfer inzwischen gut kannte.

Francoise, Ediths Geliebte, lächelte, wenn auch etwas gequält. Dann ergriff sie als erste das Wort. Sie nehme an, jedem sei klar, mit dem lieben Don Martorell sei auch die Ranch gestorben. Zwar hätten sie gottseidank keine eigenen Toten oder Verletzten zu beklagen, doch es gehe jetzt noch immer um ihr nacktes Überleben. Und in dieser Hinsicht sei sicherlich höchste Eile geboten. Für ein ausgiebiges Palaver hätten sie jetzt am wenigsten Zeit. Schon in einer Dreiviertelstunde könnten aus Calvo – das war das nächste Marktstädtchen, wo auch Gendarmen lagen – die ersten Gesetzeshüter anrücken, vielleicht sogar mit ihrem auf einen Pritschenwagen montierten Maschinengewehr. Gerechtigkeit könnten sie nie und nimmer erwarten. Was also tun?

Die Kommunarden sahen sich mit verkniffenen Augen an. Jim war es, der den naheliegenden gemeinsamen Gedanken aussprach: »Abhauen!«

»Und wohin?« wollte Francoise wissen.

Plötzlich fiel Schlackendörfer der dicke Brief von Maria ein. Er lag im Zelt, das inzwischen etliche Einschußlöcher aufwies. Hoffentlich war seine Gitarre noch ganz. Nun sagte er:

»Vielleicht könnten wir alle gemeinsam in Pingos Unterschlupf finden. Meine Freundin Maria hat mir eine Broschüre geschickt. Das Werk ist sogar zweisprachig verfaßt, kastonisch und englisch. Klingt ziemlich vielversprechend, was die darin schreiben. Die Leute von Pingos, meine ich. Kennt ihr die Insel?«

Das wurde verneint. So umriß er in wenigen Sätzen, was sich auf dieser Ägäis-Insel nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert hatte. Francoise trieb ihn selbst dabei noch zur Eile an.

»Wenn man da hin wollte, bräuchte man am besten ein Schiff«, sagte Bona nach kurzem Schweigen. »Der Käptn hat doch eins!«

Gilberts Miene hellte sich auf. »Richtig!« Doch dann nickte er düster zum Haus: »Nur können wir ihn im Moment leider nicht anrufen, wenn das Telefon zertrümmert ist, wie Edith sagt.«

Aber Edith winkte ab. »Vielleicht von unterwegs, von einer Gaststätte aus, das tut's ja auch.«

Francoise erhob sich bereits. »Na also, ihr Lieben!« klatschte sie in die Hände. »Wir fahren erst mal los, dann sehen wir weiter. Mit dem Käfer von Schlackendörfer und Steffi verfügen wir über drei Autos. Da passen wir ja notfalls alle hinein. Schmeißt sofort die allerwichtigsten Sachen in die Wagen, etwas Kleidung, unsere Kasse natürlich – und die zauberhafte Broschüre, Schlackendörfer. Ich würde sagen, wir geben uns fürs Packen 10 Minuten. Sind alle einverstanden?«

Das war der Fall. Nach 12 Minuten gossen sie noch einmal Wasser auf die schwelenden Balken des Aborthäuschens und ließen die drei Autos an. Als sie in einer Staubwolke an ihren weidenden Pferden vorbeibrausten, traten dem draufgängerischen Jean die Tränen in die Augen, wie Steffi bemerkte, die zufällig neben ihm saß. Ranch ade.

Das Abschiedslied Requiem für ein Gebirgstal verfaßte Schlackendörfer, als sie bereits mit der Yacht des Käptns in See gestochen waren. Es sollte noch viele Leute anrühren, und keineswegs nur Rebellen.

* Wer Näheres wissen will, muß die Geschichte Pingos aus Zora packt aus anklicken.
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