Dienstag, 23. August 2022
Merles Insel

Sollten Sie vor dem kommenden Winter oder den Affenpocken auf die berüchtigte einsame Tropeninsel flüchten, nehmen Sie Robert Merles 1962 veröffentlichten Roman Die Insel mit. Ich halte ihn für überragend. Ich beziehe mich auf die Ostberliner Übersetzung Eduard Zaks aus dem Aufbau-Verlag, 4. Auflage 1970. Der links-orientierte französische Romancier Merle konnte den Erfolg seiner vielen Werke ziemlich ausgiebig genießen, starb er doch erst 2004 mit 95 Jahren. Mit seiner fesselnden, anschaulichen, trotz allem Detailreichtum nie ausufernden Darstellung des Klassenkampfes unter den rund zwei Dutzend Besiedlern der Insel knüpfte er an die berühmte Meuterei auf der Bounty von 1789 an. Eine Restbesatzung des britischen Seglers läßt sich im Verein mit Eingeborenen aus Tahiti auf der kleinen, damals kaum bekannten Südseeinsel Pitcairn nieder. Zwar erfindet Merle die kommenden Auseinandersetzungen auf der Insel, ist doch kaum etwas von ihnen überliefert; im Grundsatz hält er sich gleichwohl an die historischen Vorgaben. Das bedeutet freilich auch, daß er, was die beteiligten britischen Seeleute angeht, an betrübliche Charaktere gebunden ist, mit denen sich kein vernünftiger Anarchist auch nur im Traum am Aufbau einer freien Zwergrepublik versuchen würde. Sie taugten allenfalls für Piratenschiffe.

Andererseits kann man vor Merle schon deshalb nur den Hut ziehen, weil er sich selbst in diese betrüblichen, ihm doch eher fremden Charaktere hervorragend einzufühlen versteht. Sowohl seine Wracks des Empires wie seine lebenslustigen PolynesierInnen aus Tahiti treten nie als Schablonen auf – man ist verführt zu glauben, Merle hätte etliche Monate unter ihnen gelebt. Selbst der hagere und verschlagene Schiffszimmermann MacLeod, der sich den Kapitänsthron anmaßt und eine »Parlamentsmehrheit« aus Arschkriechern zusammenzimmert, hat seine Zweifel, Widersprüche und Eigenheiten. Dem Krieg mit den Polynesiern, die er nach bester rassistischer Manier zu übervorteilen und auf Knechtschaftsrang zu stutzen sucht, ist er allerdings nicht gewachsen. Erst die Schwarzen töten MacLeod, während »Adamo« Purcell seinem Kollegen Baker noch in den Arm gefallen war, als dieser den tyrannischen Zimmermann in den Sarg schicken wollte. Der eher schmächtige, dünnhäutige und lesefreudige Schiffsoffizier Adam Purcell, sozusagen erster Held des Romans, vertritt lange Zeit hartnäckig die pazifistische Linie im Klassenkampf. Im großartigen Finale des Romans, das Purcell gemeinsam mit seinem heftigsten polynesischen Widersacher bei der »Probefahrt« in einem einmastigen Kutter gegen die durch Sturm und Gewitter entfesselte See ankämpfen sieht, gesteht er Tetahiti ein, sein christlich-pazifistisches Konzept der unbedingten Nächstenliebe und unverzichtbaren Schonung eines jeden Menschenlebens sei ein verlustreicher Irrtum gewesen. Kein Dreivierteljahr, und die Inselbesatzung war aufgrund der üblichen, von »Meinungsverschiedenheiten«, Vorurteilen und Abneigungen befeuerten Kämpfe von 27 auf 14 Menschen geschrumpft! Möglicherweise hätte das durch einen rechtzeitigen, tödlichen Sturz MacLeods vermieden werden können. Aber vielleicht auch nicht, denn bekanntlich sind die MachthaberInnen auf diesem Planeten seit vielen Jahrhunderten blitzschnell umgekleidet und ausgetauscht. Dann landet man vom Regen in der Traufe.

Die natürlichen Verhältnisse auf der winzigen, keine fünf Quadratkilometer messenden Insel sind nicht übel, wenn auch die Trinkwasserfrage drückt. Von ihrem Dorf aus müssen die jeweils eingeteilten WasserschöpferInnen Tag für Tag ins Gebirge zur einzigen Quelle steigen, was sie, neben der Mühsal, einschließlich Rückweg zwei Stunden kostet. Lasttiere sind nicht vorhanden. Aber gegen die heutigen fortschrittlichen Zeiten gehalten ist das eigentlich noch harmlos. Wie jeder im Internet lesen kann, werden ungefähr 800 Millionen Bewohnern dieses Planeten tägliche kilometerlange Fußmärsche oder Ritte zur nächsten Trinkwasserstelle zugemutet. Neben Frauen obliegt das oft Kindern – die es auf Merles Pitcairn gar nicht gab. Allein dieser Skandal wäre doch eigentlich für die 8.000 Superreichsten der Erde Grund genug, sich klammheimlich auf den Mond zu verpissen, und zwar ohne ihr Vermögen. Aber sie denken natürlich gar nicht daran. Statt die Wege zum Trinkwasser zu verkürzen, schreiten sie vielmehr daran, die Weltbevölkerung zu »reduzieren«, wie es immer so schön unverfänglich heißt. Sie schaffen eins, zwei, viele Ukraines und erfinden einen leckeren Impfstoff nach dem anderen.

Merle verfügt über einen erstaunlich üppigen Wortschatz und setzt ihn so gut wie immer treffend ein. Sein Gebrauch von Fremdworten ist erfreulich gering, obwohl er von Hause aus Akademiker ist. Von daher erstaunt zudem seine eindrucksvolle Erdnähe, wie man es nennten könnte. Ob Haushalt, Gartenarbeit, Handwerk aller Art – Merle spricht stets fachmännisch davon. Selbst der Bau eines völlig neuen, hochseetüchtigen Segelkutters geht ihm wie Butter von der Hand. Mit diesem Boot auf Probefahrt, werden Purcell und Tetahiti, inzwischen die beiden einzigen Männer auf der Insel, am Buchende von dem erwähnten gewaltigen Unwetter überrascht. Allein die Schilderung dieses plötzlich tollkühnen Abstechers in die Südsee ist ein hochkarätiger Reißer.
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