Mittwoch, 6. Juli 2022
Riesen
Aus meiner Skizze von der Schweinsblaseninsel, 2017


Ich habe mich entschlossen, in zwei gesonderten Abschnitten noch die Themen »Mythologie« und »Sozial- und Liebesleben« der InsulanerInnen zu behandeln. Dabei droht meiner Mythologie sicherlich der händereibende Vorwurf, mit ihr säße ich genau dem Größenkult auf, den ich sonst bei jeder Gelegenheit verdammte. Darauf erwidere ich: eine andere Mythologie ist gar nicht denkbar. Der Mensch wird sich immer verloren vorkommen, wenn er sich eines Tages in eine ihm völlig überlegene Welt geworfen sieht, deren Sinn ihm niemand verrät. Hier wird er Verzweiflung und Verkrüppelung nur durch die Erklärung vermeiden können, schließlich sei er an diesem Schicksal nicht schuld. »Finstere Mächte haben uns hier hineingestoßen«, sagt er dann zu seinesgleichen, »aber das heißt ja noch lange nicht, daß wir das üble Riesen-Zwerge-Spiel auf Erden ebenfalls pflegen. Stimmt ihr mir zu?« Die Mythologie der InsulanerInnen wurde Mark eines Tages von der jungen Insulanerin J. mit den folgenden Worten vorgestellt.

Es gibt zwei Welten, zwei benachbarte: eine feste und eine flüssige. Beide sind riesig, aber nur in der festen Welt leben Riesen. Gewitter zeigt eine Orgie der Riesen an. Ihre Weiber senden aus ihren Scheiden Blitze, um ihre Bereitschaft und ihre Standorte zu signalisieren. Darauf schlagen die Kerle ihre Penise an Bäume, daß es nur so donnert. Nun wissen die Weiber: aha, sie kommen.

In grauer Vorzeit standen da so ein paar Riesen zusammen auf einem Berg nahe der Grenze, blickten über das endlose Wasser und seufzten: »Mein Gott, das ist ja furchtbar, diese Einöde, da wird man ums Haar schwermütig, wenn man da immer draufgucken muß, ohne den geringsten freudigen Anhaltspunkt zu haben!« Deshalb kamen sie überein, wenigstens ein bißchen Abhilfe zu schaffen. Der Stärkste von ihnen nahm einen Klumpen vom Berg und warf ihn mit aller Kraft hinaus, so weit er konnte. Aus diesem Klumpen erwuchs das, was du Insel nennst, mein lieber Mark. Und weil er den Klumpen vorher in seinen Atemstrom gehalten hatte, erwuchsen dem Klumpen wiederum das, was man möglicherweise Zwerge nennen könnte, obwohl es eigentlich überflüssig ist. Das waren also wir, die BewohnerInnen der Insel. Nun sind wir zwar durchaus keine Zwerge, aber es stimmt, unser Land ist klein. Deshalb warf damals eine Riesin eine Ovaríanuß hinter dem Klumpen her. Aus dieser Nuß sprießten dann die schönen und nützlichen Sträucher, die du ja inzwischen kennst und zu schätzen weißt. Indem sich unsere Männer und Frauen von Anbeginn der Ovaríanuß bedienten, wenn sie keine Kinder zu machen wünschten, blieb die Inselbevölkerung immer schön klein. Denn es wäre ja Wahnsinn gewesen, in einem fort Kinder aufs Land zu setzen, daß sie sich schon bald auf die Füße treten und um den letzten Bissen Hasenkeule oder die letzte Kartoffel prügeln.

Die Riesen schicken täglich die Sonne. Aus Dankbarkeit wurde ihnen deshalb vorzeiten ein hübsches Relief in jenen dir bekannten mächtigen Granitfelsen gehauen, der nach Osten geht. Abends holen die Riesen die Sonne immer wieder zurück, indem sie ihre Unterwasserangel einziehen. Das Relief soll den lachenden Reichtum der Insel andeuten, falls du es noch nicht erkannt hast, mein Schatz. Es muß aber wegen der Witterungseinflüsse regelmäßig aufpoliert werden, damit es weiterhin schön spiegelt und also von den Riesen gesehen und genossen wird. Dieser eher unaufwendige, aber nicht ganz ungefährliche Ehrendienst an der Reliefwand ist ausgesprochen beliebt. Er wird auch als Auszeichnung verstanden. Bei den halbjährlichen Bootswettkämpfen unserer Kerle wird er zuweilen als Preis vergeben.

Soweit J. zur Mythologie. Ich füge noch ein paar Bemer-kungen zur Frage des Totenkultes und der Rechtspflege hinzu. Durch sie läßt sich nebenbei unterstreichen, daß sich die InsulanerInnen, Riesen hin und Riesen her, über das, was die abendländischen Philosophen mit Bierernst meist »Jenseits« nannten, eher lustig machen. Sie haben nämlich gar keine nennenswerten Jenseitsvorstellungen. Wozu auch? Das Land ist gut, und einer Hölle bedarf es ebensowenig, weil just bei Lebzeiten gebüßt wird, falls jemand unrecht tat. Die Hauptbuße besteht darin, das Unrecht wieder gut zu machen, soweit möglich, und weiterem Unrecht vorzubeugen. Prügel- und (aufwendige) Gefängnisstrafen gibt es nicht. Jeder Häftling würde sich in einem Gefängnis sowieso umgehend umbringen. Bei schweren Vergehen und Uneinsichtigkeit beziehungsweise Wiederholungsgefahr wird der Täter getötet. Dadurch wird unter anderem verhindert, daß er seine Anlagen vererbt. Hat er (oder sie) bereits Kinder, werden wohl auch diese getötet, aus demselben Grund, und nicht etwa wegen Sippenhaftung. Hinrichtungen haben, wie alles, nicht den geringsten sadistischen Zug.

Über das Jenseits, das Geschick nach dem Tode, läßt sich also nichts Genaues sagen. Dummerweise schließt das die Unkenntnis darin ein, ob oder was Leichen empfinden. Deshalb hat es sich, für alle Fälle, auf der Insel einge-bürgert, die Leichen so kurz und schmerzlos wie möglich zu beseitigen. Sie werden mit brennbarer Flüssigkeit überschüttet und in ein prasselndes Feuer geworfen. Gedenkstätten gibt es nicht. Die aktuellen Toten werden auf den Vollversammlungen erwähnt, bis der nächste Insulaner gestorben ist.

Das Wort »töten« kommt in der Inselsprache nicht vor. Für die Jagdbeute hat man ein anderes Wort. Ist es hin und wieder unumgänglich, einen Insulaner zu töten, wird ihm, schweren Herzens, »das Leben genommen«. So kam einmal ein Insulaner vor, der von Wahnsinn und Tobsucht befallen wurde. Nachdem er, gefesselt, drei Tage geschrieen hatte, entschloß sich der genervte Konsens, ihn zu töten. Das wurde mit allerlei Bitten um Entschuldigung und Büßmaßnahmen vergolten. Alles in allem dürfte sich freilich schon deutlich gezeigt haben: Wie sie von keinem König oder Kapitalisten beherrscht werden, stehen die SchweinsblaseninsulanerInnen auch nicht unter der Knute ihrer eigenen Ängste. Es sind »unverkrampfte« und »gradlinige« Leute, wie Mark sich einmal ausdrückte. Das dürften sie nicht unerheblich der Tradition ihres Sozial- und Liebesliebens verdanken [siehe Heft 1].
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