Freitag, 1. Juli 2022
Sprengkraft einer Stiftung
Um 2015


Gutinformierte Kreise ließen mich kürzlich wissen, der Schriftsteller Herbert Huckenrade sei jetzt tot. Er soll auf einer griechischen Insel gestorben sein. Angeblich war er 86. Nach dem betagten Flüchtling lief seit gut 10 Jahren ein internationaler Haftbefehl, der sich nun erübrigt haben dürfte. Selbst als Greis ein immer noch stattlicher, wenn auch weißhaariger Hüne, hatte Huckenrade zuletzt im Stift Nassenburg gelebt. Die Überbleibsel des mächtigen ehemaligen Klosters türmen sich nur einen Steinwurf von meinem Arbeitszimmerfenster entfernt als Trümmerberg auf. Ganz zuletzt hatte Huckenrade (im Verein mit Dutzenden von MitstreiterInnen) auch enormes Aufsehen erregt; man wird sich vielleicht erinnern. Vom Apotheker Franz Omber war damals nie die Rede. Da er ebenfalls schon unter der Erde liegt, will ich das Geheimnis seines prächtigen, alten Fachwerkhauses lüften, obwohl mir damit eine Flut von unerwünschten Anfragen und zusätzlichen Gaffern auf der ohnehin vielbesichtigten Stiftsgasse droht. Franz Omber war mein Vater. Freundlicherweise vererbte er mir neben seinem Haus auch so manche Einzelheiten der Geschichte, die ich im folgenden erzählen werde. Ich selber hielt mich nämlich um 2006 gerade zu Forschungszwecken in Südamerika auf und bekam die stürmischen Ereignisse in Nassenburg deshalb nur notdürftig über einige Zeitungsberichte und Telefongespräche mit.

Stift Nassenburg überragte die traditionsreiche Residenz- und Kreisstadt, weil es auf einer kleinen Anhöhe lag. Von der Altstadt war es auf der Südseite durch einen durchschnittlich 200 Meter breiten Gürtel aus Weide-, Garten- und Rebstockland getrennt, auf der steileren Nordseite dagegen durch ein hübsches Mischwäldchen, das allerdings in Gebäudenähe Federn lassen mußte, nachdem die eigentlichen Kampfhandlungen begonnen hatten. Einige rüstige Schwestern und Brüder holzten dort auf einem rund 20 Meter breiten Streifen erbarmungslos ab, um auch im Norden ein gewisses Seh- und Schußfeld zu haben. Drei Tage nach der Fällaktion scheiterte der Versuch von Polizeikräften, Huckenrade von der Zufahrtsstraße auf der Südseite aus, zwecks zwangsweiser »Vorführung« bei Gericht, zu verhaften; wieder drei Tage später setzte die nunmehr erheblich verstärkte Polizei ringsum die Belagerung des Stifts ins Werk.

Das Stift Nassenburg – der Name wurde von den neuen Eigentümern beibehalten – als radikaldemokratisch verfaßtes Altenheim verdankte sich einem anderen Schriftsteller, Heinrich Böll. Er hatte für das Vorhaben einen guten Teil seines Nobelpreises (von 1972) gestiftet. Die Kirche trennte sich von ihrer Nassenburger Liegenschaft, obwohl sie den Christen Böll eher haßte; dafür liebte sie das Geld. In den rund 30 Jahren seines Bestehens bot das über 120 Plätze verfügende Altenheim Hunderten von betagten, mehr oder weniger systemfeindlichen Künstlern beiderlei Geschlechts, aller Art und etlicher Sprachen einen angenehmen Unterschlupf. Wer aufgenommen werden wollte, mußte keineswegs bestimmte Einkünfte oder andere Verdienste vorweisen; er hatte jedoch die große Hürde des Stiftsplenums zu nehmen, das alle wesentlichen Fragen nur im Konsens entscheiden durfte. Zu diesem Plenum zählten neben sämtlichen Bewohnern oder ihren sie vertretenden »Paten« (falls der betreffende Greis schon zu gebrechlich oder verrückt war) auch die MitarbeiterInnen und ein paar BeraterInnen der Einrichtung. Für Huckenrade hatte damals sogar die Geschäftsführerin Gudrun Lambsbert gestimmt, eine recht abgebrühte linke Rechtsanwältin. Sie sollte es 2006 bitter bereuen.

Huckenrade hatte in seinen Aufsätzen und Erzählungen nie ein Blatt vor den Mund genommen, war aber bis dahin gleichwohl nie beim »Klassenfeind« angeeckt. Er war zu unbedeutend, was bedeutet: einflußlos. Nun jedoch, im Frühjahr 2006, war ein Staatssekretär an der Spree blöd genug, seine Ministerin auf einen Text aufmerksam zu machen, in welchem Huckenrade von den Berliner Bundespolitikern als einer »Bande aus Verbrechern« sprach, die beispielsweise das Wirken der Gang Al Capones oder einer »Standarte« aus SA-Leuten lässig in den Schatten stelle. Selbstverständlich führte Huckenrade Argumente für diese provokative Einschätzung an, aber dafür hatten weder der Staatssekretär noch die Ministerin ein Ohr, die sofort das ganze Kabinett alarmierte. Und das Kabinett war entrüstet. Nicht etwa über das eigenhändig geförderte weltweite Geschäft mit der Aufrüstung und Finanzspekulation; nein, es ereiferte sich über die – wahlweise – Beleidigung, Verunglimpfung, Üble Nachrede, Rufschädigung, Verleumdung, die ihnen Huckenrade zugefügt hatte. So setzte es seine, eben dem Kabinett hörigen Staatsanwälte in Trab.

Witzigerweise war der beanstandete Aufsatz schon vor etlichen Jahren erschienen, in einer kleinen Zeitschrift. Er hatte bis dahin keinen nennenswerten Widerhall hervorgerufen. Das änderte sich nun, dank des dienstbeflissenen Staatssekretärs und der Nassenburger Staatsanwaltschaft, die ein Strafverfahren gegen den Autor einleitete. Insofern konnten sich Huckenrade und Genossen auf ihrem Altenteil natürlich nur die Hände reiben. Auch eine andere Begleiterscheinung war durchaus erfreulich: auf Dauer kann es für aufgeweckte Greise langweilig werden, immer nur Bakunin oder Comics zu studieren, Snooker, Doppelkopf oder Mensch-ärgere-dich-nicht zu spielen, Tomaten oder Weintrauben zu pflücken oder sich im stiftseigenen Hallenbad vom Drei-Meter-Turm zu hechten. Der Angriff auf Huckenrade wirkte im allgemeinen belebend und anregend, in manchen Fällen sichtlich verjüngend. Es wurde im Stift gesponnen und gelacht wie lange nicht mehr. Doch das Unvermeidliche stellte sich ebenfalls ein: es kam bald zu Meinungsver-schiedenheiten in den taktischen Fragen, die letztlich zur Fraktionsbildung, ja sogar zur Spaltung der Stifts-Belegschaft führten.

Immerhin konnte auch die Gegenseite nicht mit Geschlossenheit glänzen. So forderten einige ranghohe PolitikerInnen im Verein mit Stammtischbrüdern nach Pia Sheehans erfolgreicher Attacke gegen das Blaulicht eines anrückenden Polizei-Mannschaftswagens, das Stift zu bombardieren, wenn sich Huckenrade nicht innerhalb eines Tages zu Gericht bequeme. Die Polizeiführung entschied sich dann aber für die bereits erwähnte Belagerung des gut verrammelten Stifts. Bei dieser Maßnahme war sie freilich erst recht so manchem Gespött und manchen Wurfgeschossen seitens bis dahin völlig unbescholtener NassenburgerInnen ausgesetzt. Das »schwarzrote« Stift hatte nämlich schon vor der Beschuldigung Huckenrades einen guten Ruf im Kreis genossen, und der verblüffend handfeste Widerstand der mehr oder weniger alten AußenseiterInnen stieß zum Teil sogar auf Billigung. Vermutlich wäre diese günstige Stimmung umgeschlagen, wenn Sheehan auch noch einen »Bullen« umgelegt hätte. Denn all die schönen Argumen-tationen der Huckenrades sind vergeblich: sobald den Bürgern die Leiche eines Polizisten oder eines Studenten vor den Füßen liegt, ist diese ungleich überzeugender als die Tatsache vieler Tausend an Unternährung, Seuchen und Krieg verreckten Kinderchen, die zur selben Zeit anfallen, nur eben meist in Übersee.

Sheehan, 72, war »draußen« Försterin gewesen und hatte eine Flinte mit in ihren Alterssitz gebracht. Mehrere Megaphone befanden sich ohnehin im Haus. Kaum hatte ein Kriminalkommissar seinerseits wiederholt ins Mikrofon des Mannschaftswagens gesäuselt, man möge Huckenrade gefälligst ausliefern, sonst passiere etwas, ereignete sich der Gegenschlag. Huckenrade erläuterte (wie zuvor schon schriftlich) per Megaphon aus einem oberen Fenster des Torgebäudes, daß und warum er die ihn verfolgenden Staatsorgane nicht anerkenne und sich ihnen nicht zu stellen gedenke. Als Mitgenosse der Stiftung habe er allerdings das Hausrecht und fordere somit die Damen und Herren Polizisten auf, das Gelände des Stifts unverzüglich zu verlassen. Die schmale Zufahrtsstraße lief durch den stiftseigenen Grüngürtel. Huckenrade wiederholte seine Aufforderung dreimal; dann schloß er das Fenster. Prompt setzte sich der Mannschaftswagen mit dem flackernden Blaulicht in Bewegung, nur nicht im Rückwärtsgang, vielmehr auf das geschlossene Stiftstor zu. Nun war es an Pia Sheehan, der hageren, grauhaarigen und vergleichsweise hochgewachsenen Ex-Försterin, das Blaulicht mit einem gekonnten Schuß von einem Toilettenfenster aus zu zertrümmern. Die Polizeifahrzeuge stoppten – und machten kehrt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte man im Stift bereits einen lückenlosen Wachdienst eingerichtet und überdies, für alle Fälle, abhörsichere Verbindungen mit Waffenlieferanten aufgenommen. Sheehans beherzter Flintenschuß beförderte allerdings die Polarisierung. Etliche BewohnerInnen oder MitarbeiterInnen, voran Gudrun Lambsbert, zogen es in den folgenden Tagen vor, das Stift zu verlassen. Als die polizeiliche Belagerung begann, verfügten die »schwarzroten« Kräfte immerhin noch über rund 70 Leute. Dann trafen auch die Waffen ein. Es war ja klar wie Kloßbrüh, die Polizei würde zunächst versuchen, das Stift auszuhungern, schließlich jedoch zu stürmen. Alle Versorgungsleitungen, vom Strom über das Trinkwasser bis zum Lieferwagen des Bäckers, waren selbstverständlich sofort gesperrt worden. Aber weder gegen verschiedene im Stift benutzten Mobilfunkgeräte noch gegen »den Gang« kamen die staatlichen Sicherheitskräfte an. Sie wußten nichts von dem Gang, und sie kamen auch nicht darauf, es könne einen geben. Sie wunderten sich nur, daß die VerteidigerInnen, die sich gelegentlich in ihren Zimmerfenstern oder in den Erkern des schieferbedachten Stiftsturms zeigten, auch nach mehreren Wochen noch durchaus gesättigt, gesund und munter wirkten.

Während die Nassenburg und das später dazugebaute Stift über viele Jahrhunderte hinweg das wesentliche Bollwerk der ganzen Gegend darstellte, wurde mein Elternhaus im 17. Jahrhundert als Sitz eines Amtmanns errichtet. Was lag da näher, als für allerlei Notfälle zwischen dem Bollwerk und dem Amtsmannshaus eine geheime Verbindung zu schaffen? Also wurde »der Gang« gegraben. Er führte von unserem Keller in die Gruft der Stiftskirche. Faktisch erstaunlicherweise nie benutzt, geriet er allerdings auf beiden Seiten allmählich in Vergessenheit, und zuletzt war mein Vater der einzige Mensch auf der Welt, der um ihn wußte. Die Entschlossenheit der Staatsgewalt, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, hatte ihn nun genug aufgebracht, um sich bereits vorm Aufzug der Belagerungskräfte mit einer Taschenlampe bewaffnet in seinen Keller und dann, nach Freiräumen der Lukentür, in die Stiftskirche zu begeben. Er hatte Glück. Die Rebellen tagten gerade in dieser hübschen, geräumigen Kirche, die sie teils für Plena, teils für Snookerturniere zu nutzen pflegten, und vernahmen ein Pochen gegen die verriegelte Lukentür in der Gruft. Sie staunten nicht schlecht, als ihnen der mit Spinnweben überhangene Apotheker ins Gesicht leuchtete und knurrte: »Ihr seid verhaftet, meine lieben Mädels und Jungen!«

Die Rebellen verlegten zunächst ein Stromkabel und einen Wasserschlauch im Gang. Dann diente er als Nachschubweg für die erwähnten Brötchen und Waffen, verschiedene Arzneien oder Verbände aus der Apotheke Omber nicht zu vergessen. Mein Vater war inzwischen derart wütend und kampfeslustig, daß er wahrscheinlich sogar bei einer Erstürmung des Stiftes selber eingegriffen, beispielsweise hinterrücks, von der Apotheke aus, ein paar Polizeiköter erlegt hätte. Er hatte es im Blut; sein Großvater war in Spanien als Mitglied der Interbrigaden von einem deutschen Kampfflieger erschossen worden. Aber zu der Erstürmung kam es ja nicht.

Die Rebellen hatten nämlich im Grunde nicht nur die ganze Nato, sondern in dem betreffenden Jahr 2oo6 auch den Winter gegen sich. Er war ja absehbar, und im Laufe des Julis hatten schon einige Brennholzlieferanten telefonisch ihr Bedauern darüber ausgedrückt, vor der vorm Stift geballten Staatsmacht leider kuschen zu müssen. Das eigenhändig geschlagene Holz vom Stiftswäldchen war selbstverständlich nur ein Klacks. Kurz, den Rebellen war durchaus klar, auf Dauer sei das Stift unmöglich zu halten. So faßten sie nach sechswöchiger Belagerung den Beschluß, dem Feind ein Friedensangebot zu machen. Sie seien bereit, geschlossen abzuziehen, falls ihnen sowohl freies Geleit wie Straffreiheit zugesichert werde – ausgeschlossen den Genossen Huckenrade, der jetzt gewillt sei, sich stellvertretend für alle zu verantworten. Diese Formulierung war selbstredend eine Falle, was aber der Polizei entging. Nach Absprache mit den maßgeblichen Hohen Tieren in der Politik nahmen die Polizeibosse das Angebot an und erfüllten auch die Forderung der Rebellen, die verlangte Garantie in einem kurzen Video auf dem Internetkanal YouTube zu geben. Daraufhin öffnete sich das große Stiftstor und entließ rund 70 mit Rucksäcken und Koffern schwer bepackte KämpferInnen auf die von Polizisten und Kameraleuten gesäumte Zufahrtsstraße. Der letzte von ihnen machte das Tor allerdings wieder zu. Als er seine Koffer wieder aufnahm, spitzte er nach hinten unbemerkt die Ohren und stellte befriedigt das leise Schurren der inneren Querbalken an ihren eisernen Haltern fest.

Der Kriminalkommissar hatte sich bereits den Hals verrenkt. Nun stieß er die lange Försterin, die außen ging, in die Seite, fuchtelte über die Köpfe ihrer MitstreiterInnen hinweg und rief: »Ja, wo ist er denn nun, euer lieber Genosse Herbert Huckenrade ..?!«

Alle Rebellen hielten im Abmarsch inne, sahen sich suchend um und hilflos an und fielen jammernd ein: »Ja, wo ist er denn nun, der liebe HaHa?«, denn so wurde er seit Jahrzehnten genannt. Sie konnten ihn ebenfalls nicht entdecken und setzten ihren Abmarsch achselzuckend fort.

Jetzt fluchte der Kommissar verständlicherweise. Er winkte seine Assistenten herbei, um die neue Lage mit ihnen zu erörtern. Da erscholl aus dem Inneren des Torgebäudes Huckenrades per Megaphon verstärkte Stimme. Er habe die SelbstmordattentäterInnen, die sich beispielsweise im Zweiten Weltkrieg mit ihren Flugzeugen auf deutsche Stabsgebäude warfen, schon immer bewundert; nun gedenke er es ihnen gleichzutun. Das ganze Stift sei mit Sprengstoff gespickt. Spätestens in 13 Minuten gehe die Ladung hoch. Die Polizei möge die Güte haben, sich schleunigst aus der Gefahrenzone zu begeben und ringsum auch unbeteiligte Dritte aufzufordern, sie zu meiden. »Also dalli-dalli, wenn euch euer Leben lieb ist!« bellte Huckenrades Stimme, und dann knackte das Megaphon und verstummte. Dafür sprangen die ersten Motoren von Polizeifahrzeugen an.

Die Explosionen erfolgten in der Tat nach rund 12 Minuten. Ihr Epizentrum lag in der Stiftskirche, weil Huckenrade den Ehrgeiz entwickelt hatte, die entscheidende Spur und damit auch die »Mittäterschaft« meines Vaters, des Apothekers, zu verwischen. Das gelang ihm. Wo die Kirche stand, wurde ein Krater gerissen, der sich alsbald wieder mit den Trümmern der Kirche und etlicher angrenzender Gebäude füllte, wodurch sich zuletzt ein Berg in der Höhe des früheren Stiftsturmes ergab. Nach gut 10 Jahren ist der Trümmerberg bereits auf natürliche Weise halbwegs begrünt, Birken, Holunder und Schöllkraut voran, denn auf der juristischen Ebene ist bislang kein Ende des Kampfes abzusehen. Ich meine den Kampf um die Eigentumsrechte an dem ehemaligen Stiftsgelände.
°
°