Freitag, 1. Juli 2022
Frettchen platt
Um 2015


Ein Blogger aus Chemnitz, früher Karl-Marx-Stadt, der mich freundlicherweise zu meinem »Literatur-Berg« beglückwünscht hat, denn von einem Blog könne ja in diesem Falle schwerlich die Rede sein – dieser verständ-nisvolle Kollege also erwähnt die interessante Geschichte einer Bloggerin aus der Hauptstadt eines ehemaligen Ostblocklandes. Die Geschichte, die ihm andere Blogger von dort berichteten, trug sich vor wenigen Jahren zu. Mitte 40, eigentlich Bibliothekarin, jedoch stellungslos, habe sich die besagte Frau seit einiger Zeit »hobbymäßig« mit der Geschichte ihres einst »kommunistischen« Landes beschäftigt. Dabei sei sie auf den Fall eines recht hohen Wirtschafts- und Parteifunktionärs gestoßen, der um 1955, neben »Devisenvergehen«, des Paktierens mit »dem Westen« bezichtigt und deshalb verhaftet wurde. Kaum eine Woche im Gefängnis, war er tot, wobei man von den undurchsichtigen Umständen her sowohl einen Unfall wie einen Selbstmord wie einen Mord vermuten konnte. Wie sich versteht, bevorzugte die herrschende KP die Ausle-gung, er habe sich umgebracht und so seine Schuld einge-standen, während er von seinen Freunden, Verwandten und westlichen Gesinnungsgenossen als Opfer des »brutalen Regimes« hingestellt wurde. Diese Sichtweise setzte sich letztlich durch, denn bekanntlich trug auch der »Freie Westen« im allgemeinen um 1990 im sogenannten »Ostblock« den Sieg davon.

Somit fand die Bloggerin in der sogenannten Literatur zu dem Fall eben die westliche Sichtweise vor. Aufgrund zahlreicher Ungereimtheiten ließ sie aber nicht locker und recherchierte selbst. Dabei gelang es ihr auch, eine betagte Tochter des verstorbenen Häftlings aufzutreiben, die recht arglos mit ihr plauderte und ihr zudem Einblick in manche Dokumente gewährte. Für die Bloggerin sprachen diese Andeutungen und Dokumente ziemlich unzweifelhaft dafür, daß der Verstorbene in der Tat, wie von den Kommunisten damals behauptet, ein Maulwurf des Freien Westens gewesen war. Das sagte sie freilich der alten Dame nicht so direkt. Zudem mag die alte Dame sie irrtümlich für eine »richtige« Historikerin gehalten haben – endlich interessierte sich wieder einmal jemand für ihren Vater und plante sogar, für ein renommiertes Blatt einen neuen Gedenkartikel über ihn zu schreiben! In Wahrheit hatte die Bloggerin lediglich von ihrem Ex-Beruf (Bibliothekarin) und ihrem Wunsch gesprochen, einen Artikel über den Fall des Vaters in ihren eigenen Blog zu setzen. Sie verfaßte ihn auch, was nebenbei weitere Liebesmühen kostete, und dann unterbreitete sie der alten Dame sogar aus freien Stücken ihren fertigen Entwurf.

Prompt traf wenig später eine Email des Sohnes der Tochter ein. Er hatte, von Telefongesprächen mit Mama her, offensichtlich Unheil gewittert und war der alten Plaudertasche gerade noch rechtzeitig in den Arm gefallen. In seinem Schreiben gestattete er sich zunächst ein paar genüßliche Schmähworte über die Webseite der Bloggerin, die er überflogen hatte, warf ihr sodann vor, sich mit der Vorspiegelung, eine akademisch ausgebildete und anerkannte Historikerin zu sein, ins Vertrauen seiner betagten Mutter geschlichen und ihr Würmer aus der Nase gezogen zu haben, und verlangte abschließend von ihr, auf jede Veröffentlichung über den Fall seines im Gefängnis umgekommenen Großvaters zu verzichten. Leiste sie eine entsprechende Erklärung ihm gegenüber nicht, werde umgehend sein Schwager aktiv, der günstigerweise Rechtsanwalt sei. Nun war der Bloggerin außerdem längst bekannt, die ganze Familie war nicht unvermögend – kurz, gegen die Entschlossenheit eines solchen Clans, seinen sogenannten guten Ruf zu erhalten, hatte sie keine Chance. Also gab sie die geforderte Erklärung ab und warf Wochen an Recherche- und Schreibarbeit gleichsam in den Mülleimer.

Allerdings konnte sie schon das nicht so leicht verwinden. Dazu wurde ihr von Nacht zu Nacht klarer: dieser Enkel, der sie jede Wette haßte, verachtete sie jetzt auch und verhöhnte sie überdies in seinem Familien- und Freundeskreis, weil er sie so erfolgreich eingeschüchtert hatte. Er war der Sieger. Sie dagegen, die stellungslose und anarchistisch gestimmte Bibliothekarin, fand sich erneut auf der Seite der VerliererInnen. Sie war die »Hobby-Historikerin«; ihre Liebesmühe beim Nachforschen und Aufschreiben war nichts wert. Zu allem Unglück hatte sie den Enkel ebenfalls im Internet gefunden. Danach war er Filialleiter einer weltweit operierenden Versicherungs-gesellschaft, übrigens in einer mittelgroßen Stadt, die rund 150 Kilometer südlich der Hauptstadt lag. Ein Foto, auf dem er zu sehen war, zeigte einen kurzhälsigen Pummelmann um 50, der seine lieben MitarbeiterInnen schmierig angrinste. Die Bloggerin hatte die Webseite kaum weggedrückt, da hatte sie ihren neuen Erzfeind schon Frettchen getauft. Der Blogger, von dem ich die Geschichte habe, merkte an, er hätte eigentlich gedacht, diese Iltisse seien eher schlanke und sportliche Tiere, aber gegen solche instinktive Taufen sei man ziemlich machtlos. Er ist von Beruf Psychologe.

Kurz und schlecht, die Bloggerin kam zu der Überzeugung, wenn sie Frettchen nicht umbringe, platze sie demnächst. Sie fuhr mit dem Zug in die Mittelstadt, begab sich von einem vergleichsweise billigen Hotel aus in die Nähe der Versicherungsagentur und begann, ihr Opfer auszuforschen. Dabei kam ihr zugute, daß sie selber auf ihrer eigenen Webseite nicht abgebildet war. Auch im übrigen waren die Umstände auf ihrer Seite. So hielt das pummelige Frettchen erfreulicherweise auf alternative Fortbewegung: es legte seinen Weg von dem Vorort, wo es die typische moderne Einfamilienhöhle erbaut hatte, zur Agentur teils mit der Regionalbahn, teils zu Fuß zurück. Das nächste Glück winkte der Bloggerin auf dem Hauptbahnhof der Mittelstadt – sie hatte bei ihrer Ankunft noch nicht darauf geachtet. Jetzt ging ihr auf, der Bahnhof wurde gegenwärtig zu einem guten Teil als Baustelle betrieben. Deshalb war der einzige FußgängerInnentunnel stellenweise verengt worden, ungefähr auf Stegbreite, und eben diesen Tunnel hatte das Frettchen auf seinem Arbeitsweg zu benutzen. Ferner befand sich über dem Steg eine Baulücke im Tunnel, von der Gleisanlage her. Bei dieser Lücke waren neben Paletten mit Steinen gerade Baumaschinenteile abgestellt, darunter ein kleineres Baggermaul, wie die Bloggerin erspähte. Nun wußte sie bereits die zweite Nacht ihres Aufenthalts dazu zu nutzen, um dieses Ding mit Kanthölzern als Hebeln genau an der Lücke über dem Steg zu deponieren, und zwar so angebockt, daß es im entscheidenden Augenblick rasch zum Absturz gebracht werden konnte. Jetzt mußte sie nur noch hoffen, am kommenden Morgen, notfalls auch übermorgen, werde sie an diesem aufbereiteten Engpaß das Frettchen erwischen, ohne unschuldige andere Passanten zu schädigen. Und diese Hoffnung erfüllte sich. Das Frettchen passierte die Stelle und wurde von dem »tragischerweise« herabstürzenden Baggermaul erschlagen. Die Bloggerin dagegen nahm flugs ihren sorgsam geplanten, bedeckten Rückzugsweg, entledigte sich außerhalb des Bahngeländes ihres Mantels und ihrer Handschuhe, kaufte sich dafür bei Arkadia neuen Ersatz und kehrte im Lauf des Tages in ihr Hotelzimmer zurück, um sich fertig zur Rückreise zu machen.

In den nächsten Tagen konnte sie sich an den Medien-berichten weiden, doch zugleich verstärkte sich ihr Bangen. Sie hatte es natürlich geahnt, denn dumm war sie ja nicht. Nach einer knappen Woche standen Kriminale vor ihrer Tür und baten sie zum Verhör. Sie hatten Frettchens Korrespondenz mit der Bloggerin gelesen und selbstverständlich auch mit Frettchens Gattin gesprochen, die sich ihr Maul über die ihr unbekannte Bloggerin wie eine Texanerin über einen Mink zerriß. Die Reise der Bloggerin in die Mittelstadt war nicht zu leugnen, und ein Alibi für die Tatzeit hatte sie nicht vorzuweisen. Gleich-wohl hatte sie vorgesorgt. Sie hatte mit Schnürsenkeln einen Zugknoten trainiert, den manche »Henkersknoten« nennen, und in ihrer U-Haft-Zelle empfing sie in der Tat eine geeignete Schnur, die ihr eine Wärterin im Auftrag einer Besucherin zusteckte. So erlitt die Bloggerin im Kern genau das Ende, das die KP dem Objekt jener Recherche unterstellt hatte, die ja dies alles ausgelöst hatte.

»Aber war es denn wirklich so leicht für sie, sich vom Leben zu verabschieden?« schrieb ich dem Blogger und Psychologen zurück. Er erwiderte:

»Leicht bestimmt nicht – nur, was hatte sie denn groß zu verlieren? Keine Arbeit. Keine Achtung. Keinen Lebens-sinn. Auch keine Jugend mehr. Und in der Nachbarschaft [Ukraine] den nächsten fetten Krieg. Und so weiter … Übrigens, ihr Blog steht noch im Netz, hier die Adresse. Seit ihrem Abgang ist da, durch Freunde, auch ein Foto von ihr zu sehen. Vielleicht schaust du mal rein.«

Nein, das tat ich nicht. Und ich habe mich bis heute davor gehütet.
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