Sonntag, 26. Juni 2022
Stürme im Wasserglas
2022


Möglicherweise werden Leute wie ich im Alter weiser – tapferer aber kaum. Bei den jüngsten Februarstürmen hatte ich Angst wie ein Kind. Rings um das von mir bewohnte Häuschen stehen alte Bäume, die ihre dickeren kränkelnden Äste nur zu gern auf meine Dachziegeln krachen lassen. Zwei gesprungene Ziegeln und eine abgeschlagene Dachrinne hatte ich bereits. Wann wird der erste Baum zur Gänze umfallen und alles zersplittern? Schon das Heulen des Sturmes zerrt an meinen Nerven, besonders nachts. In der Nacht sind alle Katzen Tiger. Prompt wird mein Bett von weiteren »Vorstellungen« bestürmt, die ich keineswegs gebeten habe einzutreten. Gleich schießt der arm- oder beindicke Ast durch mein Fenster. Da hilft keine Gardine. Gleich tropft es durch meine Zimmerdecke wie bei Mutter Kostelić in Zamir – nur wird mich keine Zora retten. Morgen wird mir Lektorin Soundso mitteilen, meine Erzählung Zora packt aus stimme vorne und hinten nicht; für VersagerInnen hätten sie im Programm keinen Platz. Die Ängste rufen einander, gerade so wie alle Gäule einfallen, sobald ein Gaul zu scheißen begonnen hat. Aber sie dampfen und brennen in meinem elenden Leib heißer als auf der Pferdekoppel. Und wenn sie sich früher oder später zum kürbisgroßen Tumor auswachsen, was mache ich dann?

Beim Stichwort »Versagensangst« fällt mir jedesmal ein Kleiderschrank aus Kiefernholz ein, den ich um 2000 für meine Korbacher Kellerwohnung erstand. Da nagelneu, waren alle Teile ordentlich verpackt. Nun lehnten die Pakete schön an der Wand und türmten sich über Tage und Nächte hinweg zum Eisenberg auf. Der liegt bei Korbach und ist rund 560 Meter hoch. Wäre ich überhaupt imstande, dieses Scheißding aufzubauen? Stecken auch die richtigen Beschläge in den Paketen? Und wenn nicht – woher nehmen, wenn nicht stehlen? Ironischerweise besaß ich auch noch den Gesellenbrief eines Raumausstatters, und ich kenne aus meinem handwerklichen Erwerbsleben Dutzende von »Bewährungsproben«, die mir mindestens soviel Angst einjagten wie die vor der Gesellenprüfung. Und auch das hat sich keineswegs mit dem Altern gelegt. Neulich hatte ich einen Platten im Hinterreifen meines Fahrrads. Wie baut man den eigentlich aus, trotz der 7-Gang-Nabenschaltung? Und bekommt man ihn dann auch wieder hinein, trotz der Felgenbremsen? Und wie stellt man dann diese Scheiß-Gangschaltung wieder ein? Es geht übrigens ohne Trennung des Schaltungszuges, wie ich schließlich erfreut festellte. Der Preis dieser Freude waren, tage- und nächtelang, Besorgnis, Grübelei, Angst.

In hartnäckigen Fällen wie mir können Sie alle Mentaltraining-Broschüren, Philosophiekurse und Psychotherapien vergessen. Ich kenne sie alle – und sie nützen alle nichts. In meinesgleichen wirkt ein winziger Kobold, der bereits dem Fötus im Seepferdchenfuß saß. Er hat die Augen eines Fischadlers, damit ihm nicht eine der vielen Chancen, Angst zu haben, entgeht. Er hat ein Riesengedächtnis, das mit Vorliebe Schlechtes, Ungünstiges, Furchtbares bereit hält, um es mir bereits am Morgen, wenn ich glücklich auf der Bettkante sitze, um die Ohren zu schlagen. Sein Lieblingssprichwort ist: Der Ängstliche erleidet tausend Tode. Eine Freundin von mir glaubt fest daran, mit dem wirklichen Tod hätten alle Ängste ein Ende. Liegt sie richtig, weiß ich, was mir mein liebstes Schicksal wäre.

Es wird Sie nicht verblüffen, wenn ich der Vollständigkeit halber bemerke, bei meinesgleichen sei die Neigung zur Ängstlichkeit von Kind an stets mit dem Drang zur Großmäuligkeit gepaart. Sie sind auf dieselbe Wippe geschnallt: sinkt die eine ab, schnellt die andere in die Höhe. Allerdings habe ich in dieser Hinsicht bescheidene Erfolge zu verzeichnen: die Selbstüberschätzung nimmt mit zunehmendem Alter doch ab. Dafür wird eben die Ängstlichkeit fetter, wie es scheint, die ja in vielen Fällen nichts anderes als Mangel an Selbstvertrauen ist. Es gibt Tage, da traue ich mir noch nicht einmal zu, eine Visitenkarte zu verfassen. Gelingt mir dann aber gar eine längere Erzählung, frage ich mich schon nach wenigen Wochen, beim Wiederlesen, entgeistert: Das soll von dir sein? Wie hast du das denn, bitteschön, geschafft ..? Ich kann es gar nicht glauben.

Ich nehme an, Größenwahn und Blütentraum (Goethes Vorschlag für »Illusion«) nähren sich gegenseitig. Man sieht, hört oder liest von eindrucksvollen Laufbahnen oder Abenteuern und bildet sich ungeprüft ein, dazu habe man selber auch das Zeug. Verfährt man noch mit 40 oder gar 70 so, werfen einem als »ausgeglichen« geltende Zeitgenossen vor, man sei ein unverbesserlicher Kindskopf. Und wenn schon? Was kann das Kind dazu, sich unter lauter Riesen geworfen zu finden? Oder was kann es für jene berüchtigte »Explosion« des Gehirns, die den altsteinzeitlichen Menschen vor ungefähr 100.000 Jahren ereilt haben soll? Jedenfalls schuf dieses, nach wie vor so gut wie ungeklärte Ereignis in seinem Schädel Platz genug für jene Blütenträume und für enorme Spannungsweiten, die nur der glückliche »Ausgeglichene« im Nu mit seinem »gesunden Menschenverstand« zu überbrücken pflegt, weil ihn Mama rechtzeitig in Biederkeit und Opportunismus – oder, modischer gesprochen, der Kunst des Ankommens gebadet hat.
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