Donnerstag, 23. Juni 2022
Türme
2022


Merkwürdigerweise habe ich sie in jener kleinen Betrach-tung über »Emporismus« nicht eigens hervorgehoben. Ich erwähne da lediglich Dome. Vielleicht lagen die Türme für mein Empfinden zu offensichtlich auf der bekannten vertikalen Linie vom Aufrechten Gang zur Nummer Eins. Macht und Überleben – für Elias Canetti der zentrale Herrschaftsakt – stehen und fallen mit der Senkrechten. Je mächtiger ich bin, desto eher bekomme ich recht. Bin ich die Eins, unterliegen alle anderen Zahlen meinem
Einfluß …

Früh übt sich, wer hoch hinaus will. Schon der Dreikäse-hoch verzehrt sich nach Türmen. Mag die Versteifung seines eigenen, leibhaftigen Wassertürmchens noch zu wünschen lassen, kann er doch Burgen bauen, wobei ihm wiederum Baukräne behilflich sind. An Segelschiffen liebt er vor allem die Mastkörbe. Bei Wanderungen erklimmt er jeden Hochsitz. Es gefällt ihm, sich der Welt überlegen fühlen zu können; er hält sich für den Prinzen Eisenherz oder besser noch den Riesen Gulliver. Türme verleihen Größe, Weitblick, Übersicht – Macht.

Freilich, das ist nur die eine Seite. Als Thüringer könnte ich vielleicht stolz darauf sein, in dem Städtchen Bad Frankenhausen am Kyffhäuser den berühmten Oberkirchturm zu wissen – er ist freilich nur berühmt, weil sich seine Spitze derzeit (2013) bereits um 4 ½ Meter außerhalb des Lots befindet. Damit ist er angeblich schon schiefer als der Turm von Pisa. Ich könnte mir vorstellen, es ist nicht besonders witzig, in seinem Schatten oder gar in ihm selber zu wohnen. Der höchste Turm der Welt, Burj Khalifa genannt, steht seit rund 12 Jahren (Einweihung Januar 2010) im Immobilienbläser-Emirat Dubai am Persischen Golf. Neben Büros und Hotels hat er rund 1.000 Wohnungen zu bieten, die allerdings, aufgrund der üblichen Verspekulationen, überwiegend leer zu stehen scheinen. Dieser blitzende Wolkenkratzer – er verjüngt sich unregelmäßig abgestuft nach oben, bis er spitz ausläuft – hat mindestens anderthalb Milliarden Dollar gekostet. Mit 828 Metern ist er so hoch, daß er aus dem Stadtgebiet heraus kaum fotografiert werden kann. Dafür könnte er sogar von einem Vollidioten auf Anhieb mit einem entführten Passagierflugzeug getroffen werden. Ob er daraufhin auch umfiele, dürfte jedoch so mancher, nach 9/11, bezweifeln.

Türme verleihen uns also nicht nur eine besondere Machtstellung; sie machen uns auch besonders angreifbar. Das Herausgehobene verliert an Verankerung; es übernimmt sich; es provoziert. Der Berg ruft. Übrigens ruft er nicht nur angebliche Terroristen: als im Januar 2007 der Orkan Kyrill durch Europa zog, mähte er etliche Baukräne um. Daran hatte der Dreikäsehoch nicht gedacht.

Man sollte die Türme aber nicht nur schlecht machen. Zeitgenossen des Taschencomputers verschwenden in der Regel keinen Gedanken daran, daß sich die Benach-richtigung oder Verständigung über größere Entfernungen hinweg lange Zeit recht beschränkt und mühselig gestaltete, etwa durch Rufe, Trommeln oder Glocken, Rauchzeichen, Flaggen, rennende oder reitende Boten. Hier kamen bald Türme ins Spiel. An den jeweiligen Grenzen des Römischen Reiches, so auch am Limes diesseits der Alpen, standen oft Wach- oder Signaltürme dicht beieinander, zwischen 500 und 5.000 Meter, um im Alarmfall Fackel-, Rauch- oder Hornsignale an die Kastelle weitergeben zu können. In der hessischen Wetterau beispielsweise, zwischen Taunus und Vogelsberg, sind über 70 Limes-Turm-Standorte bekannt. Die Türme waren aus Stein oder Holz erbaut, teils teils-teils. Auf italienischen Mittelmeerinseln sollen noch viele rein aus Stein errichtete Sarazenentürme zu besichtigen sein, die auch der Piratenabwehr dienten. Um 1800 nutzten die Franzosen (Napoleon) Ketten aus Signaltürmen, teils unter Einbeziehung von Kirchen, die bereits der Telegrafie nahekamen, trugen die Kronen oder Dachstühle dieser Bauwerke doch armartige Hebel oder Flügel, deren Aufsätze ihrerseits noch einmal mehrfach verstellbar waren. Dadurch waren Nachrichten aus bis zu 196 Kombinationen von Buchstaben, Zahlen oder ähnlichen Zeichen möglich.

Die Briten stützten sich an den Küsten ihres Großkönigreichs auf kaum andere Türme, um wiederum den Truppen und Schiffen Napoleons auf die Schliche zu kommen. Die auf der südirischen Insel Dursey überdauerte Ruine eines solchen Turmes wird in meinem Porträt des Malers Werner Motz gestreift. Aber niemand nimmt es zur Kenntnis. Er erfährt einfach nichts von der Existenz eines Werner Motz, da es dessen Biografem an ein paar bereitwilligen, »Relevanz« spendenden Signaltürmen mangelt. Das lenkt auf das Grundproblem, dem ich nicht mehr nachgehen werde, was nämlich von den vielen Millionen Botschaften, die auf diesem Planeten Tag für Tag ausgetauscht werden, zu halten sei. Ich schätze einmal, von 1.000 dieser Botschaften sind 333 schädlich, 333 überflüssig und 333 beides.
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