Mittwoch, 4. Mai 2022
Kurt Held

Wie viele schon gemerkt haben dürften, spielt meine Titelgeschichte auf Kurt Helds bekanntes Jugendbuch Die rote Zora an, das erstmals 1941 in Aarau erschien. Damals soll sich der gelernte Schlosser aus Thüringen, eigentlich Kläber mit Namen und streckenweise Kumpel oder Koffer-träger des KPD-Dichterfürsten »Johannes Erbrecher«, bereits vom Kommunismus abgewandt haben. Zum Antiautoritärem reichte es aber offensichtlich nicht mehr ganz. Sein vielaufgelegter Roman spielt im kroatischem Küstenstädtchen Senj. Es wies damals wohl kaum über 3.000, ganz überwiegend katholische EinwohnerInnen auf. Wie eine große Internet-Enzyklopädie versichert, beruht Helds Roman auf Eindrücken, die er 1940 vor Ort sammelte. Senj, auf deutsch angeblich Zeng, gehörte in jener Zeit zum Königreich Jugoslawien. Der Belgrader »König« soll »Diktator« gewesen sein. Unterdessen schwoll die faschistische Ustascha an. Die Kapitulation vor den Achsenmächten – voran die lieben Deutschen – erfolgte im April 1941.

Etwas früher also tritt »die rote Zora« immerhin als Bandenchefin auf. Eine Zeitlang darf sich die Kinderbande vom Stehlen statt vom Sichquälen ernähren. Solange, bis ihnen der alte Fischer Gorian mit einer Verlautbarung des Magistrats eingeschärft hat, »brave Kinder und gute Bürger« der Stadt zu werden (S. 380). So führt Held die »Uskoken«, wie sie sich nach echten spätmittelalterlichen Piraten nennen, auf den Pfad der Tugend zurück. Ein Umsturz war sowieso nie geplant. Schließlich hat auch der Alte selber endlich dem Fischerei-Trust gegenüber »klein beigegeben«, wie Gorian zähneknirschend einräumen muß (379). Die Kinderbande war nur ein verlängerter Ferienbetrieb. Man frönt der Lust am Versteckspiel und hält den Straf- und Rachegedanken hoch, etwa gegen die Gymnasiasten (157). Zwischenzeitlich geht die magere, sommersprossige Bandenchefin der Frauenrolle auf den Leim. Als ihr die Thunfischjagd mit Gorian einen fetten Gewinnanteil einbringt, donnert sie sich auf, um noch besser als »die schöne Zlata« auszusehen. In die Bürgermeisterstochter hat sich nämlich ihr 12 Jahre alter Mitstreiter Branko verguckt. Zora zetert obendrein, Zlata sei eine »Hexe« wie Brankos Großmutter Kata! Das Miststück habe ihn verzaubert (307). In der Tat wird das abfällige Hexen-Etikett, das Autor Kurt Held der armen Einsiedlerin Kata ganz im Sinne der Volksseele verpaßt hat, nie wirklich gelüftet (35, 213). Dabei wären Pavles eiternde Wunden die Chance dafür gewesen. Die Bande war im Wald einem Luchs begegnet. Angeblich verteidigte er einen Fasan, den er gerade gerissen hatte (191). In Wahrheit jagen Luchse nicht am hellichtem Tage und greifen so gut wie nie Menschen an. Pavle jedoch muß daran glauben. Statt nun freilich die Wahrsagerin, Kräutersammlerin und Heilkundige Kata um ihre hausgemachte Salbe zu bitten, versteckt die Bande Pavle nur vorübergehend und heimlich in Katas Schuppen (202). Dem reichem Karaman hatte eine Salbe Katas gegen die Gicht geholfen (210, 214). Dieses unverzeihliche, von Held verordnete Versäumnis kostet Pavle viele Tage Krankenlager.

Held, der biedere Autor mit dem forschem Pseudonym, hatte es dann am eigenen Leibe zu büßen. Er litt an verschiedenen, teils durch den Krieg bewirkten Krankheiten und starb bereits 1959, in seinem schweizer Exil, mit 62 Jahren. Er hatte sich dort ein Haus mit seiner Gattin, der Schriftstellerin Lisa Tetzner geteilt. Das Ehepaar war kinderlos. Das Haus wurde später in eine gemeinnützige Stiftung überführt; die Rechte an Helds Büchern gingen, soweit ich weiß, an den Verlag Sauerländer. Der spielte zumindest im Laufe der Zeit mit Helds größtem Wurf Zora vermutlich eine Menge Geld ein. Meine Seitenangaben beziehen sich auf die 27. Auflage von 1987. Heute, seit 2013, landet das Geld im Schoß des bekanntlich bitterarmen Verlages S. Fischer.

Der Erfolg von Helds, inzwischen auch verfilmten peinlich rothaarigen Heldin dürfte sich nicht nur der politökono-mischen Harmlosigkeit des Werkes verdanken. Der Autor versteht es nämlich, sowohl anschaulich wie spannend zu erzählen. Stilistische Ärgernisse sind selten. Man folgt ihm gern, zumal man auch kaum über die sonst verbreiteten daß-Häufungen zu stolpern hat. Einen häßlichen Doppeldecker will ich tadeln. Gendarm Dordevic gibt dem Krämersprößling für dessen Erzeuger den Rat mit, Brozovic möge aufpassen, »daß wir nicht wieder feststellen, daß seine Gewichte nicht stimmen« (46). Warum schreibt Held nicht, Brozovic möge sich vor einer erneuten Überprüfung seiner meistens falschen Gewichte hüten? Hätte sich Dordevic dadurch gar zu »gehoben« ausgedrückt? Wohl kaum. Vielmehr glaube ich, Held wäre durchaus der Mann dafür, die Polizei zu reformieren, nicht dagegen, sie abzuschaffen. Dem wieseligen Nicola hält er im letzten Kapitel durch den Mund Gorians vor: »Was machst du lieber: Willst du dich weiter vor jedem Menschen verstecken, nachts in einer Höhle, einer Hecke oder in eurem Turm wohnen, von Abfällen, Diebstählen und von altbackenen Semmeln des dicken Curcin leben, oder fährst du lieber auf einem Schiff auf dem Meer, läßt dir den Wind um beide Ohren wehen, setzt Segel auf, wirfst Netze ins Meer und wirst ein braver, tapferer Fischer?« Das klingt doch zunächst nach Alternative, und Nicola ist auch gleich begeistert. Mehr wird dazu nicht gesagt. Aber es ist keine Alternative. Das Schiff, auf dem Nicola anheuern darf, gehört Direktor Frages – und nicht etwa ihm selber und seinen Mitfischern. Frages darf Oberdieb bleiben. Das geheiligte Privat- oder Staatseigen-tum an Produktionsmitteln wird nicht angetastet.
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