Montag, 4. April 2022
Sabotage in Santa Molinga

Das Unglück suchte uns im vergangen Herbst heim, 2021. Das wußten wir freilich damals noch nicht, woher auch? In diesem Februar gipfelte es in einem Todessturz, der fast die halben Pyrenäen erschütterte. Wir wohnen am Südfuß dieses Gebirges, rund 500 Meter hoch. Inzwischen haben wir uns wieder einigermaßen von dem Schrecken erholt. Während sich unsere Schweine auf ihrer großen Weide in der Maisonne oder im Schatten hoher Eichen räkeln, fliegen allerlei Insekten unsere ausgedehnten blühenden Kartoffelzeilen ab. Das klingt vielleicht anheimelnd, aber die jüngste Weltlage kann einem auch tüchtig Angst einjagen. Nach dem Pandemiewahn wird Mitteleuropa inzwischen zusätzlich von der Russenphobie aufgewühlt, wegen des Kriegs in der Ukraine. Deshalb hat sich doch eine gewisse Ratlosigkeit in unseren Reihen breitgemacht. 2014 hatten wir noch eine Art »Renaissance« unserer Aufbruchstimmung – die ist jedenfalls dahin.

Wir bewohnen die ehemalige Abtei Santa Molinga, manche sagen auch Kloster dazu. Seit dem Todessturz sind wir 106 BewohnerInnen. Vorher waren es 107. Die Gebäude der Abtei, in unregelmäßigem Viereck angelegt, umsäumen einen Innenhof, in dem die Mannschaften vom Pharma-riesen Pfizer und dem Rüstungsriesen Rheinmetall antreten könnten, um gegeneinander Fußball zu spielen. Aber wahrscheinlich würden sie lieber in einer Mannschaft spielen, eben gegen die Russen. Das schiefe Viereck läuft nach Osten in der Abteikirche aus. Ihre eindrucksvolle Kuppel wird von zwei eher bekloppt wirkenden quadratischen Türmen eingeklemmt, die bei jenem Sturz keine unwesentliche Rolle spielten. Jenseits, nach Westen, liegt das große Torhaus der Abtei, an das sich beiderseits Wohngebäude anschließen. Die lange Südseite der Abtei geht auf einen Gartenstreifen, der direkt aus unserem Hausflüßchen Purr bewässert werden kann. Am anderen Ufer beginnt der erwähnte Kartoffelacker. Im Hintergrund, knapp fünf Kilometer entfernt, läßt sich der Rathausturm des nächsten Städtchens erkennen. Es heißt genauso wie unser Anwesen: Santa Molinga. Damit habe ich die Aussicht von meinem Zimmer aus angedeutet. Im Garten grätscht Inge in den zukünftigen Erdbeeren umher, und ich schreibe.

Die blonde und scharfzüngige Inge ist ebenfalls Deutsche, wie ich, dazu meine beste Freundin. Unsere Vollversamm-lungen finden stets in der Abteikirche statt, die wir natür-lich, vor gut 20 Jahren, ihres Gestühls und verschiedener Heiligenfiguren beraubten. Kürzlich erkundigte sich eine Gästin in einer Pause der Vollversammlung, was wir eigentlich unter »Reformisten« verstünden. Das Wort war in der Debatte gefallen. Wir standen gerade mit ein paar Leuten am Altar und schenkten uns aus den dort geparkten Thermoskannen Tee ein. »Wenn Sie Kiew auffordern«, erwiderte Inge schlürfend, »endlich frische Gesundheitsmasken an die Front zu schicken, wegen der beträchtlichen Virengefahr, dann sind Sie eine Reformistin.« Einige Leute lachten; andere schnalzten bloß mit den Fingern. Aus dieser Anekdote geht nebenbei hervor, daß unsere Vollversammlungen (mindestens wöchentlich am Mittwoch tagend) grundsätzlich öffentlich sind. Überdies kann jeder Fremde ohne Paßwort in unser Intranet gehen und verschiedene Protokolle oder auch die Buchführung von GAM einsehen. GAM heißt Gemeinschaft Abtei Molinga. Das ist unser amtlicher Name. Wir haben nämlich nichts zu verbergen. Das dachten wir jedenfalls lange Zeit. Seit dem vergangenen Herbst sieht die Sache etwas anders aus.

Ich erwähnte das Fingerschnalzen. Es handelt sich dabei um unsere Art Beifall zu bekunden. Man macht es, indem man mindestens zwei- oder dreimal die Daumenkuppe von der Zeigefingerkuppe schnellen läßt. Wir verdanken die Sitte Benito, der sie aus seinen Anfängen als Snookerspieler hinüber gerettet hat. Sie schaffte demnach sogar den Sprung über den Ärmelkanal und die Pyrenäen, hielt sich Benito doch zuletzt, bis 2001, meist in England auf. In Snookerkreisen dürfte man nun Bescheid wissen. Aha, Benito Frascini, was für ein Jammer, daß er das Handtuch warf! Als ich Benito Anfang 2001 in Cardiff traf, hatte er gerade, vor ungefähr 40 Minuten, die Welsh Open gewonnen und dafür, den Highest-Break-Preis eingeschlossen, fast 70.000 Pfund eingestrichen. Davon könnte man sich ja eigentlich einen Restaurantbesuch zu zweit leisten, sagte ich mir so frech, wie ich damals war. Ich besaß bereits einen gewissen Autorennamen und hatte neuerdings ein Buch über einige Irrwitzigkeiten des professionellen Sportes in Angriff genommen. Snookerfan war ich sowieso. Daneben war mir selbstverständlich bekannt, daß Frascini sogenannte Manager haßte und alles in die eigenen Hände zu nehmen pflegte, nicht nur den Billardstock. Ergo marschierte ich zu den Garderoben – nur um einem beleibtem Herrn in die Arme zu laufen, an dessen Anzugjacke das bekannte Wächter-Schild prunkte. Hier könne die Dame leider nicht durch. Allerdings roch ich sofort, ich hatte sein männliches Wohlgefallen erregt. Also brachte ich meinen Namen und mein Anliegen vor und bewog ihn tatsächlich dazu, einmal nachzufragen, ob Benito Frascini für mich – »weil Sie es sind!« – zu sprechen sei. Das war der Fall. Der drahtige, schwarzge-lockte, offensichtlich frischgeduschte Turniersieger kam mir auf dem Gang des Garderobenbereichs im Bademantel entgegen und gab mir mit beinahe spitzbübischem Lächeln die Hand. Zwar mußte ich mir den Restaurantbesuch fürs erste abschreiben, aber wir vereinbarten einen Termin für den nächsten Vormittag. Wir trafen uns im Cafe der kleinen Pension, in der Benito abgestiegen war. Noch am selbem Abend hatte ich das Gefühl, dieser Mann eigne sich sehr dafür, mein jüngster Geliebter zu werden. Dieses Gefühl hatte, trotz mancher anderer Affären, bis zum heutigem Tag Bestand.

In der Tat war Benito mit seinen knapp 32 geringfügig jünger als ich – rund drei Jahre. Damals lebte ich in der Kommune Holunderhof im Hunsrück, die allerdings schon Auflösungserscheinungen zeigte. Wir besaßen einen größeren Bauernhof und hielten unter anderem auch schon die erwähnten Weideschweine, die aus Waldeck stammten. Der Hof lag wirklich wunderbar – wie auch Benito fand, der mich nach wenigen Tagen dorthin begleitete. Nur war das Dumme: der Dorfbürgermeister war neuerdings fest entschlossen, uns einen Mobilfunk-Sendemasten geradezu vors Hoftor zu pflanzen. Er besaß nämlich eine Wiese auf der anderen Straßenseite und wünschte sich an dieser durch den Kuhhandel mit der Telefongesellschaft eine Goldene Nase zu verdienen. In diese gespannte Lage platzte nun Benito, der sich bereits vor einigen Wochen geschworen hatte, dem »im Grunde obszönem Affenzirkus« des professionellen Snooker-geschehens nach den Sheffielder Weltmeisterschaften im April/Mai Lebewohl zu sagen, ganz einerlei, wie er bei diesem letztem Turnier seines Lebens abschneiden würde. Er kam übrigens ins Finale. Dort zog er gegen den Briten Paul Hunter den Kürzeren, was ja wahrlich keine Schande war. Als »Runner-up« nahm Benito 147.000 Pfund aus Sheffield mit. Auch mit dem Gedanken an ein Kommuneleben hatte mein neuer italienischer Gefährte schon wiederholt gespielt, und nun wälzten wir auf dem Holunderhof einen Plan nach dem anderen, dabei meist mit der ganzen Belegschaft zusammen, denn alle 28 erwachsenen Kommunarden hatten plötzlich »nicht mehr die geringste Lust«, im Hunsrück unter einem Mobilfunkmasten zu verdorren. Ich nehme an, Benitos vergleichsweise glänzende Vermögenslage war an diesem entschlossenem Mißmut nicht ganz unbeteiligt.

Horst, ein Mitgründer der Holunderhof-Kommune, hatte durch eine im Vorjahr in Barcelona veranstaltete große Konferenz vielversprechende Verbindungen nach Katalonien, die er nun in die Waagschale warf. Er führte sogar teure Ferngespräche, um sich nach der aktuellen Lage zu erkundigen. Er kannte von der Konferenz her eine rund 40 Jahre alte Frau namens Alba Nonell, die, gemeinsam mit einem erfahrenen Landwirt, für ein anarchistisches Bündnis im Stadtrat von Santa Molinga saß. Just in Sichtweite dieses Städtchens gab es nun eben auch die riesige ehemalige (katholische) Abtei gleichen Namens. Sie gehörte inzwischen der Stadt. Während die Ländereien an den ökologisch gestimmten Landwirt verpachtet waren, standen die Gebäude seit etlichen Jahren leer. Die Stadt hatte, wie üblich, kein Geld; anderen, die durchaus Geld gehabt hätten, etwa für eine Klinik, fehlte das Interesse. Aber dann kamen wir. »Viele von euch«, hatte Horst mit einem Zwinkern auf dem Holunderhof-Plenum festgestellt, »wünschen sich doch ohnehin ein Projekt mit größerer Kragenweite, mindestens 100 Leute fett, bloß nicht alles Deutsche … Jetzt tauchen Ute und Benito plötzlich mit einem ganzen Sack voll Geld auf. Wenn das nicht unsere Chance ist ..?«

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An einem sonnigem, ziemlich heißem Tag Ende August standen wir im Innenhof unserer Neuerwerbung, nahmen uns bei den Händen und bildeten auf diese Art einen schon beachtlich großen Kreis. Das war unsere »Besitzergrei-fung«. Wir zählten 58 Erwachsene und 13 Kinder. Diese Belegschaft verdankte sich hauptsächlich einem Zusammenschluß der Holunderhof-Kommune mit der Landkooperative Bric, der Alba bis dahin angehört hatte. Wie sich versteht, hatten wir eine vergleichsweise herkulische Vorbereitungsarbeit hinter uns, Instandset-zungen im Kloster und Erörterungen unserer Leitlinien eingeschlossen. Im Ergebnis hatten wir ein Statut verabschiedet, das noch heute unverändert gilt. Darin erklärten wir unter anderem unsere Absicht, trotz strenger Probezeiten möglichst rasch auf mindestens 100 Personen anzuwachsen, gleichwohl niemals untergeordnete Wohngruppen und auch keine ständigen Vertretungen zu dulden, also etwa Räte oder SprecherInnen. Wir wollten die Beteiligung zumindest sämtlicher erwachsenen Kommunarden an den sogenannten Verwaltungsarbeiten. Das wesentliche Organ der Gemeinschaft sei die Vollversammlung, heißt es im Statut. Schwänzen sei nur bei dringenden Gründen erlaubt, beispielsweise Krankheit. Entscheidungen der Vollversammlung hätten ausschließlich im Konsen zu erfolgen, es sei denn beim Ausschluß eines Kommunarden. In diesem Fall gilt Konsens minus eins. Aber wir haben bis heute nie einen Ausschluß gehabt. Leider, möchte ich fast sagen.

Der älteste Kommunarde war schon damals Henner Reitmeier vom Holunderhof, ein leidenschaftlicher, auch guter Polsterer. Er ist inzwischen 72. Er polstert nach wie vor. Seine Werkstatt liegt auf der Nordseite unweit der Kirche im Erdgeschoß. Dort erstreckt sich die »Schweineweide«, jenseits steigt Bergwald an, auch dieser zum Teil unser Eigentum. Henners Werkstatt hat eine Kammer, in der er sogar schläft. Seine Geselligkeit beläuft sich überwiegend auf die festen Doppelkopf-Runden, die es hier im Hause gibt. Sie veranstalten sogar hin und wieder richtige Turniere, in der Kirche. Bei uns kann jeder wohnen, Freundschaft schließen und selig werden, wie er will. Er könnte auch im nördlichem Kirchturm unter der Sturmglocke hausen, falls ihm das gefiele. Nur darf er sich eben keine Wohngruppe wünschen. Um diese Bestimmung habe ich damals im Verein mit Inge ziemlich hart gekämpft. Gewiß wandte sie sich vor allem gegen Familiensinn und Clandenken, aber wir wollten auch keine losen Wohngemeinschaften. Für uns stand das hiesige Zusammenleben ausschließlich auf zwei Beinen: das eine hieß Persönlichkeit, das andere GAM. Somit besteht die GAM zur Zeit aus 106 Persönlichkeiten, 23 Kinder eingeschlossen.

Auch unser Kinderhaus fand sich bereits im Statut angekündigt. Inzwischen liegt es, nicht weit von meinem Zimmer, auf der Südseite. Dort leben, spielen und lernen die Kinder zusammen, wie es ihnen gerade gefällt. Platz ist genug. Das mehrgeschossige Kinderhaus ist sogar durch ein eigenes Walmdach aus der Gebäudefront herausgehoben, denn es war früher die Residenz des Abtes. Eine Außentür eröffnet einen Weg durch den Garten direkt zum Fluß. Selbstverständlich stehen die Kinder unter Betreuung. Schließlich wollen wir nicht, daß sie ihre Residenz anzünden oder im Purr ertrinken. Sie werden immer für einen Monat von zwei Erwachsenen betreut, die dann auch im Kinderhaus schlafen. Diese BetreuerInnen dürfen im selbem Jahr nie dieselben sein. Die ganze Einrichtung zielt also ebenfalls darauf ab, dem oft verheerend wirkendem Familiensinn den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Kinder wählen ihre erwachsenen »Bezugspersonen« frei und durchaus unterschiedlich, und selten sind ihre Favoriten ihre Eltern – falls man diese überhaupt kennt. Unser niedliches Adoptivkind Florencia kommt aus Chile. 2017 besuchten uns drei »Wissenschaft-lerInnen«, die an einer Studie über alternative Kinder-erziehung arbeiteten, für mehrere Monate. Sie beschei-nigten unseren Kindern, im Schnitt, ungewöhnliches Selbstbewußtsein und auffallend solidarisches Verhalten. In einigen Fällen sei es uns anscheinend sogar gelungen, bei Kleinkindern die bekannte »Trotzphase« zu umschiffen. Im ganzen faßten unsere Kinder offensichtlich die gesamte Lebensgemeinschaft als ihre »Familie« auf, und in diesem Rahmen würden sie sich um Hilfe, Rat oder Trost bei dem Erwachsenen bemühen, der gerade greifbar sei. Ernsthafte »Störungen« ließen sich bei unseren Kindern überhaupt nicht beobachten.

Die Grenze zur Jugendlichkeit halten wir fließend. Wer einmal als Jugendlicher gilt, hat sofort Anspruch auf ein eigenes Zimmer. Jeder nimmt ihn für voll. Das einzige, was ihm (bis 20) vorenthalten wird, sind das Vetorecht im Plenum und der uneingeschränkte Zugriff auf unsere »Tageskasse« oder gar auf unsere Bankkonten. Ferner hatten wir in den ersten Jahren auch ein paar eigene Säuglinge. Sie durften bei ihren Müttern bleiben, die sich das Stillen, soweit möglich, teilten. Ab 2012 hatten wir gar keine Geburt mehr im Haus. Zwei Jahre früher hatte Henner, der Polsterer, ein Papier in die Vollversammlung eingebracht, das seitdem »Gebärstreik-Beschlußvorlage« heißt. Zwar bekam sie keinen Konsens. Es spricht aber vieles dafür, daß sich unsere Frauen und zeugungswütigen Männer ihren Geist zu Herzen nahmen. Dafür fanden einige Adoptionen statt, wie ich schon, mit Florencia, angedeutet habe.

Ich erwähnte unsere Tageskasse. Sie steht in unserem Büro, das den gesamten Oberstock des Torgebäudes einnimmt. Selbstverständlich läßt sich das Kommen und Gehen in der Abtei von den Bürofenstern aus wunderbar verfolgen – um nicht zu sagen: überwachen. Aber es ist ungefähr 75 mal im Jahr an jedem Tag eine andere Person, die da oben sitzt und guckt und telefoniert und in den Computer hackt. Die tägliche Ablösung (und Übergabe) erfolgt schlicht nach dem Alphabet. Jeder erwachsene Kommunarde muß seinen so zugeteilten Posten als Chef oder Chefin vom Dienst des betreffenden Tages wahrnehmen. Bei Bedarf kann der Dienst getauscht werden. Wir nennen den Posten kurz CD. Dafür genießt der »Büro-Abt« für diesen einen Tag ungeahnte Machtbefugnisse. In dringenden Fällen darf er nämlich ganz selbstherrlich Entscheidungen treffen. Zum Beispiel verfügt er über das einzige Handy der Abtei, um die Polizei alarmieren zu können, falls dummerweise gerade auch der Strom ausgefallen ist. Nebenbei lassen sich mit Hilfe dieses Handys die Ausfälle des Internet-Kabels über-brücken, die Katalonien mehrmals jährlich heimsuchen: dann geht der CD an seinem Computer per Handy ins Mobilfunknetz, sodaß er beispielsweise eine eilige Email einschließlich Anhang abschicken kann. Auf diesem Wege habe ich erst kürzlich für einen termingebundenen Artikel über die Ukraine recherchiert.

In handfesteren Notfällen können der oder die CD zum Beispiel zur Kirche rennen, um mit der nördlichen Glocke Alarm zu geben, weil etwa ein Pferdefuhrwerk von der Purr-Brücke gefallen oder ein Rudel Nationalgarde im Anzug ist. Allerdings hatten wir einen solchen Alarm- oder Notfall erst einmal seit unserer Gründung. Das war im Frühjahr 2020. Da rief ein aufgebrachter Apotheker aus Santa Molinga in unserem Büro an und tobte: »Wenn Sie Ihren Jugendlichen nicht sofort beibringen, daß man nicht ohne Mund-Nasen-Schutz durch unsere Stadt und ihre Eisdielen streunt, schicke ich Ihnen den Polizeichef persönlich auf den Hals! Wir kegeln regelmäßig zusammen.« Damit legte er auf. Chris, die an jenem Tag CD war, versicherte uns später, sie habe bis Büroschluß weder den Polizeichef noch auch nur einen Polizeischüler auf der Purr-Brücke ausgemacht. Aber auch der besagte Apotheker hat uns nie wieder in seinem Laden gesehen.

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Mitte Dezember des vergangenen Jahres hätte der CD um ein Haar Sturm geläutet. Da wir rund 40 Hektar Wald besitzen, hatten wir gleich zum Einzug die Ölbrenner der abteieigenen Zentralheizung gegen zwei mächtige Öfen für ein Meter lange Holzscheite ausgetauscht. Sie werden von Hand beschickt und gereinigt, ansonsten jedoch elektronisch gesteuert. Nun haben wir auf der Südseite der Pyrenäen zwar selten Frost, aber 3 oder 7 Grad plus bürgen ja auch nicht gerade für Gemütlichkeit. Bei solchen Temperaturen laufen die Öfen ununterbrochen, damit die Werte in den beiden Pufferspeichern (heißes Wasser) nie empfindlich abfallen. Doch ausgerechnet am Mittwoch, dem Plenumstag, fingen wir plötzlich in der ganzen Abtei zu frieren an. Unsere HeizerInnen und andere häusliche Fachleute wußten sich zunächst keinen Rat, denn die Holzscheite schienen wie immer gut abzubrennen. Es wurde immer kälter. In der Kirche schwebten bereits Atemwölkchen vor einem her. Der CD, an jenem Mittwoch Manuel, ein Portugiese, blies das wie gewohnt für 20 Uhr angesetzte Plenum beim Abendessen ab. In unserem riesigem Speisesaal klapperten die Zähne mehr als die Bestecke. Alle hatten Mäntel an und trappelten mit den Füßen. Schließlich traf Josip aus Girona ein, seines Zeichens Spezialist für computergesteuerte Holzfeuerungs-anlagen. Manuel hatte ihn telefonisch zur Hilfe gerufen.

Josip stellte immerhin schon nach einer halben Stunde fest, daß die Steuerung der Öfen offenbar gekonnt gehackt worden war, was auf deren Displays für schlichte HeizerInnen unmöglich zu erkennen war. Vermutlich war ein Handy benutzt worden. Dann benötigte Josip geschlagene zwei Stunden, um die elektronische Blockade zu lösen. Darauf schrien die HeizerInnen »Hurra!«, legten Holzscheite nach und verkrochen sich einstweilen unter jeweils drei Bettdecken, möglicherweise auch gemeinsam. Das Plenum wurde am nächsten Abend nachgeholt. Da war es in der Kirche wieder einigermaßen warm. Doch die hitzigen Debatten! Welches Arschloch hat unsere heilige Heizung gehackt? Warum macht er das? Wo steckt er? Oder sie?

Nun blühten bis zum Februar die Theorien. Der Nährstoff dafür ballte sich. Ende Dezember erschien in der namhaften Tageszeitung El Maís, die gemeinhin als »linksliberal« empfunden wird, erstmals ein Artikel, der uns bös anpinkelte. Im sogenannten »Kinderhaus« der Gemeinschaft Abtei Molinga herrschten anscheinend haarsträubende Zustände, war da zu lesen. Allerlei Arten des »Kindesmißbrauchs« wurden angedeutet. Vielleicht sei es zumindest angebracht, die Befreiung dieser anarchi-stischen Bastion von der Schulpflicht zu überprüfen. Der Artikel war von einer Dame namens »Valentina Grock« unterzeichnet, die im Internet keiner kannte. Ich ließ mich sofort mit dem zuständigem Redakteur verbinden. Er setzte mir auf Englisch auseinander, über die Autorin keine Auskünfte geben zu können, denn das fiele unter den Datenschutz. Als ich immer zänkischer wurde, sagte er genüßlich: »Liebe Frau Pömmersvelden, Sie müßten sich doch eigentlich in unsere Branche auskennen. Falls aber nicht, teile ich Ihnen mit, ich bin bei der größten und traditionsreichsten Tageszeitung der gesamten Iberischen Halbinsel angestellt. Wollen Sie sich mit der wirklich anlegen ..?« Damit unterbrach er die Telefonverbindung.

Das Plenum neigte zu der Ansicht, solche Eindrücke, wie sie Frau Grock verwertet habe, deuteten eigentlich auf eine Informantionsquelle aus unseren eigenen Reihen hin. Es faßte jedoch keinen taktischen Entschluß. Was das Madrider Blatt anging, empfahl es lediglich, seinen Vorstoß – und es selber zu ignorieren. Allerdings bat es mich, eine Art Gegendarstellung auf unserer Webseite zu veröffentlichen. Da ich hier als Schriftstellerin, zuweilen sogar Philosophin (mit Doktor-Titel!) gelte, bin ich übrigens der einzige Mensch in der Abtei, der über einen persönlichen Computer verfügt, einen Laptop. Nur deshalb wurde einst das Internetkabel vom Torhaus bis in mein Zimmer verlängert. Im Torhaus stehen die drei gemeinschaftlichen Computer: einer im Büro, zwei in der angrenzenden Bibliothek. Ich wüßte nicht, daß meine MitstreiterInnen jemals vor einem unserer Computer Schlange gestanden hätten. Ihre Texte, etwa Aushänge oder Protokolle, verfassen sie meist mit der Hand, und das Internet interessiert sie häufig »einen Scheißdreck«, um einmal Henner Reitmeier zu zitieren. Er war es übrigens, der sich früh dafür einsetzte, das bei uns benötigte Schreibpapier bei Gelegenheit unserer Einkaufs- oder Lieferungsfahrten kostenlos aus den Abfallkisten von Kopiergeschäften und Druckereien zu beziehen. Da sind die Fehldrucke ja oft nur einseitig bedruckt – und auf den Rückseiten schreiben wir. Unser motorisierter Fahrzeugpark ist auch nicht gerade üppig: ein großer Lieferwagen, zwei kleine Personenwagen. Daneben arbeiten wir nur mit Pferdegespannen. Im September 2014, als die Probezeit von Mascha (mit Erfolg natürlich) abgelaufen war, hatten wir bereits rund ein Dutzend Pferdefuhrwerke – aber für einen »Betriebsausflug« der ganzen Belegschaft reichte das trotzdem noch nicht. So liehen wir uns noch ein paar Gespanne dazu. Dann fuhren wir 100 Mann/Frau/Kind und Kegel hoch ins Gebirge, um ein glänzendes Picknick zu veranstalten. Das war nämlich der Anlaß gewesen: wir waren neuerdings 100 Personen in der Abtei. Immerhin hatten wir damals vorsichtshalber eine mit uns befreundete Wohngemeinschaft aus Santa Molinga gebeten, unser Anwesen während unserer Abwesenheit zu bewachen. Natürlich passierte nichts. Noch nicht.

Benito hatte sich früh eine Werkstatt eingerichtet, die alle nur »die Dreherei« nennen. Darin fertigt er, teils mit Hilfe anderer Kommunarden, die in Snookerkreisen berühmten Billardstöcke Marke Frascini Fair an. Natürlich sind sie vorwiegend aus Holz, meist Ahorn oder Esche. Die Drehbank läuft mit unserem hauseigenen Strom, aber sonst ist fast alles Handarbeit an diesen Queues. Oft werden Benitos Mehrteiler nur auf Bestellung angefertigt, dann freilich gemäß den Sonderwünschen des Kunden. Zuweilen werden die Stöcke hin- und hergeschickt, weil der Kunde Veränderungen oder eine andere Neuanfertigung möchte. In dieser Preisklasse, 300 bis 500 Euro, macht der Versand den Kohl nicht magerer. Günstigerweise hat Santa Molinga einen Bahnhof, der das jeweilige Queue nach Barcelona schaffen kann. Letztes Jahr ging so ein Kleinod an den neuen Jungstar Zhao Xintong, allerdings nicht bis China, sondern nur nach London, wo er meist wohnt. Im Vergleich zu anderen Halsabschneidern nimmt Benito durchaus keine Mondpreise. Fachmännisches Lob ist ihm viel wichtiger. Und genau in dieser Hinsicht traf ihn an einem Januartag fast der Schlag, als er in der Bibliothek in sein Email-Fach schaute. Die frischgebackene Amateurmeisterin der Türkei teilte ihm mit, die Verschraubungen hätten sich gelöst! Was sie nun machen solle? Benito bat sie, ihm das Werkstück auf unsere Kosten schnellstmöglich zurück zu schicken, dann werde man weiter sehen. Am Mittag saß er wie ein geprügelter Hund neben mir im Speisesaal und weinte sich aus. Eine knappe Woche später sahen wir halbwegs klar. Die zweiteiligen Verschraubungen, die Benito von einer Metallfabrik in Girona bezieht, waren in diesem Fall durchaus in Ordnung. Sie werden in gebohrte Aussparungen der Stockteile versenkt, die Benito zuvor mit einem eigens von ihm gebrautem Heißleim ausgestrichen hat. Der hatte offensichtlich versagt. Benito untersuchte ihn und seinen Vorrat unverzüglich mit Hilfe eines chemisch bewanderten Kommunarden. Danach war er gepanscht, also unbrauchbar gemacht worden. Das war schon fast eine filigrane Sabotage, die man bei dieser Preisklasse auch wirklich verlangen kann.

Benito schrieb sofort drei andere jüngste Kunden an, doch sie beruhigten ihn erfreulicherweise. Die Verschraubungen säßen fest. Damit ließ sich immerhin der Zeitraum eingrenzen, in dem sich jemand an dem Leim vergriffen hatte – aber was hatten wir davon? Gewiß pflegt Benito seine Werkstatt abzuschließen, wegen der Kinder vor allem, nur hängt ein Schlüssel stets im Büro, zu dem alle Kommunarden Zugang haben. Das gilt allgemein für sämtliche Schlüssel der Abtei, Mühle eingeschlossen. Jetzt fing also schon das Rätseln an, wer von uns womöglich das Zeug zu solchen Untergrund-Aktivitäten habe – und das entsprechende Verdächtigen. Eine Art vom Plenum gebildete Fahndungsgruppe bemühte sich selbstverständ-lich, jede Gerüchtemacherei zu unterbinden. Aber darin war sie ähnlich erfolglos wie in ihrer Fahndungsarbeit. Die gereizten Stimmungen nahmen zu, und fast jeder zweite fragte sich vor dem Schlafengehen, wann und wo sich das nächste Unheil ereignen würde. Es war in unserer Mühle.

Da ich leichtsinniger- oder eitlerweise meinen Doktortitel erwähnte, will ich dazu ein paar Bemerkungen einschieben, die vielleicht gar nicht so unwichtig sind. Mein Studium der Philosophie an mehreren deutschen Universitäten war ohne Zweifel das Überflüssigste unter meinen gesamten Jugend-Aktivitäten. Meine Doktorarbeit verfaßte ich über Transformative Aspekte in Fichtes Konzeption der Willensfreiheit. Genau so gut hätte ich eine Studie über das 685. Bein des Tausendfüßlers vorlegen können. Das akademische Philosophieren beläuft sich seit vielen Hundert Jahren auf Haarspalterei und das Aufblasen von Windbeuteln. Geht aber einmal einer zur Sache, wird er geschnitten. Die Frage nach den Eigentumsverhältnissen in einer bestimmten Gesellschaft ist so alt wie ungelöst – keiner packt sie auf den Tisch. Proudhon, Marx, Adorno taten es vielleicht sogar, aber dafür schrieben sie so ungeschickt, daß keiner etwas mit ihrem Zeug anfangen kann, es sei denn, er ist vernagelt. Dito das Problem der Vertretung, das ich oben immerhin angedeutet habe. Ein Seitenstück der befremdlichen Bereitschaft, seinen Billardstock in fremde Hände zu geben, ist die ausufernde Bürokratie. An ihr sind in einigen Tausend Jahren Menschheitsgeschichte sicherlich viele Millionen Menschen erstickt, von den Verkrüppelten und Eingeschüchterten zu schweigen. Schon die alten Sumerer und Ägypter, die mit den Tempeln, Türmen und Pyra-miden, stützten sich auf wahre Heere von unproduktiven, aber des Schreibens oder wenigstens Zählens mächtigen Bürokraten. Diese »Vermittler« gehorchten dem König oder dem Priester blind, und sie kannten die wichtigen Rituale, also die Formen des Organisierens und Beherrschens größerer Massen, besser als ihre eigenen Westentaschen. Die Massen dagegen hatten null Ahnung von alledem. Geheimes Wissen sei der Schlüssel zu jedem System totaler Herrschaft, bemerkt Lewis Mumford (vor gut 50 Jahren) in seinem bedeutendem Werk Mythos der Maschine. Damit sind wir ja sogar wieder unmittelbar beim Thema. Den Kenntnissen unserer Heizungsspezia-listen sind wir schon fast so hilflos ausgeliefert wie den Hieroglyphen oder Algorithmen unserer IT-Gurus. Verweigert einer aus unserer Mitte »Transparenz«, tappen wir im Dunkeln. Ja, und das nicht nur als Metapher.

Unsere Stromversorgung wird von einer ehemaligen Wassermühle der Abtei gewährleistet, die den köstlichen Bach Ràpido nutzt. Er mündet unweit meines Zimmers in den Purr. Ihm verdanken wir auch unser Trinkwasserwerk oben im Wald. Die Mühle liegt rund 500 Meter von der Abteikirche entfernt am Rand des Waldes. Wir ließen 2003 eine Turbine und einen Generator einbauen, womit die Mühle unser privates »Laufwasser-Kraftwerk« war. Ihre Einzäunung hielten wir für überflüssig, weil sie schließlich kein Atomkraftwerk war. Sie wurde nur immer gut verschlossen. Aber am Freitag den 4. Februar, gegen 15 Uhr, brannte sie plötzlich. Der CD hatte Sturm geläutet. Alles stürzte in den Hof oder an die Fenster. Die Flammen und der Rauch züngelten am Wald empor. Der CD brüllte: »Alles an die Eimer! Und sofort die Feuerspritze raus!« Die Leute rannten. Eine Frau rief zum Büro hinauf: »Fahrt die Computer herunter! Ist das Handy da? Na, prima – ruft die Feuerwehr.« Nur wenig später flog unsere Hauptsicherung heraus, was uns Benito aus dem Werkstattfenster zurief. Der Gedanke an das Handy war also gar nicht so dumm gewesen. Und alles in allem formierte sich unsere Abwehr bemerkenswert gut. Es waren keine drei Minuten vergangen, als ich mit einigen Dutzend anderen Leuten am Bach um die Wette schöpfte und meine Wasserschwälle für das brennende Mühlendach mit den übelsten Verwünschungen garnierte. Das tat ich zugleich wegen des Brandes und der Kälte des Bachwassers.

Der Feuerwehr von Santa Molinga gelang es immerhin, die Turbine zu retten und ein Übergreifen der Flammen auf den Wald zu verhindern. Nur der Generator war im Eimer. Der Dachstuhl selbstverständlich auch, aber das war vergleichsweise harmlos. Innerhalb von drei Tagen hatten wir den Turbinenraum instandgesetzt und eingedeckt und einen neuen Generator angeschlossen. Zum Glück konnten sich die eingesetzten Kommunarden regelmäßig in der Abtei aufwärmen, denn wir besaßen für die Brenner unserer Zentralheizung ein Notstromaggregat. Im übrigen jedoch erfuhren wir in den drei Tagen, wie unbequem, streckenweise allerdings auch lustig das Leben wird, wenn für drei Tage Lichtschalter, Telefonapparate, Küchenherde, Computer, Musikgeräte, Staubsauger und so weiter ihren Gehorsam verweigern. Ohne unser einziges Handy, das im Heizraum aufgeladen werden konnte, hätten wir auch noch viele lästige Botengänge oder -fahrten am Hals gehabt, um es einmal unumwunden zuzugeben. Über Kerzen, Fackeln, Petroleumlampen fanden in den ausge-dehnten Gängen der Abtei zum Teil zähe diplomatische Verhandlungen statt. Die meisten Werkstätten verödeten; nur Henner Reitmeiers Tapezierhammer klopfte wie ein Specht. Freilich lassen sich auch Planeten oder irdische Lebensweisen vorstellen, die ihr Glück weder aus Elektrizität noch aus Funkgeräten beziehen. Über dergleichen wurde unter anderem an dem mächtigem Lagerfeuer viel diskutiert, das wir in jenen drei Tagen ständig in unserem Innenhof unterhielten. Und über unser Pech mit der mutmaßlichen Sabotage natürlich auch.

Die meisten nahmen inzwischen an, wir hätten es mit der Verleumdungskampagne und Anschlagsserie eines Menschen zu tun, der aus unseren Reihen kam und der vermutlich auch noch hier lebte. Benito gab mir allerdings zu bedenken: wenn dem so wäre, hätte der Täter die Mühle doch kaum am hellichten Tage angesteckt, vielmehr im Schutz der Dunkelheit und der Nachtruhe. Das leuchtete mir sogar ein. Anfang der nächsten Woche teilte uns jedoch der Brandmeister aus Santa Molinga mit, Kollegen hätten spärliche Rückstände eines Brandsatzes untersucht, der sehr wahrscheinlich einen Zeitzünder, also eine Schaltuhr besessen habe. Der Brandstifter – falls es einer war – müsse demnach keineswegs am vergangenen Freitag auf unserem Gelände gewesen sein. Möglicherweise habe der Brandsatz schon seit einigen Tagen im Dachstuhl der Mühle »getickt«. Jedenfalls habe er die Kripo eingeschaltet, die uns vermutlich in Kürze mit dem Besuch eines Ermittlers beehren werde. Wir dankten ihm und empfahlen unseren MitstreiterInnen beim Mittagessen, den Ermittler nicht gerade mit der Nase auf das zu stoßen, was einige inzwischen eine »Verleumdungskampagne und Anschlagsserie« zu nennen pflegten. Der Brand in der Mühle gebe ihm erst einmal genug zu tun.

Nach einer Woche – es war erneut Freitag, so gegen 11 – klopfte es an meiner Zimmertür Sturm. Es war die Kommunardin Alba Nonell, die temperamentvolle Einheimische. Sie war inzwischen schon über 60. Sie saß nicht mehr im Stadtrat von Santa Molinga, weil da jüngere Anarchisten nachgerückt waren, sprach jedoch nach wie vor Katalanisch wie ein Wasserfall. Ich beherrscht diese Sprache inzwischen recht gut. Ich gebe auch gerne zu, es gibt schlimmere Sprachen, zum Beispiel Deutsch. Das Deutsche hat wenig Klang; es ist dürr wie Henners Tapezierhammer. Das Katalanische kommt mir meist zu näselnd oder schnarrend daher; und nun auch noch in Albas Tempo. Am meisten sagt mir eigentlich die Rede meines Mitkommunarden Jegors zu. Dummerweise ist er aber Russe und muß deshalb neuerdings ähnlich »sanktioniert« und »sabotiert« werden wie Monster Putin. Das Russische ist für mein Empfinden angenehm saftig. Von daher war meine Behauptung, Alba rede wie ein Wasserfall, nicht gerade glücklich. Sie redet eher wie eine Wandersandbank. Nebenbei scheint hier ein Problem der sogenannten »Globalisierung« auf, das keineswegs deren geringstes ist: die neue schöne Welt spricht englisch. Auf unseren Vollversammlungen tun wir es notgedrungen auch. Das bedeutet, wir bedienen uns einer sowohl armen wie reichen Weltsprache. Sie ist arm im Wortschatz und in ihren Unterscheidungsmöglichkeiten; reich dagegen an Raubgold und fadenscheinigen Dollars, denn sie ist die Imperialistensprache.

Ich komme auf Alba zurück. Sie platzte heraus: »Debbi ist wieder da! Ich habe sie gestern beim Abendbrot gesehen.«

Ich sah sie zweifelnd an und erwiderte: »Na und? Warum nicht? War sie verreist?«

»Ja, das war sie, mein Goldschatz!«

Dazu muß man wissen, ich bin blond.

Alba fuhr fort: »Sie war schon seit gut einer Woche verreist. Somit sind ihr zufällig der Brand und die drei Tage Finsternis in der Abtei entgangen. Aber das ist noch nicht alles. Klickts schon bei dir ..?«

Nun verstärkte sich mein Stirnrunzeln allerdings. Debbi, eigentlich Debohra, war eine knochige, wenn auch recht vollbusige Rothaarige, die schon drei oder vier Jahre bei uns lebte. Ich kannte sie so gut wie nicht. Ich glaube, sie stammte aus Südafrika. Jedenfalls war sie eine Weiße – was die Rothaarigen oft sowieso sind – und sprach perfekt englisch, wenn ich meinen Erinnerungen an einige Vollversammlungen trauen kann. Sie war wohl noch keine 40. Ich glaube, in der Abtei hatte sie vor allem mit unseren Pferden und der Holzwirtschaft zu tun. Ich wußte noch nicht einmal, in welchem Zimmer sie wohnte. Benito hätte es wahrscheinlich gewußt – aber das führt vielleicht im Augenblick vom Thema ab. Obwohl …

Alba warf eine Hand nach mir und spottete: »Du hast eine lange Leitung, mein Goldschatz. Ich teile dir also mit: an jenem Mittwoch im Dezember, als die Heizung kaputt ging, war Debbi auch schon verreist! Ich habe es überprüft. Damit blieb ihr also die Kälte erspart. Was sagst du nun?«

Ich überlegte. Von uns sind ständig Leute verreist. Sie haben ihren Wunsch nach Abwesenheit (und die voraussichtlichen Reisekosten) an dem riesigem Schwarzem Brett in unserem Speisesaal in einer dafür vorgesehenen Tabelle zu verkünden und knapp zu begründen, und solange niemand dagegen Einspruch erhebt (rotes Kreuz mit Unterschrift), ist der Wunsch genehmigt. Andernfalls spricht das nächste Plenum das entscheidende Wort. Vermutlich hatte Alba just in die besagte Tabelle geschaut, vielleicht auch in die Abrechnungen im Büro.

»Du meinst: durch Sabotagen wie mit der Heizung und der Mühle würde sich die Täterin ja selber einige Unbequem-lichkeiten bereiten? Also schützt sie irgendwelche wichtigen Reisen vor? Habe ich richtig verstanden ..?«

Alba nickte nur.

»Na gut. Das ist ja endlich mal ein echter Anhaltspunkt. Ich trommele unverzüglich die Fahndungsgruppe zusammen. Willst du mitkommen?«

Jetzt schüttelte sie ihre grauen Haarstränen und lächelte etwas schief. »Ich habe die Nase erst einmal davon voll, Ute. Ein stinkender Maulwurf im eigenen Haus, wo gibts denn sowas! Ich reite nach Santa Molinga zu Miguel, der hat Pizza gemacht.«

Ich grinste und kratzte mich hinterm Ohr. »Dann laß dir aber den Gaul nicht von Debbi satteln ..!«

Da stutzte sie – und bekam fast einen Lachanfall, während sie mich zum Abschied an ihren Busen drückte.

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Bei der langwierigen, mit Erkundigungen bei Dritten verbundenen Erörterung in der Fahndungsgruppe einigten wir uns schließlich, am späten Abend, darauf, noch für einige Tage abzuwarten. Einstweilen wollten wir Debbi beobachten, wie sich versteht, möglichst unauffällig. Vielleicht ergaben sich dadurch neue Anhaltspunkte oder gar Beweise. Die Gefahr eines nächsten Anschlages mußten wir in Kauf nehmen. Bislang hatten wir ja leider in der Tat nur Anhaltspunkte, und zwar eher magere. Ihre Reisen hatte Debbi zu ihrem in Frankreich lebendem Ex-Gatten, dann zu einem Seminar über Pferde in Niedersachsen unternommen. Der Gatte bekleidete einen höheren Posten in einem IT-Unternehmen. Sie selbst war gleichfalls studierte Informatikerin, hatte sich freilich schon vor Jahren auf die Pferdewirtschaft verlegt. Sie galt als etwas spröde, aber durchaus kooperationsbereit und zuverlässig. Wirkliche Freundschaften hatte sie in der GAM oder in unserer Gegend anscheinend nicht. Hier kommt leider Benito ins Spiel, doch ich will vorher noch auf die Agententheorien eingehen, die neuerdings bei uns umgingen. Wir hielten es doch eher für unwahrscheinlich, daß sich Geheimdienste der Westlichen Tauschwertge-meinschaft der Mühe unterziehen könnten, einen Maulwurf in die Abtei zu schmuggeln oder auch eine Kommunardin »umzudrehen«, auf daß unser schönes Projekt, auf diesem Wege, zerstört würde. Gewiß genossenen wir in anarchistischen, teils auch »linksliberalen« Kreisen einen hohen Ruf. Vermutlich hatten wir auch eine »Leuchtturm-Funktion«, die neue alternative Projekte anregte. Doch wenn die Megamaschine, wie Mumford sie nannte, wirklich Gefahren zu fürchten haben sollte, dann gingen sie von Massenbewegungen aus – und solche würden wir niemals auf die Beine stellen können. Für die Massen waren wir viel zu eigensinnig, hinterwäldlerisch, altmodisch, »fortschrittsfeindlich«. Deshalb glaubten wir übrigens auch nicht an jene Massenbewegungen. Bei denen kam nichts Gutes heraus.

Die Angelegenheit mit Benito hatte ich damals für belanglos gehalten, dann auch schon fast vergessen. Aber jetzt konnte sie sich durchaus als bedeutsam entpuppen. Debbi hatte sich im vergangenen Herbst bei Gelegenheit eines gemeinsamen Ausrittes ziemlich unvermutet an Benito geworfen und ihm ihre Liebe oder Begierde gestanden. Er ließ sich jedoch nicht darauf ein. Möglicherweise hatte er sie auch vor den Kopf gestoßen – mich hatten die Einzelheiten jedenfalls nie interessiert. Die Sache hatte mich lediglich belustig, zum Teil auch mit Mitleid für meine Geschlechtsgenossin erfüllt.

In der Fahndungsgruppe gingen die Brauen hoch. »Du meinst, Debbi könnte tief gekränkt, sehr wütend und entsprechend rachsüchtig gewesen sein ..?«

Das bejahte ich. Schließlich hatte sich ein Anschlag sogar unmittelbar gegen Benitos Werkstatt gerichtet. Im übrigen faßte Benito die Abtei gleichsam als sein Lebenswerk auf, und das viele Geld, das in ihr steckte, verdankte sich hauptsächlich ihm. Wollte einer Benito empfindlich schaden, brauchte er eigentlich nur die Abtei zu zerstören. Meinen Nebengedanken »oder Ute, dieses Kotzweib«, verkniff ich mir lieber. Möglicherweise hatte ich Glück gehabt.

Auch die Fahndungsgruppe hatte Glück, wenn ich mich so makaber ausdrücken darf. Nur wenige Tage nach jener Erörterung kam ihr ein Zufall zur Hilfe. Es war Mitte Februar, vormittags, 10 Grad plus. Der südliche Kirchturm beherbergt unsere Uhrglocke, weil die lieben Mönche oder FronarbeiterInnen die Ziffernblätter so auch von den Äckern her lesen konnten. Unsere zum Wald hin grasenden Schweine brauchten auch keine Uhr. Im Nordturm hing also lediglich die Sturmglocke. Was nun die Uhr angeht, war sie wieder einmal stehen geblieben. Lisa Schmitz, eine junge gelernte Goldschmiedin und Uhrmacherin aus der Schweiz, und Schlosser Jean, ein baumlanger Franzose, überprüften sie deshalb an diesem verhängnisvollem Tag. Da Jean der Fahndungsgruppe angehörte, spitzte er die Ohren und bedeutete Lisa Ruhe, als er die Eingangstür gehen hörte. Jemand kam die Treppe herauf. Es war Debbi.

Nachdem sie mehre Stockwerke bewältigt hatte, nahm sie prompt auf der schmalen Holzstiege Platz, die zum Uhrenkabinett und der Glocke führt. Sie zog ein Handy und drückte ein paar Tasten. Vielleicht wußte sie, der Turm hat für Mobilfunkgespräche einen guten Empfang. Die beiden Fensterhöhlen dieses nie genutzten Turmzimmers sind unverglast. Der Wind pfeift durch. Aber dann fällt Lisa ein Schraubenzieher aus der Brusttasche und der erschrockenen Debbi genau vor die Füße. Jean besitzt die Geistesgegenwärtigkeit, sich von oben an einen Strebebalken zu hechten und auf diese Weise die Luke zur Treppe nach unten zu versperren. Debbi, inzwischen aufgesprungen und in gebückter Lauerstellung, ist kreidebleich. Das konnte mindestens daran liegen, daß sie beim Besitz eines von uns nicht genehmigten Handys ertappt worden war. Sie hält das Gerät umkrampft. Nun sagte Jean mit Blick nach oben: »Lisa, ich glaube, wir müssen uns einmal mit der Kommunardin in Ruhe unterhalten. Am besten gehen wir jetzt zu dritt nach unten. Oder was meinst du?«

Lisa stimmt zu. Darauf schreit Debbi mit wutverzerrtem Gesicht: »Ihr Scheißer! Ihr Scheißer!« und rennt, das Handy vorgestreckt, die rote Mähne wehend, auf die westliche Fensterhöhle zu. Das sind nur drei oder vier Schritte. Der Anlauf genügt jedoch für einen von der Fensterbrüstung unterstützten, im Grunde beachtlichen Sprung: sie segelt schräg über das beträchtlich tiefer liegende Dach des angrenzenden Gebäudes (der Südfront), um daraufhin kopfüber in den gepflasterten Innenhof zu stürzen.

Der Aufprall dröhnte geradezu. Er alarmierte sofort mehrere Leute, die nach einigen Schrecksekunden zu der Gestürzten eilten und nach Ärzten brüllten. Keine 20 Sekunden später kommt Jochen angerannt, der gerade zum Schwarzen Brett des Speisesaals unterwegs war. Er ist Arzt. Inzwischen stehen auch Jean und Lisa um Atem ringend neben der Gestürzten. Das verklebte rote Haar, der verunstaltete Schädel, die Blutlache, in der auch Teile des zertrümmerten Handys schwimmen – alles ist grauenhaft. Lisa wendet sich ab, weil sie sich übergeben muß. Jochen richtet sich wieder auf und schüttelt seinen Kopf:

»Da ist nichts mehr zu machen, ihr Lieben. Debbi ist tot.«

Dann geht er langsam, fast wie betäubt, zum Torhaus, wo sich CD Alf über der Durchfahrt auf eine Bürofensterbank stützt. »Wir haben eine tote Kommunardin, Alf. Lisa und Jean wissen wahrscheinlich Näheres. Stelle eine Untersuchungsgruppe zusammen. Und fordere aus der Tischlerei einen Sarg an. Sie sollen ihn unverzüglich bringen. Ich werde mich um die Leiche kümmern. Den Totenschein bekommst du später.«

Damit wandte er sich wieder zur Kirche, wo inzwischen mindestens zwei Dutzend Leute schweigend an der Unglücksstelle standen. Jochen scheuchte sie zunächst einmal fort. Nur Jean durfte bei ihm bleiben. Schon nach zwei Minuten kam der Sarg. Wir hatten wohlweislich zwei Särge auf Vorrat, weil wir doch allmählich älter wurden. Neben der Vergünstigung mit der Schulpflicht darf die Abtei auch ihren eigenen Friedhof betreiben. Da liegt der zerschmetterte angebliche »Maulwurf« jetzt.
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