Samstag, 29. September 2018
Zermalmung einer Ikone
Geschrieben 2017


Ich berichte von einem weiteren Romanprojekt, das ich nach einigen Anläufen und Erwägungen wohlweislich wieder fallen ließ. Hier zunächst der Beginn des geplanten Werkes:

„Ja, er könnte es sein“, murmelte Jan. „Das wär ja ein
Ding ..!“

Er ließ die Lupe auf den aufgeschlagenen Ausstellungs-katalog sinken und erhob sich, um durch sein einziges Zimmer zu wandern. Während sein Blick wie eine schlaftrunkene Echse durch die Ranken des abgewetzten, ehemals weinroten Teppichs glitt, versenkte er auch noch seine Hände in den Hosentaschen, weil er auf diese Art besser denken konnte. Theoretisch jedenfalls. Praktisch schlugen der Lärm und die Abgase der Autos an die Zimmerfenster. Was für ein schäbiges Loch für seine neue Geliebte! Und trotzdem hatte sie gesagt, für sie sei es das Himmelreich.

Durch Libuše hatte er vor einigen Tagen den alten Schrojf kennengelernt. Sie hatten in seinem Betrieb hereinge-schaut, weil sie nach dem Besuch des Hallenbades zufällig dort vorbeiradelten. „Das gehört meinem Patenonkel“, erklärte Libuše mit einem Nicken über die baufällige Fabrikmauer, das nicht gerade Stolz verriet. Wie sich herausstellte, war Schrojf der „Seniorchef“ einer Autosattlerei mit fast 50 Beschäftigten, die er in eine ehemalige, schon halbverfallene Hammerschmiede gepfercht hatte. Er führte Jan und Libuše hindurch. Seine Leute polsterten und bezogen Sitze für irgendeine große Autofabrik. Laut Libuše ging der Alte schon auf die 80 zu. Zwar war er klein und schmächtig, dabei aber knorrig, das sah man gleich. Hinterher meinte Libuše, er sei erheblich zäher als das Leder, das sie dort zum Teil verarbeiteten, und zog über ihn her. Ihre Tante hätte schon mit 40 wie eine verhuzzelte Backpflaume ausgesehen, weil sie bei Schrojf nichts zu lachen, aber ein Kind nach dem anderen zu gebären hatte. Ein Tyrann also, und geizig sei er auch. Was Wunder, wenn er sich als Jugendlicher gleich nach dem Einmarsch der Deutschen der SA anschloß. Das habe er den Kommunisten, die den gelernten Sattler dann bald nach dem Kriege zum Produktionsleiter einer Kartonfabrik machten, natürlich nicht auf die Nase gebunden. Es hätte sich sowieso nicht sonderlich viel genommen, meinte Libuše. Ob Sitze oder Kartons, Faschismus, Kommu-nismus oder Freie Marktwirtschaft, es sei alles Volksbe-trug. Die Autosattlerei hatte Schrojf gleich nach der „Wende“ aufgemacht. Sie war noch keine drei Jahre alt.

Kaum hatten sie wieder das trübe Chefbüro betreten, blickte Schrojf mißbilligend zum Oberlicht des einzigen Fensters und knurrte: „Das sieht den Weibsbildern ähnlich!“ Er trat vor, reckte seinen vertrockneten Körper und seinen rechten Arm empor und schloß das Oberlicht. Erst dann setzte er sich wieder hinter seinen Schreibtisch. Libuše meinte später, er läge in ständigem Kampf mit seinen beiden Bürodamen, die das verräucherte Chefbüro zu lüften versuchten, sobald er es einmal verließ. Die beiden Damen saßen im Nebenraum. Schrojf aber wollte lieber an seinem Stumpenqualm ersticken, als das Geld für die Heizung „zum Fenster hinauszuwerfen“, wie er sich auszudrücken pflege.

Sie hatten dann noch ein paar Artigkeiten gewechselt, bevor sie den Alten tunlichst wieder allein ließen. Schon in diesen fünf Minuten hatte sich Jan gefragt, woran ihn nur dieses schiefe, auf das linke Standbein gestützte Recken Schrojfs zum Oberlicht erinnert habe. Es war ihm irgendwie bekannt vorgekommen. Gewiß reckte sich alle Welt tausend Male am Tage, um irgendein Fenster zu schließen oder einen Topf vom Bord zu angeln; ihn jedoch hatte in Schrojfs Büro das Gefühl beschlichen, er kenne diese Geste gerade schon von Schrojf. Und heute beim Frühstück war es ihm endlich eingefallen. Er hatte den bereits verstaubten Ausstellungskatalog aus einer Schrankschublade gefischt, die Stelle mit dem Foto des Panzers nachgeschlagen – und da war er. Da hatte er auf den knapp 25 Jahre jüngeren Schrojf von hinten geblickt, falls er sich nicht irrte.

Soweit der Auftakt meiner verworfenen Geschichte. Auf dem von Josef Koudelka „geschossenen“ Schwarzweißfoto, von dem Jan hier spricht, schwenkt der mutmaßliche Schrojf in der Linken eine billige Aktentasche, während er in seiner gereckten und gespreizten rechten Hand einen Pflasterstein hält. Da er eine dunkle Baskenmütze trägt, ist nicht zu erkennen, ob er bereits eine Glatze hat. Er wirkt bieder, soweit sich das von seiner Kleidung her und zumal von hinten beurteilen läßt. Der Panzer mit der aufgemalten großen Nummer 460 fährt gerade längs an ihm vorbei und damit quer durchs Bild.

Das Bild trägt den Titel Ein alter Mann wirft einen Stein gegen einen sowjetischen Panzer in Prag: 1968. Es findet sich unter anderem in meinem Brockhaus, wo es den Eintrag über Koudelka illustriert, Band 14 von 1990. Der Tscheche wurde maßgeblich durch seine Fotoserie vom Ende des „Prager Frühlings“ bekannt, wobei sein alter Mann (der möglicherweise erst Anfang 50 ist) längst zu den Ikonen des antiimperialistischen oder patriotischen Widerstandes überhaupt zählen dürfte. Eben dies kam mir freilich, im Verein mit dem Eindruck der Biederkeit des Steinewerfers, gleich verdächtig vor. Fast jeder stellt sich „automatisch“ einen braven sozialistischen Schuhmacher oder Bibliothekar, Professor oder Rentner vor, der mit dem Mut der Verzweiflung in die Fußstapfen des weltweit beliebten Trugbildes David tritt (im Beitrag ungefähr Mitte), um dem Goliath zu zeigen: mit uns nicht!

In Wirklichkeit ist die Identität dieses mehr oder weniger betagten „Volkshelden“ völlig unbekannt, wenn mich meine Nachforschungen im Internet nicht täuschen. Er hat sich nie bei Koudelka oder bei CBS gemeldet, um einen gehörigen Anteil vom Ruhm und vom Geld einzuheimsen. Hatte er unter Umständen etwas zu verbergen? Für SkeptikerInnen sicherlich eine naheliegende Frage, doch in meinem Falle verband sie sich leider sofort mit einer Klischeevorstellung, die bereits aus meinem Roman-Auftakt grell hervorleuchtet. Danach war dieser Alte alles andere als ein Freiheitskämpfer, vielmehr Grobian, Tyrann, Faschist und so weiter. Bestenfalls noch ein Opportunist. Zu feineren Verästelungen fehlte mir das Zeug.

Da auf einen groben Klotz bekanntlich ein grober Keil gehört, fügte sich in dieses Klischee auch das Ende gut ein, das ich für Schrojf vorgesehen hatte. Nachdem ihn Jan mit Hilfe einer starken Vergrößerung vom rechten (etwas verwachsenen) Ohr des fotografierten Steinewerfers nahezu sicher „identifiziert“ und daraufhin in seinem Chefbüro zur Rede gestellt und „überführt“ hat, beschließt er, den Alten um die Ecke zu bringen. Wie sich versteht, hatte Schroif getobt, aber weniger wegen der Entlarvung eines angeblichen Helden des Volkes, vielmehr weil ihm Jans Vorhaltungen nicht gefielen, er sei ein autoritärer Knochen, der aller Welt das Leben zur Hölle mache, darunter seiner Frau und seinen Kindern. Er hatte den unverschämten Liebhaber seines Patenkindes hinausgeworfen und konnte von Glück sagen, daß ihm Jan nicht schon bei dieser Gelegenheit einen der vielen losen Backsteine an den Schädel warf, die sich auf dem verwahrlosten Fabrikgelände fanden. Nebenbei besaß meine Taktik, Schrojf als bilderbuchreifen Grobian zu geben, den Vorteil, mir die Ausknobelung einer Erpressergeschichte zu ersparen. Jan hätte Schrojf niemals erpressen können, weil seine „Entlarvung“ den Alten sowieso nicht ankratzte. Wie sie vor der Welt dastehen, ist selbstgerechten Geizkragen wie Schrojf in der Regel einerlei, so lange nur der Rubel rollt.

Damit fielen die Rubel für einen Erpresser Jan also aus. Er hätte sie durchaus gebrauchen können, war er mir doch ebenfalls als Klischee vorgeschwebt. Als einstiger Lehrer des verflossenen „Arbeiter- und Bauernstaates“ zählte er zu jenen vielen Opfern der „Wende“ um 1990, die keine Anstellung mehr fanden, Sozialhilfe bezogen und ihre Zeit Tag für Tag mit Rachegedanken totschlugen. Durch seinen Entschluß, die Welt von ihrem falschen Volkshelden Schrojf zu befreien, hat Jan wieder eine sinnvolle Aufgabe. Was seine Geliebte, die ja auch das Patenkind des Mordobjektes ist, davon hält, müßte man abwägen. Wahrscheinlich ist sie von Jans Plan hin- und hergerissen. Das hieße, sie macht wahrscheinlich nicht mit, verpfeift ihn aber immerhin auch nicht. Alternativen sind selbstverständlich denkbar. Aus psychologischen Gründen, die ausgefuchste KriminalschriftstellerInnen jederzeit aus der Tasche zu ziehen wüßten, könnte sie den Mordplan beispielsweise in letzter Sekunde vereiteln und ihren fragwürdigen Geliebten entweder der Kripo ausliefern oder ihn gleich an Ort und Stelle eigenhändig erledigen.

Die Stelle ist der Fabrikhof. Schrojf pflegte seine Firma fast immer als Letzter zu verlassen. Oft ist es schon dunkel, wenn er die Bürotür verschließt und auf seine gebrauchte, eher schlichte, aber gut gepflegte Mercedes-Diesel-Limousine zuhält, die stets unter dem ausladenden Ziergiebel einer verwaisten Fabrikhalle auf ihn wartet, die im Winkel zu seiner Autosattlerei liegt. Hier hatte sein Wagen im Sommer Schatten, sonst Windschutz. Zwar hatten ihn ArbeiterInnen verschiedentlich darauf aufmerksam gemacht, der betreffende Ziergiebel (aus gelben Backsteinen, nehme ich an) wirke schon reichlich baufällig, doch dem Klischee gemäß ist Schrojf zu rechthaberisch und zu geizig, seine Leute anzuweisen, dem Wagen irgendwo anders auf dem Fabrikhof einen schützenden Unterstand zu verschaffen. Jan hatte die verwaiste Fabrikhalle einmal in der Dunkelheit erklommen und sich davon überzeugt, daß der brüchige und schiefe Ziergiebel bereits wackelte, wenn man sich nur leicht mit der Schulter gegen ihn stemmte. Nun löst der ahnungslose Schrojf die Katastrophe sozusagen aus, indem er wie gewohnt seine Wagentür öffnet. Jan drückt; der Giebel kippt. Wie sich versteht, tritt Jan sofort den Rückzug über das Hallendach an, das Gepolter der Giebelstücke und Schrojfs letzten Schrei im Ohr.
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