Donnerstag, 11. Mai 2017
Absturz eines Orthopäden
Erzählung. Umfang knapp 30 Druckseiten.


Fritz stöhnte, zog seine Linke, die „Bockhand“, unverrich-teter Dinge wieder vom grünen Tischtuch, brachte sich an der Seitenbande, über die er sich gebeugt hatte, mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder leidlich ins Lot und schüttelte seinen Kopf. Dadurch wackelten seine durch Spangen eingeengten schulterlangen blonden Strähnen wie ein aufmüpfiger Vorhang hin und her, was immerhin lustig aussah, wie Walid fand. Der drahtige, junge Afghane, von Hause aus gutgebräunt und dunkelhaarig, musterte seinen Coach besorgt von der Fußbande aus. Er war gegenwärtig ohne Zweifel Fritz' begabtester Schüler. Doch jetzt erklärte ihm „der Lange“ auf englisch:

„Tut mir leid, Walid. Ich packe es im Moment nicht. Ich glaube, ich muß mich drüben erst einmal hinlegen.“

Fritz nickte dabei über den Snookertisch Nr. 3, an dem sie heute trainierten, zu den hofseitig gelegenen Fenstern der ehemaligen Orgelfabrik, die vor rund fünf Jahren in ein Clubhaus verwandelt worden war. Wie sich versteht, waren fast alle Fenster des SIK-Clubhauses durch Innenjalousien verdunkelt. Auch an den benachbarten Tischen 2 und 4 wurde geübt oder gespielt.

Walid nahm Fritz' Nicken auf und bekundete in einem Englisch, das sogar besser als das von Fritz war, Mitgefühl und Verständnis. Er hatte ein Universitätsstudium in Kabul und so manches Verhör mit wißbegierigen US-Soldaten hinter sich.

Während Fritz sein Queue auseinanderschraubte und im Koffer verstaute, wechselten sie noch ein paar Worte über eine bestimmte Übung des break buildings, die Fritz dem gelernten Bauingenieur ans Herz legte. Walid war nahezu einen Kopf kleiner als Fritz. Er war vor rund zwei Jahren als Flüchtling in Deutschland eingetroffen. Inzwischen hatten sie mit Hilfe eines Rechtsanwaltes, der dem Club angehörte, sogar eine unbefristete Aufenthaltsgenehmi-gung für Walid erstritten. Er spielte bereits in der 2. Mannschaft des SIKs und damit in der Hessenliga.

Fritz wollte sich den schmalen, langen Queuekoffer gewohnheitsgemäß unter einen Arm klemmen, aber auch das war neuerdings nicht ratsam, weil zu schmerzhaft. Sobald er einen Arm, einerlei welchen, nennenswert anhob, fuhr ihm der vorher nur ziehende Schmerz gera-dezu reißend durch die betreffende Schulter. Er nahm den Koffer am Griff und tastete sich mit der anderen Hand am Geländer der Treppe entlang, die ins Erdgeschoß führte, wo sich unter anderem der verschließbare, große Stahl-schrank für die Queuekoffer der Clubmitglieder befand.

Prunkstück des Erdgeschosses war der einzige dortige Snookertisch, als Nr. 1 oder auch „Finaltisch“ bezeichnet. Er war der geschonteste und am großzügigsten aufgestellte Tisch von den vier Snookertischen. Hufeisenförmig von einem dreistufigen Podest umgeben, konnten ihn im besten Fall ungefähr 100 ZuschauerInnen umlagern. Die Stufen waren mit Teppichboden belegt und ließen sich bei Bedarf noch durch flache Sitzkissen aufpolstern. Daneben bot das Erdgeschoß eine große Bar, die auch als Büro diente, ferner ein Umkleidezimmer, Toiletten und den Heizungsraum. Ein gewisses highlight stellte wahrschein-lich auch die Verladerampe der ehemaligen Orgelfabrik dar, auf die eine Tür führte, die im Sommer meist aufstand. Die Clubmitglieder nutzten die Rampe als Terrasse. Der Blick ging über drei Gleise hinweg, von denen zwei verrostet waren, auf den nur noch spärlich genutzten Kelmer Südbahnhof.

Fritz betrat den schmalen Hof, der sich auf der anderen, vorderen Fabrikseite erstreckte, und wandte sich zum früheren Wohnhaus des Orgelbaumeisters, das inzwischen das 2012 aus Zamir und Wuppertal zugezogene Quartett, später nur noch Trio um Fritz beherbergte. Fritz stammte aus Kelm. Der schon damals weißhaarige Orgelbaumeister war ein Onkel von ihm, und sie hatten ihm das ganze Anwesen, das er ohnehin loswerden wollte, mit Handkuß abgekauft. An den Fabrikhof schloß sich ein richtiger kleiner Park mit hohen alten Bäumen an. In ihm, zu einer die Bahnstrecke kreuzenden Straße hin, lag das etwas klo-big wirkende zweigeschossige, rote Backsteingebäude, das sie nun, seit Maricas Tod, nur noch zu dritt bewohnten. Einige gelbgemauerte Säume sorgten für Abwechslung. Es war kein Juwel der Baukunst, bot aber fast die hohen Räume und geschwungenen, vielgliedrigen Fenster einer kleinen Fabrikantenvilla aus der Jugendstilzeit. In Wahr-heit stammte es von 1952. Im nur teilweise ausgebauten Dachgeschoß gab es ein großes Giebelzimmer, das auf die wenig befahrene Straße und den Bahnübergang blickte. Hier hatte sich Iris, der ja im Grunde der ganze Club-reichtum zu verdanken war, ihr Atelier eingerichtet. Den Rest des Hauses teilte sich das Trio in Wohn- und Finanz-gemeinschaft à la Kommune.

Auf dem Weg zu seinem im 1. Stock gelegenen Zimmer begegnete Fritz Danilo, der sich gerade der Zubereitung eines warmen Mittagessens widmete. Man erinnert sich vielleicht: der inzwischen 40jährige war zuletzt Kommissar der kroatischen Kriminalpolizei gewesen. Das ist für unsere Geschichte nicht ganz unerheblich, denn neben seinem nicht eben billigen Billardstock und seiner damals noch frischen Geliebten Iris Trögner, die er gleichsam von dem hinterrücks erstochenen deutschen Snookerprofi Heinz Leukenfels übernommen hatte, schmuggelte Danilo bei der Übersiedlung auch eine bestens gepflegte Pistole nach Deutschland ein.

Danilo war kaum dicker als Walid, aber etwas größer. Jetzt setzte er seinem deutschen Wohn- und Sportgenossen sozusagen nur das Küchenmesser auf die Brust. „Wenn das auch morgen noch nicht besser ist, solltest du vielleicht doch einmal unsere Hausärztin bemühen, mein lieber Fritz. Das kann ja tausend Ursachen haben!“

„Eben“, knurrte Fritz und wandte sich zur Treppe, die in den 1. Stock führte. „Es kann tausend Ursachen haben und zu dem einen Ergebnis führen, das wir schon von Marica kennen.“

Danilo mußte ein Schmunzeln unterdrücken, obwohl die Sache weißgott nicht zum Lachen war. Er blickte Fritz voller Mitgefühl nach. Dessen hohe, sonst so geschmeidige, alles in allem prächtige Gestalt war deutlich verkrampft. Fritz war ja früher Akrobat und Clown gewesen. Selbst mit seinen nun über 5o Jahren umkreiste er die Snookertische noch immer in der Leichtfüßigkeit des gelernten Panto-mimen. Gleichwohl war er von seiner Geliebten Marica in den nur anderthalb Jahren, die ihr in Kelm vergönnt waren, sozusagen überrundet worden. Sie hatte sich zum As des Clubs gemausert. Jeder liebte sie: ihre für eine Kroatin erstaunlich hohe Erscheinung mit den kastanien-braunen Locken und kräftigen Brüsten; ihr fröhliches, stets für ansteckendes Gelächter gutes Wesen; ihre Century-Breaks bei Wettkämpfen (zuletzt 123) und selbst ihre etwas eckigen Schultern. Im letzten Winter ihres Lebens war sie, von den Ligaspielen abgesehen, zusätzlich im Auftrag der Deutschen Billard Union (DBU) als Trainerin und Schiedsrichterin unterwegs gewesen. Dann hatten sie unversehens Unterleibsschmerzen ereilt, die durch Wochen trotz verschiedener Kuren nicht mehr wichen. So begab sie sich auf Spießrutenlauf unter die Weißkittel. Eine Kapazität äußerte schließlich einen Verdacht auf Nierentumor und empfahl eine Operation. Marica rang sich dazu durch. Prompt wurde in oder an ihrer Niere kein Tumor gefunden; dafür hatte aber der operierende Arzt, wie sich herausstellte, ihre Bauchspei-cheldrüse verletzt, woraus sich qualvolle Entzündungen und drei weitere Operationen ergaben, an denen die 37jährige endlich zugrunde ging.

Maricas MitstreiterInnen aus der Orgelfabrik waren selbstverständlich entsetzt und untröstlich, von Fritz ganz zu schweigen. Danilo pochte anfänglich auf juristische Schritte, sah dann aber ein, daß sie ihnen wahrscheinlich außer endlosem Ärger und ein paar tausend Euro nichts einbringen würden. Dafür erwirkte er mit Hilfe des bereits erwähnten Rechtsanwaltes aus dem Club die Ausnahme-genehmigung, Maricas Urne im Park der Orgelfabrik zu vergraben. Iris und ein Metallbildhauer gestalteten eine schrägstehende, auf vier schlanke Stahlholme montierte Gedenktafel, die diese Grabstätte bezeichnete.

Fritz' Zimmer ging auf den Park. Es war Mai. Neben der Gedenktafel hatte der kleine Park ein Grünspechtpaar, einige Kleiber und Baumläufer und manche andere Vögel zu bieten, die Fritz mit Hilfe seines Fernglases zuweilen interessiert beobachtete. Jetzt lag er auf seinem Bett und schaute zerknirscht nach innen. Er hatte seine Schultern und Arme seit drei Tagen mit Olbas eingerieben, einem Minzöl, aber das schien dieses Mal nicht zu helfen. Das Ziehen von der Schulter her strahlte inzwischen bis in die Hände aus und hielt offensichtlich auch im Liegen an. Versuche, sich zu verlagern, etwa auf die Seite, bestrafte das Ziehen mit dem schon erwähnten Reißen. Die Nacht konnte ja heiter werden, sagte sich Fritz. Aber womöglich hatte er Glück und wurde von Danilos Mittagsmahl wieder aufgebaut. Es hatte in der Küche recht verlockend gerochen.

Im Lauf der Jahre hatte sich eine gewisse Arbeitsteilung bewährt, die allerdings nicht das Kochen und Kloputzen betraf. Iris, die Grafikerin, war ihren Weinetiketten-Kunden treugeblieben, obwohl sie es eigentlich nicht mehr nötig hatte. Ansonsten malte sie zuweilen, gestaltete jedoch vor allem eine Menge entzückender, kleiner Figuren aus Werkstoffabfällen, vom Snookerspielen einmal abgesehen. Fritz hatte die Musik nach der Übersiedlung aufgegeben, schrieb noch von Zeit zu Zeit, gab Snooker-unterricht und griff Danilo gelegentlich bei dessen Haus- und Hofmeisterarbeiten unter den Arm. Dieses durch und durch zivile Amt übte Danilo gern und gewissenhaft aus. Das ging vom Beschaffen und Sägen des Brennholzes bis zum Säubern des Clubhauses und dem Bügeln oder Bespannen der vier Snookertische.

Der Club hieß mit vollem Namen Snooker in Kelm e.V. und war „eingetragen“ wie jeder andere Sportverein. Als offizieller, gewählter Vorsitzender des Vereins fungierte Danilo. Alle wichtigen Entscheidungen, Neuaufnahmen eingeschlossen, bedurften jedoch, laut Satzung, der Zustimmung sämtlicher Mitglieder. Die Fabrik war Vereinseigentum. Die Betriebskosten, etwa Strom und neue Tischtücher, wurden von den, nach Einkommen gestaffelten, im ganzen aber vergleichsweise geringen Mitgliedsbeiträgen finanziert. Der Spielbetrieb wurde, von den Versammlungen und Mannschaftsbesprechungen einmal abgesehen, über die Blog-Webseite des Clubs organisiert, auf die jedes Clubmitglied Zugriff hatte. Es war ein egalitärer, gleichwohl auch elitärer Club. Im nördlichen Kelmer „Gewerbegebiet“ gab es noch einen herkömm-lichen, vornehmlich für Pool-SpielerInnen geschaffenen Billardsalon mit zwei Snookertischen, von denen zum Teil die große Nachfrage ausging, deren sich der Club erfreute. Trotzdem war der Club in fünf Jahren nur mäßig gewachsen: von vier auf rund 40 Mitglieder. Und freilich auch um ein Mitglied geschrumpft, eben Marica.

Die 1. Mannschaft von SIK spielte in der 2. Bundesliga, Staffel Nord. Die Saison 2015/16 war bislang ihre beste gewesen. Sie hatte Platz drei belegt, hinter Ilmenau und Köln. Sie bestand aus fünf Leuten, darunter selbstver-ständlich Iris, Danilo und Fritz. Mit Marica wäre ihr sehr wahrscheinlich schon der Aufstieg in die 1. Bundesliga gelungen, doch die drei GründungsmitgliederInnen des Clubs waren sich inzwischen nicht mehr so sicher, ob dies wünschenswert gewesen wäre. Offiziell hatte der deutsche Snookerligabetrieb Amateurcharakter. Faktisch aber griff die „professionelle Einstellung“ von einer Liga zur nächsthöheren Liga immer stärker um sich. Um den Aufstieg in die 1. Bundesliga zu packen, wurden oft schon Spitzenspieler aus den entlegensten Städten oder gar Erdteilen geködert, wie sich versteht, nicht nur mit einem Apfel und einem Ei. Wer die zahlungskräftigeren „Sponsoren“ auftat, gewann. Der Ehrgeiz begann mit der Spielfreude auch die Freundlichkeit untereinander zu ersticken. Das wichtigste war die „TV-Tauglichkeit“. Was wäre da aus Maricas ungeschminktem Lächeln geworden? Hinzu kam das Problem der Reisewege: sie wurden von Liga zu Liga länger und gefährlicher. Ohne Auto und „Termindruck“ lief ja auf der Welt so gut wie nichts mehr. So gesehen, hätte Marica gute Aussichten gehabt, auch auf diesem Wege, per Autobahn, auf einem Operationstisch zu landen.

Der Gedanke an Marica war nicht dazu angetan, Fritz' Pein und Gram zu lindern, während er angeschlagen auf seinem Bett lag. Aber da hörte er von unten Danilos Stimme. Der Ex-Polizist rief zum Essen.


2

Gegen 17 Uhr des nächsten Tages saß Fritz der Hausärztin gegenüber. Deren MitarbeiterInnen hatten sich von Iris per Telefon beknien lassen, den „Langen“ „einzuschieben“. Fritzens Nacht hatte sich in der Tat als die von ihm befürchtete Folter gestaltet, und mehr noch: als er sich ächzend und unausgeschlafen auf die Bettkante gehievt hatte und sein Blick auf seine Hände gefallen war, ereilte ihn der nächste Schock. Während seine Linke erst einem Landbrötchen glich, erinnerte seine Rechte bereits an den aufgegangenen Hefeteig eines Zweipfundbrotes. Bei der Vorstellung, solche Hände auf ein grünes Tischtuch oder den vollen weißen Busen einer bestimmten Kelmer Chor-leiterin zu legen, schüttelte er sich, was ihm freilich sofort zusätzliche Schmerzen bereitete. Mit diesen „Patschen“ hatte er sich dann also seine Socken anzuziehen.

Die Hausärztin konnte oder wollte sich nicht festlegen. Die Sache rieche nach Arthrose, aber vielleicht sei auch Rheu-ma im Spiel, was sie nicht hoffen wolle. Fritz möge am besten gleich „zweigleisig“ verfahren. In Kelm, immerhin eine Kreisstadt von rund 25.000 Einwohnern, gebe es nämlich keinen Rheumatologen. Also müsse er sich an Kasseler Fachärzte wenden, und die seien überlaufen, sodaß er ohnhin mit Wochen des Wartens auf die erste Untersuchung zu rechnen habe. Dafür möge er gleich ins nahegelegene Röntgenzentrum marschieren, um Aufnah-men seiner Schultern anfertigen zu lassen. Mit diesen möge er sich dann umgehend bei einem hiesigen Ortho-päden vorstellen. Zudem verschrieb sie ihm Tabletten namens Voltaren, die aus dem beliebten Hause Novartis kommen und angeblich sowohl schmerz- wie entzün-dungshemmend sind. Wie Fritz später sah, war der x-mal gefaltete Packzettel dieser Arznei wegen der aufgelisteten möglichen „Nebenwirkungen“ länger als ein Billardstock.

Fritz dankte der Frau, obwohl er ihre Eröffnungen nicht gerade ermunternd fand. Als Akrobat und Schriftsteller hatte er sich recht gründlich mit Physiologie befaßt und wußte von daher, diese ganzen Gelenkentzündungen waren eine große Scheiße – wenn diese auch in zahlreichen Varianten schillerte, die ein Heer von Medizinern und die halbe Pharmaindustrie ernährten. Im Röntgenzentrum mit zwei Dutzend anderen Geplagten auf seinen Aufruf war-tend, fiel ihm allerdings ein, daß ihn seine physiologischen Einsichten vor ungefähr zwei Jahren nicht daran gehindert hatten, im eigenen Wald eines Clubmitgliedes, das Tischler war, über Tage hinweg einen Exzess mit der Motorsäge zu veranstalten. Es ging um auf Meter geschnittenes Brennholz für die beiden Heizbrenner der Orgelfabrik. Verständlicherweise führte er die Säge, wie sein Queue, mit rechts, nur wog sie deutlich schwerer als der Billard-stock. Genauer gesagt, waren seine physiologischen Einsichten damals beflissen im sogenannten Unterbe-wußtsein geblieben; sie wollten ihn nicht beim Lustgewinn in frischer, abgasgeschwängerter Waldluft stören. Für seine Schultergelenke war das vermutlich kein Vergnügen gewesen. Im Grunde war schon die Berufswahl „Akrobat“ hirnrissig, vom „Leistungssport“ zu schweigen. Man trifft diese Entscheidungen jedoch als junger Mensch, während man frühstens später klüger ist, nachdem das Kind bereits in den Brunnen fiel. Auf gutes Zureden von sogenannten Erfahrenen gibt man leider nichts, weil man als junger Mensch unsterblich und unverletztlich oder wenigstens die große Ausnahme von der Regel ist.

Eine abgekämpft wirkende Frau mittleren Alters drapierte Fritz vor dem Wandschirm der Röntgenkamera mehrmals um. Gleich zu Anfang sagte sie, er müsse die Arme schon ein wenig höher nehmen. „Sehr witzig“, knurrte Fritz, weil er fand, das sei ja gerade das Problem, das ihn hergeführt habe: sein Unvermögen, die Arme über Brustwarzenhöhe zu bekommen, ohne sofort in zwei Hälften zerrissen zu werden. Sie jedoch erwiderte empört, sie verbitte sich solchen Ton. Wahrscheinlich stand sie in diesem „Zen-trum“ so wenig im Mittelpunkt der Fürsorge wie der Patient. Die Aufnahmen wurden umgehend entwickelt und einem in irgendeinem entlegenen Büro sitzenden Medi-ziner unterbreitet. „Impingementsyndrom / AC-Arthrose, rechts stärker ausgeprägt als links“, so ungefähr stand es in dem Befund, den ihm bald darauf die Dame mitsamt einer CD mit den Röntgenaufnahmen am Empfangstresen aushändigte. Wieder zu Hause, belehrte ihn das Internet, es handele sich um Verschleißerscheinungen in den Schultergelenkkapseln, die zu Einklemmungen oder Entzündungen führten. Seine Schmerzen waren also kein Wunder. Von dicken Pfoten war in diesem Zusammenhang allerdings nicht die Rede. Fritz griff zum Telefon, um Termine mit einem Kelmer Orthopäden und einem Kasseler „Rheuma-Institut“ zu vereinbaren. Das Institut wollte ihn zunächst auf Ende August vertrösten. „Ach du liebe Zeit“, sagte Fritz, „bis dahin bin ich schon längst gestorben.“ Daraufhin ließ sich die Frauenstimme am anderen Ende erweichen und lud ihn bereits für Ende Juni ein. Vielleicht hatte ihr der spontane Scherz oder aber der in langen Bühnenjahren erworbene Charme von Fritzens Bariton gefallen.

Den Termin beim Orthopäden bekam er schon für die kommende Woche. Wie sich versteht, platzte dessen Wartezimmer ebenfalls aus allen Nähten, obwohl es eher einer Halle glich. Offenbar verfügte der Orthopäde über mehrere Behandlungszimmer. Der „Termin“ nützte Fritz wenig: man ließ ihn geschlagene zwei Stunden und 14 Minuten schmoren. Dann wurde er von einer Mitarbeiterin in eins der Zimmer gebeten. Sie hatte ihrem Chef die Aufnahmen, die Fritzens Schultern zeigten, bereits auf den Bildschirm des Computers gestellt, an dem er jetzt Platz nahm. Er war ein eher untersetzter Mann um 40, sicher-lich kräftig und sportlich, wirkte freilich vom Gesicht und Gehabe her seltsam unscheinbar, obwohl es ihm anderer-seits nicht an Selbstbewußtsein zu mangeln schien. Wäh-rend er mal und flüchtig auf die Bilder, mal gedankenab-wesend auf Fritz blickte, den er noch nie im Leben zuvor gesehen hatte, umriß ihm dieser den Hergang seines Leidens in wenigen Sätzen. Ob der Doktor glaube, die beiden doch recht verschiedenen Symptome, nämlich das Schulterreißen und die steifen, geschwollenen Hände hätten einander ausgelöst oder aber seien nur zufällig zusammengetroffen?

Der Doktor hieß Hintzbacher. Wir werden nie erfahren, ob Dr. Hintzbacher Fritz auf dessen abschließende Frage eine Antwort gegönnt hätte. Fritz hatte kaum seinen Mund zugemacht, als kurz nacheinander die beiden im Zimmer vorhandenen Telefone dudelten. Während Hintzbacher einem offensichtlichen Freund des Reitsports auf dem Festnetz beruhigend mitteilte, der Tierarzt habe Halfmoon gottseidank schon wieder freigegeben (es war nur eine Zerrung), man könne also am Sonntag gemeinsam an der Maiparade teilnehmen, und andererseits per Handy mit einem Mitarbeiter eines Reisebüros ausgiebig Komplika-tionen in seiner Urlaubsbuchung erörterte (Reiseziel China), würdigte er seinen Patienten Fritz keines Wortes und keines Blickes. Vielmehr sah er aus dem Fenster, wo ein paar blühende Sträucher um Beachtung buhlten. Gleichwohl hatte es den Anschein, seine Telefongespräche oder die Blüten hätten ihm auch die angemessene Diagnose und Therapie in Fritzens Fall eingegeben, denn nach dem abschließenden Tastendruck auf sein Handy nickte er dem langen Blonden schon im Aufstehen zu und stellte verblüffend unvermittelt fest:

„Dann dürfte es am besten sein, wir führen eine kurze Kortison-Kur durch, damit kriegen wir das wahrscheinlich weg.“

Hintzbacher nickte erneut, diesmal siegesgewiß, drückte Fritz die CD mit den Röntgenbildern und die Befund- und Packzettel wieder in die Hand und marschierte in die Halle, um einer Mitarbeiterin im Vorübergehen das Fritz zugedachte Rezept zu diktieren. Damit ließ er Fritz ohne jede Erläuterung kurzerhand stehen. Selbst verabschieden tat er sich von Fritz so wenig, wie er ihn 10 Minuten vorher – davon 7 Minuten Telefongespräche – begrüßt hatte.

Fritz stand wankend am Tresen der Halle, während die Mitarbeiterin tippte und ratterte. Er fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Nie zuvor hatte er sich von einem Mediziner derart schamlos als austauschbare, ihm völlig gleichgültige Sache behandelt empfunden. Das einzige, was Hintzbacher an Fritz interessierte, das Geld für diverse Reitpferde und China-Reisen, bekam er ja sowieso ohne Ansehen der Person, von der Krankenkasse.

Normalerweise, nicht so behindert, wie Fritz derzeit war, hätte er den Mann ohrfeigen müssen. Stattdessen wandte er sich zum Ausgang und schlich wie betäubt davon. Auf der Straße eingetroffen, besaß er nur noch die Kraft, das Kortison-Rezept durchzureißen.


3

Einige Wochen später fuhr Fritz mit der Eisenbahn zum ersten Mal ins Kasseler „Rheuma-Institut“. Es ging ihm bereits deutlich besser. Die Schwellungen waren ver-schwunden, die Schulterschmerzen milderten sich von Tag zu Tag. Das lag vermutlich am wenigsten an den Voltaren-Tabletten, die er bereits nach zwei Wochen abgesetzt hatte. Vielmehr hatte ihn die erwähnte Chorleiterin, bei der er zuweilen übernachtete, eines Abends mit einem kleinen Internet-Film über gymnastische Übungen gegen das „Impingementsyndrom“ überrascht. Sie wurden von einer jungen Frau im Auftrage eines saarländischen Orthopäden vorgeführt. Fritz war folgsam, absolvierte die Übungen zweimal täglich für jeweils ungefähr sieben Minuten – und wie es aussah, schlugen sie tatsächlich an. Nie zuvor hatte er Christianes Brustknospen dankbarer geküßt als in diesen Wochen.

Gleichwohl ermahnten ihn neben Christiane auch seine beiden MitbewohnerInnen, die Untersuchung auf Rheuma nicht abzuschreiben. So stieg er also an einem sonnigen Junitag auf der anderen Seite der Bahngeleise in den rotlackierten, vom Design her durchaus schnittig wirkenden Bummelzug Richtung Kassel. Fahrtzeit: gut eine Stunde. Die ziemlich ausgebuchtete, eingleisige Strecke von Kelm nach Kassel führte über etliche Dörfer und Kleinstädte und war ungefähr 70 Kilometer lang.

Iris hatte es damals kaum glauben wollen, als ihr Fritz versicherte, die nordhessische Kreisstadt Kelm, ihre neue Wahlheimat, sei einmal ein Eisenbahnverkehrsknoten-punkt gewesen. Aber es war die historische Wahrheit. Nach allen vier Himmelsrichtungen, nach Paderborn, Kassel, Wabern und Marburg, gingen Strecken ab. Davon war schließlich nur noch die Strecke nach Kassel geblieben, die auch noch stiefmütterlich behandelt wurde. Bei Radausflügen war es kaum zu vermeiden, die Ruinen dieses Streckennetzes zu streifen, die auf Leute wie Iris, Fritz und Danilo schlicht niederschmetternd wirkten. Was da an Bahndämmen, Brücken und Tunnels, an gesell-schaftlich sinnvoller Pionier- und Wartungsarbeit verrottete, ging auf keine Kuhhaut. In Euro ausgedrückt, handelte es sich vermutlich allein im Landkreis Kelm um viele, viele Millionen. Dieses engmaschige und doch schier endlose Streckennetz von einst – es wäre ohne Zweifel der beste und der gesündeste „Sponsor“ für den Amateur-sportbetrieb. Aber an Autos, Autoreifen, Autopiloten, Autohalbtoten und Autoganztoten verdient man mehr.

Fritz fuhr gern mit der Bummelbahn. Er hatte Zeit. Städtchen wie Wolfhagen oder Zierenberg waren sogar heute noch sehenswert, und auf den Weiden zwischen den Ortschaften grasten, trotteten oder galoppierten die Vierbeiner, unter denen er, als Dreikäsehoch, sozusagen aufgewachsen war. Die Bummelbahn war damals ein sogenannter Schienenbus gewesen, ein gleichfalls rotes, aber eher kastenförmig gestaltetes Fahrzeug. Zum Dach hin zeigte es einen Saum aus schmalen Schiebe- oder Kippfensterchen, die ein Knirps nur dann erreichen konnte, wenn er eine Ohrfeige von Papa riskierte und auf die mit Kunstleder bezogenen Sitzbänke kletterte ... Damals stakten draußen noch in aller Seelenruhe Störche zwischen den Rindern oder Schafen umher. Jetzt glaubte Fritz sogar ein Rudel Zebras zu erspähen. Er rieb sich die Augen und kramte sein Fernglas hervor: irgendwelche angeblichen Pferdefreunde hatten ihre Gäule tatsächlich in senkrecht-krumm-gestreifte Umhänge, außerdem in Schädelmasken gezwängt, die Staubsaugerbeuteln ähnelten. Vielleicht fanden sie diese Uniformierung, die wohl gegen die Fliegen- und Bremsenplage ging, irgendwie spaßhaft. Ja, es war Haft – und Hohn dazu. Er selber, als einer von diesen armen Gäulen, hätte sich wahrscheinlich zu Tode geschämt, zumindest aber geschwitzt. Es war überall dieselbe spiralförmige Stümperei. Gegen A verordnete man das Mittel B und kitzelte dadurch die Wirkung C hervor, die nach Mittel D schrie.

Nach dem von Insekten bestürmten Weidevieh kam Fritz selber dran: im Kasseler Rheuma-Insitut zapfte man ihm Blut ab. Ferner wurde er zum Urinieren in die Besucher-toilette geschickt. Der junge persische Arzt, dem er zugeteilt worden war, erklärte ihm mit lustigem Akzent, dieses Verfahren müsse im Monatsabstand noch zweimal wiederholt werden. Dann werde ihm entweder ein Behandlungsvorschlag des Instituts unterbreitet oder aber seiner Hausärztin ein Abschlußbericht geschickt. Damit war Fritz, nach einer Dreiviertelstunde, für dieses Mal entlassen.

Die Heimfahrt war wieder für viele Gedanken gut. Was täte er denn beispielsweise, wenn sie tatsächlich jene lustige Art von Rheuma bei ihm feststellten, bei der die eigenen Gelenke aus unerklärlichen Gründen von den eigenen „Abwehrkräften“ angegriffen wurden? Man nannte diese Krankheit auch rheumatoide Arthritis. Sie galt bislang als unheilbar und ließ sich, „natürlich“ mit Hilfe von Tablet-ten, lediglich schlecht und recht in Schach halten. Somit käme ungefähr jene chemische Kortison-Keule auf ihn zu, der er bei Hintzbacher, seinem „eigenen“ Orthopäden, fluchtartig ausgewichen war. Seinen Billardstock konnte er in den Heizkeller bringen. Das Leben wurde zur nahezu ununterbrochenen Qual. Dafür bot die rheumatoide Arthritis Erkrankten, die philosophisch gestimmt waren, immerhin insofern eine Genugtuung, als sie das sadoma-sochistische Wesen der Mißgeburt Mensch unterstrich.

Dachte Fritz an Hintzbacher – und dies war leider sehr oft der Fall – knirschte er mit den Zähnen und hatte Mühe sich daran zu hindern, etwa den Notfall-Hammer von der Fensterwand des schnittigen Bummelzuges zu reißen. Fritz wurde es von Woche zu Woche, just im Maße seiner Gesundung, immer sonnenklarer, in dieser Sache mußte etwas geschehen. Man konnte sie unmöglich auf sich beruhen lassen – nicht mehr nach jener Untätigkeit in Maricas Fall. Es hätte ihn übrigens kaum verblüfft, wenn er seine geschwollenen Pranken unter anderem diesem Kleinbeigeben nach Maricas Tod verdankte. Gut, jetzt waren sie abgeschwollen, aber der Rückfall lag in der Luft.

Bei seinem zweiten Besuch in Kassel erklärte ihm der persische Arzt mit einer verblüffend deutschen Redewen-dung, Fritz sei bereits „aus dem Gröbsten heraus“. Laut Laborbefund liege nämlich das „klassische“ Rheuma, die rheumatoide Arthritis also, bei ihm auf keinen Fall vor. Fritz war natürlich erleichtert, nickte aber nur freundlich. Erst etwas später, als er zum Bahnhof Wilhelmshöhe zurückmarschierte, holte ihn gleichsam übermütige Freude ein. „Sind wir also gesund“, rieb er sich die Hände, „wer-den wir unsere Rachepläne umso erfolgversprechender schmieden können!“ Prompt drehte sich ein junger Bursche stirnrunzelnd nach ihm um. Wahrscheinlich fiel es ihm schwer zu begreifen, wie einer auf der Straße mit sich selber sprechen konnte, ohne ein Handy am Ohr zu haben.

Wieder im Bummelzug sitzend, wälzte Fritz das Problem, ob er Iris und Danilo in diese bislang verschwommenen Pläne einzuweihen oder aber gerade umgekehrt konse-quent vor ihnen zu bewahren habe. Es war eine durchaus heikle Frage, bestens geeignet für den Ethikunterricht am Kelmer Alten Landesgymnasium. Fritz entschied sich für die Einweihung.


4

AbstinenzlerInnen des Nachrichtenbetriebes könnten Maricas Geschick für einen „bedauerlichen Einzelfall“ und den Erzähler dieser Geschichte für einen Schlawiner halten, der aus Mücken Elefanten macht. Deshalb ein paar zusätzliche Streiflichter auf das Unfallgeschehen in unserem Gesundheitssektor. Die Berliner Zeitung schimpft 2016: „Und dann gibt es noch die schier unglaub-lichen Fälle von Schlamperei: 28-mal wurden im vergan-genen Jahr Patienten oder zu operierende Körperteile schlicht verwechselt, einmal ein Medikament in die Vene statt unter die Haut gespritzt. Ebenfalls einmal wurde bei einer künstlichen Befruchtung Samen und Ei vertauscht und in 35 Fällen wurde bei Operationen etwas im Körper vergessen.“

Die Dunkelziffer ist hoch. Allein die Todesopfer von Behandlungsfehlern, die berüchtigten Krankenhausinfek-tionen eingeschlossen, dürften jährlich, in Deutschland, in die Tausenden, ja Zehntausenden gehen. Zahlreiche kör-perliche oder seelische Schäden und die entsprechenden, teils langwierigen Leiden kommen hinzu. Gesicherte Zahlen fehlen, weil viele Fälle nicht erfaßt und Statistiken gefälscht werden. Vertuschungen werden durch die oft gummiartige Beweislage begünstigt. Grundsätzlich ist die Opferkurve aber, trotz oder wegen des medizinischen „Fortschritts“, ohne Zweifel ansteigend. Die Welt befindet 2015: „Pannen passieren dann, wenn Zeit und Personal fehlen. '80 Prozent aller Behandlungsfehler resultieren aus schlechter Organisation und schlechter Kommunikation', sagt Günther Jonitz von der Berliner Ärztekammer.“

Und wieviele Prozent von was machen alle Behandlungs-fehler aus? 2014 hieß es im Spiegel, nach jüngster Unter-suchung der AOK (die auch nur auf Schätzungen beruht), fielen derzeit in Deutschland jährlich rund 19.000 Tote durch „vermeidbare“ Behandlungsfehler an. Das seien ungefähr fünf mal so viel wie im Straßenverkehr. Eine Definition des Vermeidlichen oder des Unvermeidlichen wird nicht gegeben. Damit ist auch die lästige Systemfrage vermeidbar. Zumindest wird der Argwohn vermieden, dem ganzen Problembereich eigne wieder einmal ein grauer Gummicharakter mit entsprechender Dehnbarkeit. Jener „Fortschritt“ führt ja zum Beispiel auch zu unsinnigen Illusionen und Bedürfnissen – und wenn dann der Herzschrittmacher verrutscht oder die Hüftgelenkprothese quietscht, wäre wohl eher ein Schmunzeln angebracht. Unsere prominente Landsmännin Sexy Cora, bürgerlich Carolin Wosnitza, hauchte ihr Leben 2011 mit 23 Jahren in einer Hamburger Privatklinik im Rahmen einer Brust-vergrößerungs-Operation aus. Eine Anästhesistin wurde später verknackt. Coras Gatte und „Manager“ erringt 2016 Schadenersatzansprüche um 500.000 Euro.

Wäre eine herrschaftsfreie, nicht von Eigennutz, Ehrgeiz und Anerkennungssucht getriebene Gesellschaft deutlich gesünder? Das ist schwer zu sagen. Gesünder sicherlich, aber deutlich? Für Fritz sitzt der Schwarze Peter schon in der Fehlkonstruktion „Mensch“. Sie ist zu anfällig, weil zu kompliziert. Sie ist die erste Grau- und Gummizone. Fritz' Bruder Reinhold, sogenannter Oberstudienrat am erwähnten Kelmer Gymnasium, hielt sich bis vor kurzem für einen zwar nicht unbedingt fehler- und sorgenfreien, gleichwohl untadeligen Lehrer und Familienvater. Doch was blickte ihn eines morgens aus dem Spiegel an, als er sich für die OberschülerInnen rasieren wollte? Eine Verbrechervisage. Er war jäh von „einseitiger Gesichts-lähmung“ befallen worden, im Ärztejargon von peripherer Fazialisparese. Sein linker Mundwinkel hing bis zum Kinnbackenknochen, ähnlich bekam er das linke, blut-unterlaufene Auge nicht mehr zu. Das erwies sich in den folgenden Tagen insbesondere beim Versuch einzuschlafen als hinderlich. Zudem kann es leicht zu einer Austrock-nung und Entzündung des Auges führen. Seine ganze linke Gesichtshälfte sei wie taub, sagte Reinhold seinem Bruder, soweit er noch sprechen konnte. Fritz hatte ihn im Kreiskrankenhaus besucht. Schuld an der ganzen Misere sei zunächst, so hätte ihm der Arzt erläutert, ein entzündeter Nerv, der vom Gehirn bis zum Ohr verläuft. An Gründen für die Entzündung hätte ihm der Arzt ungefähr hundert aufgezählt. Von denen könne er sich jetzt in aller Ruhe – so der bettlägerige Bruder nicht ohne Galgenhumor – einen Grund aussuchen. Seine Tochter habe naseweis oder durchtriebenerweise vorgeschlagen: „Prüfungsangst“.

Nach 10 Tagen schickten sie Reinhold wieder nach Hause. Nun hieß es den Schal ins Gesicht ziehen und zum Physio-therapeuten schleichen, Gesichtsgymnastik betreiben. In den meisten Fällen legen sich diese Lähmungen nach ein paar Wochen wieder, so auch bei Reinhold. Stecken Neurosen oder ein Schlaganfall dahinter, legen sie sich nicht. Somit war Reinhold Glück im Unglück beschieden, wie etwas später dann auch Fritz.


5

Für den frühen Abend hatte Fritz Danilo und Iris um eine kleine Unterredung gebeten. Sie saßen in ihrem gemein-samen sogenannten Eßzimmer um einen runden, im Bedarfsfall ausziehbaren Tisch, an dem sie so gut wie nie aßen. Sie tafelten hier gelegentlich mit Gästen, spielten mit mehr oder weniger Leuten Mikado oder Doppelkopf, hielten zuweilen eine Mannschaftsbesprechung ab. Es war das große Eckzimmer im Erdgeschoß zur Hofeinfahrt und zum Bahnübergang hin. Vor dem Haus lag ein Streifen Vorgarten, auf dem wilde Kräuter blühten, vorwiegend gelb und weiß. Die roten, fetten Pfingstrosen der Frau Orgelbaumeisterin hatte Iris gleich nach Einzug mit spitzen Fingern ausgegraben und in den Park verbannt, wo sie gleichsam ihr Gnadenbrot verzehren durften. Es war noch hell. Fritz hatte im Clubhaus drei Cappuccino mit Sahnehauben gemacht und per Tablett über den Hof balanciert. Seine beiden MitbewohnerInnen schlürften dankbar und äugten dabei über ihre Tassenränder gespannt zu ihm.

„Es geht um Hintzbacher“, sagte Fritz. „Ihr wißt doch, der Orthopäde. Der mit den Telefongesprächen.“

Sie wußten. Sie kannten die Geschichte, und sie wußten auch, daß Hintzbacher zu den wenigen Menschen auf der Welt gehörte, die Fritz mit ganzer Seele haßte. Womöglich ahnten sie schon, was kam.

„Was ist denn mit ihm?“ erkundigte sich Danilo mehr aus Höflichkeit.

„Ich habe mich entschlossen, ihn zu töten.“

Danilo hob die Brauen. Mehr Regung zeigte er allerdings nicht. Es wäre nicht sein erster Mordfall gewesen. Er blickte zu Iris. Sie schluckte sichtlich und näherte sich in der Gesichtsfarbe ziemlich jäh dem Farbton ihrer zer-schmelzenden Sahnehaube an. Die inzwischen 52jährige trug ihr walnußbraunes Haar nach wie vor kurzgeschnit-ten. Danilo hatte ihr in Zamir ein bäuerliches oder herbes Aussehen bescheinigt. Sie war schlank geblieben, doch im Gesicht und auch anderswo, wie Danilo wußte, unüber-sehbar rissiger geworden.

Sie schob ihre Untertasse zurück und faßte Fritz kühn ins Auge. „Bist du sicher? Hast du alles wohl bedacht? Man wird dir Lynchjustiz vorwerfen.“

„Oder die Verschärfung des Ärztemangels“, ergänzte Danilo mit einem Augenzwinkern.

Fritz schmunzelte. Dann nickte er. „Ja, ich bin sicher. Ob ich alles wohl bedacht habe, könnt ihr mir vielleicht besser sagen. Auch deshalb weihe ich euch schließlich ein: der Beratung wegen. Jedenfalls habe ich nicht vor, den 'Propagandisten der Tat' oder sonst einen Märtyrer zu geben. Ich möchte unentdeckt bleiben, wenn es sich irgend machen läßt. Doch einerlei, an meinem Entschluß ist nicht zu rütteln. Ich muß meine Empörung loswerden, sonst werde ich erneut krank. Und es ist natürlich klar, daß Hintzbacher das Pech haben wird, auch die Schandtaten gegen Marica und gegen Millionen andere auszubaden, die ihm ein bürgerlicher Richter niemals anlasten würde. Aber ich bin kein bürgerlicher Richter.“

Sie schwiegen eine geraume Weile. Während vom Dach-first des Südbahnhofs her eine Amsel gegen ihre eigene Dachfirstamsel anflötete, zogen Dutzende von vorstell-baren unangenehmen, vor allem für Fritz selber unange-nehmen Folgen der beabsichtigten Tat durch Iris' Gemüt. Danilo dagegen hatte einstweilen mehr Augenmerk für die kriminaltechnischen Schwierigkeiten. Er sagte:

„Wer hat von deinem Erlebnis bei Hintzbacher Kenntnis, Fritz, außer Iris und mir?“

„Niemand.“

„Bist du sicher? Auch Christiane nicht?“

„Auch sie nicht, jawohl. Ich habe es vermieden, vielleicht intuitiv, gottseidank.“

„Na prima“, sagte Danilo, „das ist schon viel! Ein echter Glücksfall. Und wie gedachtest du den Orthopäden zu Fall zu bringen?“

Danilo hatte nicht völlig ohne Ironie gesprochen, und tatsächlich kratzte sich Fritz ein wenig verlegen unter seinem blonden Haarvorhang. „Das weiß ich im Augen-blick noch nicht. Es wird sich schon finden.“

Danilo warf Arme und Oberkörper fast auf den Tisch, sodaß die Tassen klirrten, und prustete: „Mein Gott! Er hat sich entschieden, den Mann umzubringen, und hat keine Ahnung, wie ..!“

Fritz schwieg. Iris rupfte Danilo am Hemdkragen und schimpfte, er möge sich gefälligst zusammenreißen, man probe hier keine Provinzposse. Ihr sei vor Angst schon halb schlecht.

Danilo gehorchte. Er küßte seine Geliebte auch zärtlich aufs Ohr und bot ihr an, aus der Küche die Schachtel mit Heilerde zu holen. Das lehnte sie ab.

An Danilo gewandt, sagte Fritz: „Du hast doch zum Beispiel eine Pistole. Ich dachte ...“

Das ließ er in der Luft hängen. Danilo überlegte nur kurz und winkte ab. „Wie und wo willst du denn Schießen lernen, ohne dadurch, früher oder später, Verdacht auf dich zu lenken? Und wie willst du dich im engen Schußbe-reich einer Pistole innerhalb von Sekunden in Luft auflö-sen? Nein, mein Lieber, das kannst du dir abschminken.“

„Und wie wäre es mit einem Scharfschützengewehr?“

„Damit hättest du das Problem des Schießenlernens genauso. Von der Schwierigkeit, das Ding zu beschaffen, einmal ganz abgesehen.“

Iris hatte sich insgeheim zur Gelassenheit aufgerufen. Geängstigt war sie zwar durchaus noch, aber von Mitleid (mit dem vorgesehenen Opfer) konnte sie in ihrem nicht sonderlich üppigen Busen keine Spur entdecken. Als ihnen Fritz vor Wochen von Hintzbachers Auftritt erzählte, konnte sie die Wut des „Langen“ unbedingt nachvollzie-hen. Es gab viele schlechte oder bösartige Menschen, darunter ausgesprochene Charakterruinen, und wenn eine davon unter den Hellebarden oder Billardstöcken des Volkszorns fiel, sollte man ihr keine Träne nachweinen. Jetzt kam ihr zusätzlich Fritzens lustiger Bericht von den Zebra-Pferden in den Sinn, die er unlängst bei Volkmarsen vom Zug aus gesehen hatte. Das wiederum erinnerte sie an die beiden ihm damals vom Orthopäden zugemuteten Telefongespräche. Sie sagte:

„Hintzbacher hat doch hobbymäßig mit Pferden zu tun, Fritz, wenn ich mich richtig erinnere. War es so?“

„Ja“, erwiderte Fritz überrascht. „Das stimmt. Darüber weiß ich allerdings nichts Näheres.“

Danilo hatte gleich aufgehorcht. Nun signalisierte er Iris mit erhobenem Zeigefinger seine Anerkennung. „Sehr gut, Iris. Das könnte eine Fährte sein. Überprüfe das doch einmal, Fritz. Aber Achtung! Es ist äußerste Vorsicht geboten. Niemand darf auch nur anflugweise mitbekom-men, daß du solche Nachforschungen anstellst oder daß du Hintzbacher gar beobachtest. Wenn dein Coup gelingt, wird sich die Kripo sehr rasch auf Hintzbachers Patienten-kartei werfen, um sie nach Mordmotiven und Verdächtigen zu durchforsten.“

Fritz nickte langsam. Wie er sah, gab es noch viel zu bedenken. Im Augenblick blieb er stumm.

Draußen war die Dämmerung hereingebrochen. Iris griff die Nachdenklichkeit am Tisch auf und sagte: „Vielleicht sollten wir alles erst einmal überschlafen. Es ist schon ein dicker Brocken, sehr anstrengend. Das heißt, schlafen könnte ich im Moment natürlich nicht. Wie wäre es denn mit einer Partie Snooker zur Auflockerung? Als ich vorhin auf der Webseite nachsah, waren zwar alle Tische reser-viert, aber Tisch 1 nur für Walid solo. Vielleicht wäre er für ein Doppel zu haben, falls er noch da ist.“

Der Vorschlag rief beinahe Begeisterung hervor. Sie nahmen gleich das Tablett mit den leeren Cappuccino-Tassen mit.


6

Ein Grundzug von Iris, der Danilo anfänglich oft verblüfft hatte, war ihr Mangel an Ehrgeiz. Sie konnte und tat ja durchaus viel, aber es lag ihr wenig daran, ob es ihren Mitmenschen gefiel oder gar stürmischen Beifall hervor-rief. Sie selber bezeichnete sich nicht etwa als bescheiden; vielmehr sei sie einfach von Natur aus faul. Wie das Leben überhaupt, konnte sie auch das Kunstschaffen oder das Snookerspielen nicht als „Aufgabe“ begreifen. Sie tat diese Dinge nur, sobald oder soweit ihr das Faulenzen lästig wurde. Das Faulenzen beherrschte sie noch am besten. Sie konnte Stunden in einem Schaukelstuhl oder unten im Park in der Hängematte liegen, ohne sich zu langweilen, wobei sie häufig sogar ohne Lektüre auskam. Über ihrem Bett hing ein kleiner, netzartig mit einigen Fäden bespannter und zudem mit Amuletten behängter Reif, den ihr Monika, eine Wuppertaler Freundin, vor Jahren aus einer Indianer-Reservation in den USA mitgebracht hatte. Es handelte sich um einen sogenannten Traumfänger. Er sollte für einen gesunden Schlaf sorgen, indem er die zu Besuch kommenden guten Träume durchließ, die schlechten dagegen abfing. Bei Iris war er ohne Zweifel darauf justiert, jeden Traum, der auf Eroberung, Häupt-lingswürden oder sonst einen Ruhm ausging, gnadenlos im Netz zappeln zu lassen. Schafe, Wölkchen oder Veilchen durften passieren.

Neulich hatte sie sich von Christiane breitschlagen lassen, ihre Figuren im Foyer der Musikakademie auszustellen. Es wurde ein erstaunlicher Erfolg. Die HNA (Hessisch Niedersächsische Allgemeine) brachte einen großen Artikel mit mehreren Fotos, wobei sie auch Iris Trögners Verdienste für das Kelmer Sportleben nicht zu erwähnen vergaß, und durch Wochen pilgerten Hunderte von einheimischen und auswärtigen Kunstfreunden in die Eingangshalle des altehrwürdigen Barockgebäudes am Kelmer Obermarkt. Bald darauf bekam sie auch Anfragen aus anderen, weitaus größeren Städten. Dieses Aufhebens um ihr Schaffen und ihre Person war Iris nahezu peinlich, zumindest aber ziemlich lästig. Es entsprach einfach nicht ihrem Wesen.

Fritz' Bruder Reinhold, der Oberstudienrat, zählte bemer-kenswerterweise zu den wenigen Kunstfreunden, die nicht in die Lobeshymnen einstimmten. Iris' meist kaum hand-hohe Figuren waren auf sehr ausgesuchte und spärliche Weise aus schnöden Abfällen oder Bruchstücken alltäg-licher Gebrauchsgegenstände zusammengesetzt oder auch nur geformt, etwa einem Kleiderstoffetzen, einem halben oder zerquetschten Plastikbecher oder Klopapierrollen-kern, Draht- oder Hühnerfedern, Flaschenverschlüssen, Scherben von Gläsern, Dachziegeln oder CDs. Sie hatten viel Anmut, oft auch Komik. Als Mensch, Tier oder sonstwas waren sie allerdings nie zu identifizieren. Eigentlich waren sie Hauche. Sie machten das Dasein spielend leicht. Sie entschlüpften jedem Nutzen und jedem Traumfänger. Sie entzogen sich allem Niederdrückenden kurzerhand durch eine kleine kokette oder freche Bewe-gung, wobei sich Iris bei der Aufstellung der Figuren auch des Spiels von Licht und Schatten bediente. Und dies alles hatte dem „fortschrittlichen“ Pädagogen Reinhold, Stammleser der Jungen Welt und Sympathisant der DKP, mißfallen. Für ihn war Iris' Schaffen „unpolitisch“. Mit Fritz und anderen im Foyer Glühwein schlürfend, denn es war Dezember, nutzte Reinhold die Gunst der Stunde, um auf den ganzen „abstrakten Käse“ der Nachkriegskunst-mode einzuhacken, der damals, unter Schumacher, Adenauer und Oberländer, vor allem den Zweck verfolgt habe, dem Künstler wie dem Kunstbetrachter eine „konkrete“, also peinlich gegenständliche und möglicher-weise folgenreiche Auseinandersetzung mit dem Faschis-mus und der Kriegsgefahr zu ersparen. Diesem Urteil wollte sein Bruder nicht unbedingt widersprechen; da sei viel dran, nickte Fritz. Andererseits glaube er jedoch, es müsse jedem Künstler gestattet sein zu verfahren, wie er wolle und könne. Schließlich sei es dem kritischen Publikum unbenommen, seine Werke nicht zu begrüßen, vielmehr zu verdammen, wie man ja auch an Reinholds Einspruch sehe. Es sei aber unstatthaft, den Publikums-geschmack bereits in den Geschmack des Künstlers zu verlegen, wie einen Filter etwa, um nicht von Zensur oder Gleichschaltung zu reden.

Im üblichen Sinne, wie ihn FernsehansagerInnen, Poli-tikerInnen und eben Kunstschaffende repräsentieren, war Iris also nicht eitel. Das hieß aber nicht, ihre Erscheinung sei ihr gleichgültig gewesen. Zum einen war sie immerhin Ästhetin, zum anderen Faulenzerin. Für die leidenschaft-liche Faulenzerin war ja Wohlbefinden unerläßlich, während man sich in einer schlechten Erscheinung, ja überhaupt in einer schlechten Verfassung nur unwohl fühlen konnte. Deshalb fürchtete sie sogenannte Unpäß-lichkeiten, Krankheiten und „natürlich“ auch das Altern. Danilo war übrigens nicht der einzige, der Gelegenheit hatte, die „Risse“ in ihrer Erscheinung nicht nur von ihrem Gesicht abzulesen. Sie war keineswegs monogam, schätzte häufige Liebeswonnen durchaus, ja zuweilen war ihr geradezu nach Orgien zumute. Im zurückliegenden Winter hatte sich sogar eine berauschende Nacht im Verein mit Danilo, Fritz und dessen neuer Flamme Christiane ergeben, der vollbusigen und chellohaft gestalteten Chorleiterin. Aber das Erwachen wurde allmählich doch schwieriger. Sie spürte, wie die übermütige Spannung im Leib nachließ; sie sah, wie sich die Vorhut einer ganzen Kompanie aus Runzeln und Pestbeulen anschlich; sie erkannte erschrocken, daß sich die gelegentlichen Triefnasen und Brumm- oder Matschschädel, wie sie ja durchaus auch junge Menschen kennen, nicht mehr mit einem Achselzucken übergehen ließen. Neulich war sie aus Gründen, die ihr der Augenarzt ähnlich wie im Falle der Gesichtslähmung Reinholds anheimgestellt hatte, von einer Bindehautentzündung befallen worden. Als die Kopfschmerzen, das Jucken und das unablässige Gefühl, ein Steinchen im Augenlid zu haben, nach zwei Wochen abgeklungen waren, fiel ihr ein, als Mädchen um 18 hast du doch auch schon mal so eine Bindehautentzündung gehabt. Nur hatte sie sie damals jede Wette nicht als zwei Wochen Folter empfunden.

Dachte Iris an ihre Mutter, die im Altersblödsinn erstarrt und gestorben war, oder an ihre Freundin Monika, die bereits mit 54 Jahren – durch Multiple Sklerose, wie es die Ärzte nannten – an den Rollstuhl gefesselt war, neigte sie dazu, dem Schlimmsten zuvorzukommen und sich demnächst umzubringen. Danilo und Fritz hätten selbst-verständlich auch noch die katastrophale, sich sichtlich zuspitzende Weltlage, also ökologische und politische Gründe angeführt. Ein anderer Unterschied zu ihren beiden Mitstreitern im rotgelben Backsteinhaus war allerdings bedeutsamer. Im Gegensatz zu Heinz, Fritz und vielen anderen Männern hatte sie keine Angst vor dem Tod und dessen vermeintlichen Folgen. Nicht, daß es ihr „egal“ gewesen wäre, wie man so gerne sagt; vielmehr zog sie diese „jenseitige“ Dimension als geborene Genießerin und Lebenskünstlerin gar nicht erst in Betracht. Die Frage des Nachlebens hatte sie schon zur Zeit ihrer ersten Binde-hautentzündung um keinen Pfifferling interessiert.

Wovor sie aber Angst hatte, das war das Wie des Sterbens, also auch des erwogenen Selbstmordes. Wie machte man so etwas, ohne sich wehzutun? Wie vermied man, neben den Schmerzen, einen Fehlschlag, der womöglich für noch schlimmere Schmerzen gut war? Neulich hatte sie in derselben Zeitung, die kurz vorher eine Iris Trögner als überragende Gestalterin gepriesen hatte, von einem ihr flüchtig bekannten Klienten eines Kelmer Psychothera-peuten gelesen, den sie „noch rechtzeitig“ entdeckt hatten. Sie pumpten ihm den Magen aus und steckten ihn zur weiteren Genesung in die Klapsmühle, weil er sich nämlich jederzeit erneut „selbst zu gefährden“ drohe, was offenbar verboten war, sobald einen einer für „seelisch erkrankt“ befunden hatte. Hätten sie wenigstens die bei vielen suizidalen Fehlschlägen entstehenden beträchtlichen volkswirtschaftlichen Aufwendungen ins Feld geführt! Aber nein, auch an solchen Rettungen, nicht nur der Banken, verdienten sie noch prächtig.


7

Fritz hatte die Gebäude, Koppeln und Wettkampfanlagen des Kelmer Fahr- und Reitvereins schon früher gelegent-lich in seinem Fernglas gehabt. Schließlich war er von Jugend an Wander- wie Pferdefreund, außerdem Natur-beobachter. Sie lagen unweit der Stadt am Fuß des bewaldeten Eulenbergs. Nun jedoch, Anfang Juli, bestä-tigte sich seine Vermutung, zu den Vereinsmitgliedern zähle auch Hintzbacher. Dort also hatte der Orthopäde seinen Braunen stehen, von dem Fritz ja sogar schon den Namen wußte, Halfmoon. Zusätzlich hatte Fritz einem in der Stadtbücherei ausliegenden Blättchen entnommen, Dr. Hintzbacher gehöre seit den jüngsten Wahlen dem Vereinsvorstand an. Nun ja, das macht sich immer gut, für beide Seiten. Ferner zeigte sich bei Fritz' Observierung, Hintzbacher schien vor allem samstags auszureiten, wobei er sich, möglicherweise ein Gewohnheitstier, zumeist an zwei feste Routen hielt. Die eine führte ihn durch den Wald am Eulenberg und auf der nördlichen Bergseite wieder zurück; die andere über beide Ufer am Mehlbach entlang, einem hübschen, windungsreichen, von vielen Bäumen bestandenem Flüßchen, das hier und dort überdies Blutweiderich, Sumpf-Ziest oder Sumpfhornklee zu bieten hatte.

Wäre Hintzbacher Springreiter gewesen, hätte Fritz zum Beispiel ein Anschneiden des Sattelgurtes oder das nächt-liche Anbringen einer funkgesteuerten Platzpatrone am Dreifachen Oxer erwägen können. Sie geht hoch, der zu Tode erschrockene Halfmoon ebenfalls – Hintzbacher saust wie ein Geschoß durch die Luft und bricht sich an der letzten Hindernisstange das Genick. Aber er war eben Spazierreiter. Mitte Juli war Fritz klar geworden, wichtiger Bestandteil der Eulenberg-Route war ein markierter Reitweg, der im Walde auf etwa 20 Meter Strecke dicht an der Abbruchkante eines allerdings längst stillgelegten Steinbruchs vorbeiführte. Die Felswand fiel recht steil ab, zu schätzungsweise 30 bis 50 Meter Tiefe. Wo sie auslief, lag klobiges Geröll auf verschiedenen Stufen. Bis Ende Juli erkundete Fritz den ganzen Steinbruch und den ganzen Berg, wobei er auf strengste Bedeckung achtete, und kam zu dem Ergebnis: Hier konnte es sein. Hier müßte sich etwas machen lassen. Aber was?

Als er von seinem heutigen Ausflug heimkehrte und sein Rad in den Keller trug, lief ihm Iris über den Weg. Sie hatte gerade Dienstschluß als ehrenamtliche Kleiderkam-merpräsidentin. Er bat sie gleich um eine neue abendliche Unterredung, vorausgesetzt, auch Danilo habe Zeit.

„Na, wenn es sein muß!“ seufzte sie etwas gequält. Sie nickte zum Clubhaus: „Danilo ist drüben. Wir können ihn fragen.“

Sie überquerten den Hof. „Ärger gehabt?“ erkundigte sich Fritz von der Seite her.

„Na, hör mal“, schimpfte sie, „vor einer halben Stunde hätte es in der Kleiderkammer fast eine regelrechte Messerstecherei gegeben, als wären wir hier in Chicago oder Aleppo! Wäre Walid nicht zufällig im Club gewesen, könntest du mich jetzt vielleicht im Krankenhaus oder gleich in der Leichenhalle besuchen.“

Sie erläuterte ihm den Streit, der sich unter zwei männ-lichen Besuchern entzündet hatte. Möglicherweise blies sie ihn beim Erzählen etwas auf. Walid, aus dem Clubhaus herbeigeeilt, hatte sich dann als Übersetzer und Schlichter betätigt. Der Vorfall ist in unserem Zusammenhang nicht weiter der Rede wert.

Ganz so „unpolitisch“, wie Reinhold sie gescholten hatte, war Iris nicht. Zum einen steckte sie, in Absprache mit ihren Mitstreitern, nach wie vor, wie schon Heinz Leuken-fels selber, einen nicht eben winzigen Teil von dessen Vermögen in verschiedene antikapitalistische Projekte, teils in Deutschland, teils in Übersee. Zum anderen gab es in der Nähe des Südbahnhofs ein schäbiges und beengtes Flüchtlingsheim. Der Vorschlag, für dessen Bewohner-Innen im Keller des rotgelben Backsteinhauses eine „Kleiderkammer“ einzurichten, war von Iris persönlich gekommen. Eine mit Christiane befreundete Sozial-arbeiterin der Stadt und die Lokalpresse unterstützten den Plan. Prompt ließ sich Iris auch breitschlagen, die Kleider-kammer zu verwalten, denn es fiel ja einige Arbeit an. Das Kellergeschoß des Backsteinhauses lag bis Brusthöhe über der Erde, wies einige vergitterte halbhohe Fenster auf und war vom Park aus sogar durch eine eigene Außentür zu erreichen, zu der eine kleine Treppe hinunterführte. An dieser Tür prunkte nun das Schild Kleiderkammer / Öffnungszeiten dienstags und freitags 16–18 Uhr. Hatten die SpenderInnen gebrauchter Kleidungsstücke an diesen Terminen keine Zeit, konnten sie ihre Tüten durch einen großen, mit Klappe bedeckten Türschlitz in den Keller stoßen. Iris kümmerte sich um die bunt zusammengewür-felte Ware und eben auch um die mehr oder weniger farbigen NutzerInnen der Kleiderkammer, die bereits in ihrer Heimat dem Satellitenfernsehen entnommen hatten, was „Wühltische“ und „Wirtshausschlägereien“ waren. Manche Anproben und Beratungsgespräche gestalteten sich aber ziemlich lustig.

Danilo war von dem Türschlitz nicht begeistert gewesen, hatte seine Bedenken jedoch für sich behalten, um Iris nicht unnötig zu ängstigen. Schließlich wimmelte das Anwesen von „Sicherheitslücken“. Was den Schlitz anging, war er breit genug, um beispielsweise einen Molotow-cocktail aufzunehmen. Dem Clubhaus hatten ortsansässige Neonazis von der Verladerampe aus schon einmal ein paar Fenster eingeschlagen. Es waren keine gemütlicheren Zeiten in Deutschland als in Kroatien, und dazu wurde es in Deutschland, wie ihm Eingeborene immer häufiger versicherten, von Sommer zu Sommer kühler.

Für das erwünschte Gespräch hatte Danilo zugesagt. Als sie erneut am runden Tisch im Eßzimmer saßen, hatte er sich demonstrativ in seinen Bademantel gehüllt – obwohl er bereits einen Trainingsanzug anhatte. Seine Füße steckten in halbhohen, lammfellgefütterten Hütten-schuhen. Iris bekringelte sich und warf fast eine schlanke Blumenvase mit einer einzelnen Rose drin um. Eine Kleiderkammernutzerin hatte sie vermutlich auf dem Herweg illegal gepflückt.

Fritz verzichtete auf eine feierliche Vorrede. Er erzählte von seinen jüngsten Nachforschungen und Erwägungen, umriß die Lage am Eulenberg und rückte den Steinbruch in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Was sie von seinem verschwommenen Plan hielten und ob sie konkrete Ideen hätten, die ihm vielleicht zur Ausführung verhülfen?

Iris beschloß, sich zunächst an Danilo zu halten. Der sagte für ein paar Minuten gar nichts; offensichtlich dachte er nach. Dann äugte er zu Iris. Man konnte glauben, sie hätten sich vor der Unterredung besprochen und gäben sich nun durch stummen Blickwechsel Einverständnis.

„Ich für meinen Teil denke, der Steinbruch könnte tatsächlich eine Fundgrube sein, Fritz“, sagte Danilo. „Wir wollen dir aber vor weiteren Erörterungen unsere Bereit-schaft erklären, bei der Sache mitzumachen. Im Klartext: wir möchten MittäterInnen sein. Du benötigst ohnehin Unterstützung, und zwar nicht nur moralische. Überlege einmal, was alles dir im Walde am Eulenberg einen Strich durch die Rechnung machen kann. Da braucht man mindestens ein oder zwei Leute, die Schmiere stehen. Und dann wäre es wahrscheinlich in der Tat nicht übel, wenn man meine Pistole in Bereitschaft hielte, die du ja neulich erwähnt hast. Das kann ich gleich noch näher erläutern. Aber das Grundsätzliche ist wichtiger. Wir möchten, daß der Anschlag ein gemeinsamer Freundschaftsdienst des Trios wird. Und sollte er mißlingen, werden wir ihn auch gemeinsam ausbaden. Ist das so richtig, Iris?“

Sie nickte und lächelte Fritz aufmunternd und liebevoll zu.

Es wäre sinnlos, den Eindruck erwecken zu wollen, Fritz sei verblüfft gewesen. Im Grunde hatte er sich die von Danilo verkündete Bereitschaft erhofft. Für ein Heraushal-ten saßen sie viel zu eng im selben Boot. Selbstverständlich hatte er sich auch erneut gefragt, ob es nicht unverant-wortlich, ja gewissenlos sei, die beiden Weggefährten in seine doch eher persönliche Abrechnung hineinzuziehen. Er hatte sich schließlich von diesem Vorwurf freige-sprochen.

Jetzt nahm er das Angebot dankbar an und äußerte sich in dem genannten Sinne. Sie bestärkten ihn in seiner Freisprechung. Dann wandten sie sich den Einzelheiten des Anschlagplanes zu.

Wir übergehen den Löwenanteil dieser Erörterung, um unserer Geschichte nicht vorzugreifen. Die entscheidende Idee stellte sich kurz nach 21 Uhr in der Dämmerung ein. Zwei Scheinwerfer bogen in die Hofeinfahrt. Fritz warf einen Blick aus dem Fenster und wandte sich wieder um. „Wolfgang“, sagte er und nahm sein Grübeln wieder auf.

Wolfgang gehörte zum Club. Fritz hatte seinen Landrover erkannt, einen grünlackierten Geländewagen mit weißem Verdeck. Sie hörten, wie er sein Fahrzeug parkte, abschloß und dann über den Hof zum Clubhauseingang ging.

Iris runzelte die Stirn, rieb sich diese auch und sagte schließlich nachdenklich: „Wolfgang ist Förster ...“

Danilo lächelte ironisch. „Was du nicht sagst! Hast du neuerdings etwas dagegen, das er Förster ist?“

„Nein“, erwiderte Iris, „ganz im Gegenteil. Möglicherweise hat er uns die Lösung gebracht.“

Und so war es. Sie stellten erfreut fest: einer von ihnen, vermutlich Fritz, hatte sich als Förster auszugeben. Auf diese Weise konnte sein Plan gelingen. Darauf, ob Hintz-bacher seinen sehr kurzzeitigen Patienten wiedererkennen würde, kam es nicht an.

Als verhältnismäßig kleines Problem ergab sich daraus allerdings die Notwendigkeit der Uniformierung. Ange-sichts der Jahreszeit, Hochsommer, belief es sich nach einigen Überlegungen, bei denen auch das Internet zur Hilfe genommen wurde, auf das Problem, an das Dienst-abzeichen der Hessischen Forstbeamten zu kommen. Es hatte auf der Brusttasche des kurzärmligen, blaßgrünen Hemdes zu prunken, in dem der falsche, zur warmen Tatzeit verständlicherweise hut- und jackenlose Förster stecken würde. Lange, dunkle Hose. Das Dienstabzeichen zeigte den Hessischen Löwen, weißrot auf Blau mit Gold-krone, und die Aufschrift „Forst“ (früher „Forstverwal-tung“) über dem bekannten, überall in deutschen Wäldern hausenden Wappentier. Für die Aufnäher der Dienstklei-dung war es offensichtlich gewebt, vielleicht auch gestickt, jedenfalls wirkte es dort hübsch wie ein Relief, also etwas plastisch. Zwar wurde der Aufnäher hier und dort sogar im Internet angeboten, aber diesen bequemen Weg mußte sich das Trio leider verkneifen. Die Verkleidung war spurlos zu beschaffen und nach vollbrachter Tat auch wieder spurlos zu beseitigen. Deshalb kam es leider auch nicht in Betracht, dem Clubmitglied Wolfgang kurzerhand eine Jacke aus der Clubhausgarderobe oder aus seinem Forstamt zu stehlen.

„Kannst du zufällig sticken?“ erkundigte sich Danilo bei Iris.

„Nein … Aber zeichnen und bildhauern“, fuhr sie mit verschmitztem Lächeln fort. „Ich glaube, ich wüßte da einen Werkstoff, mit dem sich der Aufnäher, auf einem Gewebeuntergrund, reliefartig gestalten läßt, ohne daß er gleich zerbräche oder zerspränge, wenn Fritz seine furchterregenden Brustmuskeln anspannte, um sich wie ein Löwe ...“

Sie ließ den Satz in der Luft hängen und weidete sich an Fritz' säuerlich-strafender Miene.

„Das wäre also geklärt“, rieb sich Danilo die Hände. „Etwas problematisch, jedenfalls lästig dürfte noch die Terminge-staltung sein. Schließlich können wir nicht einfach den nächsten oder übernächsten Samstag festlegen, und dann stehen wir mit langen Gesichtern im Unterholz, während Hintzbacher seinem Halfmoon die betörenden Blumen am Mehlbach oder seiner Geliebten die Oleanderblüte auf Zypern zeigt. Das heißt, wir können und müssen uns zwar, mit dem ganzen Programm und dem entsprechenden Aufwand, vor Ort bereit halten, wissen aber nicht, ob Hintzbacher so freundlich sein wird, zum Eulenberg-Steinbruch zu reiten, und wir wissen auch nicht, ob dort gerade reine Luft herrschen wird. Es kann uns demnach blühen, etliche Samstage zu verplempern und uns dabei womöglich auch noch verdächtig zu machen. Immerhin, Zeit hätten wir ja, schließlich ruht derzeit der Ligabetrieb. Ein Laie könnte vorschlagen, belaßt es doch bei nur einem Späher, der im Ernstfall die beiden anderen Leute per Handy mobilisiert. Das kommt natürlich nicht in Frage. Wir können schon froh sein, wenn sie uns nicht sowieso längst abhören, zum Beispiel deine glorreiche Kleider-kammer, mein Schatz ...“

Das war natürlich auf Iris gemünzt, die ihn prompt auf seine Lammfellpatschen trat. Während sich Danilo den Fuß rieb, blickte er in die Runde und schloß seinen Vortrag mit der Frage ab: „Haben wir noch etwas vergessen?“

„Ja“, nickte Fritz bedächtig. „Die interessante Selbstmordfrage.“

Daraufhin wurde Iris wieder blaß. Aber Danilo nickte zurück und sagte: „Völlig richtig, Fritz. Du hast das Wort.“

Sie erörterten diese Frage und einigten sich in ihr.


8

Was den Tod und ein mögliches Nachleben anging, waren Fritz und Danilo wie Hund und Katze. Danilo teilte im Kern die Auffassung seiner Geliebten Iris. Er fand den Tod ärgerlich, weil aufgezwungen, fürchtete ihn aber nicht sonderlich. Und an ein Nachleben glaubte er sowieso nicht. Die Vorstellung, spurlos verschwunden, restlos ausge-löscht zu sein, fand er als Kriminalist sogar ziemlich reizvoll. An diesem Punkt hatte ihn Fritz schon in Zamir bei einem Spätabendgespräch recht höhnisch gefragt, woher er das wisse. Woher er die Anmaßung nehme zu glauben, er, Danilo, oder sonst ein Sterblicher könne sich eine Vorstellung von dem Phänomen „nichts“ oder „Nichtsein“ machen? Nun ja, hatte Danilo herumge-druckst, vielleicht sei er in dieser Hinsicht zu einfältig. „Aber findest du die ganze Frage nach dem Jenseits nicht etwas müßig? Warum sollten wir uns über dessen Beschaffenheit den Kopf zerbrechen, wo wir ihm doch so oder so nicht entgehen?“ – „Ha!“ hatte Fritz gehöhnt. „Du willst Kriminalist sein? Mit solcher Unlogik?“ Sei der Tod ein Diktat, dann das Nachleben oder Nichtnachleben ja wohl auch. Das Empörende, Unannehmbare sei die Unfreiheit – die Tatsache, als Sterblicher keine Wahl zu haben, ja noch nicht einmal mitreden zu dürfen. Danilo jedoch sei ein Duckmäuser. Er werde schon sein blaues Wunder erleben, falls sich das Jenseits nicht als Zucker-schlecken oder Deckchensticken, vielmehr als Folter-kammer herausstelle.

Hier haben wir womöglich den Kern von Fritz' Auffassung: Angst. Dieser Angst entsprach natürlich auch seine Nei-gung zur Schwarzseherei: er nahm immer das Schlimmste an, die Folterkammer. Und dazu zählten für Fritz bereits die Flammen, die im Krematorium loderten, oder die Würmer, die sich im Sarg durch Fritzens zuletzt wieder so schön geschmeidigen Schultermuskeln fraßen. Schließlich könne niemand mit Sicherheit sagen, ob eine Leiche „nichts“ oder sonstwas empfinde, behauptete Fritz. Das war kaum zu widerlegen.

Im Grunde war Fritz, der mutige, mitunter sogar kühne, baumlange Akrobat, ein Hasenfuß. Er war ängstlicher noch als Iris, die ja Verletzungen, Krankheiten und Unglücks-fälle ebenfalls fürchtete, aber zum Beispiel keine Ungewiß-heiten. Man konnte ihn deshalb als empfindsamen und des Mitleids fähigen Menschen bezeichnen, wenn man ihn bewundern wollte, oder als wehleidigen Jammerlappen, wenn man ihn verachten wollte. So oder so: er konnte nichts dazu. Schließlich hatte er sich sein Naturell so wenig ausgesucht wie seine Sterblichkeit.

So geartet, mußte sich Fritz „natürlich“ auch vor einem Selbstmord fürchten. Ein Selbstmord würde ihn in die gleichen ungewissen Gefilde führen, falls er überhaupt gelang. Schon die Wahl der Methode war eine Qual. Und dann erst das Röcheln, Verbluten oder Kotzen, sich das Genick brechen, sich in Krämpfen winden, sich „beschmut-zen“, wie es immer höflich hieß, und dergleichen mehr, je nach dem. Er hatte sogar schon einige Probeläufe durch-geführt, soweit man davon nicht gleich starb. Einmal war ihm ein mit Schrott gefüllter 75-Kilo-Sack, mit dessen Hilfe er die richtige Stricklänge=Fallhöhe beim Erhängen ermitteln wollte, auf den Fuß gefallen, sodaß er tagelang hinkte; ein andermal hatte er bei dem panischen Versuch, die mit Zugknoten um den Hals und die Hüfte eines kräftigen, ihn bekleidenden blauen Müllsackes aus Plastik geschnürte Kordel wieder zu lösen, das angeblich reißfeste Plastik des Müllsackes zerfetzt. Er hatte die Dichtigkeit dieser Erstickungskapuze überprüfen wollen. Es war alles sehr unerfreulich gewesen.

Gleichwohl war er klug, vorausschauend und mutig genug, um sich Situationen vorstellen zu können, in denen ein Selbstmord dem Weiter- oder Überleben vorzuziehen war. Er hatte die etwas stumpfsinnige Gymnastik gegen das „Impingementsyndrom“ nicht deshalb mit überwälti-gendem Erfolg absolviert, um in Kürze einer garantiert unheilbaren Krankheit, der beschämenden Bloßstellung bei einem Gerichtsverfahren in der Stadt der Kindheit oder einem ungefähr 20 Jahre währenden Gefängnisaufenthalt in Kassel-Wehlheiden anheimzufallen. Deshalb war ihm im Laufe der letzten Jahre, vor allem aber Wochen klar geworden, wie wertvoll die Busenfreundschaft mit einem unerschrockenen und bewährten Pistolenschützen war. Und als die Sache auf den Tisch kam, bekundete Danilo ohne Zögern seine Bereitschaft, seine beiden Mitstreiter-Innen notfalls zu erschießen, und gleich anschließend „natürlich“ auch sich selbst. Es gebe wohl kaum etwas Kürzeres und Schmerzloseres als bestimmte Kopfschüsse, die er studiert habe und beherrsche. Das einzig nennens-werte Problem habe mit dem Erschießen gar nichts zu tun. Es liege darin zu erkennen, wann der Notfall gegeben sei und dann alle drei Todeskandidaten rechtzeitig an Deck, im Keller oder von ihm aus auch im Walde zu haben. Diese Detailfragen besprachen sie.

Skeptische BeobachterInnen des Kelmer Geschehens werden Charakteren wie Iris und Fritz die Bereitschaft zum Selbstmord vielleicht abnehmen – aber diesem erst 40 Jahre alten kroatischen Polizisten, Snookermeister und Clubwart? So gesund, auf Rosen gebettet und unterneh-mungslustig, wie der war? Eben. Danilo war eine erfreu-liche, leider seltene Mischung aus Spieler und Ritter. Sehr neugierig und sehr anhänglich zugleich, konnte ihm die jüngste Entwicklung eigentlich nur gelegen kommen.


9

Am dritten Samstag, Ende August, hatten sie Glück. Als Hintzbacher den Sattelplatz verließ und auf den Eulenberg zuhielt, zogen sie sich hurtig aus dem Gebüsch am Wald-rand zurück und nahmen ihre Plätze ein. Dazu hatten sie fast 10 Minuten Zeit, das genügte. Iris und Danilo, die mit Rädern gekommen waren, hatten diese jenseits des Steinbruchs versteckt. In dieser Gegend lief Iris Patrouille. Später würden die beiden ihren Radausflug fortsetzen. Fritz strich oberhalb des Steinbruchs umher. Das Trio hatte sich kleine Bambusflöten beschafft, die ein Signal geben konnten, das den Ruf des Pirols nachahmte. Damit wollten sie sich warnen und die Unternehmung abblasen, falls unerwünschte Zeugen oder unvermutete Schwierig-keiten auftraten. Doch nichts dergleichen geschah. Vielmehr näherte sich Hintzbacher, der trotz der Wärme in seinen lächerlichen Schaftstiefeln steckte, auf gewohntem, immerhin schattigem Reitwege dem Steinbruchkamm. Von dort kam ihm plötzlich ein großgewachsener, blonder Fußgänger entgegen. Das beunruhigte Hintzbacher wenig, trug der Mann doch auf seinem kurzärmligen, hellgrünen Hemd das Hintzbacher wohlbekannte Forstabzeichen. Allerdings fuchtelte der Beamte jetzt zur Abbruchkante hin und rief mit einer gewissen Erregung zu Hintzbacher hinauf:

„Gott sei Dank – Sie sind doch Arzt! Der Orthopäde aus Kelm?“

Hintzbacher nickte bestätigend und hielt seinen Braunen an. Es war immer erfreulich, als bekannter und geehrter Mann angesprochen zu werden.

„Schauen Sie doch nur, was ich eben da unten entdeckt habe!“ fuhr der Forstbeamte fort und wies erneut zum Steinbruch. „Glauben Sie, da sei noch etwas zu machen?“

Hintzbacher saß ab und warf seinem Pferd die Zügel über die Ohren. Es blieb gehorsam auf der Stelle stehen. Dann folgte der Orthopäde dem Förster einige Schritte bis zum Steinbruchrand. Dort deutete Förster Fritz wortlos in die Tiefe.

Hintzbacher beugte sich etwas vor und blickte mit verknif-fenen Augen hinab. Jetzt trat Fritz behende zurück und versetzte dem nur 1,70 großen Mann einen kräftigen Tritt.

Sie hatten am Eßtisch unter anderem darüber debattiert, ob Hintzbacher womöglich ein Gebrüll von sich geben würde, das mit seinem Pferd unweigerlich alle Pirole der Gegend scheu machen würde. Danilo glaubte es nicht. In der Tat stieß Hintzbacher nur einen kleinen Schrei der Überraschung aus, der in eine Art Gurgeln überging, während er in die Tiefe stürzte und dabei mehrmals an der Steinbruchwand aufschlug. Am Ende verfing er sich an einem größeren Gesteinsbrocken am Fuß der Wand und gab keine Regung mehr zu erkennen.

Danilo hatte sich gleich nach Fritzens Fußtritt aus seinem Versteck im Steinbruch gelöst. Er trug dünne Handschuhe. Jetzt traf er bei Hintzbacher ein, fühlte seinen Puls und horchte an seinem Herzen. Gott sei Dank! Der Orthopäde schien sich totgestürzt zu haben. So blieb es Danilo erspart, die in seinem Schulterhalfter unter dem Hemd steckende, schallgedämpfte Pistole anzugreifen.

Danilo richtete sich auf, gab dem hoch über ihm spähen-den Fritz das vereinbarte Handzeichen und verschwand.

Damit richtete sich auch Fritz auf. Er sah sich kurz nach dem Pferd des Verunglückten oder Lebensmüden um – je nach dem, was die Kelmer Kripo sagen und die HNA schreiben würde. Der Braune hatte sich kaum von der Stelle gerührt, zupfte aber inzwischen an den erreichbaren Sträuchern. Wohlerzogen und instinktsicher, wie er war, würde er vermutlich noch an diesem Tage zu seinem Stall zurückfinden. Wenn nicht, war es auch egal.

Fritz zog rasch sein Diensthemd aus, unter dem er ein T-Shirt trug, während er bereits zu seinem im Unterholz versteckten Rucksack ging. Dort vertauschte er die lange mit einer kurzen Hose und drückte sich eine Schirmmütze aufs Haar. Er hatte sich für diesen Tag eine Wanderung durchs Ittertal vorgenommen. Dort wußte er zufällig eine Höhle, in der man unauffällig ein paar Kleidungsstücke verbrennen konnte.

Wie sich versteht, hatten sie sich gegenseitig dutzendmale dazu ermahnt, auch nicht die kleinste verräterische Spur zu hinterlassen, und sei es das Fädchen von einem Socken an einem Heidelbeerstrauch. In dieser Hinsicht hatte Fritz wenig Bedenken. Was ihm dagegen die Genugtuung etwas trübte: Sie hatten sich nicht darauf einigen können, ob es wünschenswert oder gar unerläßlich sei, Hintzbacher den Mordgrund zu verraten, ehe er in die Tiefe fiel. Darüber hatten sie mindestens eine Stunde debattiert. Eine Eini-gung scheiterte an ihrer unterschiedlichen Gestimmtheit in philosophischer Hinsicht, konkret der Frage des Todes und des Jenseits. Davon haben wir ja bereits gehört. Immerhin, die Entscheidung, den überrumpelten Hintzbacher, mangels Konsens, zur Ahnungslosigkeit bis zum letzten Atemzug zu verdammen, hatte die rasche Abwicklung der Unternehmung beschleunigt und wahrscheinlich auch geringfügig ihre Sicherheit erhöht.

Als Fritz gegen Abend wieder zu Hause eintraf, ging er zuerst zu der unter den Parkbäumen aufgebockten Gedenktafel. Marica würde man den Mordgrund schon anvertrauen können. Während er ohne Lippenbewegungen mit ihr sprach, ließ der Grünspecht sein bekanntes, rauhes Gelächter hören.


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