Sonntag, 30. August 2026
Hopffgarten Laucha
ziegen, 09:40h
Ich will nicht behaupten, zu einem echten »Goldenen Oktober« gehöre ein kleiner Radausflug nach Laucha, aber ich will es auch nicht abstreiten. Es gibt schlimmere Dörfer. Dieses hier liegt nördlich von Waltershausen an dem gleichnamigen Flüßchen Laucha, das jenseits des Dorfes in die Hörsel mündet. Meine ersten Schritte gelten (2022) den letzten Dorfgewaltigen. Die von einem stilsicher angebrachten Jägerzaun eingefriedete Familien-grabstätte derer Von Hopffgarten liegt am Südrand des früheren Schloßparkes. Sie wird von mächtigen Linden und Eichen beschirmt, die ihre gelben Blätter auf ein paar noch vorhandene Gedenksteine aus schwarzem Marmor trudeln lassen, die sich mit »Großherzögl. Kammerherren« und »Schlosshauptmännern« nebst deren Gattinnen brüsten. Die letzte Leiche wurde hier 1924 in die erlauchte Erde Lauchas gesenkt. Die Ära der Herzogtümer neigte sich dem Ende zu. Das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha bestand 1826–1918. Es hatte gleich zwei Residenzstädte, damit man doppelt soviele Kammerherren und Schloßhauptmänner besolden konnte. Coburgs Stadtwappen zeigt übrigens eine Rarität, nämlich den Kopf eines schwarzen Mannes mit kräftigen Lippen und riesigen Ohrringen. Um das geächtete Wort »Neger« zu vermeiden: Es ist also ein Mohr, genauer der Heilige Mauritius. Das war ein gallischer christlicher Feldherr, von dem allerdings kein Schwanz weiß, wie er aussah. Jedoch, er starb einen Märtyrertod. Coburg machte ihn später freisinnig zu seinem Schutzheiligen. Unter Hitler mußte der Mohr vorübergehend weichen. Daran wollen nun wieder gewisse Sauberleute anknüpfen, wie ich einem SZ-Artikel von 2020 entnehme.*
~~~ Ich schiebe mein Fahrrad um den von vielen alten Bäumen gesäumten sogenannten Weiher. Hier sah ich schon einmal ein nicht offiziell geadeltes Prunkstück auf einem übers Wasser ragenden Zweig hocken: den knallbunten Eisvogel. Die Laucha selber, die den Teich speist, hat hier und dort auch Wasseramseln zu bieten. Sie kommt aus dem Thüringer Wald. Das Dorf Laucha sah sich 1714 entschieden aufgewertet, denn die Herren von Teutleben verkauften es an Georg Friedrich von Hopffgarten. Sie verkauften ihm als0 nicht etwa nur eine Hundehütte oder eine Scheune, vielmehr das ganz Dorf. Vermutlich schloß das auch beträchtliche Ländereien ein. Der Kaufpreis wird nirgends genannt. Bei den Hopffgartens handelte es sich um ein altes, verzweigtes thüringisches Adelsgeschlecht, Stammsitz wohl bei Weimar. Ihr neuerworbenes Lauchaer Schloß (früher Wasserburg) erhob sich unweit des erwähnten Teiches an der Stelle der heutigen Park-Gaststätte. Daher hieß es unter Einheimischen Weiherschloß. 1947/48 wurde es auf sowjetischen Befehl hin abgerissen. Das warf immerhin Steine für andere Bauvorhaben ab. Übrig blieb lediglich ein großes Wirtschaftsgebäude (Fachwerk), das der neue Eigentümer des ganzen Geländes umbauen ließ. Wie man liest**, war das »Schloß« genannte klobige Herrenhaus vor dem Abriß schon ziemlich heruntergekommen, hatte es doch bereits seit 1870 leergestanden. Wegen ihrer hohen Ämter weilten die Gutsherren ohnehin meist auswärts. In den Residenzen hatten sie es auch viel näher zu den Banken.
~~~ Was die Landschaft um Laucha angeht, kann der Tourist nicht klagen, falls er Windräder schätzt. Im Süden sieht er den Thüringer Wald, im Westen die bei Eisenach gelegenen Hörselberge – und im Norden die Windräder. Sie spicken den ganzen vom Hainberg gekrönten dortigen Höhenzug. Möglicherweise wünscht der Tourist eine »historische« Pferdekutsche zu besteigen, damit sie ihn über nur drei Kilometer, wie schon ab 1847 die Adels-sprößlinge, zum Bahnhof Mechterstädt befördere. Noch gibt es allerdings keine. Dafür ist der Tourist zeitgemäß per hochbeiniger und breitmäuliger Geländelimousine angereist. Biegt er bei Waltershausen von der Autobahn ab, kommt er direkt aus dem Krieg. Der so gut wie nie abreißende Schlachtenlärm ist für empfindliche Ohren ungeheuerlich. Vom südlichen Dorfrand, Schloßpark und Familiengrabstätte eingeschlossen, hat man 300 bis 500 Meter »Distanz« zur A 4, die unter Hitler entstand. Wenn die Leute in Laucha nicht schon zu 70 Prozent taub sind, fresse ich eine Angelrute. Aber sie stöhnen eher unter den Ratenzahlungen für ihr schönes neues Eigenheim und haben sich deshalb flugs ein dickes Fell zugelegt.
~~~ Am Weiher, der in diesem Herbst eine neue Uferverschalung erhält, komme ich mit einem Angler ins Gespräch. Er klopft gerade einen Pfahl ein. Der Mann ist zufrieden. Der Privateigentümer des Schloßparks habe dem Anglerverein den Weiher günstig verpachtet und geize auch sonst nicht mit Unterstützung. Im kommenden Sommer wird der Angler wieder in seinem Campingstuhl thronen. Er läßt sich von der Sonne kitzeln und dünkt sich jedesmal König, wenn er einen Karpfen aus dem Weiher zieht. Schließlich gehen wir miesen Zeiten entgegen. Die rasend entwerteten Euroscheine, die der Geldautomat in Gotha für den Angler ausspuckt, kann er nicht essen. Er kann sie höchstens an seine Angelschnur hängen, als Köder. Oder sollte er in seiner größten Not sogar seine mit Schmalz getränkten Ohrstöpsel, die sowieso nichts nützen, als Köder auf den Haken spießen?
* https://www.sueddeutsche.de/bayern/coburg-stadtwappen-mohr-rassismus-nationalsozialismus-1.4951079, 3. Juli 2020
** https://parkgaststaette-laucha.de/geschichte/wasserschloss-laucha/
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