Sonntag, 30. August 2026
Gruß aus Hessen

Im Mittelalter hätte uns vielleicht Henne Molner aus seinem nordhessischen Heimatstädtchen Wolfhagen gegrüßt, wenn auch nicht gerade auf einer Ansichtspost-karte. Paul Görlich bringt in seiner dickleibigen, viel zu großformatigen, gleichwohl verdienstvollen Wolfhagener Stadtgeschichte von 1980 eine Bürgerliste, die sogar mehrere Personen namens Henne enthält. Ein paar Seiten später erwähnt er auch noch einen Hennichen Gotefrits. Es handelt sich nicht etwa um Druckfehler. Man kann Görlich manches vorwerfen, beispielsweise mangelhafte Eleganz im Stil, aber soweit, uns ein weibliches Huhn als Mitglied der Familie Molner zu verkaufen, ging er nicht. Im Internet heißt es dazu: >Der männliche Vorname Henne ist eine niederdeutsche Kurz- und Koseform von Hendrik und bedeutet so viel wie der Hausherr oder der Herr im Haus. Der Name hat seine Wurzeln im altdeutschen Namen Heinrich, der sich aus dem althochdeutschen heim für "Heim, Haus" und rihhi für "mächtig, reich, Herrscher" zusammensetzt.<
~~~ Wie ich schon einmal andernorts bemerkte, nannten und nennen die Hessen ihre Recken, statt Heinrich, auch gerne Henner. In meiner Kindheit traten Laberköpfe namens Henner sogar mit Erfolg im Hessischen Rundfunk auf. 1979 brachte der Hanser-Verlag Guntram Vespers Buch Nördlich der Liebe und südlich des Hasses heraus, das viel zu unbekannt ist. Damit wird es allerdings traurig. Auf den Seiten 107–9 läßt sich der Autor, der sommers meist in einem Dorf im oberhessischen Vogelsberg lebte, von einer älteren Einheimischen die Geschichte der vierjährigen Anna erzählen. Im Sommer 1854 schicken arme Leute zwei Knaben um 10 auf Bettelwanderung, Adam Heinz und Heinrich Wohlgemut. Dem letzteren packen sie die zurückgebliebene, kranke, stark behinderte kleine Schwester auf, eben Anna, weil das die Angebettelten vielleicht mildtätiger stimmt. Jedenfalls haben die Eltern jetzt für etliche Wochen drei Esser vom Hals. So ziehen die drei Kinder, Anna Huckepack und zusehends verwahrlost, bettelnd über die Dörfer. Natürlich empfinden die Jungen Anna als üble, immer schwerer wiegende Last. Deren Weinen und ganzes Elend gleitet an ihrer Dickfelligkeit und Hartherzigkeit ab wie das Wasser der Haune von den herausragenden Steinen. Schließlich machen die Jungen an einer Haunebrücke kurzen Prozeß. Heinrich nimmt seine lahme, verdreckte, sonnenversengte Schwester vom Buckel und stellt sie auf die Brücken-bohlen. Das Kind duckt sich und ruft undeutlich: Hennerchen, laß mich doch gehen! Aber der makaber verniedlichte große Bruder stößt Anna ins Wasser. Adam guckt vom Ufer aus zu. Die Strömung trägt das kleine Mädchen fort. Es wird nie wieder gesehen. Später stecken kurhessische Richter den großen Bruder, als Haupttäter, für 12 Jahre ins Zuchthaus. Seine Eltern und seinen Kurfürsten dagegen nicht, obwohl der Lehrer der Jungen, Eduard, auf diesen wichtigen Zusammenhang hinweist.
~~~ Keine Frage, einheimische LeserInnen wie ich sehen Heimatkundlern wie Görlich so manche Schwäche großzügig nach, weil der Autor sie unablässig mit Orten oder Namen füttert, die sie aus eigenem Erleben kennen und die ihnen vielleicht sogar ans Herz gewachsen sind. Nehmen wir etwa das Dörfchen Leckringhausen. Dieser Siedlungsplatz nahe Wolfhagen war um 1700 französischen »reformierten« Einwanderern, sogenannten Hugenotten, vom Landgrafen Karl zur Verfügung gestellt worden. Auch mein Großvater Heinrich (!) stammte von Hugenotten ab. Ungefähr 1990 streifte ich Leckringhausen beim Wandern und traf dort am Waldrand meinen ersten Spechttintling. Das ist ein vergleichsweise seltener hochstieliger Pilz mit glockenförmigem Hut, der mit seiner schuppigen Schwarz-Weiß-Zeichnung in der Tat an das Gefieder einiger heimischen Spechtarten erinnert. Er liebt Buchenwälder. Prompt ließ ich mich auch von der kleinen Leckringhäuser Kirche betören, obwohl sie etwas klobig, also nicht gerade graziös wirkt. Vielleicht war sie zusätzlich als Festung in kriegerischen Zeiten gedacht. Das Wolfhager Land war wiederholt verwüstet worden. Vor der Kirche eingetroffen, sah ich mich in ähnlichem Sinne sofort als gut verbarrikadierten Kirchturmschreiber hinter dem oberen kleinen Fenster hocken und diverse Erpetal-Elegien verfassen. Das empfehlenswerte Flüßchen Erpe schlängelt sich auf der anderen, nördlichen Seite von Wolfhagen am Herrengut Elmarshausen vorbei.
~~~ Erfahre ich von Görlich, wie sich der Schulunterricht in der neuen Hugenottenkolonie anließ, erfaßt mich allerdings Grausen. Die armen Kinder! Gewiß lernten sie Lesen, Schreiben und Singen, dies alles jedoch fast ausnahmslos anhand von »religiösen« Texten. Oft war der Lehrer sowieso der Vorleser und Vorsänger der jeweiligen Kirchengemeinde. Am wichtigsten war ihm denn auch das Einpauken der Zehn Gebote, des sogenannten Glaubensbekenntnisses und verschiedener Gebete. Görlich behauptet freilich, in diesem Unterricht habe damals bereits »ein bemerkenswerter humaner Zug« gewaltet. »Die Schulmeister sollen die Schüler mit Sanftmut und Vernunft zu ihrer Pflicht anhalten«, zitiert er zum Beweis das landgräfliche Reglement. Inspekteur war zunächst der jeweilige örtliche Pfarrer. Also: Ohrfeigen und Arschtritte sah der Pfarrer nicht gern – aber die vielfältigen Weisen der psychologischen Nötigung und Erpressung ließ er durchgehen, zählten sie doch auch zu seinem eigenen Handwerkszeug. Um 1960 lernte ich solche leisetrete-rischen »sanften« Pädagogen auch als Jungscharler des CVJM-Kassel kennen. Kassel beherbergte nämlich die zentrale bundesdeutsche CVJM-Sekretärschule, sodaß wir in der Wolfsschlucht nie einen Mangel an »Praktikanten« von dort litten. Ich entsinne mich noch eines schlanken, blassen Mannes mit riesigen dunklen Rehaugen, der stets mit der Leidensmiene der wahren Nachfolger Christi durchs Haus schlich. Ihm mußten wir Jungscharler und blutjungen Mitarbeiter schon aus Mitleid zustimmen und unsererseits nachfolgen, sonst wäre er vorzeitig zerbrochen.
~~~ Ich erwähnte den Dorfschullehrer Eduard aus dem Vogelsberg. Dessen Geschichte, in Kapitel 18 erzählt, ist das Herzstück von Guntram Vespers Buch Nördlich der Liebe und so weiter – ein merkwürdiger, umständlicher Titel, finde ich, aber das Buch ist gleichwohl eine Perle in der Jauche deutschsprachiger Nachkriegsprosa. Der feinsinnige und gerechtigkeitsliebende oberhessische Lehrer, ein schöner schlanker Mann Anfang 30, war zunehmend von aufrührerischen und haßerfüllten Gedanken ergriffen worden und schließlich trotz einer Geliebten »ausgestiegen«, bis er zuletzt eine Blutspur durch Pommern zog. Er stahl, mordete, verbarg sich in Höhlen, trug seinen Wahn in ein Schreibheft ein. In Frankfurt an der Oder wurde er (1861) beim Verlassen einer Kellerkneipe erkannt und kurzerhand vom aufgebrachten Mob zermalmt … Täuscht mich mein Gedächtnis nicht, läßt Vesper offen, ob sein Eduard historisch verbürgt oder »nur« gut erfunden ist. Es liegt freilich auf der Hand, daß sich dessen Geschichte in groben Zügen auch mit der von gewissen Kämpfern aus dem Untergrund bundesdeutscher Großstädte oder aus dem von Militärs regierten Argentinien deckt. Der Schriftsteller starb 2020 in Göttingen mit knapp 80 Jahren.
°
°