Donnerstag, 26. März 2026
Mordopferlexikon (MOL) Folge 2 [C—D]

Inhalt ~ José Luis Cabezas + Caligula + Gilles Caron + Daniel Alcides Carrión + Pamela Carter + Otto René Castillo + Alejandro García Caturla + James Earl Chaney + Touria Chaoui + Camilo Cienfuegos + William Colby + Daniil Charms + Dikran Chökürian + Dmitri Jurjewitsch Cholodow + Ludwig Choris + Citronen (Jørgen Haagen Schmith) + Colas, Pierre Robert und Marie Christine + Sam Cooke + Tara Correa-McMullen + Rachel Corrie + Helena Curtens und Agnes Olmans + King Curtis + Katharina Curtius + Roque Dalton + Helmut Daube + Diren Dede + Jean Charles De Menezes + Melek Diehl + Etienne Dolet + Christopher Dorner + David Douglas + Birgit Dressel + Mark Duggan + Vladimir Durković + Boris Dworkin


Cabezas, José Luis (1961–97), argentinischer Bildjournalist. Mutmaßlicher Drahtzieher von dessen Ermordung: Alfredo Yabrán. Während dieser mächtige und zwielichtige Geschäftsmann einerseits gelegentlich (1995) von Wirtschaftsminister Domingo Cavallo öffentlich als Mafiaboß bezeichnet worden war, erfreute er sich andererseits, wie viele glaubten, der Gunst des damaligen argentinischen Präsidenten Carlos Menem.* Im übrigen hatte sich Yabrán wiederholt mit der Behauptung gebrüstet, es gebe keine ihn zeigenden Fotos, selbst in den Beständen des Geheimdienstes nicht. Im Frühjahr 1996 gelang es José Luis Cabezas, an einem exklusiven Badestrand bei Buenos Aires solche Fotos anzufertigen, und sie erschienen in dem halbwegs kritischen Wochen-magazin Noticias, für das er arbeitete. Enthüllungen eines Kollegen über Yabráns Umtriebe folgten. Aber Cabezas, meist als liebenswürdiger Witzbold geschildert, sollte seine Beute teuer bezahlen: ein Jahr darauf war der 35jährige tot. Er hatte bereits entsprechende Drohungen empfangen. Nun entführte man ihn nach einer Geburtstagsfeier und verpaßte ihm in einem Versteck zwei Kopfschüsse. Damit waren seine drei Kinder Waisen. Vermutlich diente dieser Mord weniger der Rache, mehr der Abschreckung. Immerhin wurden im Lauf der nächsten Jahre etliche Leute zu hohen Haftstrafen verurteilt, darunter mehrere Polizisten. Um 2010 waren sie freilich fast alle wieder auf freiem Fuß, sofern sie nicht in der Haft starben. 1998 war sogar nach Alfredo Yabrán höchstpersönlich gefahndet worden; doch der 53jährige erschoß sich, ehe die Handschellen klicken konnten. Davon wurde Journalist Cabezas natürlich auch nicht wieder lebendig.

* Christian Dürr auf https://amerika21.de/2022/01/256635/gedenken-jose-luis-cabezas, 30. Januar 2022. Näheres ist in einem Gedenkartikel der Buenos Aires Times vom 28. Januar 2022 zu lesen: https://www.batimes.com.ar/news/argentina/25-years-without-jose-luis-cabezas.phtml


Caligula (12–41) ~ Möglicherweise hatte er von seinem Vater Germanicus schon gleich die passende Mitgift erhalten: der berühmte römische Feldherr wurde angeblich vergiftet, als Sprößling Caligula sieben Jahre alt war. Um 30 n.Chr. wurden auch Caligulas ältere Brüder ins Jenseits befördert. Damit blieb nur noch Caligula als Anwärter auf die Nachfolge des alten, auf Capri grollenden Kaisers Tiberius übrig. Ob der Alte dann im März 37 von dem Thronfolger oder sonstwem oder überhaupt auf dem Krankenlager mit einem Kissen erstickt wurde, ist in der Literatur so umstritten wie fast alles, was sich um »bedeutende Herrscher« des Altertums rankt. Dabei sollten Heutige nie vergessen, daß wir von den jeweils vier oder sechs Sklaven, die die Lektika (geschlossene Sänfte) aus mit Edelmetallen gespicktem Ebenholz der Cäsaren, Konsuln, Senatoren und sonstigen Magnaten trugen, sowohl durch Zeitzeugen wie durch spätere Historiker-Innen unermeßlich weniger als von den Insassen der Sänften erfahren. Zu den wohltuenden Ausnahmen zählt Josef Tomans »historischer Roman« Nach uns die Sintflut von 1963, der 1968 auf deutsch in Ostberlin nachgedruckt wurde. Der tschechische Autor breitet auch das ärmliche vorstädtische Leben jenseits des Tibers aus, der übrigens schon damals einer Kloake glich, aus der die Abwässer, Tierkadaver und Menschenleichen stanken. Toman führt durch Fischerhütten, Goldschmiedewerkstätten, Weinspelunken – überall sitzt immer mindestens ein Spitzel. In dem Mimen »Fabius« und dessen Wander-schauspieltrüppchen schafft er sogar fast einen Gegen-spieler des ehrgeizigen blondgelockten Senatorensohns und Feldherrn »Lucius Curio«, der sich bald nach Caligulas Machtantritt zu dessen rechter Hand aufschwingt.
~~~ Aber was auch immer, Toman trägt dick auf und malt ausschließlich in Schwarzweiß. In psychologischer Hinsicht ist sein 700-Seiten-Roman dünner als die tägliche Suppe der Schauspielertruppe. Das gipfelt naturgemäß in dem – bei Toman – pferdegesichtigen, spinnenbeinigen, überaus eitlen, grausamen und mordsgeilen Tropf, der neuerdings auf dem Kaiserthron hockt. Dessen Fähigkeiten werden hauptsächlich in der Kunst gefordert, allem, was ihm zur Verfügung steht, noch ein Quentchen Lust abzugewinnen: dem von ihm angeordneten Auspeitschen oder Kreuzigen ungehorsamer oder zu dünn lächelnder Sklaven; seinen drei Schwestern Agrippina, Drusilla, Livilla und anderen Hetären oder auch zarten Knaben; den von ihm wieder eingeführten Zirkusspielen, Wagenrennen, Gladiatorenkämpfen; dem Verhöhnen und Quälen beflissener Senatoren. So kommt es womöglich einer Erlösung vor allem für den 28jährigen Herrscher selber gleich, wenn er 41, nach vierjähriger Amtszeit, der von Cassius Chaerea geführten Prätorianergarde und den dahinter steckenden Verschwörern aus den Reihen unzufriedener Senatoren zum Opfer fällt. Für die besitz- und machtlose werktätige Bevölkerung ändert sich dadurch selbstverständlich so gut wie nichts. Das neuzeitliche Parteien- und Personalkarussel, das wir voran aus Berlin und Brüssel kennen, wurde in Athen erfunden und dann in Rom bis zum Erbrechen (der erwähnten Suppe) eingeübt.
~~~ Bekanntlich hatten schon Bismarck und sein goldenes Aushängeschild Kaiser Wilhelm II. Wert auf demokra-tischen Anschein gelegt. Dazu zählt eine angeblich unabhängige Justiz. Als der pazifistisch gestimmte Historiker Ludwig Quidde 1894 Eine Studie über römischen Cäsarenwahnsinn mit dem Obertitel Caligula veröffentlichte, fanden nicht nur Pazifisten, diese Charakterstudie sei in Wahrheit auf den letzten deutschen Kaiser gemünzt. Sie verkaufte sich gut, brockte Quidde jedoch ein Ende seiner wissenschaftlichen Laufbahn ein. Wenig später kamen aufgrund einer entsprechenden Äußerung drei Monate Gefängnis wegen »Majestätsbelei-digung« hinzu, die Quidde sogar, in München, tapfer abgesessen haben soll.


Caron, Gilles ~ Der französische studierte Journalist verlegt sich um 1960 auf Fotografie, zunächst aus der Modebranche, dann aus Politik und Zeitgeschehen, von Israels »Sechstagekrieg« 1967 bis zum wenig zimperlichen Aufräumen der Roten Khmer in Kambodscha. Hier erwischt es ihn. Am 5. April 1970, er ist 30, bereits berühmt und vermutlich auch gehaßt, werden Caron und zwei Kollegen zum letzten Mal gesehen: auf der von den Khmer kontrollierten Straße zwischen Phnom Penh und Saigon. Vielleicht wurden die Männer entführt, gequält, getötet. Ihr Schicksal konnte auch durch mehrere Dokumentarfilme, die inzwischen vorliegen, nicht aufgeklärt werden. Caron hinterließ seine Ehefrau Marianne und die beiden Töchter Marjorlaine und Clémentine. Ein irisches Blatt zeigte erst kürzlich etliche Arbeiten von ihm.* Zu seinen bekanntesten Fotos dürfte jedoch ein Schwarzweißfoto vom 6. Mai 1968 zählen, das den damaligen Studentenführer Daniel Cohn-Bendit vor der Pariser Sorbonne in herausforderndem Blickkontakt mit einem vor ihm aufragenden behelmten Gesetzeshüter zeigt. Es soll BeobachterInnen geben die glauben, es wäre Cohn-Bendits Ruf besser bekommen, wenn er ebenfalls jung gestorben wäre.

* https://www.irishexaminer.com/lifestyle/artsandculture/arid-41671769.html, 20. Juli 2025


Carrión, Daniel Alcides (1857–85), berühmter peruanischer Medizinstudent und Nationalheld. Das Oroya-Fieber kommt vorwiegend in höheren Lagen der Anden vor. Bis zur Entwicklung der Antibiotika führte es oft zum Tod. Das auslösende Bakterium wird von Mensch zu Mensch durch bestimmte Sandmücken übertragen. Das Fieber bringt nach einiger Zeit teils nuß- oder apfelgroße blutgefüllte »Peru-Warzen« hervor, deren Anblick allein jeden Vampir in die Flucht schlagen kann. Man wußte bereits aus spanischen Militärberichten seit Jahrhunder-ten von diesem mutmaßlichen Zusammenhang, doch es mangelte der Medizin an einem untrüglichen Nachweis. Daniel Alcides Carrión, Sproß einer Mischehe und Medizinstudent in Lima, schickte sich im Jahr 1885 an, ihn zu liefern. Er bat einen mit ihm befreundeten Arzt, ihm ein wenig Blut eines erkrankten Mädchens zu injizieren – und prompt entwickelte der 28jährige die vermuteten Symptome und starb sogar, wohl drei Wochen nach Ausbruch der Krankheit, an seinem anscheinend nicht anrüchigem Selbstversuch.
~~~ Der genaue Grund seines Ablebens scheint allerdings umstritten zu sein. Nach einer Studie des Mediziners David Salinas-Flores wurde Carrión von den Ärzten, die ihn behandelten, eine Bluttransfusion verweigert. Dafür hätten sie ihm in der Agonie eine Karbolsäure verabreicht, die sich neuerdings gegen Milzbrand bewährt hatte und die sie auch in diesem Fall gern einmal auszuprobieren wünschten. Sie hätten jedoch die Giftigkeit dieser Säure verkannt. Wahrscheinlich sei Carrión also keineswegs am Oroya-Fieber, vielmehr an einer Karbolsäurevergiftung gestorben.*
~~~ Die spanische Wikipedia streift die Verabreichung der Karbolsäure zwar in einem Satz, versteckt den Befund von Salinas-Flores allerdings in einer unverfänglich wirkenden Fußnote. Dabei lenkt die befremdliche Experimentier-freude der behandelnden Ärzte, offenbar auch noch mit mangelhafter Fürsorge gepaart, gleichsam zwanglos auf die Frage nach den Beweggründen des Selbstversuchers Carrión. Wikipedia sieht ihn von Forschergeist und Patriotismus getrieben. Jedenfalls heuchelt sie kein Mitleid. Liegt sie richtig, darf man deshalb wohl zumindest mutmaßen, dem Forschergeist habe es nicht an einer kräftigen Dosis Ehrgeiz und Ruhmstreben gefehlt. Das wird von den beiden texanischen Medizinern Jose Cadena und Gregory M. Anstead bestätigt. Ihrem Artikel zufolge**, der anscheinend im Internet nicht mehr aufrufbar ist, war damals auch ein Preis ausgesetzt, der Carrión zur Verwirklichung seines Traumes verholfen hätte, nach Europa zu gehen. Carrión verpaßte den Preis, kam jedoch in den Genuß der sogenannten Unsterblichkeit. Zunächst wurde das Oroya-Fieber in Carriónsche-Krankheit umbenannt. So steht es auch in meinem Brockhaus. Ferner gibt es seit 1944 in Zentralperu eine ganze Provinz Daniel Alcides Carrión, und 1991 schließlich wurde der brave Student durch Regierungserlaß zum Héroe Nacional erhoben.

* »La muerte de Daniel Alcides Carrión: una revisión crítica«, Anales de la Facultad de Medicina, Lima Juni 2009: https://www.scielo.org.pe/scielo.php?script=sci_arttext&pid=S1025-55832009000200010
** »A Medical Student Named Daniel A. Carrión and His Fatal Quest for the Cause of Oroya Fever and Verruga Peruana«, wohl nach 2007



Carter, Pamela († 1986) ~ Warum sich die Britin ausgerechnet mit einem recht hartgesottenen Motorrad-Rennfahrer verheiratet hatte, dürfen Sie mich nicht fragen. Im Glücksfall steht es in Tony McDonalds 2007 erschienenen Biografie Tragedy: Kenny Carter. Dieser Kenny war ihr Gatte. Im gemeinsamen Todesjahr waren sie beide 25 Jahre alt. In seiner Branche, Sparte Speedway, galt der in Siege vernarrte Kenny Carter unbestritten als Anwärter auf den Weltmeistertitel, obwohl ihn so mancher gerade wegen seines Ehrgeizes nicht leiden konnte. Britischer Meister war er bereits. Das Ehepaar hatte zwei kleine Kinder. Es wohnte in einem stattlichen Farmhaus im Dorf Bradshaw bei Halifax, West Yorkshire. In Pamelas Sicht scheint sich Kenny aber in familiären Belangen zu sehr als Boß aufgespielt zu haben. Er habe eine »Affäre« geargwöhnt und seine Gattin geradezu bewacht. Laut englischer Wikipedia strebte Pamela jedenfalls eine Scheidung an und war mit den Kindern bereits ausgezogen. Am 21. Mai 1986 fuhr sie zur Grey Horse Farm in Bradshaw, um für sich und die Kinder einige Sachen zu holen. Carter habe ihr, wohl telefonisch, versichert, er sei außer Haus, sodaß sie gefahrlos erscheinen könne. Jetzt riecht es verdächtig nach Heimtücke. Tatsächlich habe Kenny nämlich seinen Lieferwagen in einer Scheune versteckt und erwartete die Mutter seiner Kinder auf der Farm. Als sie ausgestiegen war, entsicherte er sein Gewehr, nehme ich an. Er habe zunächst Pamela und dann, im Wohnhaus, auch sich selbst erschossen. Mit dem zweiten Schritt hat sich möglicherweise zur Heimtücke die Feigheit gesellt. Das möchte ich allerdings nicht entscheiden. Zum ersten Schritt soll Biograf McDonald unmißverständlich feststellen, Carter habe keineswegs »spontan« zur Flinte gegriffen, etwa in einem Wutanfall. Es habe sich um einen kaltblütigen, geplanten Mord an seiner Frau gehandelt.*
~~~ Diesem Urteil habe sich 2011 sogar Kennys Bruder Alan dem Halifax Courier gegenüber angeschlossen, teilt ein einheimische Journalist in einer jüngeren Falldar-stellung mit.** Auslöser sei der drohende Zusammenbruch der Ehe gewesen. Alan Carter habe in dem Interview betont, sein Bruder sei immerhin 20 Meilen gefahren, um sich die Tatwaffe zu besorgen. Er habe sowohl seinen Wagen wie sich selbst vor Pamelas Eintreffen versteckt. Im Rahmen eines kurzen Wortgefechts habe er seiner Frau den Tod bereits angedroht. Als sie das Grundstück verlassen wollte, habe er sie in den Rücken geschossen. Dann habe er eine Selbstmordnotiz verfaßt und sich selber auch noch erschossen. »All I know is he was a very calculating, cunning murderer«, ein durchaus berechnender, schlauer Täter also.
~~~ Als Laie frage ich mich freilich spontan, woher der Bruder die Sache mit dem Streit wußte, der den hinterhältigen Gewehrschüssen vorausging. Alan wird sich ja hoffentlich nicht auch noch auf der Farm versteckt haben, etwa hinter einem schon fast erblühten Holunderbusch. Aber vielleicht hatte die Polizei Nachbarn aufgetrieben, die beispielsweise Pamelas Wagen oder das Wortgefecht selber vernommen hatten. Leider verliert auch Robinson nicht ein Wort zuviel über das Mordopfer. Die Frau bleibt in dem bekannten Schatten, der fast alle prominenten Männer begleitet. Dafür weist der Journalist noch einmal, mit dem Buchautor McDonald, auf das harte Los der Kindheit des Mörders hin. Die damaligen häuslichen Verhältnisse waren anscheinend auch schon zerrüttet. Nun ja, die Gewalttätigen fallen nicht vom Himmel; sie werden auf der Erde gemacht.

* Buchbesprechung auf https://speedwayplus.brinkster.net/KennyCarterReview.shtml, 19. Juli 2007
** Andrew Robinson, https://www.examinerlive.co.uk/news/west-yorkshire-news/tragic-life-horrific-death-troubled-20531271, 9. Mai 2021



Castillo, Otto René (1934–67), guatemaltekischer Patriot, Autor, Partisan; gefallen mit knapp 33. Einige Quellen geben freilich als Geburtsjahr 1936 an.* In Guate-mala tobte während der gesamten Nachkriegsjahrzehnte ein Bürgerkrieg zwischen den wechselnden, wenn auch stets US-gestützten Regimen der Landbesitzer und Militärs und den Armen. Castillo hatte in der DDR Literatur und Film studiert. Um 1965 in sein Heimatland zurückgekehrt, schloß er sich der Guerilla Fuerzas Armadas Revolucionarias (FAR) an. Bald darauf wurde er bei Kämpfen in der Sierra de las Minas gefangen genommen. Anschließend soll er in der Kaserne der Stadt Zacapa über Tage hinweg gefoltert worden sein, ehe man ihn, wie 1982 auch schon Übersetzer Erich Hackl behauptet**, bei lebendigem Leib verbrannte. Castillo starb – im März 1967 – ein halbes Jahr vor Guevara und Cuba. Ähnlich erging es wahrscheinlich mehreren mitgefangenen Genossen. Es gibt Gedichtbände von Castillo und einen Dokumentarfilm über ihn. Er hatte in der DDR Aufgaben und sogar Geliebte. Warum blieb er nicht? Hackl zitiert Verse Castillos: »Aber das Schlimmste von allem / ist die Gewohnheit. / Der Mensch verliert seine Menschlichkeit, / und schon ist der ungeheure fremde Schmerz / für ihn nicht mehr von Bedeutung. // Und er ißt, / und er lacht / und vergißt alles.«
~~~ Das ist natürlich hochgegriffen – wie jede Mission. Jedenfalls macht Castillo das Vermögen mitzuleiden, das ja in der Tat bei Feldhasen oder Füchsen nicht zu beobachten ist, zum Kern und Prüfstein der Menschlichkeit, was ich nicht wirklich kritisieren kann. Hier wurzelt schließlich auch das Gerechtigkeitsstreben von unsereins. Trotzdem ist diese Haltung problematisch. Zunächst sieht sie sich wieder einmal vor der Schwierigkeit der Grenzziehung. Wie weit muß ich in meinem Mitleid gehen? Bis zur häppchenweisen oder schlagartigen Selbstaufgabe? Sodann kann die (angeblich) aus Mitleid geborene Aufopferung leider nicht immer selbstlos genannt werden, wie schon zahlreiche Fälle gezeigt haben. Hier können zum Beispiel märtyrerhafte oder anmaßende Motive mitschwingen, nach dem Motto, das Volk warte händeringend auf seine BefreierInnen, man habe zu sterben, damit das Vaterland lebe, und dergleichen mehr. Das patriotische Motiv hält übrigens auch prompt die angeführte Plattform aus Indien hoch.
~~~ Unvorsichtigerweise habe ich die Namen von zwei berühmten Guerillakämpfern erwähnt, Simeón Cuba Sanabria (32) und Che Guevara (39). Ich will sie kurz behandeln. Die beiden starben 1967 als Gefangene in Bolivien. Guevara, bei einem Gefecht im Hochland verwundet und festgenommen, war nicht sofort ermordet, sondern über Nacht im Schulhaus des Dorfes La Higuera eingesperrt worden. Genauso geschah es mit seinem Genossen Cuba, einem einheimischen Bergarbeiterführer, der Guevara beim letzten Gefecht mehrmals aus der Schußlinie gezogen und gedeckt hatte. Nun wurden beide in getrennten Schulräumen gefangen gehalten. Am Vormittag des 9. Oktober 1967 traf der Hinrichtungsbefehl des bolivianischen Präsidenten General René Barrientos Ortuño ein. Die drei Soldaten des Kommandos suchten zunächst Cuba auf. »Ich bin stolz, in der Nähe von Che zu sterben!« soll er ausgerufen haben, bevor die Salven krachten. Das ist natürlich gutes Futter für erhebende Bücher und den vielerorts beliebten Führerkult. Guevara, der den Ausruf vermutlich mitbekommen hatte, folgte seinem Genossen 20 oder 30 Sekunden später ins Grab. General Barrientos (49) kam übrigens zwei Jahre darauf bei einem etwas undurchsichtigen Absturz seines Hubschraubers ums Leben – ebenfalls ohne Gerichtsverhandlung. Ein kleiner Trost.

* So bei Anjan Basu, https://thewire.in/world/rene-otto-castillo-the-guatemalan-poet-who-took-on-the-cia, 15. Oktober 2018
** Erich Hackl, https://www.zeit.de/1982/43/gut-zu-sterben-wissen, 22. Oktober 1982



Caturla, Alejandro García (1906–40), kubanischer Jurist, Geiger und Komponist aus wohlhabendem, spanischstämmigem Hause. Zu seiner Wirkungszeit war Kuba schon seit Jahren eine kaum verbrämte, mehr oder weniger korrupte US-Kolonie. Caturla gilt zum einen, mit Amadeo Roldán, als Pionier der nationalen sympho-nischen Musik, zum anderen als unbestechlicher Richter. Wegen der zweiten Eigenschaft wurde er, soweit ich sehe, als 34jähriger ermordet.
~~~ Um 1926 hatte Geiger Caturla bei Nadia Boulanger in Paris Komposition studiert. Anschließend gründete/leitete er in seiner Heimatstadt Remedios oder in der benach-barten Küstenstadt Caibarién verschiedene Orchester beziehungsweise Jazzbands. In Remedios ist ihm ein möglicherweise etwas vernachlässigtes Museum gewidmet. Nach den gängigen Quellen wurde Caturla 1940 Opfer eines jungen Angeklagten – wohl Glücksspieler, Zuhälter oder ähnliches – der ihn, laut Leilani Marie Dade sogar irrigerweise, für seine Verfolgung oder zu erwartende Bestrafung für verantwortlich hielt. Offenbar erwischte der Strolch Caturla auf der Straße. Wie, wird in der Regel übergangen. Vielleicht war der Strolch auch sauer, weil Caturla Bestechungsgeld ausgeschlagen hatte. Wenn ja, Hut ab, war der gute Richter doch eheähnliche Liebschaften mit zwei schwarzen Frauen eingegangen, woraus ihm manche gerümpfte Nase und immerhin 11 Kinder erwuchsen, die er ja wohl auch zu unterhalten hatte. Die zweite Liebschaft folgte leider dem Thyphus-Tod der ersten Geliebten, Manuela Rodríquez, wie sich einer Magisterarbeit aus Kalifornien entnehmen läßt. Caturla hatte sich kurzerhand Manuelas Schwester Catalina geangelt.*
~~~ In einer jüngeren Darstellung** aus Cuba wird der Jurist gleichfalls als charakterfest, ja sogar »ketzerisch« gerühmt. Trotz mancher Drohbriefe, die man ihm ins Haus schickte, habe Caturla stets auf seine Unabhängigkeit gepocht und nie mit den Machthabern gekungelt. Die beiden Schüsse auf der Straße hätten ihn völlig unvorbereitet getroffen. Das war am 12. Dezember 1940. Der Mörder soll sich sogar durch einen jubelnden Schrei mit seiner Tat gebrüstet haben. Später, als Angeklagter vor einem anderen Richter, soll sich José Argacha Betancourt, so habe er gehießen, über seine Beweggründe ausgeschwiegen haben. Autor Machado Conte deutet aber an, Caturla sei einer Beschwerde aus der Familie des Mörders nachgegangen: Gewalttätigkeit Betancourts gegen dessen Frau oder deren Schwester. Das hätte die Verteidigung dann umgedreht und die Lüge in die Welt gesetzt, Caturla habe just Betancourts Gattin nachgestellt. Den Ausgang des Verfahrens nennt Machado Conte nicht.
~~~ Sicherlich war Caturla auch wegen seiner großen Zeugungsfreude auf sein Anwalt-, später Richtergehalt angewiesen. Ohne diese ganze Misere hätte er vielleicht noch Jahrhundertwerke geschaffen. Vergleichsweise bekannt sollen Caturlas Tres danzas cubanas für Orchester von 1927 sein. Nebenbei wurde der erwähnte Geiger und Komponist Amadeo Roldán ebenfalls keine 40; er starb 1939 in Havanna als 38jähriger an Krebs. Da war Caturla mit jener Überrumpelung vielleicht sogar besser bedient.

* Leilani Marie Dade, »Alejandro Caturla and Alejo Carpentier’s La Manita en el Suelo: A Creative (Re)Staging«, University of California, Riverside, Dezember 2017: https://escholarship.org/content/qt0d40r15f/qt0d40r15f_noSplash_4c00e8f4a45ba74c7c9ef986c67c8ea8.pdf?t=p4jy7s
** Andrés Machado Conte, »El asisinato de Caturla«, https://www.radiocamoa.icrt.cu/el-asesinato-de-caturla/, 10. November 2020. Der Sender sitzt in San José de las Lajas, Cuba.



Chaney, James Earl (1943–64), schwarzer US-Bürgerrechtler. Bekanntlich holten sich einst besonders die US-Südstaaten viele Schwarze ins Haus, weil sie nicht mehr genügend Indianer hatten. Als dann auch die schwarzen Sklaven übermütig wurden, beispielsweise gerechte Löhne oder gar das Wahlrecht erbaten, schufen die Südstaaten zwecks Unterstützung der offiziellen Polizeikräfte mehr oder weniger geheim operierende Fememordgruppen wie den Klu-Klux-Klan. Nicht selten traf sich das sogar günstig, weil der örtliche Sheriff sowieso zum Klu-Klux-Klan gehörte.
~~~ Chaney erwischte es im Verein mit Andrew Goodman und Michael Schwerner, und zwar am 21. Juni 1964 kurz nach Mitternacht bei Philadelphia, Mississippi. Die jungen Leute hatten gerade den Brandanschlag auf eine schwarze Schule untersucht und waren als Bürgerrechtler bekannt – Chaney (21) schwarz, Goodman (20) und Schwerner (24) weiß, aber jüdisch. Nun gerieten sie mit ihrem Auto in einen als »Straßenkontrolle« getarnten Hinterhalt, den Klan-Mitglieder unter Mitwirkung von County Sheriff Lawrence Rainey und seinem Stellvertreter Deputy Sheriff Cecil Price gelegt hatten. Die drei Verkehrssünder wurden ins dunkle Gelände geführt und erschossen, der Schwarze Chaney zuvor schwer mißhandelt. Um die Leichen in einem Erdwall verbergen zu können, stand sogar ein Bulldozer bereit. Trotzdem kam die Sache ans Licht, nachdem 25.000 Dollar für Fingerzeige ausgesetzt worden waren.* Die Leichen wurden ausgebuddelt. Die Empörung über diesen Gewaltakt schlug Wellen bis ins Weiße Haus, das ja nicht umsonst nicht Schwarzes Haus heißt. Jetzt sah sich der Schürer des Vietnamkrieges Lyndon B. Johnson gezwungen, seinerseits FBI-Chef Hoover zu nötigen, den Fall untersuchen zu lassen.
~~~ Wie zähflüssig und schonend die Ermittlungen ausfielen, kann man sich denken. Auch die Bestrafung einiger Täter hielt sich überwiegend in milden Grenzen. Von »Mord« war ohnehin nie die Rede gewesen. Sheriff Rainey konnte sich sogar vollständig herausreden. Ein Foto zeigt ihn bei der Anklageerhebung Ende 1964 mit Chips-Tüte und grinsenden Hamsterbacken in seinen Stuhl gelümmelt. Bei Künstlern aller Art rief das Missis-sippi Burning (so ein Filmtitel) ein großes Echo hervor.

* Ulrich Zander, https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/reflexionen/vermessungen/642763-Mordkomplott-der-Kapuzenmaenner.html?em_no_split=1, 4. Juli 2014


Die marokkanische Pilotin Touria Chaoui wurde wie Caturla auf der Straße erschossen, nur war sie noch deutlich jünger: Pdf GB 1, Seite 177. Der cubanische führende Genosse Camilo Cienfuegos ging nach der Revolution bei einem Inlandsflug verloren: Pdf GB 3, Seite 143. US-Chefspion William Colby wurde erst als Rentner um die Ecke gebracht.


Charms, Daniil (1905–42) ~ Nach Fotos im Internet zu schließen, versteckte er seine ausgedehnte Stirnglatze gern unter einem Hut. Die Porträts lassen teils an Frankenstein, teils an Kurt Valentin denken. Berühmt wurde Charms erst lange nach seinem vermutlich jämmerlichen Tod. Eine Zeitlang besaß ich die von Peter Urban übersetzten Fälle, einen sehr schön ausgestatteten Auswahlband aus dem Züricher Haffmans Verlag von 1984. Der clowneske, stellenweise dadaistische, oft bitterböse SU-Schriftsteller soll mit 36 als Häftling gestorben sein. Er saß in der Psychoabteilung des Kresty-Gefängnisses. Anscheinend hatte er, naheliegenderweise, auf Irrsinn gemacht, um einer Hinrichtung zu entgehen. Seine Verfolger warfen ihm »Defätismus« und allerlei antisowjetische Umtriebe vor. Amtlich sei er »Unterernährung« erlegen, meint ein Roboter. Es war ja die Zeit der mehr als zwei Jahre währenden deutschen Blockade. Der genaue Sterbeort sei unbekannt. Jetzt kann man sich aussuchen, ob ihn die Bolschewiken oder die Nazis in den Sarg beförderten.
~~~ Hier und dort heißt es, Charms und seine Frau (die zweite) seien bereits 1937 in Hungersnot gewesen, weil ihn die Verlage und Behörden boykottierten. Seine absurden Werke, meist kurze Stücke, erschienen sowieso nie; ein Freund, Jakov Druskin, rettete sie über den Krieg. Charms hatte sich streckenweise mit Kinderbüchern über Wasser gehalten. Er selber hatte scheints keine Kinder. Zu seinem Schaffen zitiert Doris Liebermann*, mit Urban, aus seinem Tagebuch: „Mich interessiert nur der ‚Quatsch‘, was keinerlei praktischen Sinn hat. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung.“
~~~ Aus den Fällen erinnere ich mich dunkel an ein kurzes Prosastück, in dem ein gewisser Kalinow, glaube ich, zu Hause oder sonstwo Zeitung liest. Ob er sich dabei was denkt, weiß ich nicht mehr. Plötzlich möchte er jedenfalls eine Zigarette rauchen, tastet seine Jackentaschen vergeblich nach Streichhölzern ab und bittet irgendjemanden anders, ohne sich in seiner Lektüre nennenswert zu unterbrechen, um Feuer. Der steckt die Zeitung an.
~~~ Wahrscheinlich habe ich das Stück verfälscht, aber Verblüffung und Witz hatte es bestimmt. Allerdings räume ich ein: Eine Zeitung anzünden, womöglich gar noch die Prawda, das klingt ohne Zweifel nicht gerade aufbauend. Was wäre jedoch die Alternative gewesen? Vielleicht Frohsinn. Er wurde ja damals selbst in der »Neuen Welt« gepflogen, obwohl die Staaten ständig Bürgerkriege und koloniale Aufstände am Hals hatten. Der folgend verlinkte Percolatin’ Blues soll von dem schwarzen Pianisten Lemuel Fowler stammen, um 1925 verfaßt. Meine hier vorgestellte Aufführung fand 2011 durch den Smoking Time Jazz Club in einer Straße von New Orleans statt, Louisiana. Die Sängerin, die ihre betörende Figur bemerkenswert unaffig zur Geltung zu bringen versteht, heißt Sarah Peterson.
~~~ Aber auch der frohsinnige Weg schmeckt Ihnen nicht? Ja, dann müssen Sie wieder die Aufklärung wählen, wie es unsereins bereits seit einigen hundert Jahren absolut erfolglos tut. Sie müssen sich über den Sturz, die Schmähung und die Ermordung Muammar al-Gaddafis (Libyen) durch die Nato und ihre Lumpen im selben Jahr 2011 aufregen, und wenn Sie bis heute durchgehalten haben, dürfen Sie auch gegen die US-Rakete wettern, die am 28. Februar 2026 in eine Grundschule für Mädchen in Minab, Südiran, krachte und rund 170 tote Kinder, dazu rund 30 Erwachsene von der Erde tilgte. Nützen wird dies alles nichts. Es wird im Gegenteil zur Verfeinerung der KI-Programme und zur Sensibilisierung der Kampfroboter beitragen, die zukünftig die Kriege führen werden. Die Menschen sind für Krieg viel zu schade. Sie sollen die Geburtstagskerzen ihrer Sprößlinge mit einer Zeitung anstecken oder auf die Straße gehen, tanzen.

* https://www.deutschlandfunk.de/75-todestag-von-daniil-charms-grossmeister-grausamer-100.html, 2017


Chökürian, Dikran (1884–1915) ~ Die christlich gestimmten, im erweiterten Kaukasus-Gebiet verstreuten ArmenierInnen hatten durch Jahrhunderte unter fremder Herrschaft zu leiden. In den Jahrzehnten um 1900 fand dann die inzwischen bekannte – nur an der offiziellen, muslimisch geprägten türkischen Geschichtsschreibung vorübergegangene – Ausrottung weiter Teile des armenischen Volkes durch Türken und Kurden statt. Unter den etlichen Hunderttausenden an Toten befanden sich auch zahlreiche Intelektuelle, von denen man in Mitteleuropa gewöhnlich noch heutzutage keinen Schimmer hat, beispielsweise die gleichaltrigen, wahrscheinlich 31 Jahre alten Schriftsteller Dikran Chökürian und Krikor Torosyan, die beide im April 1915 verschleppt und noch im selben Jahr ermordet wurden, in oder nahe Ankara.*
~~~ Der Kapitalist, Politiker und Großschriftsteller Walther Rathenau, 1922 auf dem Weg ins Berliner Außenministerium ermordet, mag in diesem Fall saubere Hände haben – aber was ist etwa mit Hauptmann Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenberg, geboren 1875, der sich in jenem Jahr 1915, laut Wikipedia**, zufällig mit deutscher Artillerie in Armenien aufhielt? Folgendes scheint mit ihm zu sein: als er 1954, inzwischen Oberst, in Würzburg das Zeitliche segnete, war er 79 und ohne Tadel, obgleich er sich in Briefen zum lustigen Kugelpfeifen und Zertrümmern ganzer (christlicher!) Stadtviertel bekannt hatte.***

* Torosyan wird in dieser lesenswerten Spurensuche erwähnt: Pinar Ogunc, https://massispost.com/2012/05/97-years-later-on-the-road-to-ayash/, Radikal (Türkei) und MassisPost (USA) 2012
** https://de.wikipedia.org/wiki/Eberhard_Graf_Wolffskeel_von_Reichenberg
*** So auch bei Judith Perisic von der Uni Mainz, obwohl der Offizier hier etwas besser wegkommt: »Osmanisch-deutsche Verflechtungen und die Armeniergräuel im Ersten Weltkrieg«, Stand 6. März 2018: https://www.blogs.uni-mainz.de/fb07-armeniergreuel/fb07-armeniergreuel/armeniergreuel-militaer-ii/



Cholodow, Dmitri Jurjewitsch (1967–94) ~ Der russische Physiker und Journalist wird zu den frühsten post-sowjetischen Mordopfern in der Medienbranche gezählt. Ab 1992 bei der Moskauer Tageszeitung Moskowski Komsomolez angestellt, hatte er unter anderem über ethnische Säuberungen in Abchasien und korrupte Geschäfte beim Abzug der SU-Armee aus Ostdeutschland berichtet. In diese sei »Verteidigungs-minister« Pawel Gratschow höchtspersönlich verwickelt. Man glaubt es gern, wenn man bei Hoogerbeets liest, Gratschow habe später als Zeuge vorm Militärgericht sogar eingeräumt, auf Nestbeschmutzer Cholodow gemünzt so etwas wie »brecht seine Beine« und »schließt seinen Mund« zu Mitarbeitern geäußert zu haben – wohl kaum das Kantinenpersonal.* Tatsächlich ersparten sich die mutmaßlichen MitarbeiterInnen aber alle Faustarbeit. Sie ließen Reporter Cholodow wissen, im Bahnhofsschließfach soundso stehe ein Koffer mit weiteren enthüllungsträch-tigen Dokumenten, und als er den Koffer in der Redaktion öffnete, zerbarst dieser, weil er eine Bombe enthielt. Cholodow, 27, wurde getötet, seine Kollegin Katja Dejewa verletzt. In der Fernwirkung schwächte die Bombe auch das erwähnte Militärgericht genug, um es an einem Schuldspruch gegen sechs angeklagte Geheimdienst-offiziere der Armee zu hindern – »Mangel an Beweisen«. 2005 wurde auch eine Revision abgewiesen. Hier hackt keine Krähe einer anderen die Augen aus.

* Heidi Hoogerbeets, »Justice on Trial: Dmitry Kholodov«, CPJ (Komitee zum Schutz von Journalisten, New York City), September 2006: https://cpj.org/reports/2006/09/kholodov/


Choris, Ludwig (1795–1828) ~ Mein Brockhaus kennt ihn nicht. Der Sohn eines Hochschullehrers in Charkow, Ukraine, profitierte davon, das Licht der Welt vor dem Siegeszug der Fotografie zu erblicken, aber es war auch just dieser Umstand, der ihn nicht alt werden ließ. Als er 1815 in Sankt Petersburg an Bord der Brigg Rurik zu einer bald darauf weltberühmten Erdumsegelung aufbrach, war er gerade einmal 20. Gleichwohl konnte er zeichnen und malen und war auch in Naturkunde beschlagen. Und da er auch der Naturgetreuheit verpflichtet war – jedenfalls entschieden mehr als etwa imperialistischem Dünkel oder Rassenhaß – leistete er mit seinen Abbildungen aus Übersee, darunter die Philippinen, Hawaii und die Beringstraße, unschätzbare Dienste zur Kenntnis und Erforschung fremder Flora, Fauna und Menschen.
~~~ Einige gebildete LeserInnen werden jene rund dreijährige Reise um die Welt durch Chamissos Bericht kennen, der knapp 20 Jahre später, 1836, als eigenständiges Buch des Berliner Schriftstellers erschien. Offiziell »Titulargelehrter« der Expedition, war der junge Chamisso mit Zeichner Choris eng befreundet. Etwas weniger harmonisch gestaltete sich nebenbei Chamissos Verhältnis zum Leutnant der russisch-kaiserlichen Marine Otto von Kotzebue, der das Unternehmen leitete. Der war ein Sohn eines berühmten süddeutschen Mordopfers. Otto war oft schlecht gelaunt. Beide, Kapitän wie Titular-gelehrter, hatten auch ihre Plage mit dem gemeuchelten Alten, brauste ihnen doch aus jedem Hafen, in dem sie in Übersee anlegten, dessen ruhmreicher Name entgegen, wie Chamisso erwähnt. Selbst die Bibliothek auf den Aleutischen Inseln (bei Alaska) habe im wesentlichen aus einem ins Russische übersetzten Band mit Werken August von Kotzebues bestanden. Der Mannheimer Schriftsteller war vor allem für Bühnenstücke gefeiert worden.
~~~ Was Choris betrifft, begab er sich 1819, nach Bewältigung der großen Reise, nach Paris, wo er sich unter anderem in Lithographie ausbilden ließ, damit die verschiedenen gedruckten Reiseberichte um Illustrationen bereichert werden konnten. 1821 wurde sein »Lithographisches Reisewerk« auch im Stuttgarter Morgenblatt für gebildete Stände vorgestellt oder besprochen. Im folgenden Jahr veröffentlichte er einen eigenen Reisebericht in französischer Sprache (Voyage pittoresque autour du monde), der Textbeiträge von Chamisso und dem bekannten Pariser Naturforscher Georges Cuvier einschloß. 1826 erschienen 24 weitere Lithographien unter dem Titel Vues et paysages des régions équinoxiales. Ein Jahr darauf tappte Choris in die Falle. Er ließ sich im Auftrag des Musée des Jardins des Plantes auf eine Mittel- und Südamerikareise ein, um dortige Pflanzen zu sammeln und Porträts der Indios zu liefern. Über die Antillen, New Orleans und Veracruz kam er 1828 nach Mexiko. Die Hauptstadt erreichte er nicht mehr, wurde der begabte 33jährige Künstler und Forscher doch bei Xalapa von schnöden Strauchdieben überfallen und getötet. Einzelheiten sind fast nirgends zu lesen.
~~~ Hier und dort wird immerhin erwähnt, Choris sei in Begleitung des Engländers George Henderson gereist – leider ein ähnlich ausgefallener Name wie Dieter Müller oder Meier. Die russische Wikipedia und ein texanischer Historiker* teilen weitgehend übereinstimmend mit, Henderson habe, obwohl verletzt, flüchten können und sich später erfolgreich bemüht, die in einen Wald geworfene Leiche des Opfers zu bergen. Seinen Reisegefährten hätten ein Säbelhieb und eine Schußwunde erledigt. Mit Zustimmung des dortigen Bürgermeisters sei er in Plan del Río begraben worden. Ein Dorf dieses Namens scheint im mexikanischen Bundesstaat Veracruz tatsächlich vorhanden zu sein. Vielleicht steht da also ein Grabstein, dem sogar die makabere Übereinstimmung von Choris’ Geburtstag und Choris’ Todestag zu entnehmen ist: 22. März. Das erinnert an Olga → Bancic.
~~~ Ich nehme an, Genaueres über die Todesumstände wäre lediglich aus einem Buch über Choris zu erfahren. Es scheint aber keins zu geben. Somit winkt hier eine reizvolle Forschungsaufgabe für hiesige Doktoranden, die sich schon seit längerem einmal das eindrucksvolle Land zwischen Texas und dem Golf von Kalifornien ansehen wollten. Mordopfer gegenwärtig, wohl ohne Totschläge und Dunkelziffer, im Schnitt 94 pro Tag. Die Vergleichszahl für das um 1/3 bevölkerungsärmere Deutschland ist ungefähr 0,7. Möchten Sie also heute in Eckernförde oder Kirchheimbolanden ermordet werden, müssen Sie bis morgen warten.

* Ron Tyler aus Fort Worth, https://www.scia.ap.istoria-artei.ro/resources/2021/02.%20Ron%20Tyler%2C%20Louis%20Choris.pdf, 2021, Seite 74


Citronen (Jørgen Haagen Schmith) ~ Es ist vielleicht verzeihlich, wenn Brockhaus auch ihn nicht kennt; aber statt dauernd deutsche Nazis zu verharmlosen, hätte er schon den einen oder anderen dänischen Widerstands-kämpfer aufnehmen können. Ich denke hier etwa an ein Gespann, das in Dänemark recht populär sein soll. Es bestand einerseits aus dem zunächst blonden, dann rothaarigen Sohn von Hotelbetreibern auf Seeland Bent Faurschou-Hviid (1921–44), genannt Flammen, was auf dänisch »die Flamme« heißt. Ende der 1930er Jahre zu Ausbildungszwecken in Deutschland, wurde er zum Gegner dessen, was in vielen Stiftungen und Nachschlagewerken unter »Nationalsozialismus« firmiert. 1943 betätigte er sich in der seeländischen Hafenstadt Holbæk als Flugblattverteiler und Stachel im Fleisch der deutschen BesatzerInnen. Im Jahr darauf wurde er in Kopenhagen eben als Flammen, so sein Deck- oder Spitzname, in der Partisanengruppe Holger Danske aktiv. Als deren Leiter Svend Otto »John« Nielsen (35), mit dem er auch eng befreundet war, im Dezember 1943 gefaßt und von der Gestapo gefoltert und umgebracht wurde, sann er gemeinsam mit seinem Genossen Jørgen Haagen Schmith (1910–44) auf Vergeltung. Das war der andere Teil des Gespanns, genannt Citronen. Vor dem Krieg unter anderem Bühnenmanager einer Kopenhagener Musikhalle, hatte dieser Kämpfer einst im Alleingang in einer Kopenhagener Citroën-Garage etliche Fahrzeuge von Deutschen unbrauchbar gemacht, daher sein Spitzname. Nun beschlossen die beiden, planmäßig Landsleute oder BesatzerInnen auszulöschen, die als Denunzianten galten. Innerhalb eines knappen Jahres sollen sie mindestens 11 Personen getötet haben. Bei dieser Arbeit verkleideten sie sich mehrmals als dänische Polizisten. Die deutschen Ordnungskräfte schlugen im Oktober 1944 zurück. Rächer Flammen erwischte es dabei am Abend des 18. Oktober, als er sich gerade im Kopenhagener Vorort Gentofte im Hause der Familie Bomhoff aufhielt. Er flüchtete zunächst auf den Speicher, sah jedoch, das Haus war hoffnungslos umzingelt. Daraufhin schluckte er eine Kapsel mit Zyankali. Das war sein »Freitod«.
~~~ Leider war der 23jährige unbewaffnet gewesen. Alle seine Gewehre und Pistolen hatten sich nämlich in Citronens Obhut befunden – und der war vor wenigen Tagen auch schon hops gegangen. Bei einem Schußwechsel verwundet, hatte Citronen, der eigentlich Frau und zwei Kinder hatte, in einer fremden, vermeintlich sicheren Wohnung desselben Vororts das Bett und eben die gemeinsamen Waffen gehütet. Da rückten deutsche Soldaten an. Bevor sie das ganze Haus anzündeten, soll der 33jährige Citronen in einem anhaltenden erbitterten Gefecht mindestens ein Dutzend Deutsche verletzt oder getötet haben. Dann versuchte er dem Feuer zu entrinnen – und wurde seinerseits erschossen. Die Waffen verglühten. So folgte ihm Flammen, als dieser ebenfalls von den Deutschen aufgespürt wurde, vermittels Gift in den Tod.
~~~ Wie es aussieht, werden beide jungen Männer selbst in bürgerlichen Kreisen Dänemarks noch heute verehrt. 2008 machte Ole Christian Madsen aus ihrer Geschichte den Film Tage des Zorns – wofür ihn zumindest Jürgen Frey* im selben Jahr ausschimpfte: langatmige Dialoge, oberflächlich, schablonenhaft. Als Alternative zum öden Kinobesuch empfiehlt sich vielleicht ein Abenteuerurlaub am grönländischen Citronen Fjord, zumal es ja angeblich immer heißer wird. Dieser nach Früchtchen Schmith benannte** Landschaftsteil liegt im Norden der vereisten Insel, die bislang nach wie vor zu Dänemark gehört.

* https://www.badische-zeitung.de/kino-neustarts/die-helden-des-daenischen-widerstands—4590486.html, 28. August 2008
** https://en.wikipedia.org/wiki/Citronen_Fjord



Colas, Pierre Robert, deutscher Alt- und Mesoamerikanist in den USA. Ende August 2008 wurde er in Nashville, Tennessee, wo er eine Assistenz-Professur inne hatte, Opfer eines häuslichen Raubüberfalls. Die Eindringlinge erschossen den 32jährigen. Nicht genug, verpaßten sie auch seiner 27jährigen Schwester und Besucherin aus der Schweiz Marie Christine Colas einen Kopfschuß, weshalb die junge Frau nach einigen Tagen ebenfalls starb.* Ich nehme an, die Räuber wußten nichts von ihrem Besuch. Eine Verandatür habe offen gestanden. 2013 wurden, laut englischer Wikipedia, mehrere Täter zu hoher Haft verurteilt. Sie hatten unter anderem mit Colas’ Kreditkarte eingekauft. Die Schwester kommt in den meisten Quellen nur als Randfigur vor. Der Bruder galt nämlich bereits als kommender Star in seiner Zunft. Vom Züricher Tages-Anzeiger ist immerhin zu erfahren, Marie sei neuerdings bei der Stiftung Schweizerischer Jugendmusikwettbewerb berufstätig gewesen, wohl in Zürich. Anscheinend hatte sie Pädagogik oder Musik oder beides studiert und organisierte nun. Laut Blick spielte sie selber Saxophon. Freunde schildern sie als fröhliche Person. Sie habe auch gern gesungen.** Was den Bruder angeht, »Spezialist für die Kultur der Mayas«, rühmen diverse NachruferInnen unter anderem, er sei bei seinen Schülern sehr beliebt gewesen. Nun ja, das liest man in Nachrufen auf HochschullehrerInnen oft. Schließlich können sie uns keine Professor Unrats zumuten, damit der haarsträubende Vor- und Zufall durch etwas Sinn abgemildert wird.

* Johannes Seiler, „Bonner Maya-Forscher in Nashville erschossen“, 2. September 2008: https://web.archive.org/web/20080906180434/https://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=493012
** https://rememberingpierre.wordpress.com/2008/09/01/photos-of-marie/



Cooke, Sam ~ Im Gegensatz zum Fall Colas liegen die Umstände, unter denen der erfolgreiche 33jährige US-Soulsänger am 11. Dezember 1964 im Hacienda Motel in Los Angeles von der Motelmanagerin Bertha Franklin erschossen wurde, im Dunkeln, zumal Cooke ein Schwarzer war. So ließ das Interesse der Polizei von LA, Licht in den Vorfall zu bringen, stark zu wünschen übrig.* Cookes damalige Barbekanntschaft Lisa Boyer und die »Managerin« des Stundenhotels machten Notwehr geltend, doch als man die Leiche des verheirateten Freiers durchsuchte, wurden 5.000 Dollar vermißt. Beträchtlich schwerwiegendere Mordmotive könnten sich in Cookes Bemühungen verbergen, sich als erster populärer schwarzer Musiker von der Allmacht der von Weißen beherrschten Kulturindustrie zu befreien. Dort hatte der stolze Besitzer eines roten Ferraris Feinde, die über die Kragenweite »Strichmädchen« weit hinaus gingen. Was Wunder, wenn Cookes nur wenige Wochen nach seinem Tod veröffentlichter Song A Change Is Gonna Come zu einer der größten Hymnen der nordamerikanischen Bürgerrechtsbewegung wurde.
~~~ Laut vom Coroner nicht berücksichtigten Zeugnissen, die in der englischen Wikipeida gestreift werden, war Cooke bei den Auseinandersetzungen im Motel ganz übel zugerichtet worden. Lassen Sie sich von solchen Bluttaten aber nicht zu sehr beeindrucken. In den 1960er Jahren tobte jener „unerklärte Weltkrieg“ auf den Autostraßen dieses Planeten, von dem Robert Kurz erfreulicherweise wiederholt in seinem Schwarzbuch Kapitalismus von 1999 spricht**, auch und gerade schon in den USA. Was Cooke angeht, wartet der englische Lexikoneintrag, vermutlich absichtslos, gleich mit zwei schweren Straßenverkehrs-unfällen auf. Cookes erste Gattin Dolores Elizabeth Milligan Cooke sei 1959 in Fresno, Kalifornien, bei einem »crash« umgekommen. Und Cooke selber sei kurz zuvor, im November 1958, »involved in a car crash en route from St. Louis to Greenville, Mississippi. His chauffeur Edward Cunningham was killed, while Cooke, guitarist Cliff White, and singer Lou Rawls were hospitalized.« Aus den aufgeschichteten Leichen, die allein in der US-Popmusik bei Auto- und Flugreisen anfielen, ließe sich jede Wette die 93 Meter hohe Freiheitsstatue in NYC nachbilden.

* Tobias Rapp, https://taz.de/Rollenmodell-mit-B-Seite/!662152/, 11. Dezember 2004
** Zitat S. 555. Im betreffenden Abschnitt (»Totale Mobilmachung«) legt Kurz auch dar, wie sämtliche technischen und natürlichen Räume und dazu die menschliche Seelenverfassung brutal und nahezu widerstandslos auf das Automobil zugeschnitten worden sind.



Correa-McMullen, Tara (1989–2005), US-Nachwuchsschauspielerin. Sie war erst kürzlich in einer erfolgreichen CBS-TV-Serie und in ihrem ersten Kinofilm zu sehen gewesen, Rebound aus dem Sommer 2005. Ihre Laufbahn blieb allerdings kurz. Sie brach am 21. Oktober jäh ab, weil die 16jährige vor einem Appartementhaus in Inglewood, Kalifornien, vom 20jährigen Gangster Damien W. erschossen wurde. Es gab zudem Verletzte. W. bekam Lebenslänglich. Folgt man einem Bericht der Los Angeles Times aus dem Todesmonat*, war »Judging Amy«, so ihr Spitzname von jener Fernsehserie her, nicht unbedingt rein zufällig in einen mit Eifersucht gewürzten Bandenkrieg geraten. Die Serie spielt in dem gleichen Milieu. In ihr wird das von Correa-McMullen verkörperte Mädchen zuguterletzt im Gefängnis ermordet. Freunde meinten dem Blatt gegenüber, die Ähnlichkeit zwischen Correa-McCullens Rolle und ihrem Leben sei unheimlich. Vor 100 Jahren lagen zwischen diesen beiden Sphären noch Welten. Jetzt merzt die »Globallisierung«, wie ich gelegentlich zu kalauern pflege, eine Grenze nach der anderen aus, nur nicht die zwischen unten und oben.

* Amanda Covarrubias & David Pierson, »Slain Young Actress Is Mourned«, 29. Oktober 2005: https://www.latimes.com/archives/la-xpm-2005-oct-29-me-tara29-story.html


Corrie, Rachel ~ Vorsorglich war die knapp 24jährige US-Studentin leuchtend gekleidet, während sie in Rafah, Gaza, auf verschiedenen Trümmerbergen umherkletterte. Es war am 16. März 2003. Zudem hatte Corrie ein Megaphon umhängen. Sie versuchte auf diese Weise, einen israelischen Planierraupenfahrer daran zu hindern, ein bestimmtes palästinensisches Wohnhaus zu zerstören. Im ganzen standen an diesem Tag des Widerstands acht ausländische Aktivisten gegen zwei Planierraupen, die übrigens Funkkontakt mit einem Armeepanzer hatten. Wie Augenzeugen versicherten, war die dunkelblonde Frau aus dem Bundesstaat Washington unübersehbar. Schließlich ging sie, ihrem rund 10 Meter entfernten Mitstreiter Tom Dale zufolge, auf einem Wall in die Hocke, während sich die Raupenschaufel unaufhaltsam näherte. Durch den Schub der Raupe rutschte sie den Wall hinab und der Raupe gleichsam in die Fänge. Sie wurde überrollt und blieb blutüberströmt liegen. Im Krankenhaus eingetroffen, war sie bereits tot. Mehrere von Corries Eltern ange-strengte Klagen gegen den Staat Israel wurden abge-schmettert, zuletzt wohl 2012. Es war ein bedauerlicher Unfall. Wie Craig Corrie, der Vater des Opfers, im März 2013 anmerkt*, stammte das Unfallwerkzeug zufällig von der US-Firma Caterpillar, und bezahlt wurde es, wie er meint, von seinen Steuergeldern, nämlich mit Israel gewährter US-Militärhilfe.

* Laut Adam Horowitz, »On the tenth anniversary of Rachel Corrie’s death …«, https://mondoweiss.net/2013/03/anniversary-supporters-israelpalestine.html, 16. März 2013


Curtens, Helena und Agnes Olmans ~ Der Justizmord an der 16jährigen Helena Curtens und der wohl 47jährigen Agnes Olmans im August 1738 gilt als letzter Fall von Hexenverfolgung am Niederrhein. Curtens wuchs in Gerresheim auf (heute zu Düsseldorf) und war von der Wiege an für körperliche und geistige Krankheiten anfällig. Bis zum Herbst 1736 war sie mit ihrem Vater schon mehrmals nach Kevelaer (bei Kleve) gepilgert, dem bedeutendsten Wallfahrtsort am Niederrhein, um Heilung zu finden. Im selben Jahr bezichtigte die damals 14jährige ihre Nachbarin Olmans, Mutter von zwei Kindern, der Betätigung als Hexe, wobei Olmans den »Schwarzen« (Teufel), der sie dauernd besuche, auch Curtens auf den Hals gehetzt habe. Das scheint Curtens freilich im Laufe der Verhöre immer günstiger oder interessanter gefunden zu haben, denn sie schmückte ihren Umgang mit dem Satan von Mal zu Mal aus. Olmans dagegen »leugnete« konsequent – bis zur Folter.
~~~ Die »treibende Kraft« der Voruntersuchung ist nach Erika Münster-Schröer* der Amtsrichter Johann Sigismund Schwarz aus Mettmann gewesen. Diesbezüglich steuert die Düsseldorfer Historikerin einen beinahe witzigen Gesichtspunkt bei. Curtens oder ihr Vater hatten sich unter anderem mit Geistererscheinungen und Wundern gebrüstet, die sie angeblich im erwähnten Wallfahrtsort Kevelaer erfahren hatten. Schwarz jedoch war dem noch jungen, vom Münsteraner Fürstbischof eingerichteten Wallfahrtsort Neviges (bei Mettmann) und wahrscheinlich auch dem Abt von Essen-Werden eng verbunden. Durch seine Anschwärzung der »Hexe« Curtens wurde automatisch auch Kevelaer in Mißkredit gebracht, was Neviges und damit der Werdener Reichsabtei nur recht sein konnte, stärkte es doch ihre Position.
~~~ Ende Juli 1738 empfahl der Düsseldorfer Hofrat Eckarth eine Verurteilung beider Frauen zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Das Urteil erging in diesem Sinn und wurde vom damals zuständigen Kurfürsten Karl III. Philipp von Pfalz-Neuburg bestätigt. So wurden die Frauen am 19. August in Gerresheim öffentlich verbrannt. Zu ihrem Gedenken steht seit 1989 am Hinrichtungsort Gabriele Tefkes Skulptur Befreiung, auch »Gerresheimer Hexenstein« genannt. Mehr noch, heißt dieser Ort seit 2011 sogar amtlich Helena-Curtens-und-Agnes-Olmans-Platz. Sollte das als eine Art Rehabilitierung zu verstehen sein, hat Düsseldorf gut 270 Jahre benötigt, um sich zu ihr durchzuringen.

* Aufsatz »Ein vorgetäuschtes Wunder, ein Hexenprozess und eine Wallfahrt«, in: Rainer Walz (Hrsg): Anfechtungen der Vernunft, Essen 2006, S. 97–115


Curtis, King (1934–71) ~ Trauen wir einem jüngeren ausführlichen Gedenkartikel* aus der New York Post, war der dunkelhäutige, bullige US-Saxophonist aus Texas nicht gerade als Unschuldsengel in den Tod getappt. Diesen Eindruck erwecken lediglich die meisten Nachschlage-werke. Mehr noch, laut Billy Heller muß Curtis sogar als Glückspilz und Lebemann gelten. Seit 1956 in New York City ansässig, hatte sich der Musiker zügig einen prominenten Jazz-Rock-Freundeskreis, jede Menge Engagements und überdies ein eigenes Kalksteingebäude unweit des Central Parks angeschafft. Just in diesem wurde der 37jährige an einem vermutlich heißen Augustabend erstochen.
~~~ Das Haus verfügte im Keller sogar über ein Schwimmbad und ein Billardzimmer. Dort hielt sich Curtis mit seiner Geliebten Modeen und einigen Freunden gerade auf, als wieder einmal der Strom ausfiel. Das lag an einer neuen Klimaanlage, die ständig die Sicherung auswarf. Curtis schnappte sich eine Taschenlampe und ging mit seinem Assistenten Norman Dugger ins Treppenhaus, um zum Sicherungskasten zu gelangen. Sie trafen jedoch auf einen fremden jungen Mann, der sich auf der Treppe gerade mit einem Mädchen stritt. In Curtis’ eigenem Haus! Der Musiker argwöhnte wohl Drogendealer oder Diebesgesindel. Er beschimpfte die beiden zunächst, und weil sie nicht Leine zogen, erhob er seine Taschenlampe und hieb sie dem jungen Mann wütend auf den Schädel. »Mann, die Batterien flogen überall herum …«
~~~ Im Ergebnis des folgenden Handgemenges stak dem Musiker plötzlich ein Messer in der Brust. Er soll es sogar noch herausgezogen und gegen seinen Widersacher gestoßen haben. Doch dann ging er zu Boden. Im Krankenhaus starb er kurz nach Mitternacht. Der Täter, Juan Montanez, laut damaliger New York Times 26 Jahre alt, kam mit wenigen Jahren Gefängnis davon. Curtis hinterließ seine Gattin Ethelyn Butler, von der er sich getrennt hatte, und einen Sohn. Die Anteilnahme in der Branche war groß. Es wird sogar behauptet, der Musikverlag Atlantic Records habe am Tag der Beerdigung seine Büros geschlossen, also eine Stockung im Geschäft in Kauf genommen. Die abschließenden Musikstücke auf der Beerdigung trugen Aretha Franklin und Stevie Wonder vor. Ich nehme an, nachdem zunächst Blut geflossen war, rollten nun die Tränen.

* Billy Heller, https://nypost.com/2022/12/03/king-curtis-was-the-greatest-musician-youve-never-heard-of/, 3. Dezember 2022


Curtius, Katharina ~ 1629 wegen »Gotteslästerung und großer grober Laster« in Bonn gefoltert und hingerichtet, war Katharina Curtius beileibe nicht das einzige Opfer der Hexenverfolgung in ihrer Gegend, wie der Archivleiter der Bonner Universität Thomas P. Becker dargelegt hat.* Allein im besagten Jahr sind es nach einem (lateinisch verfaßten) Bericht der Jesuiten fast 50 »Zauberer« gewesen, die »Schwert und Flammen« schmeckten. Dabei tat sich insbesondere der kurkölnische Hexenkommissar Dr. Franz Buirmann hervor, ein offensichtlich sadistisch veranlagter studierter Jurist, der auch Curtius den Prozeß machte. Ihr Geburtsdatum ist nicht bekannt. Da sie jedoch als Tochter des Bonner Apothekers Gierhardt Roeseler eine »gute Partie« war und 1615 mit dem Apotheker Ferdinand Curtius verheiratet wurde, dürfte sie bei ihrem Tod noch keine 40 gewesen sein. Nutznießer dieses Todes war freilich erst ihr zweiter Gatte Reiner Curtius, ein Verwandter des leider früh verstorbenen Ferdinand. Am 10. Januar 1628 unterzeichnet Katharina zusammen mit Reiner den Kaufvertrag für das stattliche Haus Zum Sternenberg. »Ein Jahr später, zwischen Januar und April 1629«, so Becker in seinem ausführlichem Aufsatz, »ist sie bereits als Hexe verurteilt und macht vor ihren Peinigern ihr Testament ..[..].. Schon 1630 finden wir Reiner Curtius wieder verheiratet, und zwar mit Margaretha Cöllen, Schwester des Bonner Kanonikers Petrus Cöllen. Das erste der sieben Kinder des Ehepaares CöllenCurtius wurde am 25. Oktober 1630 getauft, es war also gezeugt worden, als Katharina noch nicht einmal ein Jahr tot war. Das neue Sozialprestige drückt sich darin aus, daß der Kurfürst höchstpersönlich eines der Kinder 1634 über die Taufe hielt.«
~~~ Zur Krönung der Niedertracht weigert sich Reiner Curtius erfolgreich, der Obrigkeit die Kosten für die Folter und Hinrichtung seiner Frau zu erstatten. Sehr wahrscheinlich fand er diesen Betrag, vielleicht auch ungleich mehr, weitaus besser bei dem erwähnten Hexenjäger Buirmann untergebracht, von dem Becker sagt, er habe es stets verstanden, aus seiner Tätigkeit Profit zu schlagen. Das ging so weit, daß er während der Folterungen mit den beiden anderen Schöffen, die als »Zeugen« zugegen sein mußten, auf Staatskosten ausgiebig zechte. Grundsätzlich sind die damaligen Hexenverfolgungen, wie wohl die meisten ForscherInnen befürchten, oft nur ein Vorwand dafür gewesen, sich zu bereichern, Konkurrenten aus dem Weg zu räumen oder auch nur die eigene Schadenfreude zu steigern. Dies alles in Gottes Namen.

* »Hexenverfolgung in Bonn und Umgebung«, https://www.thomas-p-becker.de/TPB/Hexen/hexbonn.html, 1990


Dalton, Roque ~ Er starb unter Umständen, die ein eher trübes Licht auf die Branche der Berufsrevolutionäre werfen. 1935 als unehelicher Sohn eines reichen US-Unternehmers geboren, hatte sich Dalton um 1955 während seines Jura-Studiums in Santiago de Chile unter dem Einfluß linksradikaler Studenten und des berühmten Malers Diego Rivera mit der Idee des Sozialismus ange-freundet. In sein Heimatland El Salvador zurückgekehrt, schloß er sich der KP an und organisierte an der Universität der Hauptstadt einen linken Literaturzirkel. 1959 wurde er verhaftet. Aber im folgenden Jahr sprang er dem Tod zum ersten Mal von der Schippe: einen Tag vor der angesetzten Hinrichtung Daltons wurde Präsident José María Lemus López gestürzt, das rettete dem Agitator und Literaten das Leben. Er ging zunächst nach Mexiko, 1961 nach Kuba und verfaßte mehrere Bücher über seine Erlebnisse. 1965 nach El Salvador zurückgekehrt, wurde er abermals verhaftet und zum Tode verurteilt – und entging der Hinrichtung erneut, weil ein pünktliches Erdbeben das Gefängnis zertrümmerte, in dem er saß. Er mischte sich unter eine Prozession, die gerade vorbeikam, und floh nach Kuba.
~~~ Zunächst als Korrespondent in Prag tätig, verfaßte er nebenbei eine Biografie über den salvadorischen Gewerkschaftsführer Miguel Mármol. Dann ließ er sich in einem kubanischen Militärcamp zum Guerillero ausbilden und bot sich 1973 der salvadorischen Fuerzas Populares de Liberación (FPL) als Kämpfer an. Deren Führer Salvador Cayetano Carpio soll ihn jedoch mit dem Hinweis verschmäht haben, Daltons Rolle in der Revolution sei die eines Dichters, nicht die eines Soldaten. Daraufhin schloß sich Dalton der Ejército Revolucionario del Pueblo (ERP) an, wo er vor allem Schulungsarbeit übernahm. Allerdings fiel er bald bei der streng marxistisch geeichten Führung in Ungnade. Damit handelte er sich seine dritte Verurteilung zum Tode ein. Die Genossen warfen dem knapp 40jährigen spalterische Absichten und Verbindungen mit der CIA vor und erschossen ihn im Mai 1975 in Santa Anita bei San Salvador. Die Leiche blieb verschwunden.
~~~ Erheblich später kam es wegen des Mordes an dem Schriftsteller in der Hauptstadt zu einem Strafverfahren gegen die Guerilla-Chefs Joaquín Villalobos und Jorge Meléndez – das im Januar 2012 wegen »Verjährung« eingestellt wurde. Sehr witzig. Als weiterer Verantwort-licher für den Mord wird Guerilla-Chef Edgar Alejandro Rivas Mira genannt. Villalobos soll seine Mittäterschaft schon 1993 eingestanden haben. Laut Cecibel Romero* arbeitet er inzwischen als »Sicherheitsberater« für die konservativen Regierungen von Mexiko und Kolumbien. Meléndez leitet den Katastrophenschutz von El Salvador. Da kann ja nichts mehr schiefgehen.

* https://www.taz.de/!85356/, 10. Januar 2012. ~ In einem etwas jüngeren Internetbeitrag spricht die Dokumentarfilmerin Tina Leisch recht ähnlich von Teilgeständnissen der Mörder, überdies von etlichen unlauteren Nebenmotiven, die wohl noch im Spiel waren: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/poet-der-revolution/, Sept./Okt. 2014.


Daube, Helmut ~ Über die Ermordung Cäsars oder J. F. Kennedys kann sich jeder Gymnasiast verbreiten, während er vom haarsträubenden Schicksal dieses Abiturienten, just wie mein Brockhaus, keine Ahnung hat. Der Mordfall Daube von 1928 ist bis heute ungeklärt. Der 19jährige, möglicherweise homosexuell gestimmte Sohn eines Gladbecker Schuldirektors war in einer Märznacht nach dem Besuch einer werbenden Burschenschaftsveran-staltung im Hotel zur Post zunächst gemeinsam mit seinem Freund Karl Hußmann nach Hause gegangen. Das letzte Stück des Weges legte er allein zurück. Man fand ihn im Morgengrauen unweit seines in der Schultenstraße gelegenen Elternhauses mit durchschnittener Kehle und ohne Geschlechtsteil in seinem Blute liegend auf. Die »amputierten« Genitalien blieben verschwunden. Hußmann wurde aufgrund einiger Verdachtsmomente angeklagt, jedoch »mangels Beweisen« freigesprochen. Vor allem hatte man ihm leider keine Homosexualität »nachweisen« können, womit er gleichsam automatisch ein Bösewicht gewesen wäre, dem alles zuzutrauen sei. Später trumpfte ein bereits wegen Mordes an einem Stricher vorbestrafter Häftling, Rolf vom Busch, mit einem »Geständnis« auf, doch es soll wenig glaubwürdig gewirkt haben. Der Mann galt als Prahlhans und, wegen Rachegelüsten, als befangen. Selbst auf Daubes Vater, den Rektor, war vorübergehend Tatverdacht gefallen, wobei sich als Motiv Haß oder Scham wegen des Sohnes vermeintlicher oder tatsächlicher »Abartigkeit« angeboten hatte.
~~~ Eben dies war jedenfalls das Hauptmotiv des damaligen großen Publikumsinteresses an dem Fall, der streckenweise sogar den Transatlantikflug des Luftschiffes Graf Zeppelin aus den Schlagzeilen verdrängte. Neuerdings wurde er von den Autoren Kettler/Stuckel/Wegener in einem Buch ausgebreitet: Wer tötete Helmut Daube?, Gladbeck 2001/2015. Wie Mitverfasser Franz Wegener auf seiner Webseite versichert*, fährt es nicht weniger als 10 Mordtheorien auf.

* Stand 2023: https://www.franz-wegener.de/g1.html


Dede, Diren, deutsch-türkischer Schüler in Hamburg. Sein Verhängnis war jedoch ein Aufenthalt in den USA. Dede war 2014 als Austausch-Highschüler in die gebirgige Kreisstadt Missoula, Montana, geraten. Der 29jährige Hausbesitzer und Ex-Feuerwehrmann Markus K. hatte vermutlich für Dedes Gaststatus so wenig Augen wie für dessen äußere Erscheinung. K.s Überwachungsgeräte hatten ihm nur einen Fremden gemeldet, der in seine Garage eingedrungen war. K. sprang sofort auf, griff nach seiner Schrotflinte und durchsiebte das Dunkel in seiner Garage mit vier Schüssen. Der 17jährige Junge starb kurz darauf im Krankenhaus. Er war unbewaffnet gewesen.
~~~ Dede hatte sich mit Schulkameraden dem beliebten »Garage Hopping« hingegeben, einer Mutprobe, die nebenbei auf alkoholische Getränke aus war, die ja in den Staaten erst ab 21 erlaubt sind. Beim Prozeß stellte sich heraus: K. war kürzlich wiederholt bestohlen worden und hatte deshalb bereits Rache geschworen. Er stand sozusagen Gewehr bei Fuß. Er versuchte, Notwehr und das Selbstverteidigungsrecht von Haus- und Grundeigen-tümern geltend zu machen, holte sich jedoch erstaunlicherweise bei Richter Ed McLean eine böse Abfuhr. Mit K. stehe er offensichtlich einem wenig umgänglichen, ja haßerfüllten Zeitgenossen gegenüber, führte er sinngemäß aus. Der Schutz von Dosenbier, Haus und Familie sei nur vorgeschoben; man müsse vielmehr die Gesellschaft vor Menschenjägern wie ihm schützen. K.s Gefährtin war offenbar von gleichem Schrot und Korn. In einem abgehörten Telefongespräch hatte sie Dede als »dreckige Ratte« bezeichnet.* K. bekam 70 Jahre Haft.

* Assmann/Kollenbroich, https://www.spiegel.de/panorama/justiz/fall-diren-dede-richter-findet-deutliche-worte-fuer-markus-kaarma-a-1018240.html, 13. Februar 2015


De Menezes, Jean Charles, hellhäutiger Brasilianer in Großbritannien. Im Juli 2005 wurde der 27jährige Elektriker auf dem Weg zur Arbeit in einem Londoner Ubahnhof von Terroristenjägern mit sage und schreibe sieben Kopfschüssen getötet, genauer gesagt: hingerichtet. Sie hatten ihn für einen gesuchten Bombenattentäter gehalten. Gemacht hatte er nichts. Allerdings wies er »mongolische« Augen auf, weshalb er bereits beschattet worden war. Es war eine bedauerliche »Verwechslung«, die Scotland Yard zunächst mit zahlreichen Lügen zu verbrämen suchte, wie später in der gerichtlichen Untersuchung zumindest teilweise eingeräumt werden mußte. Unter anderem wurde dem Beschatteten ein höchst verdächtiger Fluchtversuch angedichtet, ein Sprung über die Absperrung im Bahnhof.* Die meisten Medien logen gerne mit. 2007 wurde Scotland Yard wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu hohen Geldbußen verurteilt, doch bestimmte Polizeibeamte, geschweige denn Schützen, wurden nie belangt. Das Geld blechte selbstverständlich der Steuerzahler. Im Gegenteil soll die damalige Einsatzleiterin, Cressida Dick, um 2007 in bewußtem Vertrauenserweis wiederholt befördert worden sein. Der Familie des Verwechselten wurde eine vergleichsweise erbärmliche Entschädigung gegönnt. Mit ihrer Klage vor dem Europäischen Menschenrechtshof, wegen der ausbleibenden Strafverfolgung, holte sie sich 2016 eine Abfuhr. Dafür wurde Frau Dick ein Jahr darauf sogar auf den Chefsessel von Scotland Yard gehievt, ein Novum in der Geschichte dieser »besten« aller Polizeien, wie die 56jährige nach ihrer Amtseinführung meinte.** De Menezes verfault bereits; die Emanzipation der Frau dagegen, die Wandlung der Ladies ins Eiserne und in die »Kriegsertüchtigung«, blüht nach wie vor.

* Julian Sayarer, https://tribunemag.co.uk/2020/07/jean-charles-de-menezes-15-years-on
** https://www.faz.net/aktuell/politik/cressida-dick-wird-erste-chefin-von-scotland-yard-14964629.html, 9. April 2017



Diehl, Melek (1976–2008), Schauspielerin in Berlin. Ebendort wurde sie im Dezember 2008 von einem vorschriftswidrig schnell fahrenden Auto erfaßt, dessen Fahrer flüchtete. Die knapp 32jährige hatte nach Proben leichtsinnigerweise auf der Mittellinie der Konstanzer Straße gestanden, womöglich auch schon geringfügig die Fahrspur des Täters betreten. Andere AutofahrerInnen, die später zum Teil als Zeugen auftraten, hatten sie durchaus bemerkt* und verhielten sich entsprechend umsichtig, nicht dagegen der Täter, der sie mit seinem Golf gleichsam »unterfahren« habe. Diehl wirbelte durch die Luft, lag in einer Blutlache auf dem Asphalt, starb noch an Ort und Stelle.
~~~ Zuletzt hatte sie ausgerechnet an Rosa von Praunheims Film Rosas Höllenfahrt mitgewirkt, der erst 2009 in die Kinos kam. Am fraglichen Feierabend wollte sie gemeinsam mit einer Freundin kochen und dafür auf der anderen Seite der Konstanzer Straße Gemüse einkaufen. Der anscheinend mehrmals vorbestrafte Täter, ein 30jähriger gelernter Automobilkaufmann ohne gültigen Führerschein, dafür wohl mit dickem Strafpunktekonto in Flensburg, stellte sich später noch den Behörden, wenn auch erst am folgenden Tag. Von seiner Richterin wurde er wegen »Fahrlässiger Tötung« glimpflich mit gut drei Jahren Gefängnis bedient. Trotz Fahrerflucht. Dazu kamen allerdings noch knapp zwei Jahre aus widerrufenen Bewährungsstrafen. Der »kräftige« Mann brach in Tränen aus. Bis dahin soll er kaum Gefühl gezeigt haben. Immerhin gab er an, sich für die Flucht zu schämen. Nebenbei räumte er ein, beim Unfall hätten seine zwei kleinen Söhne im Auto gesessen, je nach Quelle drei und fünf oder vier und sechs Jahre alt. Da hatten sie den zeitgerechten Verkehrsunterricht.
~~~ Das großformatige Blatt Bild war wieder auf Draht. Eine Artikelüberschrift am 15. Dezember 2008: Mein Sohn hat die schöne Melek totgerast!, ohne Gänsefüßchen, also erfunden.** Wäre das Opfer weniger schön gewesen, wäre es für das Empfinden der Redakteure nicht so schlimm gewesen, dürfte das in der Auslegung heißen.

* https://www.bz-berlin.de/artikel-archiv/melek-diehl-prozess-haft-fuer-autofahrer, 19. Juni 2009
** https://www.bild.de/news/vermischtes/mein-sohn-hat-sie-totgefahren-6833380.bild.html



Dolet, Etienne (1509–46), französischer Humanist. Im Brockhaus erfährt man zu ihm immerhin, er sei mit 37 auf dem Scheiterhaufen gelandet. Der teils in Lyon, teils im Piemonter Exil wirkende freisinnige Drucker, Autor und Übersetzer war mehrmals verhaftet und eingesperrt worden. Ausgerechnet am 3. August 1546, seinem 37. Geburtstag, wurde sein Widerstand gegen die feudalen und kirchlichen Anmaßungen auf dem Pariser Platz Maubert endgültig gebrochen: er wurde öffentlich erdrosselt und verbrannt. Er hatte gerade das Buch Le second enfer (Die zweite Hölle) verfaßt, eine Satire aufs Pariser Gefängnis. Ein Gutachten der Pariser theologischen Fakultät brandmarkte ihn als Ketzer. Der König verwendete sich nun nicht mehr für ihn. Der Evangelische Pfarrer und Kirchengeschichtler Hermann-Peter Eberlein* behauptet sogar, die Henker hätten Dolet vorm Erwürgen die Zunge herausgeschnitten. Das fügt sich ohne Zweifel gut mit der Überlieferung zusammen, auf dem Gang zum Gerüst habe der Unbeugsame seinen vielzitierten Pentameter Non dolet ipse Dolet, sed pia turba dolet erdacht und geäußert. Vermutlich wirkt dieses Wortspiel – ich bin des Lateinischen nicht mächtig – in der Übersetzung blasser, als sein dem Tode geweihter Schöpfer gewesen sein soll: »Nicht nur Dolet hat zu leiden, auch das fromme Volk.«

* Hermann-Peter Eberlein, https://das-blaettchen.de/2009/08/non-dolet-ipse-dolet-11204.html, 3. August 2009


Dorner, Christopher (1979–2013), dunkelhäutiger kalifornischer Ex-Polizist, nach Auslobung eines Kopfgeldes wegen eines unerwarteten Wutausbruchs eine Million Dollar wert. Diese Summe war im Februar 2013 auf Dorner ausgesetzt worden, nachdem er (angeblich) vier Polizisten oder deren Angehörige getötet und die Flucht ergriffen hatte. Die von allen verfügbaren Massenmedien verfolgte »Jagd« nach ihm erstreckte sich über mehrere Tage und beförderte, durch die VerfolgerInnen, mehrere Zivilisten ins Krankenhaus. Am 12. Februar wurde Dorner in einer Waldhütte der San Bernardino Mountains gestellt. Es kam zu einem Feuergefecht. Nachdem die Hütte in der Tat in Flammen aufgegangen war, wurde der 33 Jahre alte in ihr Verschanzte als Leiche mit Kopfschuß gefunden. In der amtlichen Version erschoß sich Dorner in seiner Ausweglosigkeit selbst.
~~~ Bemerkenswerterweise hatte der muskelbepackte Ex-Polizist, der nach einer Scheidung wieder bei seiner Mutter in La Palma wohnte, den geplanten Rachefeldzug sogar im Internet angekündigt. Als Grund gab er das ihm wider-fahrene Unrecht, zudem allgemein das im Polizeiapparat herrschende rassistische und korrupte Klima an. Die Vorgeschichte: Dorner, sowohl Akademiker (Politik-wissenschaft und Psychologie) wie Ex-Soldat (Leutnant), war 2005 in Los Angeles als Polizist eingestellt, allerdings 2008 schon wieder entlassen worden. Man warf ihm vor, fälschlich eine Kollegin beschuldigt zu haben, sie hätte einen psychisch kranken Verdächtigen mißhandelt. Dieser und dessen Vater bestätigten das immerhin, andere (sogenannte) Zeugen jedoch nicht. Seine Vorgesetzten, die meisten Kollegen und die zuständigen Gremien hatte Dorner ohnehin gegen sich. Als er dann auch im Zuge einer langwierigen gerichtlichen Untersuchung mit seiner Sicht den Kürzeren zog, verfaßte er das erwähnte Internet-»Manifest« und lud seine Waffen.
~~~ Die beiden kalifornischen Zeitungszustellerinnen Margie Carranza und Emma Hernandez dürften am 7. Februar 2013 das Geschäft ihres Lebens gemacht haben. Als sie mit ihrem Pick-Up in Torrance, einer Vorstadt von LA, wie immer auf der falschen Straßenseite im Schrittempo die Häuserfronten abfuhren, wurden sie im Rahmen der »manhunt« auf Dorner hinterrücks von einem Rudel Polizisten beschossen. Der jähe Kugelhagel brachte ihnen, neben dem Schrecken, heilbare Schüsse in Hals und Schultern – und eine Entschädigung seitens der lokalen Behörden von 4,2 Millionen Dollar ein, zuzüglich der Erstattung der Kosten für die Instandsetzung ihres durchsiebten Pick-Ups, den irgendjemand für Dorners Wagen gehalten hatte. Die Entschädigung ging vermutlich zu Lasten der Staatskasse, somit der SteuerzahlerInnen Marke ZeitungszustellerInnen. Selbst die beteiligten acht Polizisten hatten Glück, wie sich drei Jahre nach dem Vorfall erwies.* Die zuständige Staatsanwaltschaft verwarf eine Anklageerhebung gegen sie, denn sie hätten irrtümlich und angesichts der undurchsichtigen Lage durchaus angemessen gehandelt. Hätten sie die beiden werktätigen Frauen versehentlich erschossen, hätten diese also Pech, wir dagegen zwei halbwegs waschechte Mordopfer gehabt.
~~~ Der Streit, wie Dorner abschließend ums Leben kam, ist nach meinem Eindruck auch zur Stunde noch offen. Der galgenstricklange Eintrag der englischen Wikipedia über den Fall hat 114 Fußnoten. Das ist meiner Ansicht nach Wahnsinn, zumal die Quellen fast ausnahmslos aus der Jagdzeit stammen. Zwar soll es inzwischen auch ein paar Bücher über Dorner geben, doch für mein Empfinden riechen sie nach Schund.

* Willian Avila, https://www.nbclosangeles.com/news/local/Prosecutors-Decline-to-File-Charges-Against-Officers-in-Shooting-During-Christopher-Dorner-Manhunt-366729041.html, NBC Los Angeles 27. oder 28. Januar 2016


Douglas, David (1799–1834) ~ Mein Brockhaus streift den Botaniker lediglich bei der Douglasie, einer nordamerikanischen Kiefernart. Sein Verhängnis war die Pflanzenjagd. Der Sohn eines schottischen Steinmetzen hatte sich bereits als Knabe für die einheimische Flora erwärmt. Nach seiner Studienzeit entdeckte und sammelte er in Übersee viele hundert Pflanzen oder deren Samen. Während Europa zum Beispiel bis dahin keine 10 Nadelholzarten kannte, führte Douglas allein über 200 neue Arten aus Amerika ein. Ob stets zu unserer Bereicherung, ist eine Frage des ökologischen Standpunkts und des Geschmacks. Wahrscheinlich zeigt sich der lange Fangarm des sammelwütigen Schotten auch noch auf dem Territorium der ehemaligen DDR, das 1990 aufgrund der dichten Blaufichtenverhaue von den westdeutschen heutigen Dauergästen nur mit Hilfe von zahlreichen Stihl- oder Husqvarna-Motorsägen erschlossen werden konnte, wie ich andernorts schon einmal bemerkte. Die Blaufichte stammt aus Colorado und Utah. Sehr ähnlich hatten sich schließlich bereits die Exkursionen des Schotten gestaltet, der am laufenden Kilometer unter Unwettern, Raubüberfällen, kenternden Booten und entsprechend vielen Verletzungen zu leiden hatte. Aber nichts konnte ihn abschrecken. In Oregon entdeckte er die Pantherlilie. Heute kann dieser US-Staat mit der David Douglas High School glänzen.
~~~ 1833 erreichte Douglas Hawaii, wo er die mächtigen Berge Mauna Kea und Mauna Loa bestieg. Möglicherweise gesellte sich dadurch zu seiner Kurzsichtigkeit Schneeblindheit. Das Verhängnis lauerte jedoch am Boden. Im Juli 1834 stürzte der 35jährige Botaniker jäh in eine wahrscheinlich nicht eigens für ihn ausgehobene Fallgrube, in der sich bereits ein wilder Stier verfangen hatte. So nahm man jedenfalls zunächst an. Man fand Douglas übel zugerichtet und nur noch tot vor. Douglas‘ treuer Foxterrier Billy hockte winselnd in der Nähe. Als Mörder wurde anfangs der Stier verdächtigt, obwohl angesichts der Art der Wunden Zweifel aufkeimten. Der Einheimische Charles Hall behauptete, die Wunden sähen nicht nach Stierhörnern aus. So wurde beschlossen, die Leiche zwecks Autopsie nach Honolulu zu schaffen, wie ich einer recht jungen Darstellung der verworrenen Lage in einem regionalen Magazin entnehme.*
~~~ Jetzt fehlt noch der Einheimische Ned Gurney. Er hatte alternative Verdächtigungen gegen ihn selber zurückgewiesen. Er war eigentlich Brite. Als Sträfling aus einer Kolonie in Australien entflohen, hielt er sich nun auf Hawaii vom Stierfang über Wasser. Nach eigener Aussage hatte er, alarmiert, den Stier in der Grube erschossen, dann die verstümmelte Menschenleiche nebst einem Kleiderbündel und etwas Geld ins nächste Dorf geschafft. Rancher Davis, bei dem Douglas kürzlich übernachtet hatte, behauptete allerdings, der Pflanzenjäger habe weit mehr Barschaft besessen als den kleinen Betrag, den Gurney abgeliefert hatte. Ob Davis unlautere Motive für seine Aussage hatte, kann ich leider nicht beurteilen. War sie korrekt, bleibt immer noch offen, ob Gurney den Botaniker wegen seiner Barschaft ermordet oder erst nach dessen Sturz in die Grube um dieselbe erleichtert hatte. Selbst die beiden Einheimischen, die Gurney alarmiert hatten, waren unter Umständen im bösen Spiel – und dann gab es auch noch Douglas‘ schwarzen Begleiter oder Diener John, der nach dem Unglück leider »nirgends mehr zu finden war«, wie Robert Oaks bemerkt. Wobei John sowohl als Täter wie als zweites Opfer in Frage kam. Jedenfalls bleibt die Möglichkeit, Douglas sei mitnichten in die Fallgrube gestürzt, vielmehr erst nach seinem Ableben in dieselbe befördert worden.
~~~ Nach Oaks traf die Leiche Anfang August in Honolulu ein, wo Consul Richard Charlton sie von zwei lokalen Ärzten und zwei Chirurgen eines gerade im Hafen liegenden britischen Marineschiffes untersuchen ließ. Die vier Experten befanden einmütig, die Wunden stammten vom Stier. Daraufhin gab Charlton die Leiche zur Beerdigung frei. Zu dem Grab in Honolulu gesellten sich nach und nach etliche weitere Gedenkstätten sowohl im In- wie im Ausland. Somit ist Douglas ein durchaus ungeklärter, aber auch ein bedeutender Fall.

* Robert Oaks im Magazin Ke Ola (Keaau, Hawaii), https://keolamagazine.com/then-now/the-mysterious-death-of-david-douglas/, Jan/Feb 2013


Dressel, Birgit ~ 1987 zählte die Leichtathletin vom USC Mainz zu den Assen im westdeutschen Frauen-Siebenkampf. Den Preis bekam die 26jährige im April des Jahres anfallsartig zu spüren. Als sie nach etlichen verfehlten Roßkuren gegen ihre Schmerzen in der Mainzer Uni-Klinik lag, einigte sich ein Rudel von Weißkitteln endlich darauf, sie sei offenbar über geraume Zeit hinweg systematisch vergiftet worden – Doping. Obwohl dazu, in solchen Fällen, stets zwei gehören. Die eine war die Sportlerin mit der lustigen Mauspelzfrisur. Sie pfiff sich auch Tabletten wie unsereins Popcorn oder Erdnüsse ein. Der andere war der Freiburger »Sportmediziner« Armin Klümper, Jahrgang 1935 und Intimus des NOK-Chefs Willi Daume. Klümper hatte Dressel binnen einiger Jahre mit diversen Spritzen geradezu gespickt. Dagegen kamen seine Kollegen von der Intensivstation jetzt nicht mehr an – Tod durch »toxisch-allergischen« Schock. Klümper kam auch noch wegen Hilfreichungen in anderen Fällen ins Gerede. Aber es war alles gesetzmäßig, schließlich hatte er dereinst selber der Anti-Doping-Kommission des DLV angehört ... So sprach er von einem »tragischen Fall« und zog sich 1998 gleichwohl nach Südafrika zurück, da man ihm auch Krankenkassenbetrug und ähnliche unschöne Dinge vorwarf. In der neuen, von Gazellen durchschwirrten Urwüchsigkeit verfaßte er emsig hilfreiche Bücher. Zum Beispiel: Unkraut vergeht nicht. Phytotherapie (Pflanzenheilkunde). Ein Kompendium der Alternative für Ärzte und angeschlossene Heilberufe, Freiburg im Breisgau 2003. Das nenne ich tätige Reue, hat doch der Bremer Reederei-Kaufmann Hermann Dressel seine Tochter damals keineswegs für Klümpers, vielmehr pauschaler für »ein Opfer der Pharmaindustrie« gehalten.* Aber die war schon »vor Corona« schwer greifbar. Strafrechtlich behelligt wurde niemand.**

* https://www.volksstimme.de/sport/ein-dunkles-kapitel-deutscher-sportgeschichte-468897, 11. April 2012
** https://www.welt.de/sport/article163506319/Birgit-Dressel-Die-Doping-Schande-des-westdeutschen-Sports.html, 7. April 2017



Duggan, Mark ~ Sein Tod löste die mit Brandstiftungen und Plünderungen verbundenen Unruhen aus, die im August 2011 für Tage zunächst London, dann auch noch einige andere britische Städte erschütterten. Der aus der Drogenszene bekannte 29jährige dunkelhäutige Brite wurde am 4. August im Londoner Elendsbezirk Tottenham beim Versuch der Polizei erschossen, ihn nach dem Stoppen seines Taxis festzunehmen. Die Behörden äußerten sich wie üblich: der zu Fuß flüchtende Ganove habe zuerst geschossen. Das schienen etliche Leute aus dem Quartier anders zu sehen, denn zwei Tage darauf fanden sich rund 200 Personen vor dem betreffenden Polizeirevier ein, um eine Aufklärung des Falles zu fordern. Die Polizei wiegelte ab, die Menge schwoll an, und der Protest eskalierte. Wenige Tage später sah sich die für Einsätze mit Schußwaffengebrauch zuständige Kommission IPCC gezwungen einzuräumen, es gebe keine Beweise für einen Schußwechsel zwischen Duggan und den Fahndern. Die anfängliche gegenteilige Verlautbarung der Presse gegenüber beruhe auf einem Versehen. Da waren freilich zwischen London und Manchester schon soundso viele Autos und Supermärkte ausgebrannt, ohne daß Duggan wieder lebendig geworden wäre.
~~~ Später war in einigen britischen Blättern zu lesen, die Waffe, die Duggan mutmaßlich kurz vor seinem Tod erworben hatte, sei nach dem angeblichen Schußwechsel abseits des Taxis am Rand der Straße gefunden worden. Sie habe noch in einer Socke und in einem Schuhkarton gesteckt und sei nicht abgefeuert worden. Vorher war diese Waffe in der Presse gern so dick und rauchend wie möglich herausgestrichen worden. Aber solche Ungereimtheiten fochten eine 10köpfige Jury nicht an, die Anfang 2014 nach einer 8:2-Abstimmung im Londoner High Court vor der Presse verkündete, der uniformierte Schütze habe in Notwehr gehandelt, da er den aus dem Taxi kletternden Duggan bewaffnet glaubte. Somit seien seine Schüsse auf diesen rechtmäßig gewesen. Damit löste sie selber, die Jury, zwar keine neuen Krawalle in Großbritannien, jedoch »Entsetzen« aus, wie es in der Frankfurter Rundschau hieß. Während die Anwältin der Familie Duggans spontan von einem »perversen« Urteil sprach, rief seine Tante Caroline einige Tage später zur Besonnenheit auf. Mark sei nie ein »Gangster« gewesen, und man werde weiter den Rechtsweg gehen. 2020 hält es sogar der Spiegel für wahrscheinlich, daß Duggan auf offener Straße hingerichtet worden ist.*
~~~ Die Kürze des öffentlichen Gedächtnisses, das »gewalttätige Ausschreitungen« nie »fassen« kann, leuchtet auch aus einem Vorfall von 1985 hervor. Damals hatten just in Tottenham vier Polizeibeamte die Wohnung Cynthia Jarretts, der Mutter eines Verdächtigen gestürmt. Dabei kam die 49jährige schwarze Frau um – angeblich durch einen Herzinfarkt. Auch darauf erfolgten empörte Demonstrationen – bei denen der Polizist Keith Blakelock getötet wurde. Jedoch: die drei Männer, die 1987 für diesen »Mord« an einem Polizisten verurteilt worden waren, mußten vier Jahre später wieder freigelassen werden, weil die Polizei Verhörprotokolle nachträglich gefälscht hatte. Auch Jarretts Tod bei jenem Polizeieinsatz, der im Internet meist unter Broadwater Farm riot behandelt wird, ist nie aufgeklärt worden.

* Maria Stöhr, »War es Notwehr - oder Mord?«, 13. Juni 2020: https://www.spiegel.de/politik/ausland/polizeigewalt-in-grossbritannien-neue-erkenntnisse-zum-tod-von-mark-duggan-a-4f5ec25e-0a21-45f0-9c9a-68853c1743a9


Durković, Vladimir (1937–72), Berufsfußballer, zuletzt in der Schweiz aktiv. Die Angaben zum Geburtsjahr schwanken. Jedenfalls wurde der Sportler im Gegensatz zu King Curtis nicht im eigenen Haus getötet, sondern nur vor einer Nachtbar. Das heißt, für einen jüngeren Gedenkartikel in der WAZ hatte es sich um eine Sioner »Diskothek« gehandelt, La Matze mit Namen, sowie um Ausländerhaß. Ansonsten sehen Sie bitte im Genickbruch Pdf 2 auf Seite 138.


Dworkin, Boris (1904–44), kriegsgefangener SU-General. Der sowjetische Blutzoll im Kampf gegen den Faschismus wird gern vernachlässigt, obwohl er, nach verschiedenen Schätzungen, ungeheuerlich war, 25 bis 30 Millionen. Allein von rund fünf Millionen SU-Bürgern in deutscher Kriegsgefangenschaft kamen mindestens drei Millionen um: vor allem durch Zwangsarbeit und die verheerenden hygienischen Zustände in den Lagern, aber beispielsweise auch in Genickschußanlagen. Der knapp 40jährige General der Roten Armee Boris Dworkin, Aktivist der B.S.W. (Bratskoje Sotrudnitschestwo Wojennpleniich = Brüderliche Zusammenarbeit der Kriegsgefangenen), wurde am 7. Oktober 1944, auf Befehl Himmlers, nach 37 weiteren, überwiegend russischen Häftlingen oder Bundesgenossen, die durch einen Spitzel aufgeflogen waren, im KZ Mauthausen (bei Linz) zu jener verbrämten Wand geführt, hinter der sich der Todesschütze verbarg. Laut russischer Wikipedia war der General im Sommer 1942 in oder bei Sewastopol von den Deutschen gefangen genommen worden. Nun, als er Unheil witterte, sei es zu einem Wortwechsel über den Status von Gefangenen gekommen, worauf ihn Lagerkommandant (Franz) Ziereis über seine Schuld belehrt und eigenhändig erschossen habe, offenbar von vorn. Diese Erzählung wird von der Webseite Moosburg Online bestätigt, die in diesem Zusammenhang, auf ein 1982 erschienenes Buch von Alfred Streim gestützt, aus einem Urteil des Hagener Landgerichts vom 24. Juli 1970 (gegen Fassel und Roth) zitiert.* Immerhin, Ziereis wurde nicht älter als Dworkin. Er starb gleich nach Kriegsende aufgrund von Verletzungen nach einem mißglückten Versuch, den eingerückten US-Soldaten zu entkommen.

* »Die Aussonderung und Erschießung sowjetischer Kriegsgefan-gener«, http://www.moosburg.org/info/stalag/sowjet.html, Stand 8. April 2002. Zu Dworkin siehe gegen Ende des Beitrags.
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