Montag, 9. März 2026
Mordopferlexikon (MOL) Übersicht und Folge 1 [A—B]
ziegen, 09:16h
Das MOL verfolgt keine höheren philosophischen oder literarischen Ansprüche, vielmehr hilft es mir, die Zeit in einer Welt totzuschlagen, zu der bereits die Gerichtsreporterin Peggy Parnass als alte Frau bemerkte: »Ich schäme mich, ein Mensch zu sein.« Sie starb vor einem Jahr mit 97. Meine Arbeit erscheint in Folgen, die stets ungefähr 30 Druckseiten umfassen. Einige hier lediglich verlinkte frühere Beiträge von mir sind dabei nicht mitgezählt.
Inhalt Folge 1 ~ Aamir Ageeb + Delmira Agustini + Pilo Albertelli + Kurt Albrecht + Ilaria Alpi + Emerich Ambros + Anna Mae Aquash + Valentina Archipowa + Luis Felipe Arias + Zayda Peña Arjona + Arthur I. + Maria-Luise Artmeier + Rolf Axen + Gracchus Babeuf + Anna Bachmeier + Kalinka Bamberski + Olga Bancic + Thomas Ronald Baron + Lonnie Barron + Judith Barsi + Nick Begich + Lars Bense + Sohane Benziane + Cassie Bernall + Hugo Bettauer + Neerja Bhanot + Gertrud Bindernagel + Dietrich Binninger + Hans Böhm + Cato Bontjes van Beek + Marc Blitzstein + Johann Breitwieser + Laskarina Bouboulina + Lojze Bratuž + Michael Brown + Tristan Brübach
Ageeb, Aamir ~ 1994 gelang es dem dunkelhäutigen Sudanesen, geboren 1968, den Bürgerkriegswirren seiner Heimat zu entkommen und die BRD zu erreichen. Durch eine Heirat erwirkte er auch Aufenthaltserlaubnis, doch nach dem Zerbrechen dieser Ehe wurde er im Sommer 1998 zur Ausreise aufgefordert. Dagegen legte sein Rechtsanwalt Widerspruch ein. Obwohl sich Ageeb am 1. April 1998 in Wedel behördlich angemeldet hatte, hieß es nun in der Presse, er sei »untergetaucht«. Das vertrug sich schlecht mit der Tatsache, daß er am 9. April 1999 auf einem Karlsruher Polizeirevier den Diebstahl seiner Jacke anzeigte. Bei dieser Gelegenheit wurde er verhaftet und ins Gefängnis Mannheim gesteckt. Da er bei einem ersten Abschiebeversuch am 16. April angeblich einen Mitarbeiter der Ausländerbörde mit dem Messer bedroht hatte, wurde er am 28. Mai ähnlich einem verschnürten Paket, dem man zusätzlich einen Motorradhelm verpaßt hatte, auf dem Flughafen in Frankfurt am Main in eine Lufthansa-Maschine getragen und in einen Sitz gedrückt. Drei BGS-Beamte nahmen an seinen Seiten und vor ihm Platz. Als er sich hochzustemmen versuchte und zudem schrie, drückten alle drei Polizisten seinen Kopf und Oberkörper auf seine Knie. Was sie selber, nach ihrer späteren Darstellung, als hartnäckigen Widerstand des 30jährigen Abschiebehäftlings empfanden, war freilich sein Todeskampf: nach ungefähr acht Minuten war Ageeb erstickt.
~~~ Die Sache roch nach Totschlag und Folter. Allerdings trat dieser Gesichtspunkt in den meisten Presseberichten zunächst in den Hintergrund, vielmehr wurde Ageeb als der übliche abgelehnte, untergetauchte und kriminelle Asylbewerber hingestellt, der unter anderem Sexualdelikte begangen habe. Im Flugzeug wurde er sogar als »Mörder« gehandelt. Für solche wüsten Behauptungen habe Amnesty International keinerlei Nachweise gefunden, heißt es in der deutschen Wikipedia. Immerhin kam es 2004 zu einem Prozeß gegen die drei BGS-Beamten. Das Landgericht Frankfurt/Main verurteilte sie wegen »vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge« – zu je neun Monaten Freiheitsstrafe, die auf Bewährung ausgesetzt wurden. Diese Milde rief viel Kopfschütteln hervor. Man rügte auch, die letztlich Hauptverantwort-lichen aus BGS-Hierarchie und Politik seien im Verfahren fast durchweg weder als Zeugen gehört worden, noch müßten sie künftig damit rechnen, zur Verantwortung gezogen zu werden. Im übrigen könne durch das Strafmaß für die drei Befehlsempfänger der Eindruck entstehen, wer als Amtsträger einen Menschen zu Tode bringe, komme allemal glimpflich davon.
~~~ Der vorsitzende Richter Heinrich Gehrke hatte den milden Urteilsspruch (der noch unterhalb der Mindest-strafe von einem Jahr lag) freilich gerade mit der untergeordneten Stellung und mangelhaften Eignung der drei Angeklagten begründet. Außerdem hätten sie glaubhaft Reue bekundet.* Eine Verurteilung zu einem Jahr oder mehr hätte automatisch die Entlassung aus dem Beamtendienst nach sich gezogen. Dadurch wäre ihre Zukunft zerstört worden, habe Gehrke festgestellt, während ihre Vorgesetzten zum Teil weiter aufgestiegen seien. Er hatte vor allem den Chef des BGS-Amtes am Frankfurter Flughafen, Udo Hansen, im Auge, der inzwischen Präsident des Grenzschutzpräsidiums Ost geworden war. Man sieht hier den überragenden Stellenwert, den Überlebende genießen. Die Posten oder Pensionen von etlichen Beamten, die sich gegenseitig emsig die Schuld zuschoben, waren gerettet. Warum sollte man sich da noch um die Zukunft eines 30jährigen Abschiebehäftlings sorgen, zumal er ja bereits im Sarg lag.
* Prozeßbericht von Marianne Arens, https://www.wsws.org/de/articles/2004/10/agee-o21.html, 21. Oktober 2004
Agustini, Delmira (1886–1914) ~ Nach meinem Brockhaus, Band 1 von 1986, glänzte die uruguayische »Dichterin« nur mit Lyrik – und einer Ermordung, nämlich ihrer eigenen. Aber gerade davon erfährt man rein gar nichts. Andere Quellen hinzugenommen, vermute ich stark, Agustini sei, mit 27 Jahren, sowohl ein Opfer der üblichen männlichen Anmaßung als auch ihrer bevorzugten Themen »Eros« und »Tod« geworden. Sie soll in ihrem Heimatland mindestens den Ruhm genießen, den beispiels- und merkwürdigerweise bei uns Else Lasker-Schüler hat. Ihr bekanntester Förderer war der umtriebige lateinamerikanische »Dichter« und Diplomat Rubén Darío. Rebellin oder Abschiebehäftling war sie nie. Während ihrer jahrelangen Brautzeit unterwirft sie sich im Gegenteil der strengen Fuchtel sowohl ihrer gut betuchten Mutter wie ihres auf Sittsamkeit pochenden Bräutigams. Es handelt sich um Enrique Job Reyes (1885–1914), einen dandyhaften Händler und Auktionator mit herrlichem gewichstem Schnurrbart, über den ansonsten wenig zu erfahren ist. Kaum hat ihn die möglicherweise strahlend blauäugige »Dichterin« jedoch im August 1913 geheiratet, verläßt sie ihn auch schon wieder. Das war für damalige Zeiten in Gaucho-Breiten sicherlich radikal. Vermutlich hatte sie der Gatte in den knapp zwei Monaten trauter Zweisamkeit nicht gerade mit Samthandschuhen angefaßt. Die amtliche Scheidung fand am 5. Juni 1914 statt, während der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand in seiner Beschränktheit noch nicht ahnte, daß er drei Wochen später in Sarajevo die Quittung für seine jägerische Großmannssucht bekommen würde. Aber geschossen wurde eben auch in Montevideo. Genau einen Monat nach der Scheidung tötete Reyes, wohl 29, seine Besucherin Agustini in seiner hauptstädtischen Wohnung mit zwei Gewehrschüssen in den Kopf und brachte sich anschließend auch selber um. Laut spanischer Wikipedia war Reyes’ Wohnung mit Reliquien vollgestopft, die ihn Tag für Tag an seine Ex-Gattin erinnert hatten.
Albertelli, Pilo (1907–44) ~ Das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen, Rom 24. März 1944, wurde von den deutschen Besatzern als Vergeltung für einen Bombenanschlag auf ein Polizeiregiment verübt, der 33 Polizisten das Leben gekostet hatte. Man nahm diese Opferzahl mal 10 und erschoß anderntags noch ein paar mehr, vielleicht wegen der vielen Schwerverletzten aus jenem Regiment. So ließen in den Höhlen im Lauf von rund fünf Stunden 335 männliche Gefangene der SS oder italienischer Behörden ihr Leben, meist politische Gefangene, darunter viele Juden. Der jüngste Ermordete soll 15 gewesen sein. Der italienische Lehrer und antifaschistische Partisan Albertelli war den deutschen Besatzern am 1. März aufgrund einer Denunziation in die Fänge geraten. Er wurde gefoltert, soll aber keinen Genossennamen preisgegeben haben. Selbstmordversuche scheiterten. In den Höhlen endete er, wie die anderen, durch Genickschuß. Dann strich SS-Hauptsturmführer Erich Priebke den jeweiligen Namen in der Liste durch.*
~~~ Priebke setzte sich nach Argentinien ab. Später wurde er, trotz Verfolgung und Gerichtsverfahren, im römischen angeblichen »Hausarrest« noch 100 Jahre alt. Albertelli starb mit 36. Nach ihm sind mehrere italienische Straßen und Schulen benannt.
~~~ Erstaunlicherweise erörtert das Kölner Domradio die Frage der »Rechtmäßigkeit« von opferreichen Partisanen-einsätzen nicht. Dadurch erspart es uns die Frage, was deutsche »Sicherheitskräfte« eigentlich in Italien, auf dem Balkan oder in Rußland zu suchen hatten.
* Roland Juchem am 24. März 2024: https://www.domradio.de/artikel/vor-8o-jahren-gab-es-das-massaker-ardeatinischen-hoehlen
Albrecht, Kurt, ein junger deutscher »fahnenflüchtiger« Soldat aus der Pfalz. Er war kein Partisan gewesen; er hatte nur nach Hause gewollt. Der Arbeitersohn und kaufmännische Lehrling, inzwischen 17 Jahre alt, wurde wenige Tage vor Kriegsende in Niedersachsen geschnappt und am 28. April 1945 – Bremen war bereits von den Briten besetzt – unter Vorsitz von Marineoberstabsrichter Dr. Kurt Göller in Osterholz-Scharmbeck zum Tode verurteilt und noch am Abend auf dem Schießplatz des dortigen Schützenvereins »standrechtlich« erschossen. Albrechts buchstäblicher Fall hat zwei besondere Merkmale. Zum einen veranschaulicht er, was der Sinn von Schützenvereinen ist. Zum anderen zeigt er den Mut von Bernd Göller. Als Albrechts Fall um 2005 erfreulicherweise von Osterholzer Berufsschülern ans Tageslicht gebracht wurde, bekannte der damals schon knapp 70jährige Sohn des Marineoberstabsrichters öffentlich*, er schäme sich für seinen Vater und verneige sich vor Albrecht, dem Opfer von »furchtbaren Juristen, deren Einer mein Vater war …« Der 1984 gestorbene Richter, der nach dem Krieg in Baden-Württemberg als »Fürsten-Anwalt« erneut Karriere machte, hatte selbst seinen fünf Kindern gegenüber bis zum letzten Atemzug eisern geschwiegen.
* Laut Lutz Rode, »Der Vater erzählte nichts von diesem Kapitel«, Osterholzer Kreisblatt vom 28. April 2009, im folgend verlinkten Pdf auf Seite 43 wiedergegeben: https://www.bbs-ohz.de/wp-content/uploads/2022/07/Projekt_Kurt_Albrecht.pdf
Alpi, Ilaria ~ Die 32jährige italienische TV-Journalistin wurde im März 1994 mitsamt ihrem Landsmann und Kameramann Miran Hrovatin (44) bei einem Überfall auf ihren Jeep in Mogadishu, Somalia, erschossen. Der Grund wird meist in ihrer Spurensuche nach ungesetzlichen Waffen- und Giftmülltransporten vermutet, in die wahrscheinlich italienische Behörden verstrickt waren, Armee eingeschlossen. Der Fall gilt nach wie vor als ungeklärt. Nach Alpi wurden ein Preis für Fernseh-journalismus und eine Bozener Schule benannt.
~~~ Laut englischer Wikipedia waren die beiden Opfer in den Hinterhalt eines siebenköpfigen Kommandos geraten. Zwar sei ein Einheimischer später wegen dieses Doppelmordes zu einer hohen Haftstrafe verurteilt, jedoch 2016 von einem italienischen Gericht in Perugia wieder in Freiheit gesetzt worden. Er habe drei Millionen Euro Entschädigung bekommen, alle Achtung. Vermutlich flossen sie nicht aus der Privatschatulle eines römischen Regierungsmitgliedes. Ob Alpis Verdacht inzwischen erhärtet oder zerstreut werden konnte, ist in so gut wie keiner Quelle zu lesen. Rühmliche Ausnahme stellt ein ausführlicher Aufsatz des langjährigen US-Korrespon-denten in Afrika Michael Maren dar.* Geboren 1955, scheint er jetzt in der Nähe von NYC zu leben. Sein Aufsatz findet sich auch auf seiner Webseite und stammt demnach aus dem Jahr 1998.
~~~ Maren schreibt, er sei der kleinen, dunkelblonden Kollegin lediglich 45 Minuten vor ihrem Tod zum ersten Mal begegnet. Sie erzählte ihm im gemeinsamen Hotel, sie sei in dem in jeder Hinsicht knallheißen Land erschienen, um den Rückzug italienischer Truppen zu verfolgen. Sie hatte sich bereits bei Offizieren über Mißhandlungen von einheimischen Gefangenen beklagt. Laut Maren verschwanden ihre Notizbücher zumindest teilweise beim Transport der Leiche per Flugzeug nach Rom. Über jenen Verdacht mit den Schiebungen sprach sie bestenfalls andeutungsweise. Die Kollegin, von Hause aus eher schüchtern, sei mutig, fleißig, uneitel gewesen und habe fließend arabisch gesprochen. Nach dem Überfall schwor der US-Kollege Aufklärung.
~~~ Alpis Eltern Giorgio, einen römischen kommuni-stischen Arzt, und Frau Luciana, hielt Maren anfänglich für VerschwörungstheoretikerInnen. Im Zuge seiner Recherche kam ihm allerdings auch die strafrechtliche Verfolgung des Somaliers Hashi Omar Hassan als Vertuschungsmanöver vor. Es gab zu viele Ungereimt-heiten. Für Maren war der Anschlag kein zufälliger Akt in der von Gewalt brodelnden Stadt Mogadischu, jedenfalls kaum ein Raubüberfall, von dem Offizielle gern sprachen. Für ihn wurde Alpi planvoll ermordet durch einen gezielten Schuß in den Hinterkopf. Fahrer und der einzige Leibwächter blieben unverletzt.
~~~ Die amtlichen Untersuchungen stellt Maren als fragwürdig dar. Alpis Eltern sähen sich von Regierung und Militär belogen. Nach Marens Recherche fragte Alpi kurz vor ihrem Tod auch einen bekannten Warlord aus der großen Hafenstadt Bosaso nach jenen Schiebungen aus. Anscheinend deutete der Mann in Fischerbooten versteckte Waffen aus Rom an. Italien war ja die letzte Kolonialmacht in dem auf dem Äquator ächzenden Land gewesen. Anschließend schien es den Küstenstrich gern als Riesengeldwaschplatz zu nutzen. Nebenbei weist Maren auf die Konkurrenz zwischen den ehemaligen Kolonial-herren und den Yankees hin. Grundsätzlich sei eine für Mitteleuropäer kaum vorstellbare Korruption allseitig und allgegenwärtig gewesen. Somalia war und ist auch ein Schmuggelparadies.
~~~ Es gelang Maren nicht, neues und grelles Licht auf diesen Mordfall zu werfen, aber seine Darstellung ist auch ohnedem schon für Grusel gut. Nur Alpi, Hrovatin und einige andere junge KriegsberichterstatterInnen haben nichts mehr zu befürchten. Hoffen wir es jedenfalls.
* »The Mysterious Death of Ilaria Alpi«, https://somalitalk.com/sun/alpi.html
Ambros, Emerich (1896–1933). Nach dem ungarisch-deutschen gelernten Klempner ist in Dresden eine Straße benannt, die erstaunlicherweise sogar die »Wende« um 1990 überstanden hat. Ambros war nach dem Ersten Weltkrieg (zuletzt Sanitätsunteroffizier) im Dresdener Reichsbahnausbesserungswerk beschäftigt. Er war Sozialdemokrat und Gewerkschafter und galt als hervor-ragender Redner. Ab 1925 Partei- und Konsumvereins-Funktionär in Löbau (bei Görlitz), wurde er im September 1933 aufgrund womöglich »bestellter« Anschuldigungen einer Konsum-Angestellten (sexuelle Belästigung) verhaftet. Im Verhör habe er diese Anschuldigungen entkräften können, sodaß ihn das Löbauer Amtsgericht eigentlich wieder freilassen wollte. Darüber habe sich der Stadtrat jedoch auf Betreiben des NSDAP-Kreisleiters Hans Reiter hinweggesetzt und ihn (am 25. September) ins KZ Hohnstein überstellen lassen, schreibt eine Biografin.* Dort sei der 37jährige, sehr wahrscheinlich »infolge von Misshandlungen durch seine SA-Bewacher«, schon anderntags umgekommen. Wenige Wochen darauf, Mitte November, folgte ihm seine etwas jüngere Frau Käte mit den beiden halbwüchsigen Kindern Wolfgang und Gerda, indem sie, inzwischen anscheinend nach Dresden zurück gezogen, mit Hilfe von Gasvergiftung Selbst- beziehungs-weise Kindesmord beging. Ein krasser Schritt, für den manche Gründe denkbar sind. Leider wird er aber nirgends beleuchtet. Gibt es zu Emerich Ambros im Internet bestenfalls Dürre, muß man Käte Klara Ambros geb. Fritzsche auf dem Mond suchen.
* Nadine Kulbe, »Emerich Ambros«, in: Sächsische Biografie, 20. März 2012: https://saebi.isgv.de/biografie/161
Aquash, Anna Mae ~ Die Pine-Ridge-Reservation unweit der Black Hills in Süd-Dakota ist nur noch ein Schatten der stolzen Prärieindianerverbände, die hier einst nach Büffeln jagten. Sie zählt zu den ärmsten Gegenden der USA. Arbeitslosigkeit und Alkoholismus sind enorm. In den 1970er Jahren kam es immerhin zu handfestem Widerstand gegen die korrupten »Führer« der Reserva-tion, die Schikanen seitens der US-Indianerbehörden und des zum Himmel schreienden Unrechts überhaupt, das den »Rothäuten« in ihrem eigenen Land schon angetan worden war. Laut Erik Lorenz' Biografie* über die DDR-Schriftstellerin und Anwältin der IndianerInnen Liselotte Welskopf-Henrich wurden in jenen unruhigen Jahren von rund 8.000 Angehörigen der Reservation rund 250 umgebracht. »Nur gut 40 Fälle wurden überhaupt untersucht, und das auch nur dann, wenn die Polizei eine Chance witterte, den Totschlag einem AIM-Mitglied anhängen zu können.«
~~~ Wenn sich Lorenz freilich die Ansicht Mary Crow Dogs, einer Freundin des Opfers, zu eigen macht, auch der Mord an Anna Mae Aquash gehe aufs Konto der US-Behörden und deren Handlanger, scheinen Zweifel angebracht. Dieser Mordfall ist bis heute stark umstritten. Die schwarzhaarige Mi′kmaq-Indianerin, 1945 in Kanada geboren, hatte sich erst nach ihrer zweiten Hochzeit Aquash genannt. Crow Dog schildert die Freundin als hübsche, fröhliche, stets mit Energie geladene Person. So wurde Aquash trotz ihrer geringen Körpergröße, 1 Meter 50, ein prominentes Mitglied des American Indian Movement (AIM). 1972 beteiligte sie sich am machtvollen »Zug der gebrochenen Verträge«, dann an der Besetzung in Wounded Knee (1973). Dieser schicksalsträchtige Ort liegt in der Pine Ridge Reservation. Im Sommer 1975 hielt sich Aquash mit rund 20 anderen AIM-Aktivisten auf der Jumping Bull Ranch der Reservation auf. Es kam zu einem Schußwechsel mit zwei Fahndern des FBI, bei dem die beiden Beamten und ein AIM-Mitglied starben. Die toten Polizisten wurden später Leonard Peltier zur Last gelegt, der deshalb lange Jahre im Knast verbrachte. Er wurde erst im Frühjahr 2025, wohl aus Altersgründen, in Hausarrest entlassen. Nach der Schießerei verdächtigte die AIM Aquash, Polizeispitzel zu sein und unterzog sie Ende 1975 etlichen Verhören. Dabei soll zumindest teilweise Peltiers Anwalt Bruce Ellison zugegen gewesen sein, der später jede Aussage den Behörden gegenüber verweigerte. Anfang 1976 war Aquash tot. Ihr bereits halb verwester Leichnam wurde an einem Highway der Reservation gefunden.
~~~ Es hieß zuerst, sie sei erforen, dann wurden Schußwunden festgestellt, die nach einer Hinrichtung aussahen. In der Folge beschuldigten Ohrenzeugen und Kriminalbeamte mehrere Indianer des Mordes an Aquash – die sich wiederum gegenseitig beschuldigten und einander kräftig widersprachen, ob vor Gericht oder in Publikationen. Auch diverse nichtbeschuldigte AIM-FührerInnen sind bis heute geteilter Ansicht. 2004 und 2010 wurden schließlich die IndianerInnen Arlo Looking Cloud, John Graham und Thelma Rios verurteilt. Es gab zumindest Teilgeständnisse, aber geklärt ist nichts. Einige BeobachterInnen glauben, Aquash sei beseitigt worden, weil sie in der Tat Zeugin des Mordes an zwei FBI-Beamten durch Peltier oder jedenfalls eines Eingeständ-nisses von Peltier gewesen sei. Diese Überzeugung teilen auch die beiden Töchter Aquashs aus erster Ehe, Denise und Deborah, wie aus einer jüngeren Darstellung Rebecca Hillauers hervorgeht.** Die Berliner Journalistin schreibt, sie habe sich 2022 selber wegen Nachforschungen in der Reservation aufgehalten und führt einige Aussagen an. Sie behauptet nebenbei, die »geschlechtsspezifische Gewalt gegen indigene Frauen« stelle in den USA eine grund-sätzliche und bekannte Erscheinung dar.
~~~ Andere glauben, das FBI habe kräftig Spuren ver-wischt und gefälscht, um den in eigener Regie begangenen Mord an Aquash, die längst auf der »Abschußliste« gestanden hätte, der verhaßten AIM in die Schuhe schieben zu können. Beide Versionen sind nicht unwahrscheinlich. Vielleicht überschneiden sie sich sogar, wenn man an die bekannten, weltweit üblichen Verstrickungen zwischen den »Sicherheitskräften« und Geheimdiensten eines Regimes einerseits und den »regimefeindlichen« Gruppierungen andererseits denkt. Was Deutschland betrifft, siehe RAF und NSU.
* Erik Lorenz, Liselotte Welskopf-Henrich und die Indianer, Chemnitz 2009, S. 249–51
** https://hillauer.de/2025/12/11/gerechtigkeit-fuer-anna-mae-aquash/
Archipowa, Valentina (1919–43) ~ Die verheiratete Eisenbahn-Schaffnerin aus der Sowjetunion, Mutter zweier Kinder, war zuletzt mit etlichen Millionen anderen Menschen Zwangs- oder FremdarbeiterIn des deutschen Faschismus. Die elende und erniedrigende Lage wurde in ihrem Fall noch durch ein haarsträubendes Todesurteil gekrönt. Aufgrund des Krieges von ihrer Familie getrennt und durch falsche Versprechungen gelockt, hatte Archipowa im Frühjahr 1942 eine Arbeitsverpflichtung unterschrieben. Sie kam mit berüchtigtem »Ostarbeiter-transport« nach Frankfurt/Main und wurde der Sindlinger verwitweten Bäuerin Rosina Bayer zugeteilt. Schon Mitte August suchten jedoch Brandbomben deren Anwesen heim. Die junge Russin half beim Löschen und wurde kurz darauf einem anderen Hof überlassen. Allerdings hatte sie im Schutt der Brandstelle zwei oder drei Meter, teils angesengten Stoff gefunden, den sie nun bei einem polnischen Kollegen gegen einen gebrauchten Mantel eintauschte, denn der Winter nahte. Davon bekam leider durch dummen Zufall der stellvertretende Ortsgruppen-leiter Hans Berninger Wind, der sie unverzüglich anzeigte.
~~~ Die Gestapo blies Archipowas »Diebstahl« sowohl dem Umfang nach wie durch die Einstufung als »Plünderung« auf, von den Verhörmethoden und den Haftbedingungen einmal zu schweigen – auf Plünderung stand nämlich, laut »Volksschädlingsverordnung«, die Todesstrafe. Prompt wurde diese von einem Assessor Pütz, wohl im Juli 1943, vor dem Frankfurter Sondergericht beantragt. Dann folgten noch sechs Wochen Wartezeit in der Todeszelle wegen eines Gnadengesuchs – die übliche, aber selten gewürdigte Folter für Häftlinge dieser Art. Nach Ablehnung des Gesuchs kommt Archipowa Ende August 1943 im Gefängnis Preungesheim unters Fallbeil. Sie dürfte 24 gewesen sein.
~~~ Die Quellen, darunter Wikipedia und ein Sammel-band* von 1987, sind spärlich und etwas schwammig. Um 1970 wurde Archipowas Schicksal dank einer Fernseh-dokumentation Reinhard Ruttmanns bekannt.** Ob ihre Verfolger und Mörder noch belangt wurden, geht aus den mir zugänglichen Quellen nicht hervor.
* Barbara Bromberger / Katja Mausbach, Frauen und Frankfurt. Spuren vergessener Geschichte, Ffm 1987, S. 79–81
** https://www.facebook.com/fritz.bauer.institut/posts/10152705848666617/, 3. September 2014
Arias, Luis Felipe (1876–1908) ~ Der Guatemalteke war Pianist und Komponist »klassischer«, wenn auch stark »folkloristisch« gefärbter musikalischer Werke. Bei einem Künstler aus Mittelamerika verwundert es natürlich kaum, wenn er im Internet als weitgehend unbeschriebenes Blatt erscheint. Aufgrund seines Musikstudiums in Italien (Stipendium) machte Arias sein Heimatland mit zeitgenössischer europäischer Musik bekannt und wurde schon als 25jähriger Professor und Direktor des Konservatoriums in Guatemala-Stadt. Für etliche eigene Arbeiten bekam er Preise. Warum er als 31jähriger im März 1908 zur Nachtzeit auf der Straße ermordet wurde, ist angeblich nie geklärt worden. Nach Jamie Bisher* sprachen Oppositionelle einige Jahre später jedoch davon, »Diktator« Manuel Estrada Cabrera habe den (kritischen?) Musiker von einem Agenten beseitigen lassen. Michael F. Fry** macht den »gedungenen Mörder« des Musikers sogar namhaft: Nicolás Cardillo. Der Mann sei dafür bekannt gewesen, für Estrada Cabrera zu arbeiten.
~~~ Um Auskünfte oder Ratschläge gebeten, zeigt sich selbst der Komponist und Musikwissenschaftler Dieter Lehnhoff überfragt. Ich hatte Bishers Hinweis sowie den Mangel an Angaben zur Persönlichkeit Arias‘ erwähnt. Lehnhoff schreibt mir (am 10. August 2018) aus 01016, Guatamala, C.A., wo er an der Universität Rafael Landívar lehrt, leider gebe es in der Tat lediglich spärliche Informationen aus sekundären Quellen. Er könne mir bedauerlicherweise nicht weiterhelfen. Mit Erfolgs-wünschen und herzlichen Grüßen …
* The Intelligence War in Latin America, 1914–1922, USA 2016, S. 230
** Historical Dictionary of Guatemala, Lanham, Maryland (USA) 2018, S. 52. Laut Verlagsangabe lehrt Fry lateinamerikanische Geschichte am Fort Lewis College, Durango, Colorado. / 2013 wird Cardillo auch in diesem Artikel über Arias als »Auftragsmörder« des Diktators erwähnt: https://www.prensalibre.com/vida/escenario/breve-vida-musical-llena-prodigios-0-990500956/#google_vignette.
Arjona, Zayda Peña (1981–2007), Sängerin der mexikanischen Gruppe Zayda y Los Culpables. In der kirschmündigen Blonden und ihrer polierten Schlager-musik trafen sich anscheinend zwei Glätten, wie man sie etwa auch von Tomatenhäuten und Gurkenschalen kennt. Ob ihr Hit »Amor ilegal« wirklich kritisch vom Drogenkonsum handelte, wie man meist liest, kann ich nicht beurteilen. Ansonsten besang sie, mit allen in dieser Sparte, bis zum Erbrechen die Liebe.
~~~ Möglicherweise ging es auch bei ihrem gewaltsamen Ende um diese. Frontfrau Arjona wurde neben zwei Personen, die in gewissen tonangebenden Quellen als Männer hingestellt werden, zur Zielscheibe, als sie Ende November 2007 nach einem Konzert (oder Besuch?) in ihrer Heimatstadt Matamoros (Grenzstadt zu Texas) in ihr dortiges Hotel Monaco zurückkehrte. Während die beiden anderen Opfer der motorisierten Schützen auf der Stelle starben, wurde Arjona durch eine Notoperation im Hospital Alfredo Pumarejo zunächst aus der Lebensgefahr gebracht – allerdings nur für ein paar Stunden. Dann, am folgenden Morgen, drangen mehrere Bewaffnete ins Hospital ein und gaben der 26jährigen Künstlerin in ihrem Krankenzimmer vor den Augen des Klinikpersonals kaltblütig den Rest.
~~~ Einige Quellen deuten an, die »Sicherheitskräfte«, die Arjona hatten bewachen sollen, seien wahrscheinlich bestochen worden. Das US-Magazin People rückte übrigens schon wenige Tage nach dem Vorfall mit den Namen der im Hotel erschossenen BegleiterInnen Arjonas heraus.* Es handelte sich um den Hotelangestellten Leonardo Sánchez und Arjonas enge Freundin und häufige Begleiterin Ana Bertha González. Das Magazin führte auch die Vermutung an, die fotogene Frontfrau sei lesbisch gestimmt gewesen. Zu den Verdächtigen habe die Polizei einen ehemaligen Geliebten Ana Berthas gezählt.
~~~ Wie so oft in Mexiko, verliefen die polizeilichen Ermittlungen im Sande. Der Fall ist bis heute ungelöst, das mutmaßliche Mordmotiv umstritten. Sollten Drogenbosse ihre Hände im Spiel gehabt haben, dann möglicherweise »nur« wegen Arjonas Mutter, wohl gelernte Rechtsanwäl-tin, jedenfalls Juristin. Sie war zur Tatzeit bei der Generalstaatsanwaltschaft beschäftigt und dadurch für Verfolgungsmaßnahmen gegen die Mafia mitverantwort-lich. Das steht auch in einem jüngsten Gedenkartikel einer offenbar einflußreichen mexikanischen Tageszeitung.** Autorin Martinez stellt fest, bekanntlich hagele es in Mexiko seit Jahrzehnten Morde, gern an Journalisten, aber auch an mehr oder weniger kritischen Künstlern. Erst ein Jahr vor Arjona war ihr populärer, nur geringfügig älterer Berufskollege Valentín Elizalde (27) aus einer Gangsterlimousine heraus geradezu durchsiebt worden.
* »Zayda Peña Arjona Murder: Crime of Passion?«, https://peopleenespanol.com/article/zayda-pena-arjona-murder-crime-passion/, 4. Dezember 2007
** Rubi Martinez, https://www.milenio.com/policia/caso-zayda-pena-como-ocurrio-asesinato-cantante-tamaulipas-2007, 23. September 2025
Arthur I. ~ Seine Pechsträhne begann schon vor seiner im Jahr 1187 erfolgten Geburt. Er lernte seinen Vater, den Herzog der Bretagne Gottfried II., gar nicht kennen, war dieser doch kurz vorher bei einem Turnier in Paris von einem Pferd zertreten worden. Dann geriet der Sprößling in die verlustreiche englisch-französische Balgerei um die Macht. Ein Bruder Gottfrieds war Richard, als »Löwenherz« und, seit 1189, auch »König von England« wohlbekannt. Ihm hatte Arthurs Mutter Konstanze die Vormundschaft über den Erbprinzen und Anwärter auf den englischen Thron verweigert. Stattdessen hatte sie ihren Knaben zum neuen Herzog von Bretagne erklärt und einstweilen in die Obhut des französischen Königs Philipps II. gegeben, einem Erzfeind Richards. 1199 wurde dessen »Löwenherz« zu Konstanzes Freude bei der Belagerung einer abtrünnigen Burg in Mittelfrankreich von einem Armbrustbolzen stillgelegt. Nun schwang sich freilich Johann Ohneland, wieder ein anderer Bruder Gottfrieds und Richards, auf den englischen Thron, was sowohl Konstanze wie dem Löwenanteil des französischen Adels mißfiel. Mit der Rückendeckung Philipps II. belehnte Konstanze ihren Sprößling mit weiteren französischen Herzogtümern und nötigte den ungefähr 15jährigen Knaben, sich im Sommer 1202 an die Spitze eines Heeres zu setzen, um diese Belehnung, zunächst in Poitou, auch militärisch durchzusetzen.
~~~ König Johann Ohneland klebte jedoch insofern nicht an seinem englischen Thron, als er Arthur bei dessen Belagerung von Mirebeau (wo Johanns Mutter Eleonore Hof hielt) übertölpelte und gefangen nahm. 1203 von William de Braose nach Rouen überführt und dort eingekerkert, verschwand der umstrittene edle Knabe nahezu spurlos in der Versenkung. Die HistorikerInnen gehen heute zumeist davon aus, Johann habe ihn töten und verscharren lassen. Die zeitgenössischen margam annals wollen es genauer wissen: der betrunkene und »vom Teufel besessene« Johann habe den Knaben am Gründonnerstag in der Burg von Rouen eigenhändig erschlagen und seinen Leichnam, mit einem Stein beschwert, in die Seine geworfen. Das wäre dann noch nicht der letzte Racheakt des eisernen Johann gewesen. Da William de Braose nach Arthurs Verschwinden stark in Johanns Gunst gestiegen war, wurden die beiden der Komplizenschaft verdächtigt, und in der Tat klagte Williams Frau Maud den König Johann viele Jahre später im Rahmen eines Streites des Mordes an Arthur an. Darauf wurde sie mitsamt ihrem ältesten Sohn ins Gefängnis geworfen, wo sie verhungerten, während sich Schurke William dünne machen konnte.
~~~ Wie so oft, fanden auch diese mit manchem Herzblut verbundenen Schauergeschichten ihren malerischen und literarischen Nachhall, unter anderem in Shakespeares Drama König Johann, worin der Knabe Arthur erst auf der Flucht aus dem Kerker sterben muß. Friedrich Dürrenmatt machte 1968 (Aufführung in Basel) eine Art in herrschenden Kreisen spielende Gangsterkomödie aus Shakespeares Werk – mit der Moral, der kleine Mann sei immer der Dumme, wie damals der Spiegel meinte (»Unter einer Decke«, Nr. 39/1968). So etwas würde das Wochenblatt heute nicht mehr schreiben.
Artmeier, Maria-Luise ~ Dieser Mord an einer jungen Frau ist seit über 50 Jahren unaufgeklärt. Dabei fand er keineswegs im hintersten, von allen Mitmenschen leer-gefegten Bayerischen Wald statt. Deshalb darf man wohl von einem betrüblichen, vielleicht auch beschämenden Stand der Dinge sprechen. Das schließt die haarsträubende Dürre im Internet ein. Es gibt noch nicht einmal einen Wikipedia-Artikel. Den Erstbericht* der Süddeutschen Zeitung mußte ich deren Archiv auf Verdacht abbetteln.
~~~ Danach kam am 25. Juni 1974 gegen 23 Uhr in der Münchener Schleißheimer Straße ein roter Ford-Escort ins Schleudern. Er wirft zwei ältere Damen auf einer Halteinsel der Straßenbahn um und kommt dann auf dem Hochgleis der Trambahn zum Stehen. Am Steuer zusam-mengesunken das Mordopfer. Der Notarzt stellt einen Messerstich ins Herz fest. Die 25jährige Philologie-studentin stirbt im Krankenhaus. Ihre Handtasche ist unangetastet. Die Mordwaffe, ein langes Küchenmesser, fehlt und wird nie gefunden. Tatort war sehr wahrschein-lich ein nur 200 oder 300 Meter entfernter Parkplatz. Weder dort noch in Artmeiers Wagen hätte die Polizei hilfreiche Spuren entdecken können, meldet die Münchener tz am 11. Dezember 2012 in einem sehr kurzen Rückblick auf den ungelösten Mordfall.
~~~ Ein Porträtfoto weist Maria als hübsche Frau mit schulterlangem Haar aus. Sie war schon seit 1971 verheiratet. Das als gesellig geschilderte Ehepaar bewohnt ein Reihenhaus. Alfred Dieter Artmeier (26) ist U-Musiker, Gitarrist in einer bekannten Fernsehshow. Am verhängnisvollen späten Abend habe er seine Frau bereits gesucht. Sie waren in zwei Autos zu einer Verabredung Marias in einer Pizzeria gefahren. Nach dem Essen erklärt sich Alfred bereit, die ihm bis dahin unbekannten drei Freunde seiner Frau in seinem roten Audi nach Hause zu fahren. Da die beiden Wagen nicht am selben Ort abgestellt waren, bekam er Marias Abfahrt von dem erwähnten Parkplatz nicht mit. Möglicherweise war Maria beim Einsteigen von dem mutmaßlichen Täter angegriffen worden und bemühte sich dann, während er floh, als Schwerverletzte mit ihrem Wagen Hilfe zu suchen. Das muß eine makabere Fahrt gewesen sein. Zeugen fanden sich anscheinend nicht.
~~~ Wenig später teilt die SZ in einer nachgeschobenen Notiz mit, die Polizei habe inzwischen zwei Männer verdächtigt, doch sie hätten unwiderlegbare Alibis beigebracht. Ende 2013 bringt das Blatt noch einen knappen Rückblick. Für die Polizei stelle der Mordfall Artmeier nach beinahe 40 Jahren noch immer ein Rätsel dar. Bis dahin hat die angesehene Zeitung, wenn ich mich nicht sehr täusche, über das Wesen der Ermordeten und mögliche Schwierigkeiten oder Feinde nicht ein Wort verloren. Diesem Hintergrund, außerdem verschiedenen Theorien, ist die Polizei ja jede Wette nachgegangen. Aber sie verriet nichts davon? Und 2015 nahm Manfred Schreiber, zur Mordzeit Münchener Polizeipräsident, alles mit ins Grab. Er war knapp 90 geworden.
~~~ Ich nehme an, einen eher zufälligen Streit mit tödlichem Ausgang zog die Polizei kaum in Betracht; schließlich laufen die BürgerInnen in der Regel nicht mit langem Küchenmesser im Ärmel durch die Stadt. Ergo hatte jemand – falls es ein Mann war – aus dem Umfeld der Familie Artmeier Begierde nach Maria oder noch irgendein Hühnchen mit ihr zu rupfen. Der Ehemann scheint ja, wie jene zwei Verdächtigen, kraft Alibi aus dem Schneider zu sein, weil er eben die Freunde nach Hause fuhr. Übrigens kann das Ehepaar kein bitterarmes gewesen sein, und Hippies, Rocker oder Junkies waren die beiden offenbar auch nicht. Trotzdem hat jemand, der möglicherweise noch zur Stunde in seinem Lieblingssessel sitzt, sein Messer gewetzt. Sollte er keine »guten« Gründe gehabt haben, war er vielleicht hochgradig verrückt.
* Johann Freudenreich, »Junge Frau im Auto erstochen«, SZ 27. Juni 1974, Seite 9
Axen, Rolf (1912–33) ~ Mein Brockhaus kennt nur seinen ungleich bekannteren jüngeren Bruder Hermann. Der brachte es bis zum Sekretär des Zentralkomitees der SED und Mitglied des Politbüros, wo er für Außenpolitik zuständig war. Solchen steilen Aufstieg konnte man natürlich von Rolf, dem sächsischen Schlosser und Funktionär der KPD aus jüdischem Hause, schlecht verlangen, weil er nur 21 wurde. Neben seiner Heimatstadt Leipzig waren seine Hauptwirkungsorte Zittau und Bischofswerda. Im September 1933 verhaftet, starb Rolf Axen noch im selben Monat »an den Folgen von Miss-handlungen während der Vernehmungen im Polizei-präsidium Dresden«, also durch die dortige Gestapo.*
~~~ Soweit ich weiß, waren zu DDR-Zeiten mehrere Straßen und/oder Einrichtungen nach diesem jungen und anscheinend todesmutigen antifaschistischem Kämpfer benannt, wohl hauptsächlich in Leipzig und Zittau. Aber bekanntlich »wandte« sich die DDR um 1990 dem Freien Westen zu, und damit mußte zum Beispiel eine ehemalige Leipziger Polytechnische Oberschule ihren Namensgeber Rolf Axen verleugnen. Einziges Überbleibsel dieser Art soll bislang die ehemalige Bahnhofstraße im Leipziger Stadtteil Kleinzschocher sein, in der Axen zumindest zeitweise gewohnt hatte. Sie wurde gleich nach Kriegsende, am 1. August 1945, nach ihm benannt. Mal sehen, ob diese Rolf-Axen-Straße auch noch die Wende Großdeutschlands zum waffenstrotzenden Widersacher Rußlands übersteht.
~~~ Immerhin macht sich das Dresdener Stadtmuseum für Axens Grabstätte auf dem Israelitischen Friedhof stark – obwohl oder weil sie beinahe kauzig wirkt. Sie weist zwei Grabsteine auf, die im wesentlichen nur im Sterbedatum übereinstimmen. Dazu liefert das Internet sogar eine Erläuterung (4. April 2022) mit Foto.
* André Loh-Kliesch, Leipzig-Lexikon, Stand 2026: https://www.leipzig-lexikon.de/biogramm/Aksen_Rudolf.htm
Einige wichtige Fälle habe ich bereits früher andernorts behandelt, so etwa die folgenden drei. Zu solchen Fällen gebe ich in dieser Arbeit lediglich Verweise beziehungs-weise Links. Der Revolutionär François Noël »Gracchus« Babeuf wurde (1797) von den französischen Revolutio-nären hingerichtet. Die Mädchen Anna Bachmeier († 1980) und Kalinka Bamberski († 1982) finden Sie im ersten Pdf meines Genickbruchs auf den Seiten 88 und 92.
Bancic, Olga ~ Die französische Résistance gegen die BesatzerInnen und Kollaborateure war eine Massenbewe-gung, angesichts derer jenen Grafen und Offizieren des hochgelobten deutschen »Widerstands« die Naziuniform-hosen und Orden geschlottert hätten. Entsprechend zahlreich fiel der Blutzoll an. Allein am 21. Februar 1944 wurden in der Festung Mont Valérien bei Paris knapp zwei Dutzend zum Tode verurteilte WiderstandskämpferInnen erschossen. Die rumänischstämmige Kommunistin aus jüdischem Hause Olga Bancic war noch nicht dabei, weil die deutschen Faschisten ein französisches Gesetz achteten, wonach das Erschießen von Frauen unstatthaft sei. Anders erging es dem 37jährigen Anführer der Verurteilten, die im Rahmen der nach ihm benannten Gruppe Manouchian zahlreiche Sabotageakte gegen die Wehrmacht durchgeführt hatten. Dem armenischen Bauernsohn Missak Manouchian hatten vor 1925 bereits die türkischen Nationalisten zugesetzt: deshalb war er nach Frankreich geflohen – und vom Regen in die Traufe gekommen. Er ernährte sich als Fabrikarbeiter bei Citroën, verfaßte Gedichte, betreute Literaturzeitschriften, schloß sich der französischen KP an. Nach der Besetzung (1940) baute er eine Partisanengruppe auf.
~~~ Mutigen Genossinnen wie Olga Bancic kam dabei auch deshalb große Bedeutung zu, weil sie, etwa beim Schmuggeln der zum Anschlag auf eine Kaserne erforderlichen Waffen und Bomben, als Frauen wenig Verdacht erregten. Manchen Leser könnte es freilich makaber anmuten, wenn die Bombe beispielsweise im Kinderwagen schlummerte. Bancic hatte sogar selbst eine Tochter: Dolores, die den Faschismus überlebte. Ihre erste Erfahrung mit der Repression hatte Bancic bereits als 12jährige Kinderarbeiterin einer bessarabischen Matratzenfabrik gemacht: wegen Beteiligung an einem Streik wurde sie verhaftetet und verprügelt. 1939, schon in Frankreich, heiratete sie den rumänischen Schriftsteller Alexandru Jar, Vater ihrer Tochter. Er starb 1988 in Bukarest. Nach den Pariser Erschießungen wurde Bancic nach Stuttgart gebracht, dort noch einmal ordungsgemäß zum Tode verurteilt und sehr wahrscheinlich auch erneut gefoltert und schließlich am 10. Mai 1944 im Hof des Gefängnisses durch Enthaupten hingerichtet. Wahrlich ein umwerfendes Geschenk, denn ob Zufall oder nicht, es war Bancics 32. Geburtstag. An die gesamte Gruppe erinnert in Paris die Rue du Groupe Manouchian.
~~~ Laut einem Mitstreiter aus der Widerstandsgruppe, Arsène Tchakarian, hatte Bancic ihre Tochter vorm Beginn ihrer militanten Geheimarbeit in die Obhut einer französischen Familie auf dem Land gegeben. Am Vortag ihrer Enthauptung in Stuttgart habe sie Dolores zum Abschied auf einem Zettel geschrieben, den sie in der Hoffnung, ein guter Mensch fände ihn, aus einem Fenster werfen konnte, teilt Olga Livshin aus Vancouver (Kanada) mit, eine Verwandte der Ermordeten. Das sind ergreifende Worte. Livshin zitiert sie.* Und sie behauptet, der Brief sei tatsächlich gefunden und nach dem Krieg zugestellt worden.
* Olga Livshin, »Heroine of French resistance«, https://www.jewishindependent.ca/oldsite/archives/april13/archives13april05-05.html, 5. April 2013
Baron, Thomas Ronald (1938–67) ~ In seinem Buch über die angebliche Mondlandung* streift Gerhard Wisnewski den angeblichen Verkehrsunfall Barons (ein irdischer, der tödlich ausging) nur in einem kurzen und wenig ergiebigen Absatz. Die spärlichen Internetquellen zum Schicksal des Raumfahrtingenieurs und »Whistle-blowers« aus Florida, USA, sind allerdings fast durchweg kaum üppiger und nützlicher. Der vergleichsweise junge Mann, um 30, hatte schon vor dem deftigen Apollo-1-Unglück vom 27. Januar 1967 zahlreiche Fahrlässigkeiten in der Vorbereitung angeprangert, die die Sicherheit der drei Astronauten gefährden mußten. Baron war bei der Herstellerfirma NAA (North America Aviation) eben dafür zuständig gewesen. Er spielte ein kritisches Memorandum Medien zu. Tatsächlich kamen die drei Apollo-1-Helden bei einem Test auf Cape Caneveral jämmerlich um, weil in der geschlossenen Raumkapsel ein Feuer ausgebrochen war. Baron war inzwischen (am 5. Januar) von NAA gefeuert worden. Der Ruf der geheiligten US-Raumfahrt-behörde NASA, Auftraggeber für die verunglückte Raumkapsel, war vorübergehend im Eimer. Die Haupt-gefahr stellten jetzt, wie es aussieht, nicht die Mängel der Raumkapsel dar, vielmehr Barons Enthüllungen.
~~~ Die einzige brauchbare Internetquelle stammt von dem erfahrenen Journalisten und Buchautor Gary Corsair, der lange in Florida lebte. Nach dessen noch junger Darstellung** wuchs Barons Memo binnen weniger Wochen nach dem Brand in der Kapsel auf ein 500-Seiten-Konvolut an, da ihm Insider weitere Informationen gegeben hatten. Ende Februar kam es sogar zu einer Anhörung im Kongreß, Washington D.C. Dort sei Baron jedoch verschwommen geblieben und habe recht nervös gewirkt, bis er schließlich seinen Kollegen Mervin Holmberg als wichtigen Zeugen nannte. Der stritt ab. Die Annahme (und Veröffentlichung) von Barons Konvolut wurde abgelehnt. Baron war blamiert. Inzwischen sei der Ingenieur sichtlich ein kranker, verfallender Mann geworden: entmutigt, schwere Diabetis, arbeitslos, um die Familie besorgt. Trotzdem habe er es für unabdingbar gehalten, weitere Schäden zu verhüten. Deshalb unterbreitete er auch dem vom texanischen Politiker Olin E. Teague geleiteten Untersuchungsausschuß ein warnendes Schriftstück. Sieben Tage darauf jedoch, am 27. April 1967, erwischte es ihn selber.
~~~ Baron wohnte an der Ostküste Floridas nicht weit vom bekannten »Weltraumbahnhof« Cape Canaveral mit Frau und zwei Kindern im Städtchen Mims. Am besagten Apriltag verließ er das Haus, seine Gattin und eine Stieftochter im Wagen, wegen einer Besorgung. Dabei hatte er unweit seines Hauses ein Bahngleis zu queren. Am betreffenden Bahnübergang stieß sein Wagen mit einem Zug zusammen. Drei Tote.
~~~ Von allen übrigen Quellen wird unweigerlich der Eindruck des Lesers erweckt, da sei eben, wie üblich, ein Fern- oder Güterzug herangebraust und habe Barons Wagen bedauerlicherweise in ein Wrack verwandelt. Anders Corsair. Er behauptet, der angebliche Zug sei kaum länger als Barons Limousine gewesen, und beide Fahrzeuge hatten lediglich mäßige Geschwindigkeit. Vielleicht handelte es sich um eine Art Abzweiggleis zu einem Fabrikhof (oder dem Raumfahrtgelände), auf dem gelegentlich auch einfach nur mit Lokomotiven gefahren oder rangiert wurde. Tatsächlich sprach auch der Star Advocate, eine Regionalzeitung, von einer am Unfall beteiligten »Florida East Coast Railway switch engine«, einer Rangierlokomotive also. Was nun Autor Corsair angeht, legt er mehrere Indizien, wie er glaubt, für ein Foulspiel auf den Tisch. Der ausgesprochen kurze Eisenbahnzug sei von einer Einrichtung der NASA aus unterwegs gewesen. Trotz geringer Geschwindigkeiten beider beteiligten Fahrzeuge hätten alle drei Opfer, eben die Wageninsassen, Schädelbrüche aufgewiesen. Baron habe einem Familienmitglied gegenüber von seiner Verfolgungsangst gesprochen. Tatsächlich sei sein Haus vor dem Unglück sowohl durchsucht wie beobachtet worden. Der 500-Seiten-Bericht des »Whistleblowers« verschwand – und tauchte bis heute nicht wieder auf. Die polizeiliche Untersuchung des angeblichen Unfalls zeigte etliche Ungereimtheiten. Für Corsair hätte der sorgsame Ingenieur an einem Bahnübergang weder jemals das Leben seiner Familie leichtsinnig aufs Spiel gesetzt, noch hätte er sich umgebracht, denn er plante, aus seinem Bericht ein Buch zu machen.
~~~ Der Mordverdacht liegt auf der Hand. Trifft er zu, hätten die führenden RaumfahrtfanatikerInnen für das Ziel, möglichst bald drei Leute auf den Mond zu bringen, allein in der Etappe Apollo-1 sechs Leute geopfert. Bedenkt man freilich die zahlreichen noch folgenden Opfer der Raumfahrt sowie den Vietnamkrieg, der damals tobte, ist diese Opferquote eher harmlos.
* Gerhard Wisnewski, Lügen im Weltraum / Von der Mondlandung zur Weltherrschaft, ursprünglich 2005, hier jüngste Auflage Rottenburg März 2020, mit aktuellem Nachwort; zu Baron S. 101–3
** https://lakeandsumterstyle.com/the-loneliest-man/, am 26. Februar 2021 im Lake & Sumter Style Magazine erschienen, Leesburg, Florida
# Was Zeitpunkte betrifft, insbesondere von Anhörungen oder Untersuchungsausschüssen, servieren die Quellen einen gewissen Salat, aus dem selbst Corsair, wie mir scheint, seine Füße nicht völlig herausbekommt.
Barron, Lonnie ~ Wenden wir uns schnell dem Vergnü-gen zu. Der 1931 in Louisiana geborene Farmersohn hatte sich nach seinem Militärdienst um 1955 dem Country- und Rockabilly-Gesang zugewandt und in kurzer Zeit zu einem »lokalen Elvis« im Raum Detroit, Michigan, gemausert. Er trat als »Mississippi Farm Boy« sowohl in Music Halls wie in beliebten Rundfunksendungen auf. Obgleich er 1955 die offenherzige Platte You’re Not The First Girl herausge-bracht hatte, wurde er mit Liebesbriefen überschwemmt. Davon bekam freilich, wie der Daily Monitor Leader (Mount Clemens) anderntags zu berichten wußte*, auch ein gewisser Roger Fetting (um 35) aus Lexington, Michigan, Wind, der sich am 9. Januar 1957 vor Barrons Haus in Richmond bei Detroit einfand, um dem Sänger die Briefe unter die Nase zu reiben, die Barron mit Fettings Gattin Bettie (32) gewechselt hatte. Daraus entspann sich ein Streit, den Fetting beendete, indem er das 25 Jahre alte Idol der einheimischen Jugend in den Kopf schoß.
* Laut https://www.hillbilly-music.com/artists/story/index.php?id=13487
Barsi, Judith und Mutter ~ Der Ehrgeiz von Judiths Mutter kommt die ganze Familie Barsi/Benko teuer zu stehen. Die Mutter, Maria Benko aus Ungarn, nun als Kellnerin in Los Angeles lebend, hat sich in den Kopf gesetzt, aus ihrem 1978 geborenen Töchterchen eine Schauspielerin zu machen. Ihren ersten Film, einen Werbespot für Donald Duck Orangensaft, dreht Judith mit 5 ½. In den nächsten Jahren tritt sie in mindestens 50 weiteren Werbespots, etlichen Fernsehserien und einigen Kinofilmen auf. Das Kind verdient im Schnitt rund 100.000 Dollar jährlich; laut englischer Wikipedia wären das derzeit immerhin rund 270.000 Dollar gewesen. Nun können sich die Eltern ein Haus kaufen. Allerdings wird Judiths Vater, der Ungar Jozsef Barsi, auf den Erfolg seiner »beiden Frauen« immer eifersüchtiger und reagiert zunehmend gewalttätig. Der seit langem komplexbeladene und alkoholsüchtige Flüchtling vorm kommunistischen Regime arbeitet in Los Angeles als Klempner. Er hat schon früher einige Kinder gezeugt und mißhandelt. Bei Judith stellen von ihrer Mutter konsultierte Kinderpsychologen schwere körperliche und seelische Störungen fest. Vermutlich nährten sich diese Störungen bereits von jenem Donald Duck Orangensaft. Judith wird fett, reißt sich selber Wimpern, ihrer Katze Schnurrhaare aus. Ihr Vater wirft mit Eßtöpfen nach Judith, landet wegen Alkohol am Steuer mehrmals im Gefängnis. Ihre Mutter – die bereits von ihrem eigenen Vater im dörflichen Ungarn schlecht behandelt worden war – alarmiert das städtische Jugendamt, das der Angelegenheit aber nicht nachgeht. Ankündigungen seiner Frau, ihn mit Judith zu verlassen, verstärken Jozsefs Wut. Maria versucht ihn seinerseits zu vertreiben, indem sie nicht mehr sauber macht, wodurch sich das Haus, wie Nachbarn finden, in einen »Schweinestall« verwandelt.
~~~ Der große Knall lag also in der Luft. Nach wiederholten Drohungen, teils mit einem Messer in der Hand, erschießt Jozsef Barsi am 25. Juli 1988 seine schlafende 10jährige Tochter und anschließend seine aufgelöst herbeieilende Frau, zündet das Haus an und richtet sich auch selbst. Vier Jahre vorher hatte Judith in dem Streifen Fatal Vision mitgewirkt, in dem ein kleines Mädchen von seinem Vater ermordet wird. Theodor W. Adorno hätte es wahrscheinlich nicht verblüfft, wenn die zuständige Fachpresse* durchaus von psychologischen Klemmen spricht, dagegen kein Wort über die Falle Kulturindustrie verliert.
* https://www.gala.de/stars/news/judith-barsi---10---kinderstar-vom-eigenen-vater-erschossen-24478572.html, 1. November 2025
Der US-Politiker Nick Begich, seit 1972 als verschollen geltend, wurde wahrscheinlich bei einem Inlandsflug gezielt aus dem Verkehr gezogen, siehe im dritten Pdf meines Genickbruchs auf Seite 145.
Bense, Lars ~ Der 7jährige DDR-Schüler aus Halle-Neustadt kam 1981 durch den sogenannten Kreuzwort-rätselmord zu trauriger Berühmtheit. Nach dem Besuch einer Filmvorstellung war der Junge, von Hans Girod* als »fröhlich, aufgeweckt und zart« beschrieben, vermißt und schließlich an der Bahnstrecke nach Leipzig tot in einem aus dem Zug geworfenen Koffer gefunden worden. Die Kripo kam dem 18jährigen Täter nur auf die Spur, weil sich im Koffer, neben der Leiche des mißbrauchten und dann erschlagenen Jungen, auch ein paar Zeitungsblätter mit ausgefüllten Kreuzworträtseln fanden. Sie wertete sage und schreibe 550.000 Schriftproben aus, die sie im Raum Halle genommen oder eingezogen hatte. Der Täter bekam Lebenslänglich.
~~~ Kaum war der Mann am 15. Januar 2013 im Alter von 50 Jahren einer schweren Krankheit erlegen, brachte der Erfurter Sutton Verlag, wohl schon am 1. Februar, einen »Tatsachenroman« heraus, den die damalige Freundin des Hausmeisters und Kellners verfaßt hatte. Die beiden hatten zuletzt gemeinsam in einem Thüringer-Wald-Erholungsheim gearbeitet. Nun hieß es in der Presse, die Haller Staatsanwaltschaft habe neue Ermittlungen gegen die inzwischen 49 Jahre alte Frau eingeleitet, weil die Darstellung im Roman ihren früheren Zeugenaussagen widerspräche, wonach sie zur Tatzeit nicht in Halle gewesen sei. Im Roman will sie, wenn auch nur »unter Zwang«, bei der Beseitigung von Spuren in der Tatwohnung, ja sogar beim Fortschaffen der Leiche selber geholfen haben. Sie sagt, das sei Fiktion. Dadurch habe sie Abstand gewinnen können; ohnehin habe sie an einem schwerem Trauma gelitten. Hätte sie Pech gehabt, wäre sie nun der Mordbeihilfe angeklagt worden – was sicherlich wiederum Balsam für die Bilanz des Erfurter Verlages gewesen wäre. Doch die Ermittlungen wurden im Folgejahr »mangels Beweisen« eingestellt.
~~~ Wenn ich mich recht erinnere, führte eine Regional-zeitung die Rüge des einstigen Chefermittlers Siegfried Schwarz an, der vom Buch bewirkte »Rummel« sei »unerträglich«, weil jetzt Lars‘ Mutter das ganze Geschehen noch einmal zu durchleben habe. Lars‘ Vater soll bereits 1994 gestorben sein.
* Hans Girod, Das Ekel von Rahnsdorf und andere Mordfälle aus der DDR, Berlin 1997
Benziane, Sohane ~ Im Oktober 2002 wurde die 17jährige Tochter kabylischer (algerischer) Einwanderer im Pariser Vorort Vitry-sur-Seine in einem Verschlag für Mülleimer von ihrem (angeblichen) Ex-Freund, Anführer einer örtlichen Jugendbande, mit Benzin übergossen und angezündet. Laut Emma (Juli/August 2003) war es eine Strafaktion aus nichtigem Anlaß. Andere Quellen bringen Eifersucht auf einen Nebenbuhler ins Spiel. Die könnte ein vernünftiger Mensch allerdings ebenfalls nichtig nennen.
~~~ Damals war es dem Opfer noch gelungen, brennend aus dem Verschlag zu fliehen, vor dem ein Kumpel des Anführers Schmiere gestanden hatte. Dadurch wurde eine Gruppe von Schülern, die gerade ihren Unterricht hinter sich hatten, Zeuge von Benzianes Todeskampf. Sie starb kurz darauf im Krankenhaus. Im Folgejahr wurden die Täter Jamal D. (22) und Tony R. (23), beide von maghrebinischer Herkunft, zu 25 beziehungsweise acht Jahren Gefängnis verurteilt. Eine nahe Verwandte des Opfers soll die Lage in den Vorstädten mit den Worten kommentiert haben: »Zuerst haben sie die Mülleimer angezündet. Dann die Autos. Jetzt die Mädchen.« Sie nahm später an der Einweihung einer Gedenktafel für Sohane teil.
~~~ Ein beteiligter Rechtsanwalt hätte gern eine Anklage wegen Mordes, also wohl einer vorsätzlichen Tötung aus niedrigen Beweggründen, somit eine noch höhere Bestrafung gehabt. Die Frage, was eine Strafe grund-sätzlich überhaupt bewirken soll, kommt in den Quellen zu diesem Fall, soweit ich sehe, nie auf. Diesbezüglich hätte mich auch ein jüngerer Bericht über das Schicksal des 2006 abgeurteilten Haupttäters interessiert – Fehlanzeige. Womöglich ist er inzwischen entlassen worden. Als »Gebesserter« wohl kaum.
Bernall, Cassie und Madeleine Mikac ~ Cassie war als Christin bekannt. Sie zählte zu den jungen Leuten, die ihren schwer bewaffneten Mitschülern Eric Harris (18) und Dylan Klebold (17) an jenem Apriltag in der Bibliothek in die Quere kamen. Nach den ersten Schüssen und Verletzten in diesem Teil der Columbine High School (bei Littleton, einem Vorort von Denver, Colorado) muß jemand so etwas wie »Lieber Gott, lieber Gott, laßt mich nach Hause!« ausgestoßen haben. Damit drängte sich die angebliche Gegenfrage des ungläubigen Attentäters Harris an Cassie oder sonstwen auf: »Du glaubst doch nicht etwa an Gott?« Doch, habe Cassie erwidert, sie glaube an Gott – und er liebe auch Harris. »Dann geh zu ihm. Es gibt keinen Gott!« habe da der kaltblütige Mörder erwidert und die 17jährige erschossen. Im ganzen kostete dieser langgeplante Amoklauf 12 Mitschülern, einem Lehrer und den beiden Attentätern das Leben. Die griffige Geschichte mit Cassie wurde alsbald von etlichen Zeugen dementiert, aber da war es schon zu spät. Die Geschichte hatte sich bereits in Zeitungen und Fernsehsendungen festgesetzt und bildete dadurch das günstige Fundament für das noch im selben Jahr 1999 veröffentlichte Werk von Cassies frommer und geschäftstüchtiger Mutter Misty Bernall: She Said Yes: The Unlikely Martyrdom of Cassie Bernall. Es wurde zu einem Verkaufsschlager. Im übrigen gab es damals um die Frage, wer in der Hochschul-Bibliothek mit welchen Worten nach seinem Glauben gefragt worden sei und daher Anrecht auf einen Märtyrerstatus habe, noch längere erbitterte Auseinandersetzungen, wie aus dem Bernall-Eintrag der englischen Wikipedia hervorgeht. Heute läßt sich solches Hickhack vermeiden, weil in jeder anständigen Bibliothek Überwachungskameras mit Mikrofonen in der Deckenverkleidung stecken.
~~~ Hätte der Hort des Kapitals, der Konkurrenz und der Wertvernichtung dergleichen Amokläufe in Schulen oder Kindergärten nicht ohnehin von sich aus, aufgrund seines aggressiven Wesens hervorgebracht, hätte er sie erfinden müssen. Sie erleichtern die Trauerarbeit. Welche Mühe würde es kosten, all die vielen Tausend, ja Millionen Kinder festzustellen und namhaft zu machen, die zu Hause oder in Übersee zeitig zu verrecken haben, weil es an Frieden, Wasser, Nahrung, Medikamenten, Ärzten oder Geigerzählern fehlt! Hier dagegen, nach einem Amoklauf zu Hause, hat man schon wieder 15 filmreife, mehr oder weniger junge Katastrophenopfer auf einen Schlag, so 2009 in Winnenden bei Stuttgart dank des 17jährigen Tim Kretschmer, oder sogar 27, so 2012 in der Grundschule von Newton, einer Kleinstadt in Connecticut, wo der 20jährige Adam Lanza seinen großen Auftritt hatte. Lanza hatte zur Eröffnung erst einmal seine Mutter erledigt, eine steinreiche Waffennärrin, mit der er in einer Villa leben mußte. Als die »Tragödie« vorbei war, weinte sogar Drohnen-Dompteur Barack Obama.
~~~ Böse Zungen behaupten, die erwähnten Medikamente fehlten in Übersee, weil die eigenen Leute damit vollgepumpt würden. Da ist etwas daran. Den enormen massenhaften Verbrauch an Psychopharmaka in der Postmoderne bestreitet heute niemand mehr, vom Doping der SportlerInnen, Soldaten und PolitikerInnen einmal völlig abgesehen, und beim Studium der Amokläufer-Biografien drängt sich der Verdacht auf, das große Pillen-Schlucken machte auch vor diesen wahlweise »labilen«/»depressiven«/»autistischen« Zeitgenossen nicht Halt. Nimmt man den selten beachteten Umstand hinzu, daß schon der zeitgenössische Säugling mit einer »Basisimpfung« zugedröhnt wird, die jedes Fohlen von den vier Beinen würfe, muß man die Postmoderne sogar zu ihrer erstaunlichen Zählebigkeit beglückwünschen.
~~~ Lanzas Opferzahl, 27, war übrigens schon vor Cassie Bernalls Tod überboten worden: von dem Australier Martin Bryant. Der 28jährige hübsche blonde Lockenkopf, angeblich geistig minderbemittelt, dafür aber wohlhabend, erschoß am 28. April 1996 in Port Arthur, Tasmanien, nach einem mißlungenen Hauskauf, der ihn ärgerte, an verschiedenen Stellen des beliebten Touristenziels (früher Strafkolonie) wahllos im ganzen 35 Menschen. Am Ende verschanzte er sich just in dem ihm entgangenen Haus und versuchte dasselbe wie auch sich selbst zu verbrennen, was ihm ebenfalls mißlang. Er wurde in das Krankenhaus der Hauptstadt Hobart eingeliefert, in dem bereits die 15 Schwerverletzten lagen, die er gleichfalls hinterlassen hatte. Das jüngste Todesopfer Bryants soll Madeleine Grace Mikac gewesen sein, drei Jahre alt. Das Gericht, das ihn für schuldfähig hielt, verurteilte ihn zu 35 mal Lebenslänglich.
Bettauer, Hugo (1872–1925) ~ Im kurzen Eintrag zu diesem österreichischen Journalisten und Schriftsteller aus wohlhabendem jüdischem Hause erwähnt mein Brockhaus sogar, Bettauer sei »von einem Nationalsozia-listen ermordet« worden. Da möchte man schon ganz gerne Näheres wissen. Das Internet bringt mehrere Porträtfotos, die Bettauer in gesetzterem Alter als kurzhälsigen Dickschädel zeigen. Von daher könnte ihm einer glatt das Zeug zum Rausschmeißer oder gar Unhold bescheinigen. Das greift wohl zu kurz.
~~~ Wie man erstaunt liest, betörte dieser grobschläch-tige, auch an Egon Friedell erinnernde Kerl um 30 die 16jährige Hamburgerin Helene Müller. 1904, nach Bettauers Scheidung von der Schauspielerin Olga Steiner und inzwischen 18, wurde Müller die zweite Ehefrau des umtriebigen Schreibwütigen, der insbesondere gegen Prüderie, für Frauenrechte und freie, selbstbestimmte Sexualität kämpfte. Sein späterer Mörder und dessen Rechtsanwalt, ein Funktionär der österreichischen Nazis, werden dem Gericht zu bedenken geben, es habe sich darum gehandelt, die Jugend vor der Verderbnis zu schützen. Bettauer war aufgrund seines Engagements, das auch die hurtige Produktion von zahl- und erfolgreichen »leichten« Romanen einschloß, zu einer bekannten, schillernden und umstrittenen Figur geworden. Wie es aussieht, war er nicht uneitel, aber hart im Nehmen, wobei er auch selber nicht immer mit Samthandschuhen vorging. Pikanterweise hatte er 1901 in Berlin bereits seinerseits für einen Todesfall gesorgt, nämlich den Selbstmord des Hoftheaterdirektors, dem er öffentlich Bestechlichkeit vorgeworfen hatte. Bettauer wurde ausgewiesen.
~~~ Der Journalist und Buchautor lebte zeitweilig in den USA, ab 1910 in Wien. Dort gab er zuletzt, ab 1924, im Verein mit Rudolf Olden, sein eigenes Wochenblatt heraus, Er und Sie, das sich dank seiner aufklärerischen oder reißerischen Berichte vieler LeserInnen erfreute. Schon die fünfte Ausgabe wurde beschlagnahmt. Zwar erstritt Rechtsanwalt Olden vor Gericht einen Freispruch für den Herausgeber, doch die Anfeindungen verebbten keineswegs. Im Büro diese Blattes hielt Bettauer auch regelmäßig Sprechstunden für Ratsuchende ab. Hier blickte er an einem Märztag des Jahres 1925 in die Pistole des 20jährigen Zahntechnikers Otto Rothstock, der ihn mit mehreren Schüssen niederstreckte, denen Bettauer zwei Wochen darauf im Krankenhaus erlag. Damit war der streitbare 52jährige Publizist und Vater zweier Söhne zum ersten prominenten Todesopfer der Nazis in Österreich geworden.
~~~ Bettauers Mörder kam wegen angeblicher Unzurechnungsfähigkeit mit einem Freispruch und anderthalb Jahren Heilanstalt davon. Dem Fernsehsender ORF zufolge räumte Rothstock als 73jähriger offenherzig ein, er sei »nie kindisch verwirrt« gewesen. Er habe stets gewußt, was er tue und was er wolle.* Nach seinem Opfer wurde 2009 in Wien ein kleiner Platz benannt. Vielleicht läßt sich den zwei oder drei Büchern, die es inzwischen über Bettauer gibt, auch Näheres über das Schicksal seiner Familie entnehmen. Bettauers Sohn Gustav Hellmuth aus erster Ehe, ein Berliner Versicherungsagent, soll 1944 in Auschwitz umgekommen sein. Mit seiner zweiten Gattin Helene hatte er auch noch einen Sohn, der als US-Jurist Reginald Parker (1904–67) geführt wird. Von der Witwe schweigt das Internet.
* https://oe1.orf.at/artikel/718423/Das-Attentat-auf-Hugo-Bettauer, 24. April 2025
Bhanot, Neerja (1963–86) ~ Die Tochter eines indischen Journalisten (der Hindustan Times) wurde Flugbeglei-terin. Vielleicht hatte sich so mancher, der nur ihre glänzende Erscheinung sah, in ihr getäuscht – darunter Bhanots Gatte, von dem sie sich nach einer arg frühen Ehe und einigen Mißhandlungen getrennt hatte. Sie war eine Illustriertenschönheit und wurde nun als »Sicherheits-profi« trainiert, dann freilich »als fliegende Kellnerin« getarnt, um mit dem Luftfahrtmagazin Austrian Wings zu sprechen. Ihre Feuerprobe kam rasch. Am 5. September 1986 war die knapp 23jährige Kabinenchefin eines Pan-Am-Linienfluges (Nr. 73) von Mumbai/Bombay nach New York City. In Karatschi zwischengelandet, brachten vier (angeblich palästinensische) Attentäter die Maschine, die knapp 400 Personen an Bord hatte, in ihre Gewalt, nicht jedoch die dreiköpfige Cockpit-Besatzung, die aufgrund eines just durch Bhanot ausgerufenen Warn-Codes durch eine Deckenluke entkommen konnte. Das indische Blatt The Tribune scheint diesen Rückzug als feige Fahnenflucht aufzufassen.* Jedenfalls war damit die eigentliche Entführung vereitelt. Das Kommando an Bord lag nun bei Bhanot. Es folgte ein 17 Stunden währendes »Geisel-drama«, das in einem kleinem Blutbad endete. Aber es gab eben »nur« 20 Tote. Unter ihnen Bhanot, die sich, nach all der Tapferkeit und Besonnenheit, die sie in jenen zermürbenden Stunden gezeigt hatte, zuletzt im Kugelhagel schützend vor drei Kinder geworfen haben soll. Pakistanische Militärs stürmten die Maschine und überwältigten die Entführer. Bei so vielen Überlebenden, sprich Zeugen, dürfte die Geschichte zumindest dem Kern nach glaubwürdig sein. Die unerschrockene Kabinenchefin wurde posthum mit Rühmungen und Auszeichnungen überhäuft. 2004 kam eine indische Briefmarke zu ihrem Gedenken heraus.
* Illa Vij, »Brave in life, brave in death«, https://www.tribuneindia.com/1999/99nov13/saturday/head10.htm, Chandigarh 13. November 1999
Bindernagel, Gertrud ~ An einem in mancherlei Hinsicht stürmischen Herbstabend des Jahres 1932 ließ sich die namhafte Sopranistin gerade in der Charlotten-burger Oper als Brünnhilde in Wagners »Siegfried« bejubeln. Der Berliner Sozialdemokratische Pressedienst teilt sachkundig mit, Bindernagels letzte Worte in dieser Rolle seien »Leuchtender Tod!« gewesen.* Elfmal soll das Publikum die angemessen brünette und etwas mollige Diva vor den Vorhang geklatscht haben, während sich die beiden Toten des Stückes, Riese Fafner und Zwerg Mime, bereits ihre Prellungen mit Klosterfrau Melissengeist einreiben oder tränken ließen. Anschließend schminkte sich die 38jährige in ihrer Garderobe ab und schickte sich an, die Oper zu verlassen.
~~~ Vermutlich gefiel es ihr an diesem Abend noch weniger als sonst, am Bühnenausgang von einem untersetzten Glatzkopf erwartet zu werden. Das war der Hauptmann a.D., Ex-Bankier und Lebemann Wilhelm Hintze, der mit Bindernagel und der gemeinsamen, je nach Quelle sechs- bis achtjährigen Tochter Erika noch bis vor kurzem in einer Zehlendorfer Villa gewohnt hatte. Er stand inzwischen in Scheidung mit der Sängerin und war an diesem Abend besonders schlecht auf sie zu sprechen, weil sie sich geweigert hatte, zu ihm zurückzukehren. Auch über das Töchterchen stritten sie erbittert. Nun machte Hintze nicht mehr viel Worte, zückte seine Pistole und betätigte den Abzug. Bindernagel starb wenig später im Krankenhaus. Für Hintze schindete Rechtsanwalt Walter Bahn 12 Jahre Zuchthaus heraus. Ob der gelernte Offizier nach dem Angriff versucht hatte, auch sich selbst zu erschießen, war dem genannten Pressedienst zufolge umstritten. Jedenfalls sei er letztendlich geflohen, und zwar in einer Autodroschke, die jedoch von der Polizei rasch eingeholt worden sei. Sie nahm den Schützen mit.
~~~ Den Hintergrund des Dramas bildeten die üblichen, wenn auch im Vergleich zum sozialdemokratischen Klientel eher müßigen Geldsorgen. Im Zuge des »Schwarzen Freitags« (1929) mit seiner eigenen Bank Schiffbruch erlitten, hatte sich Hintze in der Folge skrupellos der hohen Gagen seiner Gattin bedient, um seinen fürstlichen Lebenswandel nicht einschneidend einschränken zu müssen. Dabei soll er Bindernagel ausge-sprochen kurz gehalten und ihr sogar die Unterstützung ihrer Mutter, also seiner Schwiegermutter, untersagt haben. Daraufhin reichte sie die Scheidungsklage ein. Diese entpuppte sich als Todesurteil, gegen sie.
* »Der Schuss in der Oper«, https://library.fes.de/spdpdalt/19321024.pdf, 24. Oktober 1932, Seite 10/11
Den DDR-Erfinder Dieter Binninger, wohl hinterhältig aus dem Verkehr gezogen, finden Sie im dritten Pdf meines Genickbruchs auf Seite 12/13, den verfolgten Aufrüher der Bauern Hans Böhm ebendort auf Seite 37. Schon im ersten Pdf (Seite 143) geht es um die junge Antifaschistin Cato Bontjes van Beek, wie Böhm hingerichtet. Der beim Urlaubsbummel erschlagene US-Komponist Marc Blitzstein wird hier behandelt, der Wiener Einbrecher Johann Breitwieser, im Dienst erschossen, hier am Schluß des Beitrags.
Bouboulina, Laskarina ~ Sie darf hier aufgenommen werden, weil sie nicht etwa im Freiheitskampf fiel. Ihr schmähliches Ende im Brautstreit ist freilich ein Jammer, zeichnete sich die 1771 geborene Kapitänstochter und zweimalige Kapitänswitwe von der südgriechischen Insel Spetses doch im Widerstand gegen die osmanische (türkische) Herrschaft stark genug aus, um später mühelos auf zahlreichen Denkmalsockeln, Straßenschildern, Schiffsrümpfen und Banknoten oder Münzen zu erscheinen. Dabei soll sie die eigenen, teils mit Kanonen bestückten Schiffe, die sie dem von ihrem verstorbenen Gatten angehäuften Reichtum verdankte, eigenhändig befehligt haben. In Gesellschaft bärtiger griechischer Generäle saß sie auch im Kriegsrat, und nach ihrem Tod wurde sie von Zar Alexander I. sogar zum Admiral der russischen Marine gemacht, ein Novum in der Militär-geschichte. Bouboulinas zweiter Gatte – wie der erste von Piratenhand gefallen – hatte auf russischer Seite gegen die Türken gekämpft.
~~~ 1818 wurde die Patriotin in die geheime Widerstands-organisation Filiki Etairia aufgenommen – das nächste Novum, wie das Museum Bouboulina auf Spetses versichert. Sie sei das einzige weibliche Mitglied dieser »Brüderschaft« geblieben.* Im Herbst 1821, nun schon 50, war sie an der Einnahme der Stadt Tripoli beteiligt, wo der fremdländische Beherrscher der Region Peloponnes, Hoursit Pascha, sein Hauptquartier und sein Haremszelt aufgeschlagen hatte. Dem Fall der Stadt folgte über drei Tage hinweg ein wenig weiblich wirkendes, rachedurstiges Gemetzel, bei dem rund 3o.000 Menschen umgekommen sein sollen. Wenige Quellen räumen ein, das Blut floß in Strömen – das Museum lieber nicht, falls ich mich nicht irre. In der deutschen Wikipedia ist immerhin zu lesen, in Einlösung eines Versprechens, das sie 1816 der Mutter des Sultans in Konstantinopel gegeben hatte, habe Laskarina Bouboulina den gesamten Harem des gestürzten Paschas, Kinder eingeschlossen, vor den Massakern gerettet. Jenes Versprechen, wenn je eine türkische Frau um Hilfe bitten würde, werde sie diese nicht verweigern, hatte sie der Mutter Mahmud II. gegeben, weil sich die erlauchte Dame damals erfolgreich für Rückerstattung des beschlag-nahmten Vermögens Bouboulinas eingesetzt hatte. Man ahnt es, auch dieser Freiheits- und Unabhängigkeitskampf war vor allem von dem Wunsch beseligt, weder im Olivenanbau oder Segelflicken noch im Geschäftemachen behelligt und beschnitten zu werden.
~~~ In ihren letzten Jahren war Bouboulina das Glück nicht mehr hold. In bürgerkriegsähnlichen Wirren stritten die einheimischen politischen Parteien trotz der nach wie vor lauernden »türkisch-ägyptischen Gefahr« um den befreiten Kuchen und hatten für die ruhmreiche »Kapetanissa« (Kapitänin) auf Spetses nicht mehr viel übrig. Ihr Schwiegersohn Panos Kolokotronis wurde ermordet und dessen Vater, ein General, ins Gefängnis geworfen. Sie selber, die Unsummen in den Widerstand gesteckt hatte, verarmte und verbitterte. Im Frühjahr 1825 brach zu allem Unglück auch auf Spetses noch Krieg aus, nämlich zwischen Bouboulina und der Familie Koutsis. Der Grund war einfach und zünftig: Bouboulinas Sohn Giorgios Giannouzas hatte eine bereits verlobte Tochter der Koutsis' entführt, Eugenia. Als Brautvater Christodoulos Koutsis nach Sonnenuntergang mit bewaffneten Leuten vor Bouboulinas Haus auftauchte, trat die streitbare dunkelhaarige Hausherrin, die auf Gemälden meist mit Hakennase und strammem Busen gegeben wird, auf ihren Balkon und eröffnete das Wortgefecht mit dem Landsmann. Aber plötzlich fiel aus der feindlichen Schar im Zwielicht ein Schuß, der die inzwischen 54 Jahre alte Mutter des unwillkommenen Bräutigams auf der Stelle tötete. Der Schütze hatte sie genau an der Stirn getroffen. Angeblich wurde er nie identifiziert. Auch den Ausgang der Entführung verrät das Museum nicht.
* https://bouboulinamuseum.com/en/history/, Stand 2021. Das Museum wurde 1991 von einem Nachfahren in Bouboulinas Villa auf Spetsis eingerichtet. Die Insel Spetsis liegt südwestlich von Athen im Myrtoischen Meer, einer Abteilung der Ägäis.
Bratuž, Lojze (1902–37) ~ Der slowenische Chorleiter und Liedkomponist aus Görz (auch Gorica und Gorizia; die Stadt liegt nördlich nahe Triest) war von Hause aus Kirchenorganist und Lehrer. Ab 1929 leitete er im Auftrag des Görzer Erzbischofs Sedej die slowenischsprachigen Chöre der damals italienisch besetzten Diözese, obwohl er wegen seines Eintretens für seine Muttersprache erst kurz zuvor vorübergehend verhaftet worden war. Während sich etwa in Ostdeutschland die Sorben verleugnen sollten, waren es hier die Slowenen. Bratuž wurde zunehmend behördlich schikaniert und sogar verprügelt.* Ende 1936 sah der Ehemann und zweifache Vater seinem 35. Geburtstag entgegen. Am 27. Dezember jedoch wurde er in Görz nach einer Messe, an der Bratuž als Chorleiter mitgewirkt hatte, von faschistischen Schwarzhemden entführt. Sie zwangen ihren Gefangenen, ein Gemisch aus Rizinusöl, Benzin und Maschinenöl zu trinken. Davon erholte er sich nicht mehr. Er starb am 16. Februar 1937 im Görzer Zentralkrankenhaus, einen Tag vor seinem 35. Geburtstag. In der Stadt ist ein Kulturzentrum nach ihm benannt.
* Zorko Harej 2013 in https://www.slovenska-biografija.si/oseba/sbi1003070/
Brown, Michael (1996–2014) ~ Der 18 Jahre alte Afroamerikaner wurde im August 2014 in Ferguson, Missouri, von einem weißen Polizisten erschossen, worauf es zu beträchtlichen Unruhen kam. Diese wiederholten sich im November, nachdem verkündet worden war, der Schütze werde nicht belangt.
~~~ Während zwei Drittel der rund 20.000 Einwohner-Innen dieses Vorortes von St. Louis schwarz seien, gebe es in Ferguson fast ausschließlich weiße Polizisten, versicherten Nachrichtenagenturen. Der schwarze Oberschüler, offenbar bis dahin nie »straffällig«, war um Mittag mit einem Freund in der Stadt unterwegs gewesen. Wahrscheinlich hatten die beiden kurz vor dem tödlichen Vorfall versucht, in einem Laden Zigarillos zu stehlen. Die Zeugenaussagen ergeben kein klares Bild. Als sich Brown, 1,93 groß, womöglich bedrohlich einem Streifenwagen näherte, gab der Polizist Darren Wilson im ganzen 12 Schüsse auf den allerdings unbewaffneten jungen Schwarzen ab. Brown hatte sogar seine Hände erhoben, versichern einige BeobachterInnen. Da sich große Teile der »Öffentlichkeit« an eine Hinrichtung erinnert fühlten, strengten sich die Behörden umso emsiger an, das Bedrohungsszenario glaubwürdig erscheinen zu lassen. Nach vielen Quellen waren die örtlichen uniformierten »Ordnungskräfte« freilich schon länger für ihren Rassismus bekannt. Unter anderem belegten sie die meist armen (und schwarzen) Sünder der Stadt mit einem Hagel aus Strafmandaten, der Geld in die Stadtkasse schwemmte. Im Rahmen der jüngsten Unruhen gingen sie auch »robust« gegen Journalisten vor, von denen unliebsame Dokumente zu befürchten waren. Einige US-Senatoren beklagten aus Anlaß der Erschießung Browns die unaufhaltsame, bundesweite Militarisierung der Polizei.
~~~ Anfang 2016 behauptet Die Zeit in grammatisch bedenklicher Weise: »Schwarze junge Männer werden [in den USA] fünfmal so oft von Polizisten erschossen wie weiße junge Männer.« 2015 sei diesbezüglich ein Rekordjahr gewesen. Somit hatte Browns Todesjahr noch eine Steigerung erfahren. Im ganzen hätten US-Polizisten im Rekordjahr 1.134 Menschen erschossen.*
~~~ 2017 berichtet der schwarze Rechtsanwalt Jerryl Christmas einem Spiegel-Korrespondenten**, inzwischen seien bereits drei prominente Aktivisten der jüngeren Proteste unter fragwürdigen Umständen ums Leben gekommen. Außerdem habe es soeben den Pastor und Bürgerrechtler Carlton Lee erwischt. Lees Kirche, in die auch Michael Browns Vater ging, sei während der Unruhen in Flammen aufgegangen und erst kürzlich wiederaufge-baut worden. Der 34jährige Pastor erlitt einen tödlichen Herzinfarkt. »Es ist der stille Stress dieser Stadt«, sagt Christmas. »Er bringt einen um.«
* https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-01/usa-polizeigewalt-schwarze-statistik-guardian, 1. Januar 2016
** Marc Pitzke, »Wir bleiben Zielscheiben«, Spiegel 8. August 2017: https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/ferguson-drei-jahre-nach-dem-tod-von-michael-brown-wie-ist-die-stimmung-a-1161718.html
Brübach, Tristan († 1998), Schüler und Mordopfer in Frankfurt/Main. ~ Der ausgesprochen grauenvolle Fall ist bis heute ungeklärt. Tristan wuchs seit drei Jahren bei seinem Vater und seiner Großmutter auf, denn seine Mutter Iris Brübach hatte sich 1995 umgebracht.* Der Vater war in einem Kiosk des Frankfurter Hauptbahnhofs vollzeitbeschäftigt. Bernd Brübach ist Ende 2014 mit 59 Jahren gestorben; möglicherweise aus Gram. Sohn Tristan, 13 Jahre alt, hatte am 26. März 1998 mit der Entschuldi-gung, er habe Rückenschmerzen, vorzeitig den Hauptschulunterricht verlassen. Am Nachmittag wurde seine Leiche in einem Bach-Tunnel am Bahnhof Höchst entdeckt. Der erwürgte blonde Junge war halb geschlachtet; unter anderem fehlten die Hoden; das Blut hatte der Mörder kurzerhand in den Liederbach laufen lassen. Verschiedene Spuren und Zeugenaussagen führten ins Leere.
~~~ Einige Quellen deuten an, Einzelkind Tristan habe es sowohl zu Hause wie in der Schule nicht eben leicht gehabt. Er wird freilich als »aufgeweckt« beschrieben, kann also kaum besonders schüchtern gewesen sein. Möglicherweise war er ins Drogen- und Strichermilieu geraten. Seine früh verstorbene Mutter soll zumindest zeitweise drogensüchtig gewesen sein. Weder ihr Alter, vielleicht 30 bis 35, noch nähere Angaben zu ihrem Tod sind im Internet zu haben.
~~~ Die amtliche Belohnungssumme für Hinweise, die zur Lösung des Falls führen, soll derzeit auf 20.000 Euro stehen. Ohne »materielle Anreize« ging es ja schon im einstigen Ostblock nicht. Der vollständige Sieg des dinglichen Denkens ist ähnlich traurig wie Tristans Ermordung.
* Julia Jüttner, »Kommissar Fey und das Rätsel vom Liederbach-Tunnel«, Spiegel, 24. März 2018: https://www.spiegel.de/panorama/justiz/tristan-bruebach-20-jahre-spaeter-kommissar-uwe-fey-gibt-nicht-auf-a-1199037.html
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