Mittwoch, 21. Januar 2026
Disteln im Tessin
ziegen, 10:11h
Mein Name ist Konrad Bellsom, Kunsterzieher und über-haupt Pädagoge. Ich leite gemeinsam mit meiner Frau Mia ein Waisenhaus im Städtchen Villarezzo, Kanton Tessin, Schweiz. Aber jetzt geht es mir nicht um Pädagogik. Ich habe mir kürzlich aufgrund einer lobenden Besprechung in der Weltwoche Sägeschöppners druckfrische Kuby-Biografie gekauft, und ich muß sagen, sie liest sich wirklich gut. Trotzdem bin ich sauer. Mir ist nämlich eine befremdliche Lücke aufgefallen. Für das Jahr 1966 stellt der Autor zurecht Erich Kubys enthüllenden, einiges Aufsehen erregenden Spiegel-Artikel über den Kriminal-kommissar Dallamoni aus Locarno heraus, deutet jedoch mit keinem Komma an, wie der bekannte linke Journalist gerade auf dieses ausgefallene Thema kam. Er verdankte den Fingerzeig uns, Konrad Bellsom und Ulf Matzenau aus dem südlichen Tessin, also just aus der Gegend von Locarno. Glauben Sie nicht, ich wollte mich damit brüsten. Ganz im Gegenteil, führte unser Fingerzeig doch letztlich dazu, daß mein engster Freund, eben Ulf, schon bald darauf, erst 51 Jahre alt, in den Sarg beförderte wurde. Auch deshalb fühle ich mich zu diesen Aufzeichnungen verpflichtet.
~~~ Ulf, Jahrgang 1915, wohnte seit 1961 in unserem Städtchen. Ich hatte ihn damals zu einer Sommerfrische eingeladen, nachdem ich von ihm geschossene Fotos in der NZZ entdeckt hatte. Wir waren Schulkameraden gewesen. Aus einigen Telefongesprächen wußte ich, es ging ihm schlecht. Ulf hatte sich bald nach dem Abitur nach Spanien durchgeschlagen, um auf anarchistischer Seite am Bürgerkrieg teilzunehmen. Er wurde nur leicht verwundet, aber die Niederlage traf ihn empfindlich. Nun eröffnete er mit elterlicher Unterstützung in Süddeutschland ein kleines Fotoatelier. Er arbeitete auch als Pressefotograf, hielt sich selber jedoch entschieden von politischer oder sonstiger öffentlicher Betätigung fern. Stattdessen studierte er mit Hilfe einschlägiger, melancholisch gestimmter Philosophen und Essayisten die Schlechtigkeit der Welt. Er spürte, er drohte zu verbittern. Deshalb nahm er die Einladung von Mia und mir, sich einmal auf dem ehemaligen Weingut ihrer Eltern gründlich auszuspannen, durchaus gerne an. Diese Kur schien sogar anzuschlagen.
~~~ Zu Ulfs damaliger »mentaler« Verfassung ist mir ein kleines Papier eingefallen, um dessen Aufbewahrung er mich, »für alle Fälle«, einmal bat. Es handelte sich um Notizen zu einem Buch mit dem Titel Mißgriff Mensch, so sein Arbeitstitel. Sie bieten lediglich wenige, durchaus bezeichnende Kapitelüberschriften, die Ulf vorgesehen hatte, nebst einer Handvoll Stichworten:
• Nichts ist klar. Vielmehr sind alle Dinge doppel- oder mehrdeutig. Man nennt das auch Ambivalenz. Alle Dinge können so oder so gesehen werden. Wer Macht liebt und Betrug nicht scheut, sieht sie selbstverständlich zu seinen Gunsten. Die Neigung, Macht auszuüben und andere zu demütigen, ließ sich selbst unter spanischen »Revolutio-nären« beobachten. Am schlimmsten waren die moskauhörigen Kommunisten.
• Fast jeder wird von »Vermischten Motiven« angetrieben. Deshalb sind die Gründe seines Handelns / Unterlassens / Glaubens in der Regel ein unentwirrbares Gemenge aus objektiven und subjektiven, greifbaren und entlegenen Antrieben. Deshalb irrt man sich meist in ihm. Grundsätzlich ist jeder eine Falle. Darin liegt die einzige Gleichheit auf Erden, sieht man von der Sterblichkeit einmal ab.
• Die offensichtlich willkürliche, jedenfalls nicht nachvollziehbare Zuteilung von mehr oder weniger günstigen Schicksalen ist untragbar. Warum Contergan für den einen und für den anderen nicht? Warum Mann und nicht lieber Frau? Warum in einem Kellerloch Jakartas aufgewachsen und dann schon mit 17 als »Chinese« oder»Kommunist« abgeschlachtet?
• Das Vergangene löst sich nie in Luft auf. Die meisten Leute tun jedoch so. Kaum sind sie Schnupfen oder schlechte Laune los, sehen sie die Welt wieder »positiv«. Nun ist ihr Glas Wein nicht schon wieder halb leer, vielmehr noch prima halb voll.
• Das Leid ist untragbar. Die Sterblichkeit sowieso. Einem Wesen zu bedeuten, es lebe auf den Tod zu, ist nicht gerade freundlich. Man könnte auch von einer mitunter recht gedehnten Folter sprechen – ich denke nur an Tante Paula, die bereits seit 20 Jahren in ihrem Bett dahinsiecht.
• Die Undurchsichtigkeit sowohl der Dinge im Einzelnen als auch des Universums ist empörend. Sie kann nur beklagt und abgelehnt werden. Sie spottet jeder Wißbegier und jedem Freiheitsgedanken. Entsprechend gibt es auch die angebliche Willensfreiheit nur als Ammenmärchen. Wir sind so und so gemacht worden – unseren schwachen, starken oder stets wankelmütigen Willen inclusive. Aber niemand weiß, von wem und zu welchem Zweck wir so gemacht worden sind.
~~~ Soweit Ulfs Notizen. Erfreulicherweise verzog sich seine Düsternis jedoch im Tessin binnen weniger Monate. Schon das beinahe antiautoritäre Klima in unserem Waisenhaus ermutigte ihn. Ferner erwärmte sich der Berufsfotograf für Land und Leute, insbesondere freilich für die tessiner Pflanzenwelt. Das milde, teils schon mittelmeerische Klima bei uns bringt ja sogar manche Raritäten hervor, voran den Pflugschar-Zungenstendel, der den Beginn von Ulfs neuer Laufbahn als Naturfotograf markierte. Eine angesehene Zeitschrift kaufte ihm auf Anhieb Farbaufnahmen dieser Orchidee ab. Bald darauf begeisterte sich auch ein Verleger in Locarno für den künstlerisch wie botanisch beschlagenen Deutschen. Man faßte einen Bildband ins Auge, für den Ulf zusätzlich kurze, stets unterhaltsame Begleittexte liefern wollte. Vom Zungenstendel etwa wußte er mitzuteilen, dessen üppiges, bizarres Blütenhaupt diene manchen Insekten lediglich als Schlafplatz. Sie entgölten es ihrem Wirt nicht mit Lire oder Dollars, sondern indem sie ihn bei ihrem ständigen Ein- und Ausgang bestäubten.* Als das Buch noch in den Wintermonaten einschlug, entschloß er sich zur Übersiedelung, erwarb in Villarezzo ein Häuschen und suchte mit seinem neuen Geländewagen fast täglich die umliegende Gebirgswelt auf. Unser Städtchen liegt auf knapp 600 Meter Höhe und ist dadurch immerhin mückenfrei. Im Grunde wurde Ulf jetzt berühmt, aber darauf gab er nichts. Wesentlich war das Verebben seiner Verbitterung.
~~~ Dazu trug ohne Zweifel auch die neue Liebschaft bei, die ihm Zufall oder Schicksal bereits in seinem ersten tessiner Frühling bescherten. Ines, gut 20 Jahre jünger als er, war eine Nichte meiner Frau, die ebenfalls erst vor Kurzem auf unserem zum Waisenhaus umgewandelten Weingut Unterschlupf gefunden hatte. Sie hatte sich schon einen gewissen Ruf als einfallsreiche Weinetiketten-gestalterin erworben. Aber dann ereilten sie Pech – und Schmach, wie sie es empfand. Der Vater ihrer kleinen Tochter, mit dem sie sogar amtlich verheiratet war, ließ sie eines Tages ohne Ankündigung und Erklärung im Stich. Niemand wußte, warum und wohin. Später hieß es, er habe sich, im Verein mit einer neuen, blonden und vollbusigen Flamme, in die USA begeben. Jedenfalls nahm er sogar die Ersparnisse der kleinen Familie mit. Der Gram von Ines war gewaltig. Von dem Geld einmal abgesehen, war sie dem lieben Gatten nicht mehr gut, vor allem nicht mehr schön genug gewesen. So empfand sie es. In der Tat war Ines nie auch nur entfernt so »attraktiv« gewesen wie beispielsweise Brigit Bardot. Einmal hatte sie sich beim Wandern vor Mias Augen einen fast noch dampfenden Kuhfladen mit Wucht ins Gesicht gedrückt, weil sie dieses zu grob, zu mißgestaltet fand. Sie heulte wie ein Schloßhund.
~~~ Für Ulf war ihr Gram sozusagen ein gefundenes Fressen, eine wunderbare Arznei. Er liebte sie wirklich und stellte ihr Selbstvertrauen wieder her. Sie wurden ein Herz und eine Seele, das Töchterchen eingeschlossen. Mit ihrem abgetauchten Gatten hatte Ines in Locarno gewohnt. Jetzt besuchten die Drei die rund 20 Kilometer südöstlich am Lago Maggiore gelegene Stadt von Zeit zu Zeit stolz wie Touristen. Locarno hatte damals ungefähr 12.000 EinwohnerInnen. Die meisten Leute sprachen italienisch. Die Drei saßen unter Palmen im Eiscafe und schmiedeten Pläne. Ulf schwebte vor, ein leerstehendes Stallgebäude unseres Weingutes umzubauen und sich dort mit Ines und Bianca häuslich niederzulassen. Uns und Ines war es nur recht. Ulfs eigenes Häuschen am Friedhof von Villarezzo wäre zu winzig gewesen. Er verdiente inzwischen sehr gut, sodaß es zumindest keine finanziellen Hürden gab. Aber dann stellte ihm Dallamoni ein Bein.
~~~ Ich gebe zu, Mia und mir war der etwa 60jährige, stets tadellos rasierte und gekleidete Kriminalkommissar aus Locarno auf Anhieb unsympathisch. Sein schmales Oberlippenbärtchen schien er jeden Morgen mit Hilfe einer Schablone zu stutzen. Mia meinte, er schmiere grundsätzlich jedem, mit dem er es zu tun habe, erst einmal Honig um den Bart – um ihn dann umso wirkungsvoller in seine Fallen rasseln zu lassen. Mia war selber Imkerin. Was nun die Polizei angeht, war in den Bergen eine Wanderin vergewaltigt und erdrosselt worden. Schlimm genug – doch leider geschah es in einem Winkel, wo sich zur Tatzeit auch Ulf zum Fotografieren aufhielt. Zeugen sahen seinen Wagen. Das verleugnete unser Freund keineswegs. Aber Dallamonis Maschen um diesen idealen Verdächtigen zogen sich rasch immer enger. Der oberste Fahnder hatte sich wohlweislich in Deutschland erkundigt: Ulf Matzenau war antifrancistischer Spanienkämpfer, da war ihm natürlich jede Schandtat zuzutrauen. Auch die Ehelosigkeit sprach nicht gerade für ihn. Gegenteilige Spuren zog Dallamoni schon gar nicht mehr in Betracht. So kehrten Angst und Bitternis zu Ulf zurück. Mia fürchtete sogar, er könne sich in seiner Verzweiflung umbringen.
~~~ Die Rettung kam von mir. 10 Tage nach dem Mord stutzte ich bei einem Halbpanoramafoto, das uns Ulf mit den Blumenfotos des Tattages unterbreitet hatte. Ich grummelte, ging zu meinem Schreibtisch und kramte eine Lupe hervor, die ich einst von meinem Vater geerbt hatte. Und siehe da, im Hintergrund des besagten Fotos, wo das Mordopfer gefunden worden war, schien ein Auto zu parken. Es gelang uns, das Modell des Wagens zu bestimmen und sogar ein Bruchstück des Kennzeichens zu entziffern. Ulf fertigte sofort ein stark vergrößertes Ausschnittfoto an. Dann sprach er in Locarno mit seiner Bildmappe unterm Arm bei der Staatsanwaltschaft vor.
~~~ Keine halbe Stunde darauf konnte sich Ulf in dem erwähnten Eiscafe einen Kognak bestellen. Der Staatsanwalt hatte ihm versichert, er habe ihnen ohne Zweifel eine »ganz heiße Spur« geliefert. In der Folge bemühte sich Kommissar Dallamoni zwar nach Kräften, die Entlastung für Matzenau zu mißachten oder zu leugnen, doch damit scheiterte er. Sein Vorgesetzter persönlich, der Polizeichef von Locarno, entschuldigt sich bei Ulf Matzenau. Man hatte den Halter des Wagens aufgetrieben und in Untersuchungshaft genommen. Dallamoni dagegen bekam kein Wort des Zweifels oder gar des Bedauerns über die Lippen. Was Wunder, wenn deshalb gewaltige Empörung in Matzenau aufwallte. Ich konnte ihn nur mühsam daran hindern, nun seinerseits Dallamoni kurzerhand umzubringen. Ulf war einen Kopf größer als sein Widersacher und durch seine Streifzüge gut trainiert, sodaß er ihn wahrscheinlich durchaus überwältigt – und so erdrosselt hätte, wie es dem armen Mordopfer in den Bergen ergangen war.
~~~ Im Gespräch über einen gemeinsamen Besuch bei Dallamoni fanden wir einen anderen Weg. Damit kommt Kuby wieder ins Spiel. In Dallamonis geräumigem Büro auf meinem Besucherstuhl sitzend, fiel mir ein merkwür-diges Detail auf. Und zwar enthielt ein kleiner Bücher-stapel auf einer Kommode auch ein deutschsprachiges Buch, nämlich Einfache Sittlichkeit [eine Aufsatzsamm-lung, 2. Auflage 1957] vom Pädagogen und Professor Otto Friedrich Bollnow. Von diesem Gelehrten wußte ich, das war ein Nazi, der nach dem Krieg nie belangt worden war. Nun erwähnt ich auch meine Verwunderung über Dallamonis leichten Akzent (im Italienischen). Prompt erwiderte Ulf, da sollte man vielleicht einmal nachbohren. Schließlich schlug er einen Brief an den bekannten »linken« westdeutschen Journalisten Erich Kuby vor. Der war sogar mir ein Begriff.
~~~ Der Rest ist leicht abgekürzt. Kuby biß an und wurde bereits nach wenigen Wochen fündig. Danach hieß Ulfs Widersacher einst Vöhl und machte, als gelernter Polizist, Karriere bei der deutschen Gestapo. Kuby sammelte Belege, die Herrn Vöhl etliche Grausamkeiten nachwiesen, etwa in den Ghettos von Lublin begangen. 1945 zog es der Kripomann vor, mit Hilfe guter Verbindungen nach Italien abzutauchen, wo er seine Laufbahn als Dallamoni bald fortsetzten konnte. Bislang hatte sein demokratisches Deckmäntelchen dichtgehalten. Ohne unseren Fingerzeig wäre Kuby sehr wahrscheinlich zeitlebens nie darauf verfallen, es lüften zu wollen. Nun aber erschien Kubys hieb- und stichfeste Enthüllung im Spiegel und wirbelte jede Menge Staub auf.
~~~ Allerdings hatten wir zwei Freunde uns nie gefragt, wie Dallamoni voraussichtlich reagieren würde, und das könnte ein Fehler gewesen sein. Immerhin hatte Kuby in seinem Artikel auch Dallamonis schäbige Rolle in den Ermittlungen gegen Ulf Matzenau gestreift. Damit war dem Kommissar aus Locarno selbstverständlich klar, wer diesen vernichtenden Angriff veranlaßt hatte. Wie hätten denn Sie reagiert? Wie sich versteht, hatte Dallamoni, umgehend suspendiert, mit einer Anklage zu rechnen. Das Belastungsmaterial gegen ihn ließ sich natürlich nicht mehr aus der Welt schaffen. Vielleicht jedoch Matzenau? Ich nehme an, es war vor allem starker Rachedurst, der den Kommissar wenige Tage nach seiner Suspendierung dazu bewog, Matzenau wieder einmal unangemeldet aufzusuchen. Er klingelte, und als ihn Ulf nicht gerade honigsüß nach seinen Wünschen fragte, zog Dallamoni seine Pistole und legte den Widersacher kurzerhand um. Nur 30 Sekunden darauf richtete er die Pistole auf sich selbst. Im Ergebnis lag Ulf tot im Hausflur, Dallamoni tot auf der Vortreppe. Nachbarn stürzten herbei – und alarmierten die Polizei ...
~~~ Eine harte Nuß war es selbstverständlich auch, Ines wieder einigermaßen ins Gleichgewicht zu bringen. Nur die Sorge um Bianca habe sie daran gehindert, sich schon am nächsten Tage vom nahen Falkenstein zu stürzen, erklärte sie uns später. Insofern waren das Erfreulichste an dieser Geschichte wieder einmal die Kinder. Als wir Ulfs Sarg von der Friedhofskapelle zu seiner Grube begleiteten, staunten wir nicht schlecht, weil plötzlich unser vollständiger Trupp Waisenkinder um eine Hecke bog und sich unserem Zug anschloß. Wir hatten damals gut 2o Zöglinge, zwischen sieben und neunzehn Jahre jung. Keiner von ihnen war zu Hause geblieben. Das hatten sie eigenmächtig und klammheimlich organisiert – dem antiautoritären Geist unseres Hauses gemäß.
* https://der-blumenwanderer.blogspot.com/2019/05/der-zungenstendel.html
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