Donnerstag, 16. Januar 2025
Ach, junger Freund ...
ziegen, 13:58h
Verfaßt 2023
Statt meine kritischen Stellungnahmen zur Lyrik, insbe-sondere der Modernen, zum x-ten Male vorzutragen, will ich ein Loblied auf meinen guten Bekannten Maximilian Zander (1929–2016) singen, der leider schon seit sieben Jahren unter der Erde liegt. Zander war Chemiker – und Lyriker. Brockhaus kennt ihn selbstverständlich nicht. Das paßt aber zu diesem Akademiker, weil er ausgesprochen uneitel war. Er pflegte seine Verdienste als Chemiker, Lyriker und Familienvater noch nicht einmal an ein Mai-glöckchen zu hängen, obwohl er in der Ruhrgebietsstadt Castrop-Rauxel (auch die kennt keiner, habe ich recht?) ein Einfamilienhaus mit Garten bewohnte. Als Pädagoge und Leser hatte er ebenfalls Qualitäten, die mir seit Ende 2001 zugute kamen. Damals spitzte ich über der Jahresschrift Muschelhaufen, die auch mir schon die Spalten geöffnet hatte, bei einer Handvoll Aphorismen Zanders die Ohren. Der vergleichsweise alte Mann murmelt da etwa: »Es kann lange dauern, bis man merkt, daß man gestorben ist.« – »Ein erfahrener Hellseher sieht erst einmal schwarz.« – »Früher galt als Künstler, wer ein Kunstwerk hervorbrachte. Heute gilt als Kunstwerk, was ein Künstler hervorbrachte.« Das fügte sich trocken und nahtlos in ein Bollwerk gegen den sogenannten Erweiterten Kunstbegriff ein: Robert Gernhardt. Dieses Bollwerk fiel 2006. Zander erwiderte treu meine Briefe und schrieb nach wie vor Gedichte. Das war allerdings ein heikler Punkt in unserem Verhältnis – und nicht der einzige.
~~~ Wie Sie vielleicht schon wissen oder ahnen, halte ich von Moderner Lyrik, soweit sie ungebunden, dafür jedoch umso verrätselter daherkommt, gar nichts. Sie stellt für mich die Documenta der Literatur dar, nämlich einen Tummelplatz für Windbeutel und SchaumschlägerInnen. Auf ihn hatte sich auch Zander verirrt, der wahrlich weder das eine noch das andere war. Und angesichts seiner großen Klugheit und seines filigranen Sprachgefühls war es ein Jammer. So zehrte ich vor allem von unsrer Korrespondenz, die mir jede Menge Anregung und Anerkennung schenkte. Ohne Zander hätte ich den vielen Körben, die mir der Literaturbetrieb Anfang dieses Jahrhunderts an den Kopf warf, kaum widerstanden. Dafür war er selber jedoch hart im Nehmen. Griff ich im Meinungsstreit zu Titulierungen wie »Bürger« oder »Sozialdemokrat«, schluckte es der Forschungsleiter (in einer Fabrik) und Professor an der TU in Clausthal, Harz. Er glaubte, ob einer zum Radikalismus oder zur Versöhnung neige, entschieden dessen Gene. Wahrscheinlich hat der Chemiker recht. Da es auch unter Oberschichtlern Linksradikale gibt, kann man auf soziale Lagen offenbar unterschiedlich reagieren. Man sieht das zuweilen auch an Geschwistern, etwa Brüdern. Sie kommen aus demselben Stall, doch der eine Bruder wird »Che von Kassel«, der andere Postbeamter, bis er als Regierungsrat in Rente gehen darf.
~~~ Hier liegt der nächste heikle Punkt. Was Biografisches und Gefühlsleben angeht, hielt sich Zander in unserem Briefwechsel von Anfang an bedeckt. Erwähnte er, schon früh einen Sohn verloren zu haben, kam es bereits einer Herzausschüttung gleich. Ob und wie ihn dieser Verlust schmerzte und prägte, verriet er nicht. Da ich selber in Briefen eher viele Auskünfte gebe, erhält das Schiff der Kommunikation natürlich Schlagseite. Diese Ungerechtigkeit machte mich zuweilen wütend. In anarchistischen Kommunen ist Schlagseitenkommuni-kation verpönt. Alle haben sich ähnlich weit zu öffnen. Diese Öffnung hält die Verletzbarkeit gleich, dient aber auch als Riegel gegen Mutmaßungen, Unterstellungen, Groll. Zu allem Unglück gesellte sich zu Zanders Zugeknöpftheit der Zündstoff des klassischen Vater-Sohn-Konfliktes, war er doch gut 20 Jahre älter als ich. Keine Zuneigung ist ohne Machtkampf zu haben.
~~~ Immerhin tobte oder kratzte er in unserem Fall bloß auf Briefpapier. Distanz mildert. Im Sommer 2006 schrieb Zander, er ziehe vor Gernhardt auch deshalb den Hut, weil er sich bis zuletzt (Später Spagat) mit dem Tod auseinandergesetzt habe. Ich erwiderte, dann sei es ja nicht mehr taktlos, sich auch einmal bei ihm zu erkundigen, wie er es mit dem Tod und vielleicht mit Gegenmaßnahmen halte. Vielleicht hätten wir uns Zaubermittel oder wenigstens Trost zu bieten. Diese Anfrage überging er jedoch wie schon manche Anfragen zuvor. Gewiß hatte er seine Gründe dafür – die er nicht preisgab. Wollte auch ich mich einmal als Aphorist versuchen, wäre hier der Hinweis fällig: Um uns aufzupäppeln und uns einzutrichtern, wie das Leben zu meistern sei, vergeuden unsere Eltern 20 Jahre ihrer kostbarsten Zeit. Für die heikle Frage unseres Abgangs opfern sie keine 10 Minuten.
~~~ Wer Zander in einem Gedicht zu sich nehmen möchte, hat ihn auf den Seiten 61 bis 63 seines Bändchens Antrobus‘ Tagebuch von 2004 gleichsam wie im Weinglas. Da sitzen »Ein paar ältere Herren« zusammen. Auch Zanders Verschlossenheit hat man in diesem funkelnden, tulpenförmigen Glas. Die Lage ist ernst, sagen Sie? / Ach, junger Freund, / es geht immer um Leben & Tod, / und hier sprechen Sie mit Experten. Aber sie erklären sich eben nie; sie unterhalten sich lieber mit Anekdoten, Bonmots, Zitaten. Jetzt glänzt der Gastgeber (das meine ich durchaus bewundernd) mit folgenden Worten. In der vierten Strophe / sollte der Mond erscheinen, / und, bitte: da ist er. / Na, dann reden wir mal / über die Wahrheit / der Dichter, der Physiker. / Am Ende stehen die Quoten / 3:2, aber für wen / wird nicht verraten.
~~~ Für den Leser jedenfalls nicht – will doch der Lyriker Zander verhüllen statt aufdecken. Hier hätten Sie zum Schluß auch ein wichtiges Glaubensbekenntnis hinsichtlich meines eigenen Schaffens.
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Statt meine kritischen Stellungnahmen zur Lyrik, insbe-sondere der Modernen, zum x-ten Male vorzutragen, will ich ein Loblied auf meinen guten Bekannten Maximilian Zander (1929–2016) singen, der leider schon seit sieben Jahren unter der Erde liegt. Zander war Chemiker – und Lyriker. Brockhaus kennt ihn selbstverständlich nicht. Das paßt aber zu diesem Akademiker, weil er ausgesprochen uneitel war. Er pflegte seine Verdienste als Chemiker, Lyriker und Familienvater noch nicht einmal an ein Mai-glöckchen zu hängen, obwohl er in der Ruhrgebietsstadt Castrop-Rauxel (auch die kennt keiner, habe ich recht?) ein Einfamilienhaus mit Garten bewohnte. Als Pädagoge und Leser hatte er ebenfalls Qualitäten, die mir seit Ende 2001 zugute kamen. Damals spitzte ich über der Jahresschrift Muschelhaufen, die auch mir schon die Spalten geöffnet hatte, bei einer Handvoll Aphorismen Zanders die Ohren. Der vergleichsweise alte Mann murmelt da etwa: »Es kann lange dauern, bis man merkt, daß man gestorben ist.« – »Ein erfahrener Hellseher sieht erst einmal schwarz.« – »Früher galt als Künstler, wer ein Kunstwerk hervorbrachte. Heute gilt als Kunstwerk, was ein Künstler hervorbrachte.« Das fügte sich trocken und nahtlos in ein Bollwerk gegen den sogenannten Erweiterten Kunstbegriff ein: Robert Gernhardt. Dieses Bollwerk fiel 2006. Zander erwiderte treu meine Briefe und schrieb nach wie vor Gedichte. Das war allerdings ein heikler Punkt in unserem Verhältnis – und nicht der einzige.
~~~ Wie Sie vielleicht schon wissen oder ahnen, halte ich von Moderner Lyrik, soweit sie ungebunden, dafür jedoch umso verrätselter daherkommt, gar nichts. Sie stellt für mich die Documenta der Literatur dar, nämlich einen Tummelplatz für Windbeutel und SchaumschlägerInnen. Auf ihn hatte sich auch Zander verirrt, der wahrlich weder das eine noch das andere war. Und angesichts seiner großen Klugheit und seines filigranen Sprachgefühls war es ein Jammer. So zehrte ich vor allem von unsrer Korrespondenz, die mir jede Menge Anregung und Anerkennung schenkte. Ohne Zander hätte ich den vielen Körben, die mir der Literaturbetrieb Anfang dieses Jahrhunderts an den Kopf warf, kaum widerstanden. Dafür war er selber jedoch hart im Nehmen. Griff ich im Meinungsstreit zu Titulierungen wie »Bürger« oder »Sozialdemokrat«, schluckte es der Forschungsleiter (in einer Fabrik) und Professor an der TU in Clausthal, Harz. Er glaubte, ob einer zum Radikalismus oder zur Versöhnung neige, entschieden dessen Gene. Wahrscheinlich hat der Chemiker recht. Da es auch unter Oberschichtlern Linksradikale gibt, kann man auf soziale Lagen offenbar unterschiedlich reagieren. Man sieht das zuweilen auch an Geschwistern, etwa Brüdern. Sie kommen aus demselben Stall, doch der eine Bruder wird »Che von Kassel«, der andere Postbeamter, bis er als Regierungsrat in Rente gehen darf.
~~~ Hier liegt der nächste heikle Punkt. Was Biografisches und Gefühlsleben angeht, hielt sich Zander in unserem Briefwechsel von Anfang an bedeckt. Erwähnte er, schon früh einen Sohn verloren zu haben, kam es bereits einer Herzausschüttung gleich. Ob und wie ihn dieser Verlust schmerzte und prägte, verriet er nicht. Da ich selber in Briefen eher viele Auskünfte gebe, erhält das Schiff der Kommunikation natürlich Schlagseite. Diese Ungerechtigkeit machte mich zuweilen wütend. In anarchistischen Kommunen ist Schlagseitenkommuni-kation verpönt. Alle haben sich ähnlich weit zu öffnen. Diese Öffnung hält die Verletzbarkeit gleich, dient aber auch als Riegel gegen Mutmaßungen, Unterstellungen, Groll. Zu allem Unglück gesellte sich zu Zanders Zugeknöpftheit der Zündstoff des klassischen Vater-Sohn-Konfliktes, war er doch gut 20 Jahre älter als ich. Keine Zuneigung ist ohne Machtkampf zu haben.
~~~ Immerhin tobte oder kratzte er in unserem Fall bloß auf Briefpapier. Distanz mildert. Im Sommer 2006 schrieb Zander, er ziehe vor Gernhardt auch deshalb den Hut, weil er sich bis zuletzt (Später Spagat) mit dem Tod auseinandergesetzt habe. Ich erwiderte, dann sei es ja nicht mehr taktlos, sich auch einmal bei ihm zu erkundigen, wie er es mit dem Tod und vielleicht mit Gegenmaßnahmen halte. Vielleicht hätten wir uns Zaubermittel oder wenigstens Trost zu bieten. Diese Anfrage überging er jedoch wie schon manche Anfragen zuvor. Gewiß hatte er seine Gründe dafür – die er nicht preisgab. Wollte auch ich mich einmal als Aphorist versuchen, wäre hier der Hinweis fällig: Um uns aufzupäppeln und uns einzutrichtern, wie das Leben zu meistern sei, vergeuden unsere Eltern 20 Jahre ihrer kostbarsten Zeit. Für die heikle Frage unseres Abgangs opfern sie keine 10 Minuten.
~~~ Wer Zander in einem Gedicht zu sich nehmen möchte, hat ihn auf den Seiten 61 bis 63 seines Bändchens Antrobus‘ Tagebuch von 2004 gleichsam wie im Weinglas. Da sitzen »Ein paar ältere Herren« zusammen. Auch Zanders Verschlossenheit hat man in diesem funkelnden, tulpenförmigen Glas. Die Lage ist ernst, sagen Sie? / Ach, junger Freund, / es geht immer um Leben & Tod, / und hier sprechen Sie mit Experten. Aber sie erklären sich eben nie; sie unterhalten sich lieber mit Anekdoten, Bonmots, Zitaten. Jetzt glänzt der Gastgeber (das meine ich durchaus bewundernd) mit folgenden Worten. In der vierten Strophe / sollte der Mond erscheinen, / und, bitte: da ist er. / Na, dann reden wir mal / über die Wahrheit / der Dichter, der Physiker. / Am Ende stehen die Quoten / 3:2, aber für wen / wird nicht verraten.
~~~ Für den Leser jedenfalls nicht – will doch der Lyriker Zander verhüllen statt aufdecken. Hier hätten Sie zum Schluß auch ein wichtiges Glaubensbekenntnis hinsichtlich meines eigenen Schaffens.
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