Dienstag, 7. Januar 2025
Carel Fabritius + Käthe Evers
Verfaßt um 2022

Am Schluß seines Eintrages erwähnt mein Brockhaus, leider sei das Werk des niederländischen Malers »nur frag-mentarisch erhalten«. Die Explosion läßt das Lexikon eiskalt weg. Ein Selbstporträt in Öl, um 1645 entstanden, zeigt den jungen Carel Fabritius (1622–54) mit prächtigen und sicherlich auch echten braunen, schulterlangen Locken. Schließlich war er kein Barockkönig. Immerhin, mit ungefähr 20 Jahren war er Schüler oder Mitarbeiter des Amsterdamer Meisters Rembrandt geworden und hatte sich kurz darauf auch schon verheiratet: mit Frau Aeltje Herrmensdr van Hasselt. Hat er auf seinem Selbstporträt gleichwohl keinen Grund zum Lachen, liegt es vielleicht daran, daß er 1642 sein erstes Kind und ein Jahr darauf, bei der Geburt des dritten Kindes, auch seine Frau verlor. Das Würmchen starb ebenfalls. So nahm er seine ihm noch verbliebene Tochter Aeltje an die Hand und ging oder fuhr mit ihr in seine Heimatgemeinde Midden-Beemster zurück, wo sein Vater Schulmeister war. Der Ort auf dem Polder liegt rund 20 Kilometer nördlich von Amsterdam. Ob Fabritius weiter bei Rembrandt beschäftigt war, ist ungewiß. Jedenfalls plagen ihn öfter Geldsorgen, von denen ihn leider auch die Heirat mit der Delfter Witwe Agatha van Pruyssen im Jahr 1650 nicht erlösen kann. Vermutlich auf deren Wunsch läßt sich die Familie in Delft nieder (südlich von Amsterdam), wo sich Fabritius ab Oktober 1652 im Meisterbuch der St. Lukasgilde als Maler eingetragen findet. Niemand warnte ihn vor diesem Umzug. Auch die Delfter Kirchtürme tun es nicht, die sich nach der kommenden Katastrophe geradezu unverschämt aus den Ruinen und Aschehaufen recken werden.
~~~ Fabritius schafft in diesen drei oder vier Delfter Jahren nur wenige, aber heute hochgelobte, da über Rembrandt hinausführende Gemälde. Jeder sagt, er hätte ein ganz Großer werden können. Es kam nicht dazu, weil Delft am 12. Oktober 1654 um kurz nach 10 von einem Knall erschüttert wurde, der angeblich noch auf der 150 Kilometer entfernten Insel Texel zu hören war. Durch die Fahrlässigkeit des Arsenalverwalters Cornelius Soetenser, der die Schwarzpulvervorräte mit einer Funken sprühenden Laterne in Augenschein genommen hatte, war ein staatliches, eigentlich geheimes und auf die Engländer gemünztes Munitionsdepot im altehrwürdigen Pulverturm explodiert. Die Wucht des Delfter Donnerschlags – nach Angaben der Behörden durch rund 40 Tonnen Schwarzpulver bewirkt – zerstörte, neben dem Turm, 500 Gebäude der Stadt schwer bis vollständig und tötete, von den zahlreichen Verletzten einmal abgesehen, ähnlich viele EinwohnerInnen. Zu diesen zählte auch der 32jährige Fabritius, der in seinem Haus und Atelier in der Doelenstraat gerade den ehemaligen Küster der Delfter Oude Kerk Simon Decker porträtiert hatte. Zudem hielten sich, neben seinem Lehrling Martias Spoors, auch zwei Familienmitglieder im Haus auf, die in den Quellen unterschiedlich oder gar nicht benannt werden. Möglicherweise befand sich entweder seine Frau Agatha oder aber seine Schwiegermutter Judick van Pruyssen darunter. Alle fünf Anwesenden kamen um.
~~~ Daneben dürften, vom Küster-Porträt einmal abgesehen, etliche weitere, im Atelier verwahrte Arbeiten des Meisters verloren gegangen sein. Zu den wenigen Ausnahmen zählt der im Todesjahr entstandene Distelfink (Stieglitz), ein Ölgemälde, das heutzutage durch Reproduktionen massenhaft verbreitet ist. Der betrübte Vogel hat ein goldenes Kettchen am Bein – sein Schöpfer flog in die Luft. Die Szenerie mit den erwähnten frivolen Kirchtürmen wurde von Fabritius‘ Kollege Egbert van der Poel überliefert, der das Bild der Verwüstung damals auf über 20, meist ähnlichen Gemälden festhielt. Den Vordergrund bilden StädterInnen, die Trümmer oder Leichen fortschaffen. Van der Poels Gemütszustand beim Malen möchte man nicht geteilt haben, denn unter den Todesopfern der Katastrophe befand sich auch ein Kind dieses Künstlers.


Das Talent der jungen Braunschweiger Malerin Käthe Evers (1893–1918) soll hier keine Rolle spielen. Im Brockhaus kommt sie sowieso nicht vor. Die Lehrers-tochter hatte ein Kunststudium in München durchlaufen. Bereits 1915 kamen (angeblich) ihre Freunde Albert und Hermann Hamburger als Kriegsfreiwillige an der Front um. Ob sie selber nun (1917?) genauso bereitwillig in die Rüstungsproduktion ging, ist nach freundlicher Auskunft des Braunschweiger Theatermanns Gilbert Holzgang nicht ganz klar. In einem Vortrag erläuterte er dazu 2018: »Es gab gerade in den bestgestellten Kreisen Frauen, die bereitwillig monotone, anstrengende, sogar gefährliche Fabrikarbeit auf sich nahmen, um ihren Teil zum Sieg Deutschlands beizutragen. Die Kriegslage war so prekär, das Denken so stark von der totalen Mobilisierung aller Kräfte geprägt, dass die Frauen – man kann sagen freiwillig – einen Beitrag leisten wollten. Die Möglichkeit, sich der staatlich organisierten Frauenarbeit zu entziehen, bestand.« Die Malerin wurde in Heimatnähe in einer im Harzort Rübeland gelegenen Pulverfabrik* eingesetzt. Als diese am 10. Januar 1918 zum Teil in die Luft fliegt, bleiben 14 Tote plus neun Schwerverletzte auf der Strecke. Später kamen wahrscheinlich noch zwei Tote hinzu. Ironischerweise wirkt die angeführte Ansichtskarte ähnlich wie das Werk der nur 24 Jahre alten Künstlerin, die sich dem »Pointillismus« verschrieben hatte. Die meisten Leichen soll man gar nicht mehr ordentlich wiedererkannt haben: zerfetzt, atomisiert.
~~~ Evers‘ Engagement erinnert mich stark an die Heldin von Meta Scheeles Roman Frauen im Krieg von 1930. Die Schriftstellerin selber, Scheele, kam mit 37 in einer faschistischen Tötungsanstalt um. Das jüngste Opfer der Explosion in Rübeland soll die einheimische Frida Schneider gewesen sein, 16 Jahre alt. Während wir über Evers sicherlich wenig wissen, wissen wir über Schneider gar nichts.
~~~ Am 13. Juni 1935, nun unter der Hakenkreuzflagge, gibt es einen »Arbeitsunfall«, wie die Kripo später befindet, der über Wittenberg (an der Elbe) eine riesige, schwarze Wolke zu Martin Luther in den Himmel steigen läßt. In einer Munitionsfabrik des WASAG-Konzerns sind 27 Tonnen TNT-Sprengstoff in die Luft geflogen. Dieses Unglück** sorgte für jeweils rund 100 Schwerverletzte und Tote. Vermutlich waren sie kaum ausnahmslos über 39 Jahre alt, nur geizen die Quellen auch ausnahmslos mit Namen. »Reichspropagandaminister« Joseph Goebbels eilte mit anderen Nazigrößen zum »Staatsbegräbnis« in die heute großkotzig und aufdringlich so genannte anhaltische »Lutherstadt« – um den Hinterbliebenen die »herrliche Gewißheit« einzutrichtern, ihre Angehörigen seien zu Tode gekommen, »auf daß Deutschland lebe«. Leider scheint es recht zählebig zu sein. Deutschland, meine ich.

* https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%A4the_Evers#/media/Datei:Ruebeland_Pulverfabrik_Ansichtskarte_um_1910.JPG
** Steffen Könau, »Munitionsexplosion bei Wittenberg: Vor 80 Jahren kommt es zum verheerenden Unglück«, Mitteldeutsche Zeitung 12. Juni 2015: https://www.mz.de/mitteldeutschland/munitionsexplosion-bei-wittenberg-vor-80-jahren-kommt-es-zum-verheerenden-ungluck-2040122

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