Samstag, 4. Januar 2025
Donnerschläge in Fort-de-France
Verfaßt 2021

Obwohl er ein paar Zeilen im Brockhaus hat, ist der US-Komponist Marc Blitzstein (1905–64), wie ich fürchte, in Deutschland kaum bekannt. Sein krasses, vergleichs-weise frühes Ende klammert das Lexikon aus. Blitzstein wuchs in einem gutbürgerlichen, wenn auch sozialkritisch gestimmten jüdischen Hause in Philadelphia an der US-Ostküste auf, studierte Klavier und Komposition, zum Teil in Europa, und lebte dann vorwiegend in New York City. Für etliche Jahre war er Mitglied und Aktivist der Kommunistischen Partei seines Landes und teilte deren SU-Hörigkeit, etwa den »Hitler-Stalin-Pakt« betreffend. Andererseits war der gutaussehende, dunkelhaarige Künstler mit dem kleidsamen Oberlippenbart zu klug und lebenslustig, um schon in seinen besten Jahren zu verknöchern. Einen Schwerpunkt seines Schaffens bildete das Musiktheater, wobei er sich unverhohlen an Brecht/Weill, Hanns Eisler, Clifford Odets und ähnlichen linksstehenden Erneuerern orientierte. Gleichwohl fand Blitzstein zu einer bemerkenswerten Originalität, die sich, neben Opern oder Musicals, auch in einigen Klavier- und Orchesterstücken ohne Gesang niederschlug. Seinen »Durchbruch« erzielte er 1937 unter dem Titel The Cradle Will Rock mit klassenkämpferisch-melancholischen Szenen aus »Steeltown«, zu denen er sowohl die Musik wie das Libretto und die Songtexte schrieb. Daraus stammt ein Lied, das im Internet sogar, unter anderem, mit der partitur-gerechten Orchesterbegleitung zu haben ist, eine nadelkratzende Rarität. Sie stammt aus einer Rundfunksendung von 1960. Der Song heißt Nickel Under the Foot und wird von der Straßendirne »The Moll« vorgetragen, in jenem antiquarischen Fall gesungen von Tammy Grimes.
~~~ Bei der Premiere des Musicals am Broadway (16. Juni 1937) war die Orchesterbegleitung aufgrund »höherer Gewalt« ausgefallen. Die staatlich subventionierten Produzenten hatten nämlich, von den Proben her, kalte Füße bekommen und die Eingangstür des gemieteten Theaters kurzerhand mit einem Vorhängeschloß versehen. Daraufhin organisierten die Einrichter des bissigen »stage cartoons« (so Blitzsteins Bezeichnung vier Jahre später), John Houseman und Orson Welles, telefonisch das nahegelegene Venice Theatre sowie ein Klavier und zogen mitsamt den genarrten Schauspielern und Zuschauer-massen ein paar Blocks weiter, um das Stück zu retten – und aus der Not eine Tugend zu machen, wie sich herausstellen sollte. Komponist Blitzstein bemühte sich selbst auf den Klavierhocker, während es dem Ensemble erspart blieb, Kulissen oder Instrumentenkoffer zu schleppen und Kostüme anzuziehen: sie lagen in dem verrammelten Theater. So unterschieden sich die KünstlerInnen äußerlich nicht im geringsten von dem mit arbeitslosen Musikern angereicherten Publikum, das ohnehin hart an der Rampe saß. Die mit einiger Verspätung begonnene Aufführung gewann eine knisternde Eindringlichkeit, die sich am Ende in »standing ovations« entlud.
~~~ In den zahlreichen Inszenierungen von The Cradle, die durch die Jahre folgten, wurde das schmucklose Muster aus der Premiere fast immer beibehalten. Eine davon (1939) sah am Piano den jungen Leonard Bernstein, mit dem sich Blitzstein für Jahrzehnte anfreundete. Andere enge Freunde waren die Kollegen Aaron Copland und David Diamond – alle drei homosexuell. Blitzstein selber hat aus seiner starken schwulen Neigung zumindest unter Verwandten und Bekannten nie einen Hehl gemacht, obwohl er es in seinen letzten Lebensstunden, mit 58 Jahren übel zusammengeschlagen in einem karibischen Krankenhaus liegend, möglicherweise unwillkürlich vorzog, Vizekonsul William Milam zu bitten, Blitzsteins Schwester Jo von einem »Autounfall« zu benachrichtigen, was dann zunächst auch in der Presse zu lesen war. Dies und vieles andere läßt sich Howard Pollacks umfangreicher und sorgfältig gearbeiteten Biografie von 2012 entnehmen. Man bedenke die Verhältnisse zu Blitzsteins Zeit – an schicke »Homoehen« war damals noch nicht zu denken. Dies dürfte auch zumindest ein Grund für Blitzstein gewesen sein, sich 1933 mit der Schriftstellerin Eva Goldbeck zu verheiraten. Ansonsten hatte Blitzstein, Pollack zufolge, im Laufe der Zeit etliche feste Liebhaber, ohne deshalb nun als Schwuler monogam zu leben. Allerdings trug dieser Umstand zur Verkürzung seiner Zeit bei, wie wir noch sehen werden.
~~~ Die 1901 geborene, jüdischstämmige Kritikerin und Übersetzerin Eva Goldbeck aus New York City hatte den charmanten Komponisten 1928 in einer Künstlerkolonie getroffen. Sie gab ihm in der Folge wesentliche künstlerische Anregungen, kam freilich mit eigenen erzählerischen Arbeiten nie zum Zug. Im Gegensatz zu Blitzstein, dem erklärten Schwulen, war Goldbeck, nach Pollack, offenbar geradezu undefinierbar gestimmt. Sie starb 1936 bereits mit 34 Jahren in einem Bostoner Krankenhaus. Die zierliche, braunhaarige, ausgesprochen gewissenhafte Schriftstellerin und starke Konsumentin von Kaffee, Zigaretten und Alkohol war seit mindestens 10 Jahren immer erschreckender abgemagert, litt zudem an Brustkrebs. Nach Einschätzung ihres Kollegen und Freundes Lewis Mumford und dessen Freund Henry Murray, bei dem sich Goldbeck 1935 in psychologische Behandlung begeben hatte, stand sie unter einer dicken zweiendigen Knute aus Narzismus und Masochismus, die sie gleichsam in die Selbstzerstörung trieb. Die unerreichbare Hauptquelle ihrer Enttäuschung und Gespaltenheit sei dabei vermutlich in ihrer Mutter Lina Abarbanell zu sehen. Die US-deutsche Opernsängerin (Sopran), die als Schönheit galt, soll gnadenlos in sich selbst verliebt und die entsprechende Rabenmutter für ihr einziges Kind gewesen sein. Die Tochter habe ihre ignorante Mutter zunehmend gehaßt – und dann in der Folge wohl das Weibliche in sich selber. Zuletzt habe es Goldbeck sehr wahrscheinlich auf einen »suicide from spite«, aus Trotz also angelegt, vermutet Murray. Zweck der Übung: die anderen, die einen nie genug beachtet und geliebt haben, sollen schuld sein.
~~~ Kommen wir auf Blitzstein zurück. Vor gut 20 Jahren wurde das unterhaltsame Drama um die New Yorker Cradle-Premiere auch von Tim Robbins ausgenutzt, der darüber oder daraus einen Kinofilm machte: Cradle Will Rock (deutsche Fassung: Das schwankende Schiff), USA 1999. Ob sich Robbins‘ Schilderung einigermaßen an die Tatsachen und den Geist von 1937 hält, kann ich nicht beurteilen, wenn ich auch von PJ Harvey her nur das Schlimmste befürchten kann. Die damals 30jährige britische »Alternative«-Sängerin steuerte zu diesem Werk, vermutlich auf Betreiben des für die Filmmusik verantwortlichen Ko-Produzenten David Robbins, eine Darbietung bei, die meisterhaft demonstriert, wie sich ein hochkarätiger Song mit einfachsten Mitteln dürftig und flach machen läßt. Obwohl das vordringlich eine Frage der Musik, der Gesangskunst und der Stimme ist, gebe ich bei dieser Gelegenheit den Text des Songs wieder, wobei ich mir keine Übersetzung zutraue. Ich nehme freilich an, Molls beißende Seufzer kreisen, mit dem Groschen unter dem Fuß (ein starkes Bild), um den vielgefächerten »Willen zur Macht«, der ja leider nicht nur Fabrikanten, PolitikerInnen und Mafiabosse, vielmehr alle Welt beherrscht, selbst Vergnügung suchende Seeleute in karibischen Hafenstädtchen.
~~~ >Maybe you wonder what it is / Makes people good or bad / Why some guy, an ace without a doubt / Turns out to be a bastard / And the other way about / I'll tell you what I feel / It's just the nickel under the heel. // Oh you can live like hearts and flowers / And everyday is a wonderland tour / Oh you can dream and scheme and happily put / And take, take and put / But first be sure / The nickel's under your foot. // Go stand on someone's neck while your takin' / Cut into somebody's throat as you put / For every dream and scheme's depending on whether / All through the storm / You've kept it warm / The nickel under your foot. // And if you're sweet then you'll grow rotten / Your pretty heart covered all over with soot / And if for once you're gay and devil-may-careless / And O so hot / I'll know you've got / That nickel under your foot.<*
~~~ Tatsächlich wurde der Urlauber Blitzstein nebenbei auch beraubt, nachdem er sich am Abend des 21. Januar 1964 auf der Suche nach Drinks und anderen Vergnügen ins Hafenviertel von Fort-de-France, Martinique, begeben hatte. Die drei jüngeren einheimischen Seeleute, die er aufgegabelt hatte, nahmen ihm in einer dunklen Seitenstraße Geldbörse und Uhr weg. Da sie ihm dafür einen tüchtigen »Denkzettel« verpaßt hatten, fand er sich im Krankenhaus der Inselhauptstadt wieder. Dort erlag er anderntags seinen schweren Verletzungen. Die Diebe und »fahrlässigen Totschläger«, die ihrem Opfer möglicherweise auch auf den »neck« getreten hatten, wurden gefaßt und kamen später mit wenigen Jahren Gefängnis davon. Nach Pollack hatte der Komponist schon immer betont »männliche« Liebhaber und den entsprechenden »harten« Sex bevorzugt, sodaß jetzt natürlich einige sagten: selber schuld. Andere sprachen von »Ironie«, sei der Komponist doch ausgerechnet »Typen« (bei Moll »Bastarde«) zum Opfer gefallen, für die er sich in seinen Werken, darunter (1954) eine sehr erfolgreiche englische Fassung von Brecht/Weills Dreigroschenoper, zeitlebens eingesetzt habe. Pollack hält dem entgegen, ein Grundzug des gesamten Schaffens und Wirkens von Blitzstein liege gerade im Protest gegen Brutalität in jeder Form.
~~~ Makabererweise wurde 1967 auch der Regisseur Jack Landau, den Blitzstein knapp 10 Jahre zuvor mit Musik zur Inszenierung zweier Shakespeare-Stücke beliefert hatte, von einem sehr ähnlichen Ende wie der Komponist ereilt. Man fand den erst 42jährigen in seiner Bostoner Wohnung erstochen und erdrosselt vor. Soweit ich erfahren konnte, war er »a hustler« zum Opfer gefallen, einem Stricher also. Doch für Blitzstein zählte mit Sicherheit auch der profitorientierte Betrieb von Baumwollspinnereien in Alabama (um 1900) zu jener Brutalität. Diese Fabriken tauchen in seiner bemerkenswerten, nach einem Stück von Lillian Hellman geschriebenen Oper Regina auf, wobei das Libretto auch einen an den Rollstuhl gefesselten »Gründervater« zu bieten hat, den die Titelheldin, seine Gattin, endlich loswird, indem sie ihm im rechten Augenblick die Arznei gegen seine Herzattacke verweigert. Wer hier an Seifenoper denkt, liegt nicht völlig falsch. Trägt Tochter Alexandra, im heiratsfähigen Alter, ihre Arie »What will it be for me« vor, möchten einem gleichzeitig Tränen der Belustigung und der Ergriffenheit kommen. Im Vergleich zu diesem Kleinod, das zum millionsten Male die große erste Liebe besingt, stellen sich Wagners »Winterstürme wichen dem Wonnemond« (aus dem Ring) als plumpes Wanderlied dar. Das ganze Werk ist eine Opernparodie, die sich auf höchstes Opernniveau schwingt. Zwar zieht Blitzstein dabei alle ihm je zu Ohren gekommenen Musikstile heran, vom Wiener Walzer über Polka und Ragtime bis zum Rap (1949!), doch er versteht es irgendwie, sie gerade wie in einer cotton mill zu einem homogenen eigentümlichen und betörenden sound zu verweben, den es bis dahin noch nicht gegeben hat. Tatsächlich sagte er zwei Jahre vor seinem Tod, in einer Fernsehsendung von 1962, wenn er irgendetwas sei, dann ein »amalgamator, a kind of musical amalgamator.«
~~~ Doch ich drohe mich zu verzetteln. Das letzte und beste Wort hat Patti LuPone als „Moll“ aus einer von John Houseman geleiteten Cradle-Produktion der Acting Company von 1985. Rufen Sie im Internet https://www.youtube.com/watch?v=KqzeTwrWA8M auf, die Mühe lohnt sich.

* Mein Wortlaut folgt dem (angeblichen) Original-Manuskript von 1936, Szene 7, dem offenbar auch LuPone treu bleibt, von ihrem letzten »the nickel« abgesehen.
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