Donnerstag, 7. Juli 2022
Rebecca
2022


Während sich der Zweite Weltkrieg zusammenbraute, verfaßte die britische Schriftstellerin Daphne Du Maurier die x-te Variation auf das Thema »Selbstbewußter Mann von Rang angelt sich junge hübsche Einfalt vom Lande«. Sie war aber klug genug, das Thema in die Tunke des klassischen Schauerromans zu tauchen. So schwebt Rätselhaftigkeit, Unheil und sogar Grauen über der mageren Handlung. Und da die Autorin in stilistischer und dramaturgischer Hinsicht mit einigen Wassern gewaschen ist, wurde dieses Werk – das ich kürzlich in Zora packt aus lediglich streifte – auf Anhieb viel gelesen und bald auch übersetzt und verfilmt. Offenbar waren das noch andere Zeiten. Heute kommt es allein auf das Thema an. Solange es »zieht«, können Sie schlechter als Georg Simmel oder Oskar Maria Graf schreiben – man wirft Ihnen einen Verlagsvertrag in den Schoß. Schreiben Sie doch beispielsweise über eine arme ukrainisch-stämmige Hure, die von einem faschistisch gestimmten sächsischem Arzt aus der Gosse gehoben wird und ihm deshalb liebend gern den Instrumentenkoffer bis nach Kiew trägt. Das zieht. Als besondere Würze können Sie noch ein paar Kokain-Heftchen in den Koffer tun, denn die Oligarchensprößlinge der nach Osten expandierenden Westlichen Wertege-meinschaft dopen sich gern.

Wie sich versteht, erfährt man die Hinter- und Beweggründe von Du Mauriers wenigen Hauptfiguren nur stückweise oder auch gar nicht. Am einfachsten liegt die Sache naturgemäß bei der namenlosen Ich-Erzählerin, nämlich der hübschen Einfalt. Sie verliebt sich unsterblich in Maxim de Winter, einen 42 Jahre alten Schloßherrn aus dem ländlichen Cornwall, und tut alles, um ihrem neuen hochstehenden Ehegatten halbwegs genügen zu können. Der Mann ist stinkreich, launisch und selbstgerecht, wie es sich gehört. Zwar merkt sie, er behandelt sie wie ein Kind, aber sie läßt es sich, mangels Selbstbewußtsein, gefallen. Sie deckt ihn auch ohne zu zögern, nachdem er ihr gestanden hat, ihre Vorgängerin, die bildschöne und vielbewunderte Rebecca, die als beklagenswertes Opfer eines Bootsunfalls gilt, erschossen zu haben. Das kommt der Nachfolgerin wahrscheinlich gar nicht so ungelegen, hat sie doch unentwegt gegen den übermächtigen Schatten der in strahlendes Licht getauchten Ex-Schloßherrin anzukämpfen. Jetzt ist Rebecca wirklich tot – keine Nebenbuhlerin mehr.

Auch der Mordfall stellt sich im Grunde genommen recht einfach dar. Die Dame Rebecca de Winter war nämlich nicht minder tyrannisch als ihr Gatte, wie diesem leider erst ein paar Tage nach der Hochzeit dämmert. So spielen sie der Welt das glückliche glänzende Ehepaar vor, hassen einander und gehen vereinbarungsgemäß jeweils eigene Wege. Aber Rebecca ist sogar stärker als Maxim. Der hält ihre Tyrannei, ihren ausschweifenden Lebenswandel, vermutlich auch ihre konsequente Verweigerung nicht mehr aus, bringt sie um und versenkt sie nächtens mitsamt ihrem Segelboot in der schloßeigenen Atlantikbucht. Dummerweise wird es nach einem halben Jahr aufgrund eines wirklichen Unwetters brenzlig, weil Taucher das Boot und die Leiche und Spuren von Sabotage finden. Das Ehepaar ist entsetzt, kann die Sache jedoch als Selbstmord der Rebecca hinstellen. Anflüge von Skrupel zeigen weder die beiden Gatten noch die Romanschriftstellerin. Die große »Liebe« rechtfertigt alles.

Für mein Empfinden entlastet Du Maurier den wider-wärtigen Schloßherrn sogar noch durch eine zusätzliche Pointe. Sie läßt einen Londoner Arzt auftauchen, der Rebecca noch wenige Stunden vor dem tödlichen, im Bootshaus abgefeuerten Schuß eine unheilbare Krebserkrankung bescheinigt hat. Sie wäre also sowieso bald gestorben. Gatte Maxim hat ihr, so gesehen, viele Schmerzen und den erlösenden Selbstmord erspart.

Manche könnten immerhin den überraschenden Romanschluß als eine von Du Maurier verhängte Strafe auffassen. Von einem Gespräch mit jenem Arzt heimkehrend, bemerken die Gatten von der nächtlichen Landstraße aus, daß sich der Himmel über ihrem Schloßpark rötet. Es ist noch nicht das Morgenrot – vielmehr scheint das Schloß in Flammen zu stehen. Das läßt Du Maurier offen, und damit bricht sie ihre Erzählung kühn ab. Wir können uns freilich denken: dahinter steckt, als rächender Brandstifter, Rebeccas Vetter und Liebhaber Jack, der den Schloßherren eigentlich zu erpressen gedachte, jedoch mit seinen Mordvorwürfen ins Leere lief. Er war auch ein Vertrauter der unheimlich wirkenden Haushälterin des Anwesens, Mrs. Danvers. Aber was tuts? Vom Auftakt des Romanes her wissen wir, das Ehepaar De Winter hat sich in eine Pension am Mittelmeer zurückgezogen und nagt dort offensichtlich noch nicht am Hungertuch. Die Ich-Erzählerin zeigt sich sogar durchaus zufrieden mit dieser Lösung. Von Reue nach wie vor keine Spur. Das skandalumwitterte, im Grunde potthäßliche Schloß ist abgebrannt, die große Liebe gerettet.
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