Samstag, 15. August 2026
Konrad Rheindorf

Sollte man einen Schwerverbrecher, der als Polizeioberrat in Pension gehen durfte, übersehen? Brockhaus gelingt es. Das mag jedoch entschuldbar sein, weil wir, soweit ich sehe, erst neuerdings ein halbwegs verläßliches Bild von Konrad Rheindorf (1896–1979) haben.* Danach war er als junger Mann im Ersten Weltkrieg gehärtet worden. 1920 zur preußischen Schutzpolizei gestoßen, stieg er bis 1933 (in Weilburg und Kassel) bis zum Polizei-Hauptmann auf. Flugs in die NSDAP eingetreten (1. Mai 1933), sah er sich nun zunehmend wieder vor militärische Aufgaben gestellt, denn die »inneren Feinde« ruhten nicht. 1936 schon Polizei-Major, wurde er in Bochum und Witten (Ruhrgebiet!) als Hundertschaftsführer verwendet. Dann entdeckte ein Vorgesetzter Rheindorfs pädagogische Begabung, sodaß er 1941 an die Polizeioffiziersschule in Fürstenfeldbruck, Südbayern, versetzt wurde. Allerdings konnte er lediglich knapp zwei Jahre lehren, weil die Erfolge der Wehrmacht im Osten nach Stabilisierung schrieen. So wurde er Anfang 1943 zum Stab des Polizei-Regiments 25 nach Lublin, Polen, abgeordnet. Dazu bemerkt Autor Schreiner-Bozic, Kriminalbeamter und Forscher in München, der Bezirk Lublin sei, unter dem SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik, ein »besonderer Schwerpunkt in der nationalsozialistischen Vernichtungs-politik« gewesen. Auch Rheindorfs Truppen hätten vor allem bei der Auflösung ländlicher jüdischer Gettos gewütet. Im November 1943 sei es auch zu der berüchtigten Aktion Erntefest gekommen, den »größten Massenerschießungen des Zweiten Weltkrieges« mit weit über 40.000 Todesopfern in Majdanek und ähnlichen »Konzentrationslagern«. Dabei sei Rheindorf persönlich nicht anwesend gewesen, da er andernorts Partisanen zu bekämpfen hatte, doch als Regimentskommandeur müsse er genau im Bilde gewesen sein.
~~~ Um 1970 hatte Rheindorf Gelegenheit, in einem Ermittlungsverfahren, das nicht ihn betraf, durch einige falsche Aussagen »seine eigene Verantwortung und die seiner Einheiten kleinzureden und zu verleugnen« und alle Schuld auf Globocnik oder dessen Vorgänger Kintrup abzuwälzen. Allerdings habe man ihn anschließend weder für Kriegsverbrechen noch wegen der Falschaussagen belangt. Es kam (1974) gar nicht zum Prozeß, weil Rheindorf seine »Verhandlungsunfähigkeit« geltend gemacht hatte. Geduld muß man eben haben. Rheindorf war ja damals schon fast 80.
~~~ Zurück nach Lublin. Die Großstadt wurde im Juli 1944 von der Roten Armee eingenommen. Die näheren Umstände von Rheindorfs Gefangennahme seien nicht bekannt. In Deutschland galt er zunächst als vermißt. Nun hatte er aber in Fürstenfeldbruck eine Gattin mit zwei Söhnen, die nicht von Luft und Liebe leben konnten. Deshalb setzte die Ehefrau ein Entnazifizierungsverfahren in Gang – das am 10. Juni 1948 mit der Einstufung des Polizeichefs als »nicht betroffen« beendet wurde. Schließ-lich sei Rheindorf lediglich einfaches Parteimitglied, also weder in SS noch SA gewesen. Damit stand seiner Gattin Unterstützung zu. Mehr noch, bekam sie später sogar die vollständigen Dienstbezüge Rheindorfs, stellte sich doch heraus, daß ihm Besatzer- oder Landesbehörden nie gekündigt hatten. Sieben Jahre darauf, im Oktober 1955, kam auch der Gatte persönlich nach Fürstenfeldbruck zurück. Obwohl er 1950 in Minsk zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war, gewährten ihm die sowjetischen Behörden offensichtlich Strafverkürzung. Bereits im folgenden Herbst, 1956, habe er seinen Polizeidienst wieder aufgenommen. Schreiner-Bozic führt das auf eine tiefverwurzelte Seilschaft in der südbayerischen Schutzpolizei zurück, die ihren Kameraden Rheindorf bestens kannte und ihm die Stange hielt. Zuletzt Vizechef der Landpolizei im Regierungsbezirk Schwaben, schenkte man Rheindorf im Hinblick auf seine Pensionierung (Juli 1959) auch noch den eindrucksvollen Titel des Polizei-oberrats, Aufstockung der Bezüge eingeschlossen.
~~~ Der Mann, der an blutigster Verfolgung zahlreicher polnischer Juden, Partisanen, Zigeunern und so weiter »mitgewirkt« hatte, so Schreiner-Bozics vorsichtige Formulierung, verbrachte seinen Lebensabend in Bad Homburg am Taunus. Dort starb er mit 83. Ich hoffe, die Ampel im Bad Homburger Stadtparlament gibt demnächst Grünes Licht für die Einrichtung einer Konrad-Rheindorf-Straße. Das wird die hessische »Kriegsertüchtigung« sicherlich bedeutend befeuern.

∞ Verfaßt 2024
* Marcus Schreiner-Bozic, »Konrad Rheindorf: Eine typische Polizeikarriere in seiner Zeit?«, in: Band 11 der Buchreihe Täter Helfer Trittbrettfahrer, Hrsg Wolfgang Proske, Gerstetten 2021, S. 251–59

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