Donnerstag, 13. August 2026
Utopien
ziegen, 09:22h
Die italienische Anarchistin Marie-Louise Berneri (1918–49) geht 1936 nach London, wo sie als Redakteurin für die Zeitschrift War Commentary arbeitet und einige Bücher schreibt. Sie stirbt unerwartet mit 31 an einer Infektion im Wochenbett. Das ist natürlich haarsträubend; erinnert nebenbei an Eileen O'Shaughnessy. Berneris Vater soll (1937) in Barcelona von Kommunisten erschossen worden sein, wo ja auch Orwell und dessen genannte Gattin mitmischten, erfreulicherweise in den anarchistischen Reihen. Später, in England, war die Tochter angeblich mit Orwell befreundet. Möglicherweise war sie auch Emma Goldman begegnet. Es hätte ihr nicht geschadet, wenn die Bekanntschaften mit solchen Schriftstellern etwas stärker auf sie abgefärbt hätten.
~~~ 1950 erschien, posthum, Berneris Studie Reise durch Utopia, mit der sie eine recht gründliche Besichtigung von utopischen Gesellschaftsentwürfen aller Epochen vornimmt, von Platons Staat bis zu Huxleys Schöner neuen Welt von 1932. Bei der Abfassung meiner eigenen Utopien (Konräteslust, Mollowina, Pingos) kannte ich Berneris Buch noch nicht; ich glaube jedoch, dadurch sind mir keine wesentlichen Erkenntnisse oder Anregungen entgangen. Der widerwärtige autoritäre Zug der meisten Utopien, die bislang auf uns kamen, war mir sowieso schon klar. Daneben stellt Berneris Werk nicht gerade einen literarischen Hochgenuß dar. Ich denke dabei am wenigsten an die bekannte schlampige Art, in der die deutsche Übersetzung (Renate Orywa) 1982 in einem bekannten Berliner »linken« Verlag zwischen zwei Buchdeckel gebracht worden ist, also an typografische und editorische Gesichtspunkte. Zum Beispiel bricht der Rücken bereits beim Hineinschnuppern; für den Satzspiegel bedarf es einer Lupe und eines Kompasses; die Fußnoten bieten einen Salat, bei dem man nie weiß, ob sie jetzt von Berneri oder dem sogenannten Herausgeber stammen, dessen Name pietätvoll verschwiegen wird. Berneris stilistisches Vermögen ist eher gering. Man glaubt, die übliche Diplomarbeit zu lesen, was mit Berneris akademischer Ausbildung zusammenhängen mag; sie studierte in Paris Psychologie. Aber gerade an der mangelt es. Zurecht weist Berneri auf die Gleichschaltungsfreude vieler Utopisten hin, doch sie selber ist nur anflugweise imstande, jenen »persönlichen Ausdruck« zu entwickeln, den Orwell wiederholt anmahnte. Dieser persönliche Zug allein, nicht zu verwechseln mit einer dadaistischen Masche, macht ein Buch wirklich fesselnd. Aber er ist den wenigsten Schriftstellern gegeben. Berneris Darstellungs-kunst stellt also leider die Regel dar, und so will ich nicht länger auf sie einhacken.
~~~ Ernest Callenbachs Werk Ökotopia von 1975 (auf deutsch im Rotbuch Verlag erschienen) konnte natur-gemäß von Berneri noch nicht berücksichtigt werden. Ich dagegen kannte es durchaus, als ich 2009 Konräteslust in Angriff nahm. Mit diesem Vorhaben – eine zeitgenössische anarchistische Zwergrepublik in Romanform vorzustellen – trug ich mich seit mehreren Jahren und sammelte entsprechend Material. Diszipliniert, wie ich bin, quälte ich mich also auch durch Callenbachs schmalen angeblichen Roman hindurch. Der Berkeley-Lektor und Dozent für Filmfragen siedelte seine im Jahr 1999 spielende Handlung im Westen der USA an. Zwar legt der abtrünnige Freistaat Ökotopia mit der Hauptstadt San Francisco Wert auf Dezentralisierung, doch scheint er eine ziemlich gewöhnliche Regierung zu haben. Die Präsidentin an der Spitze gibt die starke Frau. Einmal zeigt sie sich gar bereit, gewisse außenpolitische Maßnahmen »zu verheimlichen« – nicht unpassend, denn Ökotopia wird ein ausgezeichnet arbeitender Geheimdienst nachgesagt. Das hätte einer anarchistischen Zwergrepublik gerade noch gefehlt.
~~~ Auch Recht und Geld spielen bei Callenbach die übliche Rolle. Der Freistaat garantiert ein geringes Grundeinkommen, doch fast alle ÖkotopianerInnen sind offenbar darauf erpicht, es durch Lohnarbeit beträchtlich aufzustocken. Recht befremdlich die ritualisierten Kriegsspiele unter Lebens- oder Arbeitsgemeinschaften, die für Aggressionsabfuhr sorgen sollen. Sie fordern durchschnittlich 50 Tote im Jahr. Gegen äußere Feinde hat Ökotopia Streitkräfte; es sieht oder sah sich ja vor allem von Washington bedroht. Einen guten Eindruck habe ich von den selbstorganisierten und lebensnahen Schulen gewonnen. Interessant auch noch die genormten Wohnröhren (mit ovalem Querschnitt, aber waagrechtem Fußboden), die beliebig kombiniert werden können. Hauptsiedlungsform sind Kleinstädte um 10.000 Einwoh-nerInnen. Für mein Empfinden schon viel zu groß.
~~~ Der Erzähler, ein US-Reporter und -Sonderbotschaf-ter, ist mir unsympathisch; zu eitel. Er läßt sich bekehren und bleibt in Ökotopia. Aber vor allem ist das Buch schlecht geschrieben. Es hat wenig Anschaulichkeit und gar keine Atmosphäre. Entsprechend unglaubwürdig und konstruiert wirkt dieses Ökotopia. Als Lektor hätte ich Callenbach zu einem Posten als Wohnröhren-Prüfer beim TÜV geraten.
∞ Verfaßt 2022
Zum Schuh (gut zwei Seiten) erklärt uns Brockhaus, es habe ihn bereits im Altertum und Mittelalter gegeben. Dann räumt er freilich beiläufig ein, der Schuh hätte vornehmlich die Füße weltlicher und geistlicher Fürsten und der »Oberschichten« bekleidet. Und das ist natürlich der springende Punkt. So wie die Füchse und Gänse nie Schuhe und schon gar keine aberwitzigen »Schnabel-schuhe« benötigten, kamen auch die Bauern und Handwerker ohne oder mit einfachstem Schuhwerk aus, von den Dschungel- und Präriebewohnern Amerikas oder Australiens ganz zu schweigen. Immerhin verdeutlicht der Schuh schlagend, was für ein mitreißender Unfug der sogenannte Fortschritt ist. Selbstverständlich kann ich weder auf heißem Asphalt noch auf müll- und scherbenübersäten Parkwiesen unbeschadet barfuß gehen. Ich kann aber auf moderne Straßen und Parkanlagen verzichten, falls ich zufällig im Rat einer Freien Republik für diesen Bereich zuständig bin. Im preußischen oder bundesdeutschen Kabinett kann ich es allerdings nicht. Bin ich Gesundheitsminister, werde ich für astreine modische Bio-Sicherheitsschuhe werben, denn mit deren HerstellerInnen bin ich bestens schuhverbandelt.
~~~ Wenn ich mich recht erinnere, habe ich die Frage des Schuhwerks bei meiner Besichtigung der Freien Inselrepublik Pingos (Ägäis um 1965) mit keinem Blick gestreift. Ich nehme an, man hatte vorwiegend Sandalen, sofern man nicht gleich barfuß ging. Die wenigen, so gut wie nie von Autos behelligten Straßen im Hafenstädtchen Muro und den rund 10 Dörfern wurden von den GO‘s (Grundorganisationen) regelmäßig eigenhändig gefegt. Niemand ließ achtlos Müll fallen, weil er den auch wieder hätte aufheben müssen. Das Hauptordnungsmittel in solchen Republiken ist die gegenseitige Erziehung. Polizei ist unbekannt. Nancy Faeser würde vielleicht von gegenseitiger Kontrolle sprechen – aber das täte sie nur, weil sie sich persönlich nie kontrollieren läßt. Schließlich ist sie eine bedeutende Ministerin = Machthaberin, und sollte es noch Blätter geben, die querschießen, schickt sie ihnen ihre uniformierten Monster ins Haus.
~~~ Jene gegenseitige Erziehung findet bereits unter den Kindern der Insel statt. Sie benötigen keine Befehle von Erwachsenen. Es gibt sicherlich manche Meinungsver-schiedenheiten, aber weder Feindseligkeiten noch Strafen. Wem es in der Republik nicht gefällt, der kann gern die Fähre nach Nokto (Griechenland) nehmen; er bekommt sogar ein Handgeld. Die Flut der Probezeitanträge, die im Rathaus Muro und dann in den GO-Büros eingehen, sorgt leicht für Ersatz. Wird schließlich der eine oder andere Ausländer angenommen, ist man stets gespannt, was er nun an Schuhen mitbringt. Im Ostküstendorf Löla hat eine in einem verwaisten Schweinestall ihrer GO inzwischen ein Schuhmuseum aufgemacht. Es kommen bereits Kinder aus Muro, die sich da schieflachen. Jetzt wartet die Museumschefin fiebrig auf Probezeitanträge von Damen Marke Imelda Marcos. Schlagen Sie spaßeshalber mal nach.
∞ Verfaßt 2024
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