Mittwoch, 12. August 2026
Tierversuche

Wie ich höre (2025), ist Gisela bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Da ist es wohl gestattet, sich einmal über sie zu beschweren. Nicht etwa wegen dem Autounfall, nein. An diesem sei sie nicht schuld gewesen, heißt es, und für den allgemeinen Automobilisierungswahn könne sie ja sowieso nichts. Richtig! Wer kann sich schon den Zeichen seiner Zeit entziehen? Als Naturfreundin wohnte Gisela auf dem Dorf, aber sie hatte Tag für Tag in einem Gymnasium der Kreisstadt zu unterrichten. Sie fuhr nichts Protziges, nur einen kleinen Fiat.
~~~ Mein Ärgernis war die Sache mit ihrer Tochter. Elke hatte Tiermedizin studiert. Sie ließ sich dann in der Kreisstadt mit eigener Praxis nieder. Auf die Dauer war es ihr allerdings zu langweilig, immer nur fetten Hauskatzen und Dackeln auf die Beine zu verhelfen, und so griff sie zu, als eine Forschungsabteilung einer süddeutschen Univer-sitätsklinik Verstärkung suchte. Schon ihr Anfangsgehalt war alles andere als mager. Bald war sie leitend tätig. Und um was ging es da? Ihre Abteilung befaßte sich aus-schließlich mit Tierversuchen. Elke impfte die Tierchen; zog ihnen Elektroden ein; amputierte ihnen dies oder das, und dann guckte sie mal, wie sie darauf reagieren.
~~~ Als ich von diesem Schwenk in Elkes Laufbahn hörte, kratzte ich mich doch ziemlich heftig am Kopf. Ich machte mich vorsichtshalber noch etwas schlauer, bevor ich mich von Gisela zu Kaffee und Kuchen einladen ließ. Bis dahin hatte ich mich mit den beiden Spalten in meinem Brockhaus begnügt, Band 22 von 1993, S. 169. »Immer häufiger wird bezweifelt, ob es zulässig ist, ein Tier, das wie der Mensch schmerzempfindlich ist, stellvertretend für den Menschen leiden zu lassen. Umstritten ist auch, ob Tierversuche methodisch überhaupt geeignet sind, zum einen Mensch, Tier und Umwelt vor möglichen Schäden zu bewahren und zum anderen für den Menschen relevante Forschungsergebnisse zu liefern …« Inzwischen bietet aber auch das Internet einiges an Horror und Kritik. Peter Carstens etwa behauptet in GEO vom 8. Oktober 2020, in Deutschland seien 2018 fast drei Millionen Tiere in Experimenten »verbraucht« worden. Es treffe vor allem Mäuse, Ratten und Fische, aber man schrecke auch nicht vor Affen oder Schafen zurück. »Fast 125.000 von ihnen waren dem höchsten Grad an Schmerzen, Leiden und Schäden ausgesetzt. Tendenz: steigend.«
~~~ Bestandteil des grausamen Vorgehens in dieser Forschungsbranche ist es anscheinend, Tieren Krankhei-ten oder Verletzungen beizubringen, um sie dann wieder davon heilen zu können. Das tut man »natürlich« nur, um Aufschlüsse für die Behandlung kranker oder verletzter Menschen zu gewinnen. Manche KritikerInnen bestreiten allerdings den Wert dieser Aufschlüsse. Menschen reagierten anders auf Schäden als Tiere, und dabei reagiere auch jeder einzelne Mensch anders. Es komme auf seine körperliche Verfassung, seine sozialen Umstände, vielleicht sogar auf seine Seele an. In der schrecklichen und stets gleichförmigen Laborsituation von Versuchs-tieren stecke er jedenfalls selten. Nebenbei behaupten die KritikerInnen, »tierversuchsfreie« Forschung, die es durchaus schon gebe, sei beträchtlich weniger kostspielig als die beklagte Horror-Forschung. Die scheint allein in Deutschland eher 30 als drei Millionen jährlich (in Euro) zu verschlingen.
~~~ Bei meinem Besuch wand sich Gisela wie ein Regen-wurm in einem mit Schmieröl bestrichenen Kuchenteller. Sie habe ja anfänglich versucht, Elke den Wechsel auszureden. Dann habe Elke sie aber mit Argumenten bombardiert, die gar nicht so einfach von der Hand zu weisen seien. Ja, warf ich ein, die kenne ich. Sobald es und sooft es um Verteidigung skandalöser Einrichtungen und Maßnahmen geht, zieht die Rechtfertigungsmaschine stets dieselben wenigen Trümpfe hervor: Wir handeln nur auf Befehl von oben / Wir unterliegen unbeeinflußbaren Sachzwängen / Wir sind lediglich Diener des allgemeinen Wohls der Menschheit – und nicht etwa des Medizinisch-Militärischen Komplexes. Diese Karten stechen fast immer. Sie teilen den angeblich tierlieben Mediziner in eine hartherzige Hälfte fürs Labor und eine rührselige Hälfte für Dackel Waldi im häuslichen Körbchen.
~~~ »Aber was sollte ich denn machen?« jammerte Gisela. »Wenn sie meine Bedenken nicht teilt? Ich kann ihr schließlich keine Vorschriften machen!«
~~~ »Richtig. Du hättest jedoch mit ihr brechen können, liebe Gisela.«
~~~ Sie war entsetzt. »Was denn – ich soll mit ihr bre-chen? Mit meiner eigenen Tochter? Ist das dein Ernst?«
~~~ Das bestätigte ich. Bei der Beurteilung eines verwerflichen Tuns dürfe der Verwandtschaftsgrad keine Rolle spielen. Tue er es doch, hätten sich sachfremde Motive ins Urteil gemischt, und das sei immer schlecht.
~~~ Dieser Auffassung konnte Gisela nicht folgen. Die Stimmung in ihrer Küche sank so rasch, daß ich es für geraten hielt, meinen Besuch abzukürzen. Wir sahen uns nie wieder. Jetzt ist sie so zerschlagen und tot wie das mit Elektroden gespickte Frettchen im Universitätslabor.
°
°