Montag, 10. August 2026
Scherbarth, Günter
ziegen, 18:22h
Für mich hat der Komponist Richard Wagner im Wesent-lichen nur Bedeutung, weil er einem guten Bekannten von mir Stoff für einen interessanten, großangelegten Radierungszyklus gab. Der nächste Brockhaus wird damit auftrumpfen. Scherbarth, gelernter Grafiker, geboren 1930, lehrte am Westberliner Einsteinufer Schrift. Mich schätzte und beschäftigte er öfter privat als Künstler-modell, mein damaliger Broterwerb. Einmal steckte ich den Kopf in seinen Unterricht und konnte belustigt feststellen, er hielt viel von Wilhelm Busch und geizte auch nicht mit verbalen und gestischen Einlagen aus dessen Werken. An Schriftzügen baute er wie ein leidenschaft-licher Architekt an Häuserzeilen. Aber noch lieber zeichnete, radierte oder malte er – und zwar »nach der Natur«, was bei ihm vor allem hieß: nach der menschlichen Gestalt. Seine Aktstudien sind unzählbar. Er selber trat in altmodischen Kleidern auf, in denen man eher einen sogenannten Penner als einen sogenannten Professor erwartet hätte. Von seiner Schülerin Silke Kruse gibt es ein 1990 entstandenes Ölgemälde Günter radiert am Ring. Die dürren Beine übergeschlagen, hockt er auf einem Schemel. Seine kralligen Hände halten die Zinkplatte und die Kaltnadel. Die lächerliche Jacke wird von einem Knopf zusammengehalten, der uns ins Gesicht zu springen droht. Alles beherrschend der kantige Schädel mit dem Bürstenschnitt. Die verstülpten Lippen ergeben einen langen Strich. Lotrecht dazu finsteres Gewölk über der Nasenwurzel. Die eulenartigen Augen senden die Frage an uns aus: Sind etwa Sie die Krone der Schöpfung?
~~~ Scherbarth hatte viel Sinn für Humor und scherzte in allen Lebenslagen. Diese Neigung schlug sich natürlich auch in dem Zyklus über Wagners Ring des Nibelungen nieder, auf den sich Kruses Porträt bezieht. Auf 120 Blätter veranschlagt, konnte er den Zyklus nahezu vollenden, ehe ihn 2000 Wotans Speer ins Herz traf. Da ihm das Verschwommene nicht lag, zog Scherbarth die Licht- und Schwarzalben, Helden und Walküren aus den dräuenden Nebeln und betörenden Geständnissen, die sie verbreiten – und er zog sie aus. Sie handeln überwiegend als Akte. Aber er stellte sie nicht bloß. Wie immer wir uns ausstaffieren, verbrämen wir alle auf vielfältige Weise die eine uns auferlegte Vergänglichkeit. Auch Schreibpapier ist ja geduldig. Scherbarth war in einem Brief Wagners mit Genugtuung auf die Bemerkung gestoßen, am liebsten würde er die Sängerdarsteller des Ringes nackt auf die Bühne bringen. Ich konnte ihn dann mit einem Wagner-Zitat zum Parsifal erfreuen, das ich in Martin Gregor-Dellins Wagner-Biografie gefunden hatte: »Ach! Es graut mir vor allem Kostüm und Schminke-Wesen; wenn ich daran denke, daß diese Gestalten wie Kundry nun sollen gemummt werden, fallen mir gleich die ekelhaften Künstlerfeste ein, und nachdem ich das unsichtbare Orchester geschaffen, möchte ich auch das unsichtbare Theater erfinden!«
~~~ Scherbarth war von der globalen Jagd nach Macht und Geld, Ruhm und Unsterblichkeit gefesselt, die uns Wagner in seinem langatmigen und – streng genommen – tautologischen Rührstück vorführt; schließlich steckt die Dramatik bereits in der Musik. Die Helden und Unholde, die sich dort stabreimend in die Brust werfen, wären in der Tat besser in den Orchestergraben gefallen. Scherbarth zeigt in seinen Blättern nur das Wesentliche. Auftrumpfen hilft nicht! Das ist seine Botschaft. Denn früher oder später bleibt es keinem erspart ins Gras zu beißen.
~~~ Als sich Scherbarth im Sommer 1983 erstmals näher mit der großangelegten Ränkeschmiede befaßte, die Wagner im Dunstkreis altgermanischer Sagen angesiedelt hat, war ihm gerade eine neue Niere eingepflanzt worden. Wahrscheinlich hatte er sich die Krankheit bei Kriegsende zugezogen, als er im »Volkssturm« Deutschland gegen die Russen verteidigen sollte. Der 15jährige Berliner Bengel zog es vor, sich nach Bayern durchzuschlagen. Durch die Nierentransplantation von 1983 waren ihm nun noch 17 Jahre in vergleichsweise großer Bewegungsfreiheit beschieden, sodaß er die 70 erreichte. Aber er mußte sich ständig zeit- und kräfteraubenden Kontrollen in der Klinik unterziehen und Medikamente nehmen, die andere Organe schädigten. Mir gegenüber zuckte Scherbarth einmal die Achseln: »Der Mensch weiß hier mal wieder weniger, als er tut.«
~~~ Leider ist Scherbarths mutmaßliches Hauptwerk, der Radierungszyklus, gleichfalls in der Sparte »Unsichtbares Theater« zu Hause, bislang jedenfalls. Die Blätter ruhen auf mehrere Mappen verteilt in irgendeiner Kommoden-schublade. Wer sich einmal ernsthaft für sie interessieren sollte, kann sich an Silke Kruse aus Briedel wenden. Das ist jene Schülerin, der die Plattenschachtel Leon übrigens ihr pfiffiges Titelblatt verdankt.
∞ Verfaßt 2024
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