Montag, 10. August 2026
Erich Brautlacht (1902–57)
ziegen, 10:28h
Soweit ich sehe, handelt es sich um einen Schriftsteller, Richter und verkannten Schädlingsbekämpfer. Laut Brock-haus trat er mit »Erzählprosa aus dem niederrheinischen Kleinstadtmilieu« hervor. In der Fußnote machen mehrere zur NS-Zeit veröffentlichte Werke hellhörig, aber das Lexikon bedeckt die entsprechenden Jahreszahlen mit Schweigen. Ein Antifaschist oder gar Kommunist kann der gelernte Jurist jedenfalls kaum gewesen sein. Leider überschreitet der Eintrag bei Wikipedia die zwei Brockhaus-Zeilen nur geringfügig. Jene Erzählprosa sei humorvoll, idyllisch gewesen. Aber jetzt kommt der Ernst des Lebens: Von 1934 bis 1953 sei Brautlacht Richter am Landgericht Kleve, anschließend, durch Beförderung, Direktor des Klever Amtsgerichtes gewesen. Diese Angaben stellen sich freilich bald als ungenau heraus. Nach Theodor Brauer* war Brautlacht 1934 Amtsgerichtsrat** in Kleve geworden, vorher dagegen, wohl ab 1929, als Assessor am Landgericht in Duisburg tätig gewesen. Bei Wikipedia fehlen Einzelbelege. Dafür führt der Eintrag auch ein paar Hörspiele an, die der Justizbeamte vor seinem Tod in der Sendereihe Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück des Hamburger Rundfunks unterbringen konnte. Warum oder woran er (in Kleve) als 55jähriger starb, wird weder im Internet noch in etlichen Presseveröffentlichungen verraten, die mir freundlicherweise das Klever Stadtarchiv schickte. Diese Abteilung bewahrt allerdings auch Sterbeurkunden auf. Danach sei Brautlacht im Klever St.-Antonius-Hospital einem Darmkrebs erlegen.
~~~ Die einstige Residenzstadt Kleve, nur einen Steinwurf von Holland entfernt, war schon im »Dritten Reich« Kreisstadt. Damals hatte sie um 20.000 EinwohnerInnen. Rund 1.000 davon bissen bei schweren Luftangriffen 1944/45 ins Gras. Dabei wurden ingefähr 80 Prozent der Stadt in Schutt und Asche gelegt, wie auch Brockhaus weiß (Band 12). Den Richter Brautlacht verschonten diese Luftangriffe offensichtlich. Brauer teilt jedoch mit, am 7. Oktober 1944 seien sowohl Brautlachts Wohnung wie der Amtssitz auf der Schwanenburg durch Bombenangriff zerstört worden. Nach dem Kriege habe der dichtende Richter seinen Posten als Amtsgerichtsrat wieder eingenommen. 1953 wurde er zum Direktor befördert, was er bis zu seinem Tod auch blieb. Die trutzige Schwanen-burg war übrigens zusätzlich die Herberge des (übergeordneten) Landgerichts und eines Gefängnis‘ gewesen. Neben verschiedenen Möbeln habe Brautlacht außerdem einen nach Leipzig ausgelagerten, anscheinend beträchtlichen Teil des Verlagsvorrates seiner Bücher durch Bomben verloren, wie Ludger Distelkamp 1982 in der Rheinischen Post (Düsseldorf) verrät. Die Quellen erwähnen eine Tochter und einen Sohn des Ehepaars Brautlacht. Vermutlich überlebten sie jenen Krieg, für den »Innere Emigranten« wie Erich Brautlacht nichts konnten. Nach Brauer übergab Dr. Jürgen Brautlacht den Nachlaß seines Vaters 1996 dem Klever Stadtarchiv.
~~~ Wo hat der Vater selber eigentlich in den Kriegs-jahren gesteckt? Mit der Ausnahme Brauer wird das in allen Quellen sorglos oder taktvoll ausgespart. Brauer formuliert kongenial humorig, später sei der dichtende Richter »zu ‚vaterländischen Ehren‘ in den Hitlerkrieg« einberufen und dadurch aus seinem Schaffen gerissen worden. Das ist reichlich verwaschen, aber besser als gar nichts. Brautlacht kann Etappenschreiber oder Frontkämpfer gewesen sein. Wie er mit solchen Rollen umging, sollen wir nicht erfahren. In der NRZ nennt ihn seine Gattin Claire (1967) einen Träumer und Freund des Wanderns. Ausgiebigem Familienleben habe er das Schreiben vorgezogen. Mehrere Quellen bescheinigen ihm eine Vorliebe für Sonderlinge, Käuze. Alle betonen seinen Humor, seine Güte, seine christliche Frömmigkeit. Als Richter auf der alten Schwanenburg erwerbstätig, habe er sich lediglich als »Pförtner der Gerechtigkeit« begriffen, las ich irgendwo. Nach Heinz Köster (KKL 1982) scheinen System- und Klassenfragen selbst in Brautlachts justiziell geprägter Anekdoten- und Novellensammlung Der Spiegel der Gerechtigkeit, erschienen 1942, keine Rolle zu spielen. Aber was sage ich da »selbst«! Wenn doch, hätte es ihm schließlich leicht den Kopf gekostet. Ich fürchte, in seiner Stellung mußte er verharmlosen. Diese Stellung war so harmlos nicht. Bei Verbrechen oder Vergehen dürfen die einzeln urteilenden Amtsrichter (oder deren Schöffen-gericht) immerhin bis vier Jahre Gefängnis verhängen. Erst die Mord- und Totschlagsachen scheinen in der Regel ans Landgericht zu gehen. Und was »Verbrechen oder Vergehen« sind, entscheidet die sogenannte Gesetzgebung und Rechtsprechung des jeweiligen Systems. Hier und dort kann es zum Beispiel schon ein Verbrechen sein, den Arm mit der flachen Hand nicht zu strecken oder die Virenschutzmaske in der Arschkippe verschmutzen zu lassen.
~~~ 2000 gibt Martin Hollender*** den Dichter Brautlacht als »bodenständigen, glaubwürdigen und integren Menschen« aus, »der es inmitten seiner Heimattreue verstand, Kitsch und völkischem Pathos zu widerstehen«. Den Richter Brautlacht erwähnt er zwar, hütet sich jedoch, ihn zu beurteilen. Der hohe Posten verschaffte ihm »literarische Muße«. Schließlich habe er Brautlacht die Existenz gesichert und ihn vom »Erfolgszwang des freiberuflichen Dichters« entbunden. Jeder Weltanschauung habe er entsagt. Seine Werke verkörpern »eine unpolitische Welt fernab des Dritten Reichs«.
~~~ Ein Nachrufer der Zeitschrift Der Niederrhein rühmt Brautlacht (in Heft 1/2 1958) zunächst wie üblich als »tief religiöse Natur«, gütig, humorvoll … Dann schlüpft Erich Bockemühl jedoch eine etwas befremdliche, unter Umständen sogar Gänsehaut erzeugende Erinnerung heraus. Brautlacht »habe, wie er einmal sagte, kein Recht, sich über den Verirrten und Verbrecher zu erheben, aber die Pflicht, ihn aus der menschlichen Gesellschaft, in der er ein Schädling sei, möglichst zu entfernen.«
∞ Verfaßt 2024
* Theodor Brauer, »Erich Brautlacht, Richter und Dichter am Niederrhein«, Kalender für das Klever Land (KKL) 2002, vor allem Werkverzeichnis
** Früher führten Richter am Amtsgericht grundsätzlich die Bezeichnung »Amtsgerichtsrat« oder »Oberamtsrichter«. Ihr Chef darf sich noch heute »Direktor« nennen. Hat es auch Brautlacht (1953) zum Amtsgerichtsdirektor gebracht, wurde er also für seine Anpassungsfähigkeit nicht etwa bestraft, vielmehr belohnt. Sie wenden vielleicht ein: Was sollte er denn machen? Verhungern? Hätte er in der Tat »Pförtner« der Schwanenburg werden sollen? Wie hätte er dann die Promotion seines Sohnes finanziert?
*** Martin Hollender, »Niederrheinische Nettigkeiten«, neues rheinland Nr.7/2000, Seite 45
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