Freitag, 7. August 2026
Matteotti

Wenige Tage, nachdem er in einer Rede vor der römischen Abgeordnetenkammer die Faschisten angeprangert hatte, wurde der 39 Jahre alter Politiker Giacomo Matteotti (1885–1924) von vermeintlichen Banditen entführt und ermordet – die sich später als Getreue »aus der engsten Umgebung Mussolinis« entpuppten, wie sich sogar Brockhaus festzuhalten getraut. Wahrscheinlich war der gemäßigte Sozialist und studierte Jurist nach dem Überfall bereits bei der Autofahrt aufgrund eines Fluchtversuchs erstochen worden – was hieße, einige Folter blieb ihm erspart. Er hinterließ seine Frau nebst zwei oder drei Kindern. Mit dem Wendepunkt der sogenannten Matteotti-Krise ließ der »Duce« spätestens im Folgejahr des Mordes sein demokratisches Mäntelchen fallen. Nach dem Krieg wurden noch lebende Ausführende zu hohen Haftstrafen verurteilt; Mussolini dagegen war inzwischen selber tot. Angeblich hatte er sogar öffentlich die »Verantwortung« für das Verbrechen übernommen, entnehme ich verschiedenen Internetquellen. Wohl daher der Brockhaus-Mut.
~~~ 1973 wurde der Stoff mit Franco Nero in der Hauptrolle und Mario Adorf als Mussolini unter dem Titel Il delitto Matteotti (Die Ermordung Matteottis) verfilmt. Ganz am Rande kommt er auch in einem seltsamen Roman von Friedrich Georg Jünger vor, gestorben 1977. Bekanntlich schätze ich in FGJ vorwiegend den Essayisten und Verfasser kürzerer Erzählungen. Er verfaßte jedoch auch drei, durchweg kaum bekannte Romane. Zwei Schwestern ist der »mittlere« Roman. Ich will ihn bei dieser Gelegenheit vorstellen. Ein Deutscher im heiratsfähigen Alter verbringt einige Sommermonate in Rom – aus welchem Grund, ist einem auch nach 260 Seiten nicht wesentlich klarer als zu Beginn der Lektüre. Vielleicht darf man den Hauptgrund in den titelgebenden Schwestern sehen, von deren Existenz der Gast aus Deutschland freilich vor seinem Eintreffen gar nichts wußte. Ansonsten liebt er Bücher, Altertümer und Feigenbäume, spricht gelegentlich von Studien und läßt sich außerdem in diplomatisch-geheimdienstliche Machenschaften verwickeln, angeblich jedenfalls. Bei allem scheint es ihm weder an Zeit noch Geld zu mangeln. Handlungszeit des Romans dürfte um 1930 sein, da von Weltkriegsanstrengungen noch nicht die Rede ist, dafür aber von der »Ermordung Matteottis«, »eine üble Geschichte«. Sie war ja 1924 vorgefallen. Jüngers Roman wurde 1956 vom anspruchsvollen Programm des Hanser Verlages mitgeschleppt, wie man wohl behaupten darf. Gegen heutigen Müll stellt er sicherlich Gold dar, weil FGJ sorgsam formuliert und auch ein gewisses Romanklima zu schaffen versteht. Doch gegen die erwähnten Ansprüche gehalten, ist er Blech.
~~~ Das darf man buchstäblich verstehen. Zu allem Unglück ist jener gelehrte deutsche Kunstfreund nämlich auch der Ich-Erzähler des Romans, den keine Macht daran hindern kann, sein Lamento über die Berechenbarkeit und Vernutzung der modernen Welt über sämtliche Buch-kapitel auszubreiten. Selbst LeserInnen, die dieses Lamento noch nicht kennen und die es keineswegs abwegig finden, könnten ungehalten werden, weil es von diesem Mann vorgebracht wird, der nie Geldsorgen hat und der die hechelnden Mühlen des Erwerbslebens wahrscheinlich lediglich vom Hörensagen kennt. Während der Autor »nur« eine Kriegsversehrtenrente von etwa der Hälfte eines Arbeiterlohnes bezog, muß seinem offen-sichtlichen alter ego »Giorgio« (Georg) mindestens das Sechsfache zur Verfügung gestanden haben. Was Wunder, wenn er sich in Rom, der Hotels überdrüssig, ein mehrgeschossiges Häuschen mit Garten und Springbrunnen mietet. Da findet dann auch bald die erste der beiden Schwestern Platz, Rosalie, trotz der Gegend eine Blondine. Die schwarzgelockte Fernanda, die nach wenigen Monaten in ihre Fußstapfen tritt, zieht nur deshalb nicht ebenfalls ein, weil sich Giorgio zur Rückreise entschließt – in Fernandas Begleitung. Jüngers Vorstellungen über die Rolle von Geliebten waren immer altmodisch und simpel. Hier versucht er Gewinn an Dramatik zu erzielen, indem er Rosalie einer tödlichen Krankheit zum Opfer fallen und Giorgio über seine ursprüngliche und wahre Hinneigung zu Fernanda im Dunkeln läßt. Erst spät fällt bei diesem Müßiggänger der Groschen: Fernanda gibt sich so feindselig und schnippisch, weil auch sie sich vom ersten Besuch bei den Schwestern an stark zu dir hingezogen fühlte und es lediglich der Schwester oder dem elterlichen Haussegen zuliebe verbarg!
~~~ Dieses dramaturgische Rezept wäre vielleicht aufgegangen, wenn Jünger in der Er-Form erzählt hätte. So aber wird es krampfhaft. Giorgio darf sich seine Begierde nach der Schwarzgelockten nie eingestehen und hat sich einer vergleichsweise langatmigen »Eroberung« dieser zweiten Schwester zu unterziehen. Kaum weniger verquollen (und ertraglos) gestaltet sich die Geheimniskrämerei, die Jünger seinem Giorgio in Sachen Spionage verordnet. Der müßte ja eigentlich wissen, ob und warum er eine Figur im Spiel der Geheimdienste sei, doch er hütet sich, obwohl Ich-Erzähler, uns davon etwas zu verraten. Dieses Bemühen, den Leser auf die Folter zu spannen, wirkt wahrlich peinlich, oder zumindest albern. Das ganze Geschehen nimmt einen Zug der Belanglosigkeit an. Angeblich findet es vor dem Hintergrund des Kampfes zwischen faschistischen und demokratischen Bestrebungen statt, doch auch davon, den entsprechenden Positionen und der Kräfteverteilung, erfahren wir lediglich in Andeutungen, die das Gesamtbild schön verschwommen halten. Damit ist Jünger auch in diesem Fall eine Auseinandersetzung mit dem eigenen, dem deutschen Faschismus erlassen, der hier nur in Gestalt der Randfigur des Kriminalbeamten Silbermann vorkommt. Auch ihn gibt Jünger so »rätselhaft«, wie er wahrscheinlich den ganzen deutschen Faschismus gern gehabt hätte.

∞ Verfaßt 2022
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