Freitag, 7. August 2026
Ödön von Horváth
ziegen, 10:36h
Für Carl Zuckmayer war der Schriftstellerkollege (1901–38) aus Wien, nach Brecht, »die stärkste dramatische Begabung« seiner Zeit. Die Zeit selber geizte auch nicht mit Dramatik. Die sozialkritischen »Volksstücke« des in Berlin lebenden jungen Österreichers mit dem ungarischen Namen, etwa Geschichten aus dem Wiener Wald, waren zunächst umstritten, dann kamen sie kaum noch zur Aufführung, weil sich das faschistisch verwaltete deutsche Kapital anschickte, alle Bühnen der Welt zu beherrschen. Horváth hielt sich nun vorwiegend in Österreich oder der Schweiz auf, dabei nicht selten bei den Zuckmayers in Henndorf bei Salzburg oder Chardonne am Genfer See. Horváth war ein hübscher, dunkelhaariger, etwas tapsig wirkender Mann. »Wenige Menschen waren so geliebt, von Frauen, Freunden, Kindern, kaum einer hatte so wenig persönliche Feinde«, schreibt Zuckmayer in seinen 1966 veröffentlichten Erinnerungen.*
~~~ Am 1. Juni 1938 steigt der erfolgreiche Dramatiker aus Rheinhessen mit seinem Töchterchen Winnetou – es trug wirklich diesen verfehlten Namen – auf den Chardonner Mont Pèlerin, um auf den dortigen Waldwiesen Narzissen zu pflücken, »auch für Ödöns Zimmer«. Plötzlich braust schwarzes Gewölk heran, das sie unter den nächsten Heustadel scheucht, wo sie vor Kälte und Angst zittern. »Dies war der gleiche Sturm, der vom Atlantik her über ganz Frankreich hingegangen war und etwa eine Stunde oder eine halbe Stunde vorher Paris heimgesucht hatte.« Kaum ins Hotel zurückgekehrt, muß Zuckmayer durch den Telefonanruf eines gemeinsamen Freundes erfahren, Ödön von Horváth sei soeben bei dem Unwetter mitten in Paris auf der Straße verunglückt. Im Brockhaus wird dies alles in dem Wort »Unfall« zusammen gezogen.
~~~ Später, beim Begräbnis in Paris, erfuhr Zuckmayer Näheres. Dem Freund war ein herabstürzender schwerer Ulmenast zum Verhängnis geworden – erschlagen. Man weihte Zuckmayer auch in die merkwürdige Vorgeschichte dieses Unfalls ein. Gewährsmann aller Informanten dürfte Fritz H. Landshoff, damals Exil-Verleger in den Niederlanden, gewesen sein. Horváth hatte ursprünglich vorgehabt, von Amsterdam aus, wo er mit dem Querido-Verlag über einen neuen Roman verhandelt hatte, geradewegs zum Genfer See zu fahren. Doch dann habe der 36jährige, für alles »Skurrile und Absonderliche« stets besonders aufgeschlossen, einen vielberedeten Hellseher aufgesucht, berichtet Zuckmayer. Offenbar stützte sich jener bei seinen Weissagungen gern auf irgendein Geschenk, das der Klient von einem Freund oder einer Freundin erhalten und nun dem Hellseher vorzulegen hatte. Allein aufgrund dessen habe der Hellseher festgestellt, Horváth müsse sofort nach Paris fahren, weil ihn dort »das entscheidende Ereignis Ihres Lebens« erwarte. Das deckt sich weitgehend mit den Angaben in Landshoffs Erinnerungen, die 25 Jahre nach denen Zuckmayers erschienen.** Der Verleger sagt, er habe Horváth auf den Hellseher aufmerksam gemacht und ihn auch bei der Konsultation begleitet. Die folgenschwere Weissagung zitiert er mit den Worten: »Sie stehen am Vorabend einer Reise, auf der Sie das größte Erlebnis Ihres Lebens haben werden.« Offenbar nahm nun Horváth an, der gute Mann beziehe sich auf den gerade in Paris wirkenden, späteren Hollywood-Regisseur Robert Siodmak, der brieflich Interesse an einer Verfilmung von Horváths jüngster Erzählung Jugend ohne Gott bekundet hatte. Nebenbei handelt es sich dabei um ein meisterhaft geschriebenes eindringliches Prosastück, das möglicherweise sowenig einer Verfilmung bedarf wie ein Klavier einen Heustadel benötigt.
~~~ Tatsächlich fuhr Horváth anderntags nach Paris und traf für den Nachmittag des 1. Juni eine Verabredung mit Siodmak und dessen Frau Bertha in einem Kino. Doch dann sei Horváth, so wieder Zuckmayer, schon vom Regen des aufziehenden Sturmes durchnäßt, aufgeregt am Kassenhäuschen erschienen – nur um Entschuldigung zu erheischen: man möge seine Karte bitte zurückgeben, er habe etwas Dringendes vor. Damit sei er wieder im »peitschenden Regen« verschwunden. Die »halb entwurzelte« Ulme*** am Round Point, unter der Horváth Minuten später möglicherweise Schutz gesucht hatte, konnte Zuckmayer am Begräbnistag noch besichtigen. Die Begleitumstände dagegen empfand nicht nur Zuckmayer als ziemlich rätselhaft. Horváth hatte am Unglückstag mehrere Pariser Freunde aufgesucht, denen seine »unerklärliche Unruhe« aufgefallen war. Man hatte Zuckmayer auch bestätigt, Horváth habe seit jeher an einer »Phobie« vor herabfallenden Gegenständen gelitten. »In den Städten schlug er große Bögen um jeden Neubau. Er hatte öfter geäußert, er werde einmal von einem Dach-ziegel erschlagen werden. Was an alledem zufällig, was ursächlich ist, entzieht sich menschlicher Beurteilung.« Landshoff spricht von einer »makabren Geschichte«, die der erschlagene Autor »hätte selbst erfunden haben können«, und betont im übrigen, was ihn selber angehe, sei er aller Hellseherei stets »mit tiefem Mißtrauen« begegnet.
~~~ Klar ist nur eins: Siodmak ließ sein Vorhaben fallen. Dafür drehte er (1943) Draculas Sohn.
∞ Verfaßt um 2015
* Carl Zuckmayer, Als wärs ein Stück von mir, hier Sonderausgabe Ffm 2006, S. 127 ff
** Fritz H. Landshoff, Amsterdam, Keizersgracht 333, Berlin 1991,
S. 110
*** Die von mir aufgesuchten Internet-Quellen wimmeln von Baumsorten: Kastanie, Platane und dergleichen mehr. Ich halte mich an Zuckmayer.
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