Donnerstag, 6. August 2026
Kuba / Friederike Pusch / Detlev Rohwedder
ziegen, 10:29h
Der DDR-Schriftsteller Kurt Barthel, genannt Kuba (1914–67), kommt im Brockhaus, vor allem wegen seiner umfangreichen »Parteidichtung«, nicht gerade gut weg. Allerdings wäre ich auch nicht verblüfft, wenn alte SED-AnhängerInnen mit dem Vorwurf zurückschlügen, der stets linientreue Genosse, zeitweise Erster Sekretär des Schriftstellerverbandes und zuletzt Chefdramaturg in Rostock, sei von einer westdeutschen antiautoritären Bande namens SDS um die Ecke gebracht worden. Die Sache kam so: Am 12. November 1967 hatte sich Barthel im Rahmen einer Gastspielreise mit dem Rostocker Volkstheater und der Revolutionsrevue 50 Rote Nelken auch im Zoo-Gesellschaftshaus zu Frankfurt/Main eingefunden. Hier erhoben sich unter den rund 1.000 Zuschauern Tumulte, die just der SDS angezettelte hatte, weil ihm das Gebotene, so der Spiegel 48/1967, zu zahm war. Dabei erlitt der 53jährige Spielleiter, der freilich schon länger krank gewesen sein soll, einen tödlichen Herzanfall.
~~~ Ich besitze sogar einen Auswahlband mit rund 70 Gedichten Kubas.* Und mehr noch, ich quälte mich hindurch. Kubas kommunistische Frömmigkeit ist wirklich starker Tobak. Trotzdem bereue ich die Lektüre nicht. Auf Seite 185 stieß ich erstaunt auf das einzige Gedicht, das mich nicht nur nicht folterte oder langweilte, sondern das ich nach wie vor überragend finde. Da es im Internet nur verballhornt auftritt, schadet es nichts, wenn ich es mitteile. Die Schrägstriche ersetzen Zeilenumbrüche.
~~~ >Sagen wird man über unsere Tage: / Altes Eisen hatten sie und wenig Mut, / denn sie hatten wenig Kraft nach ihrer Niederlage. / Sagen wird man über unsere Tage: / ihre Herzen waren voll von bitterem Blut. / Und ihr Leben lief auf ausgefahrenen Gleisen, / wird man sagen – / Und man wird auf gläsernen Terrassen stehn – / Und auf Brücken deuten – / Und auf Gärten weisen – / Und man wird die junge Stadt zu Füßen liegen sehn / und wird sagen: / Die den Grundstein dazu legten / wurden ausgelacht und hungerten, / und doch / planten sie und bauten und bewegten / Trümmersteine. / Und im überlegten Handeln / fluchten sie. / Ach, / zweifelten noch ihre eigene Kraft an. // Denn ein böses Erbe, / Krieg und Kriegsbetrug verwirrte ihren Sinn. // Doch den Kriegen folgte jene Zeit der Wettbewerbe, / und die Zeit der Wettbewerbe / war der Anbeginn.<
~~~ Ich kann in diesem Werk keine Spur von Beweih-räucherung oder Großmäuligkeit entdecken. Es feiert das Durchhalten beim (angeblichen) Aufbau des Sozialismus auf nüchterne, berechtigte, dazu noch einfallsreiche Weise. Es atmet ein mühsam errungenes Selbstbewußtsein, das mich keineswegs anwidert, vielmehr beeindruckt. Nun gut. Beim Verfasser persönlich mag sich das anders verhalten haben, sonst hätte er bei meiner Lektüre wohl eine bessere Erfolgsquote als 0,7 Prozent erzielt.
~~~ Wie ich dem Nachwort von Günther Deicke entnehme, stammte Barthel von einem Dorf bei Chemnitz, in dem die Armut zu Hause war. Die Mutter nähte in Heimarbeit Handschuhe, während er seinen Vater, einen Eisenbahnarbeiter und zuletzt Frontsoldaten, bereits verlor, als er selber erst sechs Monate alt war. Später wurde er sozialistisch gestimmter Malerlehrling. Aber da kam auch schon der Anstreicher aus Braunau ans Ruder. Kuba tauchte ab. Von da an war sein großer Halt offensichtlich die Partei. Jetzt hießen seine Väter Ulbricht, Stalin, Alfred Kurella und dergleichen mehr.
∞ Verfaßt 2018
* Kuba, Gedichte, Ostberlin 1952, rund 250 Seiten, 1. Auflage 30.000, Stückpreis 4 DM
Vielleicht hat Brockhaus eine haarsträubende Personalie aus dem Bereich faschistischer Euthanasie – der zielstre-bigen Vernichtung »unwerten« Lebens – übergangen, weil sie ihm unbekannt war. Oder er wollte die »sozialliberale« Entspannungspolitik gegenüber der DDR nicht gefährden. Oder er glaubte, zuviel Greuel auf einem Haufen (in 24 Bänden) sei für die BenutzerInnen ungesund. Die ostdeutsche Psychiaterin und Neurologin Friederike Pusch (1905–80), eine Offizierstochter, war laut Ernst Klee 1933 Parteimitglied, dann 1939 Oberärztin der Landesanstalt Brandenburg-Görden geworden. Dort leitete sie die Kinderfachabteilung – das sei das Tarnwort für Mordabteilung gewesen. »Schwachsinnige« oder »idiotische« Kinder wurden unter Täuschung der Angehörigen und Fälschung der Krankenakte ermordet, um »die Volksgemeinschaft« zu entlasten oder auch zum Teil, um der »Wissenschaft« dienen zu können, etwa der Hirnforschung. Die Waffen waren unterschiedlich Tabletten, Spritzen oder Unterversorgung. Zahlen Puschs Wirken betreffend werden nirgends genannt; Beweise liegen offenbar »nur« in Einzelfällen vor.* Pusch muß die Kaltblütigkeit in Person gewesen sein. Noch im Juli 1945, nach Einmarsch der Roten Armee also, habe sie »organisches Material« an das ausgelagerte Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Gießen geschickt, heißt es bei Wikipedia.
~~~ Die Stur- oder Blindheit der neuen ostdeutschen Behörden war auch nicht ohne. Bei Kriegsende konnte Pusch ihrer »Arbeit« in der Landesanstalt Görden einfach weiter nachgehen. Ab 1947 wechselte sie ihre Arbeits-stellen mehrmals: Landesanstalt Neuruppin, Universitäts-nervenklinik Halle, Neuropsychiatrische Abteilung der Poliklinik Blankenburg im Harz. »Nach dem 1968 erfolgten Eintritt in den Ruhestand war sie noch bis Ende der 1970er Jahre für die psychiatrische Beratungsstelle in Wernigerode tätig.« Die Frau war ein Glückspilz: sie wurde bis zu ihrem letzten Atemzug weder belangt noch auch nur verhört, behauptet Wikipedia. Zwar habe das MfS einmal Untersuchungen, die Pusch betrafen, angestellt, doch niemals irgendwelche Maßnahmen eingeleitet.
~~~ Nach der Webseite T4-Denkmal hatte es Pusch bis Kriegsende mit Unterstützung des Gördener Anstalts-leiters Hans Heinze bis zur »Obermedizinalrätin« gebracht. Vielleicht ein guter Freund? In der SBZ/DDR sei Pusch nie behelligt worden, obwohl »belastende Zeugen-aussagen« vorgelegen hätten. Dafür ist aber immerhin von Puschs Chef Heinze zu lesen, die sowjetischen BesatzerInnen hätten ihn für einige Jahre eingesperrt. Dieselbe Webseite** bringt ein Porträtfoto von ca. 1945, das die ungefähr 40jährige Rätin mit streng anliegender, durchaus schlicht wirkender Frisur zeigt. Man könnte glauben, sie sei eine Bäuerin gewesen – zwar leicht verhärmt, aber weder häßlich noch arbeitsscheu. Treffen freilich die Befunde zu, muß sie ein Ungeheuer gewesen sein. Das lief dann frei im Arbeiter- und Bauernstaat herum und durfte seinen Heilberuf ausüben, als wenn nichts gewesen wäre. Womöglich heilte es aber gelegentlich auch nicht.
∞ Verfaßt 2024
* Einige Belege gibt Michael Reuter 2015 am Beispiel des Staßfurter Kleinkindes Edith Schulz: https://www.stassfurt.de/de/datei/anzeigen/id/11938,1065/edith_schulz.pdf
** https://www.t4-denkmal.de/Friederike-Pusch
Im Sommer 1990 wurde der Jurist und Kapitalist Detlev Rohwedder (1932–91), ehemals Staatssekretär im Bundes-wirtschaftsministerium und Chef des Stahlkonzerns Hoesch, zum Leiter der neugeschaffenen sogenannten Treuhandanstalt berufen. Ein knappes Jahr darauf war er tot. Der 58jährige Manager wurde am 1. April 1991 gegen Mitternacht mit einem Scharfschützengewehr erschossen, als er an einem Fenster seines Düsseldorfer Wohnhauses erschien. Viele BeobachterInnen halten diesen Mord bis heute für ungeklärt. Einige von ihnen teilen die Vermutung des Ex-DDR-Abwehrchefs Wolfgang Schwanitz*, der Treuhandchef sei am Ostermontag aus dem Weg geräumt worden, weil sein sanierungsfreundlicher Kurs (statt Privatisierung) höheren Orts nicht genehm war. Tatsächlich änderte sich unter Nachfolgerin Birgit Breuel sofort die »Abwicklungs«-Politik. »Binnen dreier Jahre konnte die Treuhand die ostdeutsche Konkurrenz ausschalten« – Rohwedders Ableben habe für einen beträchtlichen Konjunkturschub gesorgt. Trotz dieser bedenkenswerten Zusammenhänge wird das Attentat auf Rohwedder jedoch zumeist der RAF in die Schuhe geschoben. Angeblich sprechen dafür etliche von der Polizei gesicherte Spuren, darunter Patronen, die auf eine schon früher benutzte Tatwaffe der RAF verweisen.
~~~ Bei dieser Schuldzuweisung macht auch Brockhaus mit, wobei ihm vielleicht der geringe Abstand (1992) zugute zu halten ist. Ich persönlich will keineswegs ausschließen, die Untergrundgruppe sei in das Attentat verstrickt, ich verweise allerdings auf die bekannte Verstrickung der Geheimdienste mit ihr. Sie dürfte ungefähr so sauber (gewesen) sein wie gewisse »islamistische« Kampftruppen, die von der CIA gesponsert werden. Die meisten Quellen verschwenden weder einen Gedanken an die verbreitete Lust falsche Fährten zu legen noch streifen sie die hier genannten Bedenken wenigstens mit einem Hauch. Manche führen zur Abwechslung immerhin die Stasi als Alternative zur RAF ein. Für mich ist das Jacke wie Hose. Im Vergleich dazu stellt Karl-Peter Ellerbrocks trockener Satz in der Neuen Deutschen Biographie (Band 22 von 2005)** geradezu eine Labsal dar: »Der Mord, dem R. zum Opfer fiel, wurde bis heute nicht aufgeklärt; der Presse wurde ein Bekennerschreiben der 'Roten Armee Fraktion' (RAF) zugespielt.«
∞ Verfaßt 2024
* Wolfgang Schwanitz / Robert Allertz, »Die Fakten sprechen für uns«, Junge Welt, 6. Juni 2009
** online https://www.deutsche-biographie.de/sfz107807.html
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