Donnerstag, 6. August 2026
Bückeburg (Fürstenhaus)

Ein rund 90 Jahre altes »Mysterium der Luftfahrt« [siehe dort] kümmert heute so gut wie niemanden mehr. Mit allen übrigen Insassen war die weitgehend unbekannte »proletarische« Schriftstellerin und Filmemacherin Marie Harder (1898–1936) »unter bis heute ungeklärten Umständen« – so Ralf Husemann 2007 in der Süddeut-schen Zeitung – einen Tag vor ihrem 38. Geburtstag auf mexikanischer Erde zerschellt und verbrannt. Meine Hauptquelle zu Harders Werdegang ist keineswegs Husemanns Buchbesprechung*, vielmehr ein karger Lexikon-Artikel**, der zwar keine Rätsel löst, aber besser als gar nichts ist. Danach war Harder, Tochter einer Dienstmagd und eines Arbeiters und zunächst in Hamburg Gefängnisfürsorgerin sowie gelegentlich Journalistin, ab 1929 Leiterin der Berliner Film- und Lichtbildstelle der SPD. Sie hatte sich besonders für den sowjetrussischen Film erwärmt und versuchte sich auch selber an vergleichbaren Werken. Ihr einziger (stummer) Spielfilm von 1930, Lohnbuchhalter Kremke, zeigt den Weg eines dünkelhaften Kleinbürgers, der nach dem Verlust seiner Stelle in Verzweiflung gerät, bis er sich umbringt. Harder selber erging es möglicherweise nicht ganz unähnlich. Zunächst verlor sie 1931/32 ihre Kulturämter bei der SPD – angeblich wegen »finanzieller Verfehlungen«, möglicherweise nur ein Vorwand. 1935 konnte sie, unter dem Pseudonym »Käte Kestien«, noch immerhin einen Roman veröffentlichen. Als die Männer im Graben lagen (Frankfurt/Main, Societäts-Verlag) soll die Lage der Frauen im Ersten Weltkrieg behandeln. Von Harders eigener Lage vorm Zweiten Weltkrieg erfährt man im Lexikon buchstäblich nichts. Man könnte nun mutmaßen, Harder habe sich im Frühjahr 1936 zur Emigration entschlossen, doch nach meiner zweiten, ungleich wichtigeren Hauptquelle aus der Feder des 1957 in Bilbao, Baskenland, geborenen und dort auch aufgewachsenen Rechtsanwaltes Alexander vom Hofe*** handelte es sich bei der verhängnisvollen Unternehmung, die für rund die Hälfte der Reisegesellschaft mit einem Flugzeugabsturz endete, eher um eine Vergnügungsreise.
~~~ Soweit ich sehe, ist Vom Hofe bislang der einzige Autor, der Aufschlußreiches über dieses Unglück eingeholt und veröffentlicht hat. Dabei lag ihm weniger Harders Wohl, vielmehr das seines Großvaters Heinrich Prinz zu Schaumburg-Lippe sowie sein eigenes am Herzen. Aber eins nach dem anderen. Nach Vom Hofe hatte die Hamburger Schiffahrtsgesellschaft Hapag eine Auslandsreise nach Mexiko und Mittelamerika angeboten. Mitte März 1936 traf die fragliche Touristen-Gruppe mit dem Dampfer Iberia vermutlich an der US-Ostküste ein. Am Vormittag des 26. März bestieg die Hälfte der Gruppe in Mexiko City ein dreimotoriges Charterflugzeug, das sie nach Guatemala bringen sollte, wie aus spanischen Presseberichten und Unterlagen der deutschen Gesandtschaft in Mexiko hervorgeht, die Vom Hofe anführt. Diese Maschine ging schon bald nach dem Start nicht weit vom berühmten, knapp 5.500 Meter hohen Vulkan Popocatépetl auf dem Hügel Zumpango nahe der Ortschaft Amecameca wieder zu Boden. Diesmal quoll das Feuer, das den ganzen, offenbar mit Pinien bestandenen Hügel verheerte, nicht aus dem »heiligen« Vulkan. Alle 14 Insassen der Maschine, darunter die vierköpfige Crew, kamen um.
~~~ Die Presse führte zunächst geringe Flughöhe und Windstöße ins Feld. Vom Hofe selber nimmt nach Gesprächen mit Fachleuten an, die Maschine sei eher »wie ein Stein« vom Himmel gefallen. Nach den Dokumenten war die Sicht gut. Der Chefpilot galt als ausgesprochen erfahren. Die Identifikation der Leichen gestaltete sich schwierig, erfolgte aber immerhin. Dafür verzichtete man merkwürdigerweise, wie Vom Hofe findet, auf eine Untersuchung des Wracks; vielmehr seien schon kurz nach der Bergung der Leichen nun auch die »wertlosen« Überreste des Flugzeuges noch verbrannt worden, durch Beauftragte der Compañía Mexicana de Aviación, wie in der Presse zu lesen war. Die drei Motoren seien nicht etwa abtransportiert, vielmehr auf dem Hügel »beerdigt«, nämlich vergraben worden … Die deutsche (faschistische) Gesandtschaft meldete in die Heimat, zwar habe sich die Absturzursache »nicht restlos« klären lassen, es »erübrige« sich jedoch, diversen Theorien nachzugehen, die darüber in Umlauf seien. Somit scheint man hier und dort schon damals Unheil gewittert zu haben. Was Vom Hofe angeht, hält er einen von der Naziführung veranlaßten Mord (durch Sabotage an den Motoren) für wahrscheinlich und bietet dafür etliche Anhaltspunkte auf, interessante zeitgeschichtliche Zusammenhänge eingeschlossen.
~~~ Wie man sich denken kann, galt der Anschlag, sofern es einer war, nicht der Hamburger »proletarischen« Künstlerin Harder oder auch den vier weiteren, deutschen oder österreichischen »Fräuleins«, die sich unter den 10 Fahrgästen der Todesmaschine befanden. Möglicherweise hatte sich Harder wirklich nur eine Vergnügungsreise aus Anlaß ihres 38. Geburtstages gegönnt, vielleicht im Verein mit einer Freundin. Wir wissen es einfach nicht. Hatte sie sich dabei in erstaunlich erlauchter Gesellschaft befunden, war es, auf dieser Geschenkebene, wahrscheinlich kaum zu vermeiden. Neben zwei Baronen (aus München und Budapest) zählte vor allem ein beinahe echtes und ohne Zweifel auch zur Unglückszeit noch immer sehr gut betuchtes deutsches Fürstenpaar zu Harders Urlauber-Innen- und Flugzeug-Gruppe. Das waren Adolf II. Fürst zu Schaumburg-Lippe (1883–1936) und dessen Gattin Elisabeth, auch Ellen genannt.
~~~ Die Sache ist, zumal der Adel beteiligt ist, verzweigt und verheddert wie so oft, und ich werde hier nicht versuchen sie aufzudröseln. Nur noch das folgende. Vom Hofe ist ein Großneffe Adolf II. Dessen »Fürstentum« erstreckte sich dereinst von Rinteln an der Weser und den Bückebergen bis zum sogenannten Steinhuder Meer. 1918 nicht ganz freiwillig abgedankt, residierte Adolf hinfort als Privatier bei München und in Italien. Wie es aussieht, waren er und seine ihm 1920 angetraute, vom Clan als bürgerlich, geschieden und spielsüchtig geschmähte Gattin den Nazis ein Dorn im Auge gewesen – selbstverständlich nicht, weil er aus dem Holze des angeblich (in der SU) ertrunkenen Rebellen Max Hoelz geschnitzt gewesen wäre. Für Vom Hofes Empfinden handelte es sich vielmehr darum, Adolfs überaus beträchtliches Vermögen in den Dienst des Faschismus und insbesondere der Kriegsanstrengungen stellen zu können. Zunächst ging dieses Vermögen dank jenes dummen Flugzeugabsturzes auf Adolfs Geschwister über. Nebenbei verzehrte sich Adolfs Bruder Wolrad, seit 1935 Parteimitglied, erklärtermaßen nach dem Fürstentitel, womit er auch Göring in den Ohren lag. Das sind keinewegs Erzeugnisse aus Vom Hofes Madrider Märchenstube. Selbst Ralf Husemann merkt an: »Drei Brüder des Fürsten arrangierten sich mit den Nazis (Friedrich Christian brachte es gar zum Adjutanten von Goebbels). Doch der vierte (Heinrich), der Großvater des Autors, hatte nicht nur mit den Nazis nichts am Hut, er gehörte auch noch einer (alsbald verbotenen) Freimaurer-Loge an.«
~~~ Zu Ehren dieses Großvaters also, Heinrich Prinz zu Schaumburg-Lippe (1894–1952), aber offensichtlich auch, weil er a) allgemein Gerechtigkeit schätzt, b) persönlich nichts dagegen hätte, auch noch von der nach wie vor üppigen Bückeburger Torte zu naschen, scheint sich Vom Hofe seit Jahren unter vielen Mühen und Ärgernissen mit der leidigen ungeklärten Angelegenheit zu befassen. Dabei ist ihm der Einblick in die Archive des Bückeburger Fürstenhauses aufgrund testamentarischer Verfügungen bis heute ausdrücklich und, wie er meint, zu unrecht verwehrt.

∞ Verfaßt 2022
* Ralf Husemann, »Geschäft auf Gegenseitigkeit«, 5. März 2007. Der Artikel wird in diesem Blog-Beitrag (ganz unten) angeführt: https://www.vierprinzen.com/2012/02/sachdienliche-hinweise-zur-kleinen.html
** Hans-Michael Bock (Hrsg), CineGraph, ein Loseblatt-Lexikon zum deutschsprachigen Film, München, Lg. 23
*** Alexander vom Hofe, Vier Prinzen zu Schaumburg-Lippe und das parallele Unrechtssystem, Vierprinzen Verlag, Madrid 2006



Das ehemalige Fürstentum Schaumburg-Lippe erstreckte sich, zwischen der Weser und Hannover, von den Bückebergen im Süden bis zum Steinhuder Meer. Es war klein aber braun. Statt dies nun wenigstens anzudeuten, setzt uns Brockhaus über eine halbe Spalte hinweg die verwickelte, jedoch im Grunde unerhebliche Geschichte des Herrschaftsgebildes auseinander. Es lehnte sich schließlich (1866) an Preußen an, ehe es 1919 zum sogenannten Freistaat wurde. Die Herren und Damen, die darin das Sagen hatten, würdigt Brockhaus mit keinem Wort. Ernst Klee dagegen führt immerhin drei an, voran Friedrich Christian Prinz von Schaumburg-Lippe (1906–83), der sich ab 1943, also im »Dritten Reich«, auch SA-Standartenführer nennen durfte. Damit war er ungefähr einem Oberst vergleichbar. Außerdem war er zeitweise Goebbels Adjutant sowie Regierungsrat und Referent im Propagandaministerium, zuletzt freilich nur Panzer-grenadier. Nach drei Jahren Internierung wand er sich als »Mitläufer« heraus und ernährte sich hinfort als Freier Schriftsteller, ohne seine Bräune je zu verleugnen. Das Fürstentum war ja mit dem Krieg verloren gegangen. Die ganze Adelssippe war übrigens mehr oder weniger mit dem Arolser Fürstenhaus verwandt, dessen Chef Josias zu Waldeck und Pyrmont, unter Hitler & Himmler Höherer SS- und Polizeiführer, in meinen laufenden Texten schon fast einen Stammplatz hat.
~~~ Eine echte Überraschung ist Ingeborg Alix von Schaumburg-Lippe (1901–96). Wie man sieht, wurde sie steinalt. Die Gattin eines Prinzen Stephan usw., unter Himmler hohe SS-Funktionärin, tat sich laut Klee nach dem Zweiten Weltkrieg als Stille Hilfe für NS-VerbrecherInnen hervor, wobei sie unter anderem mit dem schwäbischen Landesbischof Theophil Wurm zusammen arbeitete. Für den erwähnten Josias machte sie sich ebenfalls stark. Er war immerhin ihr Schwager. Die gute Ingeborg starb auf einem norddeutschen Gutshof, wurde dann jedoch standesgemäß in das Clan-Mausoleum des Schloßparks Bückeburg geschafft.
~~~ Die Kleinstadt Bückeburg war bis zuletzt Residenz des Fürstentums. Das Eindruck schindende Schloß* scheint nach wie vor dem Clan zu gehören. Schloßherr soll gegenwärtig ein Prinz Alexander sein. Schloß, Park und Mausoleum dürfen teilweise vom Volk besichtigt werden. Das »Erlebnisticket« (zweisprachig) pro Tag und erwachsene Person kostet 14 Euro 50, schließlich will der Clan auch leben. Ich nehme allerdings an, in die Archive des Fürstenhauses darf das Volk nicht schauen. Das ist ja angeblich noch nicht einmal dem Rechtsanwalt Alexander vom Hofe gestattet, wie wir weiter oben erfahren haben.

∞ Verfaßt 2024
* https://www.bueckeburg.de/de/Tourismus-Kultur/Staunen-und-Erleben/Schloss-Bueckeburg

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