Mittwoch, 5. August 2026
Otl und Pia Aicher

Das prominente Ehepaar Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher (der Bildende Künstler) hatte fünf Kinder. Die Familie bewohnte bei Memmingen im Allgäu eine ehe-malige Mühle. Tochter Pia (1954–75) wurde lediglich 20.
~~~ Kurz nach ihrem schriftlichen Abitur sitzt die junge Frau neben ihrem Vater in dessen BMW; sie wollen, von der Rotis-Mühle aus, nach Ulm, wie mir ein Familienmit-glied (2015) auf Anfrage mitteilt. Dann sei ein vor Otl Aicher fahrender Lastwagen ziemlich unvermittelt links abgebogen; Otl rast hinein. Pia, wohl unangeschnallt, sei mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe geknallt. Sie starb einige Tage darauf im Krankenhaus. Dort war auch ihr Vater gelandet, doch wurde er offensichtlich wieder hergestellt. Mein Gewährsmann sagt, er habe Aicher dort erstmals im Leben weinen gesehen. In einem Buch von Otl Aichers Schwiegertochter Christine* findet sich die Ergänzung, er habe im Krankenhausbett »wie ein verprügelter Gladiator« gewirkt (S. 124), möglicherweise aus schlechtem Gewissen. Mehrere Zeitzeugen erwähnen, der untersetzte, bäuerisch-wurzelig wirkende Künstler, der seit Jahren wiederholt von Herzanfällen heimgesucht wurde (102), sei leidenschaftlicher Auto- und Motorrad-fahrer gewesen; er raste gern, »wie ein Verrückter« (124). Seine Frau Inge habe jedoch, wegen Pia, nie einen Vorwurf gegen Otl gerichtet (155). Dessen Biografin Eva Moser** schildert den Unfall mit Pia überhaupt nicht, falls ich es nicht übersehen habe. Sie erwähnt lediglich, Vater und Tochter hätten sich auf dem Weg zu Pias mündlichem Abitur befunden. Dann setzt sie hinzu: »Schuld im juristischen Sinne war Aicher sicher nicht, aber er war ein wilder Autofahrer, hatte viele Unfälle gehabt, zeitweise drohte ihm sogar der Führerschein-entzug, und von Sicherheitsgurten hielt er nichts.« Er sei lange Zeit nur eingeschränkt arbeitsfähig gewesen; das Lenkrad habe ihn vor Schwererem bewahrt.
~~~ Und was für eine junge Frau war diese Pia Aicher nun gewesen? Funkstille im ganzen Internet. Vielleicht fände man in der Literatur über die berühmten Eltern noch ein paar Striche zu einem Porträt; ich fürchte jedoch, nach vielen ähnlich gelagerten Fällen, eher nicht.
~~~ Der gelernte Bildhauer Otl Aicher (1922–91), auch Grafiker, 1953 Mitgründer der Ulmer Hochschule für Gestaltung, überdies Herr der Rotis-Mühle, fuhr also auch gern Motorrad. Ironischer- und makabererweise kam er aber nicht durch sein eigenes Motorrad um. Wenn mich die Landkarten nicht täuschen, wird das ausgedehnte Mühlengrundstück von einer Kreisstraße durchschnitten. Am 26. August 1991, inzwischen 69, saß Aicher auf seinem kleinen, wenn auch »lärmenden« Rasenmähtraktor, ist bei Moser zu lesen. Beim Zurücksetzen auf jene Straße habe Aicher ein sich näherndes Motorrad »überhört«, das deshalb auf ihn prallte. Dessen Fahrer sei »fast nichts« geschehen. Aicher dagegen kommt mit schweren Hirnverletzungen ins Günzburger Krankenhaus, wo er am 1. September stirbt. Die in Ulm erscheinende Schwäbische Zeitung hat schon den Nachruf bereit, streift aber den Unfall nur noch kurz.*** Auch nach dieser Quelle stieß Aicher »rückwärts« auf die in der Regel verkehrsarme Straße, als ihn das Motorrad erwischte. Somit hatte dessen Fahrer zufällig Glück im Unglück, wie man wohl sagen darf.

∞ Verfaßt 2020
* Christine Abele-Aicher (Hrsg.): Sammelband über Inge Aicher-Scholl Die sanfte Gewalt, Ulm 2012
** Eva Moser, Otl Aicher: Gestalter, Ostfildern 2011, S. 380 + 403
*** Gisela Lindner im Kultur-Teil, 2. September 1991

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